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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XVIII

 

Der Arme! Sie, die ihn gebar –
Böt' hier er ihrem Blick sich dar,
So abgezehrt im dunklen Haar, –
Sie würde nicht ihr Kind erkennen.

Scott

 

Es tat der Unterredung, welche zwischen dem Richter Temple und dem Jäger stattfinden sollte, durchaus keinen Eintrag, daß der erstere seine Tochter beim Arme nahm und von der Stelle, wo er mit Richard gesprochen, auf den Ort zuging, wo der Jüngling, auf seine Büchse gestützt, stand und den toten Vogel zu seinen Füßen betrachtete. Auch die Schützengesellschaft ließ sich durch des Richters Anwesenheit nicht stören, sondern stritt sich laut um die Schußbedingungen, bei denen es sich um das Leben eines Vogels von weit geringerem Rang, verglichen mit dem vorigen, handelte. Lederstrumpf und Mohegan hatten sich zu ihrem jugendlichen Gefährten zurückgezogen, und trotz der unmittelbaren Nachbarschaft eines so großen Gedränges wurde das folgende Gespräch doch nur von den dabei Beteiligten vernommen.

»Ich habe Euch eine schlimme Beschädigung zugefügt, Herr Edwards«, begann der Richter, aber das plötzliche und unerklärliche Auffahren, womit der junge Mann diese unerwartete Anrede entgegennahm, ließ ihn eine Weile innehalten. Da keine Antwort erfolgte und die gewaltige Aufregung, die sich in den Zügen des Jünglings aussprach, allmählich wich, so fuhr Marmaduke fort: »Doch zum Glück steht es einigermaßen in meiner Macht, das was ich getan, wiedergutzumachen. Mein Vetter Richard Jones hat eine Anstellung erhalten, die mich für die Zukunft seiner Beihilfe berauben wird, obgleich ich eben jetzt eines Mannes, der mit der Feder gut umzugehen weiß, recht sehr bedarf. Euer Benehmen ist mir trotz Eures Äußeren ein hinreichender Bürge für Eure gute Erziehung, und ein verwundeter Arm wird dir vor der Hand wohl keine andere Beschäftigung erlauben (Marmaduke verfiel nämlich, wenn er warm wurde, leicht in die vertrauliche Sprache der Freundschaft, ohne daß er es merkte.) Mein Haus steht dir offen, junger Freund; denn in diesem neuen Lande findet der Argwohn keinen Boden, da es der bösen Begierde nur wenig Verführerisches bietet. Leiste mir – wenigstens für einige Monate – Beistand, und du sollst belohnt werden, wie es deine Dienste verdienen.«

Es lag weder in dem Benehmen noch in dem Anerbieten des Richters etwas, was das Widerstreben, wir möchten fast sagen: den Unmut rechtfertigen konnte, womit der Jüngling diese Worte anhörte. Nach einer gewaltsamen Anstrengung, sich zusammenzunehmen, erwiderte er endlich:

»Ich würde Ihnen, Sir, oder einem andern Manne gerne dienen, um mich ehrlich fortzubringen; denn ich will nicht verhehlen, daß ich vielleicht in einer noch bedrängteren Lage bin, als sich aus meinem Äußeren schließen läßt. Aber ich fürchte, daß solche neuen Verbindlichkeiten mich an einem wichtigeren Geschäft hindern könnten, weshalb ich Ihr Anerbieten ablehnen und mich, wie bisher, hinsichtlich meines Unterhalts auf meine Büchse verlassen muß.«

Richard nahm jetzt die Gelegenheit wahr, der jungen Dame, welche sich ein wenig in den Hintergrund gezogen hatte, zuzuflüstern:

»Siehst du, Bäschen Elisabeth; das ist der natürliche Widerwille eines Mischlings, den Zustand der Wildheit zu verlassen. Ich glaube in der Tat, ihre Vorliebe für das Vagabundenleben ist unabänderlich.«

»Du greifst da zu einem unsichern Gewerbe«, versetzte Marmaduke, der nichts von des Sheriffs Worten gehört hatte, »welches noch viel mehr Übles mit sich führt als die Not des Augenblicks. Glaube einem Mann, junger Freund, der mehr Erfahrung besitzt als du, wenn er dir sagt, daß das unstete Leben eines Jägers keine zeitlichen Güter bringt und den Mann ganz und gar von einem höheren, heiligeren Ziel abführt.«

»Nein, nein, Richter«, fiel Lederstrumpf ein, der bis jetzt unbemerkt oder doch unbeachtet geblieben war, »Sie mögen ihn meinetwegen in Ihr Haus mitnehmen, aber Sie müssen ihm auch die Wahrheit sagen. Ich habe vierzig Jahre in den Wäldern zugebracht und fünf Jahre gelebt, ohne eine größere Lichtung zu sehen als eine Windgasse in den Bäumen; und doch möchte ich wissen, wo Sie einen Mann in seinem achtundsechzigsten Jahr finden wollen, der ein ruhigeres Leben führte, trotz der neumodischen Verbesserungen und Jagdgesetze. Was außerdem die Ehrlichkeit, und das, was unter seinen Nebenmenschen Rechtens ist, anbelangt, so geb' ich dabei dem langatmigsten Priester in Eurem Patent kein Haar nach.«

»Du machst eine Ausnahme, Lederstrumpf«, entgegnete der Richter, indem er dem Jäger gutmütig zunickte, »denn du lebst so mäßig wie wenige deines Gewerbes und bist so zäh, daß du deinen Jahren Trotz bieten kannst. Aber dieser Jüngling ist aus zu zartem Stoffe gewebt, als daß er im Wald zugrunde gehen dürfte. Ich bitte dich, schließe dich meinem Haushalt an, wäre es auch nur, bis dein Arm geheilt ist. Meine Tochter, die demselben vorsteht, wird dir sagen, daß du willkommen bist.«

»Gewiß«, sagte Elisabeth, deren Eifer nur durch die weibliche Zurückhaltung etwas gezügelt war. »Der Unglückliche ist jederzeit willkommen, und doppelt, wenn wir uns den Vorwurf machen müssen, daß wir seine Lage verschuldet.«

»Ja«, fügte Richard bei, »und wenn Ihr einen Truthahnsbraten liebt, so versichere ich Euch: er findet sich nirgends häufiger und besser als in unserem Hühnerhof.«

Als Marmaduke sich so kräftig unterstützt sah, verfolgte er seinen Vorteil weiter. Er setzte dem jungen Mann die Obliegenheiten der ihm zugedachten Stellung auseinander und berührte ausführlich die Belohnung und alles dasjenige, was unter Geschäftsleuten als wichtig erscheint. Edwards hörte in schwerem Seelenkampf zu, der sich in seinen Zügen nicht verkennen ließ; denn hin und wieder schien er den Vorschlag begierig aufgreifen zu wollen, dann aber flog wieder der Ausdruck einer unbegreiflichen Abneigung wie eine dunkle Wolke, welche die Nachmittagssonne verdüstert, über sein Antlitz.

Der Indianer, in dessen ganzer Haltung sich tiefe Zerknirschung wegen seiner Selbsterniedrigung aussprach, lauschte auf die Worte des Richters mit einer Teilnahme, die mit jeder Minute wuchs. Er kam der Gruppe allmählich näher, und als sein scharfer Blick in den Zügen seines jungen Gefährten die entschiedensten Spuren der Nachgiebigkeit entdeckte, änderte er plötzlich seine Haltung. Der Ausdruck der Scham wich von der Stirn des indianischen Kriegers, der jetzt mit großer Würde vortrat und also zu sprechen begann:

»Höre auf deinen Vater«, sagte er, »seine Worte sind alt. Mögen der junge Adler und der große Landhäuptling miteinander essen und ohne Furcht nebeneinander schlafen! Die Kinder von Miquon lieben kein Blut; sie sind gerecht und wollen Gerechtigkeit üben. Die Sonne muß oft auf- und niedergehen, ehe die Menschen eine Familie bilden können; es ist nicht das Werk eines Tages, sondern vieler Monate. Die Mingos und die Delawaren sind geborene Feinde; ihr Blut kann sich nie in einem Wigwam mischen: es wird nie auf derselben Seite fließen in der Schlacht. Was macht den Bruder von Miquon und den Adler zu Feinden? Sie sind desselben Stammes: ihre Väter und Mütter sind eins. Lerne warten, mein Sohn; du bist ein Delaware, und ein indianischer Krieger weiß sich zu gedulden.«

Diese bilderreiche Anrede schien ein großes Gewicht für den jungen Mann zu haben, der allmählich Marmadukes Vorstellungen nachgab und sich endlich dessen Vorschlag gefallen ließ. Es geschah jedoch nur versuchsweise, und jeder der Beteiligten sollte den Vertrag aufheben können, wenn es ihm so gut dünkte. Das sonderbare und schlecht verhehlte Widerstreben des Jünglings, auf ein Anerbieten einzugehen, welches die meisten Menschen in seiner Lage für ein unverhofftes Glück gehalten hätten, erregte bei allen, welche ihn nicht kannten, keine geringe Verwunderung und war durchaus nicht geeignet, einen vorteilhaften Eindruck zu machen. Als die Parteien sich trennten, wurde die Sache natürlich Gegenstand der Besprechung, und wir beginnen mit einer Mitteilung der Gedanken, welche der Richter, seine Tochter und Richard auf ihrem langsamen Rückweg nach dem Herrenhaus gegenseitig austauschten.

»Ich mußte mir in der Tat alle Mühe geben, in meiner Verhandlung mit diesem unbegreiflichen jungen Menschen die heiligen Vorschriften unseres Erlösers im Gedächtnis zu behalten, in denen er uns diejenigen lieben heißt, die uns verachten«, begann Marmaduke. »Ich weiß nicht, was ein Mensch von seinen Jahren in meinem Hause Schreckhaftes finden könnte, – es müßten denn deine Anwesenheit und dein Gesicht sein, Beß.«

»Nein, nein«, versetzte Richard mit großer Gutmütigkeit, »Bäschen Elisabeth ist's nicht. Aber wann hast du je einen Mischling gesehen, Duke, der sich mit der Zivilisation vertragen konnte? In dieser Hinsicht sind sie noch schlimmer als die Wilden selbst. Bemerktest du nicht, wie er mit schlotternden Knien dastand, Elisabeth, und welche wilden Blicke seine Augen schossen?«

»Ich achtete weder auf seine Augen noch auf seine Knie, obschon den ersten ein bißchen Demut anstehen würde. In der Tat, lieber Vater, ich glaube, du hast die christliche Tugend der Geduld ritterlich erprobt. Seine Mienen gefielen mir schon lange nicht, noch ehe er einwilligte, einen Teil unserer Familie zu bilden. In der Tat, wir müssen uns durch diese Verbindung sehr geehrt fühlen! In welchem Zimmer soll er untergebracht werden, Vater? Und an welchem Tische müssen wir ihm seinen Nektar und seine Ambrosia vorsetzen?«

»Er speist mit Benjamin und Remarkable«, fiel Herr Jones ein, »denn du kannst doch nicht verlangen, daß der junge Mann einen Tisch mit den Negern teile! Er ist allerdings ein halber Indianer, aber die Eingeborenen sehen auf die Schwarzen mit großer Verachtung herunter. Nein, nein, er würde gewiß lieber Hungers sterben, ehe er sein Brot mit den Negern bräche.«

»Ich werde es mir zur Ehre rechnen müssen, Dick, wenn ich ihn veranlassen kann, an unserem Tisch zu essen«, sagte Marmaduke. »Es kann daher von einem so unwürdigen Vorschlag, wie du ihn machst, keine Rede sein.«

»Dann Vater«, sagte Elisabeth mit einer Miene, welche ausdrücken sollte, daß sie sich ihres Vaters Befehlen gegen ihren Willen füge, »dann ist es wohl deine Absicht, ihn als einen Gentleman zu behandeln?«

»Allerdings, und ich hoffe, er wird sich als ein solcher erweisen. Es soll ihm eine Behandlung zuteil werden, wie sie seiner Stellung angemessen ist, bis wir finden, daß er sie nicht verdient.«

»Wohl, wohl, Duke«, rief der Sheriff, »du wirst aber finden, daß es nichts Leichtes ist, einen Gentleman aus ihm zu machen; denn dem alten Sprichworte zufolge gehören drei Generationen dazu. Was mein Vater war, weiß jedermann, mein Großvater war ein Doktor medicinae, und sein Vater ein Doktor Divinitatis, dessen Vater aus England kam. Über die Abkunft des letzteren konnte ich nicht ins klare kommen; aber er war entweder ein großer Kaufmann aus London oder ein großer Rechtsgelehrter aus der Provinz oder der jüngste Sohn eines Bischofs.«

»Nun, du hast einen echt amerikanischen Stammbaum«, sagte Marmaduke lachend, »er geht so weit, bis du ans Wasser kommst; und da man von dem, was drüber hinausliegt, nichts mehr weiß, so lautet von nun an alles im Superlativ. Jedenfalls bist du überzeugt, Dick, daß dein englischer Ahnherr ein großer Mann war, welchem Beruf er auch angehört haben mag.«

»Zuverlässig«, entgegnete der andere. »Ich habe meine alte Tante oft von ihm sprechen hören. Wir sind von guter Familie, Richter Temple, und haben immer nur ehrenvolle Stellen bekleidet.«

»Es wundert mich nur, daß du dich mit einem so spärlichen Vorrat von Adel in den alten Zeiten begnügst, Dick. Die meisten amerikanischen Genealogen beginnen ihre glaubwürdigen Berichte nach Weise der Kindermärchen mit drei Brüdern und tragen Sorge dafür, daß einer von diesem Triumvirat der Stammvater einer Familie wird, welche sich durch Erdengüter auszeichnet. Aber hier bei uns sind alle, die sich anständig zu benehmen wissen, gleich, und Oliver Edwards soll in meiner Familie die gleichen Ansprüche haben wie der Obersheriff und der Richter.«

»Aber, Duke, das ist Demokratie, nicht Republikanismus! Doch ich will schweigen, sorge nur, daß er in den Schranken des Gesetzes bleibt; sonst will ich ihm zeigen, daß die Freiheit selbst in diesem Landstrich unter einem heilsamen Zwang steht«

»Nun, Dick, du wirst ihn doch nicht aufknüpfen lassen wollen, ehe ich ihn verurteilt habe? Aber was sagt meine Beß zu dem neuen Hausgenossen? Wir müssen natürlich auch die Damen darüber hören.«

»Ach, Vater«, entgegnete Elisabeth, »ich glaube, ich gleiche in diesem Stück einem gewissen Richter Temple – das heißt: ich bin nicht leicht von meiner Ansicht abzubringen. Aber, ernsthaft gesprochen, – obgleich ich die Einführung eines Halbwilden in die Familie für ein befremdendes Ereignis halten muß, so werde auch ich jeden, dem du deine Aufmerksamkeit schenkst, mit Achtung behandeln.«

Der Richter zog ihren Arm fester an sich und lächelte, während Richard durch das kleine Tor hinter dem Hause voranging und seine bedenklichen Warnungen mit der gewohnten Geschwätzigkeit ausströmen ließ.

Die Waldbewohner – denn die drei Jäger verdienen ungeachtet ihrer Charakterverschiedenheit gar wohl diese Benennung – gingen schweigend am Dorf vorbei ihres Weges. Erst als sie den See erreicht hatten und auf dessen gefrorener Oberfläche nach dem Fuß des Felsens gingen, wo ihre Hütte stand, unterbrach der Jüngling die Stille.

»Wer hätte dies vor einem Monat vorausgesehen?« fing er an. »Ich habe eingewilligt, Marmaduke zu dienen – ein Hausgenosse des größten Feindes meines Geschlechtes zu werden! Doch was konnte ich Besseres tun? Die Knechtschaft kann nicht lange dauern, und wenn der Beweggrund, der mich zu dieser Unterwerfung veranlaßt, aufhört, so werde ich sie abschütteln wie den Staub von meinen Füßen.«

»Ist er ein Mingo, daß du ihn deinen Feind nennst?« fragte Mohegan. »Der Delawarenkrieger sitzt still und wartet auf die Ankunft des Großen Geistes. Er ist kein Weib, um wie ein Kind zu weinen.«

»Ich traue der Sache nicht, John«, sagte Lederstrumpf, in dessen Miene sich die ganze Zeit über lebhafte Zweifel ausgesprochen hatten. »Man spricht davon, daß es neue Gesetze im Lande geben solle, und ich bin überzeugt, daß dies neue Wege in die Berge zur Folge hat. Das Land hat sich so verändert, daß man kaum noch die Seen und die Ströme erkennt. Ich muß sagen, daß ich solchen glatten Zungen nicht traue; denn sooft ich schöne Reden aus dem Mund der Weißen vernahm, so hatten sie's am ehesten auf die Ländereien der Indianer abgesehen. Ich kann dies nicht in Abrede stellen, obgleich ich selbst ein Weißer bin und in der Nähe von York von rechtschaffenen Eltern geboren wurde.«

»Ich will mich fügen«, sagte der Jüngling. »Ich will vergessen, was ich bin. Erinnere mich nicht mehr daran, alter John, daß ich der Abkömmling eines Delawarenhäuptlings bin, der einst Herr war über diese edlen Berge, diese schönen Täler und dieses Wasser, auf dem unser Fuß dahingleitet. Ja, ich will sein Vasall – sein Sklave werden. Ist es nicht eine ehrenvolle Knechtschaft, alter Mann?«

»Alter Mann?« wiederholte der Indianer feierlich und blieb stehen, wie er gewöhnlich zu tun pflegte, wenn ihn etwas sehr aufregte. »Ja, John ist alt, Sohn meines Bruders. Als Mohegan jung war, – wann sah man seine Büchse ruhen? Wohin konnte sich der Hirsch verbergen, ohne daß er ihn fand? Aber John ist alt, seine Hand ist die Hand eines Weibes, sein Tomahawk ist eine Holzaxt, Disteln und Gesträuch sind seine Feinde, – er weiß keinen andern mehr zu treffen. Hunger und Alter treffen zusammen. Sieh, Hawk-eye! als er jung war, konnte er tagelang gehen, ohne etwas zu essen; aber wenn er jetzt nicht Gestrüpp an das Feuer legt, so löscht die Flamme aus. Ergreife die Hand von Miquons Sohn, und er wird dir helfen.«

»Ich gebe zu, daß ich nicht mehr der Mann bin, der ich war, Chingachgook«, erwiderte Lederstrumpf, »aber wenn's nottut, kann ich auch jetzt noch fasten. Als wir die Fährte der Irokesen durch die Buchenwälder verfolgten, scheuchten sie das Wild vor sich her, und ich hatte vom Montag morgen bis Mittwoch abend keinen Bissen zu essen. Dann aber schoß ich an der pennsylvanischen Grenze einen so fetten Bock, wie nur je ein sterbliches Auge einen gesehen hat. Es hätte dir in der innersten Seele wohlgetan, wenn du die Delawaren hättest essen sehen; denn ich war auf Kundschaft aus und hatte einem Scharmützel ihres Stammes beigewohnt. Du lieber Himmel! die Indianer lagen still, Junge, und warteten, bis die Vorsehung ihnen einen Braten zuführte; aber ich sah mich nach Proviant um und machte dem Tier den Garaus, ehe es noch ein Dutzend Sprünge machen konnte. Ich war zu schwach und zu gierig, um auf das Fleisch warten zu können, und verhalf mir daher zu einem tüchtigen Trunk von seinem Blut, während die Indianer das Fleisch roh verzehrten. John war dabei, und John weiß die Sache. Aber ich muß gestehen, jetzt wäre mir doch ein solches Hungern zuviel, obgleich ich zeit meines Lebens kein starker Esser gewesen bin.«

»Es ist genug gesagt, meine Freunde«, rief der Jüngling. »Ich fühle, daß das Opfer von meinen Händen allenthalben verlangt wird, und es soll gebracht werden. Aber sprecht nicht weiter, ich bitte euch; die Sache fällt mir zu schwer aufs Herz.«

Seine Gefährten verstummten; bald hatten sie die Hütte erreicht, in welche sie eintraten, nachdem zuvor ein sehr komplizierter und sinnreich angebrachter Riegel entfernt war, der scheinbar den Zweck hatte, das ziemlich wertlose Eigentum der Männer zu schützen. Ungeheure Schneehaufen lehnten sich auf der einen Seite an die Holzwände dieser abgeschlossenen Wohnung, während Überreste von einigen Bäumen und Zweige von Eichen und Kastanien, die von den mütterlichen Stämmen durch den Wind abgerissen worden waren, auf der andern Seite aufgeschichtet lagen. Eine kleine Rauchsäule stieg aus einem von Holzstäben gefertigten und mit Ton verkitteten Schornstein vor dem Felsen in die Höhe und hatte den Schnee in dunklen Wellen rußig gefärbt, vom Ausgangspunkt bis dorthin, wo die Anhöhe vor einem Abgrund zurücktrat und Bäumen von gigantischem Wuchs Raum bot, deren Zweige den kleinen Talboden überdachten.

Der Rest des Tages wurde verbracht, wie es an derartigen Tagen gewöhnlich in einem neuen Land geschieht. Die Ansiedler drängten sich wieder nach der Akademie, um nochmals Zeugen von Herrn Grants Beredsamkeit zu sein, und auch Mohegan gehörte zu den Zuhörern. Aber obgleich der Geistliche seine Augen fest auf den Indianer heftete, als er die Versammlung einlud, näher an den Altar zu treten, so lastete doch die Scham über die Verirrung der letzten Nacht zu drückend auf der Seele des alten Häuptlings, als daß er sich hätte von der Stelle rühren können.

Als die Versammlung auseinanderging, hatten sich die Wolken, welche bereits den ganzen Morgen am Firmament hin und her gezogen waren, zu dichten Massen geballt, und ehe noch die Hälfte der neugierigen Kirchgänger ihre verschiedenen Wohnungen, die in den Tälern oder sogar auf den Spitzen des Gebirges lagen, erreicht hatten, schoß der Regen in Strömen nieder. Die starken Ränder der Baumstümpfe tauchten zuerst hervor, und der Schnee schmolz schnell dahin. Die Holz- und Heckenumzäunungen, welche bisher nur als lange weiße Dammreihen, die quer durch das Tal und an den Bergen hinanliefen, erkennbar waren, stachen aus ihrer Umhüllung hervor, und mit jedem Augenblick ließen sich die schwarzen Stubben deutlicher unterscheiden, da die großen Schnee- und Eismassen unter dem Einfluß des Tauwetters von ihren Seiten abfielen.

Geborgen in der warmen Halle der behaglichen Wohnung ihres Vaters sah Elisabeth mit Louise Grant ins Freie und betrachtete verwundert den schnellen Wechsel in der Natur. Selbst das Dorf, das eben noch in dem Festschmuck des gefrorenen Elements geprunkt hatte, warf widerstrebend seine Maske ab, und die Häuser zeigten ihre dunklen Dächer und die rauchenden Kamine. Die Fichten schüttelten den Schnee von sich, und alles schien mit fast zauberhafter Schnelle seine ursprüngliche Farbe wieder anzunehmen.

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