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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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Vorrede Coopers zur Ausgabe von 1832

 

Da sich diese Schrift bereits auf dem Titelblatt als ein Zeitgemälde ankündigt, so wird es denen, welche sich die Mühe nehmen, sie zu lesen, nicht unwillkommen sein zu erfahren, was von ihrem Inhalt buchstäbliche Wahrheit, und was Zutat des darstellenden Dichters ist. Der Verfasser fühlt wohl, daß er ein weit besseres Buch hätte zustande bringen können, wenn er sich ausschließlich auf die letztere beschränkt hätte, da das freie Walten der Phantasie immer die lebhaftesten Eindrücke hervorbringt. Aber bei der Schilderung von Szenen und vielleicht auch von Charakteren, die ihm in seiner Jugend vertraut geworden waren, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, lieber das zu zeichnen, was er selbst gesehen hatte, als das, was nur der Einbildungskraft entsprungen wäre. Dieses strenge Festhalten an der Wahrheit, so unerläßlich es auch für die Geschichte und für Reisebeschreibungen ist, zerstört den Zauber der Poesie; denn was dem Geiste durch die letztere vorgeführt werden soll, nimmt sich weit besser in Entwicklung von Grundsätzen und typischen Charakteren aus, als in einem allzu ängstlichen Haften an wirklichen Vorbildern.

Da Neuyork nur einen Bezirk Otsego und der Susquehanna nur eine eigentliche Quelle hat, so kann hinsichtlich des Schauplatzes dieser Erzählung kein Irrtum stattfinden. Die Geschichte dieses Bezirks, soweit sie auf die Ansiedlungen der Weißen Bezug hat, läßt sich in kurze Worte fassen.

Otsego, wie überhaupt der größte Teil der inneren Provinz Neuyork, gehörte vor dem Unabhängigkeitskrieg zu der Grafschaft Albany und fiel bei einer späteren Teilung des Gebiets an Montgomery, bis es endlich infolge der Zunahme seiner Bevölkerung kurz nach dem Frieden von 1783 zu einem eigenen Bezirk erhoben wurde. Er liegt zwischen den niedrigen Ausläufern des Alleghany-Gebirges, welche die mittleren Teile des Staates Neuyork durchziehen, etwas östlich von einem durch den Mittelpunkt des Staates gezogenen Meridian. Die Flüsse von Neuyork haben ihren Ablauf entweder nach Süden in das Atlantische Meer oder nach Norden in den Ontario und seine Ausmündungen. Der Otsegosee ist die Quelle des Susquehanna und liegt daher begreiflicherweise in den Hochlanden. Die Gestalt des Landes, das Klima, wie es von den Weißen angetroffen wurde, und die Sitten der Ansiedler sind in unserer Erzählung mit einer Ausführlichkeit geschildert, die der Autor nur mit der Lebhaftigkeit seiner Rückerinnerungen entschuldigen kann.

Der Name Otsego ist gebildet aus den Worten Ot, was einen Versammlungsort bedeutet, und Sego oder Sago, der unter den Indianern üblichen Begrüßungsformel. Einer Überlieferung zufolge pflegten die benachbarten Stämme an den Ufern des Sees Zusammenkünfte zu halten, um Verträge zu schließen und ihre Bündnisse auf sonstige Weise zu kräftigen, woraus sich die genannte Zusammenstellung erklärt. Da indes das Oberhaupt der Indianer von Neuyork ein Blockhaus an den Ufern des Sees besaß, so ist es nicht unmöglich, daß der Name seinen Ursprung von den Versammlungen hat, die dort bei seinen Beratungsfeuern gehalten wurden. Beim Ausbruch des Kriegs mußte dieser Agent nebst anderen Beamten der Krone den Strich verlassen, und seine unscheinbare Wohnung stand bald verödet. Der Verfasser erinnert sich, sie einige Jahre nachher in der bescheidenen Eigenschaft eines Rauchhauses gesehen zu haben.

Im Jahre 1779 wurden Truppen gegen die feindlichen Indianer gesandt, die ungefähr hundert Meilen westlich von Otsego an den Ufern des Kayugasees hausten. Der ganze Strich war damals eine Wildnis, weshalb es nötig wurde, die Bagage der Mannschaft auf den Flüssen fortzuschaffen – ein Umweg zwar, aber jedenfalls das beste, was man tun konnte. Eine Brigade zog am Mohawk aufwärts, bis sie eine Stelle erreichte, die den Quellen des Susquehanna am nächsten liegt, und von wo aus ein Engpaß durch den Urwald zu dem oberen Ende des Otsego führt. Die Boote und das Gepäck wurden über diesen ›Trageweg‹ gebracht, während die Truppen über den See setzten, an dessen unterm Ende landeten und ein Lager aufschlugen. Der Susquehanna, ein an seinem Ursprunge schmaler, aber reißender Strom, war voll von Treibholz oder entwurzelten Bäumen, und die Truppen mußten ein neues Mittel ersinnen, um sich ihren ferneren Marsch zu erleichtern. Der Otsego ist ungefähr neun englische Meilen lang und wechselt in der Breite von einer bis zu anderthalb Meilen: sein tiefes klares Wasser erhält von vielen hundert Quellen seinen Zustrom. Unten sind die Ufer fast dreißig Fuß hoch, während sie an den übrigen Stellen durch Berge, Niederungen und Vorsprünge gebildet werden. Sein Abwasser oder der Susquehanna fließt durch einen Einschnitt der erwähnten niedrigen Ufer in einer Breite von gegen zweihundert Fuß ab. Dieser Einschnitt wurde mit Dämmen versehen, die Abwasser des Sees gesammelt und der Susquehanna in dieser Weise zu einem stärkeren Gewässer umgewandelt. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, schifften sich die Truppen ein; der Damm wurde durchstochen, und der Otsego ergoß seinen Strom, auf dem die Boote alsbald lustig abwärts fuhren.

General James Clinton, der Bruder George Clintons, damals Gouverneur von Neuyork – der Vater De Witt Clintons, der als Gouverneur desselben Staates im Jahre 1827 starb – kommandierte die mit diesem Feldzug beauftragte Brigade. Während die Truppen am unteren Teil des Otsego lagerten, wurde ein Soldat wegen Desertion erschossen. Das Grab dieses unglücklichen Mannes war die erste Grabstätte, die der Autor je gesehen, wie das erwähnte Rauchhaus die erste von ihm erblickte Ruine war. Die in unserer Schrift erwähnte Feldschlange wurde bei diesem Anlaß von den Truppen zurückgelassen und verscharrt; man fand sie später auf, als man in des Verfassers elterlicher Wohnung die Keller grub.

Bald nach Beendigung des Krieges besuchte Washington mit einem Gefolge vieler ausgezeichneter Männer den Schauplatz unserer Erzählung, dem Vernehmen nach, um das Terrain daraufhin zu untersuchen, ob sich hier eine Kommunikation zu Wasser mit anderen Punkten des Landes bewerkstelligen ließe; er blieb jedoch nur wenige Stunden.

Im Jahre 1785 erschien der Vater des Autors in dieser Wildnis, um sie vermessen zu lassen, da er einen bedeutenden Strich derselben anzukaufen gedachte. Welchen Eindruck sie auf ihn machte, haben wir durch den Richter Temple schildern lassen. Zu Anfang des folgenden Jahres begann die Ansiedlung, und von dieser Zeit an bis auf die gegenwärtige kam die Gegend fortwährend in blühendere Verhältnisse. Es ist ein eigentümlicher Zug des amerikanischen Lebens, daß es einem reichen Manne, der zu Anfang dieses Jahrhunderts Gelegenheit hatte, Ansiedlern eine neue Niederlassung in einem entfernteren Landesteil anzubieten, möglich war, solche trotz der günstigen Verhältnisse, deren sie sich in ihrer früheren Kolonie erfreuen mochten, nach sich zu ziehen.

Obgleich die Niederlassung am Otsego einige Jahre vor der Geburt des Autors stattfand, so war sie zu der Zeit doch noch nicht so weit fortgeschritten, daß man es für ratsam erachtet hätte, ein für ihn selbst so wichtiges Ereignis in der Wildnis stattfinden zu lassen. Vielleicht hegte seine Mutter ein begründetes Mißtrauen in die Erfahrung des Doktor Todd, der damals noch in dem Noviziat seiner ärztlichen Praxis gestanden haben muß. Doch dem sei, wie ihm wolle, der Autor wurde noch als Kind wieder in das Tal gebracht, welchem er die ersten Eindrücke seiner Jugend verdankt. Er wählte auch in späteren Jahren zuweilen seinen Aufenthalt daselbst und glaubt daher, für die Treue seines Gemäldes einstehen zu können.

Otsego ist nun einer der bevölkertsten Distrikte von Neuyork, entsendet seine Auswanderer so gut wie irgendeiner der älteren und steht wegen seines Gewerbefleißes und Unternehmungsgeistes in gutem Ruf. Seine Manufakturen blühen, und es ist bemerkenswert, daß eine der sinnreichsten Maschinen, welche die europäische Kunstfertigkeit kennt, von dem Scharfsinn, der in dieser abgelegenen Gegend heimisch ist, ihre Entstehung ableitet.

Um Mißverständnissen zu begegnen, wird es ratsam sein zu bemerken, daß der gegenwärtigen Erzählung keine wirklichen Begebenheiten zugrunde liegen und daß die buchstäblich wahren Tatsachen sich nur auf die örtlichen Verhältnisse und die Sitten und Gebräuche der Einwohner beziehen. Die Akademie, das Gerichtshaus, das Gefängnis, das Wirtshaus und die meisten andern Staffagen dieser Art existierten wirklich, haben aber seitdem anderen Gebäuden von anspruchsvollerem Charakter Platz gemacht. Bei der Schilderung des Herrenhauses erlaubten wir uns einige Freiheit; denn das eigentliche Gebäude hatte keinen ›ersten und zweiten Teil‹. Es bestand aus Ziegeln, nicht aus Steinen, und zeigte keine der eigentümlichen Schönheiten der ›zusammengesetzten Ordnung‹, da es in einer zu frühen Periode errichtet wurde, um sich bereits aller Vorteile dieser so anspruchsvollen Schule der Architektonik erfreuen zu können. Das Innere des Hauses ist jedoch ganz nach Rückerinnerungen gezeichnet, und hier trifft alles mit der Wirklichkeit zusammen, sogar Wolfs zertrennter Arm und der Aschenkrug der Königin Dido.

Obwohl noch Wälder die Berge am Otsego krönen, sind doch Bär, Wolf und Panther kaum mehr dort zu finden. Selbst das unschuldige Rotwild springt nur noch selten unter den Baumgewölben umher; denn das Gewehr und die Tatkraft der Pflanzer haben es an andere Orte getrieben. Zu diesem Wechsel – der in mancher Beziehung dem, der das Land im Urzustand gekannt hat, traurig erscheinen muß – kommt noch hinzu, daß der Otsego selbst mit seinem Reichtum zu knausern beginnt.

Der Verfasser hat bereits anderswo erklärt, daß Lederstrumpfs Charakter ein Gebilde ist, welches durch Hilfsmittel, wie sie zu Hervorbringung des Effekts nötig waren, Wahrscheinlichkeit gewinnt. Hätte er mit noch mehr Einbildungskraft geschildert, so würden die Freunde der Poesie nicht so viel Anlaß haben, gegen die Arbeit Einwendungen zu machen. Das Gesamtgemälde wäre jedoch sicher ohne wirkliche Vertreter für die meisten übrigen Personen weniger treu ausgefallen. Der große Grundbesitzer, der auf seinen Ländereien wohnt und denselben seinen Namen gibt, statt ihn, wie es in Europa üblich ist, von ihnen zu erhalten, kommt in Neuyork häufig vor. Der Arzt mit seiner Theorie, die er sich durch Experimente am menschlichen Körper eher schafft als verbessert; der fromme, selbstlose, tätige und schlecht belohnte Missionar; der halbgebildete, streitsüchtige, neidische und wenig achtbare Advokat mit dem Gegengewichte eines Kollegen von besserem Schlag und anderem Charakter; der unstete, handeltreibende, mißvergnügte Verkäufer seiner ›Verbesserungen‹; der beliebte Zimmermann und die meisten übrigen Charaktere sind allen bekannt, die je einen ›neuen‹ Bezirk besucht haben.

Nach den angeführten Umständen ist es augenfällig, daß der Autor bei Abfassung der ›Ansiedler‹ mehr Vergnügen genossen, als sein Werk wohl je dem Leser zu gewähren imstande sein wird. Er weiß, daß die Schrift zahlreiche Fehler enthält, von denen er in dieser Ausgabe auch einige zu verbessern bemüht war: da er sich aber wenigstens redlich bestrebt hat, das Seinige zur Unterhaltung der Lesewelt beizutragen, so vertraut er darum auch ruhig auf ihre wohlwollende Nachsicht, wenn er für sich selbst irgend zuviel in Anspruch genommen haben sollte.

Paris, im März 1832

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