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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XVII

 

Wie? Alles da in schmuckem Kleide?
Ich wette, 's gibt ein Volksfest heute.

Scott

 

Die alte Belustigung am Christfest, nach einem Truthahn zu schießen, gehört zu den wenigen, die von den Ansiedlern eines neuen Landes selten oder nie vergessen werden. Sie stand in Verbindung mit den täglichen Beschäftigungen eines Volkes, welches oft die Axt oder Sichel beiseite legte, wenn ein Hirsch durch den Wald jagte, in dem sie Bäume fällten; oder wenn ein Bär in ihre wenig kultivierten Wiesengründe eindrang, um die Luft einer Lichtung zu schnuppern und sich auf Kundschaft zu legen, wie es mit dem Umsichgreifen der Eindringlinge stehe.

Bei dem gegenwärtigen Anlaß war der herkömmliche Brauch etwas beschleunigt worden, um sich auch Herrn Grants Predigt zunutze machen zu können, welche für die jungen Schützen nicht weniger Reiz hatte als ihre gegenwärtige Beschäftigung. Der Eigentümer der Vögel war ein freier Neger, der sich für diesen Anlaß mit einer Menge Geflügel versehen hatte, das wunderbar geeignet war, den Appetit eines Epikureers zu reizen und die Geschicklichkeit der verschiedenen, allen Altersklassen angehörigen Preisbewerber zu erproben. Für die jüngeren und bescheideneren Schützen hatte er verschiedene Vögel untergeordneten Ranges ausgestellt, und bereits waren mehrere Schüsse sehr zu dem pekuniären Vorteil des schwarzen Eigentümers gefallen. Die Einrichtung des Festes war außerordentlich einfach und leicht verständlich. Der Vogel wurde mit einer Schnur an dem Stumpf einer großen Fichte angebunden, welcher an der dem Schützen zugekehrten Seite mit einer Axt flach gehauen war, um als Scheibe zu dienen, an der sich die Geschicklichkeit jedes einzelnen Individuums beurteilen ließ. Die Entfernung zwischen dem Stumpf und dem Schießstand betrug hundert abgemessene Ellen, und ein Fußbreit mehr oder weniger wäre als ein Eingriff in die Rechte des einen oder des anderen angesehen worden. Der Neger bestimmte für jeden Vogel den Preis und setzte die Bedingungen fest; war dies aber einmal geschehen, so blieb er durch die strengen Grundsätze einer öffentlichen Gerechtigkeit, welche in der Gegend galten, genötigt, jeden Lust Bezeugenden zuzulassen.

Das Gewimmel auf dem Platz bestand aus etwa zwanzig oder dreißig jungen Männern, die alle mit Büchsen bewaffnet waren, und der ganzen männlichen Schuljugend des Dorfes. Die kleinen, in rauhe, aber warme Kleider gehüllten Knirpse scharten sich, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, um die berufensten Schützen und horchten begierig auf das prahlerische Anpreisen der eigenen Geschicklichkeit, die man bei früheren Gelegenheiten an den Tag gelegt hatte, in ihren kleinen Herzen die Großtaten dieser Helden bereits im voraus nachahmend.

Der Hauptsprecher war der von Natty schon erwähnte Billy Kirby. Dieser Bursche, der, wenn er arbeiten mochte, Bäume fällte und Strünke ausrodete, war von großer Statur, und man konnte den Charakter des Mannes schon in seinem Gesicht lesen. Er war ein lärmender, gedankenloser junger Mensch, dessen gutmütige Augen zu seiner plumpen und polternden Sprache einen starken Kontrast bildeten. Er konnte wochenlang in völligem Nichtstun von Schenke zu Schenke schlendern oder für ein Mittagessen und Branntwein kleine Geschäfte verrichten, während er mit seinen Kunden um den Preis jeder Arbeit feilschte und lieber faulenzte, wenn er glaubte, man trete seiner Unabhängigkeit zu nahe oder wolle ihn um einen Heller seines Lohnes verkürzen. War man aber einmal mit ihm eins geworden, so griff er nach seiner Axt und seiner Büchse, schlüpfte in die Riemen seines Tragkorbs und marschierte mit herkulischen Schritten dem Walde zu. Hier war es sein erstes, seinen Bezirk kennenzulernen, den er, sich bisweilen mit einem Schluck aus der Flasche stärkend, umschritt, um die Grenzbäume durch einen Hieb seiner Axt zu zeichnen; dann pflegte er sich mit gar bedächtigen Mienen in den Mittelpunkt des ihm angewiesenen Platzes zu begeben, wo er seine überflüssigen Kleider beiseite legte und mit kundigem Auge einen oder zwei der nächsten Bäume maß, die, wenn er in die Höhe sah, beinahe in die Wolken zu ragen schienen. Gewöhnlich wählte er einen der edelsten für seinen ersten Kräfteversuch und näherte sich ihm, ein Liedchen pfeifend, mit gleichgültiger Miene; dann schwang er mit sicherer Faust die Axt, nicht unähnlich den Begrüßungen eines Fechtmeisters, worauf er einen leichten Hieb in die Rinde tat und seine Entfernung abmaß. Die Pause, die dann folgte, war für den Wald, der seit Jahrhunderten dort geblüht hatte, verhängnisvoll. Den schweren und raschen Hieben folgte bald das donnernde Krachen des Baumes, wenn er sich von seinen letzten Verbindungsflächen loslöste, dann das Rauschen und Knirschen der Zweige in den Wipfeln seiner benachbarten Brüder und endlich der Sturz auf den Boden mit einer Erschütterung, die fast einem Erdbeben glich. Von diesem Augenblick an schallten die Töne der Axt ohne Unterlaß fort, während der Sturz der Bäume sich wie ferner Kanonendonner anhörte, und das Licht des Tages drang in die Tiefe der Wälder mit der Schnelle eines Wintermorgens.

Tage-, wochen-, ja monatelang konnte Billy Kirby mit dem Feuereifer seiner angeborenen Tatkraft und einem Erfolg, der ans Unglaubliche zu grenzen schien, fortarbeiten, bis er nach beendigter Arbeit mit den Lungen eines Stentors seinen geduldigen Ochsen rief, so daß die Töne wie ein Feuerlärm durch die Berge schallten. Oft hatte man ihn an schönen Sommerabenden meilenweit durch das Tal von Templeton gehört, wenn das Echo der Berge seinen Ruf auffing, bis dieser in mattem Nachhall an den fernen Felsen, die über den See hingen, erstarb. War er sodann mit dem Aufschichten des Holzes fertig, was gleichfalls mit einer Schnelligkeit geschah, die nur seiner Gewandtheit und seiner herkulischen Kraft möglich war, so raffte der Holzfäller sein Arbeitsgerät zusammen und zog im Licht des geschlagenen Waldes ab wie der Eroberer einer Stadt, der, wenn er die Gegnerin bewältigt hat, seinem Siege mit der Brandfackel die Krone aufsetzt. Lange nachher konnte man sodann Billy Kirby um die Schenken lungern sehen, wie er die Bauernpferde ritt, bei Hahnenkämpfen den Schreier spielte und nicht selten bei Volksbelustigungen wie der gegenwärtigen der Held des Tages war.

Zwischen ihm und Lederstrumpf hatte hinsichtlich der Kunstfertigkeit mit der Büchse schon lange eine eifersüchtige Nebenbuhlerschaft bestanden. Natty konnte sich zwar einer langen Übung rühmen, doch wurde allgemein angenommen, daß der Holzfäller, was Stärke des Armes und Schärfe des Blickes anbelangte, nicht hinter ihm zurückbleibe. Der Wettbewerb ihrer beiderseitigen Fähigkeiten hatte sich bisher auf das selbstgespendete Lob und auf Vergleiche beschränkt, die aus dem Erfolg ihrer Jagdausflüge gezogen wurden; aber jetzt sollten sie das erstemal öffentlich miteinander wetteifern. Billy Kirby war eben mit seinem Feilschen um den Preis eines auserlesenen Vogels einig geworden, als Natty und seine Gefährten anlangten. Der Schuß war bereits im voraus zu einem Schilling, Vor der Revolution hatte jede Provinz ihre eigene Rechnungsmünze, obschon nichts als Kupfergeld geprägt wurde. In Neuyork teilte man den spanischen Dollar in acht Schillinge, die etwas über sechs Pence englischer Münze betrugen. der höchsten landesüblichen Einlage, angesetzt worden, und so suchte denn der Schwarze sich durch die Bedingungen des Schießens womöglich vor Verlust zu schützen. Der Truthahn war bereits an der Scheibe angebunden, sein Körper aber ganz von Schnee bedeckt, so daß man nichts als seinen roten schwellenden Kopf und den langen Hals sehen konnte. Wurde der Vogel unterhalb der Schneeoberfläche verletzt, so blieb er das Eigentum seines gegenwärtigen Besitzers; war aber nur eine Feder an einem sichtbaren Teile berührt, so fiel das Tier als Preis dem glücklichen Schützen anheim.

Der Neger, der in einer etwas gefährlichen Nachbarschaft bei seinem Lieblingsvogel im Schnee saß, hatte eben diese Bedingungen laut verkündet, als sich Elisabeth mit ihrem Vetter näherte. Die lauten Ausbrüche der Heiterkeit wurden durch diesen unerwarteten Besuch merklich gemindert; aber nach einer kurzen Pause, als man in dem lächelnden Gesichte der jungen Dame ihre freundliche Teilnahme gewahrte, kehrte die Freimütigkeit des Morgens wieder zurück, obschon alle sich in der Gegenwart eines solchen Zuschauers mit mehr Anstand und weniger Ungestüm benahmen.

»Aus dem Weg, ihr Jungen!« rief der Holzfäller, als er auf den Schießstand trat, »aus dem Wege, ihr jungen Spitzbuben, oder ich schieße Euch durch und durch. Nun, Brom, nehmt Abschied von Eurem Truthahn.«

»Halt!« rief der junge Jäger, »ich bin gleichfalls ein Bewerber. Hier ist mein Schilling, Brom, ich wünsche, auch einen Schuß zu haben.«

»Das mögt Ihr immerhin«, rief Kirby, »aber wie dann, wenn ich nur eine Feder des Puters streife? Habt Ihr soviel Geld in Eurer Ledertasche, daß Ihr für einen Schuß Zahlung leistet, der nie an Euch kommen wird?«

»Was kümmert's Euch, wieviel Geld ich in der Tasche habe?« entgegnete der Jüngling stolz. »Hier ist mein Schilling, Brom, ich mache mein Recht auf einen Schuß geltend.«

»Nur nicht gleich oben hinaus, Junge«, sagte der andere, indem er ruhig seinen Flintenstein befestigte. »Man sagt, Ihr hättet ein Loch in Eurer linken Schulter; ich denke daher, Brom könnte Euch den Schuß zum halben Preise ablassen. Ich kann Euch sagen, Junge, es ist keine Kleinigkeit, den Vogel da zu treffen – selbst wenn ich Euch an die Reihe kommen ließe, was ich jedoch keineswegs im Sinn habe.«

»Tut nicht so dick, Billy Kirby«, sagte Natty, indem er den Schaft seiner Büchse auf den Schnee stieß und sich an den Lauf derselben lehnte. »Ihr dürft nur einmal auf den Vogel schießen, und wenn der Junge auch sein Ziel verfehlt, was mich um seines steifen und kranken Armes willen nicht wundernehmen sollte, so kommt doch noch ein gutes Gewehr und ein altes Auge nach Euch. Mag sein, daß mein Schuß nicht mehr so sicher ist wie vordem; aber hundert Ellen sind eine kurze Entfernung für eine lange Büchse.«

»Was, alter Lederstrumpf, Ihr seid auch schon auf den Beinen?« rief sein leichtfertiger Gegner. »Nun, ich lobe mir ein ehrlich Spiel. Ich habe die Vorhand vor Euch, alter Knabe; es handelt sich also um einen guten Braten oder ums Leerschlucken.«

Die Züge des Negers drückten nicht nur die sein pekuniäres Interesse ins Auge fassende Teilnahme, sondern auch die gleiche Aufregung aus, die in den Gesichtern aller Zuschauer zu lesen war, – nur mit ganz verschiedenen Wünschen für das Ergebnis. Während der Holzfäller langsam und mit sicherer Hand die Büchse erhob, rief ihm der Eigentümer des Truthahns zu:

»Ehrlich Spiel, Billy Kirby, – weiter zurück, – macht Platz, Jungen, – ich lasse mich nicht betrügen, – paß auf, Puter! Schüttle den Kopf, du Narr! Siehst du nicht, daß man auf dich zielt?«

Diese Rufe, welche die Absicht hatten, die Aufmerksamkeit des Schützen auf etwas anderes abzulenken, verfehlten ihren Zweck gänzlich. Die Nerven des Holzfällers waren nicht so leicht zu erschüttern, und er nahm alsbald sein Ziel mit der größten Bedachtsamkeit. Einen Augenblick herrschte die tiefste Stille, und der Schuß fiel. Der Kopf des Truthahns duckte sich auf die eine Seite, und seine Schwingen breiteten sich für einen Augenblick aus, aber dann setzte er sich ruhig wieder in sein Bett von Schnee und sah scheu umher. Mit verhaltenem Atem dauerte das Schweigen noch eine Weile fort, aber dann wurde es durch den Neger unterbrochen, welcher ein Gelächter aufschlug und im Übermaß des Entzückens mit seinem Körper alle nur erdenklichen Verzerrungen vornahm und sich im Schnee wälzte.

»Brav gehalten, Puter«, rief er, wieder aufspringend und auf den Vogel zueilend, als wollte er ihn umarmen. »Ich sagte ja, du sollest aufpassen und ihn hinters Licht führen. Gebt noch einen Schilling, Billy, und Ihr sollt einen zweiten Schuß haben.«

»Nein«, sagte der junge Jäger, »die Reihe kommt jetzt an mich. Ihr habt schon mein Geld; tretet daher von der Scheibe weg, damit ich mein Glück versuchen kann.«

»Ach, es ist hinausgeworfenes Geld«, entgegnete Lederstrumpf.

»Der Kopf und Hals eines Truthahns sind ein gar kleines Ziel für einen lahmen Arm. Es wäre besser, Ihr ließet mich schießen; vielleicht können wir dann wegen des Vogels mit der Dame ein Abfinden treffen.«

»Der zweite Schuß gehört mir«, entgegnete der junge Jäger. »Macht Platz, daß ich mein Ziel nehmen kann!«

Der Streit hinsichtlich des letzten Schusses ließ nun nach, da sich herausgestellt hatte, daß der Truthahn notwendig getötet worden wäre, wenn sein Kopf anders gestanden hätte. Die Vorbereitungen des Jünglings veranlaßten keine besondere Aufregung; er nahm hastig sein Ziel und war eben im Begriff abzudrücken, als er von Natty aufgehalten wurde.

»Eure Hand zittert, Junge«, sagte er, »und Ihr seid allzu eifrig. Kugelwunden sind wohl imstande, die Kraft zu mindern, und nach meinem Dafürhalten werdet Ihr nicht so gut wie sonst schießen. Wenn Ihr feuern wollt, so muß es rasch geschehen, ehe Eure unsichere Hand vom Ziel abgleiten kann.«

»Ehrlich Spiel!« rief der Besitzer wieder. »Laßt einem Neger ehrlich Spiel! Welches Recht hatte Natty Bumppo, dem jungen Manne Rat zu erteilen? Laßt ihn schießen! Platz gemacht!«

Der Jüngling feuerte rasch, aber der Truthahn rührte sich nicht, und als man nach dem Einschlag der Kugel spähte, stellte sich's heraus, daß sie sogar den Baumstumpf verfehlt hatte.

Elisabeth beobachtete den Wechsel in seinem Gesicht und konnte sich eines Gefühls von Überraschung nicht erwehren, als sie bemerkte, daß ein Mann, der augenscheinlich weit über seinem Gefährten stand, sich so sehr einen unbedeutenden Verlust zu Herzen nahm. Aber nun kam ihr eigener Kämpe an die Reihe.

Broms Freude über das Fehlen des zweiten Schützen, obgleich sie sich nicht so ungestüm äußerte wie früher, verschwand gänzlich, als Natty auf den Stand trat. Seine Haut bekam große braune Flecken, die sich auf dem Ebenholzglanz der übrigen Partien abscheulich ausnahmen, während sich seine ungeheuren Lippen allmählich an die beiden Elfenbeinreihen andrückten, die bisher wie in Pech gefaßte Perlen aus seinem Gesichte hervorgeleuchtet hatten. Seine Nasenlöcher, bei weitem der hervorragendste Teil seines Gesichtes, dehnten sich aus, bis sie mehr als dessen halbe Breite einnahmen, während seine braunen Knochenhände unwillkürlich in die Schneekruste griffen, so sehr hatte die Aufregung des Augenblicks seinen angeborenen Widerwillen gegen die Kälte besiegt.

Während der schwarze Eigentümer des Puters auf diese Weise seine Angst kundgab, blieb der Mann, der diese außerordentliche Aufregung veranlaßte, so ruhig und gefaßt, als hätte er auch nicht einen einzigen Zeugen seiner Geschicklichkeit.

»Ich war – gerade bevor der letzte Krieg ausbrach – drunten in den holländischen Ansiedlungen am Schoharie«, fing Natty an, indem er sorgfältig die Lederkapsel von dem Stahl seines Büchsenschlosses abnahm, »wo die Jungen gleichfalls ein Wettschießen hielten, an dem ich teilnahm. Wie rissen da die Holländer nicht ihre Augen auf, als ich das Pulverhorn, drei Stangen Blei und ein Pfund so gutes Pulver, als nur je eins von der Pfanne aufblitzte, gewann! Es begann ein Fluchen, zu Gottes Erbarmen, und ich erfuhr nachher, daß ein betrunkener Holländer gesagt hatte, er wolle mich kaltmachen, ehe ich wieder an den See zurückkehre. Aber hätte er seine Büchse mit böser Absicht angesetzt, so würde ihn Gott dafür gestraft haben; und wäre dies nicht der Fall gewesen, und hätte er sein Ziel verfehlt, so kenne ich einen, der ihm's würde so gut und noch besser heimgezahlt haben, als es von ihm gemeint war, wenn anders eine gut geführte Büchse in Rechnung zu bringen ist.«

Mittlerweile hatte der alte Jäger seine Vorbereitungen beendigt; er stellte den rechten Fuß rückwärts, streckte seinen linken Arm dem Gewehrlauf entlang und erhob denselben gegen den Vogel. Jedes Auge blickte rasch von dem Schützen nach dem Ziel, aber in dem Augenblick, als man den Knall der Büchse zu vernehmen erwartete, ließ sich nichts als das Picken des Steins vernehmen.

»Abgeschnappt! abgeschnappt!« jauchzte der Neger, indem er aus seiner zusammengekauerten Stellung wie ein Wahnsinniger aufsprang und zu seinem Vogel eilte. »Ein Abschnappen ist so gut wie ein Schuß – Natty Bumppos Gewehr hat geschnappt; Natty Bumppo hat den Hahn nicht getroffen!«

»Natty Bumppo trifft einen Neger«, sagte der entrüstete alte Jäger, »wenn Ihr nicht aus dem Wege geht, Brom. Es ist barer Unsinn, Mensch, daß ein Abschnappen für einen Schuß zählen soll, da das eine nichts weiter ist als ein Anschlagen an den Stahl der Pfanne und das andere plötzlichen Tod bringt. Packe dich also aus dem Weg, Bursche, damit ich Billy Kirby zeigen kann, wie man einen Weihnachtsputer schießt!«

»Laßt einem Neger ehrlich Spiel«, rief der Schwarze, der entschlossen seinen Posten behauptete und sich in der kriechenden Weise seiner Kaste auf das Billigkeitsgefühl der Umstehenden berief. »Jedermann weiß, daß das Abschnappen für einen Schuß gilt. Fragt Massa Jones – fragt die Dame.«

»Gewiß«, sagte der Holzfäller, »das ist hierzulande so der Brauch, Lederstrumpf. Wollt Ihr noch einmal schießen, so müßt Ihr einen andern Schilling bezahlen. – Nun, ich will mein Glück wieder probieren, John, da ist mein Geld. Ich habe den nächsten Schuß.«

»Möglich, daß Ihr die Gesetze der Wälder besser kennt als ich, Billy Kirby«, erwiderte Natty ironisch. »Ihr kamt mit den Ansiedlern ins Land, einen Ochsenstachel in Eurer Hand, und ich kam schon lange vor dem alten Krieg herein, die Mokassins an meinen Füßen und eine gute Büchse auf meinen Schultern. Wer muß es da wohl besser wissen? Niemand soll mir weismachen wollen, ein Abschnapper sei so gut wie ein Schuß, wenn einmal der Drücker berührt ist.«

»Fragt Massa Jones«, rief der um sein Eigentum besorgte Neger, »er muß es wissen.«

Diese Berufung an Richards Sachkenntnis war zu schmeichelhaft, um unberücksichtigt zu bleiben. Er trat daher ein wenig von der Stelle vor, an welche ihn Elisabeths Delikatesse gebannt hatte, und gab mit der Würde, welche die wichtige Frage und sein eigener Rang forderten, folgende Ansicht kund:

»Es scheint hier eine Meinungsverschiedenheit über den Punkt obzuwalten, ob Nathanael Bumppo das Recht hat, auf Abraham Freeborns Truthahn zu schießen, ohne daß besagter Nathanael einen Schilling dafür zahlt.«

Diese Tatsache war zu einleuchtend, um in Abrede gezogen werden zu können, und nach einer kurzen Pause, während welcher das Auditorium die Einleitung verdaut haben konnte, fuhr Richard fort:

»Ich finde es nicht unpassend, daß diese Frage mir zur Entscheidung vorgelegt wird, da ich die Verpflichtung habe, über den Frieden des Distrikts zu wachen; Menschen mit tödlichen Waffen in den Händen sollte man nie in einen Streit geraten lassen, in welchem ihre bösen Leidenschaften die Oberhand gewinnen können. Es scheint, daß in dem bestrittenen Falle weder ein mündlicher noch ein schriftlicher Vertrag vorliegt, weshalb er vernünftigerweise mittelst der Analogie, das heißt durch Vergleichung eines Dinges mit dem andern, beurteilt werden muß. Es gilt aber in Duellen, wo beide Teile schießen, allgemein das Abschnappen für einen Schuß; wenn dies schon da zutrifft, wo die Gegenpartei ein Recht hat wiederzuschießen, so scheint es mir eine unvernünftige Behauptung, daß ein Mann einen ganzen Tag dastehen und auf einen Truthahn abschnappen dürfe. Meine Meinung geht demnach dahin, daß Nathanael Bumppo seinen Schuß verloren hat und einen anderen Schilling zahlen muß, ehe ihm das Recht eines neuen Versuches zugestanden werden kann.«

Diese Ansicht von Seiten eines so bedeutenden Mannes, die noch obendrein mit gehörigem Nachdruck ausgesprochen wurde, brachte alle zum Schweigen; denn die Zuschauer hatten schon mit großer Wärme für die verschiedenen Beteiligten Partei genommen. Nur Lederstrumpf gab sich nicht so leicht zufrieden.

»Ich denke, man sollte auch Miss Elisabeths Gedanken hören«, sagte Natty. »Ich bin oft Zeuge davon gewesen, daß die Weiber sehr guten Rat erteilten, wenn die Indianer sich nicht mehr zu helfen wußten. Sobald sie erklärt, daß ich verloren habe, bin ich zum Verzicht bereit.«

»Dann bin ich der Meinung, daß Ihr diesmal im Nachteil seid«, versetzte Miss Temple. »Aber ich will die Einlage zahlen, und Ihr mögt den Schuß erneuern, wenn anders Brom es nicht vorzieht, mir den Hahn für einen Dollar abzutreten. Ich will ihn bezahlen und das Leben des armen Opfers retten.«

Dieser Vorschlag behagte den Umstehenden augenscheinlich wenig, und selbst der Neger hoffte, sein Tier durch eine Fortsetzung des Schießens besser anzubringen. Inzwischen hatte sich Billy Kirby auf einen zweiten Schuß vorbereitet, und Natty verließ unmutig den Stand, indem er vor sich hinmurmelte:

»Kann man doch nie mehr einen guten Flintenstein an den Ufern des Sees kaufen, seit diese Krämer damit das Land durchziehen; und wenn man an den Flüssen in den Talgründen einen holen will, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß einem der Pflug einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Es ist mir fast, als ob mit dem Seltenerwerden des Wildes derjenige, welcher gutes Schießzeug braucht, um sein Leben fortzubringen, zu allem Unstern verdammt sei. Aber ich will einen andern Stein einsetzen; denn ich weiß: Billy Kirby hat nicht das Auge für ein solches Ziel.«

Der Holzfäller schien wohl zu begreifen, daß es sich jetzt um seinen Ruf handle, und vernachlässigte kein Mittel, um sich den Erfolg zu sichern. Er legte die Büchse an, zielte und zielte, ohne daß er abfeuern zu wollen schien. Kein Laut, nicht einmal von Brom, ließ sich während dieser inhaltsschweren Bewegungen vernehmen, bis endlich Kirby sein Gewehr abfeuerte, aber mit ebenso geringem Erfolg wie früher. Alsbald erscholl das Freudengeschrei des Negers und hallte von den Bäumen des benachbarten Waldes wieder wie der Schlachtruf eines Indianerstammes. Er lachte und warf den Kopf hin und her, bis seine ausgelassene Lustigkeit erschöpft war. Er tanzte im Schnee herum, solange seine Beine ausdauern wollten, und zeigte, mit einem Wort, all das Ungestüm der Freude, welches einen gedankenlosen Neger charakterisiert.

Der Holzfäller hatte all seine Kunst aufgeboten und fühlte daher einen entsprechenden Verdruß über dieses Fehlschlagen. Zuerst untersuchte er den Vogel mit der größten Aufmerksamkeit, und mehr als einmal behauptete er, eine seiner Federn gestreift zu haben. Aber die Stimme der Menge war gegen ihn, und diese fühlte sich geneigt, auf den oft wiederholten Ruf des Schwarzen: »Laßt einem Neger ehrlich Spiel«, zu hören.

Als Kirby es unmöglich fand, irgendeinen Anspruch auf den Vogel geltend zu machen, wandte er sich stolz an den Schwarzen und sagte:

»Halt deinen Rachen, du Krähe! Wo ist ein Mann, der einen Truthahnskopf auf hundert Ellen treffen kann? Ich war ein Narr, daß ich's versuchte. Du hast nicht nötig, einen Lärm darüber anzuschlagen wie eine fallende Fichte. Zeige mir den Mann, der es tun kann!«

»Nun, Billy Kirby«, versetzte Lederstrumpf, »man trete nur aus dem Weg, und ich will Euch einen Mann zeigen, der vordem schon bessere Schüsse getan hat, und das zu einer Zeit, als er von den Indianern und wilden Bestien gleich bedrängt wurde.«

»Vielleicht ist jemand da, der ein Vorrecht vor uns hat, Lederstrumpf«, sagte Miss Temple. »Wenn dies der Fall ist, so wollen wir zurückstehen.«

»Wenn Sie das in Beziehung auf mich sagen«, entgegnete der junge Jäger, »so muß ich erklären, daß ich zu keinem weiteren Versuch geneigt bin. Mein Arm ist noch zu schwach, wie ich finde.«

Elisabeth hatte ihn aufmerksam betrachtet, und es war ihr, als habe ein Rot seine Wangen überflogen, das in dem Bewußtsein seiner Armut begründet sein mochte. Sie schwieg daher und hatte nichts dagegen, daß ihr eigener Kämpe sich für den Versuch vorbereitete. Obgleich Natty Bumppo gewiß hundertmal weit wichtigere Schüsse auf seine Feinde oder auf sein Wild getan hatte, so bot er doch nie so sehr alle seine Kraft auf. Er erhob sein Gewehr zu verschiedenen Malen – einmal, um sein Ziel zu nehmen, das zweitemal, um die Entfernung zu berechnen, und wieder einmal, da der Vogel, beunruhigt durch die totenähnliche Stille, seinen Kopf rasch umwandte, um nach seinen Feinden zu sehen. Aber das viertemal drückte er ab.

Der Rauch, der Knall und der Eindruck des Augenblicks verhinderten die Zuschauer, das Ergebnis sogleich gewahr zu werden; aber für Elisabeth blieb es kein Geheimnis, als sie ihren Ritter den Schaft seiner Büchse in den Schnee stoßen und seinen Mund sich zu dem bekannten stummen Lachen verziehen sah, worauf er ganz kaltblütig sein Gewehr aufs neue zu laden begann. Die Knaben eilten nach dem Baumstumpf und hoben den leblosen Truthahn in die Höhe, dessen Kopf nur noch an einem Lappen hing.

»Bringt das Tier her und legt es der Dame zu Füßen«, rief Lederstrumpf. »Ich habe in ihrem Namen geschossen, und der Vogel ist ihr Eigentum.«

»Nun, Ihr habt Euch als ein guter Sachwalter bewährt«, sagte Elisabeth, »so gut, Vetter Richard, daß ich dir raten möchte, seiner Fähigkeit eingedenk zu sein.«

Sie hielt einen Augenblick inne, und die Heiterkeit, welche aus ihrem Gesichte strahlte, machte einem feierlichen Ernst Platz. Sie errötete sogar ein wenig, als sie sich an den jungen Jäger wandte und mit dem Zauber weiblicher Anmut begann:

»Ich habe mein Glück nur versucht, um Zeuge von Lederstrumpfs Geschicklichkeit zu sein. Wollt Ihr den Vogel als einen kleinen Ersatz dafür annehmen, daß die erhaltene Beschädigung Euch hinderte, den Preis selber zu gewinnen?«

Den Ausdruck, womit der Jüngling dieses Geschenk annahm, wagen wir nicht zu beschreiben. Er schien sich dieser freundlichen Begegnung zu fügen, ungeachtet eines starken innern Dranges, das Gegenteil zu tun. Er verbeugte sich und nahm das Opfer schweigend von ihren Füßen auf.

Elisabeth reichte dem Schwarzen ein Silberstück als Entschädigung für seinen Verlust, was abermals seine Wirkung auf das Muskelspiel des Negers nicht verfehlte, und erklärte sodann ihrem Begleiter, daß sie nach Hause zu gehen wünsche.

»Warte noch ein Weilchen, Bäschen«, rief Richard. »Es walten in den Regeln bei dieser Belustigung Unsicherheiten ob, die ich füglicherweise beseitigen muß. Wenn ihr morgen ein Komitee an mich absenden wollt, meine Herren, so werde ich eine Schießordnung niederschreiben – –«

Er hielt etwas unwillig inne; denn in diesem Augenblick wurde eine Hand vertraulich auf die Schulter des Obersheriffs von – – gelegt.

»Fröhliche Weihnachten, Vetter Dick«, sagte Richter Temple, der sich unbemerkt der Gesellschaft genähert hatte. »Ich muß ein wachsames Auge auf meine Tochter haben, wenn sich bei dir solche galanten Anfälle öfters wiederholen sollten. Ich bewundere deinen Geschmack, daß du eine Dame zu solchen Auftritten führen kannst.«

»Ihr Eigensinn ist schuld daran, Duke«, rief der enttäuschte Sheriff, der das Abgewinnen der ersten Begrüßung ebenso schmerzlich empfand wie mancher Mann ein viel größeres Unglück, »aber ich muß sagen, daß sie auf die unverfänglichste Weise von der Welt dazu gekommen ist. Ich ging mit ihr, um ihr die Verbesserungen zu zeigen, und wie sie den ersten Knall der Feuerwaffen hörte, ging es weiter durch den Schnee, als ob sie in einem Lager und nicht in einer Klosterschule ersten Ranges erzogen worden wäre. Ich denke, Richter Temple, solche gefährlichen Belustigungen sollten durch ein Gesetz verboten werden. Ja, ich weiß nicht, ob sie's nicht vielleicht schon sind.«

»Nun, es ziemt dir als Sheriff des Bezirks, die Sache zu untersuchen«, entgegnete Marmaduke lächelnd. »Ich sehe, daß Beß sich ihres Auftrags entledigt hat, und will hoffen, daß er eine gütige Aufnahme fand.«

Richard ließ einen Blick auf das Paket fallen, das er in der Hand hatte, und der Unmut über die fehlgeschlagene erste Gratulation verschwand augenblicklich.

»Ah, Duke, lieber Vetter!« sagte er; »komm ein wenig beiseite, ich habe dir etwas zu sagen.«

Marmaduke willfahrte, und der Sheriff führte ihn nach einem etwas abgelegenen Gebüsch und fuhr fort:

»Erstlich, Duke, muß ich dir meinen Dank abstatten für deine freundliche Empfehlung bei dem Gouverneur, da ohne eine solche, wie ich wohl weiß, selbst das hervorstechendste Verdienst nur wenig fruchtet. Aber wir sind Geschwisterkinder – wir sind Geschwisterkinder, und du magst mich verwenden wie eines deiner Pferde – zum Reiten oder Fahren; ich bin ganz der deine. Auf diesen jungen Gefährten Lederstrumpfs muß man jedoch meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ein wachsames Auge haben. Er hegt eine sehr gefährliche Vorliebe für Truthühner.«

»Überlaß ihn meiner Behandlung, Dick«, sagte der Richter, »er soll so viel davon haben, daß ihm der Appetit danach vergeht. Ich habe ein Wort mit ihm zu reden. Laß uns zurückgehen zu den Schützen.«

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