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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XIV

 

Der Schoppen, die Halbe, die Maß,
Der Humpen, der Stiefel, das Glas
Und die braune Bowle –
Laßt Lieder, ihr Jungen, erschallen –
Ein Vivat der Gerste vor allen!

Trinklied

 

Durch das Eintreten der neuen Gäste wurde eine kleine Verwirrung veranlaßt, während welcher der Rechtsgelehrte sich unsichtbar gemacht hatte. Die meisten der Männer näherten sich Marmaduke, schüttelten seine dargebotene Hand und drückten ihre Freude aus, »daß der Richter wohl sei«. Major Hartmann, der inzwischen Hut und Perücke beiseite gelegt und dafür eine warme wollene Zipfelkappe aufgesetzt hatte, nahm ruhig auf einem Ende des Kanapees Platz, das von dem Doktor und dem Advokaten verlassen worden war, worauf er seinen Tabaksbeutel zum Vorschein brachte, sich vom Wirt eine neue Pfeife reichen ließ und bald in eine dichte Rauchwolke gehüllt dasaß; dann wandte er den Kopf dem Schenkstübchen zu und rief:

»Betty, den Toddy herein!«

Inzwischen hatte der Richter mit den meisten der Anwesenden Begrüßungen gewechselt und nahm nun Platz an der Seite des Majors, während Richard sich's in dem behaglichsten Sitz der Stube bequem machte. Monsieur Le Quoi ließ sich erst zuletzt nieder; denn er wagte es nicht, von seinem Stuhl Besitz zu nehmen, bis er nach unterschiedlichem Hin- und Herrücken desselben die Überzeugung gewonnen hatte, daß er keinem der Anwesenden einen Strahl Wärme entziehe. Mohegan fand ein Winkelchen an dem Ende einer Bank in der unmittelbaren Nähe des Schenkverschlags, und als die Ruhe wiederhergestellt war, bemerkte der Richter scherzend:

»Nun, Betty, ich finde, daß Ihr Eure Popularität bei jedem Wetter, gegen alle Nebenbuhler und unter allen Sekten zu behaupten wißt. – Wie hat Euch die Predigt gefallen?«

»Die Predigt?« rief die Wirtin. »Nun, ich kann nicht anders sagen, als daß sie ganz räsonabel war; aber die Gebete wollten mir gar nicht einleuchten. Es ist keine Kleinigkeit für eine neunundfünfzigjährige Person, sich in der Kirche so viel bewegen zu müssen. Herr Grant scheint übrigens ein gottesfürchtiger Mann zu sein, und sein Mädchen ist eine fromme und andächtige Dirn. – Da, John, ist ein Krug Zider, mit Whisky versetzt. Ein Indianer kann Zider trinken, wenn es ihn auch nicht dürstet.«

»Ich muß sagen«, bemerkte Hiram nach gehöriger Überlegung, »daß die Predigt nicht übel war, und ich vermute fast, daß sie mit beträchtlichem Beifall aufgenommen wurde. Nur hätte er manches weglassen und dafür etwas anderes einschalten können. Da es aber eine geschriebene Rede war, so ließ sich wahrscheinlich nicht so leicht etwas ändern, als wenn ein Geistlicher aus dem Herzen predigt.«

»Ja, das ist's eben, Richter«, rief die Wirtin. »Wie kann ein Mann aufstehen und predigen, wenn alles, was er sagen will, niedergeschrieben ist und er sich daran binden muß wie ein Dragoner an seinen Tagesbefehl?«

»Schon gut, schon gut«, rief Marmaduke, mit der Hand zum Stillschweigen winkend, »es ist genug darüber gesprochen worden. Herr Grant sagte ja selbst, es gebe verschiedene Meinungen über derartige Gegenstände, und meiner Ansicht nach hat er eine sehr verständige Rede gehalten. – Ah, Jotham, wie ich höre, habt Ihr Euer Anwesen an einen neuen Ansiedler verkauft und Eure Wohnung im Dorf aufgeschlagen, um eine Schule zu errichten. Habt Ihr die Zahlung in Geld oder in Papier erhalten?«

Der Angeredete saß unmittelbar hinter Marmaduke, und wer des Richters Beobachtungsgabe nicht kannte, hätte wohl auf die Vermutung kommen mögen, daß der Mann sich dessen Aufmerksamkeit habe entziehen wollen. Er war von magerer, unförmiger Gestalt und unzufriedener Miene, und er wirkte höchst unbeholfen. Nach einem vorbereitenden Rücken und Drehen erwiderte er:

»Je nun, zum Teil in klingender Münze, zum Teil in Papier und Naturalien. Der Käufer ist ein Mann aus Pumfret und schon ein bißchen in das Geschäft eingeschossen. Nach unserer Abmachung zahlt er mir zehn Dollar für einen Acker gelichteten Landes und einen Dollar über den Ankaufspreis für den Acker Waldgrund, wobei wir die Baulichkeiten einer gemeinschaftlichen Schätzung unterwarfen. Ich wählte zu diesem Ende den Asa Montagu und er den Absalom Bement, welche sodann den alten Squire Naphtali Green beizogen und die Gebäude zu achtzig Dollar abschätzten. Es waren zwölf Acker ausgeholzten Landes, je zu zehn Dollar und achtundachtzig zu einem Dollar. Das Ganze betrug also zweihundertsechsundachtzig und einen halben Dollar nach Abzug der Schätzungsgebühren.«

»Hm!« sagte Marmaduke. »Was kostete Euch der Platz?«

»Je nun, ich gab außer dem, was dem Richter zufällt, meinem Bruder Tim hundert Dollar dafür; aber jetzt steht ein neues Haus darauf, das mich weitere sechzig kostete, und an Moses zahlte ich hundert Dollar für Ausholzung und Anbau, so daß mich das Ganze ungefähr auf zweihundertundsechzig Dollar zu stehen kommt. Ich habe jedoch eine schöne Ernte in der Scheune liegen, und da ich sechsundzwanzig und einen halben Dollar über meine Unkosten erhielt, so glaube ich, einen sehr guten Handel gemacht zu haben.«

»Ja, aber Ihr vergeßt, daß die Ernte auch ohne den Handel Euch gehörte, und daß Ihr für sechsundzwanzig Dollar nunmehr obdachlos geworden seid.«

»Was da der Richter wieder nicht weiß«, erwiderte der Mann mit einer schlauen Berechnungsmiene: »ich bin doch mit einem Gespann Rosse und einem neuen Wagen, die unter Brüdern hundertundfünfzig Dollar wert sind, fünfzig Dollar in Geld, einem guten Wechsel für weitere achtzig und einem Seitensattel, der zu sieben und einem halben Dollar angeschlagen war, abgezogen. Er hatte darauf noch zwölf Schillinge herauszubekommen, und da meinte ich, er solle noch die Kuh und die Melktröge nehmen und mir das Pferdegeschirr geben. Das wollte er aber nicht, – und ich durchschaute ihn wohl; denn er dachte, ich müsse ihm doch das Geschirr abkaufen, ehe ich Roß und Wagen brauchen könne. Ich hatte jedoch ein paar andere Auswege im Sinn, und da er das Fahrgerät doch zu nichts brauchen kann, so bot ich ihm Pferd und Wagen wieder zu hundertundfünfundfünfzig Dollar an. Mein Weib sagte, daß sie ein Butterfaß brauche, und so wurden wir für ein Butterfaß vollends einig.«

»Und was gedenkt Ihr diesen Winter mit Eurer Zeit anzufangen? Ihr wißt doch, daß Zeit Geld ist?«

»Ei, der Schulmeister ist ja bei seiner Mutter auf Besuch, die dem Vernehmen nach an der Küste drunten auf den Tod liegt, und ich bin mit ihm eins geworden, die Schule zu übernehmen, bis er wieder zurückkommt. Wenn die Zeiten aufs Frühjahr nicht schlimmer werden, so bin ich willens, einen Kram anzufangen oder vielleicht nach Genessee zu ziehen, wo namentlich mit einem solchen Geschäft etwas zu machen sein soll. Kommt übrigens das Ärgste zum Argen, so kann ich wieder in meiner Profession arbeiten, da ich ein gelernter Schuhmacher bin.«

Es wollte scheinen, als ob Marmaduke den Mann nicht hoch genug anschlage, um ihn zum Bleiben an Ort und Stelle zu bereden; denn er ließ sich nicht weiter mit ihm ein, sondern wendete seine Aufmerksamkeit anderen Anwesenden zu. – Nach einer kurzen Pause wagte es Hiram, eine Frage aufzuwerfen.

»Welche Neuigkeiten bringt der Richter von dem Gesetzgebenden Körper mit? Es scheint nicht, als ob der Kongreß in der jüngsten Sitzung viel getan hätte. Haben vielleicht die Franzosen in der letzten Zeit weitere Schlachten geliefert?«

»Die Franzosen stehen, seit sie ihren König enthauptet haben, ohne Unterlaß im Feuer«, erwiderte der Richter. »Der Charakter der Nation scheint sich ganz umgewandelt zu haben; denn ich habe während unseres Krieges viele Franzosen gekannt, die mir recht menschenfreundlich und gutmütig vorkamen, aber diese Jakobiner sind so blutdürstig wie die Bullenbeißer.«

»Es war in York drunten ein gewisser Roschamboh mit uns«, rief die Wirtin, »ein ganz prächtiger Mann, der einen stattlichen Reiterzug anführte. Damals war's auch, als der Sergeant von den englischen Batterien – Gott verdamm sie – einen Schuß ins Bein bekam.«

»Ah! mon pauvre roi!« flüsterte Monsieur Le Quoi.

»Der Kongreß hat Gesetze erlassen«, fuhr Marmaduke mit Ernst fort, »die das Land sehr nötig hatte. Unter anderem ist es verboten worden, in gewissen Strömen und kleineren Seen anders als zu den geeigneten Jahreszeiten mit Schleppnetzen zu fischen und den Hirsch zur Tragzeit zu schießen. Das sind Gesetze, die jeder umsichtige Mann schon lange für nötig erachtete; ich hoffe, es wird auch noch so weit kommen, daß Strafen auf das unzeitige Fällen des Holzes gesetzt werden.«

Der Jäger horchte auf diese Mitteilung mit atemloser Aufmerksamkeit, und als der Richter geendet hatte, lachte er laut hinaus.

»Mag man da Gesetze machen, soviel man will, Richter«, rief er, »aber wer wird in den langen Sommertagen die Berge und des Nachts die Seen bewachen? Wild ist Wild, und wenn einer welches findet, so darf er auch schießen. Ich erinnere mich schon seit vierzig Jahren her, daß dieses Recht in den Wäldern herrscht, und ich denke, ein altes Gesetz ist ebensoviel wert als zwei neue. Nur ein unerfahrener Jäger wird eine Geiß mit dem Kitzchen an der Seite schießen wollen, wenn nicht allenfalls seine Mokassins alt und seine Beinkleider zerrissen sind; denn das Fleisch ist zu solcher Zeit nicht zu genießen. Aber eine Büchse knallt unter den Felsen am Seeufer hin oft so laut, daß man meint, fünfzig seien zumal abgeschossen worden: – es würde da wohl schwer sein zu sagen, wo der Mann steht, der den Drücker berührt hat.«

»Mit dem Ansehen des Gesetzes bewaffnet, Meister Bumppo«, erwiderte der Richter ernst, »kann eine wachsame Obrigkeit viele Übelstände verhindern, die bisher obgewaltet und das Wild bereits so selten gemacht haben. Ich hoffe, noch den Tag zu erleben, wo das Eigentumsrecht des einzelnen an seinem Wild ebenso geachtet wird wie der Anspruch auf seine liegenden Gründe.«

»Diese Eigentumsrechte und Ansprüche sind lauter Neuerungen«, rief Natty, »und vor dem Gesetz soll keiner dem andern gegenüber ein Vorrecht haben. Letzten Dienstag waren es vierzehn Tage, daß ich einen Hirsch anschoß, der jedoch über die Schneedämme und einen Heckenzaun wegsetzte. Ich eile hinterdrein; das Schloß meiner Büchse fängt sich in den Zweigen, daß ich es nicht gleich wieder losmachen kann, und ehe ich mich's versehe, ist das Tier auf und davon. Nun möchte ich auch wissen, wer mir diesen Bock zahlen soll, der noch obendrein ein ganz herrliches Tier war? Wäre der Zaun nicht dagewesen, so hätte ich wohl noch einmal schießen können, und ich habe meine Lebtage nie auf etwas, das nicht Flügel hatte, dreimal abgedrückt. Nein, nein, Richter, die Ansiedlungen machen das Wild selten, nicht die Jäger.«

»Der Hirsch ist allerdings nicht mehr so häufig wie zur Zeit des alten Kriegs, Bumppo«, sagte der Major, der aus seinen Tabakswolken heraus aufmerksam zugehört hatte, »aber das Land ist nicht geschaffen für das Wild, sondern für Christenmenschen.«

»Ei, Major, ich glaube, Sie sind ein Freund des Rechtes und der Gerechtigkeit, obgleich Sie so oft in das große Haus gehen; aber ist es nicht hart, wenn einem Manne sein ehrliches Gewerbe, von dem er lebt, durch Gesetze gehemmt wird? Wenn's nach dem Rechte geht, so muß einer jeden Tag der Woche im ganzen Patent fischen und jagen dürfen, wenn er Lust dazu hat.«

»Ich verstehe Euch, Lederstrumpf«, entgegnete der Major, indem er seine schwarzen Augen mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Jäger heftete, »aber Ihr seid doch sonst nie so klug gewesen, Euch allzusehr um das zu kümmern, was kommen könnte?«

»Vielleicht hatte ich nicht so viel Anlaß dazu«, sagte der Jäger ein wenig verdrießlich und versank darauf in ein Schweigen, das er geraume Zeit nicht wieder brach.

»Der Richter hat vorhin von den Franzosen erzählen wollen«, bemerkte Hiram, da die Unterhaltung jetzt ein wenig stocken wollte.

»Ja, Sir«, versetzte Marmaduke, »die Jakobiner von Frankreich scheinen sich von einem Akt der Zügellosigkeit in den anderen zu stürzen. Sie führen ihr Schlächtergewerbe unter dem Titel ›Gesetzesvollstreckung‹ fort, und Ihr habt wohl gehört, daß sie der langen Liste ihrer Greueltaten auch die Ermordung ihrer Königin beigefügt haben.«

» Les monstres!« murmelte Monsieur Le Quoi abermals, indem er sich plötzlich mit einem konvulsivischen Zucken auf seinem Stuhl umwandte.

»Die Vendee ist verheert durch die Truppen der Republik; und die Einwohner, die es mit dem König halten, werden zu Hunderten auf einmal erschossen. – Die Vendee ist ein Distrikt im Süden Frankreichs, der noch mit vieler Treue an der Familie der Bourbonen hängt. Ohne Zweifel kennt ihn Monsieur Le Quoi und kann uns denselben genau beschreiben.«

» Non, non, non, mon cher ami«, versetzte der Franzose mit unterdrückter Stimme, aber in raschen Worten, indem er zugleich mit der rechten Hand wie abwehrend gestikulierte und mit der linken seine Augen bedeckte.

»In der letzten Zeit sind viele Schlachten geschlagen worden«, fuhr Marmaduke fort, »und leider blieben die wütenden Republikaner nur zu oft Sieger. Übrigens tut es mir nicht gerade leid, daß sie den Engländern Toulon abnahmen; denn es ist ein Platz, auf den letztere durchaus kein Recht hatten.«

» Ah – ha!« rief Monsieur Le Quoi aufspringend und in großer Lebhaftigkeit mit beiden Armen die Luft durchschneidend, » ces Anglais!«

Der Franzose ging unter Wiederholung dieser Ausrufe einige Minuten lang mit größter Hast in der Stube auf und ab und eilte sodann, wie übermannt von dem Sturm seiner innern Erregungen, plötzlich aus dem Hause. Man sah ihn durch den Schnee seinem Laden zuwaten und mit den Armen in der Luft fuchteln, als wolle er die Ehre seiner Nation aus dem Mond herunterholen. Seine rasche Entfernung erregte nur wenig Erstaunen, da die Dorfbewohner seine Weise bereits kannten; nur der Major Hartmann lachte, das erstemal während seines Besuches, laut heraus, erhob sodann den Krug und bemerkte:

»Der Franzmann ist toll, aber vom Trinken gewiß nicht. Er müßte nur vor Freude trunken sein.«

»Die Franzosen sind gute Soldaten«, meinte Kapitän Hollister, »sie haben uns bei York drunten manchen guten Dienst geleistet. Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich auf die großen Bewegungen der Armee, aber ich glaube nicht, daß Seine Exzellenz imstande gewesen wäre, ohne ihren Beistand gegen Kornwallis zu marschieren.«

»Da hast du recht, Sergeant«, unterbrach ihn sein Weib, »und ich wollte nur, du hättest dich gleichfalls stets wie sie gehalten. Prächtige Leute, die Franzosen! Ich hatte eben mit meinem Karren haltgemacht, wie Ihr vorwärts rücktet, um die Regulären zu unterstützen, als ein Regiment von diesen Herren vorbeimarschierte; so bediente ich sie ganz nach ihrem Gefallen. Und wie sie auszahlten! ja, in lauter guten, vollwichtigen Kronen – kein Fetzen von dem verwünschten Papiergeld drunter. Gott vergebe mir, daß ich fluche und so Eitles rede; aber das muß ich den Franzosen nachsagen, daß sie in gutem Silber zahlten. Sie konnten weit mit einem Glas reichen; denn sie ließen immer noch ein Tröpfchen drin, wenn sie es zurückgaben. Da lobe ich mir das Geschäft, Richter, wo man gut ausblecht und die Leute nicht gar so eigen sind.«

»Dabei kann man's allerdings auf einen grünen Zweig bringen, Frau Hollister«, bemerkte Marmaduke. »Aber was ist aus Richard geworden? Sprang er doch, sobald er sich gesetzt hatte, wieder auf und ist nun schon so lange abwesend, daß ich Sorge trage, er möchte erfroren sein.«

»Hast nichts zu fürchten, Vetter Duke«, rief der genannte Ehrenmann in eigener Person. »Geschäfte können einen bisweilen warm halten, und wäre es der kälteste Abend, der je das Gebirge eingeeist hat. Betty, Euer Mann sagte mir, als wir die Kirche verließen, Eure Schweine würden schäbig. Ich habe daher ein wenig nach dem Stall gesehen und mich überzeugt, daß dem so ist, weshalb ich nach Eurem Hause lief, Doktor, und mir von Eurem Jungen ein Pfund Bittersalz abwägen ließ, um es unter ihre Tränke zu mischen. Ich wette einen Hirschziemer gegen ein graues Eichhörnchen, daß sie schon in einer Woche besser sein werden. Und nun, Frau Hollister, bin ich der Mann für ein Glas zischenden Flips.«

»Dacht' ich mir's doch, Ihr könntet eines brauchen«, versetzte die Wirtin, »er ist bereits gemischt und bedarf nur noch des Glüheisens. Lieber Sergeant, willst du so gut sein, und mir das Eisen herübergeben? – Nicht das, das andere, das weiter im Feuer liegt. Du siehst ja, daß es schwarz ist – So! jetzt ist's recht. Seht einmal her, ob es nicht so rot ist wie eine Kirsche.« Das Getränk wurde erhitzt, und Richard nahm es mit einer Miene hin, wie sie wohl Leute zu zeigen pflegen, die etwas recht Kluges ausgeführt zu haben meinen, zumal wenn sie den Branntwein lieben.

»Ah, Betty, Ihr habt eine Hand, wie gemacht zum Flipmischen«, rief Richard, nachdem er ein bißchen verschnauft hatte. »Sogar das Eisen gibt ihm einen Wohlgeschmack. Da, John, trink, Mensch, trink! Ich und du und der Doktor Todd haben diesen Abend an der Schulter des jungen Menschen ein Meisterstück geliefert. Duke, ich habe in deiner Abwesenheit ein Lied gemacht, –'s gibt nicht alle Tage zu tun, und da hat man schon Zeit für so etwas. Ich will dir einen Vers oder zwei vorsingen, obgleich ich mich noch nicht ganz für die Melodie entschieden habe. –

Das Leben ist nur eine Kette von Mühen,
Wo jeder hinpilgert auf dorniger Bahn.
Drum laßt in die Arme der Freude uns fliehen;
Bedenkt, daß im Dornbusche Rosen auch blühen,
Nicht überall naget des Kummers Zahn!
Drum fort mit den Grillen
Und fort mit den Stillen –
Daß Sorgen nicht streuen die silbernen Flocken
Zu frühe in unsere dunkelen Locken.

Nun, Duke, was hältst du davon? Ich habe noch einen Vers in petto, aber es fehlt mir noch die letzte Zeile, bei der es mit dem Reim nicht recht gehen will. – Was sagst du zu dieser Musik, alter John? Ist sie nicht so gut wie eins von deinen Kriegsliedern, he?«

»Gut«, entgegnete Mohegan, der dem Getränk der Wirtin redlich zugesprochen und gelegentlich auch den Rundkrügen des Majors und des Richters die gebührende Achtung erwiesen hatte.

»Bravo! bravo! Richard!« rief der Major, dessen schwarze Augen bereits zu schwimmen begannen. »Bravissimo! Ein prächtiges Lied, – aber Natty Bumppo weiß noch ein schöneres. Lederstrumpf, willst du nicht singen? Sag an, alter Knabe, willst du nicht ein Waldlied singen?«

»Nein, nein, Major«, erwiderte der Jäger mit einem schwermütigen Kopfschütteln. »Ich habe leben müssen, um zu sehen, was meine Augen in diesen Bergen nimmer zu schauen hofften, und da ist mir die Lust zum Singen vergangen. Wenn er, der das Recht hat, hier zu gebieten, sich genötigt sieht, seinen Durst mit Schneewasser zu stillen, so ziemt es denen, die von seinem Eigentum leben, schlecht, sich lustig zu machen, als ob es auf der Welt nichts gäbe als Sonnenschein und Sommer.«

Als Lederstrumpf ausgesprochen hatte, ließ er seinen Kopf wieder auf die Knie sinken und verbarg seine harten, runzligen Züge mit den Händen. Der schnelle Wechsel von der grimmigen Kälte draußen zu der Hitze der Trinkstube, in Verbindung mit der Tiefe und Häufigkeit von Richards Zügen, hatten bereits, was Heiterkeit anbelangt, das Gleichgewicht zwischen diesem Ehrenmann und den übrigen Gästen hergestellt, und jetzt hielt er ein paar mit dampfendem Flip gefüllte Becher dem Jäger entgegen.

»Ja, lustig muß es hergehen, alter Knabe!« rief er. »Es ist ein lustiges Christfest! Was Sonnenschein und Sommer! Seid Ihr blind, Lederstrumpf, daß Ihr den Mondschein und den Winter nicht mehr sehen könnt? Steckt Euch eine Brille ins Gesicht und sperrt Eure Augen auf –

Fort, fort mit den Grillen
Und fort mit den Stillen –
Daß Sorgen nicht streuen die silbernen Flocken
Zu frühe in unsere dunkelen Locken.

Hört jetzt den alten John meckern. Die Indianer haben im Grunde doch eine verzweifelt trübselige Musik, Major. Ich möchte wohl wissen, ob sie nie nach Noten singen.«

Während Richard abwechselnd sang und plauderte, ließ Mohegan einige schwerfällige und eintönige Laute vernehmen, die er mit einer sanften Bewegung des Kopfes und des ganzen Körpers begleitete. Es waren nur wenige Worte, und zwar indianische, so daß sie nur von ihm selbst und von Natty verstanden wurden. Ohne auf Richard zu achten, fuhr er fort, seine wilde melancholische Weise zu singen, wobei er sich bald in die höchsten Töne verstieg, bald wieder in die tiefen bebenden Laute überging, welche den Charakter der indianischen Musik bezeichnen.

Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war nun sehr geteilt, da die Männer, welche früher mehr im Hintergrund gesessen, sich in kleinen Gruppen sammelten und verschiedene Gegenstände besprachen, unter denen die Behandlung schäbiger Schweine und Pfarrer Grants Predigtweise ein Hauptthema abgaben, während Doktor Todd sich mühte, Marmaduke die Beschaffenheit der Verletzung des jungen Jägers auseinanderzusetzen. Mohegan fuhr fort zu singen, wobei er vor sich hinstierte und seine Züge unter dem buschigen Haar einen ungemein wilden Ausdruck annahmen. Sein Gesang wurde allmählich lauter und steigerte sich zuletzt so sehr, daß das Gespräch aufhören mußte. Der Jäger erhob nun abermals seinen Kopf und sprach mit Wärme zu dem alten Krieger in der Sprache der Delawaren, was wir hier, dem Leser zuliebe, in einer Übertragung geben wollen.

»Wie magst du von deinen Schlachten und von den Kriegern, die du erschlagen, singen, Chingachgook, wenn der schlimmste Feind in deiner Nähe ist, der dem ›jungen Adler‹ seine Rechte vorenthält? Ich habe so viele Schlachten mitgekämpft wie irgendein Krieger deines Stammes, aber zu einer solchen Zeit kann ich mich nicht meiner Taten rühmen.«

»Hawk-eye«, Falkenauge. versetzte der Indianer, mit wankenden Tritten seinen Platz verlassend, »ich bin die Große Schlange der Delawaren; ich kann die Mingos aufspüren, wie die Otter die Eier des Windfängers, und sie mit einem Schlage tot zu Boden strecken wie die Klapperschlange. Der weiße Mann machte Chingachgooks Tomahawk so glänzend wie die Wasser des Otsego in der Abendsonne, aber er ist rot vom Blute der Maquas.«

»Und warum hast du die Mingokrieger erschlagen? Tatest du es nicht, um diese Jagdgründe und Seen den Kindern deiner Väter zu erhalten? Wurden sie nicht in der Versammlung dem Feueresser übergeben? Und rinnt nicht das Blut eines Kriegers in den Adern eines jungen Häuptlings, der laut sprechen sollte, während seine Stimme zu schwach ist, um gehört zu werden?«

Diese Anrede des Jägers schien einigermaßen die verwirrten Sinne des Indianers zu sammeln, da er nunmehr das Gesicht den Umstehenden zuwandte und seine Blicke aufmerksam auf den Richter heftete. Er schüttelte sein Haupt, strich sich das Haar aus der Stirn und ließ ein Paar Augen gewahr werden, die von dem Feuer wilder Rachelust erglühten. Der Indianer war ganz umgewandelt: seine Hand schien einen vergeblichen Versuch zu machen, den Tomahawk hervorzuholen, der mit dem Handgriff in seinem Gürtel stak, während seine Blicke allmählich wieder einen leeren Ausdruck annahmen, Richard stellte in diesem Augenblick einen Becher vor ihn hin, dessen Züge sich eben in das Grinsen des Blödsinns verzerrten. Er ergriff das Gefäß mit beiden Händen, trank es, auf der Bank zurückgelehnt, bis auf die Neige aus und versuchte sodann, mit der Unbeholfenheit totaler Betrunkenheit, es beiseitezustellen.

»Kein Blutvergießen!« rief der Jäger, als er den vorübergehenden Ausdruck der Wildheit in den Zügen des Indianers gewahrte. »Doch er ist betrunken und kann keinen Schaden tun. So geht es mit allen Wilden! Gebt ihnen Branntwein, und sie machen sich selbst zu Hunden. Doch sei's drum – die Zeit wird nichtsdestoweniger kommen, wo Gerechtigkeit geübt wird. Wir müssen nur Geduld haben.«

Da Natty dies in der Sprache der Delawaren laut werden ließ, so wurde er natürlich von niemand verstanden. Er hatte kaum ausgesprochen, als Richard rief: »Nun, der alte John ist zeitig fertig geworden. Gebt ihm Quartier in der Scheune, Kapitän, und laßt mich für die Bezahlung sorgen. Ich bin heute abend reich, zehnmal reicher als Duke mit allen seinen Ländereien, Kapitalbriefen, Wechseln und Renten.

Fort, fort mit den Grillen
Und fort mit den Stillen –
Daß Sorgen nicht streuen die silbernen Flocken
Zu frühe in unsere dunkelen Locken.

Trink, trink, König Hiram – trink, Meister Tunichts Doolittle, Tuwenig, wird hier von dem spaßhaft gestimmten Richard Doonothing, Tunichts, genannt. – trink, sag' ich. Heute ist der Christabend, der bekanntermaßen nur einmal im Jahr kommt«

»He! he! he! der Squire ist heute ganz musikalisch«, fing Hiram an, dessen Züge merkwürdige Anzeichen von Erschlaffung zu zeigen begannen. »Ich meine fast wir sollten noch eine Kirche bauen, Squire?«

»Eine Kirche, Meister Doolittle? Nein, eine Kathedrale soll es werden! Bischöfe, Priester, Diakone, Küster, Sakristei und Chor; Orgel, Organist und Blasbälge! Beim Lord Harry, wie Benjamin sagt, wir wollen an dem anderen Ende noch einen Turm anbringen und zwei Kirchen daraus machen. Was meinst du, Duke? Willst du zahlen? He, wird mein Vetter Richter mit dem Geld herausrücken?«

»Du machst einen solchen Lärm, Dick, daß ich unmöglich hören kann, was Doktor Todd sagt«, entgegnete Marmaduke. – »Ich glaube, du bemerktest, die Wunde könnte vielleicht eitern und bei dieser kalten Witterung dem Glied Gefahr drohen?«

»Nicht doch, Sir, das wäre ganz gegen die Natur«, sagte Elnathan, indem er sich zu räuspern versuchte. »Es ist ganz unwahrscheinlich, daß eine so gut verbundene Wunde, deren Veranlassung ich in meiner Tasche habe, eitern sollte. Ich denke, da der Richter im Sinn hat, den jungen Mann in sein Haus zu nehmen, so reicht das einmalige Eingewickeltwerden.«

»Ich meine auch, daß einmal genug ist«, entgegnete Marmaduke mit jenem schalkhaften Lächeln, welches oft seine Züge überflog und dabei die Person, der es galt, im Zweifel ließ, ob sie es als Neckerei oder überhaupt nur als launige Stimmung nehmen solle.

Der Wirt hatte inzwischen dem Indianer in einem seiner Nebengebäude ein Strohlager bereitet, wo John, in seine Wolldecke gehüllt, den Rest der Nacht zubrachte. Mittlerweile war aber auch der Major Hartmann heiter und munter geworden. Glas folgte auf Glas und Becher auf Becher, so daß das Zechgelage sich bis tief in die Nacht oder vielmehr in den Morgen hinein erstreckte, bis endlich der deutsche Veteran seinen Wunsch ausdrückte, nach dem Herrenhause zurückzukehren. Die Mehrzahl der Gäste hatte sich bereits entfernt, aber Marmaduke kannte die Gewohnheit seines Freundes zu gut, um einen früheren Aufbruch vorzuschlagen. Sobald jedoch dieser Vorschlag gemacht war, ging der Richter bereitwillig darauf ein, und das Trio schickte sich zum Abzug an. Frau Hollister begleitete ihre Gäste persönlich bis an die Tür und machte sie auf die sichersten Wege aufmerksam.

»Stützt Euch auf Mister Jones, Major«, sagte sie, »er ist jung und sein Beistand wird Euch von Nutzen sein. Nun, es macht mir immer Freude, Euch in dem ›Kühnen Dragoner‹ zu sehen, und gewiß ist es nichts Schlimmes, den Christabend mit leichtem Herzen zu begehen; denn man kann nicht wissen, welche Sorgen unser harren. Gute Nacht, Richter, und fröhliche Weihnachten euch allen!«

Die Herren verabschiedeten sich, so gut sie konnten, und hielten sich in der Mitte der Straße, wo ein schöner, breiter, wohlbetretener Pfad war, so daß sie leidlich genug vorwärts kamen, bis sie an das Gartentor des Herrenhauses gelangten; aber beim Eintreten in des Richters Domänen ergaben sich einige Schwierigkeiten. Wir wollen uns jedoch nicht mit deren Aufzählung aufhalten, sondern nur anführen, daß man am andern Morgen einige sehr abweichende Pfade im Schnee fand, und daß Marmaduke, noch ehe er die Haustüre erreichte, seine Gefährten vermißte. Die genannten Pfade setzten ihn in den Stand, ihre Spur zu verfolgen, und so fand er sie denn, bis auf die Köpfe im Schnee begraben, wobei Richard aus Leibeskräften sang:

Fort, fort, mit den Grillen
Und fort mit den Stillen –
Daß Sorgen nicht streuen die silbernen Flocken
Zu frühe in unsere dunkelen Locken.

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