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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XXV

 

Schwatz uns nicht stets von diesen Berg' und Tälern,
Du alter Tor; denn niemand horcht auf Mären
Aus deiner Kinderzeit, womit du quälst
Der Hörer Ohr. – Drum rasch! zur Sache!

Duo

 

Herr Jones stand am folgenden Morgen mit der Sonne auf, ließ sein und Marmadukes Pferd satteln und verfügte sich mit ungewöhnlich wichtiger Miene in das Schlafgemach des Richters. Die Tür war nicht verschlossen, und Richard trat mit einer Freimütigkeit ein, die nicht nur das gute Einvernehmen mit dem Vetter, sondern auch die gewohnte Weise des Sheriffs charakterisierte. –

»Nun, Duke, zu Pferde«, rief er, »und ich will dir auseinandersetzen, was ich gestern abend mit meinen Andeutungen meinte. David sagt in seinen Psalmen – nein, es war Salomo; doch das ist gleichgültig, er gehörte zur Familie – Salomo sagt, alles habe seine Zeit, und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ist eine Fischpartie kein geeigneter Moment, um wichtige Angelegenheiten zu besprechen. – Ha was soll das? Was zum Teufel fehlt dir, Marmaduke? Bist du nicht wohl? Laß mich deinen Puls fühlen. Du weißt, mein Großvater war –«

»Dem Körper nach befinde ich mich ganz wohl, Richard«, fiel der Richter ein, indem er seinen Vetter zurückschob, der eben im Begriff war, dem Doktor Todd ins Handwerk zu greifen, »aber mein Gemüt ist leidend. Als ich in der letzten Nacht zurückkam, fand ich unter anderen Briefen auch diesen vor.«

Der Sheriff nahm den Brief auf, ohne jedoch seine Augen auf das Schreiben zu richten; denn er betrachtete fortwährend das Äußere des Richters mit großem Erstaunen. Von dem Antlitz seines Vetters wanderte sein Blick nach dem Tisch, wo mehrere Briefe, Pakete und Zeitungen lagen, und dann im Zimmer umher. Auf dem Bett war der Eindruck eines menschlichen Körpers sichtbar, ohne daß jedoch die Decke zurückgeschlagen gewesen wäre; alles verkündete, daß der Bewohner des Gemachs eine schlaflose Nacht zugebracht hatte. Die Kerzen waren bis in die Leuchter niedergebrannt und augenscheinlich von selbst erloschen. Marmaduke hatte seine Vorhänge aufgezogen und die Fenster geöffnet, um die balsamische Luft eindringen zu lassen, aber seine blassen Wangen, seine bebenden Lippen und seine eingesunkenen Augen zeigten so wenig die gewohnte männliche und heitere Ruhe des Richters, daß der Sheriff mit jedem Augenblick bestürzter wurde. Endlich fand Richard Zeit, seine Blicke auf den Brief zu werfen, den er noch immer ungeöffnet und zusammengeballt in seiner Hand hielt.

»Was, ein zu Schiff angekommener Brief«, rief er, »und aus England? Ha, Duke! der mag in der Tat wichtige Neuigkeiten enthalten.«

»Lies ihn«, versetzte Marmaduke, in heftiger Aufregung durch das Zimmer auf und ab schreitend.

Richard war gewöhnt, laut zu denken, und daher nicht imstande, einen Brief zu lesen, ohne einem Teil des Inhalts Worte zu leihen. Wir legen daher dem Leser das, was in dieser Weise von dem Briefe veröffentlicht wurde, nebst den gelegentlichen Bemerkungen des Sheriffs vor.

»London, den zwölften Februar siebzehnhundertdreiundneunzig – Was zum Teufel, das hat lange gebraucht! Aber der Wind ist, bis auf die letzten vierzehn Tage, sechs Wochen lang nordwestlich gewesen.

Sir, Ihre verehrlichen Schreiben vom 10. August, 23. September und 1. Dezember habe ich zur rechten Zeit erhalten und das erste umgehend beantwortet. Seit dem Empfang des letzteren habe ich –« hier folgte ein langer Satz, welchen der Sheriff unbestimmt vor sich hin murmelte. »Es tut mir leid Ihnen sagen zu müssen, daß – hum, das ist allerdings schlimm – hoffe aber, daß es die gütige Vorsehung für passend gehalten hat – hum, hum, hum; scheint ein religiöser Mann zu sein, Duke, wahrscheinlich ein bischöflicher; hum, hum – Schiff abgesegelt von Falmouth, ungefähr am 1. September des vorigen Jahres und, – – hum, hum, hum. Wenn etwas von dieser betrübenden Sache verlauten sollte, so werde ich nicht ermangeln – hum, hum; in der Tat ein sehr gutherziger Mann für einen Rechtsgelehrten – kann jedoch nichts weiteres mitteilen – hum, hum. Der Nationalkonvent – hum, hum – unglückliche Louis – hum, hum – Beispiel Eures Washington – gewiß ein sehr verständiger Mann und keiner von jenen verrückten Demokraten. Hum, hum – unsere tapfere Flotte – hum, hum – unter unserem ausgezeichneten Monarchen – ja, mag ein guter Mann sein, dieser König Georg, hat aber schlechte Ratgeber. Hum, hum – schließe mit den Versicherungen meiner vollkommenen Hochachtung – Hum, hum. Andreas Holt! – Andreas Holt? – ein sehr verständiger teilnehmender Mann, dieser Andreas Holt, – schreibt aber schlimme Botschaft. Was willst du zunächst tun, Vetter?«

»Was kann ich tun, Richard, als die Zeit und die Führung des Himmels abzuwarten? Da ist ein anderer Brief aus Connecticut, welcher übrigens nur eine Bestätigung des früheren enthält. Nur eines tröstet mich bei diesen Neuigkeiten aus England, daß er nämlich mein letztes Schreiben erhalten haben muß, ehe das Schiff absegelte.«

»Das ist freilich schlimm genug, sehr schlimm, Duke, und macht alle meine Pläne, an dem Hause Flügel anzubringen, zu Wasser. Ich habe Vorkehrungen zu einem Ausritt getroffen, um dir etwas ungemein Wichtiges mitzuteilen. Es liegen dir immer Minen im Kopf –«

»Rede mir jetzt nichts von Minen«, fiel ihm der Richter ins Wort, »denn ich habe ohne Verzug eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ich muß diesen Tag mit Schreiben zubringen, und du wirst mir helfen, Richard. Ich mag Oliver nicht in ein so wichtiges Geheimnis Einsicht nehmen lassen.«

»Nein, nein, Duke«, rief der Sheriff, dem Richter die Hand drückend, »ich stehe ganz zu deinen Diensten. Wir sind Geschwisterkinder, und Blut ist im Grunde doch der beste Mörtel, der die Freundschaft zusammenhält. Meinetwegen, es hat keine Eile mit der Silbermine; denn morgen ist so gut wie heute. Ich denke, wir werden hierbei den Dirky Van brauchen?«

Marmaduke bejahte diese indirekte Frage, und der Sheriff stand von seinem beabsichtigten Ausritt ab, begab sich in das Frühstückszimmer und entsandte sogleich einen Boten, um Dirck Van der School her zu bescheiden.

Das Dorf Templeton durfte sich des Beistands von nur zwei Rechtsgelehrten erfreuen, von denen wir den einen unseren Lesern bereits in der Wirtsstube ›Zum kühnen Dragoner‹ vorgeführt haben; der andere war der von Richard vertraulicherweise als Dirck oder Dirky Van namhaft gemachte Gentleman. Große Gutmütigkeit, ziemliche Gewandtheit in seinem Fach und, soweit dies bei einem Advokaten möglich ist, ein beträchtlicher Grad von Ehrlichkeit waren die Hauptzüge in dem Charakter dieses Mannes, welcher unter den Ansiedlern als Squire Van der School gekannt war und bisweilen auch durch den schmeichelhaften, obgleich anomalen Titel des ›Holländers‹ oder des ›ehrlichen Advokaten‹ bezeichnet wurde. Wir wünschen jedoch nicht, unserem Leser einen falschen Begriff von irgendeinem unserer Charaktere beizubringen, und sehen uns daher veranlaßt beizufügen, daß das Adjektiv in Herrn Van der Schools Standesbezeichnung in unmittelbarer Beziehung zu seinem Substantiv gemeint war. Wir dürfen unsern orthodoxen Freunden nicht sagen, daß alles Verdienst in der Welt nur beziehungsweise ein solches ist, und wenn wir irgendeinem Charakter Eigenschaften zuschreiben, so ist dies so zu verstehen, daß man dabei auch die Umstände ins Auge zu fassen hat.

Den Rest des Tages über blieb der Richter mit seinem Vetter und seinem Rechtsfreund eingeschlossen, und niemand hatte Zutritt ins Zimmer als seine Tochter. Marmaduke hatte die tiefe Betrübnis, die ihn augenscheinlich bedrängte, einigermaßen auch Elisabeth mitgeteilt; denn ein kummervoller Blick beschattete ihre schönen Züge, und die Schwungkraft ihres lebensvollen Geistes war merklich gelähmt. Der junge Edwards, der mit Verwunderung Zeuge der plötzlichen Veränderung bei den Hauptgliedern der Familie war, bemerkte sogar, wie sich einmal eine Träne über Miss Temples Wange stahl und ihre leuchtenden Augen mit einer Weichheit übergoß, die gewöhnlich bei ihr nicht zu finden war.

»Haben Sie schlimme Nachrichten erhalten, Miss Temple?« fragte er mit einer Teilnahme, welche Luise Grant veranlaßte, mit einer Raschheit, über die sie selbst errötete, ihr Antlitz von ihrer Arbeit zu erheben. »Ich würde gerne Ihrem Vater meine Dienste anbieten, wenn er, wie ich vermute, an irgendeinem fernen Orte eines Agenten bedarf, sobald ich hoffen dürfte, daß es zu Ihrer Beruhigung beitrüge.«

»Wir haben allerdings schlimme Kunde vernommen«, versetzte Elisabeth, »und mein Vater wird wohl für eine Weile die Heimat verlassen müssen, wenn ich ihn nicht überreden kann, das Geschäft meinem Vetter Richard anzuvertrauen, obgleich auch seiner Abreise aus dem Bezirk diesmal Hindernisse im Weg stehen dürften.«

Der Jüngling schwieg eine Weile, und das Blut stieg langsam nach seinen Schläfen, während er fortfuhr:

»Wenn das Geschäft von der Art wäre, daß ich es ausführen könnte – –«

»Es ist ein solches, daß es nur jemand, den wir kennen – nämlich einem von den Unsrigen – anvertraut werden kann.«

»Ich hoffe, daß Sie mich kennen, Miss Temple«, fügte er mit einer Wärme bei, die er selten an den Tag legte, die aber doch bei ihren früheren Unterredungen nicht ganz ohne Vorgang war. »Habe ich fünf Monate unter ihrem Dach geweilt, um nur als ein Fremder betrachtet werden zu können?«

Elisabeth war gleichfalls mit ihrer Nadel beschäftigt, und sie beugte ihr Haupt zur Seite, indem sie tat, als ob sie ihr Nähzeug ordne; aber ihre Hand bebte, ihr Antlitz erglühte, und ihre Augen verloren ihre Feuchtigkeit in einem Ausdruck ununterdrückbarer Teilnahme, als sie erwiderte:

»Aber wieviel wissen wir von Ihnen, Herr Edwards?«

»Wieviel?« wiederholte der Jüngling, indem er von der Sprecherin auf Luises mildes Antlitz blickte, auf welchem sich gleichfalls Neugierde abmalte. »Wieviel? Bin ich nicht lange genug ihr Hausgenosse gewesen, daß man mich wohl hätte kennenlernen können?«

Elisabeths Haupt richtete sich langsam aus ihrer erkünstelten Haltung auf, und der Blick der Verwirrung, der sich so lebhaft mit dem Ausdruck der Teilnahme gemischt hatte, ging in ein Lächeln über.

»Wir kennen Sie allerdings, Sir: Sie nennen sich Oliver Edwards und haben dem Vernehmen nach meiner Freundin Miss Grant mitgeteilt, daß Sie ein Eingeborener seien – –«

»Elisabeth!« rief Luise, bis über die Schläfe errötend, und wie Espenlaub bebend, »Sie haben mich nicht recht verstanden, liebe Miss Temple; ich – ich – es war nur eine Vermutung von mir. Außerdem – wenn Herr Edwards auch mit den Eingeborenen verwandt ist, warum sollten wir ihm dies zum Vorwurf machen? Worin sind wir besser? Wenigstens ich, die ich nur das Kind eines armen heimatlosen Geistlichen bin.«

Elisabeth schüttelte mit einem zweifelnden Lächeln ihren Kopf, ohne jedoch etwas zu erwidern, bis sie den wehmütigen Ausdruck gewahrte, der bei dem Gedanken an die Armut und die Mühen ihres Vaters das Antlitz ihrer Gefährtin überflog; dann fuhr sie fort:

»Nein, Luise, Eure Demut führt Sie zu weit. Die Tochter eines Dieners der Kirche steht hoch genug, um niemand über sich anzuerkennen. Weder ich noch Herr Edwards kann sich ganz zu ihresgleichen zählen, wenn er nicht –« fügte sie abermals lächelnd bei – »im geheimen ein König ist.«

»Ein treuer Diener des Königs der Könige, Miss Temple, ist niemand auf Erden untergeordnet«, sagte Luise, »aber doch gibt es einen Unterschied der Stände, und ich bin nur das Kind eines armen und freundlosen Mannes, das auf keine andere Auszeichnung Anspruch machen kann. Warum sollte ich mich also erhaben über Herrn Edwards fühlen – weil – weil – er in einem sehr entfernten Grade mit John Mohegan verwandt ist?«

Bedeutungsvolle Blicke wurden zwischen der Erbin und dem jungen Mann gewechselt, als Luise, indem sie seine Abstammung verteidigte, ihr Widerstreben an den Tag legte, ihn mit dem alten Krieger in eine nähere Verbindung zu bringen; aber weder sie noch er erlaubten sich auch nur ein Lächeln über die Einfalt der Predigerstochter. –

»Wohl erwogen, muß ich zugestehen, daß meine Stellung hier im Hause etwas Zweideutiges hat«, begann Edwards, »obwohl ich sagen darf, daß sie mit meinem Blut erkauft wurde.«

»Und noch obendrein mit dem Blut eines der eingeborenen Herren dieses Bodens?« rief Elisabeth, welche augenscheinlich seiner Abstammung von den Ureingeborenen nur wenig Glauben schenkte.

»Sind die Merkmale meiner Abkunft so offen in meinem Äußeren abgedrückt? Meine Haut ist dunkel, aber nicht sonderlich rot, – nicht mehr als gewöhnlich.«

»Doch, doch – gerade im gegenwärtigen Augenblick.«

»Ich bin überzeugt, Miss Temple«, rief Luise, »daß Sie Herrn Edwards noch nicht genau ins Auge gefaßt haben. Seine Augen sind nicht so schwarz wie die Mohegans – nicht einmal so wie Ihre eigenen; und ebensowenig ist dies bei seinem Haar der Fall.«

»Sehr möglich, ich könnte also auf eine gleiche Abkunft Anspruch machen. Auch würde es mir zu einem großen Trost gereichen, wenn ich es tun dürfte, denn ich gestehe, es berührt mich schmerzlich, wenn ich den alten Mohegan in diesen Gegenden umherstreifen sehe wie den Geist eines ihrer alten Besitzer, und wenn ich dabei bedenke, wie wenig statthaft meine Eigentumsrechte sind.«

»Wirklich?« rief der Jüngling mit einer Heftigkeit, ob der die Damen erschraken.

»Allerdings«, erwiderte Elisabeth nach einer kurzen Pause, in der sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte. »Aber was kann ich tun? Was kann mein Vater tun? Wenn wir auch dem alten Mann eine Heimat und ein anständiges Auskommen anböten, so würde er es schon um seiner Gewohnheiten willen ausschlagen. Auch könnten wir, wenn wir einen so törichten Wunsch hegten, diese Lichtungen und Meiereien nicht wieder in Jagdgründe verwandeln, wie es Lederstrumpf so gerne zu sehen wünschte.«

»Sie haben recht, Miss Temple. Was wäre da wohl zu tun? Aber doch gibt es eines, was Sie gewiß tun können und wollen, wenn Sie Herrin dieser schönen Täler geworden sind: – verwenden Sie Ihren Reichtum zum Wohl der Armen und Notleidenden; – weiter können Sie in der Tat nichts tun.«

»Und damit ist schon viel geschehen«, entgegnete Luise, indem jetzt die Reihe des Lächelns an ihr war. »Aber zweifelsohne wird sich jemand einstellen, der ihr die Leitung solcher Angelegenheiten abnimmt.«

»Es fällt mir nicht ein, dem Ehestand entsagen zu wollen wie ein törichtes Mädchen, das gleichwohl vom Morgen bis in die Nacht an nichts anderes denkt; aber ich bin hier eine Nonne, ohne das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt zu haben; wie sollte ich in diesen öden Wäldern einen Gatten finden?«

»Hier ist keiner, Miss Temple«, sagte Edwards rasch, »der sich vermessen dürfte, um Ihre Hand zu werben, und ich bin überzeugt, daß Sie warten, bis Sie von einem Ihresgleichen aufgesucht werden – oder sterben, wie Sie gelebt haben, geliebt und geachtet von allen, die Sie kennen.«

Der junge Mann schien zu glauben, er habe alles gesagt, was die Galanterie forderte; denn er stand auf, nahm seinen Hut und eilte aus dem Gemach. Luise mochte denken, daß er mehr als nötig gesagt habe; denn sie seufzte mit einem so leisen Atemzug, daß sie es wohl kaum gewahrte, und beugte ihr Antlitz wieder über ihre Arbeit. Möglich, daß Miss Temple noch mehr zu hören gewünscht hätte; denn ihre Augen hafteten noch eine geraume Zeit auf der Tür, durch welche der junge Mann verschwunden war, und wandten sich sodann rasch auf ihre Gefährtin. Das nun folgende lange Stillschweigen bewies, wie sehr die Unterhaltung zweier Mädchen unter achtzehn Jahren durch die Gegenwart eines Jünglings von dreiundzwanzig belebt werden kann.

Die erste Person, welcher Herr Edwards begegnete, als er aus dem Hause stürzte, war der kleine viereckig gebaute Rechtsgelehrte, mit einem großen Aktenbündel unter dem Arm und einer grünen Brille mit Seitengläsern auf der Nase, als wolle er durch diese scharfe Bewaffnung seines Auges seine Fähigkeit, die Hinterlist eines Gegners aufzuspüren, multiplizieren.

Herr Van der School war ein Mann von Bildung, aber langsamer Fassungsgabe, der den Kollisionen mit seinen lebhafteren und fähigeren Kollegen, welche den Grund zu ihrer Geschicklichkeit an den östlichen Gerichtshöfen gelegt und die Verschlagenheit mit der Muttermilch eingesogen hatten, seine Vorsicht im Reden und Tun verdankte. Die Behutsamkeit dieses Herrn sprach sich in letzterer Hinsicht als pedantische Methodik und Pünktlichkeit aus, wobei freilich auch ziemlich viel Schüchternheit mit einfloß, während er in seinen Reden so sehr den parenthetischen Stil beobachtete, daß seine Zuhörer oft lange suchen mußten, bis sie den Sinn seiner Worte fanden.

»Guten Morgen, Herr Van der School«, sagte Edwards. »Es scheint, wir haben heute einen rührigen Tag in dem Herrenhaus.«

»Guten Morgen, Herr Edwards (wenn dies wirklich Ihr Name ist {denn da Sie fremd sind, so haben wir kein anderes Zeugnis für die Tatsache als Ihre eigene Aussage}, wie ich auch bereits dem Richter Temple zu verstehen gegeben), guten Morgen Sir. Augenscheinlich ist's ein rühriger Tag (aber einem Mann von Ihrer Klugheit braucht man nicht zu sagen {sintemal Sie ohne Zweifel selbst schon diese Entdeckung gemacht haben}, daß der Schein oft trügt), in dem Hause droben.«

»Haben Sie wichtige Papiere, die abgeschrieben werden müssen? Bedarf man in irgendeiner Weise meines Beistandes?«

»Da sind wohl Papiere (wie Sie ohne Zweifel {denn Ihre Augen sind jung} an der Außenseite sehen), welche kopiert werden sollten. –«

»Nun so will ich Sie auf Ihre Schreibstube begleiten und mir das Nötigste herausgeben lassen. Wenn es Eile hat, so soll es bis zum Abend fertig sein.«

»Es wird mich immer freuen, Sir, Sie in meinem Geschäftslokal zu sehen (wie nicht mehr als billig {nicht als ob es mir lieber wäre, einen Mann wie Sie, wenn Sie nicht wollen, in Ihrer eigenen Wohnung, welche, um mich höflich auszudrücken, ein Schloß ist, zu empfangen} sintemal mir jeder Platz gelegen kommt); aber die Papiere sind mir im Vertrauen übergeben (als solche dürfen sie natürlich von niemand gelesen werden), und wenn es nicht (infolge eines feierlichen Befehls von Seiten des Richters Temple) angeordnet wird, so sind sie für alle Augen unsichtbar, – diejenigen ausgenommen, welche durch Obliegenheiten (ich meine gesetzlich übertragene Obliegenheiten) dazu berechtigt sind.«

»Nun, Sir, wie ich bemerke, bedarf man meiner Dienste nicht, und so wünsche ich Ihnen abermals guten Morgen. Ich bitte jedoch, nicht zu vergessen, daß ich gegenwärtig ganz müßig bin, weshalb es mir lieb wäre, wenn Sie dem Richter Temple bedeuteten, daß ich mich anheischig machte, seine Aufträge in irgendeinem Teile der Welt zu besorgen, wenn – wenn – er nicht allzuweit von Templeton liegt.«

»Ich will ihm dies eröffnen, Sir, in Ihrem Namen (mit Ihren eigenen Ausdrücken) als Ihr Agent. Guten Morgen, Sir – aber halten Sie, Herr Edwards (wenn Sie so heißen) nur einen Augenblick. Wünschen Sie, daß ich Ihr Anerbieten vorbringe, in Maßgabe eines zu schließenden Kontrakts (infolgedessen {durch zu bezahlende Vorschüsse} eine Verbindlichkeit eingegangen wird), oder als eine Dienstleistung, für welche (nach später erfolgender Übereinkunft unter den Parteien) nach Lösung der Bedingungen Entschädigung gereicht würde?«

»Mir gleichgültig, mir gleichgültig«, versetzte Edwards. »Er scheint in Sorgen zu sein, und ich möchte ihm Beistand leisten.«

»Der Beweggrund ist gut, Sir (dem Anschein nach {welcher freilich oft trügt} soviel mir vorkommt) und gereicht Ihnen zur Ehre. Ich will Ihres Wunsches erwähnen, junger Gentleman (denn ein solcher scheinen Sie zu sein) und werde (so Gott will) nicht ermangeln, Ihnen um fünf Uhr post meridiem des gegenwärtigen Tages die Antwort mitzuteilen, wenn Sie mir Gelegenheit dazu geben.« Das Ungewisse in Olivers Stellung und Charakter hatte ihn für den Rechtsgelehrten zu einem Gegenstand besonderen Argwohns gemacht, weshalb auch der Jüngling viel zu sehr an solche zweideutigen und behutsamen Reden gewöhnt war, um sich durch dieses Gespräch ärgern zu lassen. Er sah wohl ein, daß der Rechtsgelehrte die Absicht hatte, die Natur seines Geschäftes sogar vor dem Privatsekretär des Richters Temple geheimzuhalten, und wußte zu gut, wie schwierig es war, den Sinn von Herrn Van der Schools Worten zu begreifen, selbst wenn dieser Ehrenmann sich Mühe gab, recht deutlich zu sein, um nicht jeden Gedanken an irgendeinen Aufschluß aufzugeben, zumal er sah, daß der Anwalt sich Mühe gab, alles zu vermeiden, was zu einem verfänglichen Examen führen konnte. Sie trennten sich an der Haustür des Advokaten, und dieser verfügte sich mit wichtigtuender Eile nach seinem Schreibzimmer, indem er die Papiere mit seinem rechten Arm so fest an sich drückte, als gewärtige er in jedem Augenblicke, daß man sie ihm entreißen wolle.

Die Leser müssen bereits bemerkt haben, daß der Jüngling ein ungewöhnliches und tief eingewurzeltes Vorurteil gegen den Charakter des Richters hegte; aber infolge irgendeiner Gegenwirkung waren seine Gefühle jetzt mehr die einer innigen Teilnahme an dem gegenwärtigen Zustand seines Gönners und an der Ursache seiner geheimen Unruhe. Er sah dem Rechtsgelehrten nach, bis sich die Tür hinter ihm und dem geheimnisvollen Paket geschlossen hatte, worauf er langsam nach seiner Wohnung zurückkehrte und seine Neugierde in den gewöhnlichen Obliegenheiten seines Dienstes zu vergessen suchte.

Als der Richter wieder im Kreis seiner Familie erschien, lagerte ein wehmütiger Schatten über seinen sonst heiteren Zügen, welcher viele Tage nicht von seiner Stirn weichen wollte; aber das zauberhafte Fortschreiten der Jahreszeit weckte ihn aus seiner jeweiligen Apathie, und mit dem Sommer kehrte auch sein Lächeln wieder.

Die heißen Tage und das öftere Eintreten erfrischender Regenschauer hatten in unglaublich kurzer Zeit den Wuchs der Pflanzen vollendet, die der zögernde Frühling so lange in der Knospe zurückgehalten hatte, und die Wälder prunkten in allen Schattierungen von Grün, um derentwillen die amerikanischen Wälder so berühmt sind. Die Baumstümpfe auf den Feldern waren bereits unter dem Weizen verborgen, der unter jedem Sommerlüftchen wie Samt in wechselnden Farben schimmerte.

Solange der Kummer des Richters anhielt, vermied es Herr Jones rücksichtsvoll, die Aufmerksamkeit seines Vetters auf eine Angelegenheit zu lenken, die mit jeder Stunde mehr an dem Herzen des Sheriffs nagte und die wohl von großer Wichtigkeit sein mochte, wenn anders wir eine Folgerung aus seinem häufigen Verkehr mit dem Mann ziehen dürfen, der dem Leser in der Wirtsstube ›Zum kühnen Dragoner‹ unter dem Namen Jotham vorgeführt wurde. – Endlich wagte es der Sheriff, wieder auf den Gegenstand anzuspielen, und eines Abends Anfang Juli gab ihm Marmaduke das Versprechen, ihn am andern Morgen auf dem ersehnten Ausflug zu begleiten.

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