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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XXXV

 

Um die Verfolger zu vermeiden,
Drückt schwer der Sporn der Tiere Seiten.
Nicht umgeschaut, bis der Gefahr
Wir viere ledig sind und bar!

Hudibras

 

Mit der eintretenden Dämmerung begannen die Geschworenen, die Zeugen und die übrigen Glieder des Gerichtshofs sich zu zerstreuen, und noch vor neun Uhr herrschte Ruhe im Dorf: die Straßen waren beinahe verödet. Um diese Stunde gingen Richter Temple und seine Tochter, denen Luise Grant in kurzer Entfernung folgte, unter dem leichten Schatten der jungen Pappeln langsam die Allee hinab, wobei sie sich folgendermaßen unterhielten:

»Du kannst am besten sein verletztes Gemüt beruhigen«, sagte Marmaduke, »doch wird es immerhin gefährlich sein, die Natur seines Vergehens zu berühren, da die Heiligkeit der Gesetze beachtet werden muß.«

»O Vater!« rief die ungeduldige Elisabeth, »unmöglich können Gesetze vollkommen sein, die einen Mann wie Lederstrumpf wegen eines Vergehens, das mir so verzeihlich erscheint, zu einer so strengen Strafe verdammen.«

»Du redest, wie du es verstehst, Elisabeth«, versetzte ihr Vater. »Die Gesellschaft kann ohne einen heilsamen Zwang nicht bestehen, und ein solcher Zwang ist unmöglich zu handhaben, wenn die Personen derjenigen, die ihn ausüben, nicht geschützt und geachtet werden. Und wie sehr müßte es nicht meinem Ruf als Richter schaden, wenn man mir nachsagen könnte, ich hätte einen überwiesenen Verbrecher entschlüpfen lassen, weil er das Leben meines Kindes rettete?«

»Ich sehe – ich erkenne die Schwierigkeit deiner Stellung, lieber Vater«, entgegnete die Tochter, »aber bei einem Vergehen, wie das des armen Natty war, kann ich den Vollstrecker des Gesetzes nicht von dem Menschen trennen.«

»Du sprichst wie ein Weib, Kind. Es handelte sich nicht um den Angriff auf Hiram Doolittle, sondern um die Drohung, auf einen Konstabler zu schießen, der in der Vollziehung eines – –«

»Gleichviel, ob es das eine oder das andere ist«, fiel ihm Miss Temple mit einer Logik ins Wort, die mehr vom Gefühl als vom Verstand bestimmt war, »ich kenne Nattys Unschuld, und in dieser Überzeugung muß ich alle, die ihn unterdrücken, für ungerecht halten.«

»Sein Richter gehört auch dazu, – deinen Vater also gleichfalls, Elisabeth?«

»Ach, Vater! stelle keine solchen Fragen an mich. Nenne mir lieber deinen Auftrag und laß mich eilen, ihn zu vollziehen!«

Der Richter hielt einen Augenblick inne, lächelte seinem Kind zärtlich zu und ließ dann seine Hand auf ihre Schulter fallen, indem er entgegnete:

»Du magst in manchen Stücken recht haben, Beß, aber dein Herz hat zuviel Einfluß auf deinen Verstand. Doch höre jetzt: in dieser Brieftasche sind zweihundert Dollar. Geh zu dem Gefangenen – du hast nichts dabei zu befürchten – gib dem Schließer diese Karte, und wenn du Bumppo siehst, so sage dem armen, alten Mann alles, was du willst. Laß die Gefühle deines warmen Herzens sprechen, aber vergiß nicht, Elisabeth, daß die Gesetze allein uns aus dem Zustand der Wildheit reißen konnten, – daß er sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat, und daß sein Richter dein Vater ist.«

Miss Temple erwiderte nichts, sondern drückte nur die Hand, welche die Brieftasche hielt, an ihre Brust, nahm sodann ihre Freundin beim Arm und ging mit ihr aus dem Tor auf die Hauptstraße des Dorfes.

Als sie ihren Gang schweigend an der Häuserreihe, wo das abendliche Dunkel bereits ihre Gestalten verbarg, fortsetzten, hörten sie keinen weiteren Laut als den langsamen Tritt eines Jochs Ochsen nebst dem Rasseln eines Karrens, der sich in gleicher Richtung mit ihnen die Straße entlang bewegte. Die Umrisse des Treibers, der verdrossen an der Seite seines Viehs hinschlenderte, als sei er von der Arbeit des Tages ermüdet, ließen sich in den Schatten der Nacht kaum noch unterscheiden. An der Ecke, wo das Gefängnis stand, wurden die Damen für einen Augenblick durch die Ochsen aufgehalten, die nach der Seite des Gebäudes einbogen und ein Bund Heu, das sie geduldig an ihrem Halse trugen, als Belohnung für ihre Mühe erhielten. All dies war so natürlich und gewöhnlich, daß es Elisabeth nicht einfiel, einen zweiten Blick auf das Gespann zu werfen, bis sie den Treiber leise mit seinem Vieh sprechen hörte:

»Gib acht, Schecke; gib acht, Alter, – willst du?«

Wer in einem neuen Lande wohnt, ist mit der Sprache, die man gegen Ochsen braucht, zu bekannt, um eine solche Anrede nicht befremdend zu finden; aber es lag auch etwas in der Stimme, was Miss Temple auffiel. Als sie um die Ecke bog, mußte sie sich notwendig dem Mann nähern, und ihr scharfes Auge ließ sie in demselben Oliver Edwards unter der groben Hülle eines Ochsentreibers erkennen. Ihre Blicke begegneten sich in demselben Moment, auch war ungeachtet der Dunkelheit und Elisabeths Mantel die Erkennung wechselseitig.

»Miss Temple« – »Herr Edwards«, lautete es gleichzeitig, obgleich ein Gefühl, das beide zu teilen schienen, die Worte fast unhörbar machte.

»Ist's möglich«, rief Edwards nach einem Augenblick des Zweifels, »daß ich Sie in der Nähe des Gefängnisses sehe? Doch Sie gehen wohl in die Rektorei, ich bitte um Verzeihung. – Miss Grant, glaube ich? Ich hatte Sie anfangs nicht erkannt.«

Der Seufzer, welcher Luise entfuhr, war so leise, daß er nur von Elisabeth gehört wurde, welche rasch erwiderte:

»Wir sind nicht nur in der Nähe des Gefängnisses, Herr Edwards, sondern wünschen sogar hineinzugehen. Wir wollen Lederstrumpf zeigen, daß wir seine Dienste nicht vergessen haben und daß mein Vater, wenn er gerecht sein mußte, auch dankbar ist. Sie sind wohl zu einem ähnlichen Zweck hier, aber ich muß Sie bitten, daß Sie mir auf zehn Minuten den Vortritt erlauben. Gute Nacht, Sir, ich – ich – bedaure von Herzen, Herr Edwards, Sie zu einem solchen Geschäft erniedrigt zu sehen; aber gewiß, mein Vater würde – –«

»Ich füge mich gerne Ihrem Wunsch, Fräulein«, fiel ihr der Jüngling kalt ins Wort. »Darf ich bitten, daß Sie meine Anwesenheit nicht erwähnen?«

»Verlassen Sie sich darauf«, versetzte Elisabeth, indem sie die Verbeugung des jungen Mannes durch ein leichtes Kopfnicken erwiderte und die säumige Luise vorwärts drängte. Als sie jedoch in das Gebäude eingetreten waren, fand Luise Zeit zu flüstern:

»Würde es nicht besser sein, einen Teil Ihres Geldes Oliver anzubieten? Die Hälfte davon reicht aus, Bumppos Strafe zu zahlen, – und er ist so wenig an Mangel und Anstrengungen gewöhnt. Ich bin überzeugt, mein Vater selbst würde einen großen Teil seines kleinen Einkommens darauf verwenden, ihm eine würdigere Stellung zu verschaffen.«

Das unwillkürliche Lächeln, welches Elisabeths Züge überflog, trug zugleich den Ausdruck eines tiefen und herzlichen Mitleids. Sie erwiderte jedoch nichts, da das Erscheinen des Schließers die Gedanken beider Mädchen dem Zweck ihres Besuches zuwandte.

Man nahm es in dem neuen Lande mit den Formen nicht sehr genau, und da es bekannt war, daß der alte Jäger den Damen das Leben gerettet hatte, weshalb sie wohl eine besondere Teilnahme für den Gefangenen hegen mußten, fand der Schließer an dem Gesuch, in das Gefängnis eingelassen zu werden, nichts Befremdendes, wie denn auch schon Richter Temples Karte jeden Einwurf, wenn ein solcher hätte versucht werden sollen, zum Schweigen gebracht haben würde; er ging daher ohne Zögern nach dem Gelaß der Gefangenen voran. Sobald der Schlüssel ins Schloß gesteckt wurde, ließ Benjamins rauhe Stimme die Frage vernehmen:

»Oho! wer kommt da?«

»Ein Besuch, den Ihr gerne sehen werdet«, versetzte der Schließer. »Was habt Ihr mit dem Schloß angefangen, daß es nicht aufgehen will?«

»Sachte, sachte, Meister«, rief der Majordomo, »ich habe eben einen Nagel als Stopper über der Klinke eingeschlagen, seht Ihr, damit nicht Meister Tu-nur-wenig hereinrennen und zu einem anderen Kampf ansegeln kann; denn meiner Berechnung nach werde ich ohnehin bald ein armer Teufel sein, da man mir meine Spanier abmelken wird, als ob ich den Schuft gepeitscht hätte. Haltet mit Eurem Schiff im Wind und legt ein wenig bei; die Passage soll bald gelichtet sein.«

Die Schläge eines Hammers bewiesen, daß es der Hausmeister ernstlich meinte, und in kurzer Zeit gab das Schloß nach, worauf sich die Tür auftat.

Benjamin war augenscheinlich emsig darauf bedacht gewesen, von dem Geld, das er schon als verfallen betrachtete, soviel wie möglich in seinem eigenen Interesse zu retten; denn er hatte während des Nachmittags und Abends seinem Lieblingsfaß im ›Kühnen Dragoner‹ so wacker zugesprochen, daß er sich jetzt in jenem Zustand befand, den die Matrosenpoesie mit dem Ausdruck ›halb über See‹ bezeichnet, was in ehrlichem Deutsch ›halb betrunken‹ bedeutet. Der alte Seemann ließ sich durch die Wirkungen des Branntweins nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen; denn seinem eigenen Ausdruck nach war er »zu niedrig aufgetakelt, um nicht in allen Wettern Segel führen zu können«; gleichwohl konnte über seine gegenwärtige Stimmung, die er selbst eine ›schlammige‹ nannte, kein Zweifel obwalten. Sobald er bemerkte, wer die Besuchenden waren, zog er sich nach der Seite des Gemachs zurück, wo seine Streu lag, und ohne sich durch die Anwesenheit seiner jungen Gebieterin stören zu lassen, setzte er sich, indem er eine ganz nüchterne Miene annahm, auf derselben nieder und drückte seinen Rücken fest gegen die Wand.

»Wenn Ihr meine Schlösser in dieser Weise zu verderben gedenkt, Herr Pump«, begann der Schließer, »so will ich Euch einen Stopper, wie Ihr es nennt, an die Beine legen, der Euch das Aufstehen von Eurem Bett verleiden soll.«

»Warum so, Meister?« brummte Benjamin. »Ich habe heute schon, mit den Fersen vor Anker liegend, eine Bö ausgehalten und brauche keine zweite. Was ist's denn Arges, wenn ich dasselbe tue wie Ihr? Laßt außen Eure Riegel weg, und ich verspreche Euch, daß Ihr auch innen keine Hemmkette finden sollt.«

»Ich muß um neun Uhr abschließen«, sagte der Kerkermeister »und jetzt sind's zweiundvierzig Minuten über acht.«

Er stellte die kleine Kerze auf einen rohen Fichtentisch und entfernte sich.

»Lederstrumpf«, begann Elisabeth, sobald sich der Schlüssel im Schloß wieder umgedreht hatte, »mein guter Freund Lederstrumpf. Die Gefühle des Dankes führen mich zu Euch. Ach, hättet Ihr Euch doch der Haussuchung unterworfen, würdiger, alter Mann; denn da das Erlegen eines Hirsches nur eine Kleinigkeit ist, so wäre alles gut abgelaufen – –«

»Der Haussuchung unterworfen?« fiel ihr Natty ins Wort, indem er das auf seinen Knien ruhende Gesicht erhob, ohne jedoch den Winkel, wo er sich niedergesetzt hatte, zu verlassen oder aufzustehen. »Meinen Sie denn, Frauenzimmerchen, ich würde ein solches Gewürm in meine Hütte lassen? Nein, nein, – ich hätte damals nicht einmal Ihrem eigenen süßen Antlitz die Tür geöffnet. Jetzt können sie meinetwegen unter den Kohlen und in der Asche suchen; sie werden nichts weiter finden als einen Haufen, wie man ihn bei jeder Pottaschebrennerei in den Bergen findet.«

Der alte Mann ließ sein Gesicht wieder auf die Hand sinken und schien in tiefe Schwermut verloren.

»Die Hütte kann wiederhergestellt und besser gebaut werden, als sie früher war«, versetzte Miss Temple, »auch werde ich, sobald Eure Haft zu Ende ist, Sorge dafür tragen, daß es geschehe.«

»Kann man Tote ins Leben zurückrufen, Kind?« entgegnete Natty bekümmert. »Kann man zu dem Ort gehen, wo man Vater, Mutter und Kinder hingelegt hat, um ihre Asche zu sammeln und sie wieder zu Männern und Weibern zu machen, wie früher? Sie wissen nicht, was es heißt, das Haupt mehr als vierzig Jahre unter dem Schutz derselben Holzstämme niederzulegen und den größten Teil seines Lebens dieselben Dinge um sich zu haben. Sie sind noch jung, mein Kind, aber Sie gehören unter die köstlichsten Geschöpfe Gottes. Ich habe für Sie eine Hoffnung gehegt, aber jetzt ist alles vorbei; der neueste Vorgang, zu dem übrigen gelegt, wird ihm für immer jeden Gedanken daran vertreiben.«

Miss Temple mußte das, was der alte Mann sagen wollte, besser verstanden haben als die übrigen Zuhörer; denn während Luise unschuldig und voll Mitleid über den Kummer des Jägers an ihrer Seite stand, wandte sie das Gesicht ab, um die Glut ihrer Wangen zu verbergen. Doch diese Bewegung währte, gleich dem Gefühl, das sie hervorgerufen hatte, nur einen Augenblick.

»Es gibt andere und sogar bessere Holzstämme«, fuhr sie fort, »und sie sollen für Euch, meinen alten Beschützer, herbeigeschafft werden. Eure Haft wird nicht lange dauern, und noch ehe sie abgelaufen ist, soll ein Haus für Euch dastehen, wo Ihr den Rest Eures harmlosen Lebens in Ruhe und Überfluß zubringen könnt.«

»Haus? Ruhe und Überfluß?« wiederholte Natty langsam. »Nun, Sie meinen es gut, Sie meinen es gut, und es tut mir recht leid, daß es nicht sein kann; aber er hat gesehen, wie man mich zum Gespött der Menge in den Stock steckte – –«

»Zum Teufel mit Eurem Stock«, rief Benjamin, indem er mit seiner Flasche, aus der er wiederholt tiefe Züge getan hatte, in der Luft herumfuchtelte, während er mit der anderen Hand Gebärden der Verachtung machte, »wer kümmert sich um solche hölzernen Strümpfe? Dieses Bein da, seht Ihr, ist auch eine Stunde lang wie ein Klüverbaum an seinem Ende in der Klemme gewesen, und ist es deshalb schlechter geworden, he? Kannst du mir sagen, um was es schlechter geworden ist, he?«

»Ich glaube, Ihr vergeßt, Herr Pump, wer zugegen ist«, bemerkte Elisabeth.

»Sie vergessen, Miss Lizzy?« versetzte der Hausmeister. »Soll mich der Teufel holen, wenn ich das tue. Sie vergißt man nicht so leicht wie die gute Prettybones in dem großen Haus dort. Ich sage Euch, alter Scharfschütze, sie mag wohl hübsche Knochen Prettybones heißt ›hübsche Knochen‹. haben, aber von ihrem Fleisch kann nicht viel die Rede sein; denn seht Ihr, ihr Äußeres ist so ziemlich das eines Skeletts, welches von jemand anders einen Rock geborgt hat. Was die Haut ihres Gesichtes anbelangt, so hat sie ganz die Farbe eines neuen Toppsegels mit steif angelegtem Bolzentau, gut passend am Liek, aber alles schlaff und schlottrig im inneren Zeug.«

»Still – ich befehle Euch zu schweigen«, entgegnete Elisabeth.

»Gut, gut, Fräulein«, erwiderte der Hausmeister, »aber das Trinken werden Sie mir doch nicht verwehren wollen?«

»Es handelt sich jetzt nicht darum, was aus anderen werden wird«, sagte Miss Temple, zu dem Jäger gewendet. »Ich wünsche, mit Euch von Eurer eigenen Zukunft zu sprechen, Natty. Es soll mein Geschäft sein, Sorge zu tragen, daß Ihr den Rest Eurer Tage in Ruhe und Überfluß zubringen könnt.«

»Ruhe und Überfluß?« wiederholte Lederstrumpf abermals. »Welche Ruhe hat ein alter Mann zu erwarten, der meilenweit über ein offenes Feld gehen muß, ehe er einen Schatten finden kann, der ihn gegen die sengende Sonne schützt? Und wie mögen Sie von Überfluß sprechen, wo man einen Tag unterwegs sein kann, ohne auf einen Bock zu stoßen oder etwas Größeres zu sehen als ein Wiesel oder allenfalls einen verirrten Fuchs? Ach! sogar die Biber werden mir sauer werden, die ich brauche, um die Strafe zu bezahlen; denn ich muß fast hundert Meilen bis an die pennsylvanische Grenze hinaufwandern, um welche zu treffen, da hierherum nichts der Art zu finden ist. Nein, nein – Eure Verbesserungen und Lichtungen haben diese schlauen Tiere aus dem Lande getrieben, und statt der Biberdämme, welche, nach Anordnung der Vorsehung, der Instinkt dieser Tiere schuf, führt ihr das Wasser mit Euren Mühldämmen durch die Niederungen, als ob der Mensch das Recht hätte, den Tropfen in seinem Lauf zu hemmen, den ihm Gottes Wille angewiesen hat. – Benny, wenn Ihr nicht ablaßt, Eure Hand so oft zum Mund zu führen, so werdet Ihr nicht zum Aufbruch bereit sein, wenn die Zeit kommt.«

»Hört, Meister Bumppo«, sagte der Majordomo, »kümmert Euch nicht um Ben. Wenn die Wache ruft, so stellt mich auf meine Beine und gebt mir die Höhe und Weite des Ortes an, wohin Ihr steuern wollt; ich steh' Euch dafür, ich segle dann mit dem Besten von Euch um die Wette.«

»Die Zeit ist bereits gekommen«, versetzte der Jäger aufhorchend, »ich höre, wie sich die Hörner der Ochsen an der Gefängniswand reiben.«

»Wohlan, Steuermann, so gebt Befehl, und wir lichten die Anker«, entgegnete Benjamin.

»Sie werden uns nicht verraten, Miss Temple?« sprach Natty, indem er Elisabeth ehrlich ins Gesicht sah. »Sie werden einen alten Mann nicht verraten, der sich sehnt, die reine Luft des Himmels zu atmen? Ich habe keine böse Absicht dabei, und wenn das Gesetz sagt, ich müsse hundert Dollar bezahlen, so will ich die Jahreszeit dazu benutzen, um die Summe abzutragen. Dieser gute Mann wird mir helfen.«

»Ihr mögt die Biber fangen«, versetzte Benjamin, indem er mit dem Arm in der Luft herumfuchtelte, »und wenn ich sie wieder springen lasse, so dürft Ihr mich ein Kalb nennen, weiter sage ich nichts.«

»Was führt Ihr im Schilde?« rief Elisabeth verwundert. »Ihr müßt dreißig Tage hierbleiben, und was das Geld für Eure Strafe anbelangt, so habe ich es hier im Beutel. Nehmt es, Ihr könnt gleich morgen die Zahlung leisten; aber geduldet Euch Euren Monat über. Ich werde Euch oft mit meiner Freundin besuchen, und wir wollen mit eigenen Händen Kleider für Euch machen. Gewiß, gewiß, es soll Euch nichts abgehen.«

»Wollt ihr das wirklich, meine Kinder?« entgegnete Natty, indem er freundlich auf die beiden zuging und Elisabeths Hand ergriff. »Wollt Ihr Euch wirklich eines alten Mannes annehmen, der weiter nichts getan hat, als daß er das Tier schoß, was ihn doch keine Mühe kostete? Ich glaube, die Sinnesart vererbt sich nicht mit dem Blut; denn Sie scheinen einen erwiesenen Gefallen nicht zu vergessen. Doch Eure kleinen Finger würden wohl schwerlich viel mit einer Hirschhaut anzufangen wissen, und in den Sehnen möchtet Ihr wohl auch einen ungewohnten Faden finden. Aber wenn er es nicht mitangehört hat, so soll er es durch mich erfahren, damit er gleich mir sehe, es gebe jemand, der einer Gefälligkeit eingedenk ist.«

»Sagt ihm nichts!« rief Elisabeth hastig. »Wenn Ihr mich liebt, wenn Ihr meine Gefühle achtet, so sagt ihm nichts. Ich wollte nur von Euch sprechen, und nur um Euretwillen handle ich so. Ich bedaure von Herzen, Lederstrumpf, daß das Gesetz eine so lange Haft über Euch verhängt hat; im Grunde ist es aber nur ein kurzer Monat und – –«

»Ein Monat?« rief Natty, den Mund zu seinem gewöhnlichen Lachen verziehend; »nein, keinen Tag, keine Nacht, keine Stunde bleibe ich mehr, Mädchen. Wenn mich auch Richter Temple verurteilt hat, so kann er mich doch nicht festhalten ohne einen besseren Kerker als diesen. Ich wurde einmal in der Nähe des alten Frontenac von den Franzosen gefangen, und sie steckten unser zweiundsechzig in ein Blockhaus; aber für Leute, die mit dem Holz umzugehen wußten, war es ein leichtes, sich einen Weg durch einen Fichtenblock zu bahnen.«

Der Jäger hielt inne, sah sich vorsichtig im Raum um, lachte dann wieder und schob den Hausmeister sachte von seiner Stelle, worauf er die Bettücher hinwegräumte und auf ein Loch zeigte, das erst kürzlich mit Hammer und Meißel in das Gebälk gehauen worden war.

»Es bedarf nur noch eines Fußstoßes, um den Weg freizumachen, und dann – –«

»Fort! ja, fort!« rief Benjamin, aus seinem Stumpfsinn erwachend, »gut, hier ist's offen. Ja, ja, Ihr fangt sie, und ich bewahre sie auf, um sie an die Hutmacher zu verkaufen.«

»Ich fürchte, der Bursche wird mir viel Mühe machen«, sagte Natty. »Er wird sich nicht leicht durch die Berge fortbringen, wenn man uns bald auf die Spur kommen sollte; denn er ist in keinem der Flucht günstigen Zustand.«

»Flucht?« wiederholte der Hausmeister. »Was Flucht! Wir gieren an und schlagen los!«

»Ruhe!« befahl Elisabeth.

»Ja, ja, Fräulein.«

»Gewiß, Ihr könnt nicht im Sinn haben, uns zu verlassen, Lederstrumpf«, fuhr Miss Temple fort. »Ich bitte Euch, bedenkt, daß Ihr dann ganz auf die Wälder angewiesen seid, und daß das Alter mit raschen Schritten herannaht. Geduldet Euch für eine kleine Weile; Ihr könnt dann offen und mit Ehre dieses Haus wieder verlassen.«

»Gibt es hier Biber zu fangen, Mädchen?«

»Das nicht; aber hier ist Geld, um die Strafe zu bezahlen, und in einem Monat seid Ihr frei. Seht, es ist Gold.«

»Gold?« entgegnete Natty mit einer Art kindischer Neugierde. »Es ist lange her, seit ich das letzte Goldstück gesehen habe. Wir kriegten hin und wieder im alten Krieg so einen blanken Joseph, doch kamen sie auch nicht häufiger vor als jetzt die Bären. Ich erinnere mich eines Mannes aus Dieskaus Armee, der auf dem Schlachtfelde geblieben war und ein Dutzend solcher glänzenden Dinger in sein Hemd eingenäht hatte. Ich selbst habe mich nicht damit befaßt, ob gleich ich sie mit eigenen Augen ausschneiden sah; sie waren große und glänzender als diese hier.«

»Es sind englische Guineen, die Euch gehören«, erwiderte Elisabeth. »Betrachtet sie als den Anfang dessen, was für Euch getan werden soll.«

»Was? Mir wollt Ihr diesen Schatz geben?« versetzte Natty mit einem ernsten Blick auf die Jungfrau.

»Nun ja, habt Ihr nicht mein Leben gerettet und mich dem Rachen des reißenden Tieres entrissen?« rief Elisabeth, indem sie ihre Augen mit der Hand bedeckte, als schwebe noch jetzt der gräßliche Anblick vor ihr.

Der Jäger nahm das Geld und drehte es eine Weile, Stück für Stück, in seiner Hand um, wobei er laut mit sich selber sprach:

»Im Kirschental soll es eine Büchse geben, die auf hundert Ruten noch sicher trifft. Ich habe in meinem Leben manches gute Gewehr gesehen, aber keines, das mit einem solchen zu vergleichen wäre. Hundert Ruten sicheres Ziel ist eine treffliche Waffe! Doch meinetwegen, – ich bin alt, und der Hirschtöter wird mich wohl noch aushalten. Da, Kind, nehmen Sie Ihr Gold zurück! Es ist jetzt an der Zeit; ich höre ihn mit dem Vieh sprechen und muß mich auf den Weg machen. Sie werden nichts ausplaudern, Mädchen, – nicht wahr? Sie werden nichts ausplaudern?«

»Ausplaudern?« wiederholte Elisabeth. »Doch nehmt das Geld alter Mann, nehmt das Geld, selbst wenn Ihr in die Berge geht.«

»Nein, nein«, entgegnete Natty mit einem freundlichen Kopfschütteln, »ich möchte Sie nicht berauben, und wenn ich zwanzig Büchsen dafür haben könnte. Sie können aber etwas für mich tun, da ich niemand anders dazu habe.«

»Und das wäre? Sprecht.«

»Nun, es handelt sich dabei nur um den Einkauf von einer Büchse Pulver, die zwei Silberdollar kosten wird. Benny Pump hat schon das Geld dafür hergerichtet, aber wir dürfen uns nicht in den Flecken wagen, es zu holen. Niemand führt es als der Franzose – es ist vom besten und geradeso, wie es für eine Büchse paßt. Wollen Sie mir es besorgen, Mädchen, – sprechen Sie, wollen Sie es besorgen?«

»Ihr dürft gar nicht fragen, ich will es Euch selbst bringen, Lederstrumpf, und wenn ich Euch einen ganzen Tag lang durch die Wälder aufsuchen müßte. Wo und wie werde ich Euch aber finden?«

»Wo?« entgegnete Natty nach einem kurzen Nachdenken, – »morgen auf dem Visionsberg; ich will Sie, wenn die Sonne über unseren Häuptern steht, auf dem Gipfel des Visionsberges erwarten, Kind. Sehen Sie aber zu, daß es fein gekörnt ist; Sie werden es an dem Glanz und am Preis erkennen.«

»Ich will es tun«, versetzte Elisabeth mit Festigkeit.

Natty setzte sich jetzt, steckte seine Füße in das Loch und bahnte sich durch eine leichte Anstrengung einen Durchgang nach der Straße. Die Damen hörten das Heu rasseln und begriffen jetzt wohl den Grund, warum Edwards den Ochsentreiber spielte.

»Kommt, Benny«, sagte der Jäger, »es wird heute nicht mehr finsterer; denn in einer Stunde geht der Mond auf.«

»Halt!« rief Elisabeth, »es darf nicht heißen, daß Ihr im Beisein der Tochter des Richters flüchtig geworden seid. Wartet noch mit der Ausführung Eures Planes, Lederstrumpf, bis wir uns entfernt haben.«

Natty wollte eben antworten, als der Schall sich nähernder Fußtritte die Ankunft des Schließers verkündigte und ihn belehrte, daß für den Augenblick an eine weitere Verfolgung seiner Entwürfe nicht zu denken sei. Er hatte kaum Zeit, seine Füße zurückzuziehen und das Loch mit den Bettüchern zu verhüllen, über welche Benjamin glücklicherweise hinstolperte, als der Schlüssel sich umdrehte und die Tür des Gefängnisses sich auftat.

»Ist es Miss Temple jetzt gefällig?« sprach der höfliche Kerkermeister, »die gewohnte Stunde zum Abschließen hat geschlagen.«

»Ich werde Euch folgen«, entgegnete Elisabeth. »Gute Nacht, Lederstrumpf.«

»Es ist ein feines Korn, Mädchen, und ich denke, es soll das Blei weiter führen als gewöhnlich. Ich werde alt und kann dem Wild nicht mehr mit so raschen Schritten folgen, als ich es sonst zu tun pflegte.«

Miss Temple winkte ihm zu schweigen und folgte Luise und dem Schließer aus dem Gelaß. Der Mann drehte den Schlüssel nur einmal um und bemerkte, er werde zurückkehren und seine Gefangenen besser verwahren, sobald er den Damen auf die Straße geleuchtet. Sie trennten sich demgemäß an der Tür des Gebäudes, worauf sich der Kerkermeister wieder zu seinen Gefängnissen begab und die Damen mit klopfendem Herzen der Ecke zugingen.

»Da Lederstrumpf das Geld nicht nehmen will«, flüsterte Luise, »so könnte man alles Herrn Edwards geben und auch – –«

»Bst!« unterbrach sie Elisabeth, »ich höre das Heu rauschen. Sie bewerkstelligen in diesem Augenblick ihre Flucht. Ach, sie werden entdeckt werden!«

Sie waren inzwischen an die Ecke gekommen, wo Edwards und Natty eben beschäftigt waren, den fast hilflosen Körper Benjamins durchzuziehen. Sie hatten die Ochsen umgewendet und deren Köpfe der Straße zugekehrt, damit sie für ihre Operationen Raum gewännen.

»Wirf das Heu auf den Karren«, sagte Edwards, »sonst kommen sie der Art, wie es geschehen ist, auf die Spur. Rasch, daß man es nicht bemerkt!«

Natty hatte eben diesen Auftrag vollzogen, als das Licht des Gefängniswärters durch das Loch schien und sich von innen eine Stimme vernehmen ließ, welche die Gefangenen rief.

»Was ist jetzt zu tun?« fragte Edwards. »Dieser betrunkene Kerl wird unsere Entdeckung herbeiführen, und wir haben keinen Augenblick zu verlieren.«

»Wer ist betrunken, du Schlingel?« brummte der Hausmeister.

»Sie sind ausgebrochen! sie sind ausgebrochen!« schrien fünf oder sechs Stimmen von innen.

»Wir müssen ihn zurücklassen«, meinte Edwards.

»Das wäre nicht freundlich, Junge«, entgegnete Natty, »er hat mit mir die Schmach des Stockes geteilt und sehr viel Gefühl gegen mich bewiesen.«

In diesem Augenblick hörte man zwei oder drei Männer aus der Tür des »Kühnen Dragoners« kommen, unter denen sich Billy Kirbys Stimme bemerkbar machte.

»Der Mond ist nicht aufgegangen«, rief der Holzfäller, »es ist aber doch eine schöne Nacht. Wer hat mit mir einen Weg? Horcht! was gibt's im Gefängnis für einen Lärm? Wir wollen hingehen und sehen, was los ist.«

»Wir sind verloren, wenn wir diesen Mann nicht im Stich lassen«, erklärte Edwards.

In diesem Augenblick trat Elisabeth näher und flüsterte rasch:

»Legt ihn auf den Karren und treibt die Ochsen an. Niemand wird euch anhalten.«

»Wie schnell doch Weiber besonnen sind«, rief der Jüngling.

Der Vorschlag wurde aufs eiligste ausgeführt. Man setzte den Hausmeister auf das Heu, gab ihm eine Geißel in die Hand, um das Vieh anzutreiben, und bedeutete ihm, daß er sich ruhig verhalten solle, worauf sich die Ochsen in Bewegung setzten. Sobald dies geschehen war, schlichen sich Edwards und der Jäger eine Strecke weit an den Häusern hin und verschwanden endlich durch ein Gäßchen, das hinter die Gebäude führte. Die Ochsen trabten rüstig vorwärts, und alsbald erscholl der Lärm der Verfolger auf der Straße. Die Damen beeilten ihre Schritte, um dem Gedränge von Konstablern und Müßiggängern zu entgehen, die zum Teil fluchend, zum Teil lachend über den Pfiff der Gefangenen heranzogen. Aus dem Lärm ließ sich vor allem Billy Kirbys Stimme deutlich unterscheiden, der laut schrie und unter Fluchen beteuerte, er wolle die Flüchtlinge bald wieder haben und Natty in der einen und Benjamin in der andern Tasche zurückbringen.

»Verteilt euch, Leute«, rief er, als er an den Damen vorbeikam und seine schweren Tritte, wie die von einem ganzen Dutzend, durch die Straße hallten. »Verteilt euch – den Bergen zu! In einer Viertelstunde haben sie das Gebirge erreicht, und dann sind sie nur noch mit der Büchse einzuholen.«

Dieser Ruf wurde von zwanzig Stimmen wiederholt; denn nicht nur das Gefängnis, sondern auch die Wirtshäuser hatten ihre Haufen entsandt, teils um im Ernst an der Verfolgung teilzunehmen, teils um sich an dem Vorfall zu belustigen.

An dem Außentor vor ihres Vaters Wohnung angelangt, bemerkte Elisabeth, daß der Holzfäller bei dem Karren halt machte, und sie gab Benjamin verloren. Als jedoch die beiden Mädchen den Kiesweg hinaneilten, wurden sie auf einmal zweier Gestalten ansichtig, die sich vorsichtig, aber rasch unter dem Schatten der Bäume hinschlichen, und in denen sie, sobald sie ihren Pfad kreuzten, Edwards und den Jäger erkannten.

»Miss Temple«, rief der Jüngling, »ich werde Sie vielleicht nie wiedersehen. Erlauben Sie mir, Ihnen für alle Ihre Güte zu danken. Ach, Sie wissen nicht – Sie können unmöglich wissen, welche Beweggründe mich leiteten.«

»Flieht! Flieht«, rief Elisabeth; »das ganze Dorf ist in Bewegung! Man darf uns in einem solchen Augenblick und auf dieser Stelle nicht beisammen treffen.«

»Nein, ich muß sprechen, und wäre auch die Entdeckung gewiß.«

»Der Rückzug nach der Brücke ist euch bereits abgeschnitten. Noch ehe ihr den Wald erreichen könnt, sind euch die Verfolger auf den Fersen, wenn – wenn –«

»Sprechen Sie aus«, rief der Jüngling, »Ihr Rat hat mich schon einmal gerettet; ich will ihm folgen bis zum Tode.«

»Die Straße ist jetzt still und leer«, fuhr Elisabeth nach einer kurzen Pause fort, »benutzt den Weg nach dem See, wo ihr das Boot meines Vaters finden werdet. Von dort aus könnt ihr das Gebirge in jeder Richtung erreichen.«

»Aber Richter Temple könnte die Benutzung seines Fahrzeugs übelnehmen.«

»Seine Tochter wird es zu verantworten wissen, Sir.«

Der Jüngling flüsterte noch einiges, was nur von Elisabeth gehört wurde, und wandte sich dann ab, um ihrem Rat Folge zu leisten. Als sie im Begriff waren, sich zu trennen, näherte sich Natty den Frauenzimmern und sprach:

»Vergeßt mir die Pulverbüchse nicht, Kinder! Ich und die Hunde werden alt, und so bedarf ich der besten Munition für die Biber, welche ich zu schießen habe.«

»Kommt, Natty«, rief Edwards ungeduldig.

»Ich komme schon, Junge, ich komme schon. Gott segne euch beide; denn ihr meint es gut mit einem alten Mann.«

Die Damen blieben stehen, bis sie die sich entfernenden Gestalten aus dem Auge verloren hatten, und begaben sich sodann unmittelbar in das Herrenhaus.

Während dieser Szene hatte Kirby den Karren eingeholt: es war sein eigener, der von Edwards ohne die Erlaubnis des Besitzers von dem Platz, wo die geduldigen Ochsen gewöhnlich abends standen und der Befehle ihres Herrn harrten, weggetrieben worden war.

»Ei der Tausend – mein Vieh!« rief er. »Wie kommt ihr von dem Ende der Brücke, wo ich euch gelassen habe, hierher, ihr dummen Bestien?«

»Vorwärts!« brummte Benjamin, indem er aufs Geratewohl mit der Geißel ausholte und dabei die Schulter des anderen traf.

»Wer zum Teufel seid Ihr?« rief Billy, indem er sich überrascht umwandte, aber nicht imstande war, in der Dunkelheit das derbe Gesicht zu erkennen, das über die Seitenleitern des Karrens hinaussah.

»Wer ich bin? Ich bin der Steuermann dieses Fahrzeugs, wie Ihr seht, und lasse ein hübsches Kielwasser hinter mir. Ja, ja, ich komme von der Brücke her und habe die hölzernen Strümpfe umsegelt. Das nenne ich schöne Steuermannsarbeit, Junge. Vorwärts!«

»Laßt Eure Peitsche ruhen, Herr Benny Pump«, sagte der Holzfäller, »oder ich will Euch die Fläche meiner Hand zeigen und Eure Ohren damit bearbeiten. Wo wollt Ihr hin mit meinem Gespann?«

»Gespann?«

»Ja, mit meinem Karren und mit meinen Ochsen.«

»Ei, Ihr müßt wissen, Meister Kirby, daß Lederstrumpf und ich – das heißt Benny Pump – Ihr kennt Ben? – wohl, Benny und ich – nein, ich und Benny; hol' mich der Teufel, wenn ich weiß, wie es ist, aber einer von uns soll nach einer Ladung von Biberhäuten ausfahren, seht Ihr, und so haben wir den Karren gepreßt, um sie heimzuschiffen. Ich sage Euch, Meister Kirby, Ihr führt ein erbärmliches Ruder – Ihr handhabt ein Ruder, Junge, fast wie eine Kuh eine Muskete oder wie ein Frauenzimmer einen Marlpfriem.«

Billy war über den Zustand des Hausmeisters bald im klaren und ging eine Weile sinnend neben dem Karren her, worauf er Benjamin, der auf das Heu zurückfiel und bald eingeschlafen war, die Geißel aus der Hand nahm und sein Vieh die Straße hinab über die Brücke nach einer Lichtung im Gebirge trieb, wo er des nächstens Tages arbeiten sollte, ohne auf seinem Weg durch etwas anderes als durch einige hastige Fragen von Seiten der hin und her ziehenden Konstabler unterbrochen zu werden.

Elisabeth stand wohl eine Stunde am Fenster ihres Zimmers, wo sie die Fackeln der Nachsetzenden an den Seiten des Gebirges hinziehen sah und das Rufen und den Lärm der Verfolger hörte. Nach Ablauf dieser Zeit kehrte jedoch die letzte Abteilung, müde und ohne etwas ausgerichtet zu haben, zurück, und das Dorf wurde wieder so ruhig, wie es bei ihrem Gang nach dem Gefängnis gewesen war.

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