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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XIII

 

So gebt mir einen Humpen doch –
Die Gerstenernte lebe hoch!

Trinklied

 

An einer Ecke des Dorfes, wo die zwei Hauptstraßen von Templeton sich kreuzten, stand das Wirtshaus ›Zum kühnen Dragoner‹. Dem ursprünglichen Plan zufolge hätte sich das Dorf links des kleinen Stromes, welcher das Tal durchfloß, hinziehen sollen, so daß durch die Straße, welche von dem See zu der Akademie führte, die westliche Grenze gebildet worden wäre. Aber Bequemlichkeit vereitelt oft die besten Entwürfe. Das Haus des Herrn – oder wie er infolge seines Kommandos über das Militär des Patents genannt wurde – des Hauptmanns Hollister, das schon in früheren Tagen mit der Front gerade gegen die Richtung der Hauptstraße erbaut worden, schob dem Verlauf derselben eine sehr augenfällige Barriere in den Weg, weshalb Reiter und nachher auch Ochsentreiber sich eines Durchgangs am Ende des Gebäudes bedienten, um den westlichen Weg abzukürzen, bis endlich die regelmäßige Landstraße fortgesetzt war und allmählich an beiden Seiten Häuser entstanden, so daß eine nachherige Verbesserung des Übelstandes unmöglich wurde.

Diese Abweichung von Marmadukes regelmäßigen Plänen war von zwei wesentlichen Folgen begleitet. Die Hauptstraße wurde nämlich in der Hälfte ihrer Länge plötzlich genau um die Hälfte ihrer Breite geschmälert und der ›Kühne Dragoner‹ ward um seiner Lage willen, mit Ausnahme des Herrenhauses, bei weitem das augenfälligste Gebäude des Ortes.

Dieser Umstand, durch den Charakter der Wirtsleute unterstützt, gab der Schenke über alle zukünftigen Konkurrenten einen Vorteil, der sich durch keine sonstigen Verhältnisse mindern ließ. Das letztere wurde zwar versucht und dem ›Kühnen Dragoner‹ gegenüber ein neues Gebäude errichtet, welches den Nebenbuhler über der Straße bei weitem überbieten sollte. Es war ein hölzernes Haus mit den Verzierungen des im Orte üblichen architektonischen Stils und, was das Dach und die Balustraden anbelangte, eine der drei Nachahmungen des Herrenhauses. Die oberen Fenster waren mit ungehobelten Brettern vernagelt, um den Wind abzuhalten; denn das Gebäude war noch unvollendet, obgleich die Scheiben in den untern Gemächern und das Licht der mächtigen Feuer im Innern bekundeten, daß es bereits Einwohner barg. Das Äußere hatte an der Front und dem Ende, das sich der Straße zukehrte, einen weißen Anstrich; aber die Hinterseite nebst derjenigen, an welche sich ein Nachbarhaus anschmiegen sollte, war roh mit spanischem Braun beschmiert. Vor der Türe standen zwei hohe, oben mit einem Querbalken verbundene Pfosten, zwischen denen ein ungeheures, mit wunderlichem Schnitzwerk von Fichtenholz versehenes und mit Freimaurer-Emblemen überladenes Schild hing. Über den geheimnisvollen Figuren befanden sich mit großen Buchstaben die Worte: ›Kaffeehaus für Templeton und Gasthof für Reisende‹, und unten las man die Namen der Eigentümer ›Habakuk Foote und Josua Knapp‹. Dies waren ein paar furchtbare Rivalen für den ›Kühnen Dragoner‹, wie unsere Leser leicht begreifen werden, wenn wir beifügen, daß dieselben volltönenden Namen schon über der Tür eines im Dorfe neu errichteten Vorratshauses, der eines Hutmacherladens und über den Toren einer Lohgerberei standen. Mochte übrigens zuviel versucht worden sein, um gut ausgeführt werden zu können, oder war der Ruf des ›Kühnen Dragoners‹ zu fest begründet, um sich so leicht erschüttern zu lassen, – nicht nur der Richter Temple und seine Freunde, sondern auch die meisten Dorfbewohner, die nicht in den Kreditbüchern der mächtigen Firma standen, pflegten, sooft irgendeine Gelegenheit den Besuch eines solchen Hauses notwendig machte, in dem Wirtshaus des Kapitän Hollister einzusprechen.

Der hinkende Veteran nebst seiner Ehegenossin war an jenem Christabende kaum von der Akademie zurück nach Hause gekommen, als das Stampfen an der Türschwelle bereits die Annäherung von Gästen verkündigte, welche wahrscheinlich diesen Sammelplatz aufsuchten, um ihre Bemerkungen über die Feierlichkeiten, denen sie soeben beigewohnt, auszutauschen.

Die Gaststube des ›Kühnen Dragoners‹ war ein geräumiges Gemach, das an drei Seiten mit Bänken ausgeschlagen war, während die vierte zwei mächtigen Kaminen vorbehalten blieb, welche fast die ganze Wand einnahmen und kaum noch Raum genug für ein paar Türen und einen kleinen Eckverschlag ließen, der durch ein winziges Palisadenwerk von dem übrigen Gelaß getrennt und reichlich mit Flaschen und Gläsern garniert war. An dem Eingang in dieses Heiligtum saß mit würdevoller Miene Frau Hollister, während ihr Gatte mit einem großen Pfahl, der am einen Ende ganz spitzig zugebrannt war, die Holzpflöcke des Feuers nachschob.

»Nun, lieber Sergeant«, sagte die Wirtin, als sie glaubte, der Veteran habe nunmehr das Holz gehörig zurechtgelegt, »leg deine Schürstange beiseite; denn sie ist nicht mehr nötig, indem es jetzt behaglich genug brennt. Auf dem Tisch dort stehen noch die Gläser und der Krug, aus denen der Doktor seinen Zider und sein Ingwerbier trank – dort, gerade bei dem Feuer. Stelle sie in den Verschlag; denn wir kriegen heute abend Besuch von dem Richter, dem Major und Herrn Jones, Benjamin Pump und die Advokaten nicht mitgerechnet. Du mußt daher das Zimmer zeitig herrichten. Setze die beiden Flipwärmer auf die Kohlen und sage Judith, dem faulen, schwarzen Biest, daß ich sie aus dem Haus jagen will, wenn sie die Küche nicht reinhält. Sie kann dann zu den Herren gehen, die das Kaffeehaus halten; ich wünsche ihnen Glück zu dieser Erwerbung. – Ach, Sergeant, man hat es doch gewiß recht gut, wenn man in ein Bethaus gehen darf, wo man ruhig sitzenbleiben kann und nicht nötig hat, so oft niederzuknien und wieder aufzustehen, wie es heute Herr Grant getan.«

»Ein Bethaus kommt einem allezeit zustatten, Frau, mögen wir nun darin stehen oder sitzen oder, wie der gute Herr Whitefield nach einem beschwerlichen Tagemarsch zu tun pflegte, auf die Knie niederfallen und mit aufgehobenen Händen zum Himmel beten, nach dem Beispiele Moses, als zur Rechten und zur linken seine Scharen standen«, erwiderte Herr Hollister, der mit aller Ruhe die Befehle seiner Gattin ausführte. »Ach, das war ein schönes Treffen, Betty, das die Israeliten damals mit den Amalekitern schlugen. Es scheint, sie fochten in einer Ebene; denn es steht geschrieben, Moses habe die Höhen bestiegen, um den Kampf mitanzusehen und im Gebet zu ringen. Wenn ich mich recht auf die Sache verstehe, so müssen sich die Israeliten hauptsächlich auf ihre Reiterei verlassen haben; denn wir lesen in der Schrift, daß Josua den Feind hauptsächlich mit der Schärfe des Schwertes schlug, woraus ich entnehme, daß nicht nur von Reiterei, sondern auch von wohldisziplinierten Truppen die Rede ist. Es müssen in der Tat ganz ausgesuchte Streiter gewesen sein – wahrscheinlich Freiwillige; denn unexerzierte Dragoner schlagen selten mit der Schärfe des Schwertes zu, zumal wenn ihre Waffe nach Weise der Säbel gekrümmt ist.«

»Pah, Mann! Was wirfst du da wegen einer solchen Kleinigkeit mit Schriftstellen um dich?« unterbrach ihn die Wirtin. »So viel wenigstens ist gewiß, daß der Herr mit ihnen war; denn er hielt es immer mit den Juden, solange sie nicht von ihm abfielen. Es kommt wenig darauf an, was für Leute Josua kommandierte, wenn er es nur im Namen des rechten Befehlshabers tat. Dieselbe verwünschte Miliz, der Herr verzeih mir den Fluch, die sein Tod war, weil sie davonlief, hätte wohl in den alten Zeiten das Feld behaupten können. Ich sehe gar keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, daß die Leute exerziert waren.«

»Ich muß sagen, Frau, daß ich unexerzierte Truppen nicht oft so gut habe fechten sehen, wie es der linke Flügel in der von dir erwähnten Zeit tat. Sie hielten schön zusammen, und zwar ohne Trommelschlag, was im Feuer gewiß keine Kleinigkeit ist; auch wichen sie nicht vom Platz, bis er fiel. – Aber die Schrift enthält keine unnötigen Worte, und ich behaupte daher, daß eine Reiterei, welche mit der Schärfe des Schwertes zu schlagen weiß, eine gut disziplinierte sein muß. Es ist schon manche gute Predigt über weit unwichtigere Dinge als über dieses eine Wort gehalten worden. Wenn nicht etwas Besonderes damit gemeint ist, warum steht dann nicht geschrieben mit dem Schwerte, sondern mit der Schärfe des Schwertes? Nun fordert aber ein Schlag mit der Schärfe eine lange Übung. Ach, welch eine schöne Anwendung wüßte nicht Herr Whitefield aus dem einzigen Worte ›Schärfe‹ zu ziehen! Was den Kapitän anbelangt – wenn er nur, als er das Fußvolk sammelte, die Gardedragoner angerufen hätte, sie würden dem Feind gezeigt haben, was die Schärfe eines Schwertes ist; denn obgleich kein eigentlicher Offizier unter ihnen war, so glaube ich doch, sagen zu dürfen« – der Veteran richtete sich bei diesem Wort hoch auf und zog mit der gravitätischen Miene eines Exerziermeisters seine Halsbinde fester – »so glaube ich doch, sagen zu dürfen, daß sie von einem Manne angeführt wurden, der sie trotz des Hohlwegs vorwärtszubringen gewußt hätte.«

»Was hätte er tun sollen?« rief die Wirtin. »Weißt du nicht selbst, Hollister, daß die Bestie, welche er ritt, nicht sonderlich geeignet war, von einem Felsen zum andern zu springen, obgleich sie so rührig war wie ein Eichhörnchen? Doch was nützt es, davon zu reden, da er schon so lange heimgegangen! Ich wollte nur, daß er es erlebt hätte, das wahre Licht zu sehen; aber eine brave Seele, die im Kampf für die Freiheit im Sattel starb, muß doch auch Gnade finden. Wenn sie ihm und so manchem Tapferen, der wie er starb, nur nicht einen so armseligen Grabstein gesetzt hätten! Aber das Schild ist sehr ähnlich, und ich will es erhalten, solange der Schmied noch einen Haken machen kann, um es zu tragen – allen ›Kaffeehäusern‹ zwischen hier und Albany zum Trotz.«

Wir können nicht sagen, auf welche Abschweifungen diese Unterhaltung das würdige Paar noch geführt haben würde, wenn nicht die Männer vor der Tür dem Abstampfen des Schnees von ihren Füßen plötzlich ein Ende gemacht hätten und in die Wirtsstube getreten wären.

Es vergingen zehn oder fünfzehn Minuten, bis sich die verschiedenen Individuen, welche Erbauung geben oder holen wollten, vor den Feuern des ›Kühnen Dragoners‹ niedergelassen und so ziemlich alle Bänke der Gaststube besetzt hatten. Die behaglichste Ecke des Zimmers sowie ein hochlehniges hölzernes Kanapee hatte Doktor Todd mit einem schmutzig aussehenden, schäbig-eleganten jungen Mann eingenommen, der fleißig Tabak schnupfte, einen Rock von ziemlich modischem Schnitt trug und oft eine große silberne Uhr, die an einer Haarkette hing und mit einem silbernen Schlüssel versehen war, herauszog: er schien so ziemlich zwischen den Handwerkern in seiner Nähe und einem wirklichen Mann von Stand die Mitte zu halten.

Mehrere braune Krüge mit Zider oder Bier wurden zwischen die Feuerböcke gesetzt, und unter den Gästen bildeten sich kleine Gruppen, sobald einer einen Vortrag hielt oder die Flüssigkeit ihre Runde machte; denn niemand hatte ein besonderes Glas, wie denn auch überhaupt für jede Gattung von Getränk nur ein einziges Gefäß für nötig erachtet wurde; das Glas oder der Krug ging daher von Hand zu Hand, bis die Reihe zu Ende war oder eine gewisse Achtung vor den Rechten des Spenders die Neige des Trankes dem wieder zuschob, welcher denselben bezahlt hatte.

Gewöhnlich wurden dabei Toaste getrunken, und hin und wieder versuchte einer, der von der Natur vorzugsweise mit Witz bedacht zu sein vermeinte, seine Dankgefühle in Phrasen auszudrücken, wie zum Beispiel: »Ich hoffe, daß der Festgeber es weiter bringen möge als sein Vater«, oder »er möge leben, bis alle seine Freunde ihm den Tod wünschen«; während sich die bescheideneren Zechgenossen begnügten, mit gravitätischem Ernst auf »gut Glück« oder einen anderen gleich kurzen und inhaltsreichen Wunsch zu trinken. Stets wurde aber der invalide Wirt aufgefordert, die Sitte der königlichen Mundschenke nachzuahmen und das Glas, welches er präsentierte, vorher zu kosten – eine Aufforderung, welcher er gewöhnlich dadurch willfahrte, daß er seine Lippen benetzte, nachdem er zuvor den Toast: »was wir hoffen«, ausgebracht hatte, bei welch kläglichem Ausweg es dem Gutdünken der Gäste überlassen blieb, den umfassenden Wunsch nach eigenem Sinn zu deuten. Während dieses Treibens war die Wirtin emsig beschäftigt, eigenhändig die von ihren Kunden verlangten Getränke zu mischen, wobei sie hin und wieder einen der Dorfbewohner, welcher sich dem Verschlag näherte, grüßte und sich nach dem Befinden seiner Familie erkundigte.

Als endlich der Durst der Gäste einigermaßen gestillt war, gewann das Gespräch einen mehr allgemeinen Charakter, wie er gerade für die Stunde paßte. Der Arzt und sein Gefährte – einer der zwei Advokaten des Dorfes –, die man am meisten für geeignet hielt, das Wort zu führen, waren die Hauptsprecher, obgleich sich auch hin und wieder Herr Doolittle, welchen man nur in dem beneidenswerten Punkt der Erziehung als jenen nachstehend betrachtete, eine Bemerkung erlaubte. Ein allgemeines Stillschweigen trat ein, als der Rechtsgelehrte folgendermaßen begann:

»Dem Vernehmen nach, Doktor Todd, habt Ihr diesen Abend eine wichtige Operation vorgenommen, indem Ihr Lederstrumpfs Sohne einen Hirschposten aus der Schulter schnittet?«

»Ja, Sir«, erwiderte der andere, indem er seinen kleinen Kopf mit einer wichtigtuenden Miene erhob. »Ich hatte ein derartiges kleines Geschäft bei dem Richter, doch will es nicht viel heißen. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn der Schuß durch den Körper gegangen wäre. Die Schulter ist kein zum Leben unbedingt nötiger Teil, und ich denke, der junge Mann wird bald wieder gesund sein. Ich wußte jedoch nicht, daß der Patient ein Sohn von Lederstrumpf ist; denn ich hörte nie, daß Natty ein Weib hatte.«

»Das folgt auch nicht notwendig daraus«, entgegnete der andere, indem er sich mit einem pfiffigen Blinzeln umsah. »Ich denke, Ihr wißt, daß es so eine Art Ding gibt, das der Jurist filius nullius nennt?«

»Sagt uns das in gutem königlichem Englisch, Mann«, rief die Wirtin. »Für was soll es gut sein, in einem Zimmer ehrlicher Christenmenschen indianisch zu sprechen, und wenn es sich auch nur um einen armen Jäger handelte, der nicht viel besser ist als die Wilden selbst? Doch dürfen wir hoffen, daß die Missionare einmal die armen Teufel bekehren werden, wo dann wenig darauf ankommt, von welcher Farbe ihre Haut ist oder ob sie Wolle oder Haare auf dem Kopf tragen.«

»Es ist lateinisch, nicht indianisch, Frau Hollister«, entgegnete der Rechtsgelehrte, indem er sein pfiffiges Blinzeln wiederholte –, »und Doktor Todd versteht lateinisch, – wie wollte er sonst die Aufschriften auf seinen Apothekerbüchsen und Schubladen lesen? Nein, nein, Frau Hollister, der Doktor versteht mich – nicht wahr, Doktor?«

»Hem – nun, ich vermute, daß ich nicht weit davon bin«, versetzte Elnathan, indem er sich mühte, den Gesichtsausdruck des anderen nachzuahmen. »Lateinisch ist eine wunderliche Sprache, meine Herren, – und ich will wetten, es ist nicht einer in dem Zimmer, Squire Lippet ausgenommen, welcher glauben könnte, daß Far. Av. Hafermehl bedeutet.«

Nun kam die Reihe, ob dieser Zurschaustellung von Gelehrsamkeit verlegen zu werden, an den Advokaten; denn obgleich er auf einer der öffentlichen Universitäten promoviert hatte, so war er doch etwas verblüfft über den von seinem Gefährten gebrauchten Ausdruck. Indes war es gefährlich, in einem öffentlichen Wirtshaus und vor so vielen seiner Klienten, den Anschein zu gewinnen, als werde er an Gelehrsamkeit übertroffen, weshalb er die beste Miene zu der Sache machte und in ein schlaues Gelächter ausbrach, als stecke irgendein guter Witz dahinter, der nur von dem Arzt und ihm selbst verstanden werde. Die Zuhörer wechselten indessen Blicke des Beifalls, und Ausdrücke, wie »Versteht sich auf Sprachen«, und: »Ja, wenn's einer weiß, so muß es Squire Lippet wissen«, ließen sich als Zoll der Bewunderung in den verschiedenen Teilen des Zimmers vernehmen. So ermutigt, erhob sich der Rechtsgelehrte von seinem Stuhl, wandte den Rücken dem Feuer zu, faßte die Trinkgesellschaft ins Auge und fuhr fort:

»Nun, mag er jetzt Nattys Sohn oder der Sohn von niemand sein – ich hoffe wenigstens, daß der junge Mann die Sache nicht ruhen lassen wird. Wir leben in einem Land der Gesetze, und da möchte ich doch sehen, ob das Gericht der Ansicht ist, daß ein Mann, der hunderttausend Morgen Landes besitzt oder zu besitzen vorgibt, mehr Recht hat, auf seinen Nebenmenschen zu schießen als ein anderer. Was haltet Ihr davon, Doktor Todd?«

»Oh, Sir«, entgegnete der Doktor, »ich bin, wie bereits gesagt, der Ansicht, daß die Verletzung keinen lebensgefährlichen Teil getroffen hat. Auch wurde die Kugel bald herausgezogen und die Schulter, wie ich wohl behaupten darf, gut verbunden; ich glaube daher nicht, daß die Sache so gefährlich ist, als sie hätte werden können.«

»Ich berufe mich auf Euch, Squire Doolittle«, fuhr der Advokat mit verstärkter Stimme fort. »Ihr seid eine Magistratsperson und wißt, was Rechtens und was nicht Rechtens ist. Ich frage Euch daher, Sir, ob ein Schuß auf einen Menschen eine Sache ist, die man so gar leicht nehmen darf? Gesetzt, Sir, der junge Mann hätte Weib und Familie, und gesetzt, er wäre ein Techniker wie Ihr selbst, Sir, und gesetzt, seine Familie hinge wegen ihres Unterhalts nur von ihm ab; und gesetzt, die Kugel hätte ihm, statt bloß ins Fleisch zu dringen, das Schulterblatt zerschmettert und ihn für immer zum Krüppel gemacht; – ich frage euch alle, meine Herren, gesetzt, all dieses wäre der Fall, müßte die Jury nicht eine bedeutende Entschädigung beantragen?«

Da der Schluß dieser gesetzten Fälle an die Gesellschaft insgesamt gerichtet war, so fühlte sich anfänglich Hiram nicht berufen, eine Erwiderung zu geben; als er aber fand, daß die Augen aller Anwesenden erwartungsvoll auf ihm hafteten, so gedachte er seines richterlichen Charakters und begann daher mit dem gebührenden Grade von Bedächtigkeit und Würde:

»Freilich, wenn einer auf einen andern schießt, – ich meine nämlich, wenn er es mit Vorsatz tut, und wenn das Gericht davon Meldung erhält, und wenn ihn eine Jury schuldig findet, so ist es wahrscheinlich ein Fall, der den Täter ins Staatsgefängnis liefert.«

»Allerdings ist es so, Sir«, erwiderte der Advokat. »Das Gesetz, meine Herren, erkennt in einem freien Lande kein Ansehen der Person. Es ist eine der großen Segnungen, welche uns von unsern Vorfahren überantwortet wurden, daß alle Menschen in den Augen des Gesetzes ebenso gleich sind, wie sie von der Natur gleich geschaffen wurden. Mögen auch einige, weiß Gott wie, zu einem großen Vermögen gekommen sein, so werden sie dadurch doch nicht berechtigt, die Gesetze eher übertreten zu dürfen als der ärmste Bürger in den Staaten. Dies ist meine Ansicht, meine Herren, und ich denke, wenn jemand diese Angelegenheit vor Gericht bringen wollte, so durfte sich wohl herausstellen, daß die Salben bezahlt würden. Was meint Ihr, Doktor?«

»Ei, Sir«, erwiderte der Arzt, den diese Wendung des Gesprächs augenscheinlich ein wenig beunruhigte, »ich habe das Versprechen des Richters Temple vor Zeugen – nicht als ob mir sein Wort nicht ebenso lieb wäre, als hätte ich's schriftlich von ihm –, aber es geschah vor Zeugen. Laßt mich einmal sehen – es waren Monschier Ler Quow und Squire Jones und Major Hartmann und Jungfer Pettibone und einer oder zwei Schwarze dabei, als er sagte, seine Tasche würde mich reichlich für meine Bemühungen belohnen.«

»Wurde das Versprechen vor oder nach dem geleisteten Dienst gegeben?« fragte der Advokat.

»Ich weiß das nicht mehr so genau«, antwortete der vorsichtige Arzt, »so viel ist mir aber noch gegenwärtig, daß es geschah, ehe ich den Verband anlegte.«

»Aber es scheint, daß er sagte, seine Tasche würde Euch belohnen«, bemerkte Hiram. »Ich glaube nicht, daß das Gesetz einen Mann zur Erfüllung eines solchen Versprechens anhalten kann. Vielleicht gibt er Euch seine Tasche mit sechs Pence darin und sagt, Ihr sollet Euch Eure Bezahlung daraus nehmen.«

»Dies gölte in den Augen des Gesetzes nicht als eine Belohnung«, fiel der Advokat ein – »nicht als ein so betiteltes quid pro quo. Die Tasche kann nicht als handelnd, sondern muß als ein Teil von des Mannes eigener Person betrachtet werden, – das heißt, in diesem besonderen Falle. Ich bin der Ansicht, daß man auf dieses Versprechen ein Prozeßverfahren einleiten kann, und bin erbötig, es kostenfrei durchzuführen, wenn der Kläger verlieren sollte.«

Der Arzt gab auf diesen Vorschlag keine Erwiderung, obgleich man bemerkte, daß er seine Augen umhergleiten ließ, als wolle er die Zeugen aufzählen, um zu gegebener Zeit die Einhaltung dieses Versprechens fordern zu können, falls es nötig werden sollte. Ein so wichtiger Gegenstand wie die Erhebung einer Klage gegen den Richter Temple war indes nicht ganz nach dem Geschmack der Gesellschaft, zumal der Punkt an einem so öffentlichen Platz verhandelt wurde; es folgte nun ein allgemeines Schweigen, welches erst durch das Aufgehen der Tür und das Eintreten Nattys unterbrochen wurde.

Der alte Jäger hatte seine ihm nie von der Seite kommende Gefährtin, die Büchse, in der Hand; und obgleich die ganze Gesellschaft, den Rechtsgelehrten ausgenommen, der seinen Hut ein bißchen verwegen aufs Ohr gedrückt hatte, mit unbedeckten Häuptern dasaß, ging Natty doch auf eines der Feuer zu, ohne auch nur im mindesten irgendeinen Teil seines Anzugs oder seines Äußern zu verändern. Man richtete verschiedene das Weidwerk betreffende Fragen an ihn, die er bereitwillig und mit einigem Interesse beantwortete, und der Wirt – Nattys alter Freund, weil beide in ihrer Jugend Soldaten gewesen – bot ihm ein Glas Branntwein, das, aus der Art, wie es angenommen wurde, zu schließen, keine unwillkommene Gabe war. Als sich der Waldbewohner gelabt hatte, setzte er sich ruhig auf das Ende eines der Holzblöcke, die in der Nähe des Feuers lagen, und bald schien die durch seinen Eintritt veranlaßte kleine Störung vergessen zu sein.

»Das Zeugnis der Schwarzen hat freilich keinen Wert, Sir«, fuhr der Rechtsgelehrte fort, »da sie samt und sonders das Eigentum des Herrn Jones sind. Aber es gibt noch einen anderen Weg, auf welchem man dem Richter Temple oder irgendeinem anderen Mann das Schießen auf seinen Nebenmenschen verleiden und ihn zur Zahlung der Kurkosten veranlassen kann. Ich sage, es gibt noch einen andern Weg, ohne daß man gerade vor den ›Gerichtshof der Irrungen‹ geht.«

»Die größte Irrung würde es aber sein, Mister Todd«, rief die Wirtin, »wenn Ihr den Richter gerichtlich belangen wolltet, der da einen Beutel hat so lang wie eine von den Fichten auf den Bergen, und mit dem sich's gut genug umgehen läßt, wenn man sich ein bißchen in seine Launen fügt. Richter Temple ist ein wackrer Mann, der es gut mit den Leuten meint und nicht durch Drohungen geschreckt zu werden braucht, um rechtlich zu handeln. Ich wüßte nichts an dem Manne auszusetzen, als daß er zu gleichgültig in betreff seines Seelenheils ist. Er ist weder Methodist noch Papist noch Presbyterianer, – nein, nichts von alledem, und ich kann nicht wohl glauben, daß er, der in dieser Welt den guten Kampf unter dem Banner einer regelmäßigen Kirche nicht fechten will, einst in der Musterrolle der Erwählten gefunden werden wird, wie mein Mann, der Kapitän da, sagt – obgleich es meines Wissens nur einen Kapitän gab, der diesen Namen verdiente. Ich hoffe, Lederstrumpf, Ihr seid nicht so töricht, dem Jungen einzureden, daß er vor dem Gericht Hilfe suche; denn es wird euch beiden einen schlimmen Tag bereiten, wenn ihr die Haut eines friedlichen Schafes abstreift und eine hadernde Bestie zum Vorschein kommen laßt. Der Junge soll umsonst seinen Trunk bei mir holen dürfen, bis seine Schulter die Büchse wieder tragen kann.«

»Bravo, das ist generös!« hörte man von verschiedenen Lippen; denn die Gesellschaft bestand aus lauter Leuten, bei welchen ein so liberales Anerbieten nicht weggeworfen war. Natty aber, statt etwas von der Entrüstung auszudrücken, die man bei ihm vermutete, öffnete, als er auf die Verletzung seines jungen Gefährten anspielen hörte, seinen Mund nur zu dem bekannten stummen Lachen und erwiderte nach einer Weile:

»Ich wußte wohl, daß der Richter nichts ausrichten würde, als er mit seiner Schlüsselbüchse aus dem Sleigh stieg. Ich habe erst eine einzige Vogelflinte gesehen, mit der sich etwas machen ließ, und zwar auf den Großen Seen: es war ein französisches Gewehr, mit Lauf halb so lang wie meine Büchse, und schoß auf hundert Ellen eine Gans sicher herunter; es zerfetzte aber sein Opfer auf eine schreckliche Weise, so daß man es fast zusammenkehren mußte. Als ich mit Sir William am Fort Niagara gegen die Franzosen marschierte, bedienten sich alle Jäger der Büchse, – einer fürchterlichen Waffe in den Händen von Männern, die sie zu laden und sicher damit zu zielen verstehen. Der Hauptmann muß das wissen; denn er sagt, er habe in Shirleys Regiment gedient; und obgleich dieses meist nur mit Bajonetten focht, so hat er doch gewiß davon gehört, wie wir den Franzosen und Irokesen in den Scharmützeln jenes Krieges zu Leibe gingen. Chingachgook, was soviel wie ›Große Schlange‹ besagen will, oder der alte John Mohegan, der sein Nachtlager neben dem meinigen aufgeschlagen hat, war damals ein großer Krieger und focht mit uns; er kann auch ein Geschichtchen davon erzählen, obgleich er lieber mit dem Tomahawk zuschlug und nie mehr als ein- oder zweimal feuerte, ohne hinzulaufen und sich den Skalp zu holen. Ach! die Zeiten haben sich seither schrecklich verändert. Ja, Doktor, damals gab es nichts als einen Fußweg oder höchstens einen Pfad für Packpferde am ganzen Mohawk hin, von den Jarman-Ebenen an bis zu den Forts hinauf. Nun sprechen sie gar von einer jener breiten Straßen mit Geländern am ganzen Fluß hin. Ha, ha, zuerst einen Weg machen und dann ihn einzäunen! Ich jagte vor einiger Zeit auf den Höhen von Kaatskills in der Nähe der Ansiedlungen, und die Hunde verloren oft, wenn sie an die Landstraße kamen, die Witterung, weil so viel darauf gereist wird, obgleich ich nichts anderes sagen kann, als daß die Bestien von ganz vortrefflicher Zucht sind. Der alte Hektor schlug im Herbst an auf einen Hirsch über die breiteste Stelle des Otsego, und das ist doch anderthalb Meilen, wie ich selbst auf dem Eis mit Schritten abgemessen habe, als unter Zustimmung der Indianer der Strich zum erstenmal aufgenommen wurde.«

»Es scheint mir ein schlimmes Kompliment zu sein, Natty, daß Ihr Euerm Kameraden nach dem Argen seinen Namen gebt«, sagte die Wirtin, »und doch kommt mir der alte John nichts weniger als wie eine Schlange vor. Nimrod würde wohl besser für den alten Knaben passen und wäre doch zum mindesten ein christlicher Name, da er in der Bibel vorkommt. Der Sergeant las mir jenes Kapitel den Abend vor meiner Aufnahme in die Gemeinde vor, und es gereichte mir zu einer mächtigen Beruhigung, etwas aus dem Buch zu hören.«

»Der alte John und Chingachgook sind zwei ganz verschiedene Leute«, entgegnete der Jäger, indem er in trüben Erinnerungen den Kopf schüttelte. – »In dem Kriege von achtundfünfzig stand er in der Blüte seiner Manneskraft und war wohl auch um drei Zoll höher. Wenn Ihr ihn, wie ich es tat, an jenem Morgen gesehen hättet, als wir von unseren Mauern aus den Dieskau schlugen, so würdet Ihr ihn wohl für die hübscheste Rothaut, die Euch je vorgekommen ist, erklärt haben. Er war nackt bis auf die Hüft- und Beinkleidung, und Ihr habt sicher nie einen Menschen so schön bemalt gesehen: die eine Seite seines Gesichts rot, die andere schwarz. Sein Kopf war glatt geschoren mit Ausnahme eines Haarbüschels auf dem Scheitel, in dem er einen Busch von Adlerfedern trug, so schön, als kämen sie aus einem Pfauenschweif. Seine Brust war gefärbt, so daß sie wie ein Skelett mit seinen Rippen aussah; denn Chingachgook hatte viel Geschmack in solchen Dingen, und wenn er so mit seinem kühnen feurigen Gesicht, seinem Messer und seinem Tomahawk dastand, so konnte man sich kaum einen trotzigeren Krieger vorstellen. Er spielte auch seine Rolle wie ein Mann; denn ich sah ihn des andern Tages mit dreizehn Skalpen an seinem Gürtel. Auch muß ich der Großen Schlange nachsagen, daß sie ehrlich zu Werke ging und nie einem den Skalp nahm, den sie nicht eigenhändig getötet hatte.«

»Nun, nun«, rief die Wirtin; »Fechten ist Fechten, so oder so, und auch hierin gibt's verschiedene Moden; obgleich ich nicht sagen kann, daß ich Geschmack daran finde, wenn man einen Körper, nachdem der Atem entwichen ist, verstümmelt. Auch glaube ich nicht, daß ein Christ so etwas tun darf. Ich hoffe, Sergeant, daß du nie bei so argen Werken Beihilfe geleistet hast?«

»Meine Obliegenheit war, in Reih und Glied zu bleiben und mit dem Bajonett und der Muskete zu kämpfen oder zu fallen«, erwiderte der Veteran. »Ich war damals in dem Fort, und da ich selten meinen Platz verließ, so sah ich nur wenig von den Wilden, die vorn auf den Flanken plänkelten. Ich kann mich jedoch erinnern, von der Großen Schlange, wie man ihn nannte, gehört zu haben; denn er war ein berühmter Häuptling. Damals ließ ich's mir freilich wenig träumen, ihn dereinst unter der Benennung des alten John als Christen kennenzulernen.«

»Ja, ja; er wurde von den Mährischen Brüdern bekehrt, die immer viel auf die Delawaren hielten«, sagte Lederstrumpf. »Aber hätte man sie nur sich selbst überlassen, so gäbe es jetzt nicht so viel Hantierens um die Quellen der beiden Ströme, und diese Berge wären gute Jagdgründe für ihren rechtmäßigen Eigentümer, der noch nicht zu alt ist, um eine Büchse zu führen, und dessen Blick so scharf ist wie der des Fischadlers, wenn er – –«

Er wurde durch ein neues Stampfen an der Tür unterbrochen, und unmittelbar darauf trat die Gesellschaft aus dem Herrenhause ein, welcher der Indianer selbst folgte.

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