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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XXXVI

 

»Ich könnte weinen –« sang in wildem Ton
Der Häuptling der Oneidas – »doch der Sohn
Des tapfern Vaters darf die Totenklage
Nicht so entweihn, wie sehr der Schmerz auch nage.«

Gertrude von Wyoming

 

Am andern Morgen in aller Frühe begaben sich Elisabeth und Luise besprochenermaßen nach Monsieur Le Quois Laden, um sich der gegen Lederstrumpf eingegangenen Verpflichtung zu entledigen. Die Leute gingen bereits an die Geschäfte des Tages, obschon es noch zu früh für ein eigentliches Gedränge war, weshalb die Damen in dem Laden niemand als den höflichen Franzosen, Billy Kirby, eine Kundin und den Jungen vorfanden, der das Amt eines Helfers oder Kommis versah.

Monsieur Le Quoi durchlas eben mit augenscheinlichem Entzücken ein Paket Briefe, während der Holzfäller, die eine Hand in seiner Brust, die andere in der Tasche seiner Jacke, mit einer Axt unter dem rechten Arme dastand und mit gutmütiger Teilnahme den freudigen Bewegungen des Franzosen zusah. Das freimütige Benehmen, das in den neuen Ansiedlungen herrschte, glich gewöhnlich alle Rangunterschiede und damit auch häufig die Ansprüche der Erziehung und des überlegenen Wissens aus. Die Damen traten, von dem Eigentümer des Etablissements unbemerkt, ein, als dieser eben zu Kirby sagte:

»Ah, Monsieur Bihl, diese Brief machen mich zu der glücklichste Mensch. A! ma chère France! Ich werden dich wiedersehen.«

»Ich nehme Anteil an allem, Monsieur, was zu Ihrem Glück beiträgt«, begann Elisabeth, »hoffe übrigens, daß wir Sie nicht ganz verlieren werden.«

Der höfliche Kaufmann erzählte nun Elisabeth schnell in französischer Sprache, daß er Hoffnung habe, in sein Vaterland zurückkehren zu dürfen. Die Gewohnheit hatte jedoch die Manieren dieses schmiegsamen Mannes so weit verändert, daß er fortfuhr, den Holzfäller zu bedienen, der etwas Tabak begehrte, während er den Frauenzimmern mitteilte, welcher glückliche Wechsel in den Anordnungen seines Heimatlandes stattgefunden hätte.

Der Inhalt seines Berichtes lief darauf hinaus, daß Herr Le Quoi, der mehr aus Schrecken, als weil er den Gewalthabern von Frankreich verdächtig geworden wäre, sein Vaterland verlassen hatte, endlich die Zusicherung erhielt, daß man von seiner Rückkehr nach Westindien keine Notiz nehmen würde. Der Franzose, der sich mit soviel Ergebung in die Rolle eines Landkrämers gefügt hatte, war nun im Begriff, aus seiner Dunkelheit wieder zu der Höhe, die er früher in der Gesellschaft eingenommen, aufzutauchen.

Wir übergehen die Höflichkeiten, die bei dieser Gelegenheit gegenseitig ausgetauscht wurden, und erlauben uns auch nicht zu wiederholen, wie oft der entzückte Franzose seinen Schmerz ausdrückte, daß er in Zukunft eine so angenehme Gesellschaft wie die Miss Temples entbehren müsse. Elisabeth benutzte während des Gesprächs eine Gelegenheit, um sich von dem Knaben, der Jonathan hieß, das Pulver auswiegen zu lassen. Ehe sie sich jedoch trennten, erbat sich Monsieur Le Quoi, der glauben mochte, noch nicht genug gesagt zu haben, die Ehre einer Privatunterredung mit der Erbin, was er mit einer Feierlichkeit in seiner Miene tat, die bekundete, daß er etwas höchst Wichtiges auf dem Herzen hatte. Nachdem ihn Elisabeth zu diesem Ende auf eine günstigere Gelegenheit verwiesen hatte, verließ sie den Laden, in dem jetzt, wie gewöhnlich, die Landleute einzusprechen begannen und auch mit der gleichen Aufmerksamkeit und bienséance wie früher empfangen wurden.

Elisabeth und Luise setzten ihren Spaziergang bis an die Brücke in tiefem Schweigen fort; als sie aber dort anlangten, machte die letztere halt und schien etwas sagen zu wollen, ohne jedoch den Mut dazu gewinnen zu können.

»Sind Sie unwohl, Luise?« fragte Miss Temple. »Wir werden dann wohl besser tun, wenn wir umkehren und eine andere Gelegenheit suchen, um den Wünschen des alten Mannes zu entsprechen.«

»Ich bin nicht unwohl, aber ich fürchte mich. Ach, ich kann nie, nie wieder auf diesen Berg gehen, wenn wir nicht noch eine weitere Begleitung haben. Ich fühle mich nicht stark genug dazu, nein, ich kann unmöglich weiter.«

Dies war eine unerwartete Erklärung für Elisabeth, welche, obgleich die eitle Besorgnis vor einer Gefahr, die nicht mehr existierte, ihr fremd war, dennoch das etwas Unweibliche in ihrem Vorhaben recht wohl fühlte. Sie blieb eine Weile in tiefem Nachdenken stehen; in dem Bewußtsein aber, daß es jetzt Zeit zum Handeln und nicht zum Überlegen sei, mühte sie sich, ihre Unschlüssigkeit abzuwerfen, und erwiderte mit Festigkeit:

»Wohlan denn, so muß ich es allein unternehmen. Ich kann mich niemand als Ihnen anvertrauen, da sonst der alte Lederstrumpf entdeckt würde. Warten Sie am Saum dieser Wälder auf mich, damit man mich wenigstens nicht allein in die Berge gehen sieht. Ich möchte Bemerkungen vermeiden, Luise, wenn – wenn – Wollen Sie auf mich warten, meine Liebe?«

»Im Angesicht des Dorfes ein ganzes Jahr, Miss Temple«, entgegnete die geängstigte Luise. »Aber ich bitte, verlangen Sie nicht von mir, daß ich mit auf den Berg gehen soll.«

Elisabeth fand, daß ihre Gefährtin in der Tat außerstande war weiterzugehen, weshalb sie dieselbe an einer Stelle in der Nähe der Straße, wo man das Dorf im Auge hatte, ohne daß die Harrende von den Vorbeigehenden bemerkt werden konnte, verließ und nun ihren Weg allein fortsetzte. – Sie stieg den in unserer Erzählung oft erwähnten Pfad mit elastischen und festen Tritten hinan, besorgend, daß die Verzögerung in Herrn Le Quois Laden und die zum Erreichen des Gipfels erforderliche Zeit sie verhindern möchte, zur bestimmten Stunde einzutreffen. Gelegentlich, wenn sie an einer Öffnung des Gebüsches vorbeikam, machte sie halt, um Atem zu holen oder vielleicht auf einen Augenblick die Reize der Landschaft zu betrachten. Die lange Dürre hatte jedoch das grüne Gewand des Tales in ein düsteres Braun verwandelt, und obgleich die Örtlichkeiten die gleichen waren, so fehlte ihnen doch jetzt der liebliche und erfreuliche Anblick des Frühsommers. Selbst der Himmel schien die Trockenheit der Erde zu teilen; denn die Sonne war durch einen Dunst in der Atmosphäre verhüllt, der wie dünner Rauch ohne eine Spur von Feuchtigkeit aussah, wenn überhaupt ein solcher denkbar wäre. Das blaue Firmament war kaum sichtbar und blickte nur stellenweise durch den Nebel, so daß man von dort aus Massen wogender Dünste am Horizont sich sammeln sah, als mühe sich die Natur, ihre Wasser zu vereinen, um dem Menschen Hilfe zu bringen. Selbst die Luft, die Elisabeth einatmete, war heiß und trocken, und als sie die Stelle erreichte, wo sie die Straße verlassen mußte, fühlte sie sich fast zum Ersticken beengt. Sie eilte jedoch, ohne sich daran zu kehren, um nur ihren Auftrag auszurichten, indem ihr nichts als die Enttäuschung und Hilflosigkeit des alten Jägers vor Augen schwebten, wenn sie ihm nicht ihren Beistand leistete. Auf dem Gipfel des – von dem Richter so genannten – Visionsberges befand sich eine kleine Lichtung, von der aus man das ganze Dorf und das Tal übersehen konnte. Hier mußte sie ihrer Ansicht nach den Jäger treffen, und dahin lenkte sie auch ihre Schritte so hastig, wie es der steile Anstieg und die Hindernisse eines Waldes im Naturzustand nur gestatten mochten. Unzählige Felsbrocken, gefallene Baumstämme und Zweige legten sich ihr in den Weg, aber ihre Entschlossenheit überwand alle Hindernisse, und ihrer Uhr zufolge war sie sogar um einige Minuten früher, als abgemacht war, an Ort und Stelle.

Nachdem Miss Temple eine Weile auf einem Holzstamm ausgeruht hatte, warf sie ihre Blicke umher, um ihren alten Freund zu suchen; aber er war augenscheinlich nicht in der Lichtung. Sie stand daher auf, ging am Saum des Waldes umher und untersuchte jedes Plätzchen, wo sich Natty möglicherweise um seiner Sicherheit willen verborgen haben konnte. Ihr Spähen war jedoch vergeblich, und nachdem sie nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Vermutungen erschöpft hatte, um sich den Grund der Säumnis des Jägers zu erklären, wagte sie es, an diesem einsamen Ort ihre Stimme laut werden zu lassen. »Natty! Lederstrumpf! Alter Mann!« rief sie nach allen Richtungen, aber ohne eine andere Antwort zu erhalten als das Echo ihrer eigenen hellen Töne, welches der ausgetrocknete Wald zurückwarf.

Elisabeth näherte sich jetzt einer Kante des Gipfels, wo sich als Antwort auf ihren Ruf ein leichter Laut, ähnlich dem Geräusch, wenn man bei starkem Ausatmen die Hand vor den Mund hält, vernehmen ließ. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß Natty hier ihrer warte und ihr durch dieses Zeichen den Ort andeuten wolle, wo er zu finden wäre, weshalb sie ungefähr hundert Fuß hinunterstieg, bis sie eine kleine natürliche Terrasse erreichte, wo auf dem spärlichen Boden einige Bäume in den Spalten des Felsens Wurzel gefaßt hatten. Sie trat bis an den Rand der Plattform vor und blickte über den senkrechten Absturz an der Vorderseite, als ganz in ihrer Nähe ein Rauschen des dürren Laubes ihren Augen eine andere Richtung gab. Unsere Heldin erschrak über den Gegenstand, der sich jetzt ihren Blicken darbot; aber ein Moment reichte hin, sie ihre Fassung wiedergewinnen zu lassen, und sie trat festen Blickes nicht ganz ohne Neugierde der Stelle näher.

Mohegan saß auf dem Stamm einer gefallenen Eiche, das lohfarbene Gesicht der Jungfrau zugekehrt und die Augen mit einer wilden Glut auf ihr Antlitz geheftet, die ein weniger entschlossenes Frauenzimmer entsetzt haben müßte. Die Decke war von seinen Schultern gefallen und lag in Falten um ihn her, so daß Brust, Arme und sein ganzer Oberkörper bloß waren. Washingtons Medaille hing an seinem Halse, ein Merkmal der Auszeichnung, das er, wie Elisabeth wohl wußte, nur bei besonders wichtigen und feierlichen Anlässen zur Schau trug. Das ganze Äußere des betagten Häuptlings war jedoch gekünstelter als gewöhnlich und teilweise wirklich schrecklich. Das lange schwarze Haar war geflochten und zurückgeschlagen, so daß sich die hohe Stirn frei über den durchbohrenden Augen entfaltete. In den ungeheuren Schlitzen seiner Ohren staken, der indianischen Sitte gemäß, rohe Verzierungen von Silber, Perlen und Igelstacheln. Ein großes Büschel aus ähnlichem Material hing von seinem Nasenknorpel auf die Lippen herab und ruhte auf seinem Kinn. Rote Striche liefen quer über seine runzlige Stirn, während eine ähnliche Malerei mit Abänderungen, wie sie die Laune oder das Herkommen eingeben mochte, seine Wangen bedeckte. Ein Gleiches war auch mit seinem Körper der Fall, und das Ganze zeigte einen indianischen Krieger, der sich zu einem Ereignis von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit vorbereitet hat

»John! würdiger John! Wie geht es Euch?« begann Elisabeth, als sie näher trat. »Ihr seid in dem Dorf recht fremd geworden. Ihr habt mir einen Weidenkorb versprochen, für den ich Euch schon seit langer Zeit ein Kattunhemd bereit halte.«

Der Indianer sah das Mädchen eine Weile starr an, ohne zu antworten, dann schüttelte er den Kopf und erwiderte in tiefen Kehllauten: »Johns Hand kann keine Körbe mehr machen; er braucht kein Hemd.«

»Wenn er's aber braucht, so weiß er, wo eines zu finden ist«, versetzte Miss Temple. »In der Tat, alter John, es ist mir, als hättet Ihr ein natürliches Recht, von uns zu fordern, was Ihr nur immer wünscht.«

»Tochter«, entgegnete der Indianer, »höre mich: Sechsmal zehn heiße Sommer sind vorübergegangen, seit John jung war – schlank wie eine Fichte, gerade wie Hawk-eyes Kugel, stark wie ein Büffel und schnell wie die Pantherkatze. Er war stark und ein Krieger wie der junge Adler. Wenn sein Stamm mehrere Sonnen die Fährte der Maquas verfolgte, so fand Chingachgooks Auge den Eindruck ihrer Mokassins. Wenn das Volk ein Fest feierte und sich freute bei dem Zählen der Skalpe seiner Feinde, so hingen sie an dem Gürtel der Großen Schlange. Wenn die Weiber weinten, weil kein Fleisch da war für ihre Kinder, so war er der erste auf der Jagd, seine Kugel war schneller als der Hirsch. – Tochter, damals schlug Chingachgook seinen Tomahawk in die Bäume, um den Trägen anzudeuten, wo sie ihn und die Mingos finden konnten – aber er machte keine Körbe.«

»Jene Zeiten sind vorbei, alter Krieger«, entgegnete Elisabeth. »Euer Volk ist seitdem verschwunden, und statt Eure Feinde zu jagen, habt Ihr gelernt, Gott zu fürchten und in Frieden zu leben.«

»Tritt hierher, Tochter, wo du den großen Quell, die Wigwams deines Vaters und das Land an dem gekrümmten Fluß sehen kannst. John war jung, als sein Stamm die Strecke von dort an, wo der blaue Berg über dem Wasser steht, bis dahin, wo sich der Susquehanna unter den Bäumen verbirgt, in der Beratung wegschenkte. Dieses alles – samt allem, was darauf wächst, was darüber geht und was sich darauf nährt, gaben sie dem Feueresser; – denn sie liebten ihn. Er war stark, und sie waren Weiber; er half ihnen. Kein Delaware schoß einen Hirsch, der in seinen Wäldern lief, oder fing einen Vogel, der über sein Land flog; denn sie gehörten ihm. Hat John im Frieden gelebt? Tochter, seit John jung war, hat er den weißen Mann von Frontenac herabkommen sehen bis nach Albany, um mit seinen weißen Brüdern zu kämpfen. War das Gottesfurcht? Er hat gesehen, wie seine englischen und amerikanischen Väter um dieses Landes willen die Tomahawks gegenseitig in ihren Gehirnen begruben. Heißt das Gott fürchten und in Frieden leben? Er hat gesehen, wie das Land dem Feueresser und seinen Kindern und dem Kinde seines Kindes entrissen und ein neuer Häuptling über das Land gesetzt wurde. Lebten sie, die das taten, in Frieden? Haben sie Gott gefürchtet?«

»Das ist so Brauch bei den Weißen, John. Kämpfen die Delawaren nicht auch, und tauschen sie nicht ihr Land aus für Pulver, Decken und andere Waren?«

Der Indianer wendete aufs neue seine dunkeln Augen auf seine Gefährtin und ließ sie so spähend auf ihr haften, daß sie sich etwas beunruhigt fühlte.

»Wo sind die Decken und Waren, welche das Recht des Feueressers abkauften?« versetzte er mit wärmerem Ton. »Sind sie bei ihm in seinem Wigwam? Hat man zu ihm gesagt: ›Bruder, verkaufe uns dein Land und nimm dieses Gold, dieses Silber, diese Decken, diese Büchsen oder etwa diesen Rum?‹ Nein! Sie entrissen es ihm, wie man einem Feind den Skalp entreißt, und sie taten es, ohne hinter sich zu sehen, ob er lebte oder starb. Leben solche Menschen in Frieden und fürchten sie den Großen Geist?«

»Ihr versteht die Verhältnisse nicht«, erwiderte Elisabeth, verlegener, als sie sogar sich selbst zugestehen mochte. »Wenn Ihr unsere Gesetze und Gebräuche besser kenntet, so würdet Ihr ganz anders von unsern Handlungen urteilen. Glaubt nichts Schlimmes von meinem Vater, Mohegan; denn er ist gerecht und gut.«

»Der Bruder von Miquon ist gut und will das Rechte. Ich habe es Hawk-eye gesagt, ich habe es dem jungen Adler gesagt, daß der Bruder von Miquon Gerechtigkeit üben wird.«

»Wen nennt Ihr den jungen Adler?« versetzte Elisabeth, ihr Antlitz von dem Gesicht des Indianers abwendend, als sie diese Frage stellte. »Woher kommt er, und worauf gründen sich seine Rechte?«

»Hat meine Tochter so lange mit ihm unter einem Dache gelebt, um dies zu fragen?« entgegnete der Indianer behutsam. »Das Alter macht das Blut erstarren, wie die Winterfröste die große Quelle bedecken; aber die Jugend erhält die Ströme des Bluts offen wie die Sonne zur Zeit der Blüten. Der junge Adler hat Augen: hatte er keine Zunge?«

Die Hindeutung des alten Kriegers auf die Liebenswürdigkeit des Jünglings verlor nichts von ihrem Nachdruck durch diese bildliche Sprache: denn die Jungfrau bedeckte das brennende Rot ihrer Wangen mit den Händen, bis ihre dunklen Augen diese Glut widerzustrahlen schienen; aber nach einem kurzen Kampf mit der Scham lächelte sie, als sei sie nicht geneigt, seinen Worten eine ernste Bedeutung unterzulegen, und erwiderte scherzend:

»Wenigstens nicht, um mich zur Herrin seiner Geheimnisse zu machen. Er ist zu sehr Delaware, um seine innersten Gedanken einem Weibe anzuvertrauen.«

»Tochter, der Große Geist machte deinen Vater mit einer weißen Haut und mich mit einer roten, aber in unser beider Herzen hat er Blut gegossen: es floß schnell und warm, als es jung war, aber jetzt im Alter ist es träge und kalt. Gibt es außer der Haut noch eine Verschiedenheit? Nein. Einst hatte John ein Weib. Sie war die Mutter von soviel Söhnen« – er hob dabei drei Finger seiner Hand in die Höhe – »und sie hatte Töchter, welche die jungen Delawaren glücklich gemacht haben würden. Sie war sanft, Tochter, und was ich ihr sagte, das tat sie. Ihr habt andere Gebräuche; aber glaubst du wohl, daß John das Weib seiner Jugend – die Mutter seiner Kinder nicht liebte?«

»Und was ist aus Eurer Familie, Eurem Weib und Euren Kindern geworden, John?« fragte Elisabeth, tief ergriffen von den Worten des Indianers.

»Wo ist das Eis hingekommen, das den großen Quell bedeckte? Es ist zerschmolzen und zu Wasser geworden. John hat gelebt, bis sein ganzes Volk hingegangen war in das Land der Geister; seine Zeit ist gekommen, und er ist bereit.«

Mohegan ließ den Kopf auf seine Decke sinken und verstummte. Miss Temple wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie wünschte, die trüben Gedanken des alten Kriegers zu zerstreuen; aber sowohl in seinem Kummer als in seiner Entschiedenheit lag eine solche Würde, daß sie nicht zu sprechen wagte. Nach einer langen Pause begann sie jedoch das Gespräch aufs neue, indem sie fragte:

»Wo ist Lederstrumpf, John? Seinem Wunsch gemäß habe ich diese Büchse Pulver hergebracht, aber er läßt sich nirgends blicken. Wollt Ihr sie in Verwahrung nehmen und darauf bedacht sein, daß sie abgeliefert wird?«

Der Indianer erhob langsam seinen Kopf und sah mit ernstem Blick auf die Gabe, welche sie in seine Hand legte.

»Dies ist der große Feind meines Volkes. Wann hätten die Weißen ohne ihn je die Delawaren vertreiben können? Tochter, der Große Geist hat Eure Väter gelehrt, Gewehre und Pulver zu machen, um die Indianer damit aus ihrem Lande zu vertilgen; bald wird keine Rothaut mehr in diesen Bezirken weilen. Wenn John dahingeht, so verläßt die letzte diese Berge, und seine Familie ist ausgestorben.«

Der alte Krieger streckte seinen Körper vorwärts, legte einen Ellenbogen auf sein Knie und schien Abschied zu nehmen von den Gegenständen des Tales, die noch durch die dunstige Atmosphäre sichtbar waren, obgleich sich die Luft mit jedem Augenblick um Miss Temple zu verdicken schien, wie sie denn auch fühlte, daß ihr das Atmen immer schwerer wurde. Das Auge Mohegans veränderte allmählich den Ausdruck des Schmerzes zu einem wilden Blick, den man beinahe für den eines begeisterten Sehers hätte halten können, als er fortfuhr:

»Aber er wird gehen nach dem Land, wo seine Väter weilen. Das Wild wird in ebenso großer Menge da sein wie der Fisch in den Seen. Kein Weib wird um Nahrung weinen und kein Mingo je dahin kommen. Die Kinder werden jagen und alle gerechten roten Männer wie Brüder zusammenleben.«

»John, das ist nicht der Himmel eines Christen!« rief Miss Temple. »Ihr sinkt zurück in den Aberglauben Eurer Vorfahren.«

»Väter! Söhne!« sprach Mohegan mit Festigkeit – »alle dahin! – alle dahin! – Ich habe keinen Sohn als den jungen Adler, und in seinen Adern fließt das Blut eines weißen Mannes.«

»Sagt mir, John«, entgegnete Elisabeth, die seine Gedanken auf andere Gegenstände zu lenken wünschte, indem sie zugleich der Macht der Neugierde nachgab: »Wer ist dieser Herr Edwards? Warum liebt Ihr ihn so, und woher kommt er?«

Der Indianer fuhr bei dieser Frage, die augenscheinlich seine Gedanken nach der Erde zurückführte, zusammen. Er ergriff die Hand des Mädchens, zog sie an seiner Seite nieder und deutete auf das Land unter ihnen. –

»Sieh, Tochter«, sagte er, ihre Blicke gen Norden lenkend; »so weit dein junges Auge sehen kann, war es das Land seines – –«

In diesem Augenblick rollten ungeheure Rauchmassen über ihren Köpfen weg und verhüllten in kreiselnden Wirbeln die Aussicht nach dem Gebirge. Erschrocken über diese Erscheinung sprang Miss Temple auf ihre Füße und wandte ihre Augen nach dem Gipfel des Berges, den sie gleichfalls mit einer dichten Rauchwolke bedeckt sah, während sich ein heulender Ton, ähnlich dem Brausen des Windes, im Wald über ihr vernehmen ließ.

»Was bedeutet das, John?« rief sie. »Wir sind von Rauch eingehüllt, und ich fühle eine Hitze, ähnlich der Glut eines Ofens.«

Ehe der Indianer antworten konnte, ließ sich das Rufen einer Stimme durch die Wälder vernehmen.

»John! Wo bist du, alter Mohegan? Der Wald steht in Flammen, und du hast nur noch eine Minute Zeit zur Flucht!«

Der Häuptling legte die Hand vor seinen Mund und brachte mit den Lippen denselben Ton hervor, der Elisabeth nach der Stelle gelockt hatte, als plötzlich ein schneller hastiger Schritt durch das Gebüsch und Unterholz rauschte und unmittelbar darauf Edwards mit entsetzten Zügen an ihre Seite trat.

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