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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XXXIV

 

Ha! Ha! Seht! Er trägt grausame Strumpfbänder!

Lear

 

Die altherkömmlichen öffentlichen Züchtigungen waren zu der Zeit unserer Erzählung unter dem Volk von Neuyork noch in vollem Schwange, da das Auspeitschen und der damit verbündete Stock noch nicht dem schonenden Strafverfahren der öffentlichen Gefängnisse gewichen waren. Die Orte, wo solche Züchtigungen geübt wurden, befanden sich unmittelbar vor dem Gefängnisgebäude als Warnungszeichen für die Übeltäter der Ansiedlung.

Natty folgte den Konstablern nach dem Strafplatz, indem er sein Haupt unterwürfig unter eine Macht beugte, der er nicht widerstehen konnte; die Menge bildete einen Kreis um seine Person und ließ in ihren Mienen die gespannteste Neugierde blicken. Ein Konstabler hob den oberen Teil des Stocks in die Höhe und deutete mit dem Finger auf die Löcher, in welche der alte Mann seine Füße legen sollte. Ohne die mindeste Einwendung gegen die Strafe zu machen, setzte sich Lederstrumpf ruhig auf die Erde und ließ nicht einmal einen Laut vernehmen, als man seine Glieder in die Öffnungen steckte, obgleich er einen Schmerzensblick um sich warf, als suche er jenes Mitgefühl, das die leidende menschliche Natur stets zu fordern scheint. Wenn er aber auch keine Äußerung von Mitleid gewahr werden konnte, so entdeckte er doch nirgends gefühllose Freude, und ebensowenig widerfuhren ihm die bei solchen Gelegenheiten üblichen Kränkungen durch Schimpfworte. Der Pöbel, wenn wir ihn so nennen können, zeigte keinen anderen Charakter als den einer das Gesetz achtenden Aufmerksamkeit.

Der Konstabler war eben im Begriff, die obere Planke niederzulassen, als Benjamin, der sich dicht an die Seite des Gefangenen gedrängt hatte, mit rauher Stimme zu sprechen begann, als wenn er irgendeinen Anlaß suche, um Streit anzufangen.

»Wo zum Henker ist es denn Brauch, Meister Konstabler, einem Mann solche hölzernen Strümpfe anzulegen? Sie hindern ihn nicht, seinen Grog zu trinken, und ebensowenig leidet sein Rücken dabei Not. Für was soll denn dieses Ding gut sein?«

»Ich vollziehe nur den Spruch des Gerichts, Herr Penguillum, und vermutlich ist ein gesetzlicher Grund dafür vorhanden.«

»Ja, ja, man führt bei dergleichen immer das Gesetz im Munde; aber was soll dabei herauskommen, frage ich? Weh tut's nicht, und das Ganze ist weiter nichts, als daß es einen Mann für die Dauer zweier Gläser an den Fersen festhält.«

»Wie, es täte nicht weh, Benny Pump?« versetzte Natty, die Augen mit einem kläglichen Gesicht zu dem Hausmeister aufrichtend, »es täte nicht weh, einen einundsiebzigjährigen Mann wie einen Bären den Ansiedlern zur Schau hinzustellen? Es sollte nicht weh tun, wenn man einen alten Soldaten, der den Krieg von Sechsundfünfzig mitgemacht und sechsundsiebzigmal dem Feind gegenübergestanden hat, an einen solchen Ort steckt, wo die Jungen mit Fingern auf ihn weisen und sagen können: ›Ich habe es selbst mit angesehen, wie er dem Bezirk zu einem Spektakel diente?‹ Es sollte nicht weh tun, das Ehrgefühl eines Mannes, der sich keines Unrechts bewußt ist so zu kränken, daß man ihn wie eine Bestie des Waldes behandelt?«

Benjamin stierte wild um sich, und hätte er nur ein einziges Gesicht finden können, in welchem sich Hohn ausgesprochen hätte, so würde er sicher alsbald mit dem Eigentümer desselben Streit angefangen haben; da er aber überall nur auf nüchterne und hin und wieder sogar auf bedauernde Blicke traf, so setzte er sich ganz bedächtig an der Seite des Jägers nieder, steckte seine Füße in die beiden leeren Löcher des Stocks und sagte:

»Nun, laßt herab, Meister Konstabler, laßt herab, sag' ich Euch! Wenn es hierherum so eine Art von Mann gibt, der einen Bären zu sehen wünscht, so soll er herkommen: der Teufel hole ihn, er wird deren zwei finden, und darunter vielleicht einen, der ebensogut beißen kann wie brummen.«

»Aber ich habe keinen Befehl, Euch in den Stock zu sperren, Herr Pump«, rief der Konstabler. »Geht heraus und hindert mich nicht an meiner Pflicht.«

»So erhaltet Ihr jetzt meinen Befehl, und was habt Ihr Euch weiter um meine Füße zu bekümmern? Schließt den Deckel zu, sage ich, und laßt mich den Mann sehen, der das Maul darüber verzieht.«

»Nun, es geschieht niemand ein Leid damit, wenn man einen Menschen einsperrt, der selber in den Pferch will«, entgegnete der Konstabler lachend und schloß den Stock über beiden.

Es war ein Glück, daß dies schnell ausgeführt wurde; denn als die Gesamtmasse der Zuschauer Benjamin in seiner neuen Lage erblickte, regte sich unter ihr eine Neigung zur Heiterkeit, die nur wenige zu unterdrücken der Mühe wert achteten. Der Hausmeister kämpfte sich gewaltig ab, seine Freiheit wiederzuerlangen, augenscheinlich in der Absicht, mit den zunächst Stehenden einen Kampf zu beginnen; der Schlüssel war aber bereits umgedreht und daher alle seine Anstrengung vergeblich.

»Hört, Meister Konstabler«, rief er, »tut mir Eure Fußschellen für einen Augenblick auf, damit ich diesen Halunken zeigen kann, wer es ist, über den sie sich lustig machen.«

»Nein, nein, Ihr wolltet hinein, und so müßt Ihr ausharren«, entgegnete der Gerichtsdiener, »bis die Zeit um ist, die der Richter für den Gefangenen bestimmt hat.«

Als Benjamin fand, daß sein Sträuben und seine Drohungen nicht fruchteten, bewies er Verstand genug, sich die Ergebung seines Gefährten zum Muster dienen zu lassen, weshalb er sich an Nattys Seite ganz ruhig verhielt, obgleich er nicht umhin konnte, in seinen harten Züge einen Ausdruck von Verachtung zu legen, welcher zeigte, daß sein Zorn einem anderen Gefühl gewichen war. Sobald sich die ungestüme Aufregung des Hausmeisters einigermaßen gelegt hatte, wandte er sich an seinen Mitgefangenen, und mit einer Erregung, die einen noch stärkeren Gefühlserguß gerechtfertigt hätte, versuchte er sich in dem menschenfreundlichen Amt des Trösters.

»Im Grunde genommen hat die Sache nicht viel auf sich, Meister Bumppo«, sagte er. »Ich habe an Bord der Boadishey ganz prächtig Leute mit den Fersen festliegen sehen, und zwar für weiter nichts als weil sie vielleicht vergessen hatten, daß sie ihre Portion schon getrunken hatten, als ihnen ein Glas Grog in den Weg kam. Die Sache kommt mir nicht anders vor, als wenn man vor zwei Ankern reitet und in einem stillen Wasser, wo man noch Raum genug hat, die Klüsen zu fegen, auf das Eintreten der Flut oder auf günstigen Wind wartet. Ich habe, wie gesagt, manchen Mann um einen solchen Rechnungsfehler an Bug und Stern vor Anker liegen sehen, wo er nicht einmal seine Breitseite umdrehen konnte, und vielleicht noch obendrein mit einem Stopfer vor der Zunge in der Form eines quer unter der Nase weggezogenen Pumpstocks, ganz wie eine Backspier längs dem Geländer des Heckbords.«

Der Jäger wußte augenscheinlich seinem Gefährten Dank für die freundliche Absicht, obgleich er dessen Worte nicht verstand; er versuchte daher zu lächeln, erhob sein demütiges Antlitz und fragte:

»Wie?«

»Ich sage, es ist weiter nichts als eine kleine Bö, die bald ausgeblasen hat«, fuhr Benjamin fort. »Eurem langen Kiel muß es ohnehin nichts ausmachen, obgleich sie bei meinem ziemlich kurzen Untergebälk meine Hieling in einer Weise aufgeholt haben, daß das Fahrzeug ziemlich schräg steht. Aber was kümmere ich mich darum, Meister Bumppo, ob das Schiff ein bißchen am Anker zerrt? Es ist ja nur für eine Hundewache, und hol mich der Teufel, wenn es nicht mit Euch segelt, sobald Ihr nach den besagten Bibern kreuzt. Ich verstehe mich nicht sonderlich auf das kleine Gewehr, da ich etwas zu niedrig aufgetakelt bin, um über die Hängematte wegzusehen, und nur bei der Munitionskammer angestellt war; aber seht, ich kann das Wild tragen und auch vielleicht bei den Schlingen Hand anlegen; und wenn Ihr Euch nur halbwegs so auf Euer Geschäft versteht wie auf die Führung der Bootshaken, so wird unsere Kreuzfahrt bald vorüber sein. Ich habe diesen Morgen mit Squire Dickens die Rahen ins Kreuz gebracht und will ihm sagen lassen, daß er meinen Namen aus den Büchern ausstreichen soll, bis unser Kreuzen vorüber ist.«

»Ihr seid an den Aufenthalt unter Menschen gewöhnt, Benny«, sagte Lederstrumpf traurig, »und das Leben in den Wäldern würde Euch schwer ankommen, wenn – –«

»Nicht im geringsten – nicht im geringsten!« rief der Hausmeister. »Ich bin keiner von jenen Schönwetter-Kunden, Meister Bumppo, die bloß im glatten Wasser fahren. Wenn ich einen Freund finde, seht Ihr, so bleibe ich bei ihm liegen. So gibt es zum Beispiel keinen besseren Mann als Squire Dickens, und ich halte ebensoviel auf ihn wie auf Frau Hollisters neues Jamaikatönnchen –«

Der Hausmeister hielt inne, wandte sein unschönes Gesicht dem Jäger zu, betrachtete ihn mit einem schelmischen Blinzeln und verzog die Muskeln seiner harten Züge zu einem freundlichen Grinsen, bis die weißen Zähne zum Vorschein kamen, worauf er leiser beifügte: »Ich sage Euch, Meister Lederstrumpf, er ist frischer und lieblicher als der Holländer, den sie von Garnsey heraufbringen. Aber wir wollen hinüberschicken und bei dem Weibsbild ein Schlücklein holen lassen; denn ich fühle mich in diesen Strümpfen so beengt, daß ich glaube, es ist etwas nötig, um in meinem Obergestell einzuheizen.«

Natty seufzte und sah auf die Menge, die sich allmählich zu zerstreuen begann und bereits sehr abgenommen hatte, da die meisten ihren Geschäften nachgegangen ware. Er warf Benjamin einen ernsten Blick zu, ohne etwas zu erwidern; eine tiefwurzelnde Beklommenheit schien jedes andere Gefühl aufzuzehren und ein schwermütiges Dunkel über seine Züge zu werfen, in denen sich der innere Kampf des Mannes aussprach.

Der Hausmeister war geneigt, nach dem alten Grundsatz, daß Schweigen Zustimmung bedeutet, zu handeln, als Hiram Doolittle, von Jotham begleitet, aus dem Haufen auftauchte und quer über den freien Platz ging. Die Magistratsperson näherte sich dem Ende des Stocks, wo Benjamin saß, und pflanzte sich in sicherer Entfernung dem Angesicht Lederstrumpfs gegenüber auf. Die scharfen Blicke, welche Natty nach Hiram schoß, schienen den Ehrenmann für einen Augenblick einzuschüchtern und in eine Verlegenheit zu setzen, die ihm sonst fremd war. Als er sich jedoch einigermaßen gesammelt hatte, sah er nach dem Himmel auf und dann nach der dunstigen Atmosphäre, worauf er, als sei er nur zufällig mit einem Freund zusammengetroffen, in seiner förmlichen und zögernden Weise zu sprechen begann:

»Der Regen ist in der letzten Zeit selten gewesen; ich denke, wir werden eine lange Dürre behalten.«

Benjamin war eben mit dem Aufknüpfen seines Geldbeutels beschäftigt und bemerkte die Annäherung der Magistratsperson nicht, während Natty, ohne zu antworten, sein Gesicht, in dem jeder Muskel Abscheu ausdrückte, abwandte. Durch diese Äußerung des Widerwillens eher ermutigt als eingeschüchtert, fuhr Hiram nach einer kurzen Pause fort:

»Die Wolken sehen aus, als ob sie kein Wasser enthielten, und die Erde klafft in schrecklichen Spalten. Soviel ich von der Sache verstehe, wird die Ernte in diesem Sommer schmal ausfallen, wenn wir nicht bald Regen bekommen.«

Die Miene, mit der Herr Doolittle diese Prophezeiung machte, war von der Art, wie man sie bei einem solchen Schlag Menschen findet, jesuitisch, kalt, gefühllos, selbstsüchtig, und schien dem Mann, den er so grausam verletzt hatte, zu sagen: »Ich habe mich in den Schranken des Gesetzes gehalten.« Dies war zuviel für den Zwang, den sich der alte Jäger bisher auferlegt hatte, und ein Glutstrom des Unwillens brach aus ihm hervor.

»Warum sollte Regen aus den Wolken fallen«, rief er, »da Ihr Tränen preßt aus den Augen der Alten, Armen und Kranken? Weg mit dir! – Weiche von hinnen! Du magst nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sein, aber der Satan wohnt in deinem Herzen. Fort, sage ich, fort! Mein Herz ist voll Leid, und dein Anblick gießt Galle hinein.«

Benjamin hörte jetzt mit Geldzählen auf und erhob im selben Augenblick seinen Kopf, als sich Hiram, der bei den Worten des Jägers seine Vorsicht vergessen hatte, unglücklicherweise in den Bereich des Hausmeisters wagte, der alsbald mit eherner Faust den Friedensrichter bei einem Bein faßte und ihn in die Höhe wirbelte, noch ehe er Zeit hatte, sich zu besinnen oder von den Kräften, die er wirklich besaß, Gebrauch zu machen. Benjamins Kopf, Schultern und Arme waren gehörig proportioniert, obgleich der übrige Teil seines Körpers ursprünglich für einen andern Mann berechnet zu sein schien, und er wandte seine Leibeskräfte beim gegenwärtigen Anlaß mit vieler Umsicht an. Da er von vornherein seinen Gegner bedeutend in Nachteil gebracht hatte, so endigte der Kampf bald damit, daß sich die Magistratsperson in einer ähnlichen Stellung wie er selbst befand und die beiden Streiter männlich einander gegenüber saßen.

»Ihr seid mir ein sauberer Vetter, das kann ich Euch sagen, Meister Tu-nur-wenig«, brüllte der Hausmeister; »ja, Ihr seid mir ein sauberer Vetter. Ich kenne Euch wohl, Ihr mit Euren Gutwettersprüchen ins Angesicht des Squire Dickens, während Ihr ihm nur den Rücken kehrt, um bei allen alten Weibern des Fleckens über ihn zu räsonieren. Ist es nicht genug für einen Christenmenschen, mag er auch noch so wenig Böses in seinem Herzen tragen, einen ehrlichen alten Kerl in dieser neumodischen Weise an den Fersen zu halten? Müßt Ihr auch noch an dem armen Teufel so hart vorbeisegeln, als ob Ihr ihn vor seinen Ankern in den Grund bohren wolltet? Aber ich habe manche schöne Rechnung gegen Euren Namen ins Logbuch eingetragen, Meister, und nun ist die Zeit gekommen, die Sache auf einmal mit Euch ins reine zu bringen. Braßt Euch also, Ihr Schlingel, braßt Euch, und wir wollen sehen, wer über den andern Herr wird!«

»Jotham!« schrie die erschreckte Magistratsperson, »Jotham! ruft die Konstabler herbei. Herr Penguillum, ich gebiete Frieden – ich befehle Euch, den Frieden zu halten.«

»Es hat schon längst mehr Frieden als Liebe zwischen uns obgewaltet, Meister«, rief der Majordomo, indem er etliche sehr unzweideutige, feindselige Demonstrationen machte. »Nehmt Euch zusammen, braßt Euch! Wie schmeckt dieses bißchen von einem Schmiedehammer?«

»Legt Hand an mich, wenn Ihr das Herz habt!« rief Hiram, so gut es ihm unter dem Griff, womit der Hausmeister seine Kehle umfaßte, möglich war, »legt Hand an mich, wenn Ihr das Herz habt!«

»Wenn das kein Handanlegen ist, Meister, so weiß ich nicht, was Ihr darunter versteht«, brüllte Benjamin.

Wir sehen uns in die unangenehme Notwendigkeit versetzt zu berichten, daß die Handlungen des Majordomo jetzt sehr gewalttätig wurden; denn er ließ seinen Schmiedehammer mächtig auf dem Amboß von Herrn Doolittles Gesicht arbeiten, und der Platz wurde im Augenblick ein Schauspiel des Schreckens und der Verwirrung. Die Menge schloß einen engen Kreis um den Stock, während einige nach dem Gerichtssaal eilten, um Lärm zu schlagen, und einige der Jüngern einen Wettlauf begannen, um zu sehen, wer so glücklich sein würde, der Gattin des unglücklichen Friedensrichters zuerst die kritische Lage ihres Mannes mitzuteilen.

Benjamin arbeitete emsig und mit großer Geschicklichkeit fort, indem er die eine Hand dazu benutzte, seinen Gegner aufrechtzuerhalten, während er mit der andern forthämmerte; denn er hätte es für unter seiner Würde gehalten, nach einem gefallenen Feind einen Schlag zu führen. Infolge dieser bedächtigen Vorkehrung hatte er Mittel gefunden, Hirams Gesicht ganz aus seiner Form zu klopfen, als es endlich Richard gelang, sich durch das Gedränge einen Weg nach dem Kampfplatz zu bahnen. Der Sheriff erklärte nachher, das ihm, abgesehen von der Kränkung, die ihm, als dem Bewahrer des Friedens, durch eine solche Handlung in der Grafschaft widerfahren, in seinem Leben nie etwas so weh getan habe, als daß er Zeuge dieses Einigkeitsbruchs zwischen seinen Günstlingen sein mußte. Hiram war gewissermaßen seiner Eitelkeit notwendig geworden und den Hausmeister, so sonderbar es auch scheinen mag, liebte er wirklich. Diese Zuneigung äußerte sich in den ersten Worten, welche ihm diese Szene entlockte:

»Squire Doolittle! Squire Doolittle! Muß ich mich nicht schämen, einen Mann von Eurem Amt und Charakter so weit sich vergessen zu sehen, daß er den Frieden bricht, den Gerichtshof beleidigt und den armen Benjamin in dieser Weise mißhandelt!«

Bei dem Ton von Herrn Jones' Stimme hielt der Hausmeister in seinem Geschäft inne und ließ Hiram Gelegenheit, sein mißhandeltes Gesicht dem Vermittler zuzukehren. Durch die Anwesenheit des Sheriffs ermutigt, nahm Doolittle abermals die Zuflucht zu seinen Lungen.

»Das Gesetz muß dagegen einschreiten!« rief er verzweifelt, »das Gesetz soll mir Genugtuung dafür verschaffen! Ich fordere Sie auf, Herr Sheriff, diesen Mann zu ergreifen, und verlange, daß Sie ihn ins Gefängnis bringen.«

Inzwischen hatte sich Richard über den wahren Tatbestand unterrichtet, weshalb er sich mit vorwurfsvollem Ton an den Hausmeister wandte:

»Benjamin«, begann er, »wie seid Ihr in den Stock gekommen? Ich habe immer geglaubt, Ihr wäret so mild und lenksam wie ein Lamm, und aus keinem anderen Grunde standet Ihr so hoch in meiner Achtung. Benjamin! Benjamin! Ihr habt durch dieses schamlose Benehmen nicht nur Euch selbst, sondern auch Euren Freunden Schande gemacht. Gott steh' uns bei, Herr Doolittle, es scheint, er hat Euch Euer Gesicht ganz auf die eine Seite geschlagen.«

Hiram hatte sich unterdes auf die Beine geholfen, und sobald er sich außer Reichweite des Hausmeisters befand, brach er ungestüm los und erklärte, daß er Rache verlange. Die Beleidigung war zu offen vorgegangen, um ohne Beachtung bleiben zu können, und der Sheriff, eingedenk der Unparteilichkeit, die sein Vetter in der kürzlichen Verhandlung gegen Lederstrumpf an den Tag gelegt hatte, sah die peinliche Notwendigkeit ein, seinen Majordomo ins Gefängnis zu stecken. Die zu Nattys öffentlicher Ausstellung im Stock bestimmte Stunde war inzwischen abgelaufen, und als Benjamin hörte, daß sie wenigstens für die erste Nacht im gleichen Gelaß eingesperrt werden sollten, ließ er sich die Maßregel ohne besondere Widerrede gefallen, wie er sich denn auch nicht einmal Bürgschaft zu leisten erbot, obgleich er, als ihn der Sheriff an der Spitze der ihn umgebenen Konstabler nach dem Gefängnis führte, folgende Vorstellung laut werden ließ:

»Ich mache mir wenig daraus, mit Meister Bumppo eine Nacht oder so etwas seine Koje zu teilen, Squire Dickens; denn ich betrachte ihn als einen ehrlichen Mann, der ganz geschickt mit dem Bootshaken und der Büchse umzugehen weiß. Ich behaupte aber, daß es gegen alle Vernunft und alles Christentum ist, wenn man sagt, ein Mann verdiene etwas Schlechteres als eine doppelte Portion Rum dafür, daß er jenem Zimmermann das Gesicht auf eine Seite geklopft hat, wie Sie es nennen. Wenn es einen Blutsauger im Lande gibt, so ist es niemand anders als dieser Kerl. Ja, ich kenne ihn, und wenn der Spitzbube nicht von Holz ist, so wird er von mir erzählen können. Was liegt denn so mächtig Arges darin, Squire, daß Sie sich die Sache so zu Herzen nehmen? Sehen Sie, es ging gerade dabei zu wie in einer andern Schlacht: Breitseite an Breitseite, nur daß ich dabei vor Anker lag, wie es uns auch einmal in Port Praya ging, als der Souverän über uns kam; aber wir haben ihm seine Souveränität verleidet, ehe er wieder ausfuhr.«

Richard hielt es nicht seiner Würde gemäß, auf diese Anrede etwas zu erwidern, und sobald seine Gefangenen sicher in einem der äußeren Kerker untergebracht und seinem Befehl gemäß die Riegel vorgeschoben waren, entfernte er sich.

Benjamin plauderte während des Nachmittags oft mit den Vorübergehenden durch das Eisengitter; sein Gefährte jedoch durchschritt den engen Raum mit raschen ungeduldigen Tritten, wobei er niedergeschlagen den Kopf auf die Brust heruntersinken ließ; nur hin und wieder erhob er ihn auf Augenblicke nach den Müßiggängern am Fenster, und dann mochte wohl ein Ausdruck der kindischen Vergeßlichkeit des Alters seine Züge überfliegen, der aber schnell wieder einer tiefen Beklommenheit Platz machte.

In der abendlichen Dämmerung bemerkte man Edwards in ernster Zwiesprache mit seinem Freund am Fenster, und er mochte dem alten Jäger wohl Worte des Trostes gebracht haben; denn sobald er sich entfernt hatte, warf sich Natty auf sein Lager und war bald in tiefen Schlaf versunken.

Die neugierigen Zuschauer hatten endlich auch die Redseligkeit des Majordomo, der mit der Hälfte seiner Bekanntschaft auf gute Kameradschaft getrunken, erschöpft, und als Natty nicht länger in Bewegung war, und Billy Kirby, der als letzter am Fenster gewesen, um acht Uhr sich nach dem Templetoner ›Kaffeehaus‹ zurückgezogen hatte, erhob sich der alte Jäger noch einmal, um eine Decke vor die Öffnung zu hängen, worauf sich die Gefangenen zur Ruhe begaben.

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