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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
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XII

 

Die Glaubenssatzungen gelehrter Kirchen
Sind wohl vielleicht ein sittlich schön Gebäu;
Doch scheint's, als ob nur Gottes starke Hand
Den Teufel könne aus dem Herzen reißen.

Duo

 

Während die Gemeinde den Betsaal verließ, näherte sich Herr Grant dem Platz, wo Elisabeth mit ihrem Vater saß, und stellte der ersteren in dem jungen Frauenzimmer, das wir im vorigen Kapitel erwähnten, seine Tochter vor. Elisabeth empfing sie so herzlich und offen, wie man es von den Sitten des Landes und dem Wert, den man auf gute Gesellschaft legte, nur erwarten konnte, und die beiden Mädchen fühlten im Augenblick, wie notwendig sie sich gegenseitig sein würden. Der Richter, dem die Tochter des Geistlichen gleichfalls fremd war, freute sich sehr, jemand zu finden, dessen Geschlecht, Gewohnheiten und Alter ohne Zweifel viel dazu betragen konnten, seinem Kinde den Aufenthalt in dem einsamen Templeton angenehm zu machen und sie die Trennung von dem geselligen Leben der Hauptstadt verschmerzen zu lehren, während Elisabeth, die sich durch die holde Anmut und die Andacht der jugendlichen Beterin mächtig angezogen fühlte, die Verlegenheit der schüchternen Fremden durch die Leichtigkeit ihres eigenen Benehmens zu verscheuchen suchte. So waren sie schnell miteinander bekannt, und schon während der zehn Minuten, in welchen sich die Leute aus der Akademie verliefen, wurden zwischen den jungen Mädchen Verabredungen nicht nur für den folgenden Tag getroffen, sondern diese würden sich auf den ganzen Winter erstreckt haben, hätte sie nicht der Geistliche durch die Worte unterbrochen:

»Gemach, gemach, meine liebe Miss Temple, oder Sie machen mir mein Mädchen zu zerstreut. Sie vergessen, daß sie meine Haushälterin ist, und daß meine wirtschaftlichen Angelegenheiten unbesorgt bleiben müßten, wenn Luise nur die Hälfte der gütigen Einladungen annehmen wollte, die Sie ihr zu machen so gefällig sind.«

»Und warum sollten sie denn nicht überhaupt unbesorgt bleiben, Sir?« fiel Elisabeth ein. »Sie sind Ihrer nur zwei, und meines Vaters Haus hat nicht nur Raum für Sie, sondern wird auch seine Türe gerne öffnen, um solche Gäste zu empfangen. Gesellschaft ist ein Gut, das man in dieser Wildnis nicht um bloßer Formen willen zurückweisen darf, und ich habe oft meinen Vater sagen hören, daß Gastfreundlichkeit in den neuen Landen keine Tugend sei, da im Gegenteil der Wirt dem Gast für den Besuch verpflichtet ist.«

»Die Art, wie Richter Temple diese Tugend übt, dient zur Bekräftigung seines Ausspruchs, aber es steht uns nicht zu, daraufhin zu sündigen. Zweifeln Sie indes nicht daran, daß Sie uns oft sehen werden, zumal mein Kind, da ich nicht selten veranlaßt sein werde, die entlegeneren Teile des Landes zu besuchen. Um übrigens auf ein solches Volk Einfluß zu gewinnen«, fuhr er fort, indem er, auf ein paar Nachzügler blickte, die neugierig zurückgeblieben waren, »darf ein Geistlicher nicht Neid und Mißtrauen erwecken, was notwendig herbeigeführt werden müßte, wenn er unter einem so prunkvollen Dach wie dem des Herrn Temple wohnen würde.«

»Das Dach gefällt Ihnen also, Herr Grant?« rief Richard, der inzwischen das Auslöschen der Feuer befohlen und einige andere Obliegenheiten besorgt hatte und nun gerade zu rechter Zeit herantrat, um noch die Schlußworte des Geistlichen zu vernehmen. »Es freut mich unendlich, einen Mann von Geschmack gefunden zu haben. Mein Vetter Duke da nimmt sich heraus, es mit allen nur erdenklichen Ekelnamen zu belegen, obgleich ich ihm immer sage, daß er nichts von der Zimmermannskunst versteht, so erträglich er auch als Richter sein mag. Nun, Sir, ich glaube, wir können ohne Großsprecherei sagen, daß der Gottesdienst diesen Abend so gut als einer ausgefallen ist – wenigstens so gut, als ich es je in Old-Trinity gesehen habe, die Orgel natürlich ausgenommen. Da ist der Schulmeister, der seinen Psalm recht gut vorzusingen weiß; ich tat es sonst selbst, aber in der letzten Zeit habe ich nichts als Baß gesungen, da mehr Kunst darin liegt und sich dabei eine schöne Gelegenheit bietet, die volle Kraft einer tiefen Stimme zu entwickeln. Auch Benjamin singt einen guten Baß, obgleich er oft mit den Worten nicht ganz zurechtkommt. Haben Sie ihn nie das Lied: ›Die Bai von Biskaya, oh‹ singen hören?«

»Ich glaube, er gab uns diesen Abend einen Teil davon zum besten«, sagte Marmaduke lachend. »Er ließ wenigstens hin und wieder einen furchtbaren Triller hören, und es scheint, daß Penguillan so vielen anderen gleicht, welche nichts üben, als was sie besonders verstehen; denn er war in der Tat wunderbar auf einen Ton versessen und entwickelte dabei eine merkwürdige Selbstzuversicht, indem er ihn dahinbrausen ließ wie einen Nordwester, der über den See hinfliegt. Doch kommen Sie, meine Herren, der Weg ist frei, und der Sleigh wartet. Gute Nacht, junge Dame, und vergessen Sie nicht, daß Sie morgen mit Elisabeth unter dem korinthischen Dach zu Mittag speisen.«

Man trennte sich nun, und Richard unterhielt sich, indem sie die Treppen hinunterstiegen, ganz eifrig mit Monsieur Le Quoi über den stattgehabten Psalmengesang, wobei er mit einem gewaltigen Lobspruch auf das Lied ›Die Bai von Biskaya, oh‹, schloß, da dies natürlich mit den Leistungen seines Freundes Benjamin in enger Verbindung stand.

Während des mitgeteilten Gesprächs blieb Mohegan, den Kopf in seiner Wolldecke vergraben, auf seinem Platz sitzen und schien das, was um ihn vorging, ebensowenig zu gewahren, wie die sich Entfernenden die Anwesenheit des alten Häuptlings beachteten. Auch Natty verließ den Holzblock, auf dem er sich niedergelassen hatte, nicht, sondern stützte den Kopf auf die eine Hand, während die andere die Büchse hielt, welche er nachlässig auf seinen Knien liegen hatte. Sein Gesicht drückte Unruhe aus, und die unsteten Blicke, die er während des Gottesdienstes umhergleiten ließ, bekundeten deutlich, daß sein Inneres betrübt war. Sein Verbleiben auf dem Sitz geschah jedoch aus Achtung vor dem indianischen Häuptling, dem er bei allen Gelegenheiten eine hohe Verehrung zollte, obgleich sich ihr etwas von der rauhen Sitte des Jägers beimischte.

Der junge Begleiter dieser zwei bejahrten Waldbewohner schien gleichfalls nicht ohne seine Kameraden aufbrechen zu wollen und blieb vor einer der ausgelöschten Feuerstellen stehen. Der Tempel barg nur noch diese Gruppe, den Geistlichen und seine Tochter. Sobald sich übrigens die Bewohner des Herrenhauses entfernt hatten, stand auch John auf, ließ die Decke vom Gesicht fallen, schüttelte die Masse schwarzer Haare aus seiner Stirn und näherte sich Herrn Grant, welchem er die Hand entgegenstreckte, indem er ihn zugleich feierlich anredete:

»Vater, ich danke dir. Die Worte, die du gesprochen hast, seit der Mond aufgegangen ist, sind aufwärts gestiegen, und der Große Geist ist erfreut. Was du deinen Kindern gesagt hast, werden sie nicht vergessen und gut sein.« Er hielt einen Augenblick inne; dann richtete er sich mit der ganzen Würde eines indianischen Häuptlings auf und fuhr fort:

»Wenn Chingachgook so lange lebt, um der untergehenden Sonne nachzuziehen zu seinem Stamme, und der Große Geist ihn über die Seen und Berge führt mit dem Atem in seinem Körper, so wird er seinen Leuten die Worte sagen, die er gehört hat, und sie werden ihm glauben; denn wer kann sagen, daß Mohegan je gelogen?«

»Verlaß dich ganz auf die göttliche Gnade«, erwiderte Herr Grant, dem das stolze Selbstgefühl des Indianers ein wenig unpassend schien, »und sie wird dich nie verlassen. Wenn das Herz mit der Liebe zu Gott erfüllt ist, so kann die Sünde keine Wurzel fassen. – Doch Ihnen, junger Mann, bin ich nicht nur in Gemeinschaft mit denen, welchen Sie diesen Abend auf dem Berg das Leben gerettet, zu Dank verpflichtet, sondern Sie verbinden mich auch aufs neue durch Ihr anständiges und frommes Benehmen, durch das Sie mir während des Gottesdienstes in einem sehr drückenden Augenblick zu Hilfe kamen. Es ist so selten, in diesen Wäldern einen Mann von Ihrem Alter und Äußern zu finden, der mit unserer heiligen Liturgie so ganz vertraut ist, daß dieser Umstand auf einmal die Entfernung zwischen uns aufhebt und ich Sie nicht länger als einen Fremden betrachten kann. Sie scheinen den Gottesdienst ganz genau zu kennen; denn ich bemerkte, daß Sie nicht einmal ein Buch hatten, obgleich der gute Herr Jones an mehreren Stellen welche auflegen ließ.«

»Es wäre sonderbar, wenn ich mit dem Gottesdienst unserer Kirche nicht bekannt wäre, Sir«, entgegnete der Jüngling, »denn ich wurde in ihrem Schoß getauft und habe nie einer andern öffentlichen Gottesverehrung beigewohnt. Ich würde mich ebensowenig in die Formen einer andern Konfession fügen können, wie dies heute abend bei den Leuten hierherum mit der Ihrigen der Fall war.«

»Ihre Bekanntschaft gewährt mir große Freude, mein Lieber«, rief der Geistliche, indem er die Hand des Jünglings ergriff und herzlich schüttelte. »Sie werden jetzt mit mir nach Hause gehen. In der Tat, Sie müssen es tun, – mein Kind hat Ihnen noch für die Rettung des Lebens ihres Vaters zu danken. Ich nehme keine Entschuldigung an. Dieser würdige Indianer und mein Freund hier werden uns begleiten. Ach, du mein Himmel! Ich darf nicht daran denken, daß er in dieser Gegend das Mannesalter erreichte, ohne auch nur einen Betsaal der Dissenters Die Geistlichen der bischöflichen Kirche in den Vereinigten Staaten nennen alle einem andern Bekenntnis Angehörigen ›Dissenters‹, obgleich sich diese in ihrem Lande nie als eine eigene Kirche erklärten. besuchen zu können!«

»Nein, nein«, unterbrach ihn Lederstrumpf, »ich muß zurück zu meinem Wigwam; ich habe dort etwas zu tun, was nicht unterbleiben darf, und würde auch noch so viel von Euren Kirchensachen und Lustbarkeiten gesprochen. Der Junge da mag mit Ihnen gehen; er ist daran gewöhnt, mit Geistlichen zu verkehren und von solchen Dingen zu reden; das gleiche ist auch der Fall bei dem alten John, der zur Zeit des alten Kriegs von den Mährischen Brüdern bekehrt wurde. Aber ich bin nur ein einfacher, ungelehrter Mann, der seinerzeit sowohl dem König als auch seinem Land gegen die Franzosen und gegen die Wilden gedient, aber seine Lebtage nie in ein Buch gesehen oder auch nur einen Buchstaben daraus gelernt hat. Ich habe nie den Nutzen solchen Stubensitzens einsehen können, und doch ist mein Haupt jetzt bald kahl. Nein, da lobe ich mir das Freie! Habe ich doch vordem in einem einzigen Sommer meine zweihundert Biber erlegt, das andere Wild gar nicht mitgerechnet. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so mögen Sie den Chingachgook fragen; denn dies geschah im Herzen des Delawarenlandes, und der alte Mann weiß, daß ich keine Unwahrheit rede.«

»Ich zweifle nicht, mein Freund, daß Ihr in Eurer Jugend ein ebenso rüstiger Soldat wie geschickter Jäger gewesen seid; aber es ist noch mehr nötig, um Euch für das herannahende Ende vorzubereiten. Ihr habt doch wohl von dem Sprichwort gehört: ›Junge können, Alte müssen sterben‹?«

»Nein, ich bin kein so großer Tor, um zu hoffen, daß ich ewig leben dürfe«, entgegnete Natty mit seinem stummen Lachen. »Auch kommt ein solcher Gedanke niemand zu Sinn, der die Fährten der Wilden durch die Wälder verfolgt und die heißen Monate an den Strömen der großen Seen zugebracht hat, wie es bei mir der Fall ist. Ich habe zwar eine kräftige Konstitution, was ein jeder, ohne daß ich es selber sage, sehen kann; und habe zu hunderten Malen aus den Fluten des Onondaga getrunken, wenn ich an den Hirschlecken lauerte, in einer Zeit, wo der Sassafras dort noch so häufig war wie heutzutage die Klapperschlangen an dem alten Crumhorn; aber nie habe ich gehofft, ich werde für immer aushalten. Es gibt Leute, welche die Garman-Ebenen noch als eine Wildnis kannten und dabei Gelehrte sind, die sich gewaltig auf Religion verstehen; aber jetzt kann man sich eine ganze Woche dort umsehen und nicht einmal einen Fichtenstumpf finden, und doch war es ein Wald, der über ein halbes Jahrhundert noch in dem Boden steckte, nachdem die Bäume schon tot waren.«

»Das fällt alles der Zeit anheim, mein guter Freund«, versetzte Herr Grant, der an dem Wohl seines neuen Bekannten ein Interesse zu finden begann, »aber ich wünschte, Ihr würfet auch einen Blick nach der Ewigkeit. Es ist Eure Pflicht, die Orte öffentlicher Gottesverehrung zu besuchen, und es machte mir Freude, daß ich Euch diesen Abend hier getroffen. Würde es nicht unvernünftig von Euch sein, wenn Ihr auf eine mühsame Jagd ausgehen wolltet und Euren Flintenstein und Ladestock zurückließet?«

»Das müßte ein Anfänger in den Wäldern sein«, unterbrach ihn Natty mit einem zweiten Lachen, »der nicht einen Ladestock aus einem Eschenzweig schnitzen oder einen passenden Stein in den Bergen finden könnte. Nein, nein, ich habe nie gehofft, immer zu leben; aber ich sehe, die Zeiten ändern sich in diesen Bergen, und seit dreißig Jahren schon – nein, was diesen Punkt betrifft, seit zehn Jahren – hat alles eine ganz andere Gestalt bekommen. Doch Macht gibt Recht, und das Gesetz ist stärker als ein alter Mann, sei er nun ein Gelehrter oder meinesgleichen. Man hält's jetzt freilich für bequemer, dem Wild an den Engpässen aufzulauern, als ihm mit den Hunden nachzusetzen, was mir vordem niemand wehren konnte. Habe ich doch nie einen Prediger in eine Ansiedlung kommen sehen, ohne daß das Wildbret rarer geworden und das Pulver im Preis gestiegen wäre; und doch geht das lange nicht so leicht wie das Schnitzen eines Ladestocks oder das Einsetzen eines indianischen Flintensteins.«

Der Geistliche bemerkte, daß er durch seine unglücklich gewählte Vergleichung dem Gegner in die Hände gearbeitet hatte, und ließ daher klüglicherweise von seiner Kontroverse ab, obgleich er entschlossen war, sie bei günstigerer Gelegenheit wieder aufzunehmen. Er wiederholte sein Gesuch angelegentlich gegenüber dem jungen Jäger, und dieser, nebst dem Indianer, willigte ein, ihn und seine Tochter nach der Wohnung zu begleiten, welche Herrn Jones' Sorgfalt für ihn hergestellt hatte. Lederstrumpf beharrte jedoch auf seiner Absicht, nach der Hütte zurückzukehren, und so trennten sie sich an der Tür des Bethauses.

Nachdem sie eine Weile auf der Straße, die nach dem Dorf führte, fortgegangen waren, bog Herr Grant, der den Zug anführte, durch ein Paar offene Schranken in einen Fußpfad ein, der nicht breiter war, als daß eine Person hinter der andern darauf fortkommen konnte. Der Mond stand so hoch, daß er seine Strahlen senkrecht über das Tal goß, und die scharf begrenzten Schatten der kleinen Gesellschaft glitten an den silberweißen Schneedämmen wie luftige Gestalten dahin. Trotz der vollkommenen Windstille war die Nacht noch immer schneidend kalt. Der Pfad war so fest getreten, daß sich selbst das zarte Mädchen, das bei der Gesellschaft war, mit Leichtigkeit in seinen Windungen fortbewegte, obgleich selbst unter ihren elastischen Tritten der hartgefrorene Schnee laut aufknarrte.

Der Geistliche in seinem dunkelfarbigen Gewand, welcher das milde wohlwollende Antlitz, in dem sich der den Mann charakterisierende demütige Eifer nicht verkennen ließ, zu wiederholten Malen nach seinen Gefährten umwandte, bildete den Anführer dieser vereinzelten Gruppe. Hinter ihm kam der Indianer, dessen üppige Haare das unbedeckte Haupt umflogen, während der übrige Teil seines Körpers durch die Wolldecke verhüllt war. Wenn man das dunkle Gesicht mit seinen unbeweglichen Muskeln im Licht des Mondes betrachtete, wie es von der Seite einfiel, so mochte er wohl als das Bild des resignierten hohen Alters erscheinen, an dem sich die Stürme des Winters seit mehr als einem halben Jahrhundert vergeblich versucht hatten; sobald John aber den Kopf umwandte und die Strahlen unmittelbar auf seine schwarzen feurigen Augen fielen, so konnte man deutlich eine ganze Geschichte ungezügelter Leidenschaften und eines an keine Grenzen sich bindenden Gedankenfluges darin lesen. Miss Grants leichte Gestalt, die nun folgte und wohl etwas zu luftig für die Strenge der Jahreszeit gekleidet war, bildete einen schroffen Gegensatz zu dem wilden Anzug und den unsteten Blicken des Delawarenhäuptlings. Mehr als einmal fühlte sich während dieses kurzen Spazierganges der junge Jäger, der nicht als die unbedeutendste Person in der Gruppe erschien, veranlaßt, über die menschliche Form Vergleichungen anzustellen, wenn Mohegans Gesicht und Miss Grants zartes Antlitz mit Augen, die mit der sanften Bläue des Himmels wetteiferten, seinen Blicken begegneten, sooft eines der beiden nach der glänzenden Scheibe, die ihren Pfad beleuchtete, aufsah. Sie kürzten sich den Weg, der über die hinter den Häusern liegenden Felder führte, durch ein Gespräch, das, je nach dem Gegenstand, bald flau, bald lebhaft geführt wurde. Der Geistliche begann die Unterhaltung.

»Es ist in der Tat ein so eigentümlicher Umstand«, sagte er, »hier in diesem Ort einem Manne Ihres Alters zu begegnen, der sich nie durch eitle Neugierde bewegen ließ, eine andere Kirche als die, welcher er seine sittliche Erziehung verdankt, zu besuchen, daß ich ein starkes Verlangen fühle, die Geschichte eines so glücklich geregelten Lebens kennenzulernen. – Sie müssen eine sehr gute Erziehung genossen haben, wie aus Ihrem Benehmen und Ihrer Sprache hervorzugehen scheint. In welchem Staat sind Sie geboren, Herr Eduard? – denn das ist, glaube ich, der Name, den sie dem Richter Temple angaben.«

»In diesem.«

»Ihrem Dialekt nach wäre ich nicht auf diese Vermutung gekommen, da er in der Tat nichts von den Eigentümlichkeiten aller der Landstriche trägt, in denen ich bekannt bin. Sie haben wohl viel in den Städten gewohnt? Denn kein anderer Teil dieses Landes ist so glücklich, unsere ausgezeichnete Liturgie beharrlich geübt zu sehen.«

Der junge Jäger lächelte, als er hörte, wie der Geistliche so deutlich verriet, aus welchem Teil des Landes er selber stammte, unterließ es jedoch, vermutlich aus Gründen, die mit seiner derzeitigen Lage in Verbindung standen, zu antworten.

»Ich bin ungemein erfreut, Sie kennengelernt zu haben, mein junger Freund; denn ich denke, ein edler Sinn, wie der Ihrige es ohne Zweifel ist, wird alle diejenigen Früchte bringen, die aus einer wohlbegründeten Lehre und einer die Andacht hebenden Liturgie fließen. Sie haben wahrgenommen, wie ich mich diesen Abend in die Laune meiner Zuhörer fügen mußte. Der gute Herr Jones wünschte, daß ich die Kommunionformel und in der Tat sogar den ganzen Morgengottesdienst verlesen sollte, aber zum Glück verlangen dies die Kirchengesetze am Abend nicht, wie es denn überhaupt auf meine neue Gemeinde unangenehm eingewirkt haben würde. Aber ich gedenke, morgen das Sakrament zu administrieren. Werden Sie an der Kommunion teilnehmen, mein junger Freund?«

»Ich glaube nicht, Sir«, erwiderte der Jüngling mit einiger Verlegenheit, die sich keineswegs verminderte, als Miss Grant plötzlich unwillkürlich stehenblieb und überrascht die Augen auf ihn heftete. »Ich fürchte, daß ich nicht vorbereitet bin. Ich habe mich noch nie dem Altar genähert und möchte es auch nicht tun, solange ich finde, daß noch so viel Irdisches mein Herz gefangenhält.«

»Jeder muß sich selbst am besten kennen«, sagte Herr Grant, »obgleich mich dünkt, daß ein Jüngling, der sich nie von falschen Lehren hat hinreißen lassen, und der sich so viele Jahre hindurch der Reinheit unserer Liturgie erfreute, getrost kommen dürfe. Doch ist die Handlung zu heilig, Sir, und niemand sollte sie begehen, wenn er nicht die Überzeugung in sich trägt, daß es ihm völlig ernst damit ist. Ich bemerkte diesen Abend in Ihrem Benehmen gegen den Richter Temple eine Reizbarkeit, die nahe an eine der schlimmsten Leidenschaften des Menschen grenzt. – Wir wollen hier über diesen Bach gehen; das Eis ist, denke ich, fest genug, um uns zu tragen. – Nimm dich in acht, liebes Kind, daß du nicht ausgleitest.«

Bei diesen Worten bog er in eine kleine Versenkung des Pfades nach einem der kleinen Bäche ein, welche ihr Wasser in den See ergossen, und als er sich umwandte, um nach seiner Tochter zu sehen, bemerkte er, daß der Jüngling vorgetreten war und ihr den Arm gereicht hatte. Sobald sie alle wohlbehalten auf der andern Seite standen, stieg er an dem Ufer wieder hinan und setzte sein Gespräch fort.

»Es war nicht recht, mein lieber Herr, es war unter keinen Umständen recht, solche Gefühle aufkommen zu lassen; am allerwenigsten aber in einem Falle, wo von keiner absichtlichen Beschädigung die Rede sein konnte.«

»Es ist etwas Gutes in den Worten meines Vaters«, sagte Mohegan, indem er stehenblieb und dadurch auch diejenigen, welche ihm nachfolgten, zum Haltmachen nötigte; »denn ebenso spricht Miquon. Der weiße Mann mag tun, wie ihm seine Väter gesagt haben; aber der junge Adler hat das Blut eines Delawarenhäuptlings in seinen Adern; es ist rot, und der Flecken, den es macht, kann nur durch das Blut eines Mingo ausgelöscht werden.«

Herr Grant wurde durch die Unterbrechung des Indianers so überrascht, daß er sich umwandte und den Sprecher ansah. Seine milden Züge waren auf das stolze und wilde Antlitz des Häuptlings gerichtet und sprachen das Entsetzen aus, welches er fühlte, als er eine solche Ansicht aus dem Munde eines Mannes vernahm, der sich zu der Religion seines Heilandes bekannte. Er erhob die gefalteten Hände und rief:

»John, John! ist das die Religion, die du von den Mährischen Brüdern gelernt hast? Doch nein – ich will mir keine solche lieblose Voraussetzung erlauben. Sie sind fromme, sanfte und milde Leute und würden solche Leidenschaften nicht dulden, – ›ich aber sage Euch, liebet Eure Feinde; segnet die, so Euch fluchen; tut Gutes denen, die Euch hassen, und betet für die, welche Euch beleidigen und verfolgen‹! – Dies ist das Gebot Gottes, John, und wer sich nicht Mühe gibt, demselben nachzukommen, wird das Reich der Seligen nicht schauen.«

Der Indianer hörte dem Geistlichen mit Aufmerksamkeit zu; die ungewöhnliche Glut seines Auges sänftigte sich allmählich, und seine Gesichtsmuskeln nahmen die gewöhnliche Ruhe wieder an; dann aber schüttelte er leicht das Haupt, winkte Herrn Grant mit Würde, weiterzugehen, und folgte selbst schweigend nach. Die Aufregung veranlaßte den Geistlichen, mit ungewöhnlicher Schnelle in dem tiefen Pfade fortzueilen, und der Indianer hielt, augenscheinlich ohne daß es ihn Anstrengung kostete, gleichen Schritt mit ihm; der junge Jäger aber bemerkte, als bereits ein kleiner Zwischenraum zwischen den beiden Vorderen und den Folgenden lag, daß das Mädchen nicht nachzukommen vermochte, weshalb er ihr seinen Beistand anbot.

»Sie sind ermüdet, Miss Grant«, sagte er. »Man gleitet auf dem Schnee leicht aus, und Sie sind nicht imstande, es uns Männern gleichzutun. Ich bitte, treten Sie ein wenig auf die Seite und nehmen Sie den Beistand meines Armes an. Jenes Licht dort kommt, wie ich glaube, aus dem Hause Ihres Vaters, aber es scheint noch ziemlich weit entfernt zu sein.«

»Ich kann noch recht gut gehen«, erwiderte sie mit leiser, bebender Stimme, »aber das Benehmen des Indianers hat mich erschreckt. Ach, sein Auge war fürchterlich, als er es gegen den Mond erhob, während er mit meinem Vater sprach. Doch, ich vergesse, Sir, daß er Ihr Freund und, seinen Reden nach zu schließen, vielleicht Ihr Verwandter ist; und doch habe ich keine Angst vor Ihnen.«

Der junge Mann trat auf die Schneerinde, welche fest genug war, um sein Gewicht zu tragen, und veranlaßte seine Gefährtin mit sanfter Gewalt, ihm zu folgen. Er legte ihren Arm in den seinigen, nahm die Mütze von seinem Kopf, so daß die dunklen Locken in reichen Ringeln um seine offene Stirn wallten, und ging mit einer Miene selbstbewußten Stolzes neben ihr her, als wolle er sie auffordern, die Gedanken in seinem Innersten zu lesen. – Luise warf nur einen verstohlenen Blick auf den Jüngling und schritt, gestützt von seinem Arme, rasch und ruhig voran.

»Sie kennen die Eigentümlichkeiten dieses Volkes nur wenig, Miss Grant«, sagte er, »sonst würden Sie wissen, daß Rache dem Indianer als eine Tugend gilt. Man hat sie von Kindheit auf gelehrt, es für eine Pflicht zu halten, jede Unbill zu vergelten, und nichts als die höheren Ansprüche der Gastfreundlichkeit kann gegen ihre Rache schützen, wenn die Macht dazu in ihre Hand gegeben ist.«

»Aber Sie sind doch nicht zu so unheiligen Grundsätzen erzogen worden?« entgegnete Miss Grant, indem sie unwillkürlich ihren Arm aus dem seinigen zog.

»Für Ihren vortrefflichen Vater bedürfte es keiner andern Antwort, als daß ich in dem Schoß der Kirche erzogen wurde, aber gegen Sie will ich hinzufügen, daß mir die Lehre von der Vergebung tief und nachdrücklich durch das Leben selbst eingeschärft wurde. Ich glaube, daß mir in dieser Hinsicht nur wenig vorgeworfen werden kann, und ich will mir Mühe geben, auch dieses wenige noch zu vermindern.«

Er hatte bei diesen Worten haltgemacht und ihr aufs neue seinen Arm angeboten, den sie auch, sobald er geendet, ruhig hinnahm und weiterging. Herr Grant und Mohegan hatten inzwischen die Tür der Pfarrwohnung erreicht und harrten nun an der Schwelle ihrer nachkommenden Begleiter. Der erstere war eifrig bemüht, durch seine Gründe die üblen Neigungen zu vertilgen, die er eben bei dem Indianer entdeckt hatte, während der letztere in tiefer Aufmerksamkeit zuhörte. Sobald die Dame und der junge Jäger anlangten, traten sie in das Gebäude.

Das Haus lag vom Dorfe ab in der Mitte eines Feldes, aus dessen weißer Fläche Baumstümpfe mit fast zwei Fuß hohen Schneekappen hervorragten. Kein Baum, kein Gesträuch war in der Nähe, und das Haus gewährte äußerlich jenen reizlosen Anblick, den man gewöhnlich bei den hastig errichteten Häusern eines neu angebauten Landes wahrnimmt. Für den wenig einladenden Eindruck der Außenseite boten jedoch zum Glück die ausgesuchte Nettigkeit und die behagliche Wärme im Innern einen hinreichenden Ersatz.

Sie traten in ein Gemach, das sich ganz zu einem Wohnzimmer eignete, obgleich der große Kamin nebst dem dabei befindlichen Küchengerät verriet, daß es hin und wieder auch zu wirtschaftlichen Zwecken dienen mußte. Die lodernde Flamme des Herdes machte das Licht, welches Luise aufsteckte, unnötig, da sie hinreichte, die sparsame Möblierung des Zimmers sichtbar werden zu lassen. Der Boden war in der Mitte mit einem aneinandergestückten Teppich belegt – ein Artikel, der damals im Innern des Landes häufig verwendet wurde und auch noch heutzutage nicht selten zu finden ist –, so daß nur in den Ecken des Zimmers die ungemein reinlich gehaltenen Dielen sichtbar waren. Der Tee- und Arbeitstisch nebst einem altmodischen Mahagonibücherschrank bekundeten, daß die Insassen den besseren Ständen angehörten, obgleich die Stühle, der Speisetisch und das übrige Möbelwerk von der einfachsten und wohlfeilsten Art waren. An den Wänden hingen ein paar Handzeichnungen und Stickereien, von denen die letzteren mit großer Zierlichkeit, obgleich nicht nach den besten Mustern, ausgeführt waren, während erstere nach Anlage und Vollendung viel zu wünschen übrigließen. Eine der Stickereien zeigte auf einem Hintergrund, in welchem sich eine gotische Kirche blicken ließ, ein über einem Grabmal weinendes Frauenzimmer. An dem Grabmal befanden sich neben den Geburts- und Todestagen die Namen mehrerer Individuen, welche alle Grant hießen. Ein flüchtiger Blick darauf reichte hin, den jungen Jäger über die Familienverhältnisse des Geistlichen zu belehren; denn er entnahm daraus, daß Herr Grant Witwer war, und daß das unschuldige schüchterne Mädchen, welches er herbegleitet, ihre fünf Geschwister überlebt hatte. Das Bewußtsein, wie sehr das Glück dieser beiden demütigen Christen auf ihrer gegenseitigen Liebe und Anhänglichkeit beruhe, erhöhte den Zauber der zarten und innigen Aufmerksamkeit, welche die Tochter dem Vater weihte.

Der junge Jäger stellte diese Beobachtungen an, während die Gesellschaft vor dem lustigen Feuer Platz nahm, was eine Unterbrechung des Gesprächs zur Folge hatte. Sobald aber alle sich's bequem gemacht und Luise das dünne verblichene Seidenkleid und den Strohhut, der allerdings mehr zu ihrem bescheidenen edlen Antlitz als für die rauhe Jahreszeit paßte, abgelegt und gleichfalls einen Stuhl zwischen ihrem Vater und dem Jüngling genommen hatte, begann der erstere aufs neue:

»Ich hoffe, mein junger Freund, daß die Erziehung, welche Sie erhielten, die meisten jener rachsüchtigen Grundsätze ausgerottet hat, welche Sie wohl Ihrer Abkunft verdanken mögen; denn wenn ich Johns Ausdrücke recht verstehe, so strömt einiges von dem Blut des Delawarenstammes in Ihren Adern. Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen; denn weder die Farbe noch die Abkunft gibt ein Verdienst, und ich weiß nicht, ob nicht diejenigen, die dem Blute nach den ursprünglichen Eigentümern dieses Bodens entsproßten, das beste Recht haben, diese Berge mit leichtem Gewissen zu betreten.«

Mohegan wandte sich feierlich und mit den ausdrucksvollen Gebärden eines Indianers zu dem Sprecher und entgegnete:

»Vater, du hast den Sommer deines Lebens noch nicht zurückgelegt; deine Glieder sind jung. Geh auf den höchsten Berg und blick um dich. Alles, was du siehst, vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, von den Hauptwassern der großen Quelle bis dahin, wo sich der gekrümmte Fluß Susquehanna heißt ›gekrümmter Fluß‹, wie überhaupt hannah oder hannock in vielen Dialekten der Eingebornen einen Fluß bedeutet. So finden wir weiter südlich in Virginien einen Rappehannock. in den Bergen verbirgt, ist sein. Er stammt aus dem Blut der Delawaren, und sein Recht ist stark. Aber der Bruder von Miquon ist gerecht. Er wird das Land in zwei Teile schneiden, wie es der Fluß in den Niederungen tut, und wird zu dem Jungen Adler sagen: ›Kind der Delawaren, nimm es – behalte es und sei ein Häuptling in dem Lande deiner Väter‹.«

»Niemals«, rief der junge Jäger mit einer Heftigkeit, welche die gespannte Aufmerksamkeit plötzlich vernichtete, womit der Geistliche und seine Tochter dem Indianer zuhörten. »Der Wolf des Waldes ist nicht gieriger auf seine Beute als dieser Mann nach Gold, und doch ist sein Schleichen nach dem Besitz so leise wie die Bewegung der Schlange.«

»Gott bewahre dich, Gott bewahre dich, mein Sohn«, unterbrach ihn Herr Grant. »Solche ungestüme Leidenschaftlichkeit darf man nicht aufkommen lassen. Die zufällige Beschädigung, die dir von dem Richter Temple zugefügt wurde, hat das Gefühl der Kränkung wegen Beeinträchtigung deines Erbes gesteigert. Aber vergiß nicht, daß die eine unabsichtlich war und die andere eine Wirkung des politischen Wechsels ist, welcher in seinem Lauf den Stolz von Königen demütigte und mächtigen Nationen den Untergang gebracht hat. Wo sind nun die Philister, die so oft die Kinder Israels ihr Joch fühlen ließen? Wo ist die Stadt Babylon, die in Üppigkeit und Lastern schwelgte und sich in ihrem Stolz die Königin der Völker nannte? Erinnere dich der Bitte in unserer heiligen Litanei, in der wir die Allmacht anflehen – ›daß es ihr gefallen möge, unsern Feinden, Verleumdern und Verfolgern zu vergeben und ihre Herzen umzuwenden‹. Das Unrecht, das den Eingeborenen zugefügt wurde, hat Richter Temple mit einem ganzen Volk gemein, und was deinen Arm anbelangt, so wird er bald wieder die frühere Kraft besitzen.«

»Dieser Arm?« wiederholte der Jüngling, indem er mit heftiger Aufregung im Zimmer auf und ab schritt. »Glauben Sie, Sir, ich halte den Mann für einen Mörder? – O nein, er ist zu schlau und zu feige zu solch einem Verbrechen. Aber mögen immerhin er und seine Tochter in seinem Reichtum schwelgen – der Tag der Vergeltung bleibt nicht aus. – Nein, nein, nein«, fuhr er ruhiger auftretend fort – »nur Mohegan konnte auf die Vermutung kommen, daß die Verletzung absichtlich geschah; doch diese Kleinigkeit ist nicht wert, daß ich weiter daran denke.«

Er setzte sich, stemmte die Arme auf seine Knie und verbarg sein Gesicht mit den Händen.

»Es ist das erbliche Ungestüm der Leidenschaft eines Eingeborenen, mein Kind«, sagte Herr Grant leise zu seiner Tochter, welche sich entsetzt an seinen Arm geklammert hatte. »Er hat, wie du hörtest, indianisches Blut in den Adern, und weder die Macht der Erziehung noch die Vorteile unserer ausgezeichneten Liturgie sind imstande gewesen, das Übel mit der Wurzel auszurotten. Doch können Sorgfalt und Zeit noch viel für ihn tun.«

Obgleich der Geistliche leise gesprochen hatte, so war er doch von dem Jüngling nicht unbeachtet geblieben; denn dieser erhob jetzt sein Haupt und fuhr mit einem unbestimmten Lächeln in seinen Zügen ruhiger fort:

»Sie brauchen sich weder durch die Wildheit meines Benehmens noch durch die Rauheit meines Äußern beunruhigen zu lassen, Miss Grant. Eine Leidenschaftlichkeit hat mich hingerissen, die ich hätte unterdrücken sollen, und ich muß sie mit Ihrem Vater dem Blute beimessen, das in meinen Adern fließt, obgleich ich meinem Stamm deshalb keinen Vorwurf machen will; denn es ist das einzige mir verbliebene Erbe, dessen ich mich rühmen kann. Ja, ich bin stolz auf die Abkunft von einem Delawarenhäuptling, von einem Krieger, der der menschlichen Natur zur Ehre gereichte. Der alte Mohegan war sein Freund und der Zeuge seiner Tugenden.«

Herr Grant nahm jetzt das Gespräch auf, und als er den jungen Mann ruhiger und den betagten Häuptling aufmerksam fand, erging er sich in einer weiten theologischen Erörterung über die Pflicht der Vergebung. Die Unterhaltung dauerte über eine Stunde, bis endlich die Gäste aufstanden und sich aufs freundlichste verabschiedeten. An der Tür trennten sie sich, und Mohegan schlug den Weg nach dem Dorf ein, während der Jüngling dem See zuging. Der Geistliche blieb vor seinem Hause stehen und sah der dahingleitenden Gestalt des alten Häuptlings nach, der sich mit einer für seine Jahre erstaunlichen Geschwindigkeit in dem tiefen Pfad hinbewegte; sein schwarzes, starres Haar war noch über dem durch die Wolldecke gebildeten Ballen sichtbar, der sich bisweilen in dem Silberlicht des Mondes kaum von dem Schnee unterscheiden ließ. An der hinteren Seite des Hauses befand sich ein Fenster, das sich nach dem See hin öffnete; hier wurde Luise von ihrem Vater gefunden, wie sie aufmerksam in der Richtung der östlichen Berge nach irgendeinem Gegenstand blickte. Er näherte sich ihr und bemerkte die Gestalt des jungen Jägers in der Entfernung von einer halben Meile, wie sie mit großen Schritten über das weite Schneefeld, welches das Eis bedeckte, gerade nach der Stelle hinstreifte, wo, wie er wußte, Lederstrumpfs Wohnung am Rand des Sees unter einem Felsen lag, dessen Gipfel mit Fichten und Tannen bedeckt war. Im nächsten Augenblick verloren sich die Umrisse des Fremden im Schatten überhängender Bäume und kamen nicht wieder zum Vorschein.

»Es ist wunderbar, wie lange sich die Neigungen des Wilden in diesem merkwürdigen Geschlecht fortpflanzen«, sagte der gute Geistliche, »aber wenn er fortfährt, wie er angefangen, so wird er dennoch zuletzt Herr darüber werden. Erinnere mich daran, Luise, daß ich ihm bei seinem nächsten Besuch die Predigt ›gegen die Gefahren des Götzendienstes‹ leihe.«

»Gewiß, lieber Vater, Sie glauben nicht, daß er je zu der Gottesverehrung seiner Vorfahren zurückkehrt?«

»Nein, mein Kind«, entgegnete der Diener der Kirche, indem er seine Hand mit einem liebevollen Lächeln auf ihre gelben Locken legte, »sein weißes Blut schon würde das verhindern; aber es gibt auch noch einen andern Götzendienst, – den unserer Leidenschaften.«

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