Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
Schließen

Navigation:

XXXI

 

Und wagtest du, dem Leun
In seinem Nest zu dräun,
Dem Douglas in seiner Halle?

Marmion

 

Diese Aufregung hatte sich bereits wieder gelegt: die kleinen Gruppen der Dorfbewohner begannen, sich zu zerstreuen, um nach ihren Wohnungen zurückzukehren und mit der ernsten Miene von Leuten, die ihre politischen Gefühle auch in ihrem Äußeren zur Schau tragen wollen, die Türen hinter sich abzuschließen, als Oliver Edwards auf seinem Heimweg von Herrn Grants Wohnung dem jungen Rechtsgelehrten begegnete, der dem Leser bereits als Herr Lippet bekannt ist. Die Charaktere und Ansichten der beiden hatten nur wenig Ähnlichkeit; sie gehörten jedoch der intelligenteren Klasse einer sehr kleinen Gemeinde an, weshalb sie sich natürlich nicht fremd waren, und da ihr Zusammentreffen in einer Weise geschah, daß Schweigen als Unhöflichkeit erschienen wäre, so entspann sich unter ihnen folgendes Gespräch:

»Ein schöner Abend, Herr Edwards«, begann der Rechtsgelehrte, bei dem es wenigstens sehr zweifelhaft war, ob ihm dieser Anlaß ungelegen komme, »aber das lange Ausbleiben des Regens ist ein schlimmer Umstand. Ein übles Klima, das unsrige, denn wir haben entweder Dürre oder Überschwemmungen. Wahrscheinlich sind Sie an eine gleichförmigere Temperatur gewöhnt?«

»Ich bin in diesem Staat geboren«, entgegnete Edwards kalt.

»Nun, ich habe oft über diesen Punkt streiten hören; aber das Naturalisiertwerden wird einem so leicht gemacht, daß wenig daran liegt, wo einer geboren ist. Ich bin neugierig, welchen Weg der Richter in der Geschichte mit Natty Bumppo einzuschlagen gedenkt.«

»Mit Natty Bumppo?« wiederholte Edwards. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Ei, haben Sie noch nichts davon gehört?« rief der andere mit einer so natürlich gespielten Überraschung, daß Edwards völlig dadurch getäuscht wurde. »Ja, das kann schlimm ausfallen. Es scheint, der alte Mann ist in den Bergen gewesen und hat diesen Morgen einen Hirsch geschossen. Sie wissen, daß etwas der Art in den Augen des Richters ein Hauptvergehen ist.«

»Wirklich?« entgegnete Edwards, indem er sein Gesicht abwandte, um die Glut zu verbergen, die seine sonnverbrannten Wangen überflog. »Nun ja, wenn es nichts weiter ist, so muß er eben die Strafe bezahlen.«

»Sie beträgt fünf Pfund klingender Münze«, erwiderte der Rechtsgelehrte. »Kann Natty wohl auf einmal soviel Geld aufbringen?«

»Ob er es kann?« rief der Jüngling. »Ich bin nicht reich, Herr Lippet – im Gegenteil, ich bin arm und habe mein Gehalt für einen Zweck, der mir nahe am Herzen liegt, aufgespart; aber ehe man diesen alten Mann nur eine Stunde ins Gefängnis sperrt, wollte ich lieber den letzten Heller hergeben, um es zu verhindern! Außerdem hat er zwei Panther erlegt, und das Schußgeld dafür wird die Strafe bei weitem übersteigen.«

»Ja, ja«, versetzte der Rechtsgelehrte, indem er mit dem Ausdruck ungekünstelter Freude seine Hände rieb, »wir werden es durchführen; ich sehe klar, wir werden es durchführen.«

»Was durchführen, Sir? Ich muß um eine Erklärung bitten.«

»Ei nun, der erlegte Bock ist eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem, was diesen Abend stattgefunden hat«, fuhr Herr Lippet mit einer Zutraulichkeit fort, die den Jüngling unwillkürlich bestach, sowenig er den Mann sonst liebte. »Es scheint, daß das Faktum klagbar und ein Eid darauf abgelegt worden ist, das Wildbret befinde sich wahrscheinlich in der Hütte. Das Gesetz hat auch solche Fälle vorgesehen, und der Richter Temple erließ eine Vollmacht zur Haussuchung – –«

»Zur Haussuchung?« echote Edwards mit entsetzter Stimme und mit einem Gesicht, welches er abermals abwenden mußte, um dessen Blässe zu verbergen. »Und was entdeckte man, was hat man gesehen?«

»Nichts als des alten Bumppos Büchse, und das ist schon ein Anblick, der den meisten Leuten in den Wäldern die Neugierde vertreiben kann.«

»Wirklich? wirklich?« frohlockte Edwards, in ein konvulsivisches Lachen ausbrechend. »So hat sie also der alte Held zurückgeschlagen! – Schlug er sie wirklich zurück, Sir?«

Der Rechtsgelehrte heftete seine Augen erstaunt auf den Jüngling; als seine Verwunderung den Gedanken Raum gab, die in seinem Geiste gewöhnlich die vorherrschenden waren, versetzte er:

»Ich muß Ihnen sagen, Sir, daß da durchaus kein Grund zum Lachen vorhanden ist. Die vierzig Dollar Schußgeld und Ihr sechsmonatliches Gehalt werden wohl ziemlich zusammenschrumpfen, ehe sich dieser Handel ins reine bringen läßt. Ein Angriff auf eine Magistratsperson, wenn sie in Vollziehung ihrer Pflicht begriffen ist, und eine gleichzeitige Bedrohung des Konstablers mit Feuerwaffen sind gar ernste Handel, die sowohl mit Geldstrafe als mit Gefängnis gebüßt werden.«

»Gefängnis?« wiederholte Oliver. »Lederstrumpf und Gefängnis? Nein, nein, Sir, es würde den alten Mann ins Grab bringen. Nimmermehr wird man den Lederstrumpf einsperren.«

»Nun, Herr Edwards«, entgegnete Lippet, indem er jetzt alle Zurückhaltung fallen ließ, »man hält Sie für einen Gelehrten, aber wenn Sie mir sagen können, wie man eine Jury verhindern kann, in einem solchen Falle, wo der Beweis so sonnenklar ist, das Schuldig auszusprechen, so will ich zugeben, daß Sie mehr von dem Gesetz verstehen als ich, obgleich ich meine licentiam practicandi schon seit drei Jahren in der Tasche trage.«

Inzwischen hatte Edwards' Vernunft die Oberhand über seine Gefühle gewonnen, und als er die wirklichen Schwierigkeiten des Falles einzusehen begann, lieh er den Worten des Advokaten ein aufmerksameres Ohr. Die nicht unterdrückbare Aufregung, die der Jüngling im ersten Augenblick der Überraschung an den Tag gelegt hatte, war ganz verschwunden, und obgleich er noch immer von dem Gehörten sehr ergriffen zu sein schien, so gelang es ihm doch, mit der größten Achtsamkeit auf den Rat des anderen zu horchen.

Oliver entdeckte ungeachtet seines verwirrten Gemütszustandes bald, daß sich die meisten Entwürfe des Advokaten auf eine List gründeten, deren Ausführung so viel Zeit erforderte, wie weder sein Charakter noch die Umstände zuließen. Er gab jedoch Herrn Lippet zu verstehen, er werde für den Fall, daß die Sache vor Gericht komme, seine Zuflucht zu ihm nehmen – eine Zusicherung, die den Rechtsgelehrten vollkommen zufriedenstellte; so trennten sie sich, indem der eine mit bedächtigen Schritten die Richtung nach einem kleinen Gebäude einschlug, über dessen Tür sich ein hölzernes Schild mit den Worten »Chester Lippet, Rechtsgelehrter« befand, und der andere eiligen Fußes dem Herrenhaus zuging. Wir verlassen vorderhand den Advokaten und wenden die Aufmerksamkeit des Lesers seinem Klienten zu.

Als Edwards in den Hausflur trat, wo die ungeheuren Türen sich dem Durchzug einer milden Abendluft geöffnet hatten, traf er Benjamin, der mit einer seiner häuslichen Verrichtungen beschäftigt war, und fragte ihn rasch, wo der Richter Temple sei.

»Der Richter ist eben mit Meister Doolittle, dem Zimmermann, auf seine Amtsstube gegangen, aber Miss Lizzy ist dort im Wohnzimmer. Ich sage Ihnen, Herr Oliver, das hätte einen schlimmen Handel mit den Panthern absetzen können. Ich sagte es letzten Winter oft, daß eine solche Bestie in den Bergen sein müßte; denn ich hörte sie eines Herbstabends, als ich im Nachen nach dem Fischergrund hinunterfuhr, am Seeufer heulen. Wäre das Tier in das offene Wasser herausgekommen, wo man sehen kann, wie und wo man mit seinem Fahrzeug arbeitet, so hätte ich wohl mit ihm angebunden; aber so unter den Bäumen aufwärts zu sehen, das kommt mir gerade vor, als wenn man auf dem Deck eines Schiffes steht und nach dem Mars eines andern Fahrzeugs schaut. Man kann da kein Tau von dem andern unterscheiden – –«

»Schon gut«, fiel ihm Edwards ins Wort. »Ich muß Miss Temple sehen.«

»Das sollen Sie, Sir«, versetzte der Hausmeister, »sie ist in diesem Zimmer. Barmherziger Himmel, Herr Edwards, welch ein Verlust wäre dies für den Richter gewesen! Der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wo er eine andere solche Tochter hätte hernehmen wollen, – ich meine nämlich eine erwachsene. Ich sage Ihnen, Sir, dieser Meister Bumppo ist ein Ehrenmann und scheint trefflich mit Feuerwaffen und Bootshaken umspringen zu können. Ich bin sein Freund, Herr Oliver, und will mich gegen ihn und Sie als einen solchen erweisen.«

»Wir bedürfen vielleicht Eurer Freundschaft, braver Mann«, rief Edwards, indem er heftig seine Hände drückte. »Wir bedürfen vielleicht Eurer Freundschaft, und in diesem Falle werden wir sicher auf Euch Bedacht nehmen.«

Ohne die aufrichtige Entgegnung, die Benjamin hervorbringen wollte, abzuwarten, entwand der Jüngling seine Hand dem kräftigen Druck des Hausmeisters und trat in das Zimmer.

Elisabeth war allein und saß noch immer auf demselben Sofa zurückgelehnt, wo wir sie zuletzt gesehen haben. Eine Hand, die an Gestalt und Farbe alles übertraf, was künstlerisches Genie zuwegebringen könnte, verhüllte ihre Augen; und das junge Mädchen schien in tiefe Betrachtung versunken. Betroffen von der Haltung und Liebenswürdigkeit der Gestalt, auf die sein Blick jetzt fiel, zügelte der junge Mann seine Ungeduld, so daß er mir leise und achtungsvoll näher trat.

»Miss Temple – Miss Temple«, begann er, »ich hoffe, daß ich nicht störe; aber ich muß Sie sprechen, wäre es auch nur auf einen Augenblick.«

Elisabeth erhob ihr Antlitz und ließ ihre schwarzen, in Tränen schwimmenden Augen gewahr werden.

»Ah, sind Sie's, Edwards?« versetzte sie mit einer Anmut in ihrer Stimme und einer Weichheit in ihren Mienen, die ihr im Umgang mit ihrem Vater oft eigen waren, die aber dem jungen Mann als etwas ganz Neues durch alle Nerven fuhren. »Wie haben Sie unsere arme Luise verlassen?«

»Glücklich und von Dank erfüllt, in den Armen ihres Vaters«, entgegnete Oliver. »Ich habe nie einen so schönen Gefühlsausbruch gesehen als den, welchen sie an den Tag legte, während ich es wagte, ihr meine Freude über ihr glückliches Entkommen auszudrücken. Miss Temple, als ich zuerst Ihre schreckliche Lage schildern hörte, waren meine Empfindungen zu gewaltig, um sich aussprechen zu lassen, und ich fand erst wieder Worte, nachdem mir der Spaziergang zu Herrn Grants Wohnung Zeit gelassen hatte, mich zu sammeln. Ich glaube – ich glaube, ich habe mich dort besser benommen; denn sogar Miss Grant weinte, als ich ihr meine Teilnahme ausdrückte.«

Elisabeth, schwieg einen Augenblick und bedeckte abermals die Augen mit ihrer Hand. Diese Erregung war jedoch nur vorübergehend; sie erhob ihr Antlitz aufs neue und fuhr lächelnd fort:

»Ihr Freund Lederstrumpf ist nun auch der meinige geworden, Edwards, und ich dachte eben daran, wie ich ihm am besten einen Dienst leisten könnte. Vielleicht sind Sie, der Sie so gut mit seinen Gewohnheiten und Bedürfnissen bekannt sind, imstande, mir zu sagen – –«

»Oh, gewiß –« rief der Jüngling mit einem Ungestüm, über den die Dame erschrak – »gewiß bin ich's imstande, und Gott möge Ihren guten Willen belohnen! Natty ist so unklug gewesen, das Gesetz zu vergessen, und hat heute einen Hirsch getötet; ich glaube sogar, daß ich an der Straftat mitschuldig bin, da ich bei dem ganzen Vorgang teilgenommen habe. Bei Ihrem Vater ist eine Klage vorgebracht worden, und er hat eine Vollmacht zur Haussuchung –«

»Ich weiß alles«, unterbrach ihn Elisabeth, »ich weiß alles. Der gesetzlichen Form mußte Genüge geschehen. Die Durchsuchung des Hauses war notwendig, um den Hirsch auffinden und die Strafe erkennen zu können. Aber ich muß Ihnen eine frühere Frage zurückgeben. Haben Sie so lange in unserer Familie gelebt, nur um uns nicht zu kennen? Sehen Sie mich an, Oliver Edwards! Erscheint Ihnen mein Äußeres wie das einer Person, die zugeben würde, daß ein Mann, der ihr eben erst das Leben gerettet hat, für eine so kleine Summe, wie diese Strafe ist, in einem Gefängnis schmachte? Nein, nein, Sir, mein Vater ist nicht allein Richter, sondern auch Mensch und Christ. Die Sache ist bereits vorher zwischen uns besprochen worden, und es soll dem alten Manne kein Leid geschehen.«

»Welch eine Last von Besorgnissen wälzen Sie durch diese Erklärung von meiner Brust!« rief Edwards. »Er soll also nicht wieder beunruhigt werden? Ihr Vater will ihn beschützen? Ich habe Ihre Versicherung, Miss Temple, und muß es daher glauben.«

»Sie sollen seine eigene haben, Herr Edwards«, entgegnete Elisabeth, »denn da kommt er eben.«

Aber das Äußere Marmadukes, als er in das Zimmer trat, stand ganz im Gegensatz zu den schmeichelhaften Hoffnungen seiner Tochter. Seine Stirn war tief gefurcht und seine Miene verstört. Weder Elisabeth noch der Jüngling sprachen; sie ließen den Richter etliche Male im Zimmer auf und ab gehen, worauf er anfing:

»Unsere Pläne sind vereitelt, Mädchen! Lederstrumpfs Starrsinn hat den ganzen Unwillen des Gesetzes auf sein Haupt herabgerufen, und es steht jetzt außer meiner Macht, ihn abzuwenden.«

»Wieso? In welcher Weise?« rief Elisabeth. »Die Geldstrafe ist für nichts anzuschlagen, gewiß – –«

»Ich erwartete nicht, – ich konnte nicht voraussetzen, daß ein alter freundloser Mann wie er es wagen würde, den Beamten der Gerechtigkeit Widerstand entgegenzusetzen«, fiel ihr der Richter ins Wort. »Ich hoffte, daß er sich der Strafe unterwerfen würde, und mit Bezahlung der Strafe wäre dem Gesetz Genüge geschehen; jetzt aber hat er seine ganze Strenge zu erwarten.«

»Und welche Strafe könnte über ihn erkannt werden, Sir?« fragte Edwards, der sich bemühte, Festigkeit in den Ton seiner Stimme zu bringen.

Marmaduke wandte sich rasch nach der Stelle um, nach welcher sich der Jüngling zurückgezogen hatte, und rief:

»Ah, Sie hier? Ich habe Sie nicht wahrgenommen. Ich weiß nicht, was das Ende sein wird, Sir; denn ein Richter kann nicht entscheiden, bis er die Zeugen verhört und die Jury ihr Verdikt ausgesprochen hat. Jedenfalls können Sie übrigens versichert sein, Herr Edwards, daß geschehen wird, was das Gesetz heischt, wenn ich auch eine augenblickliche Schwäche an den Tag gelegt haben mag, weil der unglückliche Mann meiner Tochter einen so ausgezeichneten Dienst erwiesen hat.«

»Niemand bezweifelt meines Wissens den Gerechtigkeitssinn des Richters Temple«, entgegnete Edwards bitter, »aber reden wir ruhig von der Sache. Werden nicht die Jahre, die Gewohnheiten und insbesondere die Unwissenheit meines alten Freundes ihm gegen diese Anklage Schutz verleihen?«

»Wie wäre das möglich? Diese Einreden mögen seine Schuld vielleicht mindern, aber können sie dieselbe austilgen? Läßt sich überhaupt ein geselliger Verband denken, junger Mann, wo man den Dienern der Gerechtigkeit mit bewaffneter Faust entgegentritt? Sollte ich nur deshalb die Wildnis gezähmt haben?«

»Wenn Sie die Bestien gezähmt hätten, welche so kürzlich noch Miss Temples Leben bedrohten, Sir, so möchten Ihre Argumente allenfalls besser am Platze sein.«

»Edwards!« rief Elisabeth – –

»Ruhig, mein Kind«, unterbrach sie der Vater. »Der junge Mann ist ungerecht, ohne daß ich ihm Anlaß dazu gegeben hätte. Ich will Nachsicht mit deinen Worten haben, Oliver; denn ich weiß, daß du ein Freund Nattys bist, und deshalb hat dich dein Eifer für ihn zu weit geführt.«

»Ja, er ist mein Freund«, rief Edwards, »und ich bin stolz auf diesen Titel. Er ist zwar einfach, ungelehrt, sogar unwissend, und man könnte ihm vielleicht Vorurteile zur Last legen, obgleich ich fühle, daß seine Ansicht von der Welt nur zu richtig ist. Aber er hat ein Herz, Richter Temple, das für tausend Fehler Ersatz leistet; er kennt seine Freunde und verläßt sie nie, und wenn es auch nur seine Hunde wären.«

»Das ist allerdings ein lobenswerter Charakter, Herr Edwards«, entgegnete der Richter mit Milde, »ich bin aber nie so glücklich gewesen, seine Achtung zu gewinnen; denn gegen mich war er immer zurückstoßend, was ich ihm übrigens als Grille eines alten Mannes nachgesehen habe. Auch soll er, wenn ich ihm als sein Richter entgegentreten muß, wegen seines früheren Benehmens nichts von mir zu befürchten haben, ebensowenig wie seine kürzlich geleisteten Dienste sein Verbrechen mildern können.«

»Verbrechen?« wiederholte Edwards. »Ist es ein Verbrechen, einen lauernden Spürhund von seiner Tür zu treiben? Verbrechen! O nein, Sir, wenn in dieser Sache ein Verbrechen vorgefallen ist, so kommt es nicht auf seine Rechnung.«

»Auf wessen sonst, Sir?« fragte Richter Temple, indem er den aufgeregten Jüngling mit seiner gewohnten Ruhe ins Auge faßte.

Diese Frage war mehr, als der junge Mann ertragen konnte. Bisher hatten seine Gefühle mehr in der Tiefe seiner Seele getobt, aber nun kam der Vulkan zum Ausbruch.

»Auf wessen? Und das mir«, rief er. »Frage dein eigenes Gewissen, Richter Temple! Gehe hinaus zu dieser Tür und betrachte das Tal, den ruhigen See, diese schattigen Berge, und frage dein eigenes Herz, wenn du eines hast: woher kamen diese Reichtümer, dieses Tal, diese Berge, und warum bin ich ihr Besitzer? Ich sollte meinen, die Gestalten Mohegans und Lederstrumpfs, die verarmt und verlassen durch das Land ziehen, sollten dir allein schon den Anblick verleiden.«

Marmaduke hörte diesen leidenschaftlichen Ausbruch anfangs mit hohem Erstaunen an; aber als der Jüngling geendet hatte, winkte er seiner ungeduldigen Tochter zu schweigen und erwiderte:

»Oliver Edwards, du vergißt, vor wem du stehst. Ich habe gehört, junger Mann, daß du Ansprüche auf die Abkunft von den eingeborenen Eigentümern dieses Bodens gründest; aber sicherlich kann dir die Erziehung, die du erhalten, nichts nützen, wenn sie dich nicht gelehrt hat, die Rechte der Weißen anzuerkennen. Diese Ländereien sind mein Eigentum durch die Abtretung deiner Vorfahren, wenn es überhaupt mit deiner angeblichen Abkunft seine Richtigkeit hat, und ich rufe den Himmel zum Zeugen auf für den Gebrauch, den ich davon gemacht habe. Nach einer solchen Sprache müssen wir uns trennen. Ich habe dir zu lange Schutz in meinem Hause gegeben; aber jetzt ist die Zeit da, wo du es verlassen mußt. Komm auf mein Zimmer und ich will dir auszahlen, was ich dir noch schulde; auch soll dein jetziges Ungestüm deinem Glück nicht im Wege stehen, wenn du auf den Rat eines Mannes hören willst, der um so viele Jahre älter ist als du.«

Das nicht zu bewältigende Gefühl, das einen so leidenschaftlichen Ausbruch des Jünglings herbeigeführt hatte, war entschwunden, und er sah Marmadukes sich entfernender Gestalt mit einer Leerheit in den Blicken nach, welche die Abwesenheit seines Geistes bekundete. Endlich faßte er sich und langsam im Zimmer umherblickend, bemerkte er Elisabeth, die noch immer mit gesenktem Haupt auf dem Sofa saß und ihr Antlitz mit den Händen bedeckt hielt.

»Miss Temple«, begann er; denn in seinem Benehmen zeigte sich keine Spur mehr von der früheren Wildheit – »Miss Temple, ich habe mich vergessen; ich habe Sie vergessen. Sie haben den Entschluß Ihres Vaters vernommen, und ich verlasse noch diesen Abend das Haus. Von Ihnen aber wenigstens möchte ich in Frieden scheiden.«

Elisabeth erhob langsam ihr Antlitz, über das sich ein flüchtiger Ausdruck der Trauer stahl; als sie aber ihren Sitz verließ, leuchteten ihre Augen wieder von dem gewöhnlichen Feuer; ihre Wange brannte, und ihre ganze Haltung schien einem anderen Wesen anzugehören.

»Ich vergebe Ihnen, Edwards, und mein Vater wird Ihnen gleichfalls vergeben«, sagte sie, als sie die Tür erreicht hatte. »Sie kennen uns noch nicht, aber die Zeit wird wohl kommen, wo Sie Ihre Ansichten wechseln werden.«

»Über Sie? Niemals!« unterbrach sie der Jüngling. »Ich –«

»Ich will sprechen, Sir, und nicht hören. Es liegt etwas in dieser Sache, was ich nicht begreife; aber sagen Sie Lederstrumpf, daß er in meinem Vater nicht bloß den Richter, sondern in uns auch Freunde vor sich hat. Beunruhigen Sie den alten Mann nicht unnötigerweise durch eine Erzählung des eben stattgehabten Vorgangs. Er hat die gerechtesten Ansprüche an uns, und sie sollen durch das, was Sie gesprochen, nicht gemindert werden. Herr Edwards, ich wünsche Ihnen Glück und wärmere Freunde.«

Der Jüngling wollte noch reden, aber sie verschwand so schnell durch die Tür, daß er nirgends mehr etwas von ihr erblicken konnte, als er in den Hausflur trat. Er blieb einen Augenblick wie betäubt stehen; dann stürzte er aus dem Hause und schlug, statt Marmaduke auf sein Zimmer zu folgen, unmittelbar den Weg nach der Hütte der Jäger ein.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.