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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
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XXXII

 

Die Erde maß er und die Bahn der Sterne,
Der Monden Lauf, auf unbegrenzte Ferne.

Pope

 

Richard kehrte erst in der Nacht des folgenden Tages von der Erfüllung seiner amtlichen Obliegenheiten zurück. Es war ein Teil seines Geschäftes gewesen, die Verhaftung einer Falschmünzerbande zu beaufsichtigen, die schon in jener frühen Periode sich in die Wälder vergraben hatte, um daselbst ihr schlechtes Geld auszuprägen und es nachher von einem Ende der Union bis zum anderen in Umlauf zu setzen. Diese Amtsreise war erfolgreich gewesen, und der Sheriff zog ungefähr um Mitternacht an der Spitze einer bewaffneten Macht von Gerichtshelfern und Konstablern, die vier gebundene Übeltäter in ihrer Mitte hatte, im Dorf ein. Am Tor des Herrenhauses trennte man sich, nachdem Herr Jones seine Beistände beauftragt hatte, ihre Gefangenen in das Bezirksgefängnis abzuliefern, worauf der Sheriff mit einer Art von Selbstzufriedenheit, wie sie ein Mann von seinem Schlage wohl empfinden mag, wenn er einmal etwas wirklich sehr Verständiges ausgeführt hat, den Kiesweg hinanschritt.

»Holla! Aggy!« schrie Richard, als er die Tür erreichte – »Wo bist du, du schwarzer Schlingel? Soll ich denn im Freien übernachten? Holla! Aggy! Brave! Brave! Ho, ho, wo bist du hingekommen, Brave? Er ist nicht auf seinem Posten! Alle Welt schläft; nur ich armer Teufel muß die Augen offenhalten, damit andere sicher schlummern mögen. Brave! Brave! Nun, so träge auch der Hund geworden ist, so muß ich ihm doch nachsagen, daß ich jetzt zum erstenmal sehe, wie er jemand zur Nachtzeit der Tür nahe kommen läßt, ohne ihn zu beschnuppern, um ausfindig zu machen, ob er ein ehrlicher Mann sei oder nicht. Seine Nase führte ihn dabei fast so sicher wie mich mein Auge. Holla! Agamemnon! wo bist du? Ah! da kommt der Hund endlich.«

Der Sheriff war inzwischen abgestiegen, und sah auch eine Gestalt, die er für Brave hielt, langsam aus der Hütte kriechen, als sich dieselbe plötzlich zu seinem großen Erstaunen statt auf vier Beine auf zwei aufrichtete, und er im Sternenlicht den krausen Kopf und das schwarze Gesicht des Negers unterscheiden konnte.

»Ha! was zum Teufel, machst du hier, du schwarzer Schuft?« rief er. »Ist's in dieser warmen Nacht für dein Guineablut im Hause nicht heiß genug, sondern mußt du auch noch den armen Hund vertreiben, um in seinem Stroh zu schlafen?«

Unterdessen war der Bursche ganz wach geworden, und versuchte es nun, heulend seinem Herrn zu antworten:

»Oh! Massa Richard! Massa Richard! solch ein Ding! solch ein Ding! Ich nie denken, es konnt sein! Nie denken, er sterben! Ach Gott! Ist nicht begraben – ihn aufgehoben, bis Massa Richard zurück sein – ein Grab gegeben – –«

Hier gewannen die Gefühle des Negers vollständig die Oberhand und statt die Ursachen seines Schmerzes deutlich auseinanderzusetzen, heulte er nur laut hinaus.

»Wie? Was? Begraben? Grab? Tod?« rief Richard, mit einem Zittern in seiner Stimme. »Doch nichts Ernstliches? Hoffentlich ist Benjamin nichts begegnet? Ich weiß, er hatte eine belegte Zunge, aber ich gab ihm – –«

»Oh! schlimmer als das!« schluchzte der Neger. »Ach Gott! Miss Lizzy und Miss Grant – spazieren gehen – Berg – armer Brave! Umbringen ein junger Panther – Ach Gott! ach Gott! – Natty Bumppo – Hals abbeißen – kommen und sehen, Massa Richard – hier er sein – hier er sein.«

Da dies alles dem Sheriff völlig unerklärlich war, so mußte er sich schon gedulden, bis der Schwarze eine Laterne aus der Küche geholt hatte; nun folgte er Aggy zu der Hundehütte, wo er den armen Brave mit Blut befleckt, steif und kalt, aber anständig mit dem Mantel des Negers bedeckt, liegen sah. Er war im Begriff, weitere Erklärungen zu verlangen; aber der Schmerz des Schwarzen, der bei seiner freiwillig übernommenen Totenwache eingeschlafen war, brach aufs neue los, so daß von seiner Seite aus nichts derart zu erwarten stand. Zum Glück öffnete sich in diesem Augenblick die Haupttür des Hauses, und auf der Schwelle zeigte sich die derbe Gestalt Benjamins, der sein Licht in einer Weise in die Höhe hielt, daß es seine Züge grotesk beleuchtete. Richard warf den Zügel dem Schwarzen zu, befahl ihm, das Pferd zu versorgen, und trat in den Hausflur.

»Was ist's mit dem toten Hund?« rief er. »Wo ist Miss Temple?«

Benjamin machte eine seiner plumpen Gebärden, indem er mit dem Daumen seiner linken Hand über die rechte Schulter deutete, und antwortete: »Wohl aufgehoben.«

»Und wo ist Richter Temple?«

»In seiner Koje.«

»Aber erklärt mir, warum ist Brave tot, und warum benimmt sich Aggy so ungebärdig?«

»Ei, das ist alles dort aufgeschrieben, Squire«, sagte Benjamin, indem er auf eine Schiefertafel deutete, die neben einem Branntweinkrug, einer kurzen, noch brennenden Pfeife und einem Gebetbuch lag.

Es gehörte unter anderem auch zu Richards Liebhabereien, über alles, was vorfiel, ein Register zu führen; sein Tagebuch, das so ziemlich die Form und Einrichtung eines Logbuchs hatte, enthielt nicht nur Begebenheiten, die ihn selbst berührten, sondern auch Wetterbeobachtungen und alles andere, was sich in der Familie oder wohl auch im Dorf zutrug. Seitdem ihm das Amt des Sheriffs übertragen war, infolge dessen er häufig von Hause abwesend sein mußte, hatte er Benjamin den Auftrag erteilt, alles Denkwürdige auf einer Schiefertafel zu notieren, um es sodann nach seiner Heimkehr regelmäßig, nebst den geeigneten Bemerkungen über Zeit, Art und Weise und noch anderen kleinen Einzelheiten, dem Tagebuche einzuverleiben. Gegen solche Dienste fand von Benjamins Seite allerdings ein wesentlicher Einwurf statt, den nur Richards Genie zu beseitigen vermochte. Der Hausmeister konnte nämlich nichts lesen, als sein Gebetbuch, und auch dieses nur teilweise und nicht ohne Beihilfe vielen Buchstabierens, und was das Schreiben betraf, so hatte er nie mit der Feder einen Buchstaben gemalt. Dieser Umstand würde den Ehrenmann in den Augen der meisten Menschen für immer zur Führung eines Tagebuchs verdorben haben; aber Richard erfand eine Art hieroglyphischer Zeichenschrift, die alle gewöhnlichen Begebenheiten des Tages, – als da waren: die Richtung des Windes, ob die Sonne schien oder ob es regnete, die Stunden und so weiter – umfaßte; kam dann etwas Außerordentliches vor, so mußte der Sheriff dies dem Scharfsinn des Majordomo überlassen, nachdem er ihm zuvor allgemeine Anleitungen dafür gegeben hatte. Der Leser wird nun wohl begreifen, warum Benjamin, statt direkt auf des Sheriffs Frage zu antworten, nach der Tafel deutete, auf welcher der Tagesbericht verzeichnet war. Nachdem Herr Jones ein Glas Branntwein getrunken, holte er sein eigenes Tagebuch aus einem Versteck hervor, setzte sich an den Tisch und schickte sich an, den Inhalt der Schiefertafel aufs Papier zu übertragen, zu gleicher Zeit aber auch seine eigene Neugierde zu befriedigen. Benjamin legte vertraulich die eine Hand auf die Lehne des Stuhls, auf welchem der Sheriff saß, während er die andere freiließ, um den Zeigefinger, der ebenso krumm war wie seine Schriftzeichen, benutzen zu können, wenn es galt, deren Sinn zu erklären. Die erste Chiffre, welche der Sheriff betrachtete, war das Bild eines Kompasses, das zu permanentem Gebrauch am Ende der Schiefertafel eingegraben war. Die Hauptgegenden waren deutlich darauf angemerkt, und die übrigen Abteilungen in einer Weise gemacht, daß niemand, der einmal ein Schiff gesteuert, darüber in Irrtum geraten konnte.

»Ah!« sagte der Sheriff, indem er sich's in seinem Stuhl bequem machte, »ich sehe, wir hatten die ganze letzte Nacht Südostwind; ich dachte, er würde uns Regen zublasen.«

»Zum Henker, Sir, 's ist kein Tropfen gefallen«, entgegnete Benjamin. »Ich glaube, die Lukenrinnen über Deck sind leer; denn in den letzten drei Wochen ist in der Gegend nicht soviel Wasser heruntergekommen, um den Kahn des Indianers John schwimmen zu machen, und der ist doch so leicht, daß er mit einem Zoll Nichts statt Wassers davonfahren könnte.«

»Gut, aber ist der Wind nicht diesen Morgen umgeschlagen? An dem Ort wenigstens, wo ich war, fand ein Wechsel statt.«

»Freilich, Squire, aber habe ich nicht das Umschlagen des Windes bezeichnet?« »Ich sehe nichts, wo? Benjamin – –«

»Ei der Tausend!« fiel der Hausmeister etwas ungeduldig ein, »ist da nicht ein Zeichen gegen Ost und zu Nord-halb-Nord, mit so einer Art Bild wie eine aufgehende Sonne an seinem Ende, um anzuzeigen, daß es in der Morgenwache stattfand?«

»Ja ja, das ist sehr verständlich; aber wo ist denn der Wechsel angedeutet?«

»Wo? Ei, sehen Sie denn nicht hier diesen Teekessel mit einem Strich, der von dem Hahn aus gerade – nu, vielleicht auch ein bißchen krumm – gegen West und zu Süd-halb-Süd läuft? Das ist mein Zeichen für ein Umschlagen des Windes. Nun, sehen Sie diesen Boas, den Sie für mich an der Seite des Kompasses angebracht haben –«

»Ja, ja – den Boreas – ich sehe es. Ihr habt Linien von seinem Munde aus gezogen, die sich von dem einen Eurer Zeichen bis zu dem anderen erstrecken.«

»Das ist nicht meine Schuld, Squire Dickens, sondern die Eures verwünschten Klimas. Der Wind hat heute nach all diesen Marken geblasen, und da ging's ganz um den Kompaß herum, mit Ausnahme eines kleinen irischen Orkans gegen Mittag, den Sie rechts aufgezeichnet finden werden. Ich habe im Kanal einmal einen Südwester erlebt, der drei Wochen fort blies und von einem so klaren Regen begleitet war, daß Sie hätten Gesicht und Hände damit waschen können, ohne sich die Mühe nehmen zu müssen, Wasser über Bord zu holen.«

»Ganz recht, Benjamin«, entgegnete der Sheriff, indem er das Faktum in das Journal eintrug. »Ich glaube, ich habe deinen Gedanken aufgefaßt. Ah! da ist eine Wolke über der aufgehenden Sonne – ihr hattet wohl am Morgen Nebel?«

»Ja, ja, Sir«, antwortete Benjamin.

»Richtig! es ist Sonntag, und hier sind die Zeichen für die Länge der Predigt, eins, zwei, drei, vier – was? Hat Herr Grant vierzig Minuten gepredigt?«

»So etwas der Art; es war eine gute halbe Stunde nach meinem eigenen Glas, und dann ging Zeit verloren mit dem Umdrehen; auch gab ich ein bißchen zu für die Abtrift, da ich nicht ganz gewiß hierüber war.«

»Benjamin, das wäre so lang, als wenn ein Presbyterianer gepredigt hätte. Ihr könnt doch nicht zehn Minuten gebraucht haben, um das Glas umzudrehen?«

»Je nun, sehen Sie, Squire, der Pfarrer war sehr feierlich, und ich hatte eben meine Augen geschlossen, um besser über seine Worte nachdenken zu können, wie man ja auch die Nachtlichter mit Schirmen versieht, um alles behaglich zu machen, und als ich sie wieder öffnete, fand ich, daß die Versammlung im Heimgehen begriffen war. Ich schloß also, die zehn Minuten würden die Abtrift decken, nachdem das Glas aus war. Es war nur so etwas wie ein Katzenschlaf.«

»Aha! Meister Benjamin, Ihr seid also eingenickt! Doch ich will einem orthodoxen Geistlichen nicht die Schmach antun, dies niederzuschreiben.«

Richard notierte deshalb neunundzwanzig Minuten in seinem Tagebuch und fuhr sodann fort:

»Was ist denn das, was da neben zehn Uhr vormittags steht? Ein Vollmond! Habt Ihr bei Tag einen Mond gesehen? Es ist mir wohl früher solch ein Ereignis zu Ohren gekommen, doch – eh! was ist das nebenan? ein Stundenglas?«

»Das?« entgegnete Benjamin, indem er kaltblütig über des Sheriffs Schulter sah und mit spaßhafter Gebärde den Tabak im Mund hin und her rollte, »je nun, das ist eine kleine Bemerkung, die mich selber angeht. Es soll nämlich nicht den Mond, sondern Betty Hollisters Gesicht vorstellen, Squire; denn sehen Sie, ich hörte so etwas, als hätte sie eine neue Ladung Jamaikarum flußaufwärts erhalten, und so sprach ich denn diesen Morgen bei ihr vor – zehn Uhr steht also da? Ja, um diese Zeit muß es gewesen sein; denn ich war auf dem Gang nach der Kirche begriffen und versuchte ein Glas. Ich habe es ins Logbuch eingetragen, damit es mir nicht entfalle, es wie ein ehrlicher Mann zu bezahlen.«

»So, das ist's also?« sagte der Sheriff, etwas unwillig über diese Eintragung in seiner Notiztafel, »und konntet Ihr kein besseres Glas machen als dieses? Es sieht ja aus wie ein Totenkopf mit einem Stundenglas.«

»Ei, da mir der Stoff behagte, Squire«, versetzte der Hausmeister »so kehrte ich auf dem Heimweg wieder ein und nahm noch ein Glas zu mir, welches ich auf dem Boden des ersten ankreidete, und so hat das Ding diese Gestalt erhalten. Ich bin aber heute abend wieder dort gewesen und habe alles drei zugleich bezahlt, weshalb Euer Gnaden wohl mit dem Wischer darüber fahren mag.«

»Für solche Notizen will ich Euch eine eigene Schiefertafel kaufen, Benjamin«, entgegnete der Sheriff, »ich mag im Journal keine derartigen Aufzeichnungen haben.«

»Sie brauchen sich nicht zu bemühen, Squire, Sie brauchen sich nicht zu bemühen; denn da ich mit der Weibsperson wahrscheinlich noch oft in Verkehr treten werde, solange nämlich dieses Fest anhält, so bin ich mit Betty einen Borgvertrag eingegangen; sie macht ihre Zeichen an die Innenseite ihrer Schenkverschlagstür, und ich führe die Kontrolle mit diesem Kerbholz da.«

Bei diesen Worten brachte Benjamin ein Stück Holz zum Vorschein, an dem fünf sehr tiefe Kerben eingeschnitten waren. Der Sheriff blickte einen Moment auf dieses sinnreiche Kontobuch und fuhr dann fort:

»Was haben wir hier? Samstag nachmittag zwei Uhr – ei, das ist ja ein ganzes Familiengelage! Zwei Weingläser auf der Seite!«

»Die bedeuten zwei Frauenzimmer; das eine stellt Miss Lizzy vor, das andere ist des Pfarrers Tochter.«

»Base Elisabeth und Miss Grant?« rief der Sheriff verwundert. »Was haben denn diese mit meinem Tagebuch zu tun?«

»Sie hatten genug zu tun, um dem Rachen des Panthers da zu entrinnen«, sagte der unerschütterliche Hausmeister. »Dieses Ding hier, sehen Sie, Squire, das vielleicht wie eine Ratte aussieht, ist die Bestie, und das andere da, mit aufwärts gekehrtem Kiel, ist der arme alte Brave, der so nobel starb wie ein Admiral der für König und Vaterland ficht; und dies hier ist –«

»Eine Vogelscheuche«, unterbrach ihn Richard.

»Ei, es sieht vielleicht etwas wild aus«, fuhr der Hausmeister fort, »aber nach meinem Urteil, Squire, ist es das beste Bild, das ich je gemacht habe, weil es dem Mann am meisten ähnlich sieht; – es ist Natty Bumppo, welcher den Panther hier erschoß, der den Hund dort tot biß, und wahrscheinlich die jungen Damen da gefressen oder sonst getötet haben würde.«

»Und was zum Teufel soll all dies heißen?« rief Richard ungeduldig.

»Was es heißen soll?« wiederholte Benjamin. »Es ist so wahr wie das Logbuch der Boadishey – –«

Er wurde hier durch den Sheriff unterbrochen, der jetzt einige direkte Fragen an ihn stellte und auf diesem Wege hinreichend verständliche Antworten erhielt, um sich eine ziemlich richtige Vorstellung von dem Tatbestand machen zu können. Als das Erstaunen, und – wir müssen Richard Gerechtigkeit widerfahren lassen – auch die Erschütterung, die durch diese Erzählung geweckt worden, einigermaßen nachließen, wandte der Sheriff seine Augen abermals auf die Tafel, wo ihm noch weitere unerklärliche Hieroglyphen entgegentraten.

»Was haben wir noch? Zwei boxende Männer? Hat ein Friedensbruch stattgefunden? Ja, so geht's wenn ich dem Flecken nur einen Augenblick den Rücken zukehre – –«

»Das ist der Richter und der junge Herr Edwards«, fiel ihm der Hausmeister ganz kavaliermäßig ins Wort.

»Wie? Duke im Kampf mit Oliver? Was Teufels ist denn in euch alle gefahren? Hat sich doch in den letzten sechsunddreißig Stunden mehr zugetragen als in den verwichenen sechs Monaten zusammengenommen!«

»Ja, so ist's in der Tat, Squire«, entgegnete der Majordomo. »Ich habe einmal ein schmuckes Jagdschiff gesehen und ein Gefecht auf seinem Hinterteil, das nicht so viel in sein Logbuch brachte, wie ich hier auf dieser Schiefertafel habe. Es kam jedoch diesmal nicht zu Tätlichkeiten: sie haben nur ein bißchen das Maul gegeneinander gebraucht.«

»Nur fort! nur fort!« rief Richard. »Es war wegen der Minen – ja, ja, ich sehe es, ich sehe es; hier ist ein Mann mit einer Haue auf seiner Schulter. Ihr hörtet also alles mit an, Benjamin?«

»Ich weiß nicht, was sie für Mienen dabei machten, Squire«, erwiderte der Hausmeister, »aber so viel kann ich sagen, daß sie sich sehr offen gegeneinander aussprachen. Ich habe allerdings ein Stückchen davon mitangehört; denn die Fenster standen offen, und ich befand mich ganz in der Nähe. Aber das hier ist keine Haue, sondern ein Anker, den ein Mann auf der Schulter trägt; der andere Haken läuft auf dem Rücken herunter, freilich etwas zu nahe; das bedeutet, daß der Junge in See gestochen ist und seinen Hafen mit dem Rücken angesehen hat.«

»So? Hat also Edwards das Haus verlassen?«

»Ja.«

Richard fuhr in dieser Weise fort, und nach einem langen und ausführlichen Verhör gelang es ihm, alles aus Benjamin herauszuholen – nicht nur das, was dieser von der stattgehabten Zwistigkeit wußte, sondern auch den Versuch, Nattys Hütte zu visitieren, und Hirams Niederlage. Der Sheriff war kaum im Besitz dieser Tatsachen, die Benjamin mit aller möglichen Rücksicht für Lederstrumpf berichtete, als er seinen Hut aufnahm, dem erstaunten Hausmeister befahl, die Türen zu schließen und zu Bett zu gehen, und das Haus verließ.

Richard war schon eine Weile verschwunden, als Benjamin noch immer mit in die Seite gestemmten Armen und die Augen fest auf die Tür gerichtet dastand; endlich erholte er sich jedoch einigermaßen von seiner Verblüffung und schickte sich an, den erhaltenen Befehlen nachzukommen.

Es ist bereits gesagt worden, daß das Bezirksgericht, über welches Marmaduke Temple den Vorsitz führte, am folgenden Morgen seine regelmäßige, periodische Sitzung abhalten sollte. Richards Begleiter waren Gerichtsdiener, die sowohl ihr durch die Sitzungen nötig gewordener Dienst als auch der Gefangenentransport nach dem Dorf gebracht hatte, und der Sheriff kannte ihre Gewohnheiten zu gut, um nicht überzeugt zu sein, daß er die meisten, wo nicht alle von ihnen, in dem Restaurationszimmer des Gefängnisses finden würde, wo sie die Eigenschaften des kerkermeisterlichen Branntweins besprachen. Er nahm daher seinen Weg durch die schweigsamen Straßen des Dorfes unmittelbar nach dem kleinen und unsicheren Gebäude, das alle Schuldner nebst einigen Verbrechern des Bezirks barg und wo für unkluge Prozeßkrämer Recht gesprochen wurde, die einfältig genug waren, zwei Dollars wegzuwerfen, um von ihren Nachbarn einen zu erhalten. Die Ankunft von vier Übeltätern unter der Bewachung von einem Dutzend Polizeibeamten war damals in Templeton ein Ereignis, und als der Sheriff bei dem Gefängnis anlangte, wies alles darauf hin, daß seine Untergebenen im Sinn hatten, die Nacht zu durchzechen.

Der Wink des Sheriffs brachte zwei seiner Gehilfen an die Tür, die ihrerseits sechs oder sieben der Konstabler auswählten. Mit dieser Macht versehen, ging Richard durch das Dorf auf das Seeufer zu, ohne daß die Stille der nächtlichen Wanderung durch andere Laute unterbrochen wurde als hier und da durch das Bellen eines durch die gemessenen Schritte der Polizeimannschaft beunruhigten Kettenhundes oder durch das leise Gemurmel des Häufleins, das einige behutsame Fragen und Antworten hinsichtlich des Zwecks seiner Expedition wechselte. Als sie die kleine hölzerne Brücke, die über den Susquehanna führte, hinter sich hatten, bogen sie von der Straße ab und nach dem Felde ein, welches der Schauplatz des Sieges über die Tauben gewesen war. Von hier aus folgten sie ihrem Führer in das niedrige Fichten- und Kastaniengebüsch, das längs der Seeufer, wo der Pflug die Bäume noch nicht verdrängt hatte, aufschoß, und bald betraten sie den Wald selbst. Hier machte Richard halt und sammelte seine Schar um sich.

»Ich habe euern Beistand aufgeboten, meine Freunde«, begann er leise, »um Nathanael Bumppo, gemeiniglich Lederstrumpf genannt, zu verhaften. Er hat eine Magistratsperson tätlich mißhandelt und sich der Vollziehung eines Haussuchungsbefehls widersetzt, wobei er das Leben eines Konstablers mit seiner Büchse bedrohte. Mit einem Wort, meine Freunde, er hat das Beispiel einer Auflehnung gegen die Gesetze gegeben und ist somit gewissermaßen vogelfrei. Da noch außerdem der Verdacht anderer Vergehen gegen Privatrechte auf ihm lastet, so erachte ich es für meine Pflicht, kraft meines Amts als Sheriff besagten Bumppo noch in dieser Nacht festzunehmen und in das Bezirksgefängnis zu bringen, damit er zur Stelle sei, für diese schweren Anklagen in der morgigen Sitzung Rede zu stehen. Um dies zu vollziehen, meine Freunde und Mitbürger, bedarf es des Mutes und der Vorsicht – des Mutes, damit ihr euch nicht durch irgendwelche gesetzlose Versuche dieses Mannes, der uns vielleicht mit seiner Büchse Widerstand leistet, einschüchtern laßt; und der Klugheit, die hier besonders in Vorsicht bestehen muß, damit er nicht unserem plötzlichen Angriff entrinne; auch sind noch weitere gute Gründe vorhanden, die ich hier nicht zu erwähnen brauche. Ihr werdet daher seine Hütte umzingeln und auf meinen lauten Ruf ›vorwärts‹ vordringen, seine Wohnung mit Gewalt öffnen und ihn zum Gefangenen machen, noch ehe der Verbrecher zur Überlegung Zeit findet. Verteilt euch daher zu diesem Zweck, während ich mit einem Gehilfen ans Ufer hinuntersteige, um diesen Punkt zu bewachen. Ich werde mich unter dem Damm vor der Hütte aufstellen, wohin alle Mitteilungen an mich persönlich zu ergehen haben.«

Diese Rede, die Richard auf dem Herweg ausstudiert, hatte die Wirkung aller ähnlichen rhetorischen Produktionen – nämlich die, seinen Streitern die Gefahr des Unternehmens recht lebhaft zu Gemüte zu führen. Die Männer verteilten sich, indem sich die einen tiefer in den Wald zogen, um ohne Aufsehen zu ihren Posten zu gelangen, und die anderen vorwärts schritten, aber so langsam, daß der Zug recht wohl Ordnung halten konnte; überhaupt waren alle Vorkehrungen so getroffen, daß man den Angriff eines Hundes abschlagen oder aber einer Büchsenkugel ausweichen konnte. Es war ein Augenblick der ängstlichen Erwartung und des gespanntesten Interesses.

Sobald der Sheriff glaubte, es sei nun Zeit genug verflossen, um es der Exekutionsmannschaft möglich zu machen, die angewiesenen Posten einzunehmen, unterbrach seine Stimme das Schweigen des Waldes, indem sie das Losungswort brüllte. Die Töne spielten unter den Bogen der Bäume in hohlen Kadenzen hin; aber als der letzte Laut verklungen war, ließ sich statt des erwarteten Hundegeheuls nichts anderes vernehmen als das Krachen einknickender, trockener Baumzweige unter den Füßen der vorrückenden Polizeibeamten. Doch auch dieses hörte, wie infolge allgemeiner Übereinkunft, bald auf, und nun gewannen bei dem Sheriff Neugierde und Ungeduld so vollständig die Oberhand über die Klugheit, daß Richard den Damm hinauf eilte und in einem Augenblick auf dem kleinen, gelichteten Grund vor der Stelle stand, wo Natty so lange gelebt hatte. Aber zu seinem größten Erstaunen sah er statt einer Hütte nichts als rauchende Trümmer. Das Exekutionspersonal sammelte sich allmählich um den Aschenhaufen und die glimmenden Holzblöcke, während eine schwache Flamme im Mittelpunkt des Brandplatzes, die noch Nahrung genug fand, um ihr zögerndes Leben zu fristen, ein bleiches Licht um sich goß, wenn sie in den vorübergehenden Strömungen der Luft aufflackerte und bald die erstaunt einander ansehenden Gesichter schauen ließ, bald dieselben wieder in nächtliche Dunkelheit begrub. Keine Stimme erhob sich, um zu fragen oder Verwunderung auszudrücken. Der Übergang von der Aufregung zur Täuschung war zu gewaltig, um Worten Raum zu geben, und selbst Richard verlor den Gebrauch eines Organs, das ihm nur selten den Dienst versagte.

Die ganze Gruppe war noch in voller Verwunderung, als eine hohe Gestalt aus dem Dunkel in den Kreis trat und die heiße Asche nebst den hinsterbenden Funken mit dem Fuß niederdrückte: sie stand mit abgenommener Mütze über dem Licht und ließ das unbedeckte Haupt und die verwitterten Züge Lederstrumpfs unterscheiden. Er sah einen Augenblick auf die ihn umgebenden schattenhaften Figuren mit einem Gesicht, in welchem sich eher Kummer als Unwille aussprach, und begann sodann:

»Was wollt ihr von einem alten hilflosen Manne? Ihr habt die Geschöpfe Gottes aus der Wildnis vertrieben, wohin sie der Wille Seiner Vorsehung versetzt hat, und die Beunruhigungen und Teufeleien des Gesetzes in eine Gegend gebracht, wo seit Menschengedenken nie ein Mensch den andern beunruhigte. Ihr habt mich, der ich vierzig lange Jahre der mir beschiedenen Zeit an diesem Ort verlebte, um Haus und Obdach gebracht, die ich in Brand steckte, damit nicht eure Verderben bringenden Tritte und wüsten Sitten meine Hütte befleckten. Ja, ihr habt mich gezwungen, diese Holzblöcke anzuzünden, unter denen ich fast ein halbes Jahrhundert die Gaben des Himmels genossen und meinen Trunk aus der klaren Quelle geholt habe, und nun traure ich ob der Asche unter meinen Füßen, wie ein Mann weint und trauert um die Kinder seines Leibes. Ihr habt das Herz eines alten Mannes, der euch und den Eurigen nie etwas zuleide getan, mit bitteren Gefühlen gegen sein Geschlecht erfüllt, und zwar zu einer Zeit, wo seine Gedanken einer besseren Welt zugekehrt sein sollten; ihr habt ihn zu dem Wunsch getrieben, daß er zu den Tieren des Waldes gehören möchte, die sich doch nie an dem Blut ihres eigenen Geschlechtes letzen; und nun er zurückkehrt, um den letzten Brand von seiner Hütte zu sehen, ehe er sich vollends in Asche verzehrt, folgt ihr ihm zur Mitternachtsstunde wie hungrige Hunde der Spur eines abgehetzten und sterbenden Hirsches. Was wollt ihr von mir? Hier bin ich, – einer gegen viele. Ich komme, um zu trauern, nicht um zu kämpfen; und wenn es einmal Gottes Wille ist, so verfahrt mit mir nach eurem Gefallen.«

Als der alte Mann geendet hatte, sah er die Gruppe ernst an, während die aufzuckende Flamme ein mattes Licht auf sein fast kahles Haupt warf. Die Verfolger traten unwillkürlich von dem Brandplatz in die Dunkelheit zurück und ließen dem alten Mann einen freien Ausweg zur Flucht in das Gebüsch, wo ein Nachsetzen im Finstern fruchtlos gewesen wäre. Natty schien diesen Vorteil nicht zu beachten; denn er betrachtete jedes Individuum des Kreises der Reihe nach, als wollte er sehen, wer der erste sei, der Hand an ihn lege. Nach einer kurzen Pause begann Richard, seine verwirrten Fähigkeiten wieder zu sammeln; er trat vor, entschuldigte sich mit seiner Pflicht und nahm den Alten gefangen. Die übrigen schlossen sich an ihn an, nahmen Natty in ihre Mitte, und so schlug der Zug, von dem Sheriff angeführt, die Richtung nach dem Dorf ein.

Auf dem Weg wurden verschiedene Fragen an den Gefangenen gestellt, warum er seine Hütte verbrannt und wohin sich Mohegan zurückgezogen habe, denen jedoch Natty ein beharrliches Stillschweigen entgegensetzte. Endlich erreichte der Sheriff mit seinem Gefolge, ermüdet von den Geschäften des Tages und von der späten nächtlichen Tätigkeit, das Dorf, wo sie sich nach ihren verschiedenen Nachtquartieren zerstreuten, nachdem sie zuvor den alten und anscheinend freundlosen Lederstrumpf im Gefängnis untergebracht hatten.

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