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Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

James Fenimore Cooper: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
publisherRowohlt
year1961
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121128
modified20140825
projectid14eeb9e9
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IX

 

O Wunder! Auf dem reichbedeckten Tisch
Dampft jede Art von Fleisch – Geflügel – Fisch;
Der Gäste Reih' ist nach dem Rang zu schauen,
Indes sie sich im Vorgenuß erbauen
Und mit den Augen schon das Mahl verdauen.

Heliogabaliade

 

Das Zimmer, nach welchem Monsieur Le Quoi Elisabeth führte, stand durch die unter Didos Aschenkrug befindliche Tür mit der Halle in Verbindung. Es war geräumig und ziemlich proportioniert, aber in den Ornamenten und der Verzierung ließen sich dieselbe Verschiedenheit des Geschmacks und die gleiche Unvollkommenheit unterscheiden, die wir in der Halle wahrgenommen haben. Das Möbelwerk bestand aus einem Dutzend grün angestrichener Armstühle, die mit demselben Wollmoiré ausgeschlagen waren, welchen wir bereits als den Stoff von Remarkables Rock bezeichnet haben. Die Tische waren mit Tafeltüchern belegt, so daß man ihr Material und die Kunstfertigkeit des Tischlers nicht sehen konnte, obgleich sich die Schwerfälligkeit der umfangreichen Konstruktion nicht verkennen ließ. Ein ungeheurer Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing an der Wand, und ein lustiges Feuer, unterhalten mit dem Holz des Zuckerahorns, flackerte auf dem Herde. Letzteres erregte zuerst die Aufmerksamkeit des Richters, der, sobald er es wahrnahm, Richard etwas unwillig zurief:

»Wie oft habe ich verboten, in meiner Wohnung den Zuckerahorn als Brennmaterial zu verwenden? Der Anblick des Saftes, der aus dem erhitzten Holz austritt, tut mir in der Seele weh, Richard. In der Tat, es ziemt dem Besitzer so ausgedehnter Waldungen wie der meinigen, achtzuhaben, welch ein Beispiel er den Leuten gebe, da sie ohnehin nur zu bereitwillig sind, die Wälder abzuholzen, als ob des Schatzes kein Ende zu finden wäre und der Forst keine Grenze hätte. Wenn es so fortgeht, ist in zwanzig Jahren das Brennmaterial aufgebraucht.«

»Das Brennmaterial in diesen Bergen aufgebraucht, Vetter Duke?« rief Richard spottend. »Was du nicht für ein herrlicher Prophet bist! Ebensogut könntest du sagen, die Fische unseres Sees würden aus Wassermangel sterben, weil ich willens bin, mit Beginn des Frühjahrs ein paar der Quellen durch Deiche nach dem Dorf zu führen. Aber du hast immer etwas ungereimte Begriffe von solchen Dingen, Marmaduke.«

»Ist es eine Ungereimtheit«, entgegnete der Richter mit vielem Ernst, »einen Mißbrauch zu verdammen, der diese Edelsteine des Waldes, diese köstlichen Gaben der Natur, diese Fundgruben des Wohlstands und des Reichtums zu einem gewöhnlichen Brennmaterial herabwürdigt? Ich will daher, sobald der Schnee weg ist, Leute ausschicken und in den Bergen nach Steinkohlen graben lassen.«

»Steinkohlen?« wiederholte Richard: »Und wer, zum Teufel, meinst du, wird nach Kohlen graben, wenn man, bis man auf einen Scheffel davon stößt, mehr Baumwurzeln findet, als man in einem Jahr verbrennen kann? Pah, pah, Marmaduke; überlaß derartige Dinge mir, als einem Manne, der einen angeborenen Takt dafür hat. Ich habe heute dieses Feuer anzünden lassen, damit das Blut meines hübschen Bäschens durch etwas Edleres erwärmt werde.«

»Nun, diesen Grund laß' ich als Rechtfertigung gelten«, sagte der Richter. – »Aber, meine Herren, wir lassen auf uns warten. Elisabeth, liebes Kind, setze dich oben an den Tisch; ich sehe, Richard will mir die Mühe des Vorschneidens ersparen, da er für sich unten hat decken lassen.«

»Allerdings habe ich das im Sinn«, sagte Richard. »Hier ist ein Truthahn zu zerlegen, und ich schmeichle mir, daß ich einen Truthahn, eine Gans oder etwas der Art so gut als einer zu tranchieren verstehe. Herr Grant! wo ist Herr Grant? Wollen sie so gut sein und das Gebet sprechen, Sir? Ah, es ist schon alles wieder kalt. Man darf bei diesem Wetter nur etwas vom Feuer nehmen, so ist es in fünf Minuten schon gefroren. Herr Grant, das Tischgebet: ›Für alles, was uns Gott gnädig beschert, wolle er uns mit aufrichtigem Dank erfüllen.‹ Setzen Sie sich, setzen Sie sich, meine Herren. Willst du Flügel oder Brust, Bäschen Elisabeth?«

Aber Elisabeth hatte sich weder niedergesetzt noch war sie bereit, Flügel oder Brust anzunehmen. Ihre lachenden Augen musterten das Arrangement der Tafel sowie Art und Auswahl der Speisen, bei welchem Geschäft sie bald mit dem Blick ihres Vaters zusammentrafen, der lächelnd sagte:

»Du siehst, mein Kind, wie sehr wir Remarkable für ihre Geschicklichkeit in der Haushaltung verpflichtet sind; sie hat uns in der Tat einen köstlichen Imbiß aufgetischt, der wohl imstande ist, das Knurren des Magens zu beschwichtigen.«

»Ist nur meine Pflicht«, versetzte Remarkable, »indes freut es mich, den Richter zufrieden zu sehen. Ich fürchtete freilich, Sie möchten die Tafel etwas zu überladen finden; ich dachte aber, bei Elisabeths Heimkehr könnte ich nicht weniger tun, um ihr den Eintritt ins Haus recht angenehm zu machen.«

»Meine Tochter ist nun erwachsen und von diesem Augenblick an Herrin in meinem Hause«, entgegnete der Richter. »Ich finde es daher in der Ordnung, daß jegliche Person, die unter meinem Dache lebt, sie als Miss Temple anredet.«

»Wie Sie befehlen«, rief Remarkable, ein wenig erschrocken, »aber wer hat je ein so junges Frauenzimmer Miss nennen hören? Wenn der Richter noch eine Frau hätte, so fiele es mir nicht ein, sie anders als Mistress Temple zu nennen, aber –«

» – Da ich jetzt nur noch eine Tochter habe, so wißt Ihr nun, wie Ihr in Zukunft mit ihr sprechen müßt«, fiel ihr Marmaduke ins Wort.

Da der Richter bei diesen Worten allen Ernstes mißvergnügt aussah und bei derartigen Anlässen etwas eigentümlich Gebieterisches in seinen Mienen lag, so hielt es die kluge Haushälterin für das geratenste zu schweigen. Nun trat auch Herr Grant ins Zimmer, und die ganze Gesellschaft hatte bald am Tisch Platz genommen. Da das Arrangement der Tafel ganz in dem landesüblichen Geschmack jener Zeit und Gegend gehalten war, so wollen wir versuchen, eine kurze Beschreibung dieses Festmahls zu geben.

Das Tafelzeug bestand aus der schönsten Damastleinwand, und Teller und Schüsseln waren echtes chinesisches Porzellan – ein in dieser frühen Periode des amerikanischen Handels wirklich kostbarer Luxusartikel. Die Messer und Gabeln vom feinsten polierten Stahl waren mit Heften vom reinsten Elfenbein versehen. Soweit verriet alles nicht nur den Reichtum, sondern auch den Geschmack des Richters. Was jedoch den Inhalt der verschiedenen Schüsseln und deren Aufstellung betraf, so blieben diese ausschließlich Remarkables Weisheit überlassen. Vor Elisabeth stand ein großer gebratener Truthahn, während Richard einen gekochten Vogel derselben Spezies vor sich hatte. Im Mittelpunkt der Tafel befanden sich ein paar schwere silberne Aufsätze, von vier Platten umgeben, deren eine ein Frikassee von grauen Eichhörnchen, eine andere gebackenen Fisch, die dritte Fisch in Soße und die letzte Wildbretschnitten enthielt. Zwischen diesen Gerichten und den Truthühnern stand auf der einen Seite eine ungeheure Porzellanplatte mit Schwarzwildbret und auf der anderen eine köstliche Schöpsenkeule. Unter dieser Menge von Fleischsorten waren alle Arten von Gemüse, welche das Land und die Jahreszeit boten, aufgestellt. Die vier Enden der Tafel waren mit Kuchentellern garniert. Der eine enthielt eine mit wunderlichen Figuren hoch aufgeputzte Masse, welche ›Nußkuchen‹ hieß; ein anderer war mit einer schwarz aussehenden Substanz besetzt, die ihre Farbe wohl einer Beimischung von Sirup verdankte, und ›Süßkuchen‹ genannt wurde, – ein Lieblingsgericht in Remarkables Kränzchen; der dritte beherbergte das, was sie als ›Pfefferkuchen‹ betitelte, und auf dem vierten präsentierte sich eine Substanz von ziemlich verdächtiger Farbe, die von der großen Anzahl Rosinen, die allenthalben ihre bräunlichen Bäuche in die Höhe reckten, den Namen ›Fruchtkuchen‹ erhalten hatte. Neben diesen Gerichten standen Schalen mit einer dicken Flüssigkeit von etwas zweideutiger Färbung, aus der kleine, schwarze Brocken von einer Substanz, die sich nur mit sich selbst vergleichen ließ, hervorsahen – eine Komposition, welche Remarkable ›Eingemachtes‹ betitelte. Vor jedem der mit dem Boden nach oben gekehrten Teller, welche den zierlich in Kreuzform gelegten Bestecken zur Unterlage dienten, befand sich ein anderer von geringerem Umfang, auf dem sich je eine scheckige Pastete befand, die mit dreieckigen Äpfelschnitzchen, Fleischschnitten, Puddingmasse, Brombeeren und Eierrahm gefüllt war und mit dem übrigen Arrangement ein prunkvolles Ganzes bildete. In die noch freien Stellen waren Branntwein-, Rum-, Wacholder- und Weinflaschen, nebst einigen Krügen mit Zider, und eine mit dem dampfenden Naß des ›Flip› Ein Gemisch aus Bier, Branntwein und Zucker. gefüllte Bowle eingeschoben. Ungeachtet des Umfangs der Tafel war kaum ein Fleckchen des reichen Damastes zu sehen, so sehr drängten sich die Schüsseln mit ihren verbündeten Flaschen, Platten und Schalen. Dieser Überfluß konnte jedoch nur auf Kosten der Ordnung und der Eleganz zur Schau gestellt werden.

Alle Gäste mitsamt dem Wirt schienen in dem Beschriebenen lauter bekannte Gerichte zu finden; denn jeder begann mit einem Appetit zu essen, der Remarkables Geschmack und Geschicklichkeit zur hohen Ehre gereichte. Zwar mochte dies bei dem Deutschen und bei Richard ein wenig auffallen, da sie unmittelbar vorher, ehe sie dem Richter entgegenfuhren, einen kräftigen Imbiß zu sich genommen hatten; doch Major Hartmann war gewohnt, sich bei seinen Ausflügen an keine Regel im Essen und Trinken zu halten, und Herr Jones betrachtete es als eine Ehrensache, dem Gast in allem, was er tat, treulichen Beistand zu leisten. Der Wirt schien es für nötig zu halten, sich wegen der Aufwallung, die er bei Gelegenheit der unwürdigen Verwendung des Zuckerahorns kundgegeben hatte, einigermaßen zu entschuldigen, und als er die ganze Gesellschaft emsig mit ihren Gabeln und Messern beschäftigt sah, bemerkte er:

»Es ist erstaunlich, von welcher Zerstörungswut die Ansiedler gegen die edlen Bäume dieser Gegend besessen sind, Monsieur Le Quoi, wie Sie ohne Zweifel selbst auch bemerkt haben. So sah ich einmal einen Mann eine Fichte fällen, weil er eines Zaunpfahls bedurfte, wozu ein Ast aus der Krone gereicht haben würde; das übrige rollte er in eine Kluft, wo es jetzt verfaulen darf, obgleich ihm der Stamm auf dem Markt zu Philadelphia wohl zwanzig Dollar eingebracht hätte.«

»Und wie, zum Teufel, ich bitte um Verzeihung, Herr Grant –« fiel Richard ein, »aber wie, um Gottes willen, hätte der arme Mann sein Holz in Philadelphia auf den Markt bringen können? Hätte er es etwa in die Tasche stecken sollen, wie man es mit einer Handvoll Kastanien oder Wacholderbeeren tun kann? Ich möchte dich wohl mit einem Fichtenstamm in jeder Tasche die Straße hinziehen sehen! – Pah! pah! Vetter Duke, es gibt genug Bäume für uns alle, und es bleibt noch obendrein ein ansehnliches Häufchen übrig. Stehen sie doch, sobald man aus den Lichtungen kommt, so dicht und hoch, daß man kaum weiß, woher der Wind bläst; – ich wenigstens möchte mich nicht vermessen, es zu sagen, wenn ich es nicht aus dem Lauf der Wolken entnehmen könnte, obgleich ich die Striche des Kompasses von Grund aus kenne.«

»Ja, ja«, rief Benjamin, der eben eingetreten war und sich etwas seitlich von dem Stuhl des Richters aufgestellt hatte, um gleich bei einer Bemerkung wie der gegenwärtigen einfallen zu können, »man muß in die Höhe sehen, Sir, in die Höhe. Die alten Matrosen sagen, ›selbst der Teufel würde nur einen schlechten Seemann abgeben, wenn er nicht nach dem Himmel blicken dürfte‹. Und was den Kompaß anbelangt, so ist ohne diesen schon vornweg an kein Steuern zu denken. Sooft ich den großen Mars, wie ich den Ausguck des Squires auf dem Dach nenne, aus dem Gesicht verliere und mir die Baumkronen die Aussicht nach dem Himmel benehmen, ziehe ich meinen Kompaß aus der Tasche und ermesse danach die Richtungen und Entfernungen, um meinen Kurs fortzusetzen. Seit der Turm von St. Paul ausgebaut ist, gibt er einen guten Anhaltspunkt für die Fahrt durch die Wälder; denn als ich bei Lord Harry war –«

»Schon gut, Benjamin«, fiel Marmaduke ein, als er bemerkte, daß seine Tochter einiges Mißvergnügen über die Vertraulichkeit des Majordomo an den Tag legte, »aber du vergißt, daß eine Dame in unserer Gesellschaft ist, und daß es die Frauenzimmer vorziehen, in der Unterhaltung selbst das Wort zu führen.«

»Der Richter sagt da ein wahres Wort«, entgegnete Benjamin mit einem grobianischen Gelächter, »man darf nur der Zunge der Jungfer Remarkable Pettybone den Zügel schießen lassen, und man wird im Augenblick ein Geplapper hören, wie wenn man in das Lee eines französischen Kaperschiffs oder in die Nähe eines Sacks kommt, in welchen man ein Dutzend Meerkatzen gepackt hat.«

Wir können nicht sagen, inwieweit die Haushälterin einen Beleg zu Benjamins Behauptung geliefert haben würde, wenn sie es hätte wagen dürfen; aber der Richter warf ihr einen strengen Blick zu, und da sie unter solchen Umständen nicht gleich Rache nehmen konnte und auch ihren Ärger nicht zu unterdrücken vermochte, so schoß sie mit einem Ungestüm aus dem Zimmer, welches beinahe ein Zerfallen ihrer gebrechlichen Gestalt befürchten ließ.

Als Marmaduke merkte, daß die Äußerung seines Mißfallens die gewünschte Wirkung hervorgebracht hatte, fuhr er fort:

»Richard, kannst du mir keine Auskunft über den jungen Menschen geben, den ich zu verwunden das Unglück hatte? Ich fand ihn auf dem Gebirge, wo er gemeinsam mit Lederstrumpf jagte, als ob er zu derselben Familie gehörte, und doch ist ein augenfälliger Unterschied in ihrem ganzen Benehmen. Der Jüngling drückt sich sehr gewählt aus, wie man es selten in diesen Bergen hört, und es nimmt mich wunder, wie ein Mensch in so armseliger Kleidung und bei einem so rauhen Gewerbe dazu kommen konnte. Mohegan kennt ihn gleichfalls; er wohnt daher ohne Zweifel in Nattys Hütte. Haben Sie auf seine Sprache acht gegeben, Monsieur Le Quoi?«

»Certainement, Monsieur Temple«, versetzte der Franzose, »er konversier in exzellent Englis.«

»Mir kommt er als kein solches Wundertier vor«, rief Richard. »Ich habe Kinder, die man früh in die Schule schickte, gekannt, die weit besser sprachen, ehe sie zwölf Jahre zählten. Da war Zared Coe, der Sohn des alten Nehemia, der sich zuerst an der Biberdammwiese niederließ, – er schrieb in seinem vierzehnten Jahre fast so schön wie ich selber; freilich habe ich ihm in den Abendstunden ein bißchen nachgeholfen. Aber dieser jagdliebende Herr verdiente, in den Stock gespannt zu werden, wenn er sich je wieder unterfängt, einen Zügel in die Hand zu nehmen. Ich habe nie einen Menschen so ungeschickt mit Pferden umgehen sehen, und ich wette, daß er in seinem Leben nie etwas anderes als Ochsen getrieben hat.«

»Du tust, meine ich, dem jungen Mann unrecht«, sagte der Richter, »denn er zeigte in kritischen Augenblicken viel Besonnenheit. Bist du nicht auch der Ansicht, Beß?«

Es lag gerade nichts in der Frage, was ein Erröten hätte rechtfertigen können; gleichwohl aber erglühte Elisabeth bis zur Schläfe, als sie in dieser Weise aus ihren Träumereien geweckt wurde.

»Mir kam er ungemein gewandt und mutig vor, lieber Vater«, antwortete sie. »Aber vielleicht sagt Vetter Richard, ich sei in derartigen Dingen so unwissend wie der Gentleman selbst.«

»Gentleman?« wiederholte Richard. »Nennt man solche Kunden in der Pension Gentlemen, Elisabeth?«

»Jeder Mann hat Anspruch auf diesen Titel, der die Frauen mit Achtung und Anstand zu behandeln weiß«, entgegnete die junge Dame rasch und etwas scharf.

»Das kommt daher, weil er Anstand nahm, vor der Erbin in seinen Hemdärmeln zu erscheinen«, rief Richard mit einem Blinzeln gegen Monsieur Le Quoi, welcher dasselbe mit dem einen Auge erwiderte und das andere mit dem Ausdruck der Beistimmung der jungen Dame zuwandte. »Doch meinetwegen, mir kam er wenigstens nicht wie ein Gentleman vor, obgleich ich zugeben muß, daß er eine gute Büchse führt. Er hat doch den Bock gut getroffen, Marmaduke? Ha, ha!«

»Richard«, begann Major Hartmann, indem er sein würdevolles Antlitz mit vielem Ernst dem genannten Herrn zuwandte, »der Junge ist wacker. Er hat Ihnen, mir, dem Domino Grant und dem Franzosen das Leben gerettet, und es soll ihm nicht an einem Bett fehlen, um darin zu schlafen, solange der alte Fritz Hartmann nur noch eine Schindel auf seinem Dache hat.«

»Das steht ganz in Ihrem Belieben, alter Herr«, erwiderte Jones, indem er versuchte, eine gleichgültige Miene anzunehmen. »Sie können ihn ja in Ihr steinernes Haus mitnehmen, Major; denn ich wette darauf, der Bursche hat in seinem ganzen Leben nie auf etwas Besserem als auf einem Holzblock geschlafen, wenn er nicht allenfalls in einer Hütte, wie der Lederstrumpfs, eine Streu fand. Sie werden ihn indes bald verwöhnt haben; denn man sah ja, wie ihm schon in der kurzen Zeit, die er bei den Köpfen meiner Pferde stand, als ich mit ihnen in den Weg einlenkte, der Kamm schwoll.«

»Nein, nein, mein alter Freund«, rief Marmaduke, »es soll meine Aufgabe sein, auf irgendeine Weise für den Jüngling zu sorgen. Ich habe eine eigene Schuld an ihn abzutragen, abgesehen von dem Dienst, den er mir mit der Rettung meiner Freunde erwiesen. Es wird indes einige Mühe kosten, ihn zur Annahme meines Angebots zu bewegen. Es schien mir, er zeige einen entschiedenen Widerwillen, als ich ihm für die Dauer einen Aufenthalt in diesen Mauern anbot. Was meinst du, Beß?«

»In der Tat, lieber Vater«, sagte Elisabeth, ihre schöne Unterlippe ein wenig aufwerfend, »ich habe die Züge des Herrn nicht so genau studiert, um seine Gefühle darin lesen zu können. Es kam mir indes ganz natürlich vor, daß die Wunde ihm Schmerz verursachte, und deshalb bemitleidete ich ihn; aber ich glaube« – ihr Auge glitt während dieser Worte mit unterdrückter Neugierde nach dem Majordomo – »ich glaube, lieber Vater, Benjamin kann dir weitere Auskunft über ihn geben; denn der junge Mann ist bestimmt nicht im Dorfe gewesen, ohne daß er von Benjamin gesehen worden wäre.«

»Ja, ich habe ihn schon früher gesehen«, erwiderte Benjamin, der nur einer geringen Ermutigung bedurfte, um zu sprechen. »Wenn Natty Bumppo nach einem Hirsch durch die Berge zieht, so schleppt er ihn immer in seinem Kielwasser nach wie eine Albanyschaluppe, die ein holländisches Langboot im Schlepptau hat. Auch führt er eine gute Büchse; ich hörte erst letzten Dienstag abend Lederstrumpf in Betty Hollisters Schenkstube sagen, daß der junge Mann dem Wild sicheren Tod bringe. Wenn er übrigens nur die wilde Katze schießen könnte, die man kürzlich am Ufer des Sees hat mauen hören – denn da haben der Frost und der harte Schnee die Hirsche in Rudeln zusammengetrieben –, so würde er wenigstens doch etwas tun, was nützlich wäre. So eine wilde Katze ist ein böser Schiffskamerad und sollte nie das Fahrwasser eines Christen kreuzen.«

»Wohnt er in Bumppos Hütte?« fragte Marmaduke mit einigem Anteil.

»Wang' an Wange, Herr. Am Mittwoch werden es drei Wochen, daß er sich zum ersten Male in Lederstrumpfs Gesellschaft sehen ließ. Sie brachten einen erlegten Wolf ins Dorf, dessen Haut sie als Geschenk ins Herrenhaus brachten! Dieser Meister Bumppo hat eine große Geschicklichkeit im Hautabziehen, und es gibt Leute im Dorf, welche sagen, er habe dieses Handwerk an Christenskalpen gelernt. Wenn das wahr wäre und ich an dieser Küste das Kommando hätte, wie es bei Euer Gestrengen der Fall ist, ei, so sollte er mir dafür jetzt noch auf die Laufplanke; da steht ein gar hübscher Pfahl vor den Blöcken, und was die Katze anbelangt, so wollte ich ihre neun Schwänze recht hübsch eigenhändig zusammendrehen – ja, und in Ermangelung eines Besseren auch führen.«

»Ihr müßt nicht allem, was Ihr über Natty hört, Glauben beimessen. Er hat eine Art natürliches Recht, sich seinen Unterhalt in diesen Bergen zu suchen, und wenn die Müßiggänger des Dorfes ihm eine Unbill zufügen wollten, wie sie es hin und wieder bei anerkannten Landstreichern machen, so werden sie finden, daß er unter dem Schutz des starken Armes der Gesetze steht.«

»Die Büchse schützt besser als das Gesetz«, sagte der Major lakonisch.

»Ich gebe nicht so viel für seine Büchse«, rief Richard, mit seinen Fingern schnippend. »Ben hat recht, und ich ...«

Hier wurde ihm durch das Läuten einer gewöhnlichen Schiffsglocke halt geboten, die vom Glockenturm der Akademie herunterbimmelte und der Gemeinde anzeigte, daß die Stunde für den Gottesdienst gekommen sei.

»›Für diesen und jeden anderen Beweis Seiner Güte‹ – ich bitte um Verzeihung, Herr Grant, wollen Sie so gefällig sein und das Dankgebet sprechen? Es ist Zeit zum Aufbruch, da wir die einzigen Bischöflichen in der Gegend sind – das heißt ich, Benjamin und Elisabeth; denn ein Halbgläubiger wie Marmaduke ist so schlimm wie ein Ketzer.«

Der Geistliche stand auf und sprach in demutsvoller Andacht das Gebet, worauf sich die ganze Gesellschaft zu dem Gang nach der Kirche – oder vielmehr nach der Akademie anschickte.

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