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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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Und zum Gebet ruft Evas sündige Kinder
In ernsten Tönen der metallne Mund.

Scotts Bürger

 

Richard und Monsieur Le Quoi schlugen, von Ben begleitet, einen mit Schnee bedeckten Fußpfad nach der Akademie ein, während der Richter, der Geistliche und der Major den zwar weiteren, aber betreteneren Weg durch das Dorf wählten.

Der Mond war aufgegangen, und seine Scheibe goß ihren Lichtstrom über die dunklen Umrisse der Fichten, die das östliche Gebirge krönten. Der Himmel war so klar und rein wie in manchen anderen Gegenden zur Mittagszeit. Die Sterne blinkten in der leuchtenden Atmosphäre wie das letzte Flimmern eines ersterbenden Feuers, und die Strahlen des Mondes, die sich auf der weißen, glatten Oberfläche des Sees und der Felder brachen, warfen ein Licht zurück, das durch die fleckenlose Farbe der unermeßlichen Schneemassen, welche die Erde bedeckten, noch erhöht wurde.

Während der Sleigh sich leicht und stetig durch die Hauptstraße bewegte, beschäftigte sich Elisabeth mit dem Lesen der Inschriften, die fast über jeder Tür angebracht waren. Mit jedem Schritt, den die Pferde machten, begegneten ihre Augen nicht nur neuen Gewerben, sondern auch Namen, die ihr fremd waren. Sogar die Häuser schienen verändert. Das eine hatte einen neuen Anbau erhalten, das andere war frisch angestrichen, und ein drittes stand an der Stelle eines bekannten, das ebenso schnell von der Erde wieder verschwunden war, wie man es aufgebaut hatte; aber alle schienen sich ihrer Bewohner entledigt zu haben, denn Männer, Weiber und Kinder strömten nach der Stelle, wo ihrer ein Schaugericht aus Richards und Benjamins Kunstküche harrte.

Nachdem unsere Heldin die Gebäude, welche sich allerdings in dem hellen und weichen Mondlicht ziemlich vorteilhaft ausnahmen, genugsam betrachtet hatte, wandte sie ihre Blicke nach den verschiedenen vorbeieilenden Gestalten, ob sie nicht irgendeinen Bekannten fände. In ihre Mäntel, Kapuzen, Überröcke und Kragen gehüllt, schienen sich jedoch alle zu gleichen, und Elisabeths Augen spähten um so vergeblicher, da die schnell dahingleitenden Personen großenteils hinter den Schneehaufen, die man vor den Häusern aufgeschaufelt hatte, um einen Weg zu bahnen, verborgen waren. Ein- oder zweimal kam es ihr vor, als bemerke sie einen bekannten Gang oder eine Figur, deren sie sich erinnern konnte, aber dann verlor sich diese schnell wieder hinter einem jener ungeheuren Holzhaufen, die fast vor jeder Türe lagen. Erst als sie von der Hauptstraße in eine zweite einbog, welche die erstere in einem rechten Winkel kreuzte und geradezu nach dem Versammlungsplatz führte, traf sie auf ein Gesicht und ein Gebäude, die ihr beide nicht fremd waren.

Das Haus stand an einer der Hauptecken des Dorfes und bekundete sich durch den zertretenen Weg vor dem Eingang sowohl als durch das Schild, das unter den vom See herkommenden Windstößen mit ächzenden Tönen hin und her pendelte, als eines der besuchtesten Wirtshäuser der Gegend. Das Gebäude war nur einen Stock hoch, aber die Dachfenster, der Anstrich, die Fensterläden und das lustige Feuer, das durch die Tür sichtbar war, gaben ihm ein behagliches Aussehen, dessen sich nicht viele seiner Nachbarn erfreuten. Das Schild hing an einem gewöhnlichen Bierhausbalken und stellte auf einem Roß, das sich bäumte, einen mit Säbel und Pistolen bewaffneten Reiter vor, der eine Bärenmütze auf dem Kopf trug.

Alle diese Einzelheiten sowie eine etwas unleserliche schwarzgemalte Inschrift, aus der jedoch Elisabeth, die mit der Sache vorher schon vertraut war, ohne Mühe die Worte ›Zum kühnen Dragoner‹ entziffern konnte, ließen sich im Mondlicht leicht unterscheiden.

Als der Sleigh vorüberfuhr, traten eben ein Mann und eine Frau aus der Tür des Hauses. Der erstere schritt in einer steifen militärischen Haltung, die durch ein hinkendes Bein noch auffallender gemacht wurde, einher, während die Frau sich mit einer Miene vorwärts bewegte, die keine sonderliche Ehrfurcht vor dem, was ihrer wartete, ausdrückte. Die Strahlen des Mondes fielen gerade auf ihr rotes, breites und volles Gesicht und ließen unter einer lächerlich verzierten Haube, welche die Linien eines nicht gerade ängstlichen Gesichtes mildern sollte, ziemlich männliche Züge erkennen. Hinten auf ihrem Kopf saß ein kleiner, schwarzer, seidener Hut, ohne jedoch das liebenswürdige Antlitz zu beschatten, das sich im Mondlicht fast wie eine im Westen aufgehende Sonne ausnahm. Sie eilte mit männlichen Schritten vorwärts, um den Sleigh einzuholen; der Richter befahl daher dem Namensvetter des griechischen Königs, der die Zügel hielt, mit den Pferden zu halten, worauf sich nun folgendes Gespräch entspann:

»Wünsche Glück und guten Willkomm in der Heimat, Richter«, rief das Weib mit hartem, irischem Akzent, »mir wenigstens seid Ihr immer willkommen. Und da ist auch Miss Lizzy – aber was das für ein hübsches Frauenzimmer geworden ist! Welch ein Herzweh würde sie nicht den jungen Männern machen, wenn wir so etwas wie ein Regiment im Orte hätten! Doch sollte man nicht von solchen eitlen Dingen reden, wenn uns die Glocke zur Kirche ruft, da sie einen, ehe man sich's versieht, zur letzten Rechenschaft abrufen kann. Guten Abend, Major! Soll ich Euch diesen Abend eine Bowle Wacholderpunsch bereithalten, oder wollt Ihr die erste Nacht Eures Hierseins, die noch obendrein die Weihnacht ist, in dem großen Hause zubringen?«

»Es freut mich, Euch zu sehen, Frau Hollister«, sagte Elisabeth, »ich habe mich durch das ganze Dorf nach einem bekannten Gesicht umgesehen und kein einziges außer Eurem gefunden. Auch Euer Haus ist noch das alte, während alle übrigen so verändert sind, daß ich sie nur noch an ihren Plätzen zu erkennen vermag. Ihr scheint auch das Schild sehr in Ehren zu halten, das ich meinen Vetter Richard malen sah, und auch den Namen untenherum, über den es, wie Ihr wißt, zwischen Euch und ihm zum Streit kam.«

»Ah, Ihr meint den kühnen Dragoner? Und welchen Namen wollte er denn haben, da mein seliger Mann nie unter einem anderen bekannt war, wie mein Mann da, der Hauptmann, bezeugen kann? Er machte sich ein Vergnügen daraus, die Gäste zu bedienen, und war immer der vorderste, wo es galt. Aber ach, das hat alles ein plötzliches Ende genommen. Ich hoffe indes, daß er Gnade gefunden hat, wenn es mir der Pfarrer Grant auch hundertmal in Abrede stellen will. – Ja, ja, der Squire wollte das Schild malen, und da hielt ich es für das beste, das Gesicht des Verstorbenen zu verewigen, der so oft Gutes und Schlimmes mit uns geteilt hatte. Freilich sind die Augen nicht so groß und so feurig wie die seinen, aber Bart und Mütze gleichen sich wie ein Ei dem andern. Doch ich will Euch nicht länger mit Schwatzen in der Kälte aufhalten, sondern morgen nach dem Gottesdienst einkehren und mich nach Eurem Befinden erkundigen. Es ist unsere Pflicht, von dem Augenblick den besten Gebrauch zu machen und das Haus zu besuchen, welches allen offensteht. Gott behüte Euch und bewahre Euch vor allem Übel! Soll ich den Wacholderpunsch zurichten oder nicht, Major?«

Auf diese Frage antwortete der Deutsche einfach mit ja, und nachdem noch einige Worte zwischen dem Richter und dem Gatten der Dame mit dem roten Gesicht gewechselt worden waren, bewegte sich der Sleigh weiter. Er erreichte bald die Tür der Akademie, wo die Gesellschaft ausstieg, um sich in das Gebäude zu verfügen.

Da Herr Jones und seine zwei Gefährten einen weit kürzeren Weg eingeschlagen harten, so waren sie einige Minuten vor dem Sleigh an Ort und Stelle angelangt. Aber anstatt nach dem Saal zu eilen, um sich am Erstaunen der Ansiedler zu weiden, spazierte Richard mit den Händen in den Taschen seines Überrocks vor der Akademie auf und ab, als wäre er bei all den prunkvollen Vorbereitungen nicht im mindesten beteiligt.

Die Dorfbewohner begaben sich mit einem Anstand und einem Ernst, der ihnen bei solchen Anlässen nie fehlte, aber auch mit einer Hast, die wahrscheinlich in der Neugierde ihren Grund hatte, in das Gebäude. Nur die aus der Nachbarschaft Herbeigekommenen zögerten noch eine Weile, um ihre blauen und weißen Decken über die Pferde zu legen, ehe sie dem Verlangen, das Innere des Hauses zu besichtigen, nachgaben. Richard näherte sich den meisten dieser Leute und fragte sie nach dem Befinden ihrer Familien. Er kannte sogar die Namen ihrer Kinder, woraus sich entnehmen ließ, wie vertraut er mit ihren Verhältnissen war, und die Art der Antworten bezeichnete ihn als den allgemeinen Liebling.

Endlich trat ein Fußgänger aus dem Dorf gleichfalls herbei und musterte ernsten Blickes ein neues Backsteingebäude, das unter den Strahlen des Vollmondes in schöner Abstufung einen langen Schatten über die Schneefelder warf. Vor der Akademie befand sich ein großer, freier, viereckiger Platz, an dessen Ende die neue und noch unvollendete St. Paulskirche stand. Das Gebäude war während des letzten Sommers auf Subskription – wie man es nannte – errichtet worden, obgleich bei weitem die Mehrzahl des Geldes aus Templetons Kasse floß. Es hatte seine Entstehung der Überzeugung von der Notwendigkeit zu danken, einen schicklicheren Ort als den Saal der Akademie für die Gottesverehrung zu besitzen, wobei man der gemeinsamen Hoffnung lebte, daß nach Vollendung der Kirche die Entscheidung der Frage, welchem Glaubensbekenntnis sie zufallen sollte, dem Volk anheimgegeben würde. Natürlich veranlaßte diese Aussicht eine lebhafte Aufregung unter einigen Sektierern, die sich bei der Sache für wesentlich beteiligt erachteten, obgleich öffentlich nur wenig darüber gesprochen wurde. Hätte sich der Richter Temple entschieden für irgendeine der verschiedenen Sekten erklärt, so wäre der Streit schnell abgetan gewesen, da sein Einfluß zu mächtig war, als daß man mit Erfolg gegen ihn hätte ankämpfen können. So aber enthielt er sich jeder Einmischung, indem er sich sogar entschieden weigerte, den Einfluß Richards durch das Gewicht seines Namens zu verstärken, trotzdem dieser dem entsprechenden Bischof bereits die geheime Mitteilung gemacht hatte, Kirche und Gemeinde würden sich glücklich schätzen, in den Schoß der protestantisch-bischöflichen Kirche aufgenommen zu werden. Sobald indes die Neutralität des Richters öffentlich bekannt war, fand Herr Jones, daß er gegen ein störrisches Volk anzukämpfen hatte. Er versuchte es daher zunächst, die Bewohner des Dorfes durch Vernunftgründe für seine Ansicht zu gewinnen, indem er sie in ihren Häusern besuchte und theologische Kontroverspredigten hielt, welche auch geduldig und ohne ein Wort der Erwiderung angehört wurden, so daß Richard am Schluß seiner Wanderung der Ansicht war, die Sache stehe entschieden zu seinen Gunsten. Um daher das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß wäre, ließ er durch den Templetoner Anzeiger eine Versammlung ausschreiben, damit die Frage mit einem Male durch Abstimmung bereinigt würde. Aber keine Seele erschien, und so wurde einer der drückendsten Nachmittage, den Richard je erlebt hatte, in einer zu nichts führenden Diskussion zwischen ihm und Frau Hollister verbracht, welche steif und fest behauptete, die methodistische Kirche (zu der sie selbst gehörte) sei die beste und verdiene daher am allerehesten in den Besitz des neuen Gotteshauses zu kommen. Richard bemerkte jetzt, daß er zu sanguinisch in seinen Hoffnungen gewesen und in den Irrtum verfallen sei, dem sich alle diejenigen leicht aussetzten, welche ohne gehörige Sachkenntnis mit diesem klugen und vorsichtigen Volk verkehrten. Er suchte sich daher so gut wie möglich zu verstellen, um auf diesem Wege Schritt für Schritt seinem Ziel näherzukommen.

Das Geschäft der Errichtung des Gebäudes war einstimmig Herrn Richard und Herrn Hiram Doolittle übertragen worden. Aus ihren Händen waren bereits das Haus des Richters, die Akademie und das Gefängnis hervorgegangen, und sie allein wußten einen Bauplan zu entwerfen und dessen Ausführung zu leiten. Gleich anfangs hatten die beiden Architekten ihre Obliegenheiten in der Weise geteilt, daß der erstere die Anfertigung der Pläne übernahm, während dem letztern der materiellere Teil, nämlich die Bauleitung selbst, zufiel.

Richard nahm seinen Vorteil wahr und entschloß sich ganz in der Stille, als ersten entschiedenen Schritt zur Durchführung seiner Wünsche die Fenster im römischen Stil konstruieren zu lassen. Da das Gebäude in Backsteinen aufgeführt wurde, so konnte er seinen Plan verhehlen, bis der Augenblick kam, da die Rahmen eingesetzt werden sollten. Nun wurde es aber in der Tat nötig zu handeln. Er teilte mit großer Behutsamkeit seine Absicht mit, ohne jedoch auf den spirituellen Teil derselben einzugehen, indem er der Sache bloß von Seiten der architektonischen Schönheit mit Wärme das Wort redete. Hiram hörte ihm geduldig zu, ohne sich eine Gegenrede zu erlauben, – ein Umstand, der Herrn Jones über die wahren Ansichten seines Gegners hinsichtlich dieses wichtigen Gegenstandes ganz im unklaren ließ. Da indes das Entwerfen des Planes ausdrücklich Richard zugewiesen war, so durfte natürlich keine Einsprache dagegen statthaben, obgleich ihm bei der Ausführung zahllose unerwartete Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Das erste bestand in der Seltenheit des rechten Materials, dessen man für die Fensterrahmen bedurfte. Dem wurde jedoch augenblicklich dadurch abgeholfen, daß Richard ihre Länge um zwei Fuß verkürzte. Dann kam der Kostenpunkt zur Sprache, aber er erinnerte Hiram an die Kassen seines Vetters, denen er als Schatzmeister vorstand, – eine Andeutung, die das gehörige Gewicht hatte, und so nahm denn nach einer stummen und in die Länge gezogenen, wiewohl fruchtlosen Opposition das Werk seinen Fortgang nach dem ursprünglichen Plan.

Eine weitere Schwierigkeit veranlaßte der Turm, welchen Richard nach dem Modell eines der kleineren Türme, welche die große Londoner Kathedrale zieren, erbaut haben wollte. Die Nachahmung sah allerdings etwas verkrüppelt aus, da man es mit den Proportionen nicht sehr genau genommen; aber nach vielen Schwierigkeiten hatte Herr Jones endlich die Freude, einen Gegenstand aufgerichtet zu sehen, der in seinen Umrissen die schlagendste Ähnlichkeit mit einem Essigfläschchen aufwies. Hiergegen hatte man weniger einzuwenden als gegen die Fenster; denn die Ansiedler liebten das Neue, und ihr Turm hatte sicherlich nicht seinesgleichen.

So weit waren die Arbeiten des Sommers gediehen, und die schwierige Frage über die innere Einrichtung blieb für eine weitere Beratung ausgesetzt. Richard sah wohl ein, daß sein Geheimnis verraten wäre, sobald er die Kanzel und den Chor zur Sprache brächte, da derartige Vorkehrungen in keiner andern Kirche des Landes als in der bischöflichen üblich waren. Er verfolgte indes die bereits erwähnten Vorteile weiter und nannte das Gebäude kühn St. Paulskirche – was sich Hiram klüglich gefallen ließ, indem er sie nur mit einem kleinen Zusatz, zur ›neuen St. Paulskirche‹ umgewandelt sehen wollte; denn er fühlte weniger Abneigung gegen den von der englischen Kathedrale genommenen Titel als gegen den Namen des Heiligen.

Der oben erwähnte Fußgänger, welcher sich das Gebäude betrachtete, war niemand anders als der von uns so häufig genannte Herr oder Squire Doolittle. Er war ein hoher, kräftiger Mann mit scharfgeschnittenen Zügen und einem Gesicht, in dem sich äußerlicher Anstand und gemeine Verschmitztheit ausdrückten. Richard trat nebst Monsieur Le Quoi und dem Majordomo auf ihn zu.

»Guten Abend, Squire«, sagte Richard mit dem Kopf nickend, ohne jedoch die Hände aus den Rocktaschen zu ziehen.

»Guten Abend, Squire«, entgegnete Hiram, indem er sich umwandte und gleichfalls mit dem Kopf nickte.

»Es gibt eine kalte Nacht, Herr Doolittle.«

»Allerdings etwas frisch«, meinte Hiram, – »verwünscht frisch!«

»Ihr betrachtet unsere Kirche? Ja, sie nimmt sich im Mondlicht nicht übel aus. Wie prächtig die Zinnbedeckung der Kuppel glänzt. Ich wette, die der andern St. Paul macht sich in Londons Rauch nie so lieblich.«

»Ja, das Versammlungshaus ist recht hübsch anzusehen«, entgegnete Hiram, »ich denke Monschür Ler Quow und Herr Penguilliam werden das zugeben.«

»Gewiß«, rief der höfliche Franzose; »es is serr schön.«

»Ich dachte mir's, daß der Monschür so sagen würde. Der letzte Sirup, den wir von Euch hatten, war ausgezeichnet gut. Es wird davon wohl noch mehr zu haben sein?«

»Ah! oui, ja, Sir«, entgegnete Monsieur Le Quoi mit einem leichten Achselzucken und einer nichtssagenden Gebärde, »es gibt noch mehr. Ich fühl mich serr glücklich, daß er is nach Ihr Geschmack. Ich hoffe, daß Madame Dolicht sich befind wohl?«

»Wenigstens rührig genug«, erwiderte Hiram. »Hat der Squire die Pläne für das Innere des Hauses noch nicht beendigt?«

»Nein – nein – nein«, versetzte Richard rasch, indem er jedoch zwischen jeder Verneinung eine bedeutungsvolle Pause machte. »Das fordert Nachdenken. Es gibt viel Raum auszufüllen, und ich fürchte, wir werden nicht wissen, wie er vorteilhaft verwendet wird. Wir haben einen großen freien Platz um die Kanzel herum, die ich übrigens nicht an der Wand anzubringen beabsichtige wie ein Schilderhaus an der Seite eines Forts.«

»In der Regel wird der Stuhl des Hilfsgeistlichen unter der Kanzel angebracht«, sagte Hiram. Dann aber fügte er, als hätte er sich bereits zuviel herausgenommen, bei: »Doch jedes Land hat seine besondere Sitte.«

»Da haben Sie recht«, rief Benjamin. »So kann man zum Beispiel an der Küste von Spanien und Portugal an jeder Ecke ein Nonnenkloster sehen, das mehr Türme und Wetterfahnen hat, als man an Bord eines dreimastigen Schoners Stengen findet. Wenn man einmal eine gutgebaute Kirche will, so ist es im Grunde doch am besten, in Altengland die Modelle zu holen, und sich nach der dortigen Sitte zu richten. Die Paulskirche habe ich freilich nie gesehen, weil sie von der Ratcliffestraße und von den Docks zu entfernt liegt; doch weiß jedermann, daß es das herrlichste Gebäude der Art in der ganzen Welt ist. Was übrigens unsere Kirche hier betrifft, so will ich nicht gerade sagen, daß sie der dortigen nachsteht: denn ich glaube nicht, daß sie ihr an einem Ende so ähnlich sieht wie der Schwertfisch einem grönländischen Walfisch, und doch liegt hier der ganze Unterschied nur in der Größe. Monschür Ler Quaw hier hat sich in fremden Ländern umgesehen, und obgleich dies etwas anderes ist, als wenn man immer zu Hause bleibt, muß er doch in Frankreich auch Kirchen gesehen haben und sich daher einen kleinen Begriff davon machen können, was eigentlich zu einer Kirche gehört. Ich frage daher den Monschür, ob sie nicht ein ganz hübsches kleines Ding ist.«

»Es is serr geeignet für die Umständ«, sagte der Franzose – »sehr viel Umsicht – aber es gibt in die katholische Land, daß sie bau die – wie heißt's – a – a – a la grande Câthédrale – die groß Dom. Saint Paul à Londres is serr schön – très belle, très grande – was sie nenn groß; aber Monsieur Ben, pardonnez-moi, sie is nich so viel wie Notre Dame

»Ah, Monschür, was sagen Sie da!« rief Benjamin – »die Sankt Paulskirche nicht soviel wie ein Damm? Vielleicht glauben Sie auch, der königliche Billy sei kein so gutes Schiff wie der Billy von Paris? Und doch schmiert er zwei solche aus, sei das Wetter, wie es wolle.«

Da Benjamin eine ziemlich drohende Stellung angenommen hatte und mit seiner Hand, an der er ein Überbein, halb so groß wie Monsieur Le Quois Kopf hatte, in der Luft umherfuchtelte, so hielt es Richard für notwendig, sein Ansehen geltend zu machen.

»Still, Benjamin, still!« sagte er, »Ihr habt Monsieur Le Quoi nicht recht verstanden und vergeßt Euch. – Doch da kommt Herr Grant. Gehen wir hinein, ehe der Gottesdienst anfängt!«

Der Franzose, welcher Benjamins Erwiderung in der humoristischen Weise des guten Tones hingenommen hatte, die kein anderes Gefühl als das des Mitleids mit der Unwissenheit in ihm aufkommen ließ, verbeugte sich zustimmend und folgte seinem Begleiter.

Hiram und der Majordomo bildeten den Nachtrab. Letzterer brummte übrigens noch, als er das Bethaus betrat:

»Wenn der König von Frankreich eine Residenz hat, die sich mit Sankt Paul messen kann, so will ich sie fressen. Nein, es ist mehr, als Fleisch und Blut ertragen kann, wenn ein Franzose so abfällig über eine englische Kirche spricht. Squire Doolittle, ich habe einmal zwei von ihnen an einem Tage auspeitschen helfen – hübsch gebaute, nette Fregatten mit stehenden Bramsegeln und neumodischem Geschütz vor ihren Pforten – mein Seel, wenn sie nur Engländer an Bord gehabt hätten, sie hätten's mit dem Teufel aufnehmen können.«

Mit diesen ominösen Schlußworten im Munde trat Benjamin in die Kirche.

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