Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
Schließen

Navigation:

XXII

 

Männer, Knaben, Mädchen
Fliehn aus dem öden Dorf, und wilde Scharen
Ziehn durch das Tal, gejagt von süßem Wahnsinn.

Somerville

 

Von nun an bis gegen Ende April bildete die Witterung eine ununterbrochene Reihe rascher Wechsel. Den einen Tag schienen sich die sanften Lüfte des Frühlings durch das Tal zu stehlen und im Verein mit einer belebenden Sonne die schlummernden Kräfte der Pflanzenwelt zu wecken, während am anderen wieder rauhe Nordstürme über den See fegten und jede Spur vernichteten, welche ihre sanften Gegner zurückgelassen hatten. Trotzdem aber verschwand der Schnee nach und nach, und in allen Richtungen sah man grüne Weizenfelder mit ihren dunklen verkohlten Stümpfen, die noch im vergangenen Jahr einige der stolzesten Bäume des Waldes getragen hatten. Wo immer sich ein Pflug anwenden ließ, war dieses nützliche Werkzeug in Bewegung, und der Rauch der Zuckersiedereien erhob sich nicht länger über den Ahorngehölzen. Der See hatte die blanke Schönheit eines Eisfeldes verloren; denn obgleich noch eine dunkle, düstere Rinde seine Wasser verbarg, so konnte doch, da keine Strömungen vorhanden waren, kein Eisgang eintreten, und das erstarrte Element erhielt sich noch lange in jenem porösen Zustand, der kaum Kraft genug besaß, den Zusammenhang seiner Teile zu erhalten. Man sah große Scharen wilder Gänse über den Landstrich hinziehen, die eine Zeitlang über dem Spiegel des Sees schwebten, augenscheinlich, um einen Ruheplatz zu suchen; wenn sie sich dann von der kalten Decke abgestoßen fanden, so flogen sie gen Norden, die Luft mit schrillem Geschrei erfüllend, als wollten sie ihren Klagen über das langsame Wirken der Natur Luft machen.

Eine Woche lang blieb diese schwarze Hülle des Otsego in dem ungestörten Besitz zweier Adler, die sich auf seinem Mittelpunkt niedergelassen hatten und von da ihr unbestrittenes Territorium betrachteten. Während der Anwesenheit dieser Luftmonarchen vermieden die Zugvögelschwärme den See und bogen in die Berge ein, augenscheinlich den Schutz der Wälder aufsuchend, während die weißen kahlen Köpfe der nunmehrigen Bewohner des Sees mit einem Blick der Verachtung in die Höhe schauten. Aber die Zeit kam, wo auch diese Könige der Vögel aus ihrem Besitz vertrieben werden sollten. Eine Öffnung an der untern Seite der Wasserfläche, wo die Strömung des Flusses, selbst zu der kältesten Jahreszeit, die Bildung von Eis verhindert hatte, griff allmählich um sich, und die frischen Südwinde, die ungehindert das Tal durchstrichen, übten ihre Wirkung. Leichte Wogen begannen sich über dem Rand des Eisfeldes zu kräuseln und bildeten einen Saum von Kristallen, der sich allmählich weiter gegen Norden zurückzog. Schritt für Schritt mehrte sich die Macht der Winde und der Wellen, so daß es den letzteren nach einem Kampf von einigen Stunden gelang, das ganze Feld in Bewegung zu setzen, und nun verschwand es vor den Augen mit einer Schnelligkeit, die ebenso zauberhaft war wie der veränderte Anblick der ganzen Landschaft, der durch diese Austreibung der zögernden Winterreste hervorgebracht wurde. Als die letzte Schicht des bewegten Eises in der Ferne entschwand, erhoben sich die Adler mit weiten Schwingen bis über die Wolken, während die Wellen ihre kleinen Schaumkappen in die Luft stießen, als jubelten sie über ihre Befreiung von einer fünfmonatigen Knechtschaft.

Am nächsten Morgen wurde Elisabeth durch die erfreulichen Töne der Hausschwalben, die sich zwitschernd um die kleinen Nester vor ihren Fenstern herum neckten, und durch die Rufe Richards geweckt, die ebenso ermutigend waren wie die eben genannten Anzeichen der eintretenden Frühlingswitterung.

»Aufgewacht! aufgewacht! meine schönen Damen! Die Möwen schweben bereits über dem See, und der ganze Himmel wimmelt von Tauben. Ihr könnt euch eine ganze Stunde umsehen, ehe ihr ein Loch findet, das einem einen Blick nach der Sonne gestattet. Aufgewacht! aufgewacht! ihr Siebenschläferinnen! Benjamin hat schon die Munition hergerichtet, und wir erwarten nur unser Frühstück, um in den Bergen eine Taubenjagd anzustellen.«

Diesem muntern Aufruf ließ sich nicht widerstehen, und in wenigen Minuten zeigten sich Miss Temple und ihre Freundin im Gesellschaftszimmer. Die Türen des Gemachs waren offen, und die milde, balsamische Luft eines heiteren Frühlingsmorgens durchfächelte den Raum, wo die unablässige Sorgfalt des Majordomo so lange eine künstliche Wärme unterhalten hatte. Die in Jagdkleider gehüllten Herren harrten ungeduldig des Morgenimbisses, und Herr Jones, der alle Augenblicke nach der unteren Türe ging, rief:

»Sieh, Bäschen Elisabeth! Sieh, Duke! Die Taubenschläge des Südens haben sich geöffnet. Die Scharen werden mit jedem Augenblicke dichter. Hier ist ein Schwarm, von dem das Auge kein Ende absehen kann – Mundvorrat genug, um die Armee eines Xerxes für einen Monat verproviantieren zu können, und hinreichend Federn, um die Betten des ganzen Bezirks zu füllen. Xerxes war nämlich ein griechischer König, Herr Edwards, – nein, er war ein Türke oder ein Perser, der Griechenland erobern wollte, gerade in derselben Weise, wie diese gefiederten kleinen Schelme über unsere Weizenfelder herfallen. Beeile dich, Beß, ich bin begierig, ein wenig unter sie zu pfeffern.«

Marmaduke und der junge Edwards schienen den gleichen Wunsch zu hegen; denn es war ein erheiternder Anblick für einen Jäger, und die Damen entließen rasch die Teilnehmer, nachdem sie ein hastiges Frühstück eingenommen hatten.

Wenn die Luft von Tauben wimmelte, so schien das ganze Dorf, Männer, Weiber und Kinder, in der gleichen Bewegung zu sein. Man sah jede Art von Feuerwaffen, von der französischen Entenflinte mit ihrem fast sechs Fuß langen Lauf bis zu der gewöhnlichen Reiterpistole, in den Händen der Männer und Knaben, von denen letztere zum Teil auch mit Bogen aus Walnußschößlingen und mit plumpen Nachahmungen der alten Armbrüste bewaffnet waren.

Die Häuser und die Anzeichen eines rührigen Lebens im Dorf trieben die Vögel aus ihrer geraden Flugrichtung gegen die Berge, an deren Hängen sie sich in so dichten Massen häuften, daß man nicht sagen konnte, was wunderbarer war: die Schnelle ihrer Bewegung oder das Unglaubliche ihrer Anzahl.

Wir haben bereits gesagt, daß die Landstraße quer über die geneigte Ebene lief, die vom Gebirge zu den Ufern des Susquehanna abfiel; zu beiden Seiten befand sich eine in früheren Tagen gehauene, viele Acker breite Lichtung. Über dieser Lichtung, auf dem östlichen Gebirge und längs des gefährlichen Pfades, der zu ihm hinaufführte, hatten sich die verschiedenen Jagdliebhaber aufgestellt, und in wenigen Minuten begann der Angriff.

Unter den Jägern zeigte sich auch die hohe und hagere Gestalt Lederstrumpfs, der, die Büchse im Arm und die Hunde an der Ferse, über das Feld ging. Die letzteren schnupperten hin und wieder nach den toten oder verwundeten Vögeln, die herunterzustürzen anfingen, und kauerten sich dann zu den Füßen ihres Herrn, als ob sie seine Gefühle über dieses verschwenderische und unweidmännische Verfahren teilten.

Sooft ein Schwarm von mehr als gewöhnlicher Anzahl über die Lichtung hinwegflog und das Feld wie eine Wolke beschattete, knatterten ganze Salven von Feuergewehren in der Ebene, und was diesem Ungewitter entkam, wurde von den Bergen aus mit vereinzelten Schüssen begrüßt, so daß der Tod allenthalben auf die armen Flüchtlinge lauerte. Pfeile und Wurfgeschosse aller Art verfehlten nicht ihr Ziel in den Massen, und dabei war ihr Flug so niedrig, daß man sie an den Flanken der Berge sogar mit langen Stangen zu Boden schlagen konnte.

Inzwischen war Herr Jones, der die gemeinen und gewöhnlichen Zerstörungsmittel seiner Jagdgenossen verschmähte, unter Benjamins Beihilfe beschäftigt, Vorbereitungen zu einem verhängnisvolleren Angriff zu machen. Unter den Überbleibseln alter militärischer Streifzüge, die man hin und wieder noch in den verschiedenen Bezirken des westlichen Teils von Neuyork antrifft, hatte man bei der Anlegung Templetons eine kleine Feldschlange aufgefunden, die einpfündige Kugeln schoß. Vermutlich war sie von einer Truppenabteilung der Weißen bei Gelegenheit ihrer Einfälle in die indianischen Dörfer zurückgelassen worden, sei es nun, daß sie durch die Not dazu gezwungen wurden oder daß es zu beschwerlich war, ein solches Kriegswerkzeug durch die Wälder zu schleppen. Man hatte diese Miniaturkanone vom Rost befreit, sie auf kleine Räder gesetzt und wieder brauchbar gemacht. Schon seit mehreren Jahren diente sie in diesen Bergen als das einzige Organ für die Verkündigung außerordentlicher und erfreulicher Ereignisse. Am Morgen des vierten Juli hörte man sie durch die Täler hallen, und sogar Kapitän Hollister, der in der Gegend für derartige Dinge als die höchste Autorität galt, versicherte, daß sie in Anbetracht ihrer Dimensionen ein durchaus nicht verächtliches Salutgeschütz sei. Sie hatte allerdings durch die geleisteten Dienste etwas gelitten, so daß zwischen Mündung und Zündloch hinsichtlich der Weite nur ein ganz geringer Unterschied bestand. Der großartige Richard jedoch hatte die Nützlichkeit eines solchen Werkzeuges eingesehen, um den Tod auf seine hurtigen Feinde zu schleudern. Die Feldschlange wurde durch ein Pferd nach der Stelle geführt, die der Sheriff besonders geeignet für die Aufpflanzung einer derartigen Batterie fand, und Meister Pump schickte sich an, das Geschütz zu laden. Die Patronen enthielten etliche Handvoll Entenschrot, und der Majordomo verkündigte bald, daß das Stück für den Dienst instand gesetzt sei. Der Anblick eines solchen Werkzeugs versammelte alle müßigen Zuschauer, meistens Knaben, welche die Luft mit Jubelgeschrei erfüllten, auf dem Platz. Die Röhre wurde nach oben gerichtet, und Richard, der eine glühende Kohle in einer Feuerzange hielt, setzte sich geduldig auf einen Baumstumpf, um das Auftauchen eines Schwarms zu erwarten, der seiner Beachtung würdig wäre.

Die Anzahl der Vögel war so ungeheuer, daß das Knatterfeuer der Gewehre, die Pfeilschüsse und das Geschrei der Knaben keine andere Wirkung hervorbrachten, als daß sie kleine Schwärme von den Massen absonderten, so daß letztere ihren Zug durch das Tal fortsetzten, als ob die ganze gefiederte Zunft keinen andern Paß hätte. Niemand nahm sich soviel Mühe, die Opfer zu sammeln, die in bunter Verwirrung das Feld bedeckten.

Lederstrumpf war ein schweigender Beobachter aller dieser Vorgänge; als er jedoch die Kanone richten sah, konnte er seine Gefühle nicht länger zurückhalten.

»Das hat man von diesen Ansiedlungen«, sagte er. »Ich habe die Tauben vierzig Jahre lang hier durchziehen sehen, und niemand ließ sich's einfallen, sie zu stören oder zu beschädigen, bis Ihr mit Euren Lichtungen gekommen seid. Ich sah ihr Erscheinen in den Wäldern immer gern; denn sie leisteten einem Gesellschaft und sind so harmlos wie die Glasschlangen. Aber nun muß ich mit Schmerz diese schrecklichen Dinger durch die Luft pfeifen hören, ohne einen weiteren Grund, als um der Dorfbrut ein Spektakel zu geben. Schon gut! der Herr wird nicht geduldig zusehen, wenn man seine Geschöpfe für nichts und wieder nichts mordet; und diesen Tauben wird ihr Recht widerfahren wie auch noch manchen anderen. Der Herr Oliver ist ebenso schlimm wie die übrigen; denn er schießt auf die unschuldigen Tiere, als ob es Mingokrieger wären.«

Unter den Schützen befand sich auch Billy Kirby, der alle Augenblicke seine alte Muskete lud und sie, ohne aufzusehen, jubelnd in die Luft abschoß, so daß ihm hin und wieder seine Opfer sogar auf den Kopf fielen. Er hörte Nattys Worte und übernahm die Erwiderung:

»Was, alter Lederstrumpf«, rief er, »Ihr brummt über den Tod einiger Tauben? – Wenn Ihr wie ich Euren Weizen zwei- oder dreimal hättet aussäen müssen, so wäret Ihr nicht so übermäßig zartfühlend gegen diese Teufel – hurra! hurra, Jungen! Pfeffert tüchtig drauf los! Das ist besser, als auf den Kopf und Hals eines Truthahns zu schießen, alter Knabe.«

»Für Euch, Billy Kirby«, versetzte der alte Jäger unmutig, »und für alle, die nicht wissen, wie man eine Kugel aufsetzt und wie man sie nach einem richtigen Ziel wieder aus dem Lauf bringt! Aber es ist etwas Heilloses, in dieser verschwenderischen Weise auf die Schwärme zu schießen, und niemand tut es, der einen einzelnen Vogel herunterlangen kann. Wenn es einen nach Taubenfleisch gelüstet, – nun, sie sind wie alle andern Kreaturen zur Speise des Menschen bestimmt; dann muß man aber nicht zwanzig töten, wenn man nur eine einzige essen will. Brauche ich etwas der Art, so gehe ich in die Wälder, bis ich finde, was mir ansteht, und schieße sie dann von den Zweigen herunter, ohne die Feder einer andern zu berühren, säßen auch ihrer hundert auf dem Baum. So was könntet Ihr freilich nicht, Billy Kirby – nein, Ihr könntet's nicht, und wenn Ihr's auch versuchtet.«

»Was schwatzt du da, du alter Strohhalm! Du saftloser Stumpf!« rief der Holzfäller. »Ihr seid ja ungemein patzig geworden seit dem letzten Truthahnschießen. Doch wenn Ihr so auf einen einzelnen Schuß versessen seid, da kommt gerade eine ganz allein angeflogen.«

Das Feuer an den entfernteren Stellen des Feldes hatte eine einzelne Taube von dem Schwarm, zu welchem sie gehörte, getrennt, und sie näherte sich nun, geängstigt von dem unablässigen Knallen der Musketen, der Stelle, wo die beiden standen, wobei sie bald auf die eine, bald auf die andere Seite zuschoß und die Luft mit der Schnelligkeit des Blitzes durchschnitt, was ein Geräusch nicht unähnlich dem Sausen einer Kugel veranlaßte. Unglücklicherweise sah der Holzfäller ungeachtet seiner prahlerischen Zunge den Vogel nicht eher, als bis es zu spät war, ihn bei seiner Annäherung aufs Korn zu nehmen, und so berührte er den Drücker in demselben Augenblick, als das Tier unmittelbar über seinen Kopf wegflog. Die Taube enteilte mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit.

Natty ließ infolge dieser Herausforderung seine Büchse sinken und wartete einen Augenblick, bis das erschreckte Opfer in einer Linie mit seinem Auge war und sich in der Nähe des Seeufers niedergelassen hatte; erst als sie sich wieder erhob, feuerte er. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Geschicklichkeit, vielleicht aber beides zugleich – genug, die Taube überschlug sich in der Luft und fiel mit einem zerbrochenen Flügel in den See herunter. Auf den Knall der Büchse sprangen die Hunde auf, und in wenigen Minuten legte Slut den Vogel noch lebend vor die Füße seines Herrn.

Diese Heldentat Lederstrumpfs ward mit großer Schnelligkeit über das ganze Feld hin kund, und die Schützen versammelten sich, um sich von der Wahrheit der Sache zu überzeugen.

»Was?« sagte der junge Edwards. »Ihr habt also wirklich mit einer einzigen Kugel den Flügel einer Taube getroffen?«

»Habe ich nicht früher schon Eistaucher im Augenblick des Untertauchens geschossen?« erwiderte der Jäger. »Ist es doch zehnmal besser, nur das zu töten, was man braucht, ohne sein Pulver und Blei zu verschwenden, als in dieser heillosen Weise auf Gottes Geschöpfe zu feuern. Doch ich bin wegen eines einzigen Vogels herausgekommen, und Ihr wißt den Grund, warum ich dieses kleine Wild liebe, Herr Oliver. Da ich nun habe, was ich brauche, so kann ich heimgehen; denn die verschwenderische Weise, die ihr alle anwendet, ist nicht nach meinem Geschmack, indem alles seinen Nutzen hat und nicht darum geschaffen ist, um zerstört zu werden.«

»Du hast recht, Lederstrumpf«, rief Marmaduke, »und ich glaube, es ist nachgerade Zeit, dieser Verheerung ein Ziel zu stecken.«

»Stecken Sie vorerst ihren Lichtungen ein Ziel! Sind die Wälder nicht ebensogut Werke Gottes wie die Tauben? Man darf sie benutzen, aber nicht verheeren. Hat der Wald nicht die Bestimmung, Tiere und Vögel zu beherbergen? Und wenn der Mensch ihres Fleisches, ihrer Haut und ihrer Federn bedarf, so hat er Gelegenheit, sich's zu holen. Doch ich will mit meinem Braten nach meiner Hütte gehen; denn ich möchte keines von diesen harmlosen Tieren anrühren, die hier den Boden bedecken und mit ihren Augen so kläglich zu mir aufsehen, als fehlte ihnen bloß die Zunge, um ihre Gedanken auszusprechen.«

Nach diesen Worten warf Lederstrumpf den Riemen seiner Büchse über die Schulter und schritt, von seinen Hunden begleitet, mit großer Vorsicht über die Lichtung, um auf keines der verwundeten Tiere, die auf seinem Weg lagen, zu treten. Er erreichte bald das Gebüsch am Saum des Sees und war den Blicken entschwunden.

Welchen Eindruck Nattys Predigt auch auf den Richter gemacht haben mochte: an Richard war sie gänzlich verloren. Er benutzte den Zusammenlauf der Schützen, um seinen umfassenderen Vernichtungsplan auszuführen. Die Musketenträger stellten sich zu jeder Seite seines groben Geschützapparats in Schlachtordnung auf, um das Signal zum Abbrennen zu erwarten.

»Gebt acht, Jungen«, sagte Benjamin, der bei dieser Gelegenheit den Adjutanten vorstellte, »gebt acht, meine Lieben, und wenn Squire Dickens das Feuersignal gibt, so seht zu, daß ihr gleich falls eine tüchtige volle Lage los brennen laßt. Aber feuert niedrig, Jungen, und ihr dürft sicher sein, daß das Wetter gehörig in ihre Planken einschlägt.«

»Niedrig feuern?« schrie Kirby. »Da höre man doch den alten Narren! Wenn wir niedrig feuern, so treffen wir die Baumstümpfe, aber keinen Schwanz von einer Taube.«

»Was versteht Ihr davon, Ihr Schlingel«, entgegnete Benjamin mit einer sehr unziemlichen Hitze für einen Offizier vor der Schlacht. »Was versteht Ihr davon, Ihr Seekalb? Bin ich nicht fünf Jahre am Bord der Boadishey gewesen? Und gehörte es nicht zum Schießreglement, niedrig zu feuern, um den Rumpf unserer Feinde zu treffen? Gebt auf eure Gewehre acht, Jungen, und pariert Order.«

Das laute Gelächter der Musketenträger wurde durch Richards gebieterische Stimme zum Schweigen gebracht, der jetzt auf seine Signale zu achten befahl.

Einige Millionen Tauben mochten diesen Morgen bereits über das Tal von Templeton gestrichen sein, aber nichts glich dem Schwarm, den man jetzt herannahen sah. Er dehnte sich vom einen Gebirge bis zum anderen wie eine feste blaue Masse aus, und das Auge schaute vergeblich nach den Hügeln im Süden, um sein Ende abzusehen. Die vordere Seite dieser lebendigen Säule war durch eine nur schwach gezackte Linie bezeichnet, – so regelmäßig und gleichförmig war der Zug. Selbst Marmaduke vergaß beim Näherrücken desselben Lederstrumpfs Warnung und setzte gemeinschaftlich mit den übrigen seine Muskete an.

»Feuer!« rief der Sheriff, indem er mit einer Kohle das Zündpulver der Kanone berührte.

Da die Hälfte von Benjamins Patrone durch das Zündloch herausfuhr, ging die Musketensalve dem Knall der Feldschlange voraus.

Infolge des vereinigten kleinen Gewehrfeuers flog die vordere Reihe des Schwarms in die Höhe, während in demselben Augenblick Myriaden nachfolgender Tauben mit einer solchen Schnelligkeit nachrauschten, so daß, als die weiße Rauchsäule aus der Mündung der kleinen Kanone aufflog, eine gehäufte Masse über der Schußlinie hinglitt.

Der Knall der Feldschlange hallte durch die Berge wider und erstarb im Norden wie ein ferner Donner, während die ganze Schar der beunruhigten Vögel sich für einen Augenblick in einen ungeordneten Klumpen zusammenzudrängen schien. Die Luft war von den unregelmäßigen Zügen angefüllt; Schicht strich über Schicht hin, weit über die Wipfel der höchsten Fichten hinaus, und keine wagte über den gefährlichen Paß vorzudringen, als plötzlich einige Führer der gefiederten Zunft quer über das Tal schossen und ihren Flug gerade über das Dorf weg nahmen, worauf Hunderttausende ihrem Beispiel folgten, indem sie die östliche Seite der Ebene ihren Verfolgern und deren Schlachtopfern überließen.

»Viktoria!« jauchzte Richard. »Viktoria! wir haben den Feind aus dem Feld geschlagen!«

»Nicht doch, Dick«, entgegnete Marmaduke. »Ist doch das ganze Feld voll davon, und mir geht es wie Lederstrumpf: wohin ich schaue, sehe ich nichts als die Augen der unschuldigen Opfer, die entsetzt ihre Köpfe in die Höhe strecken. Mehr als die Hälfte der Gefallenen ist noch am Leben, und ich glaube, es ist Zeit, der Belustigung ein Ende zu machen, wenn es überhaupt eine Belustigung ist.«

»Freilich ist das eine, und dazu eine ausgezeichnete!« rief der Sheriff. »Etliche tausend dieser blaurockigen Burschen liegen hier auf dem Grund, so daß jedes alte Weib im Dorf sich Pasteten daraus machen kann, wenn sie nur will.«

»Nun, wir haben die Vögel glücklich von dieser Seite des Tales weggeschreckt«, entgegnete Marmaduke, »und die Schlächterei muß notwendig ein Ende haben. Jungen, ich zahle sechs Pence für das Hundert Taubenköpfe. Geht also ans Werk und bringt sie ins Dorf!«

Diese Verheißung hatte die gewünschte Wirkung; denn jeder der anwesenden Knirpse bemühte sich emsig, den verwundeten Vögeln die Hälse abzudrehen. Der Richter zog sich mit jenem Gefühl in seine Wohnung zurück, das schon mancher vor ihm empfunden hat, wenn er, sobald die Aufregung des Augenblicks vorüber ist, die Entdeckung macht, daß er seine Lust nur um den Preis des Unglücks andrer gebüßt hat. Ganze Pferdelasten getöteter Tauben wurden weggeschafft, und nach diesem ersten Hauptangriff blieb für den Rest dieser Jahreszeit die Taubenjagd nur noch ein Geschäft für einige Müßiggänger. Richard rühmte sich jedoch noch manches Jahr nachher seiner mit der Feldschlange geübten Heldentat, und Benjamin versicherte dabei mit vieler Würde, er glaube, sie hätten an jenem Tage beinahe so viele Tauben getötet wie Rodney bei Gelegenheit seines denkwürdigen Sieges Franzosen.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.