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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XXVI

 

So sprich, mein lieber Vater; deine Worte
Sind mir wie milde Lüfte aus dem Westen.

Milman

 

Es war ein milder, sanfter Morgen, als Marmaduke und Richard ihre Pferde bestiegen, um den Ausflug vorzunehmen, mit dem sich die Gedanken des letzteren schon geraume Zeit fast ausschließlich beschäftigt hatten. In demselben Augenblick erschienen auch Elisabeth und Luise, für einen Spaziergang angekleidet, in der Halle.

Die Kopfbedeckung der Predigerstochter bestand aus einem niedlichen, kleinen Hut von grüner Seide, unter dem ihre bescheidenen Augen mit der schmachtenden Weichheit, welche ihr ganzes Äußere charakterisierte, hervorleuchteten; aber Miss Temple schritt durch die weiten Gemächer ihres Vaters mit dem Tritt der Gebieterin, indem sie den Strohhut, der die glänzenden, ihre Marmorstirn üppig umspielenden Locken bedecken sollte, an einem seiner Bänder in der Hand trug.

»Wie? Hast du im Sinn, einen Spaziergang zu machen, Beß?« rief der Richter, einen Augenblick sein Roß zügelnd, um mit väterlicher Freude die weibliche Schönheit und Anmut seines Kindes zu betrachten. »Vergiß aber nicht, liebe Tochter, daß der Juli ein heißer Monat ist, und wage dich nur so weit, daß du vor Mittag wieder zu Hause sein kannst. Wo ist dein Sonnenschirm, Mädchen? Es ist um deine weiße Stirn geschehen, wenn du dich nicht sorgfältig gegen unsere Sonne und unsern Südwind verwahrst.«

»Ich werde dann nur um so besser zu meiner Verwandtschaft passen«, erwiderte Miss Temple lächelnd. »Vetter Richard hat ein so rosiges Aussehen, daß ihn eine Dame darum beneiden könnte, und so ist zur Zeit die Ähnlichkeit zwischen uns so unbedeutend, daß kein Fremder glauben würde, wir stammten von zwei Schwestern ab.«

»Nur stehst du um einen Grad entfernter, Base Elisabeth«, versetzte der Sheriff. »Doch beeile dich, Richter Temple; Zeit und Flut warten auf niemand; und wenn du dir von mir raten läßt, Vetter, so kannst du ihr heute in zwölf Monaten aus ihrem Kamelhaarschal einen Sonnenschirm machen und ihn mit gediegenem Silber beschlagen lassen. Für mich will ich nichts, Duke, du hast dich immer freundlich gegen mich erwiesen; und zudem geht ja, wenn mein Stündlein schlägt, all mein Eigentum auf Beß über; es ist daher gleichgültig, wer es ihr über kurz oder lang hinterläßt, ich oder du. Aber wir haben eine Tagereise vor uns, Vetter; mache also, daß du vorwärts kommst oder steige wieder ab und sage es gleich, daß du nicht gehen willst.«

»Geduld, Geduld, Dick«, erwiderte der Richter, indem er sich abermals an seine Tochter wandte. »Wenn du das Gebirge besuchen willst, Liebe, so verliere dich ja nicht zu tief in den Wald; denn obgleich man es oft ungestraft tun kann, so ist es doch bisweilen gefährlich.«

»In dieser Jahreszeit wohl nicht, lieber Vater«, sagte Elisabeth, »denn ich will nur gestehen, daß ich und Luise im Sinn haben, ein bißchen unter den Bergen umherzustreifen.«

»Im Winter ist's freilich minder rätlich, meine Liebe, aber doch könnte es gefährlich werden, wenn du dich zu weit wagst. Wenn du aber auch waghalsig bist, Elisabeth, so gleichst du doch zu sehr deiner Mutter, um nicht auch klug zu sein.«

Die Augen des Vaters wandten sich nur mit Widerstreben von seiner Tochter ab, und Richter und Sheriff ritten langsam durch den Torweg, um bald hinter den Gebäuden des Dorfes zu verschwinden.

Während dieses kurzen Gesprächs stand der junge Edwards, aufmerksam horchend, mit einer Fischerrute in der Hand in der Nähe; denn auch ihn hatte der schöne Tag veranlaßt, das Haus zu verlassen, um die frische Luft zu genießen. Als die Reiter sich entfernt hatten, näherte er sich den jungen Mädchen, die eben nach der Straße einbogen, und er war eben im Begriff sie anzureden, als Luise haltmachte und hastig sagte:

»Herr Edwards will mit uns sprechen, Elisabeth.«

Miss Temple hielt gleichfalls und wandte sich an den Jüngling – zwar höflich, aber mit einer leichten Kälte in ihrem Wesen, welche die Freimütigkeit, womit er herangetreten war, merklich zügelte.

»Es scheint Ihrem Vater nicht zu gefallen, daß Sie ohne Geleit in die Berge gehen, Miss Temple. Wenn ich Ihnen meinen Schutz anbieten darf –«

»Hat mein Vater Herrn Edwards ausersehen, mir das, was ihm mißfällt, zu bedeuten?« fiel ihm die Dame ins Wort.

»Gütiger Himmel! Sie verkennen meine Meinung. Ich hätte statt Mißfallen Beunruhigung sagen sollen. Ich bin sein Diener, Fräulein, und folglich auch der ihrige. Wenn Sie nichts dawider haben, so wiederhole ich daher, daß ich meine Angelrute mit einer Vogelflinte vertauschen und, falls Sie das Gebirge besuchen, in ihrer Nähe bleiben will.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Edwards, aber wo keine Gefahr ist, bedarf es auch keines Schutzes. Zum Glück ist es nicht nötig, daß man unter diesen freien Bergen im Geleit einer Leibgarde einherwandelt, und sollte es je der Fall sein, so ist auch hierfür gesorgt. Komm her Brave – Brave, mein wackerer Brave!«

Der ungeheure Bullenbeißer, den wir bereits erwähnt, erschien vor seiner Hütte und gähnte und reckte sich in träger Schläfrigkeit. Aber als seine Gebieterin abermals rief: »Komm, lieber Brave! Du hast vordem deinem Herrn treue Dienste geleistet; laß einmal sehen, wie du deine Pflicht bei seiner Tochter erfüllst«, wedelte der Hund mit dem Schwanz, als verstehe er die Worte, schritt stattlich an ihre Seite hin, setzte sich nieder und sah zu ihrem Antlitz mit einem Verstand auf, der dem, welcher aus den liebenswürdigen Zügen seiner Herrin blitzte, nur wenig nachzugeben schien.

Sie nahm ihren Spaziergang wieder auf, machte aber nach einigen Schritten abermals halt und fügte in einem versöhnlichen Tone bei:

»Sie können uns gleichwohl einen Dienst leisten, der Ihnen, wie ich vermute, angenehmer sein dürfte, Herr Edwards, – wenn Sie uns nämlich ein paar von Ihren Lieblingsbarschen für die Mittagstafel besorgen.«

Sie ging weiter, ohne zurückzublicken und zu sehen, wie der Jüngling diese Zurückweisung aufnahm; dagegen wandte sich, noch ehe sie das Tor erreichten, Luises Kopf mehrere Male um.

»Ich fürchte, Elisabeth«, begann sie, »daß wir Herrn Oliver gekränkt haben. Er steht noch immer an seine Angelrute gelehnt, wo wir ihn verlassen haben. Er mag uns wohl für stolz halten.«

»Dann hat er recht«, rief Miss Temple, wie aus einem tiefen Traum erwachend, »dann hat er vollkommen recht. Wir sind zu stolz, um von einem jungen Mann in einer so zweideutigen Lage derartige Aufmerksamkeiten anzunehmen. – Jawohl! – ihn zum Begleiter unserer geheimsten Spaziergänge zu machen! Es ist Stolz, Luise, aber es ist der Stolz eines Weibes.«

Es dauerte mehrere Minuten, ehe Oliver sich aus der gedankenvollen Stellung erhob, in welcher ihn Luise zuletzt gesehen hatte; aber als er es endlich tat, murmelte er rasch und unzusammenhängend etwas vor sich hin, warf seine Angelrute über seine Schulter und schritt mit der stolzen Haltung eines Kaisers die Allee hinab durch das Tor und auf einer der Straßen des Dorfes weiter, bis er das Seeufer erreichte. Es lagen dort Boote für den Gebrauch des Richters Temple und seiner Familie. Der junge Mann warf sich in einen leichten Nachen, ergriff das Ruder und trieb sein Fahrzeug mit kräftigen Armen über den See hin auf Lederstrumpfs Hütte zu. Nachdem er eine Weile gerudert hatte, wurden seine Gedanken weniger bitter; als er die Büsche, die vor Nattys Wohnung das Ufer umsäumten, an sich vorbeigleiten sah, wie wenn ihnen die Bewegung angehörte, die doch nur durch seine Anstrengung herbeigeführt wurde, fühlte er sein Gemüt abgekühlt, obgleich sein Körper noch erhitzt war. Leicht möglich, daß der wahre Grand, der Miss Temple bei ihrem Benehmen geleitet, einem Manne von Olivers Erziehung und Bildung nicht entging, und wenn dies der Fall war, so mußte Elizabeth eher in seiner Achtung steigen als fallen.

Er nahm nun das Ruder aus dem Wasser, und das Boot schoß dicht ans Land, wo es sich leicht in den von ihm selbst hervorgerufenen Wellen bewegte, während der junge Mann, nachdem er sich zuvor spähend in jeder Richtung umgesehen hatte, eine kleine Pfeife an den Mund brachte und einen langen gellenden Ton erschallen ließ, den das Echo der Felsen bei der Hütte weithin nachhallen ließ. Auf diese Störung eilten Nattys Hunde aus ihren Rindenhütten und begannen ein langes, klägliches Geheul, indem sie wie toll in dem Bereich der hirschledernen Riemen, womit sie angebunden waren, auf und ab rannten.

»Ruhig, ruhig, Hektor«, sagte Oliver, indem er seine Pfeife abermals an den Mund setzte und einen noch schrilleren Ton als zuvor hervorlockte. Es erfolgte keine Erwiderung, da die Hunde bei dem Klange seiner Stimme wieder in ihre Hütten zurückgekrochen waren.

Edwards zog das Boot aufs Ufer, stieg das Gestade hinan und näherte sich der Hütte. Die Riegel waren bald entfernt, und nachdem er eingetreten, schloß er die Tür hinter sich ab. Alles war so still an diesem abgelegenen Ort, als ob hier nie der Fuß eines Menschen die Wildnis betreten hätte. Die Töne von Hämmern, die unablässig im Dorf in Bewegung waren, ließen sich nur schwach über den See herüber vernehmen; die Hunde hatten sich in ihr Quartier verkrochen, zufriedengestellt, daß niemand Fremdes sich dem verbotenen Grund genähert hatte.

Es verging eine Viertelstunde, ehe der Jüngling wieder zum Vorschein kam, worauf er die Türe verriegelte und die Hunde liebkoste. Diese kamen auf die wohlbekannten Töne hervor, und Slut hüpfte an Oliver hinauf, als bäte sie ihn, sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Aber der alte Hektor erhob seine Nase in den leichten Luftstrom und begann ein langes Geheul, das man wohl auf eine Meile hätte hören können.

»Ha! witterst du etwas, alter Waldveteran?« rief Edwards. »Ist's ein Tier, so ist es ein kühnes; meinst du aber einen Menschen damit, so ist es ein unverschämter Bursche.«

Er kletterte über den Wipfel einer an der Seite niedergefallenen Fichte nach einem kleinen Hügel, der im Süden die Hütte beschützte, und gewahrte die leibhaftige Gestalt Hiram Doolittles, wie er mit einer für einen Architekten ganz ungewöhnlichen Geschwindigkeit in den Büschen verschwand.

»Was kann der Kerl hier wollen?« murmelte Edwards. »Er hat nichts in dieser Gegend zu schaffen, wenn ihn nicht allenfalls die Neugierde hierher führt, die in diesen Wäldern endemisch ist. Dafür soll ihm aber gesorgt werden, obschon ihn vielleicht die Hunde, durch sein häßliches Gesicht abgeschreckt, passieren lassen.«

Der Jüngling wandte sich während dieses Selbstgesprächs wieder nach der Tür und schloß sie vollends ab, indem er eine kleine Kette durch einen Ring zog und sie dann durch ein Vorlegeschloß befestigte.

»Er ist ein Winkeladvokat«, fuhr er fort, »und kennt vielleicht Mittel, wie man unrechtmäßigerweise in eines anderen Haus kommt.«

Augenscheinlich sehr zufrieden mit dieser Vorkehrung, beschwichtigte der Jüngling die Hunde, worauf er wieder an das Ufer hinabstieg, den Nachen vom Stapel ließ, das Ruder aufnahm und in See stach.

Es gab mehrere Plätze in dem Otsego, wo man die Barschfischerei mit gutem Erfolg betreiben konnte. Einer davon lag ziemlich in der Nähe der Hütte und ein anderer, noch weit besserer, befand sich etwa anderthalb Meilen weiter oben auf derselben Seite unter einem Vorsprung des Gebirges. Oliver Edwards ruderte sein Fahrzeug nach dem ersteren, wo er eine Minute unschlüssig weilte, ob er da bleiben solle, um mit seinen Augen die Tür der Hütte bewachen zu können, oder ob es nicht besser wäre, seinen Grund zu wechseln, um vielleicht einen besseren Braten zu fangen. Während er so umherblickte, sah er an der ergiebigeren Stelle den hellfarbigen Rindenkahn seiner alten Gefährten liegen, in dem sich zwei Personen befanden, die er bald als Mohegan und Lederstrumpf erkannte. Dies gab den Ausschlag; der Jüngling befand sich in wenigen Minuten an dem Ort, wo seine Freunde fischten, und befestigte sein Boot an dem leichten Fahrzeug des Indianers.

Die beiden Alten empfingen Oliver mit einem freundlichen Kopfnicken; aber keiner zog seine Leine aus dem Wasser oder änderte auch nur im mindesten seine Beschäftigung. Als Oliver sein eigenes Boot in Sicherheit gebracht hatte, steckte er einen Köder an die Angel und warf sie, ohne ein Wort zu sprechen, in den See.

»Habt Ihr an dem Wigwam gehalten, junger Mann, als Ihr vorbeirudertet?« fragte Natty.

»Ja, und ich fand alles wohl verwahrt. Aber der Zimmermann und Friedensrichter, den sie Squire Doolittle nennen, streift durch die Wälder. Ich verschloß die Türe gehörig, ehe ich die Hütte verließ, und ich denke, er ist zu feige, um den Hunden zu nahe zu kommen.«

»Man kann nicht viel zum Vorteil dieses Mannes sagen«, versetzte Natty, während er einen Barsch heraufholte und seinen Haken mit einem neuen Köder versah. »Er hat ein ungemeines Verlangen, in die Hütte zu kommen, und sagte mir dies sogar ins Gesicht; aber ich speiste ihn mit Ausflüchten ab, so daß er jetzt nicht weiser ist als Salomon. Es kommt von den vielen Gesetzen her, daß man einen solchen Menschen zu deren Ausleger berufen hat.«

»Ich fürchte, er ist mehr Schurke als Narr«, rief Edwards. »Er macht den einfältigen Sheriff zu seinem Werkzeug, und ich fürchte, daß seine unverschämte Neugierde uns noch zu schaffen machen wird.«

»Wenn er allzuviel um meine Hütte herumstreicht, so schieß' ich ihn nieder«, sagte Lederstrumpf kurz angebunden.

»Nein, nein, Natty, Ihr dürft das Gesetz nicht aus dem Auge lassen«, versetzte Edwards, »sonst bringt Ihr Euch selber in Unannehmlichkeiten, und das, alter Mann, wäre ein schlimmer Tag und eine schlimme Zeitung für uns alle.«

»Ist's Euch Ernst, Junge?« rief der Jäger, seine Augen mit dem Blick freundlicher Teilnahme zu dem Jüngling erhebend. »Nun, Ihr habt das rechte Blut in Euren Adern, Herr Oliver, und ich will es dem Richter Temple oder jedem Richter im Lande ins Gesicht behaupten. Was meinst du, John, habe ich recht? Ist der Junge nicht zuverlässig und von reinem Blut?«

»Er ist ein Delaware«, sagte Mohegan, »und mein Bruder. Der junge Adler ist tapfer und wird ein Häuptling sein. Es kann kein Unglück über ihn kommen.«

»Wohl, wohl«, rief der Jüngling ungeduldig, »aber sprecht nichts mehr davon, meine Freunde. Wenn ich auch nicht all das bin, wozu mich Eure parteiliche Vorliebe machen will, so bin ich doch Euer, – im Wohlstand wie in der Armut. Reden wir von andern Dingen!«

Die alten Jäger fügten sich seinem Wunsch, der ihnen als Gesetz zu gelten schien. Für eine Weile herrschte tiefes Stillschweigen, während jeder emsig mit seiner Angel und seiner Leine beschäftigt war; dann aber begann Edwards, der wahrscheinlich fühlte, es sei an ihm, die Unterhaltung zu erneuern, mit der Miene eines Menschen, der nicht weiß, was er sagt:

»Wie schön, wie ruhig und glänzend dieser See ist! Habt Ihr ihn je so spiegelglatt gesehen wie in diesem Augenblick, Natty?«

»Ich kenne den Otsego seit fünfundvierzig Jahren«, entgegnete Lederstrumpf, »und muß ihm nachrühmen, daß es im ganzen Land kein klareres Wasser und keinen besseren Fischgrund gibt. Ja, ja, ich war einmal in seinem alleinigen Besitz, und das waren herrliche Zeiten. Wild gab es, soviel das Herz nur wünschen mochte, und niemand kam mir ins Gehege, wenn nicht hin und wieder die Delawaren wegen einer Jagdpartie über die Berge kamen oder ein spitzbübischer Irokese sich auf die Lauer legte. Weiter im Westen waren ein paar Franzosen, die sich in den Ebenen niedergelassen und Indianerinnen geheiratet hatten, und bisweilen kam auch einer oder der andere von den Schotten und Engländern aus dem Kirschental an den See, wo sie meinen Kahn borgten, um einen Barsch oder eine Lachsforelle herauszuholen; aber im ganzen war's ein angenehmer Ort, an dem ich nur wenig beunruhigt wurde. John kann's bezeugen, denn er war oft bei mir.«

Mohegan wandte bei dieser Berufung sein dunkles Gesicht um, machte eine bejahende Handbewegung und erwiderte in der Sprache der Delawaren:

»Das Land gehörte meinem Volk; wir gaben es im Rate meinem Bruder, – dem Feueresser; was die Delawaren geben, bleibt so lange, als die Wasser rinnen. Hawk-eye rauchte bei dieser Beratung; denn wir liebten ihn.«

»Nein, nein, John«, versetzte Natty, »ich war kein Häuptling; denn ich wußte nichts von einer Schule und hatte eine weiße Haut. Aber es war damals ein herrlicher Jagdgrund, Junge, und würde es noch heutigentags sein, wenn nicht Marmaduke Temples Geld und die krummen Wege des Gesetzes gewesen wären.«

»Es muß in der Tat eine wehmütige Lust gewesen sein«, sagte Edwards, während sein Auge am Ufer hin nach den Bergen wanderte, wo die in goldenem Ährenschmucke prangenden Lichtungen die Wälder mit Spuren des Lebens beseelten, »über jene Berge und diese herrliche Wasserfläche zu streifen, ohne eine lebende Seele zu treffen, mit der man sprechen oder seine Freude teilen konnte.«

»Was bedurfte es auch dessen, um das Herz zu erheben?« entgegnete Lederstrumpf. »Ja, ja, wenn die Berge sich mit Laub zu bedecken begannen und das Eis des Sees schmolz, so war es ein zweites Paradies. Ich bin dreiundfünfzig Jahre durch die Wälder gewandert und habe sie seit mehr als vierzig zu meiner Heimat erkoren, aber ich muß sagen, daß mir nur ein Ort besser gefallen hat – und zwar wegen der Augenweide allein – nicht auch wegen der Jagd und der Fischerei.«

»Und wo war das?« fragte Edwards.

»Wo? Ei, auf den Catskills. Ich pflegte oft nach Wolfs- und Bärenhäuten in die Berge hinaufzugehen, und einmal dingten sie mich auch, einem wohlgenährten Panther abzupassen, was mich gleichfalls zu manchem Streifzug dahin veranlaßte. Dort ist ein Plätzchen in den Bergen, zu dem ich gerne hinanklomm, wenn mich's gelüstete, das Treiben der Welt zu sehen, und ich fand daselbst reichen Ersatz für ein zerkratztes Schienbein oder einen zerrissenen Mokassin. Ihr kennt die Catskills, Junge; denn Ihr müßt sie zu Eurer Linken gesehen haben, als Ihr von York stromaufwärts kamt; sie sehen so blau aus wie ein Stück des klaren Himmels, und die Wolken schweben auf ihren Spitzen wie der Rauch, der sich bei dem Beratungsfeuer über dem Kopf eines Indianerhäuptlings kräuselt. Im Hintergrund liegen die Hochspitze und der Rundgiebel wie Vater und Mutter zwischen ihren Kindern, über die sie weit weg sehen. Aber der Ort, den ich meine, befindet sich in der Nähe des Flusses, wo eine der Reihen ein wenig gegen die übrigen vorspringt, und wo die Felsen hin und wieder um tausend Fuß abfallen; es geht dabei so auf und ab, daß man, wenn man auf einer Kante steht, auf den törichten Gedanken kommen könnte, es wäre möglich, von einer Spitze aus zur anderen auf festen Grund zu springen!«

»Und was saht ihr von dort oben aus?« fragte Edwards.

»Die Schöpfung«, entgegnete Natty, indem er das Ende seiner Rute ins Wasser tauchte und mit der andern Hand einen Kreis um sich beschrieb, »die ganze Schöpfung, Junge. Ich war auf jenem Berg, als Vaughan im letzten Krieg Sopus verbrannte, und sah die Schiffe so deutlich aus den Hochlanden herauskommen, wie ich jenen Kalknachen in den Susquehanna hineinrudern sehe, obgleich sie zwanzigmal weiter von mir entfernt waren als dieser. Der Fluß lag siebzig Meilen weit, meinen Augen sichtbar, wie ein Hobelspan gekräuselt zu meinen Füßen, obgleich ich acht gute Meilen bis zu seinen Ufern zu gehen hatte. Ich sah die Berge in den Hampshirepatenten, die Hochlande des Flusses und alle Werke der Hand Gottes oder des Menschen, soweit das Auge reichen konnte – und Ihr wißt, daß die Indianer mir wegen meines scharfen Blicks einen besonderen Namen gaben, Junge. Von der Plattform auf der Spitze jenes Berges habe ich oft den Platz aufgefunden, wo Albany steht; und als die königlichen Truppen Sopus niederbrannten, kam mir der Rauch so nahe vor, daß ich meinte, ich könne das Schreien der Weiber hören.«

»Um einer so glorreichen Aussicht willen konnte man sich allerdings einiger Mühe unterziehen.«

»Ich denke wohl, daß ich den Ort empfehlen kann; denn gewiß erfreut es das Auge, wenn man fast eine Meile hoch in der Luft ist und die Häuser und Meiereien der Menschen zu seinen Füßen hat, während die Flüsse nur wie schmale Bänder und Berge, größer als der Visionsberg, nur wie Schober von grünem Gras aussehen. Als ich erstmals in die Wälder kam, um darin zu leben, machte ich mir wohl auch hin und wieder absonderliche Gedanken, wenn ich mich so einsam fühlte; aber dann pflegte ich in die Catskills zu gehen und einige Tage auf jenem Berge zuzubringen, um mir das menschliche Treiben zu betrachten. Es sind jedoch etliche Jahre vergangen, seit ich mich nicht wieder von einer solchen Sehnsucht heimgesucht fühlte, und zudem bin ich auch zu alt geworden für jene schroffen Kuppen. Es gibt aber einen Platz, nur ein paar Meilen hinter demselben Berg, dem ich in der letzten Zeit einen noch besseren Geschmack abgewann; denn er ist mehr mit Bäumen bedeckt und daher natürlicher.«

»Und wo war das?« fragte Edwards, dessen Neugierde durch die einfache Beschreibung des Jägers lebhaft aufgeregt war.

»Es gibt einen Fall in den Bergen, wo die Wasser von zwei kleinen, ziemlich nahe beieinander gelegenen Teichen ihre Dämme durchbrechen und über die Felsen ins Tal hinunterstürzen. Der Strom wäre vielleicht gerade kräftig genug, um eine Mühle zu treiben, wenn ein solch unnützes Ding in der Wildnis nötig wäre. Aber die Hand, welche diesen ›Wassersprung‹ schuf, hat nie eine Mühle gemacht. Die klare Flüssigkeit krümmt und windet sich unter den Felsen fort, zuerst so langsam wie ein Forellenbach, dann rascher und rascher wie ein gehetztes Tier, bis sie zu einer Stelle kommt, wo sich das Gebirge in der Weise eines gespaltenen Hirschhufs teilt und eine tiefe Höhle bildet, in die sie hinunterstürzt. Das Wasser prallt zum ersten Male fast um zweihundert Fuß weiter unten auf und sieht, noch ehe es den Boden berührt, wie eine Wolke treibenden Schnees aus; von hier aus sammelt sich's wieder zu einem neuen Sturz und sprudelt vielleicht fünfzig Fuß weit in einem flachen Felsbett fort, ehe es eine weitere hundert Fuß hohe Kaskade bildet, und nun stürmt es von Gesims zu Gesims, bald dahin, bald dorthin, voll Verlangen, der Felskluft zu entkommen, bis es endlich in der Ebene anlangt.«

»Ich habe früher nie etwas von dieser Stelle gehört; auch wird sie in keinem Buch erwähnt.«

»Ich habe zeitlebens nie in einem Buch gelesen«, entgegnete Lederstrumpf, »und wie sollte ein Mann, der nur in den Städten gelebt hat, etwas von den Wundern der Wälder wissen? Nein, nein, Junge, jener kleine Wasserstrom spielt zwischen den Bergen seit der Schöpfung der Erde, und kein Dutzend weißer Menschen hat ihn je gesehen. Der Fels bildet zu beiden Seiten des Falles, wie ein Gemäuer, ein Halbrund, und bis zu einer Höhe von fünfzig Fuß vom Boden steht ein Gesims über dem anderen; saß ich dann am Fuß des ersten Aufpralls, so sahen meine Hunde nicht größer als Kaninchen aus, wenn sie in die Höhlen hinter dem Wasserguß hinunterliefen. Meiner Ansicht nach, Junge, ist dies der schönste Anblick, dem ich je in den Wäldern begegnet bin, und ich darf wohl sagen, daß niemand weiß, wie oft sich die Hand Gottes in einer Wildnis blicken läßt, wenn er nicht ein Menschenalter darin zugebracht hat.«

»Was wird aus dem Wasser? In welcher Richtung fließt es? Zahlt es dem Delaware seinen Tribut?«

»Wie?« fragte Natty.

»Fließt das Gewässer in den Delaware?«

»Nein, nein, es ist ein Tropfen für den alten Hudson und hat eine lustige Zeit, bis es sich durch das Gebirge Bahn gebrochen. Ich habe manche lange Stunde auf einem Felsvorsprung gesessen, Junge, und während ich die an mir vorbeischießenden Wasserblasen betrachtete, machte ich mir so meine Gedanken, wie lange es wohl dauern dürfte, ehe dieses Wasser, das für die Wildnis gemacht zu sein scheint, den Kiel eines Schiffes bespült und mit den Wogen des Salzwassers umhertreibt. Die Stelle ist sehr geeignet, einen Menschen feierlich zu stimmen. Man kann gerade in das Tal hinuntersehen, das östlich von der Hochspitze liegt, und wo im Herbst tausend und aber tausend Morgen Waldes in ihren gleich zehntausend Regenbogen wechselnden Farben die Seiten der tiefen Gebirgseinschnitte bekleiden. Das ist ein Schauspiel, wo die Hand des Menschen noch nicht in die Ordnung der göttlichen Vorsehung eingegriffen hat.«

»Ihr werdet ganz zum Dichter, Lederstrumpf«, rief der Jüngling.

»Wie?« fragte Natty.

»Die Rückerinnerung an jene Szenerie hat Euer Blut erwärmt, alter Mann. Wie viele Jahre ist es, seit Ihr den Ort zum letztenmal gesehen?«

Der Jäger gab keine Antwort, sondern neigte sein Ohr gegen die Wasserfläche, eine Stellung, in welcher er mit verhaltenem Atem verblieb und mit großer Spannung aufhorchte, als vernehme er entfernte Töne. Endlich richtete er den Kopf wieder auf und sagte:

»Hätte ich die Hunde nicht eigenhändig mit frischen, starken hirschledernen Riemen angebunden, so wollte ich auf die Bibel schwören, daß ich den alten Hektor auf dem Gebirge bellen hörte.«

»Nicht möglich!« entgegnete Edwards. »Es ist noch keine Stunde, daß ich ihn in seiner Hütte sah.«

Inzwischen hatte sich auch Mohegans Aufmerksamkeit den Tönen zugewendet; aber obgleich der Jüngling mit stummer Achtsamkeit aufhorchte, so konnte er doch nichts als das Brüllen einiger Rinder auf den westlichen Bergen unterscheiden. Er sah den alten Mann an, während Natty, die Hand ans Ohr gehalten, um die Schallfläche zu vergrößern, dasaß, und Mohegan, mit vorwärts gebeugtem Körper und bis zur Höhe seines Gesichtes ausgerecktem Arm den Zeigefinger erhob, um Stille zu gebieten .Endlich lachte Edwards laut hinaus über die Aufmerksamkeit seiner beiden Begleiter auf die, wie es ihm dünkte, erträumten Töne.

»Lacht, wie Ihr wollt, Junge«, sagte Lederstrumpf, »die Hunde sind draußen und jagen einem Hirsch nach. In einer solchen Sache trügt mein Ohr nicht. Ich wollte es mich ein Biberfell kosten lassen, wenn es anders wäre. Nicht, als ob ich mich um das Gesetz kümmerte; aber das Wildbret ist gegenwärtig schlecht und die dummen Teufel rennen sich für nichts und wieder nichts das Fleisch von den Beinen ab. Hört Ihr sie noch immer nicht?«

Edwards fuhr auf, als ein deutlicher Ton an sein Ohr schlug, der ursprünglich durch dazwischenliegende Berge gedämpft schien, dann aber in wirrem Echo von den Felsen widertönte, an denen die Hunde vorbeijagten. Endlich erhob sich ein tiefes und hohles Bellen, das gerade aus dem unmittelbar am Seeufer gelegenen Wald hervorbrach. Die Laute wechselten mit wunderbarer Schnelligkeit, und während die Augen des jungen Mannes an dem Saume des Wasser hinstreiften, weckte ein Rauschen in dem nahe liegenden Erlen- und Hartriegelgebüsch seine Aufmerksamkeit. Im nächsten Augenblick wurde ein edler Bock sichtbar, der in die Wellen des Sees eintauchte. Ein lautes Geheul folgte, worauf Hektor und die Slut durch die Öffnung im Gebüsche schossen und gleichfalls in den See stürzten, die breite Brust mutig dem Wasser preisgebend.

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