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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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XVI

 

Wache (beiseite). Verrat, ihr Herren, –
Doch bleibt beisammen.

Viel Lärm um nichts

 

Es war ein Glück für mehr als einen der Zechgenossen, welche in der letzten Nacht den ›Kühnen Dragoner‹ verlassen hatten, daß die strenge Kälte der Jahreszeit rasch an Gefährlichkeit verlor, während sie durch die verschiedenen Irrgewinde der Schneehaufen ihren Weg nach dem heimischen Herd suchten. Dünne Wolken begannen gegen Morgen den Himmel zu überziehen, und der Mond versteckte sich hinter einer Dunstmasse, die unter dem Einfluß einer milderen, vom fernen Ozean herwehenden Luft rasch gen Norden getrieben wurde. Die aufgehende Sonne wurde durch dichte, sich stets mehrende Wolkenmassen verdunkelt, während der Südwind, der talaufwärts fegte, die untrüglichen Zeichen des Tauwetters mit sich führte.

Erst spät am Morgen, als Elisabeth die schwache Glut gewahrte, welche, nachdem das Licht der Sonne bereits das entgegengesetzte Gebirge berührt hatte, über den östlichen Bergen zum Vorschein kam, wagte es die Tochter des Richters, das Haus zu verlassen, um durch eine Musterung seiner Umgebung ihre Neugierde zu befriedigen, ehe noch die Nachtschwärmer des Weihnachtsabends beim Frühstück erschienen. Sie zog die Falten ihres Pelzmantels dichter zusammen, um sich gegen die Kälte, die trotz ihrer schnellen Abnahme immer noch streng genug war, zu schirmen, und war eben im Begriff, durch die Tür einer Einzäunung zu treten, welche hinter dem Hause zu einem kleinen Dickicht von niederen Fichten führte, wo vor nicht gar langer Zeit Bäume von weit gewaltigerem Wuchs gestanden hatten, als sie durch Herrn Jones' Stimme überrascht wurde.

»Frohe Weihnachten! frohe Weihnachten, Bäschen Elisabeth!« schrie er. »Aha, ich sehe, du bist früh auf den Beinen; aber ich wußte es ja, daß ich dir zuvorkommen würde. Ich war noch nie in einem Hause, wo ich nicht der ganzen Bewohnerschaft, Mann, Weib oder Kind, groß oder klein, schwarz, weiß oder gelb, den ersten Christfestgruß abgewann. Aber warte einen Augenblick, bis ich in meinen Rock geschlüpft bin. Ich sehe, du willst dir die Verschönerungen betrachten, und die kann dir niemand so gut erklären wie ich, da alles nach meinem Plan angelegt worden ist. Es wird wohl noch eine Stunde dauern, bis Duke und der Major Frau Hollisters verwünschte Destillate hinausgeschlafen haben; so will ich denn hinunterkommen und dich begleiten.«

Elisabeth wandte sich um und sah den Kopf ihres Vetters in der Nachtmütze unter dem Fenster seines Schlafgemaches; denn der Eifer, sich die Ehre der ersten Begrüßung zuzueignen, hatte Herrn Jones die Kälte ganz vergessen lassen. Sie lachte und trat mit dem Versprechen, auf ihn zu warten, wieder in das Haus. Nach einer Weile kam sie mit einem Paket in der Hand, das mit mehreren großen Siegeln versehen war, wieder zum Vorschein, und zwar gerade zur rechten Zeit, um mit ihrem Vetter zusammenzutreffen.

»Komm, Beß, komm«, rief er, indem er einen ihrer Arme durch den seinen zog, »der Schnee fängt an weich zu werden, aber uns wird er schon noch tragen. Riechst du nicht das alte Pennsylvanien in diesem Winde? Wir haben hier ein schlimmes Klima, Mädchen. Gestern abend bei Sonnenuntergang war es kalt genug, um den Eifer eines Mannes zum Gefrieren zu bringen, und das ist für mich soviel, wie wenn das Thermometer auf Null steht; um neun oder zehn Uhr begann die Kälte zu brechen; um Mittemacht wurde es ganz mild, und die ganze übrige Nacht durch war es mir so heiß, daß ich die Wolldecke meines Bettes wegwerfen mußte. – Holla, Aggy! frohe Weihnachten, Aggy! – Hörst du, was ich sage, du schwarzer Schlingel? Da ist ein Dollar für dich: und wenn die Herren aufstehen, ehe ich zurückkehre, so kommst du heraus und läßt es mich wissen. So lieb dir dein Kopf ist, sorge dafür, daß mir Duke nicht zuvorkommt.«

Der Schwarze nahm das Geld vom Schnee auf, versprach gehörige Wachsamkeit, warf sodann den Dollar wohl zwanzig Fuß in die Höhe, fing ihn im Herabfallen mit der Handfläche wieder auf und verfügte sich nach der Küche, um mit ebenso leichtem Herzen wie glücklichem Gesicht sein Geschenk vorzuzeigen.

»Nicht so laut, lieber Vetter«, sagte die junge Dame: »Ich habe bereits nach dem Vater gesehen, der wohl noch eine Stunde schlafen wird; du brauchst daher nur die gehörige Vorsicht anzuwenden, um alle Ehren des Tages für dich zu retten.«

»Wohl! Duke ist dein Vater, Elisabeth, aber ich muß doch sagen, daß er überall, sogar in Kleinigkeiten, der Vorderste sein will. Was mich anbelangt, so mache ich mir nichts aus derlei Dingen, wenn es nicht gerade gilt, einem den Vorrang abzulaufen. Etwas an und für sich Unbedeutendes kann auf dem Weg der Konkurrenz zu etwas Wichtigem werden. So ist es mit deinem Vater, – er hat' s gern, der Erste zu sein; aber da stehe dann ich als Mitbewerber an seiner Seite.«

»Das leuchtet mir wohl ein, Vetter«, versetzte Elisabeth. »Du würdest dir nichts aus der Auszeichnung machen, wenn du allein auf der Welt ständest; da es aber zufälligerweise noch gar viele andere gibt, – nun, so mußt du mit ihnen allen kämpfen – auf dem Weg der Konkurrenz.«

»Ganz richtig, ich sehe, du bist ein gescheites Mädchen, Beß, das seiner Erziehung Ehre macht. Du hast's übrigens nur mir zu danken, daß du in jene Anstalt geschickt wurdest; denn als dein Vater die Sache zur Sprache brachte, fragte ich einen umsichtigen Freund in der Stadt brieflich um Rat, welcher gerade die Schule empfahl, in welche du gebracht wurdest. Duke war, wie gewöhnlich, anfangs etwas störrisch; aber als ich ihm reinen Wein einschenkte, sah er sich endlich doch genötigt, dich hinzusenden.«

»Still, still, von Dukes Schwächen. Er ist mein Vater, und wenn du wüßtest, was er für dich getan hat, während wir in Albany waren, so würdest du dich glimpflicher über seinen Charakter ausdrücken.«

»Für mich?« rief Richard, indem er einen Augenblick seinen Spaziergang unterbrach, um nachzudenken. »Ah, ich vermute, er hat mir den Plan des neuen holländischen Bethauses mitgebracht? Aber daraus mache ich mir wenig: denn ein Mann, der Talent besitzt, läßt sich nicht gerne durch die Ansichten anderer leiten; sein eigenes Gehirn ist der beste Baukünstler.«

»Nichts der Art«, fuhr Elisabeth mit einer schalkhaft herausfordernden Miene fort.

»Nicht? Nun, so laß mich sehen, – vielleicht hat er mich zum Direktor für die neue Straßenbaukommission vorgeschlagen?«

»Möglich, aber ich meine keine solche Anstellung.«

»Keine solche Anstellung?« wiederholte Herr Jones, den die Neugierde gewaltig zu stacheln begann. »Also doch eine Anstellung! Wenn's aber eine beim Militär ist, so will ich nichts davon wissen.«

»Nein, nein, sie ist nicht beim Militär«, rief Elisabeth, indem sie ihm das Paket in ihrer Hand zeigte und es dann schnell mit neckender Miene zurückzog. »Es handelt sich dabei um ein Amt, das Ehre und Einkommen miteinander vereinigt.«

»Ehre und Einkommen?« erwiderte Richard in der peinlichsten Spannung. »Sage mir Mädchen, ist es ein Amt, wo es etwas zu tun gibt?«

»Du hast's getroffen, Vetter Dick; es ist die vollziehende Gewalt des Bezirks, – wenigstens sagte mein Vater so, als er mir dieses Paket einhändigte, um es dir als Christgeschenk zu überreichen. – ›Gewiß‹, sagte er, ›wenn etwas Dick zusagen wird, so ist es die Leitung der vollziehenden Gewalt in diesem Bezirk.‹«

»Leitung der vollziehenden Gewalt? Pah, Unsinn!« rief der ungeduldige Aspirant, indem er ihr das Paket aus der Hand riß. »Es gibt kein solches Amt in dem Bezirk. Ei, ei! was? – ich glaube gar, eine Bestallung – ›Richard Jones Esquire ernannt zum Sheriff des Bezirks.‹ Nun das ist gewiß sehr freundlich von Duke. Ich muß sagen, Duke hat ein warmes Herz und vergißt seine Freunde nie. Sheriff, Obersheriff von – –! Es klingt gut, aber das Amt soll auch gut versehen werden. Duke ist im Grunde doch ein verständiger Mann und kennt seine Leute durch und durch. Ich bin ihm sehr verbunden«, fuhr Richard fort, indem er unwillkürlich mit seinem Rockärmel nach den Augen fuhr, »ich würde aber auch jeden Tag ebensoviel für ihn tun, wie er sehen soll, wenn es einmal Gelegenheit gibt, die Pflichten meines Amtes an ihm zu üben. Das soll eine Verwaltung geben, Bäschen Elisabeth, ich sage weiter nichts, als – das soll eine Verwaltung geben! – Wie einem aber doch dieser verwünschte Südwind die Augen naß macht!«

»Nun, ich denke, Richard«, entgegnete das lachende Mädchen, »daß du da wohl etwas zu tun finden wirst. Ich habe dich früher oft klagen hören, daß es in diesem neuen Landstrich keine Geschäfte gäbe, während es doch meinen Augen dünkt, als sei noch fast gar nichts geschehen.«

»Nichts geschehen?« wiederholte Richard, indem er die Nase aufblies und sich mit ernster Miene in die Brust warf. »Alles hängt von einer gewissen systematischen Behandlung ab, Mädchen. Ich will mich gleich diesen Nachmittag hinsetzen und den Bezirk in ein System bringen. Selbstverständlich muß ich dabei Gehilfen haben. Ich teile den Bezirk in Ämter, denen ich meine Gehilfen vorsetze, – natürlich auch einen für das Dorf, welches ich das Bezirksamt nennen will. Laß sehen: – Benjamin? Ja, Benjamin wird einen guten Gehilfen abgeben. Er ist naturalisiert und würde herrlich dazu passen, wenn er nur reiten könnte.«

»Ja, Herr Sheriff«, entgegnete Miss Temple, »und da er mit den Stricken umzugehen weiß, so wären seine Dienste im Notfall auch auf eine andere Weise zu gebrauchen.«

»Nicht so«, unterbrach sie der neugeschaffene Beamte, »ich schmeichle mir, daß sich niemand besser darauf versteht, wie man einen Menschen hängen muß, als – das heißt – ja – o ja! Benjamin würde ausgezeichnet zu einem so unglückseligen Dienst passen, wenn er zu dem Versuch gebracht werden könnte. Aber in dieser Hinsicht gebe ich die Hoffnung bei ihm auf. Ich werde ihn ebensowenig dazu bringen können, einen zu hängen, wie den Rücken eines Pferdes zu besteigen. Ich muß mir einen anderen Gehilfen suchen.«

»Wohl, Sir, aber da nun Euer Gnaden hinreichend Muße haben, alle diese wichtigen Angelegenheiten ein andermal zu erwägen, so bitte ich dieselben zu bedenken, daß Sie Obersheriff sind und daher auch etwas von Ihrer Zeit der Galanterie widmen müssen. Wo sind die Verbesserungen und Verschönerungen, welche mir gezeigt werden sollten?«

»Wo? Ei, überall! Ich habe den Plan zu einigen neuen Straßen entworfen, und wenn sie ausgeführt, die Bäume gefällt und zu beiden Seiten Häuser erbaut sind, – wird es dann nicht eine ganz schöne Stadt geben? Nun, Duke ist, trotz all seines Eigensinns, eine grundgute Seele. – Ja, ja, ich muß wenigstens vier Gehilfen haben, den Kerkermeister nicht mitgerechnet.«

»Ich sehe in der Richtung unseres Spaziergangs keine Straßen«, sagte Elisabeth, »wenn du nicht die kurzen Wege durch dieses Fichtengebüsch so nennen willst. Es kann dir unmöglich ernst sein, so bald schon in dem vor uns liegenden Wald und in diesen Sümpfen Häuser aufführen zu lassen?«

»Unsere Straßen müssen nach allen Himmelsgegenden laufen, Bäschen; denn was kümmern uns Bäume, Berge, Sümpfe, wenn wir das Beste der Nachkommenschaft im Auge haben? Dein Vater will es so, und du weißt, daß dein Vater – –«

»Dich zum Sheriff gemacht hat, Meister Jones«, fiel die Dame mit einem Ton ein, der dem neugebackenen Würdenträger deutlich zu verstehen gab, er berühre hier einen verbotenen Gegenstand.

»Ich weiß es, ich weiß es«, erwiderte Richard, »und wenn es in meiner Macht stände, so würde ich Duke zu einem König machen. Er hat ein gutes Herz im Leibe und würde einen herrlichen König abgeben, – das heißt, wenn er einen guten Premierminister hätte. – Aber was gibt es da? Stimmen im Gebüsch! Ich will mein Amt verlieren, wenn nicht Unheil im Werk ist. Laß uns näher gehen und die Sache ein wenig untersuchen!«

Während dieses Gesprächs hatte sich Richard mit seinem Bäschen ziemlich weit vom Hause entfernt, und sie waren eben auf einen freien Platz hinter dem Dorf getreten, der das Terrain für die besprochenen Straßen und die künftigen Wohnungen abgeben sollte. Tatsächlich aber bestand das einzige sichtbare Merkmal einer Verbesserung in einer längs dem Saum eines finsteren Fichtenwaldes nachlässig ausgeführten Lichtung, auf welcher der Nachwuchs der gleichen Baumart bereits wieder zu einer solchen Höhe aufgeschossen war, daß das Schneefeld durch kleine immergrüne Büsche unterbrochen wurde. Das Rauschen des Windes, der durch die Gipfel der riesigen Bäume pfiff, verhinderte, daß die Fußtritte der beiden gehört wurden, während die Zweige ihre Gestalten verbargen. So geschützt, näherten sie sich einer Stelle, wo der junge Jäger, Lederstrumpf und der Indianerhäuptling in ernstem Gespräch begriffen waren. Der erstere sprach mit vielem Feuer und schien sein Thema sehr wichtig zu nehmen, während Natty mit mehr als gewöhnlicher Aufmerksamkeit auf seine Worte horchte. Mohegan stand ein wenig seitwärts; sein Kopf war auf die Brust gesunken, und das Haar fiel nach vorn, so daß es seine Züge fast ganz verbarg; seine Haltung drückte tiefe Niedergeschlagenheit, wo nicht Scham aus.

»Laß uns gehen«, flüsterte Elisabeth. »Wir sind hier überflüssig und haben kein Recht, die Geheimnisse dieser Leute zu belauschen.«

»Kein Recht?« erwiderte Richard in dem gleichen Tone, aber etwas ungeduldig, indem er ihren Arm fester faßte, um ihr Zurücktreten zu verhindern. »Du vergißt, Bäschen, daß es meine Pflicht ist, den Frieden des Bezirks zu wahren und Sorge zu tragen, daß die Gesetze befolgt werden. Diese Landstreicher lassen sich häufig Übertretungen zuschulden kommen, obgleich ich nicht glaube, daß John heimlich irgend etwas anstellt. Der arme Bursche! Er war gestern nacht schwer betrunken und scheint auch jetzt noch nicht ganz nüchtern zu sein. Laß uns näher treten und hören, was sie sprechen!«

Ungeachtet des Widerstrebens der Dame setzte Richard, ohne Zweifel von seinem Amtseifer gespornt, seinen Willen durch; beide waren bald so nahe, daß sie deutlich die Worte vernehmen konnten.

»Wir müssen so oder so den Vogel kriegen«, sagte Natty. »Ich habe Zeiten gesehen, Junge, wo die wilden Truthühner nicht gar so selten waren hierzulande, und jetzt muß man fast bis in die virginischen Gründe gehen, wenn man einen haben will. Um einen feilen Truthahn ist es doch etwas ganz anderes als um ein Rebhuhn, obgleich ich für mein Teil einen Biberschwanz und einen Bärenschinken allem anderen vorziehe. Doch der Geschmack ist verschieden. Ich habe diesen Morgen meinen letzten Heller bis auf diesen Schilling dem französischen Krämer für Pulver bezahlt, und da ihr selbst nichts habt, so können wir nur einen einzigen Schuß dransetzen. Ich weiß, Billy Kirby ist gleichfalls auf dem Platz und meint, der Truthahn könne ihm nicht entgehen. John hat ein sicheres Auge für einen einzigen Schuß, und wenn mir etwas Ungewöhnliches vorkommt, so zittert meine Hand zuweilen, wodurch ich mein Ziel verliere. Zwar als ich im letzten Herbst die Bärin geschossen hatte, wurde ich auch noch mit ihren Jungen, so wütend sie waren, fertig und traf aus meinem Versteck in den Bäumen heraus eines nach dem andern; aber das ist etwas ganz anderes, Herr Oliver.«

»Dies«, rief der junge Mann mit einem Nachdruck aus, der wie bitterer Spott über seine Armut klang, während er einen Schilling vor seine Augen hielt, – »dies ist der einzige Schatz, den ich besitze, – dies und meine Flinte! Jetzt bin ich in der Tat ganz ein Mann der Wälder geworden und muß mich hinsichtlich meines Unterhalts ausschließlich auf die Jagd beschränken. Kommt, Natty, wir wollen den letzten Penny an den Vogel setzen; mit Eurer Hand kann der Erfolg nicht fehlschlagen.«

»Es wäre mir lieber, wenn es John täte, Junge. Ich traue mir nicht; denn weil Ihr die Sache gar so wichtig nehmt, so bin ich überzeugt, daß ich den Vogel verfehle. Den Indianern gilt eine Zeit wie die andere, sie lassen sich durch nichts beunruhigen. Ich sage, John, da ist ein Schilling; nimm meine Büchse und schieße nach dem fetten Truthahn, den sie an dem Baumstamm festgebunden haben. Herr Oliver möchte das Tier gerne haben, und ich bin überzeugt, daß ich nichts zu leisten vermag, wenn ich allzu hastig bin.«

Der Indianer wandte düster sein Haupt um, und nachdem er seine Gefährten eine Weile in tiefem Schweigen betrachtet hatte, erwiderte er:

»Als John jung war, flog seine Kugel so gerade wie der Strahl seines Auges. Die Mingoweiber schrien beim Knall seiner Büchse. Die Mingokrieger mußten zu Weibern werden. Wann schoß er je zweimal? Der Adler flog über den Wolken, wenn er sich Chingachgooks Wigwam näherte, – seine Federn wurden der Schmuck der Weiber. – Aber seht«, fuhr er fort, indem er den tieferen wehmütigen Ton seiner Stimme bis zu der höchsten Höhe der Aufregung steigerte und seine beiden Hände faltete, »sie zittern wie ein Hirsch beim Geheul des Wolfes. Ist John alt? Wann war ein Mohikaner mit siebzig Wintern ein Weib? Nein, der weiße Mann macht ihn altern, – Rum ist sein Tomahawk.«

»Warum aber sprichst du ihm zu, alter Mann?« rief der junge Jäger. »Warum läßt sich ein Mann von so edlem Wesen durch den Teufel so sehr bestricken, daß er sich selbst zum Tier macht?«

»Tier? Ist John ein Tier?« versetzte der Indianer langsam. »Ja, du sagst keine Lüge, Kind des Feueressers: John ist ein Tier. Ehedem stieg nur wenig Rauch in diesen Bergen auf. Der Hirsch leckte die Hand des weißen Mannes, und die Vögel ließen sich auf seinem Haupte nieder. Sie kannten ihn nicht. Meine Väter kamen von den Ufern des Salzsees. Sie flohen vor dem Rum. Sie gingen zu ihrem Großvater und lebten dort in Frieden; oder wenn sie die Streitaxt erhoben, so geschah es, um einem Mingo den Schädel einzuschlagen. Sie sammelten sich um das Beratungsfeuer, und was sie sagten, geschah. Damals war John ein Mann. Aber Krieger und Handelsleute mit hellen Augen folgten ihnen. Der eine brachte das lange Messer und der andere Rum. Es waren ihrer mehr als Fichten auf den Bergen, und sie löschten das Beratungsfeuer aus und nahmen das Land in Besitz. Der böse Geist stak in ihren Krügen, und sie ließen ihn los. Ja – ja, du sagst keine Lüge, junger Adler: John ist ein christliches Tier.«

»Vergib mir, alter Krieger«, rief der Jüngling, seine Hand ergreifend, »ich sollte der letzte sein, der dir Vorwürfe macht. Der Fluch des Himmels treffe die Habsucht, die ein so edles Geschlecht zerstört hat! Vergiß nicht, John, daß ich deiner Familie angehöre und dies mein größter Stolz ist.«

Die Züge Mohegans wurden sanfter, und er fuhr mit mehr Milde fort:

»Du bist ein Delaware, mein Sohn, deine Worte sind nicht gehört worden. – John kann nicht schießen.«

»Ich dachte mir's wohl, daß in den Adern des Burschen Indianerblut fließt«, flüsterte Richard, »als ich gestern abend sah, wie ungeschickt er mit meinen Pferden umging. Das kommt daher, Bäschen, weil sie sich nie eines Geschirrs bedienen. Aber der arme Schlucker soll zwei Schüsse auf den Truthahn haben, wenn's nötig ist. Ich will ihm den andern Schilling aus meiner Tasche zahlen, obgleich es vielleicht besser wäre, wenn ich selber für ihn schösse. Es scheint, die Weihnachtsbelustigungen haben schon ihren Anfang genommen, was ich aus dem Gelächter in den Büschen dort vermute. Es nimmt mich übrigens wunder, daß der Junge so auf den Truthahn versessen ist, obgleich ich einen solchen Braten auch nicht verschmähe.«

»Halt, Vetter Richard!« rief Elisabeth, ihn am Arm fassend. »Ist es nicht unzart, diesem Gentleman einen Schilling anzubieten?«

»Schon wieder Gentleman? Meinst du, eine solche Bastardzucht würde einen Schilling ausschlagen? Nein, nein, Mädchen, er wird den Schilling nehmen und auch den Rum dazu, obschon er so viel darüber moralisiert. – Aber ich will es dem Jungen möglich machen, den Truthahn zu gewinnen; denn Billy Kirby ist einer der besten Schützen in der Gegend, das heißt mit Ausnahme des Gentlemans.«

»Wohlan denn«, sagte Elisabeth, deren Willenskraft über ihre natürliche Schüchternheit den Sieg davontrug, »so laß mich sprechen.«

Sie ging mit entschlossener Miene vor ihrem Vetter her und trat in den kleinen Kreis von Gebüschen, welcher die drei Jäger umgab. Ihre Erscheinung machte den Jüngling betroffen, so daß er sich anfangs zurückziehen wollte; dann aber verbeugte er sich gefaßt, entblößte sein Haupt und stützte sich wieder auf seine Büchse. Weder Natty noch Mohegan verrieten irgendeine Überraschung, obgleich Elisabeths Auftreten höchst unerwartet war.

»Ich finde«, begann sie, »daß die alte Christfestbelustigung des Truthahnschießens bei euch noch im Schwange ist, und möchte wohl auch mein Glück an dem Vogel versuchen. Wer von euch will dies Geld nehmen und nach Bezahlung der Einlage mir seine Büchse leihen?«

»Ist dies auch eine Belustigung für eine Dame?« rief der junge Jäger mit einem Nachdruck, der nicht wohl mißverstanden werden konnte, und einer Schnelligkeit, die zeigte, daß er nur sein Gefühl zu Rate gezogen.

»Warum nicht, Sir? Wenn sie unmenschlich ist, so fällt die Schuld nur auf Euer Geschlecht. Aber ich habe so gut wie andere meine Launen. Euren Beistand begehre ich nicht, wohl aber den dieses Veteranen der Wälder«, sie wandte sich dabei an Natty und ließ einen Dollar in seine Hand fallen, »der nicht so ungalant sein wird, einer Dame einen Schuß aus seiner Büchse zu verweigern.«

Lederstrumpf ließ das Geld in seinen Schrotbeutel fallen, erhob seine Büchse, schüttete Zündkraut auf, und warf dann das Gewehr über seine Schulter, worauf er mit seinem gewöhnlichen Lachen erwiderte:

»Wenn nicht Billy Kirby den Vogel vor mir gewinnt und des Franzmanns Pulver an diesem feuchten Morgen nicht versagt, so sollen Sie diesen Morgen einen so schönen Truthahn tot sehen, wie nur je einer an des Richters Tafel verspeist wurde. An dem Mohawk und Schoharie nehmen die holländischen Frauen oft an solchen Vergnügungen teil, und Ihr hättet nicht so kurz angebunden sein sollen gegen die Dame, Junge: kommt, laßt uns gehen; denn wenn wir noch lange warten, so ist der schönste Vogel zum Henker.«

»Aber ich habe den Vorrang vor Euch, Natty, und will zuerst mein eigenes Glück versuchen. Entschuldigen Sie, Miss Temple, ich habe einen wichtigen Grund, mir diesen Vogel zu wünschen, und mag deshalb wohl ungalant erscheinen; aber ich muß auf mein Recht Anspruch machen.«

»Ihr mögt handeln, wie es Euch gut dünkt, Sir«, erwiderte die Dame, »wir sind beide Glücksjäger, und dieser hier ist mein Ritter. Seiner Hand und seinem Auge vertraue ich den Erfolg an. Geht voran, Sir Lederstrumpf, wir werden folgen.«

Natty, der an der freimütigen Rede der jungen und schönen Elisabeth, welche ihn mit einem so seltsamen Auftrag beehrt hatte, Gefallen zu finden schien, erwiderte das heitere Lächeln der Dame mit dem ihm eigentümlichen Ausdruck von Heiterkeit und bewegte sich mit langen Jägerschritten über den Schnee hin auf die Stelle zu, von welcher der Lärm der Lustbarkeit ausging. Seine Begleiter folgten ihm schweigend, und der Jüngling warf wiederholt unruhige Blicke auf Elisabeth, die nur durch einen Wink Richards zurückgehalten wurde.

»Mich deucht, Bäschen«, sagte der letztere, sobald die übrigen weit genug weg waren, um ihn nicht mehr hören zu können, »du hättest, wenn du wirklich einen Truthahn wünschtest, nicht einen Fremden und dazu einen Menschen wie Lederstrumpf dir auswählen sollen. Ich kann übrigens kaum glauben, daß es dir ernst ist; denn ich habe gegenwärtig deren fünfzig in jedem Stadium der Mast auf dem Hühnerhof, und du kannst dir daher jeden, der dir ansteht, aussuchen. An sechsen habe ich einen Versuch gemacht, wie ihnen das Backsteinbrot mit – –«

»Genug, Vetter Dick«, unterbrach ihn die Dame. »Ich wünsche diesen Vogel, und aus diesem Grunde habe ich gerade Meister Lederstrumpf damit beauftragt.«

»Hast du je von dem trefflichen Schuß gehört, womit ich den Wolf traf, der ein Schaf deines Vaters entführte, Base Elisabeth?« fragte Richard, indem er sich anmutig in die Brust warf. »Er hatte das Schaf auf dem Rücken und den Kopf auf die andere Seite gedreht, sonst würde ich ihn sicher getötet haben; so aber – –«

»Hast du das Schaf erschossen – ich weiß das alles, lieber Vetter. Aber würde es sich auch für den Obersheriff von – – schicken, an solchen Belustigungen teilzunehmen?«

»Sicher traust du mir nicht zu, daß ich die Absicht habe, eigenhändig zu schießen«, sagte Herr Jones. – »Doch laß uns nachfolgen und das Schießen mitansehen. Ein Frauenzimmer hat in diesem neuen Lande nichts zu befürchten, zumal die Tochter deines Vaters, wenn ich ihr zur Seite stehe.«

»Meines Vaters Tochter fürchtet nichts, zumal wenn sie von dem Vorstand der vollziehenden Gewalt in der Grafschaft begleitet wird.«

Sie nahm sofort seinen Arm, und er führte sie durch das Labyrinth von Büschen zu der Stelle, wo sich die meisten jungen Männer des Dorfes zu einem Weihnachtswettschießen versammelt hatten, und wohin Natty mit seinen Gefährten bereits vor ihnen gegangen war.

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