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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
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XXIX

 

Man sagt, er habe eine Masse Schätze.

Timon von Athen

 

Als Marmaduke Temple und sein Vetter ihre Straße ritten, war das Herz des Vaters noch zu lebhaft von den edelsten Gefühlen unserer Natur bewegt, um ihn sogleich zu einer Unterhaltung geneigt zu machen, und in Richards Miene lag eine Wichtigkeit, die dem Sheriff nicht gestattet haben würde, ein Gespräch anzuknüpfen, das nicht in Zusammenhang mit der Großartigkeit seiner Entwürfe gestanden hätte. Die beiden Reiter sprengten daher wohl eine Meile in tiefem Schweigen dahin. Endlich wich der weiche Ausdruck der väterlichen Liebe aus den schönen Zügen des Richters und machte allmählich der gutmütigen Heiterkeit Platz, die gewöhnlich auf Temples Antlitz lag.

»Nun, Dick«, sagte er, »da ich mich so weit eingelassen habe, mich unbedingt deiner Führung anzuvertrauen, so denke ich wohl, daß der Augenblick gekommen ist, mich einzuweihen. Warum und weswegen machen wir in so feierlicher Weise diesen Ritt?«

Der Sheriff ließ ein lautes ›Hem‹ vernehmen, das weit in den Wald hineinklang, und seine Blicke auf die vor ihm liegenden Gegenstände heftend, einem Manne ähnlich, der tief in die Zukunft schaut, erwiderte er:

»Es hat stets – ich möchte sagen: von unserer Geburt an – einen Punkt gegeben, über den wir nicht einig werden konnten, Richter Temple. Nicht als ob ich dich für die Fügungen der Natur verantwortlich machen wollte; denn ein Mann kann um angeborener Fehler willen ebensowenig verdammt werden, wie man angeborene Vorzüge, die er vielleicht besitzt, auf seine eigene Rechnung zu schreiben berechtigt ist: aber über einen Punkt sind wir sozusagen von unserer Geburt an, die, wie du weißt, nur zwei Tage auseinanderliegt, verschiedener Ansicht.«

»Ich bin in der Tat neugierig, Richard, zu erfahren, was dieser eine Punkt sein kann; denn meiner Ansicht nach weichen unsere Meinungen so grundsätzlich und so oft voneinander ab – –«

»Bloß Folgen davon, Vetter«, unterbrach ihn der Sheriff, »denn alle unsere kleinen Streitigkeiten stammen aus derselben Quelle, nämlich aus unsern Ansichten über den allgemeinen Bereich des Genies.«

»Aus was, Dick?«

»Ich meine doch deutlich genug gesprochen zu haben, Richter Temple, wenigstens sollte es mir an einem faßlichen Ausdruck nicht gebrechen; denn mein Vater, der mich meine Muttersprache lehrte, verstand – –«

»Griechisch und lateinisch«, fiel ihm Marmaduke ins Wort. »Ich kenne wohl die Sprachfertigkeit deiner Familie, Dick. Aber komm einmal zur Sache! Wohin gedenkst du mich heute zu führen?«

»Wenn einer Sache ihr Recht widerfahren soll, Sir, so muß es dem Erzähler erlaubt sein, sich seiner eigenen Weise zu bedienen«, fuhr der Sheriff fort. »Du bist der Meinung, Richter Temple, Natur und Erziehung könnten einen Menschen nur in einer bestimmten Richtung zu etwas Rechtem machen, während ich behaupte, daß das Genie das Lernen ersetzt und daß es Leute gibt, die in allem und jedem etwas zu leisten imstande sind.«

»Unter die vermutlich auch du gehörst«, entgegnete Marmaduke lächelnd.

»Bleibe mir mit deinen Anzüglichkeiten vom Leibe, Vetter; denn ich will nicht von mir selbst sprechen. Aber es gibt drei Männer in unserem Patent, welche von der Natur mit Gaben versehen sind, die ich mit dem Ausdrucke ›universell‹ bezeichnen möchte, obgleich sich dieselben nur unter dem Einfluß ihrer verschiedenen Stellungen entwickeln können.«

»Da sind wir also besser daran, als ich geglaubt hätte. Und aus welchen Ehrenmännern besteht dieses Kleeblatt?«

»Nun, der eine ist Hiram Doolittle, bekanntlich ein Zimmermann seines Zeichens, und ich brauche nur auf das Dorf zu weisen, um seine Verdienste ins klare zu stellen. Dann ist er auch eine Magistratsperson und dürfte in dieser Eigenschaft wohl manchen beschämen, der eine weit bessere Schule genossen hat.«

»Gut, das wäre also der eine«, sagte Marmaduke mit der Miene eines Mannes, der nicht geneigt ist, sich über den besprochenen Punkt in einen Streit einzulassen.

»Der andere ist Jotham Riddel.«

»Wer?«

»Jotham Riddel.«

»Was, dieser unzufriedene, linkische, faule spekulierende Tropf? Er, der seinen Aufenthalt alle drei Jahre, seine Liegenschaften alle sechs Monate und sein Gewerbe mit jeder Jahreszeit wechselt? Gestern ein Bauer, heute ein Schuhmacher und morgen ein Schulmeister? Dieser Inbegriff all des unsteten und verderblichen Treibens, all der verderblichen Lieblingsneigungen der Ansiedler, ohne eine einzige ihrer guten Eigenschaften, die den schlimmen das Gleichgewicht hielte? Nein Richard, der ist zu schlecht sogar für – – aber wer ist der dritte?«

»Da der dritte nicht gewohnt ist, solche Äußerungen über seinen Charakter anzuhören, Richter Temple, so werde ich seinen Namen verschweigen.«

»Das Ganze wäre also, Dick, daß das Trio, zu welchem auch du, und zwar als Hauptperson gehörst, irgendeine wichtige Entdeckung gemacht hat?«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich mich dazu zähle, Richter Temple. Wie ich schon vorhin bemerkte, so will ich mein Ich dabei gar nicht ins Spiel bringen. Allerdings ist aber eine Entdeckung gemacht worden, bei welcher du wesentlich beteiligt bist.«

»Weiter, – ich bin ganz Ohr.«

»Nein, nein, Duke; ich gebe zwar zu, daß du schlimm genug bist, aber doch nicht so gar schlimm, als du dich da geben willst, sonst müßten deine Ohren noch ein Bedeutendes größer werden.«

Der Sheriff lachte herzlich über diesen faden Witz, was ihn in eine so gute Laune versetzte, daß er sich herabließ, seinen geduldigen Vetter mit folgender Auseinandersetzung zu erfreuen:

»Du weißt, daß in deinem Bezirk ein Mann wohnt, der unter dem Namen Natty Bumppo bekannt ist. Dieser hat, soviel ich erfahren konnte, seit mehr als vierzig Jahren hier gelebt – und zwar allein, bis auf die neueste Zeit, in welcher er sich eine sonderbare Genossenschaft zulegte.«

»Zum Teil sehr wahr und alles sehr wahrscheinlich«, entgegnete der Richter.

»Buchstäbliche Wahrheit, Vetter! Gut, in den letzten paar Monaten gesellten sich zu ihm ein alter Indianerhäuptling, der letzte oder einer der letzten seines Stammes, die in diesen Landesteilen aufzufinden sind, und ein junger Mann, dem Vernehmen nach der Sohn irgendeines indianischen Agenten von einer Wilden.«

»Wer sagt das?« rief Marmaduke mit einer Teilnahme, die er früher nicht an den Tag gelegt hatte.

»Wer? Nun ja, der gesunde Menschenverstand – das Gerücht – alle Welt. Aber laß mich ausreden! Dieser Jüngling hat recht hübsche Talente – ja, er besitzt das, was ich recht hübsche Talente nenne – wurde gut erzogen, trieb sich in leidlicher Gesellschaft herum und weiß sich zu benehmen, wenn er will. Nun, Richter Temple, kannst du mir wohl sagen, was drei solche Männer wie den Indianer John, Natty Bumppo und Oliver Edwards zusammengebracht hat?«

Marmaduke sah seinen Vetter augenscheinlich erstaunt an und erwiderte schnell: »Du hast unverhofft einen Gegenstand berührt, Richard, der meinen Geist schon oft beschäftigte. Aber weißt du irgend etwas von diesem Geheimnis, oder sind es bloß ungare Vermutungen eines –«

»Nichts Ungares, Duke, nichts Ungares; Tatsachen, unleugbare Tatsachen. Du weißt, daß es Minen in diesen Bergen gibt; ich habe dich oft sagen hören, du glaubest an ihre Existenz.«

»Ich folgerte es aus Analogien, Richard, ohne daß ich irgendeine Sicherheit für das Faktum hätte.«

»Du hast davon reden hören und Erzproben gesehen – du kannst das nicht in Abrede stellen. Und was deine sogenannten Analogiefolgerungen betrifft: wenn es in Südamerika Minen gibt, warum sollte es nicht auch in Nordamerika dergleichen geben?«

»Nein, nein, ich gedenke nichts in Abrede zu stellen, Vetter. Ich habe allerdings manches Gerücht über das Vorhandensein von Minen in diesen Bergen vernommen und glaube auch Proben der köstlichen Metalle, die hierherum gefunden wurden, gesehen zu haben. Es würde mich daher nicht wundernehmen, wenn ich erführe, daß man Zinn, Silber, oder was ich noch für weit folgenreicher halte, gute Steinkohlen – –«

»Zum Henker mit deinen Steinkohlen!« rief der Sheriff, »wer braucht denn Steinkohlen in diesen Wäldern? Nein, nein, Silber, Duke, – Silber ist das einzige, was uns not tut, und Silber müssen wir auffinden. Aber höre mich jetzt an: ich brauche dir nicht erst zu sagen, daß die Eingeborenen schon seit langer Zeit Gold und Silber zu verwenden wußten. Wer anders wird nun am besten die Fundorte anzugeben wissen, wenn es nicht die ursprünglichen Bewohner des Landes sind? Ich habe die besten Gründe für die Annahme, daß sowohl Mohegan als auch Lederstrumpf seit vielen Jahren von dem Vorhandensein einer Mine in diesem Gebirge unterrichtet sind.«

Der Sheriff hatte jetzt seinen Vetter an einer empfindlichen Stelle berührt, und Marmaduke horchte nun aufmerksamer auf den Sprecher, der nach einer Pause, während welcher er sich über die Wirkung dieser außerordentlichen Enthüllung Gewißheit verschaffen wollte, fortfuhr: »Ja, Vetter, ich habe meine Gründe, die du zur geeigneten Zeit erfahren sollst.«

»Keine Zeit eignet sich besser dafür als der gegenwärtige Augenblick.«

»Schon gut, so horche auf«, fuhr Richard fort, indem er vorsichtig umherblickte, um sich zu überzeugen, daß kein Horcher im Wald verborgen sei, obgleich die beiden Reiter keinen Augenblick haltmachten. »Ich habe Mohegan und Lederstrumpf mit meinen eigenen Augen – und meine Augen sind so gut als die irgendeines andern Menschen –, ich sage, ich habe beide mit Karst und Spaten den Berg hinaufgehen und wieder herunterkommen sehen; und andere waren Zeugen, wie sie in der Dunkelheit auf eine ganz geheimnisvolle Weise Gegenstände nach ihrer Hütte schafften. Nennst du das nicht eine sehr wichtige Tatsache?«

Der Richter antwortete nicht, aber seine Stirn war gedankenvoll gerunzelt, wie man es immer an ihm bemerkte, wenn er sich für etwas lebhaft interessierte, und seine Augen ruhten in gespannter Erwartung auf den Lippen seines Vetters. Richard fuhr fort:

»Es war Erz. Nun frage ich dich, Duke, ob du mir sagen kannst, wer dieser Oliver Edwards ist, den du seit Weihnachten in deinem Hause beherbergst?«

Marmaduke erhob abermals seine Augen und antwortete nur mit einer stummen verneinenden Kopfbewegung.

»Daß er ein Mischling ist, wissen wir; denn Mohegan trägt kein Bedenken, ihn öffentlich seinen Verwandten zu nennen; daß er eine gute Erziehung genossen hat, ist gleichfalls bekannt. Was aber sein Geschäft in dieser Gegend anbelangt, – erinnerst du dich noch, daß ungefähr einen Monat, ehe dieser junge Mann unter uns erschien, Natty mehrere Tage von Hause abwesend war? Du kannst es nicht vergessen haben, denn du fragtest nach ihm, weil du einiges Wildbret für das Abschiedsmahl brauchtest, ehe du Beß holen gingst. Er war damals nirgends aufzufinden. Der alte John bewohnte die Hütte allein, und als Natty wiederkam, sah man, obgleich er des Nachts einrückte, wie er einen jener Schlitten, in denen man das Korn zur Mühle führt, nachzog und mit großer Sorgfalt etwas herausnahm, was er unter seinen Bärenhäuten versteckte. Nun frage ich dich, Richter Temple: was konnte einen Mann wie Lederstrumpf veranlassen, einen Schlitten zu machen und eine Last über diese Berge nach sich zu schleppen, wenn er weiter nichts als seine Büchse und seinen Schießbedarf bei sich hatte?«

»Man bedient sich oft solcher Schlitten zum Heimschaffen der Jagdbeute, und du sagst, er sei mehrere Tage abwesend gewesen.«

»Wie hätte er jagen können, da seine Büchse zum Ausbessern im Dorf war? Nein, nein, daß er sich an einem ganz ungewöhnlichen Ort befand, ist gewiß; daß er irgendein Geheimnis mit sich zurückbrachte, ist noch gewisser; und daß er seit der Zeit keiner Seele erlaubt hat, sich seiner Hütte zu nähern, ist das Gewisseste.«

»Er war nie ein Freund von zudringlichen Besuchen.«

»Ich weiß das«, unterbrach ihn Richard, »aber hat er sie auch auf so unfreundliche Weise von seiner Hütte fortgetrieben? Vierzehn Tage nach seiner Rückkehr tritt dieser Edwards auf. Sie bringen ganze Tage in den Bergen zu, angeblich um zu jagen, in der Tat aber, um Nachforschungen anzustellen. Wegen des strengen Winters konnten sie damals nicht graben, und er machte sich einen glücklichen Zufall zunutze, um in ein ordentliches Quartier zu kommen. Aber selbst jetzt bringt er die Hälfte seiner Zeit in jener Hütte zu – wenigstens vergeht keine Nacht, ohne daß er ein paar Stunden dort ist. Sie schmelzen, Duke, sie schmelzen und werden reich dabei, während du arm wirst.«

»Wieviel von dieser Mitteilung kommt auf deine eigene Rechnung, und wieviel hast du von anderen? – Ich möchte gern den Weizen von der Spreu sichten.«

»Ein Teil davon beruht auf eigener Wahrnehmung; denn ich sah den Schlitten, obwohl er ein paar Tage nachher zusammengeschlagen und verbrannt wurde. Ich habe dir auch ferner gesagt, daß ich den alten Mann mit seinen Spaten und Karsten bemerkte. In der Nacht, als Natty mit seinem Schlitten ankam, begegnete ihm Hiram bei Gelegenheit eines Ganges ins Gebirge, und da Hiram ein gutmütiger Bursche ist, so erbot er sich ganz dienstfertig, dem alten Mann bei seiner Last zu helfen; denn er hatte schwer den Berg hinan zu ziehen. Natty wollte aber durchaus nichts davon wissen und wies das Anerbieten in einer Weise zurück, daß der Squire erklärte, er habe im Sinn gehabt, ihm den Frieden aufzukündigen. Seit der Schnee weg und hauptsächlich seit der Grund aufgetaut ist, haben wir stets ein wachsames Auge auf den Alten gehabt wobei uns Jotham gute Dienste leistete.«

Marmaduke wollten Richards Verbündete in dieser Angelegenheit nicht sonderlich zusagen; er kannte sie aber als schlaue und gewandte Leute, und da wirklich irgend etwas Geheimnisvolles nicht nur in der Verbindung des jungen Edwards mit den beiden Jägern, sondern auch in dem lag, was sein Vetter eben berichtet hatte, so begann er, die Umstände sorgfältiger zu erwägen. Bei weiterem Nachdenken erinnerte er sich verschiedener Vorfälle, die den Argwohn bekräftigen halfen, und da Richards Folgerungen mit einer seiner Schwächen zusammentrafen, so gab er sich desto bereitwilliger ihrem Eindruck hin. Die besondere Stellung des Richters Temple hatte es mit sich gebracht, daß sein umfassender Geist bei allen Plänen für Verbesserungen von Grund und Boden sich stets schon die ferne Zukunft vergegenwärtigte. Wo andere Leute nichts als eine Wildnis gewahr werden konnten, sah sein Auge bereits Städte, Fabriken, Brücken, Kanäle, Minen und alle anderen Hilfsquellen eines alten Landes, obgleich sein gesunder Verstand ihn einigermaßen daran hinderte, solchen Erwartungen Worte zu leihen.

Da der Sheriff seinem Vetter hinreichend Zeit ließ, über das Gehörte nachzudenken, so wurde es diesem mit jedem Augenblick wahrscheinlicher, daß nur irgendein Geld verheißendes Abenteuer das bindende Glied in der Kette sei, die Oliver Edwards in Lederstrumpfs Hütte geführt hatte. Marmaduke war aber zu sehr gewöhnt, einen Gegenstand aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten, als daß ihm die möglichen Einwürfe hätten entgehen sollen, weshalb er vor sich hinmurmelte:

»Es kann unmöglich so sein; denn der junge Mensch wäre sonst wohl nicht an den äußersten Rand der Armut getrieben worden.«

»Gibt es wohl einen augenfälligeren Grund, nach Geld zu graben, als die Armut?« rief der Sheriff.

»Außerdem verdankt Oliver seiner Erziehung eine gewisse Würde des Charakters, die sich nicht mit einem so heimlichen Treiben verträgt.«

»Könnte ein unwissender Tropf wohl Metall schmelzen?« fuhr Richard fort.

»Beß sagte mir, er habe den letzten Schilling ausgegeben, als ich ihn in unsere Wohnung nahm.«

»Für das andere hat er Werkzeuge gekauft. Und würde er überhaupt seinen letzten Heller für einen Schuß auf einen Truthahn ausgegeben haben, wenn er nicht gewußt hätte, wo er mehr holen könne?«

»Sollte es möglich sein, daß ich so lange zum besten gehalten worden wäre? Sein Benehmen ist zuweilen roh gegen mich gewesen; aber ich schrieb es dem Umstand zu, daß er wähnt, durch mich beeinträchtigt zu sein, und daß er sich in die Veränderungen, welche die Zeit mit sich führt, nicht recht zu finden weiß.«

»Hat man dich nicht dein ganzes Leben über zum besten gehalten, Duke? Und kann er sich nicht schlauerweise anstellen, als wisse er nichts von den Verhältnissen der Zeit, nur um seinen wahren Charakter zu verbergen?«

»Wenn er es auf Täuschung abgesehen hätte, so würde er wohl seine Kenntnisse verborgen haben und in der Maske eines untergeordneten Menschen aufgetreten sein.«

»So etwas geht nicht so leicht. Ich könnte ebensogut einen Versuch mit dem Fliegen machen als einen Pinsel spielen. Kenntnisse lassen sich nicht verbergen wie ein Licht unter einem Scheffel.«

»Richard«, sagte der Richter, zu seinem Vetter gewendet, »es gibt viele Gründe gegen die Wahrscheinlichkeit deiner Vermutungen, aber du hast einen Verdacht in mir geweckt, den ich zur Gewißheit bringen muß. Doch wohin geht jetzt unsere Wanderung?«

»Jotham, der in meinem und Hirams Auftrage sich viel im Gebirge aufhielt, hat eine Entdeckung gemacht, die er zur Zeit noch nicht mitteilen will, da er, wie er sagt, durch einen Eid gebunden ist. Nur so viel ist gewiß, daß er weiß, wo das Erz liegt, und daß er zu graben angefangen hat. Ich wollte ohne dein Vorwissen nicht darauf eingehen, Duke, weil das Land dein Eigentum ist. Und nun kennst du den Zweck unseres Rittes. Ich nenne dies eine Gegenmine. – Ha! ha!«

»Und wo wäre die ersehnte Stelle?« fragte der Richter mit halb scherzender, halb ernster Miene.

»Nicht mehr weit, und wenn wir sie besucht haben, so will ich dir einen von den Plätzen zeigen, den wir vor einer Woche aufgefunden, und wo seit sechs Monaten unsere Jäger ihr Wesen getrieben haben.«

Die beiden Reiter fuhren fort, den Gegenstand zu besprechen, während ihre Pferde unter den Baumzweigen und über den unebenen Boden des Gebirges weitertrabten. Sie erreichten bald das Ziel ihrer Reise und fanden dort Jotham bis an den Hals in einem Loch stecken, das er ausgegraben hatte.

Marmaduke fragte den Schatzgräber umständlich über die Gründe aus, die ihn veranlaßt hatten, gerade in dieser Gegend das kostbare Metall zu suchen; aber der Kerl entfaltete eine beharrliche Geheimnistuerei in seinen Antworten. Er behauptete, aus gewichtigen Gründen zu handeln, und fragte den Richter mit einem Ernst, der bewies, wie fest sein Glaube war, wieviel ihm von dem Gewinn zuteil werden sollte, wenn seine Bemühungen zu einem Erfolg führten. Nachdem der Richter eine Stunde an der Stelle verweilt, das Gestein untersucht und nach den gewöhnlichen Anzeichen, welche die Nähe von Erz verkünden, gespäht hatte, ließ er sich von seinem Vetter nach der Stelle führen, wo das geheimnisvolle Triumvirat seine Grabungen angestellt hatte.

Der von Jotham ausgewählte Ort befand sich an der Rückseite des Berges, der über Lederstrumpfs Hütte herabhing, und der von Natty und seinen Gefährten gewählte Platz befand sich auf der andern Seite desselben Berges, aber oberhalb des Fahrwegs und natürlich in einer Richtung, derjenigen ganz entgegengesetzt, welche die Damen für ihren Spaziergang eingeschlagen hatten.

»Wir können uns jetzt ohne Störung der Stelle nähern«, sagte Richard, während sie abstiegen und ihre Pferde anbanden, »denn ich habe, ehe wir von Hause weggingen, John und Lederstrumpf in ihrem Kahne fischen sehen, und Oliver ist in derselben Absicht ausgezogen. Vielleicht tun sie's aber bloß zum Schein, um unsere Augen irrezuführen; wir wollen uns daher beeilen; denn es wäre doch gerade nichts Angenehmes, wenn sie uns hier überraschten.«

»Wie? Auf meinem eigenen Grund und Boden?« versetzte Marmaduke ernst. »Wenn es so ist, wie du vermutest, so sollen sie mir den Grund angeben, warum sie hier gegraben haben.«

»St«, entgegnete Richard, indem er einen Finger an seine Lippen legte und einen sehr mühsamen Abhang hinab zu einer Art natürlicher Höhle im Felsen, die einem Feuerplatze nicht unähnlich war, voranging. An der Vorderseite dieser Höhle lag ein Haufen Erde, die augenscheinlich aus dem Innern herausgeschafft worden und zum Teil noch frisch war. Eine Untersuchung des Äußeren brachte den Richter nicht ins klare, ob er es hier mit einem Spiel der Natur oder einem Werk von Menschenhand aus irgendeiner früheren Periode zu tun habe. Das Innere aber ließ keinen Zweifel, daß es seine Gestaltung menschlicher Bemühung verdankte; denn an dem weichen bleifarbigen Fels, der sich den Fortschritten der Häuer in den Weg gelegt hatte, waren noch die Spuren der Eisenwerkzeuge zu entdecken. Das Ganze bildete eine ungefähr zwanzig Fuß weite und fast noch einmal so tiefe Höhle. Die Höhle war weit beträchtlicher als für den Zweck des Unternehmens notwendig, was aber augenscheinlich Wirkung des Zufalls war, da der Fels oben dachförmig überhing und um viele Fuß weiter vorsprang als die Basis. Unmittelbar vor dieser Felsennische befand sich eine kleine teils durch die Natur, teils durch die von den Arbeitern sorglos herausgeworfene Erde gebildete Terrasse. Vor dieser fiel das Gebirge steil ab, so daß die klippenreichen Seitenzugänge schwierig und sogar etwas gefährlich waren. Der ganze Schauplatz war wild, roh und augenscheinlich unvollendet; als sich der Sheriff in dem Gebüsch umsah, fand er die Werkzeuge vor, die bei der Arbeit benutzt worden waren.

Als Richard glaubte, sein Vetter habe die Stelle hinreichend untersucht, fragte er feierlich: »Bist du jetzt befriedigt, Richter Temple?«

»Ich habe mich allerdings überzeugt, daß hier etwas Geheimnisvolles und Seltsames vorgeht. Es ist ein schlau gewählter, abgelegener Ort, aber doch sehe ich keine Spur von Erz.«

»Du wirst doch nicht meinen, Vetter, daß man Gold und Silber wie Kieselsteine auf der Oberfläche der Erde findet – Dollars und Dimes, Der zehnte Teil eines Dollars oder zehn Cents. bereits ausgeprägt, daß man sie nur auszugeben braucht? Nein, nein – der Schatz muß erst gesucht werden, ehe man ihn benutzen kann. Aber laß sie nur graben, ich will schon entgegen minieren.«

Der Richter besichtigte die Stelle genau und notierte in seinem Notizbuch Merkmale, die es ihm möglich machten, sie auch ohne Richard aufzufinden; dann kehrten sie zu ihren Pferden zurück.

Als sie die Landstraße erreicht hatten, trennten sie sich – der Sheriff, um vierundzwanzig »gute und getreue Männer« aufzubieten, die am nächsten Montag, an welchem Marmaduke Gerichtssitzung hielt, als Gehilfen der Obrigkeit funktionieren sollten; der Richter, um nach Hause zurückzukehren, wobei er sich mit ernstlichen Gedanken über das, was er im Lauf des Morgens gesehen und gehört hatte, beschäftigte.

Als sein Pferd an die Stelle gelangte, wo sich die Landstraße gegen das Tal senkte, ließ Marmaduke sein Auge auf derselben Szene ruhen, die zehn Minuten vorher so beruhigend auf die Gefühle seiner Tochter und ihrer Freundin gewirkt hatte, als sie aus dem Wald herauskamen; aber die Gegenstände schwebten nur wirr vor seinen Blicken. Er ließ seinem sicheren Tier die Zügel und gestattete ihm, nach Belieben weiterzutraben, während er folgendermaßen zu sich selber sprach:

»Es mag doch mehr hinter dieser Sache stecken, als ich anfangs dachte. – Ich habe meinen Gefühlen die Herrschaft über die Vernunft eingeräumt, indem ich einem Unbekannten in dieser Weise Eingang in mein Haus gestattete; – doch wir leben in einem Lande, wo man Argwohn nicht aufkommen lassen darf. Ich will Lederstrumpf rufen lassen, und einige offene Fragen werden diesem alten einfachen Manne wohl die Wahrheit entlocken.«

In diesem Augenblick wurde der Richter Elisabeths und Luises ansichtig, die in kurzer Entfernung langsam den Berg hinabstiegen. Er drückte seinem Roß die Sporen in die Seite, ritt auf sie zu, saß ab und führte sein Pferd auf dem engen Pfade am Zügel. Während der bewegte Vater auf die lebendige Schilderung horchte, die ihm seine Tochter von ihrer kürzlichen Gefahr und ihrem unverhofften Entrinnen gab, wichen alle Gedanken an Minen, Herrenrechte und Verhöre vor der Aufregung des Augenblickes, und wenn ihm jetzt Nattys Bild vor das geistige Auge trat, so war es nicht das eines gesetzlosen, diebischen Squatters, sondern das des Retters seines Kindes.

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