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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8. Der gordische Knoten

Wer den Gustel Wallenberg an jenem unruhigen Sonnabend, kurz nach ein Uhr nachmittags, aus der roten Rose kommen, durch die Rosenstraße, über den Theaterplatz, in die städtischen Anlagen, nach dem Prinzessinnengarten eilen sah, an dessen Saum das Gesandtschaftshotel liegt, der mußte notwendig glauben, es sei am politischen Horizont ein Ereignis, und zwar ein für ihn hoch erfreuliches, eingetreten. Der Herr Minister strahlte von Befriedigung und Glückseligkeit. Er ging nicht, er schwebte; er schwebte nicht, er flog. Das Wetter stimmte zu seiner Gemütsverfassung, als ob es dazu gemacht worden wäre: ein herrlicher Frühlingstag, an dem die Sonne nicht bloß schien zu scheinen, sondern wirklich und wonnig wärmte, eine laue Luft, die in Büschen und Bäumen die trägsten Keime, im Menschenherzen die geheimsten Ahnungen und Hoffnungen weckte. In den Anlagen und im Prinzessinnengarten wimmelte es denn auch von Spaziergängern, welche Schal und Paletot zum erstenmal auf dem Arme, statt auf dem Rücken trugen. Kranke ließen sich in kleinen Rollwagen umherfahren, Genesende wagten, am Arme ihrer Pfleger, den ersten Ausflug. Die Arbeiter nahmen den Beeten und Statuen ihre häßlichen Winterdecken von Stroh ab. Aus langer Haft erlöst, warfen die Najaden das Wasser der Springbrunnen lustig und frei in die Höhe, und durch den großen Teich, welcher den wolkenlosen Himmel in tiefer Bläue abspiegelte, zogen die Schwäne ihre langen, gekräuselten Bahnen, dann und wann mutwillig untertauchend und statt des geschwungenen Halses den stumpfen Schweif und die zappelnden Füße nach oben kehrend. Eine Schar geputzter Kinder mit ihren Wärterinnen tummelte sich im ersten Grün des Rasens oder im frischen Sand der Wege, die Gummibälle und die Reifen flogen nach allen Richtungen, Drachen stiegen, kleine Trompeten quäkten. Wallenberg gewahrte ein paar stramme, pausbäckige Knaben mit schottischen Mützen und gewürfelten Schürzen über den nackten Beinchen. »So werden,« dachte er und lachte im stillen, »meine Buben ausschauen. Ich schaffe ihnen einen Dudelsack an, auf dem sie die kriegerische Weise des Clans ihres Großpapas aufspielen. Und ein bissel von der Erbschaft des alten Earl muß doch zu retten sein, wär's auch nur das Jagdschlössel am Lomondsee mit famos geschontem Wildstand...«

Unter so lachenden Vorstellungen war er, ohne es zu merken, zu Hause angelangt. Das Gesandtschaftshotel liegt am Prinzessinnenplatz, nahe dem Garten desselben Namens; ein vornehmes, den Londoner Squares nachgebildetes Viereck, dessen eine Seite von einem stattlichen Palast eingenommen wird, dem Wohnsitz zweier unvermählter Muhmen des Königs. Auch die anderen drei Seiten weisen nur ansehnliche Bauwerke auf: den prächtig eingerichteten Nimrodklub für Freunde des Sports und des hohen Spiels, eine neue englische Kirche, die Häuser zweier Mitglieder der ersten Kammer, das Gesandtschaftshotel, die Villa des Vereins für Obstbau und Blumenzucht. Das Alltagsleben der inneren Stadt dringt nicht in diese Gegend; Läden, Werkstätten, Frachtwagen, Schiebkarren kennt sie nicht, wohl aber Equipagen, elegante Reiter und Reiterinnen, gepuderte Livreebediente und galonierte Portiers in den Torwegen.

Wallenbergs Haus ist das wenigst gutgehaltene und imponierende am ganzen Platze. Aus welchem Grunde wohl? Weil es dem Staate angehört, den Graf Wallenberg vertritt, und von einem Junggesellen bewohnt wird. Der kleine Garten, der es umgibt, ist jetzt, inmitten des April, noch nicht bestellt; verwildert und in winterlicher Anordnung liegt er da, der Rasen ungepflegt, die Rabatten vertreten, die Wege nicht gereinigt, die Bosketts nicht verschnitten. Im Souterrain des Hauses, wo die zahlreiche Dienerschaft ihr Unwesen treibt, spielt, um ein Uhr nachmittags, der Koch mit dem Leibjäger Karten, die Küchenmägde schäkern und haschen sich mit dem Reitknecht. Der Kutscher schläft auf einer Bank im Hofe, den breiten Rücken der Sonne zugekehrt. Auf der Haupttreppe plaudern die verdächtig hübsche Haushälterin und der Kammerdiener, ein Kabinettsstück mit weißen Händen, weißen Haaren, weißer Halsbinde, wie die Unschuld selbst anzusehen in seiner Ehrwürdigkeit, trotz dessen aber ein durchtriebener Spitzbube. Der Portier hat draußen vor dem Tore Stab, Hut und Bandelier in den Landesfarben samt dem langen Rock abgelegt, um seinem Spitz die Frühlingstonsur zu geben, bei welcher idyllischen Beschäftigung ihn sein Herr und Gebieter überrascht, durch die Gartentür unbemerkt eingetreten. Erschreckt und hastig legt der Pförtner seinen Staat an und zieht dreimal die große Hausglocke, ein Warnungszeichen, daß der Graf zurückgekehrt ist. Das erwartete Donnerwetter geht indes glücklich über seinem Haupte vorüber; im Gegenteil, der gnädige Herr streichelt dem Spitz, der sich frostig schüttelt, das kahle Fell und fragt in rosigster Laune, die er aus der Rose mitgebracht: »Viel Leut' da, Petrus?« – »Das Vorzimmer voll, Ex'lenz, wie alle Täg'.« – »Nichts Wichtiges?« – »Glaub' net. Meist Handwerksg'sellen.« – »Herr von Marvál noch nicht zurück?« – »Vor zwei, Ex'lenz? Niemalen!« – »Richtig.« – »Aber der Herr Fürst sein droben.« – »Gut. Ich bin für Besuche nicht zu Hause. Du weisest alles ab, Herrn Roland ausgenommen.« – »Befehlen, Ex'lenz.«

Der Graf trat durch die Tür, deren Flügel sich ehrerbietig vor ihm öffneten, in den Hausflur und wandte sich rechts einer Tür zu, an welcher mit großen Buchstaben geschrieben stand: »Gesandtschaftskanzlei.« Drinnen, im ersten Zimmer, fand er eine zahlreiche Versammlung vor, ähnlich derjenigen, die wir bei Seraphinens Lever belauscht haben, und doch auch wieder wesentlich verschieden. Die Reisenden, welche hier warteten, kamen nicht um eine Unterstützung, sondern um das Visa ihrer Pässe und Wanderbücher. In gleicher Eigenschaft war auch Vater Winter da, der Unvermeidliche, heute kein Bremer Album im Schoß, sondern eine hanseatische Legitimationsurkunde. Herr Raff, genannt Raffael, hatte die Botschaft auszurichten, daß Herr Profes–, nein, er schluckte den Titel mühselig wieder hinunter – daß Herr Roland schlechtweg gegen zwei Uhr bei dem Herrn Grafen vorsprechen werde. Herr Hirsch Meyer stand in einer Fensternische, gleichsam auf dem Anstand; er pflegte sich in diesem offiziellen Revier, der Oppositionsmann, dann und wann auf politische Neuigkeiten wilddiebisch anzupirschen. Ein anderer Herr, im schwarzen Leibrock, war zum neunundvierzigsten Male erschienen, sich zu erkundigen, ob der erwartete Orden noch nicht eingetroffen? An der Konsole lehnte ein verkanntes Erfindergenie, das Modell einer neuen Taucherglocke im Arm, auf das er, durch Wallenbergs Vermittelung, ein Patent von dessen Regierung erwirken wollte. Zwei verschleierte Damen saßen auf dem mit bescheidenem Roßhaar überzogenen Kanapee; sie brachten Empfehlungsschreiben der allervertraulichsten Gattung. Einige Subskribentensammler, ein blinder Flötenvirtuos mit seiner klassisch-dekolletierten Antigone, ein Photograph, der ein Museum des deutschen Adels in Porträts nach dem Leben herauszugeben beabsichtigte, und ein Phrenolog, welcher zu Vorlesungen über seine Wissenschaft einlud, vollendeten die bunte Gesellschaft.

»Seine Exzellenz der Herr Minister!« kündigte der diensttuende Lakai an, die Tür geräuschvoll und weit aufreißend. Der laute Ruf setzte die durch langes Harren versteinerte Gruppe plötzlich in Bewegung. Die beiden Damen entschleierten sich, der Taucher wischte mit dem Sacktuch seine Glocke ab, Antigone versetzte dem Vater einen kindlichen Rippenstoß, der Hirsch Meyer schoß aus seinem Versteck hervor. Graf Wallenberg neigte freundlich das Haupt, erst nach links, dann nach rechts, und sagte in mildester Tonart: »Ich bin desperat, meine Herrschaften, daß Sie haben warten müssen. Bitte nur noch ein paar Minuten zu verziehen. Der Herr von Marvál werden gleich hier sein, sind nur zum Speisen gegangen. Herr Doktor Hirsch Meyer, wenn's gefällig wäre, mir zu folgen?« – Wieder ein liebevoller Abschiedsblick auf die Versammelten, eine Verneigung, erst nach rechts, dann nach links, und Seine Exzellenz der Herr Minister verschwanden, wie sie erschienen waren, und stiegen die Treppe hinauf, über welcher noch die Winterteppiche lagen; Hirsch Meyer mit stolz erhobenem Haupte hinterdrein.

Im ersten Stockwerk wurde nicht haltgemacht. Hier befinden sich die Staatsgemächer für feierliche Repräsentation. Zuerst der Empfangssalon, verziert mit den lebensgroßen Porträts von Wallenbergs Allerhöchsten Herrschaften in prächtigen, gekrönten Goldrahmen; eine Mitteltür führt hinaus auf den Balkon. Roland nennt unter vier Augen diesen Raum, worin Galacouren und andere Hauptaktionen vor sich gehen, das Wachsfigurenkabinett seines erlauchten Freundes. Rechts daran stößt der große Speisesaal, der noch größere Tanzsaal mit einigen Seitenkabinetten; links eine Reihe Spiel- und Konversationszimmer. Die Herrlichkeit wird nur benutzt, solange die Äbtissin des freiadeligen Damenstiftes zu Kaltenmünster, Gustels Schwester, die Honneurs seines Hauses macht. Sobald sie verschwindet, herrschen Grabesruhe, Halbdunkel und Staub im ganzen ersten Stock. Die Läden werden geschlossen, die Vorhänge herabgelassen, Kronleuchter und Möbel mit grauen Überzügen geschützt. Wenn sich ein Stubenmädel mit dem Kehrbesen einmal herein verirrt, fürchtet sie sich unsäglich. Die Frau Äbtissin mit der Habichtsnase und dem diamantenen Kreuz auf der linken Achsel geht hier bei hellichtem Tage spuken, schneidet steife Reverenzen vor den Allerhöchsten Herrschaften in Lebensgröße und gibt gespenstischen Musikanten auf der Tribüne des Tanzsaales mit aufgehobenem Zeigefinger das Signal zum Ende des stummen Kotillons.

Die zweite Etage empfängt uns ungleich heiterer und wohnlicher. Sie umfaßt eine lebenslustige Junggesellenwirtschaft: Gustel Wallenbergs Speisezimmer, für höchstens neun Personen berechnet, sein Arbeitszimmer mit der Bibliothek, sein einsames Schlafgemach, Toiletten und Garderoberäume, ein Kabinett mit Jagd- und Fischgerät und, was er seinen Schornstein zu nennen pflegt, einen halbrunden Tempel, in welchem dem Götzen des Tabaks ausgiebige Brand- und Rauchopfer dargebracht werden. Gustel hat seine Privatappartements nicht nur mit Geschmack, reich und bequem eingerichtet, sondern auch durch Jagdtrophäen und Reiseerinnerungen bedeutungsvoll ausgeschmückt. Den Fußboden bedecken Bärenhäute, deren vormalige Eigentümer er an der Seite des Kaisers von Rußland erlegte; Löwenfelle, die ihm der Vizekönig von Ägypten nach gemeinsamen Wüstenritten zum Geschenk machte. Roland behauptet zwar, es gebe auf den Petersburger Hofjagden nur noch angebundene Bären, und ebenso in dem Revier von Kairo bloß zahme Löwen auf zwei Beinen; allein wer wird dem ungläubigen Thomas glauben, der selbst nichts glaubt? Gustel schläft auf einem kunstvoll gegerbten Elenfell, ihm von einem Lappen in Stockholm verehrt, dem er bei dem Fest der Sonnenwende in Hammerfest das Leben rettete. Seine Jagdhüte, seine Weidmesser, Waffen, Büchsen, Pistolen hängen an Hirschgeweihen und Elefantenzähnen, welche eine ähnliche Geschichte haben. Jedes einzelne Stück des Hausrates steht in einer persönlichen Beziehung zum Besitzer; sogar die bunte Schellenkappe, die in humoristischer Anwandlung einem Globus im Arbeitszimmer aufgesetzt ist, sie mahnt an einen Maskenball in der großen Oper zu Paris. Am wenigsten Inhalt und Reichtum weisen die Glasschränke der Bibliothek auf, in welchen ein indiskreter Blick hinter die grünseidenen Vorhänge eine lange Reihe des Gothaischen Almanachs, Heyses Fremdwörterbuch, das Konversationslexikon und ähnliche mehr nützliche als wissenschaftlich wertvolle Werke enthüllt. Auf dem Handels- und Wechselrecht, auf Märtens Receuil des traités liegt dicker Staub. Im übrigen verraten sämtliche Räume und deren Einrichtungen den Diplomaten, indem sie nichts verraten. Nirgends hervorstechende Farben, überall dicke Teppiche, doppelte Türen, schwere Portieren, versteckte Ein- und Ausgänge. Hier wird nicht gelauscht, nicht durch Schlüssellöcher geschielt; man begegnet sich auch nicht, wenn man nicht will. Die Wohnung ist verschwiegen wie der Herr.

Einen Besuch verdient für sich allein das Rauchkabinett, ein Meisterstück des Sammlerfleißes. Niedrige Diwans und Tische sind die einzige Ausstattung; auf letzteren stehen Aschenbecher in allen denkbaren Formen. Zierliche Eckschränke enthalten in Originalkisten, was die Erde an Zigarren hervorbringt, von der kleinsten Stroh- und Papierzigarre bis zum riesigsten Regaliaformat. An den Wänden hängen in gleicher Vollständigkeit die Pfeifen: ein Nargileh, in Smyrna gekauft, die Houkah des Indiers, das Kalumel der Rothaut, Wiener Meerschaumköpfe, Ulmer Holzköpfe. Auch die germanische Studentenpfeife fehlt nicht mit dreifarbiger Quaste, grünweißschwarz, und mit dem Westfalenwappen, auf den Porzellankopf gemalt; darunter steht die Widmung: Wittekind-Droste seinem Wallenberg. Gustel hat sich ein Jahr lang studierenshalber in Heidelberg aufgehalten und einige Gastrollen im Pandektensaal, mehr noch in der Hirschgasse gegeben. Wenn er recht müde und angegriffen sich fühlt, der arme Chargé d'affaires, der mit Geschäften Überladene, zieht er sich in seinen Schornstein zurück, verschwindet nach kurzer Zeit in duftigen Wölklein, die, damit sie nicht belästigen, durch einen sinnreichen Ventilationsapparat im Plafond des Tempels hinausgeführt werden.

In diese anheimelnden Räumlichkeiten, und zwar in das Arbeitszimmer, trat Graf Wallenberg, von Hirsch Meyer gefolgt. Es befand sich bereits ein junger Mann darin, mit dem wir später Bekanntschaft machen werden. Zunächst sehen wir, wie der Graf seinem Begleiter eine Mitteilung ins Ohr flüstert, welche dieser überrascht und erfreut aufnimmt. Hirsch Meyer grinst und nickt mit dem Kopf, zum Zeichen, daß er den Grafen verstanden, und will sich, verabschiedet von ihm, entfernen. Da fällt sein Blick auf einige blaue Kuverts, die auf dem Fußboden liegen. »Exzellenz, Herr Graf,« sagte er, »darf ich aussprechen eine Bitte? Lassen Sie mich auflesen die Brosamen, die gefallen sind von des Herrn Tische.« Er zeigte auf die Kuverts. – »Was können Ihnen die leeren Kuverts nützen, Doktor?« – »Viel, exzellenter Herr Graf, grausam viel. Steht doch darauf Euer Exzellenz hochgräflicher Name oder die hohe Gesandtschaft. Wenn ich kann zeigen im Vertrauen das Kuvert einer solchen Depesche, so werden steigen meine Artikel um fünfzig Prozent.« Der Graf lachte, worauf Hirsch Meyer seelenvergnügt seinen Raub aufraffte und davoneilte in die Druckerei, um die Befehle der Exzellenz auszuführen.

Nach seinem Abgange erhob sich der junge Mann, welcher hinter englischen und französischen Zeitungen versteckt gesessen hatte, mit dem Rotstift anstreichend, was dem Grafen wichtig sein konnte. Es war sein Attaché, Fürst Paul Seß zu Neuseß-Sessenheim, seit kurzem der Gesandtschaft beigegeben und jetzt, bei Beurlaubung des Sekretärs, mit dessen Dienst betraut. Der angehende Staatsmann, Sohn des seinerzeit allmächtigen Premiers, eben von der Universität gekommen, brachte den Ruf profunder Gelehrsamkeit mit und galt für eine hervorragende, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Kraft der Diplomatie seines Vaterlandes. Schon auf den ersten Blick stellt er sich dar als vollkommener Gegensatz seines Chefs, des Grafen Wallenberg. Was dieser zu leicht ist oder scheinen mag, ist oder scheint jener zu schwer. Er gehört der jüngsten Jugend unserer Zeit an, wie sie mit erschreckender Gleichförmigkeit in allen Großstädten aufwächst, hauptsächlich durch den gemeinsamen Zug charakterisiert, daß sie älter ist, als das älteste Alter. Wer frische Lebenslust, Neigung und Talent für Geselligkeit, verbindliche Formen im Umgang, namentlich mit dem weiblichen Geschlecht, Redseligkeit und guten Humor sucht, der klopfe bei Knaben über fünfzig Jahren an; die Männer darunter, besonders die Greise zwischen zwanzig und dreißig, sind bei ihrem Eintritt in die Welt über alle diese Eigenschaften hinweg, die sie als frivol und altmodisch verachten. Unter ernsten Ereignissen und Kämpfen geboren und erzogen, überall von materiellen Bestrebungen umgeben, den Kopf voll positiver Kenntnisse, das Herz leer von allen Idealen, fangen sie damit an, womit ihre Väter aufhörten. Ihr einziges Dichten und Trachten heißt: Karriere machen, en carrière, über Nacht reich werden oder berühmt, sich eine Stellung erwerben. Alles andere erscheint ihnen Überfluß, wenn nicht vom Übel. Sie sprechen wenig, essen und trinken nicht viel, tanzen gar nicht, es sei denn auf Befehl, reiten soviel es der Arzt, des lieben Unterleibs wegen verlangt, und beschäftigen sich auch mit Turf und Sport nur, entweder aus Standespflicht, oder um zu gewinnen. So sind sie, unsere jungen englischen Lords, die Marquis aus Frankreich, die russischen Knese, die italienischen Principi, die deutschen Grafen und Barone: Alles ein Geschlecht, auch im äußeren! Mit ihren blassen, harten Gesichtern und kurz verschnittenen Haaren, ihren weiten Ärmeln und schlotternden Hosen, ihren dicken, doppelsohligen Schuhen und grauen Filzhüten sehen sie aus wie neu aufgelegte Rundköpfe, Puritaner in Miniatur, aber solche, die an nichts glauben, außer an den Erfolg, und keine andere Religion haben, als den Egoismus; Fanatiker von der schlimmsten Sorte, der kalten!

Fürst Paul – ein Prachtexemplar dieser Gattung, der fertigste Greis von dreiundzwanzig Jahren, den man sich denken kann – stand nach Hirsch Meyers Abgang von seiner Arbeit auf und sagte bedenklich: »Fürchten Sie nicht, Herr Minister, daß der Journalist uns kompromittiert?« – »Durch das leere Kuvert eines Telegramms?« – »Hm! Gestohlene oder verlorene Depeschen, Briefe, die in unrechte Hand gekommen, haben Verlegenheit oder Verwirrung genug angerichtet.« – »Lieber Paul, dann wäre kein Mensch vor seinem Papierkorb sicher.« – »Ich verbrenne den Inhalt des meinigen jeden Abend.« – »Diesen da leert mein Herr Kammerdiener. Ob er Postmarken und Siegel an Sammler verkauft, oder ob ein armer Preßjude einmal mit einem Stück Abfall spekuliert, was verschlägt das?« ... Der Graf fragte abbrechend: »Nichts Neues mit der Mittagspost?« – »Eine Zirkularnote unserer Regierung an ihre Agenten im Ausland. Sie erläutert ihre Handelspolitik im friedfertigsten Sinn und weist uns an, überall das beste Einvernehmen mit den fremden Kabinetten aufrecht zu erhalten und nach außen zu betonen.« – »Wenn der Herr Minister Frieden predigt, ist ein Handstreich in der Luft, vielleicht der Anfang vom Ende. Seien wir auf der Hut. Aus Amerika keine Nachricht?« – »Keine. Doch meint Marvál, jede Stunde könne eine wichtige Meldung unseres geheimen Agenten in Liverpool bringen.« – »Ich wette, daß sie wieder kommt, wie der Dieb in der Nacht. Lassen Sie mich nur im äußersten Notfall wecken. Ich habe eine schlaflose Nacht hinter mir und brauche Ruhe. Sie haben den Schlüssel zur Chiffreschrift. Die Sache wird liegen bleiben können bis morgen früh.« – »Wenn Sie erlauben, biwakiere ich im Hotel und schicke um Marvál. Eine interessante Untersuchung wird uns die Zeit vertreiben. Professor von Siebold sandte mir ein paar wundervolle Exemplare von Schaltieren. Denken Sie sich,« – fuhr der junge Puritaner fort und wurde so warm, wie es ihm möglich war – »Siebold hat in einer ganz kleinen Muschel einen noch kleineren Krebs gefunden, von dem bisher schlechterdings nicht zu erraten war, wie er da hinein gekommen. Nun stellt sich heraus, daß das Schaltier das Weichtier vertreibt und sich in dem Gehäuse festsetzt. Dem Burschen will ich mit der Lupe zu Leibe gehen.« – Graf Wallenberg sah seinem naturforschenden Attaché mit Verwunderung an. »Wissen Sie auch,« sprach er lächelnd, »daß Sie unter dem Mikroskop ein ungleich interessanteres Tierlein sind, als Ihr Seekrebs? In Ihren Jahren, lieber Paul, untersucht man Hummern und Austern in der Regel aus anderen Zwecken, als Herr von Siebold es tut.« – »Das Studium der Mollusken ist meine Spezialität, Herr Graf, und meine Erholung.« – »In einer schlaflosen Nacht?« – »Ich bedarf nie mehr als vier Stunden Schlaf.« – »Bei Ihrer Jugend? Wenn Sie in mein Alter kommen, werden Sie gar nicht mehr schlafen.«

Der Gesandte faßte vertraulich den Arm seines Sekretärs und fuhr fort, indem er mit ihm durch die geöffnete Zimmerreihe auf und ab ging: »Sie wissen, Fürst Paul, vielmehr, Sie wissen nicht, wie nahe Sie meinem Herzen stehen. Lächeln Sie nicht. Wir alten Knaben haben noch Herzen. Ihr großer Vater hat mich in die Geschäfte eingeführt. Fürstin Clarisse, Ihre unvergeßliche Mutter, war meine Lehrmeisterin. Als Schule der Diplomaten galt damals der Salon; es gab nämlich noch Salons in der Zeit, von welcher ich Ihnen spreche. Diese seltene Frau, welche für hart, hochfahrend, unbesonnen, leidenschaftlich verschrien worden ist, besaß das edelste, maßvollste, weiblichste Gemüt, in dessen Tiefen nur wenig Augen eingedrungen sind. Sie spielte mit wahrhaft heldenmütiger Selbstüberwindung eine schwierige und undankbare Rolle vor der Welt, als die geheime, aber unendlich wirksame Mitarbeiterin Ihres Vaters. Was er an spitzen Antworten und Bescheiden, an absichtlichen Verletzungen und scheinbaren Indiskretionen, an kleinen Hausmitteln für öffentliche Zwecke gebrauchte, übertrug er seiner Gemahlin, die sein tätigster Agent und obendrein unverantwortlich war. Wenn einmal Memoiren aus jener Zeit erscheinen, wird man mit Erstaunen sehen, wie viele seine Fäden ihre geschickte Hand gesponnen und verflochten, wie manchen verwickelten Knoten sie mutig zerhauen hat. Ihre Menschenkenntnis, ihre Erfahrung, ihr Scharfblick, ihre Gewandtheit – wahrhaftig, man wußte nicht, was man mehr an ihr bewundern sollte. Ich verdanke ihr unendlich viel, denn ich stand, wohl darf ich es sagen, hoch in ihrem Vertrauen, ihrer Gunst. Einen Teil meiner Schuld möchte ich an den Sohn abtragen.« – Ein liebenswürdiges Erröten färbte bei der Erinnerung an die Verstorbene die Wangen Wallenbergs. Es stand seinem diplomatischen Gesicht gut, dieses undiplomatische Erröten. Fürst Paul erwiderte ihm: »Ich danke Ihnen, Herr Graf, für mich und für das schöne Andenken an meine Mutter, an welche ich selbst nur eine dunkle Erinnerung habe.« – »Lassen Sie mich nicht als Chef, sondern als väterlicher Freund zu Ihnen sprechen, lieber Paul. Sie arbeiten zu viel, und nicht immer in der rechten Weise. Bei Ihrem Eintritt in die hiesige Gesandtschaft wurde Ihnen eine Denkschrift über die Eisenindustrie dieses Landes aufgetragen. Sie lieferten sie in vier Wochen, eine Arbeit, zu der unsereiner wenigstens drei Vierteljahre und einen außerordentlichen Urlaub gebraucht haben würde.« – »Es handelte sich ja fast nur um statistische Auszüge und Zusammenstellungen. Das Material war mir zur Hand, der Gegenstand geläufig.« – »Gleichviel; eine weise Zögerung hätte Ihrem Memoire nur höheren Wert verliehen. Ihr Neulingseifer überlegt nicht, daß schon die Würde des Geschäftsganges, das Dekorum schickliche Pausen, ein Tempo maestoso erheischt. Dann kennen Sie die Herren vom Ministerium daheim noch nicht. Sie beneiden uns ohnehin um unsere Posten im Auslande. Je mehr wir leisten, desto mehr begehren sie. Wenn wir, heute gefragt, morgen antworten, müssen sie auf den Gedanken kommen, wir hätten nichts zu tun.« – Fürst Paul lächelte verstohlen. – »Ich weiß, was Ihr Schmunzeln bedeutet: daß wir in der Tat mit Arbeit nicht überhäuft sind. Irrtum, mein Freund! Unsere Arbeit ist eine andere, als diejenige in der Kanzlei einer Behörde, auch als die in dem Studierzimmer des Gelehrten. Man zählt sie nicht ab an den Nummern unserer Berichte, an der Ziffer des Auslaufjournals. Der Diplomat ist oft am wenigsten müßig, wenn er müßig scheint. Haben Sie niemals nachgedacht über den erhabenen, den tiefen Doppelsinn, der in dem Worte Geschäftsträger liegt? Geschäfts- Träger! Die Kraft der Trägheit ist das notwendige Gegengewicht der Kraft der Bewegung. So war denn auch die erste und letzte Instruktion, welche Talleyrand bei jeder wichtigen Sendung gab: ›Vor allem – kein Eifer!‹ Point de zèle, lieber Paul! Merken Sie sich die goldene Regel.«

Der Graf zündete, da er eben am Rauchkabinett vorüberwandelte, mit Kennerblick wählend, eine Regalia-Londres an, milde, abgelagerte Ware, wie sie vor dem Diner rätlich ist. Sein Sekretär lehnte ab; er rauchte nicht, der Mann des Positiven. Nach den ersten Zügen setzte sein Lehrmeister den peripatetischen Vortrag fort wie folgt: »Ihr jungen Herren lernt zu viel. Das schreibt sich her von Euren abgeschmackten Prüfungen: Fakultätsexamen, Staatsrigorosum, praktischer Konkurs; lauter nachmärzliche Errungenschaften, von denen die gute alte Zeit keine Ahnung besaß. Mit etwas Figur und Tournure, ein paar Sprachen, einem bißchen Talent und möglichst viel Geld, vor allem mit einem guten Namen, kamen wir rasch an, langsam vorwärts. Die Übung machte den Meister, nicht das mitgebrachte Wissen. Heutzutage besteht kaum noch ein Unterschied zwischen einem Attaché und einem Privatdozenten. Sie zum Beispiel, Fürst Paul, haben jetzt schon mehr vergessen, als ich zeit meines Lebens gewußt.« – »Sie beschämen mich, Herr Minister.« – »Ein Diplomat schämt sich nicht. Ich bin sogar unverschämt genug, mich meiner Ignoranz weniger zu schämen, als Ihrer Polyhistorie. In Ihrem Eisenmemoire haben Sie spezielle Sachkenntnisse verraten. Sie urteilen über schwedisches, belgisches, steierisches Roheisen, vertiefen sich in die schmutzige Kohlenfrage und liefern als Zugabe einen Exkurs von zwanzig Seiten Folio über die Arbeiterbewegung. C'est déroger, mon Prince, c'est complètement déroger. Dergleichen Detail gehört den Fachmännern, den Kommissionen von Experten ad hoc, wie der Kunstausdruck lautet. Wenn wir uns in solche Einzelheiten verlieren, büßen wir die Freiheit unseres Standpunktes ein, den klaren Blick. Viel Wissen macht Kopfweh, sagt ein bedeutungsvolles Sprichwort. Wir aber bedürfen vor allem einen offenen Kopf. Die Staatskunst hat, wie jede Kunst, im Können, nicht im Wissen ihren Schwerpunkt. Wenn Kenntnisse den Staatsmann machten, hätte es nirgends glänzender um die deutsche Politik gestanden, als in der famosen Kirche, die Ihren Namen führt, in der Paulskirche, wo fast lauter Professoren von Profession saßen. Und doch! ... Lassen Sie mich mein langweiliges Kolleg ohne Heft mit einem zweiten Zitat aus Talleyrand schließen. Erinnern Sie sich seiner Definition der Diplomatie?« – Fürst Paul murrte, gleichgültig, wenn nicht verächtlich, er erinnere sich nicht. – »Diplomatie ist der gesunde Menschenverstand, angewendet auf die großen Geschäfte der Welt. Eine prächtige Formel, weder philosophisch, noch mathematisch, aber praktisch, aus dem Leben, für das Leben.«

Fürst Paul hatte aufmerksam zugehört und sich zu einer Erwiderung gesammelt. Er begann: »Ich bin meinem gütigen Chef tief verpflichtet für sein Wohlwollen, wie für seine guten Ratschläge. Sie werden durch seine bewährte Erfahrung, durch glänzende Resultate verbürgt. Wer von uns Epigonen wüßte nicht, daß Ihnen, Herr Graf, das Verdienst gebührt, unsere Regierung aus ihrer gefährlichen Isoliertheit zurückgeführt zu haben in das europäische Konzert? Es war ein Meisterstreich Ihrer Hand, welcher der westlichen Allianz das erste Loch beibrachte.« –»Und wissen Sie auch, wie und wo mir der Streich gelungen? Nicht durch Depeschen und Noten, lieber Fürst. Den ersten Stoß versetzte ich ihr, dieser bedrohlichen Allianz, auf einer Hofjagd. Acht Tage später wurde sie in der Quadrille eines Kammerballs vollends unter die Füße getreten. Wenn der verschlossene Mund da einmal reden wird,« sagte der Graf, und brach ab, auf einen Schrank im Arbeitszimmer deutend, der seine geheimen Papiere enthält.. – »Doch fahren Sie fort, Paul.« – »Mit aller aufrichtigen Pietät sei es denn gestanden, Herr Graf, daß wir völlig verschiedene Ausgangspunkte und Ziele haben. Das macht: die Revolution liegt zwischen uns, jene Sündflut, auf welche das berühmte Après moi le déluge leichtfertig hinwies, und die nun in vollem Ernst plötzlich über uns gekommen ist, alle Rechte unseres Standes mit sich hinwegschwemmend, und uns nur Pflichten zurücklassend. Die Schule der Diplomatie, als deren Stifter mein seliger Vater gilt, die Sie, der glücklichste seiner Nachfolger, allein noch repräsentieren, sie beruht, wie Sie selbst sagen, auf der begabten Persönlichkeit, dem angeborenen Talent; die Staatskunst ist allerdings eine freie Kunst. Aber eine andere neue Schule erwächst schon in der Gegenwart, für die Zukunft: die Staatskunst der Notwendigkeit. Das Individuum tritt überall zurück gegen die Massen, auch in unserem Berufe. Genie und Talent allein genügen nicht mehr, um die Tatsachen zu beherrschen. Unsere Zeit, Herr Minister, ist eine eiserne; sie geht im Sturmschritt, mit Dampf, auf materielle Interessen los. Die feinsten Berichte, die Sie in dieser Stunde schreiben, kann der Telegraph in der nächsten überholen oder widerlegen. Die Diplomatie muß, wohl oder übel, aus ihren Kabinetten herabsteigen auf den Markt, an die Börse, in die Kammern und Volksversammlungen, wo eben Geschichte gemacht wird. Bemerken Sie gefälligst, wie die Souveräne schon angefangen haben, unserer Dienste sich zu entschlagen; sie handeln selbst, statt durch Unterhändler; sie halten Kongresse unter sich, bei denen wir antichambrieren dürfen. Es vergeht keine Woche, in welcher nicht das Ministerium des Auswärtigen einen oder den andern seiner Agenten geradezu fallen läßt, obgleich – nicht doch, weil er nichts anderes getan, als seinen Instruktionen folgte. Das Volk, die öffentliche Meinung glaubt schon längst nicht mehr an uns. Wir können die verlorene Stellung nur wiedererobern, indem wir der Bewegung folgen, sie leiten, uns an die Spitze stellen. Unsere Diplomatie muß eine positive werden, die Trägerin der internationalen Handelspolitik, Vermittlerin der Völker in ihren nächsten, natürlichsten Bedürfnissen, die Hüterin der allgemeinen Wohlfahrt und Gesittung. Sie glauben kaum, mein Herr Graf, auf welche wunderbaren Resultate die Forschung stößt, wenn sie die jetzt kaum angebahnte Bewegung rückwärts in ihre ersten Spuren verfolgt. Ich sammle seit meinem zweiten Jahrgang auf der Universität Materialien zur Geschichte der Diplomatie. Nur wo sie positiv gewesen, hat sie Resultate gehabt. Nichts lehrreicher, als der Vergleich zwischen den Agenten des Kapitols und denen des Vatikans, zwischen den Ministerkardinälen und den Ministermarschällen Frankreichs, zwischen altrussischer und neurussischer Schule, zwischen englischen und amerikanischen Gesandten. Bis in die griechisch-byzantinische Epoche führe ich meine Studien zurück. Man kann den Lorbeer eines Thucydides mit der Arbeit verdienen.« – »Und die Falten eines Sokrates,« lachte Gustel Wallenberg, der Unverbesserlichste aller vorsündflutlichen Staatsmänner. »Lieber Paul, der Himmel bewahre meine Stirn vor beiden! Das aber ist der Unterschied zwischen uns alten Diplomaten und euch neuen: wir machten Geschichte; ihr schreibt sie.«

Ein leises Klopfen, vielmehr Kratzen an der Tür unterbrach das Gespräch. Legationsrat von Marvál schlich herein, seine rote Maroquinmappe unter dem Arme. Schlag zwei Uhr war er, wie täglich, vom Speisen gekommen, hatte in wenig Minuten die Besuche und Anliegen in der Kanzlei abgefertigt und kam nun, dem Chef Bericht zu erstatten und diejenigen Papiere vorzulegen, welche dessen Unterschrift benötigten.

Schade, ewig schade, daß Herr von Marvál zu spät in unserer Erzählung auftritt, um sich nach Verdienst darin auszubreiten. Wir können von dieser höchst interessanten Figur im Vorbeigehen nur eine Profilskizze liefern. Theophil Marvál hat von der Pike auf gedient. Er ist der Zeitgenosse und das Geschöpf des Fürsten Joseph Maria Seß zu Neuseß-Sessenheim, Pauls Vater. Unter anderen Schönheiten liebte der Herr Premierminister eine schöne Handschrift. Der junge Marvál, als Kopist auf Tagelohn in einer Kanzlei des Auswärtigen Amtes aufgenommen, schrieb wie gestochen. Niemand vermochte den Anfangsbuchstaben einer Depesche, eines Reskripts mit so wunderbaren Schnörkeln zu verbrämen, so akkurat Zeile an Zeile, Ziffer unter Ziffer zu reihen, wie er. Der Premier, durch ein großes W eines Tages wahrhaft geblendet, ließ den Kalligraphen kommen, fand Gefallen an ihm, zog ihn in sein Kabinett, nahm ihn mit auf Reisen, brauchte (und mißbrauchte) ihn zu allerlei Sendungen, machte ihn zum Kanzlisten, zum Sekretär, zum Rat. Marvál bestand alle Proben, sogar die gefährlichste, die eines schnellen Avancements. Er hörte nicht auf, sich nicht nur nützlich, sondern auch angenehm zu erweisen. Seiner Talente waren gar mancherlei. In Papparbeiten, Silhouettenschneiden, Kartenkunststücken, Zitherspiel und Bauchreden hatte er seinesgleichen nicht. Jede fremde Handschrift verstand er bis zur Täuschung nachzuahmen, natürlich nur zum Scherz, ebenso Briefe zu eröffnen und wiederum zu verschließen, so daß das schärfste Auge keine Spur der geschickten Operation wahrnahm. Aus welchem Grunde der Fürst nach zwanzigjährigem Beisammensein einen solchen Tausendkünstler von sich tat und, mit Erhebung in den Adelstand, als Legationsrat der Gesandtschaft beigab, ist für die profane Welt Geheimnis geblieben. Es ging eine Sage, unstreitig Verleumdung, Marvál habe auf eigene Faust ein schwarzes Kabinett angelegt und der hohen Polizei ins Handwerk gepfuscht, als Meister. Andere behaupteten, er sei zur Kontrolle dem damaligen Gesandten beigegeben worden, einer mißliebigen Persönlichkeit. Genug, daß Marvál im neuen Wirkungskreis ebenso heimisch und notwendig war, wie im alten. Fünfundzwanzig Jahre bekleidete er seinen jetzigen Posten; Graf Wallenberg war der siebente Chef, dem er diente. In Marvál personifizierte sich die ganze Gesandtschaft. Sein Kopf galt mit Recht für ein illustriertes Staatshandbuch, für den mit den wertvollsten Notizen durchschossenen Adreßkalender der Residenz. Er kannte alle Kreise, von den höchsten bis zu den niedrigsten. Mit den Bürgern spielte er Billard, Domino und Tarok in den Kaffeehäusern und Bierstuben; in der biederen, gemütlichen Volksmundart seiner Heimat, die er in der Vollendung sprach, gewann er ihre Herzen, ihr Vertrauen. Sämtlichen Damen des diplomatischen Korps verschrieb er die neuen Hüte beim Anfang der Saison, dem Beichtvater der Königin böhmische Fasanen und Tokaierausbruch. Bis in die Portierslogen erstreckten sich seine fruchtbaren Aufmerksamkeiten; den kleinen Kindern darin brachte er bei jedem Besuch Zuckerwerk mit, den großen Romane, die von der Polizei konfisziert worden waren, seltene Tulpenzwiebeln und komische Faschingsmasken. Aber wie bekannt war er auch bei jung und alt, wie beliebt, der gute Herr von Marvál! Wenn er über die Straße ging, nie anders als im schwarzen Frack und in weißer Halsbinde, – nicht ein fingerbreiter Streifen, nachlässig umgeschlungen, wie ihn die heutige Mode trägt, sondern eine solide, gestärkte und gesteifte Krawatte, vom Kinn bis zum Schlüsselbein reichend, – kerzengerade wie ein Lineal, trocken wie eine Stange Siegellack, scharf und blank wie eine Stahlfeder, – da flogen von allen Seiten die Mützen, die Hüte, das vertrauliche Kopfnicken der vornehmen Dame aus ihrer Glaskutsche, der errötende Gruß des jungen Bürgermädchens, das er unter seinen Schirm nahm, wenn ein plötzlicher Regenguß die weißen Strümpfe bedrohte.

Der Herr Legationsrat stand neben seinem Chef, legte ihm mit der linken Hand die Papiere zur Unterzeichnung vor, die meisten darunter von seiner eigenen, durch die Jahre nicht in einem Haar oder Grundstrich verschlechterten Schrift bedeckt, und hielt in der dienstfertigen Rechten die Streusandbüchse bereit, um das zierliche Autograph Wallenbergs feierlich zu versilbern. Während dieser wichtigen Prozedur, welcher Fürst Paul zusah, um sich in die laufenden Geschäfte einzuschießen, meldete Marvál, daß die Kanzlei vollständig leer sei bis auf die zwei Damen, die von dem Roßhaarkanapee nicht weichen wollten. »Wer sind sie denn eigentlich und was bringen sie?« fragte Wallenberg im Unterschreiben. – »Für zwei polnische Gräfinnen geben sie sich aus, die vertrieben seien, flüchtig gegangen von wegen der Religion. Immer die nämliche Geschichte, und kein wahres Wort daran. Aus Petersburg kommen sie, Geschäftsreisende mit Rekommandationsschreiben von der Botschaft.« – »Den Teufel auch! Unsere großstädtischen Kollegen sind zuweilen von einer verzweifelten Naivetät. Was sie sich in Petersburg, Paris, London ungeniert erlauben, bringt uns hier um alle Reputation. Namentlich ich darf mich gerade jetzt um keinen Preis kompromittieren.« – »Anschauen möchten sie der Herr Graf doch; auch anhören. So ein fahrendes Fräulein weiß immer mehr, als einer denkt.« – »Soviel ich im Flug bemerkt, sind sie bildsauber, besonders die eine, die größere. Fürst Paul, haben Sie nicht Lust, den fremden Damen die Honneurs zu machen? Sie sind jung, unverheiratet. Ein Attaché kann nicht kompromittiert werden.« – »Wenn Sie befehlen, Herr Minister.« – »Dergleichen darf man sich nicht befehlen lassen. Ich sehe schon, Herr von Marvál muß sich wieder einmal aufopfern. Laden Sie die Reisenden heute abend ein, Marvál; nicht in eine Restauration, in Ihre Wohnung. Ein paar respektable, aber unbedenkliche und diskrete Personen bitten Sie dazu. Das Souper muß glänzend sein. Den Champagner sparen Sie nicht, er löst die Zungen. Die Kosten berechnen Sie auf unsere geheimen Fonds.« – »Sehr wohl, Herr Graf.«

Wallenberg erhob sich, fertig mit den Unterschriften, froh, aus den fremden Geschäften zu seinen eigenen, nicht den auswärtigen, sondern den inneren Angelegenheiten überzugehen. Als sich seine zwei Untergebenen empfahlen, sagte er: »Noch eins, Herr von Marvál. Sie sind so gefällig, meines verwahrlosten Hausstandes sich anzunehmen. Wie steht es um den Stall, die Livreen, Silberzeug, Leinenkammer und so weiter? Es wird mancherlei nachzuschauen sein.« – »Der Herr Graf hatten au contraire Einschränkungen befohlen.« – »Später; im Augenblick geht das auf keinen Fall.« – »So wird der Groom nicht entlassen? Der Jäger kann alleweil seinen Dienst mitversehen.« – »Unmöglich, Marvál. Sagen Sie, Fürst Paul, welche Figur ich machen würde, wenn ich vor dem Koloß dahergeritten käme? Ein Zwerg, der einen Riesen zur Jahrmarktsschau führt. Der Reitknecht bleibt. Bei Brandmeyer in Wien muß ein Kupee bestellt werden, elegant blau lackiert, mit weißer Seide ausgeschlagen. Das Wappen schicke ich ihm.« – Marvál zuckte kläglich die Achseln. – »Ich verstehe Sie, alter Freund. Es fehlt am besten. Vermitteln Sie noch eine kleine Zwangsanleihe, Marvál. Die letzte, meiner Seel, die letzte. Nur zwanzigtausend Gulden.« – »Das ist eine Summe, Herr Graf.« – »Nicht für den, der sie hat; nur für den, der sie nicht hat.« – »Geld ist knapp. An allen Börsenplätzen stieg der Diskont auf 7½. Wir werden nur unter den ungünstigsten Bedingungen abschließen.« – »Pah, ungünstiger, als die unseren Großmächten auferlegten, können sie nicht ausfallen. Was einem reichen Finanzminister recht ist, muß einem armen Gesandten billig sein. Sorgen Sie, Marvál, mein getreuer Chargé d'affaires.« – »Bei Herrn Krafft?« – »Durchaus nicht.« – »So suchen wir halt einen anderen Juden,« murmelte der Legationsrat, indem er mit Fürst Paul hinausging, dem Sohne seines verewigten Gönners respektvoll den Vortritt lassend. »Da ist 'was im Werk, Durchlauchtchen,« flüsterte er draußen. – »Und was?« – »Eine Vermählung oder eine Crida.«

Während sie die Treppe hinunterstiegen, zog sich Wallenberg in den Diwan des Rauchkabinetts zurück. Sein Feldzugsplan war gemacht. Heute abend schon platzte die erste Bombe; ein Artikel im Abendblatt, den er Hirsch Meyer ins Ohr geraunt, brachte die Nachricht, Seraphine Lomond werde sich von der Bühne ganz und gar zurückziehen, um einem bei Hofe und in der Gesellschaft hochgestellten Herrn ihre Hand zu reichen; sie selbst sei von vornehmer Abkunft und wolle am Tage ihrer Vermählung das bisherige Inkognito ablegen. Diese wohl überlegte Indiskretion sollte Seraphinen »engagieren«, hinter ihr die Brücke zur Rückkehr auf die Bühne abbrennen. Papa Krafft wurde für seine abgewiesene Werbung entschädigt durch den Schwiegersohn seiner Wahl. Armgard, die nette, kleine, geistreiche Bankprinzessin mit ihrer Million Mitgift, an welche Gustel selbst einmal im Ernst gedacht hatte, – sowohl an die Million, wie an das Mädchen, – war ein mehr als ausreichendes Schmerzensgeld für Roland...

Wie auf das Stichwort meldete ihn der Kammerdiener, als die Uhr im kleinen Salon halb drei schlug. Wallenberg ging dem Eintretenden mit einiger Befangenheit entgegen. Der Maler sah verstört aus. »Sie waren bei ihr,« rief er, noch ehe er Platz genommen hatte. »Ich sah Sie in das Haus gehen, sah Sie herauskommen. Seit gestern nacht irre ich umher, wie ein ruheloser Geist. Raffael, den ich auf Kundschaft an seine Marianka abgeschickt hatte, hinterbrachte daß Sie eine Stunde lang mit Seraphinen allein gewesen. Das Mädchen lauschte, verstand aber nichts. Ihre Herrin hatte verweinte Augen, da Sie fortgingen. Was ist geschehen, Wallenberg? Ich liege auf der Folter. Reden Sie doch!« – »Sobald Sie mich anhören wollen. Fassung, lieber Freund!« – »Fassung, also keine Hoffnung? Um Himmels willen, nur in dieser Stunde nichts von diplomatischen Ausflüchten und Abschweifungen!« – »Die außerordentlichsten Dinge haben sich zugetragen, Roland; Märchen aus Tausend und eine Nacht, an die ich nicht glauben würde, hätte ich nicht mit eigenen Ohren gehört, mit eigenen Augen gesehen. Der Schleier, der über Seraphinens Vergangenheit lag, ist gelüftet. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen jetzt schon alles mitteilen darf. Erfahren Sie wenigstens so viel, daß sie von hoher Familie stammt.« – »Das hat sie Ihnen anvertraut? Mir verschwieg sie es, jahrelang; mir, ihrem Freund, ihrem Bruder. Freilich, wenn sie eine vornehme Dame ist, steht ihr der Kavalier näher, als der Künstler.« – »Halten Sie ein, Roland, Seraphine ist ein Engel.« – »Das war sie, auch ehe sie ihresgleichen wurde, Herr Graf.« – »Sie sind bitter und ungerecht. Ich werde schweigen, bis Sie sich gesammelt haben.«

Nach einer schweren Pause, während deren beide, jeder in seine eigenen Gedanken verloren, stumm nebeneinander gesessen hatten, begann Roland wieder mit erzwungen ruhigem Tone: »Vergeben Sie meiner Bestürzung, Wallenberg, und meinem Schmerz. Ich ahne alles. Lassen Sie mich wissen, was ich wissen darf, wissen muß.« – Hierauf erzählte der Graf mit Weglassung der Namen und der Einzelheiten, was ihm die Sängerin mitgeteilt hatte, wohlweislich beim Ende anfangend, mit ihrer Jugendgeschichte. Er baute eine Brandmauer auf zwischen ihr und Roland, welche dieser mit jedem Wort um einen Stein wachsen sah. Dabei schwoll dem Bauernsohn aus Tirol die straffe Volksader; er glaubte zu verstehen, – und Wallenbergs künstlich verworrener Vortrag bestärkte den Glauben, – daß Seraphinens abschlägige Antwort durch das erwachte Standesgefühl diktiert worden sei. Ihre bisherige Vertraulichkeit gegen ihn kam auf Rechnung der Künstlerschaft; die Sängerin wollte mit dem Maler zwar verkehren, aber die geborene Dame nicht mit dem ungeborenen Proletarier. Sie wandte ihm und dem Theater zugleich den Rücken und zog sich zurück auf die kalten spitzen Höhen der Gesellschaft. Ade, schöner Traum, ade!

Der Diplomat fühlte, daß er, Fuß für Fuß, Terrain gewann; als kluger Feldherr verfolgte er seinen Vorteil. Von Kraffts Antrag erwähnte er nichts; hierzu hatte er keine Vollmacht, und wo Diskretion angezeigt schien, blieb er verschwiegen wie das Grab. Allein durch ein rasches, kühnes Manöver vorwärts verbrannte er auch seine eigenen Schiffe. »Ich gestehe dem Freund,« sagte er mit naiver Bonhomie, »daß mein altes Interesse an dem wunderbaren Weibe bei den überraschenden Enthüllungen des heutigen Morgens sich aufs neue heftig geregt hat. Fast möchte ich Ihnen, lieber Roland, Ihre gestrige Frage um guten Rat jetzt zurückgeben. Was meinen Sie dazu, wenn ich für mich die Werbung aufnehme, welche Sie, nicht bloß auf Seraphinens Antwort, sondern auf meinen Vorhalt über die Gefährlichkeit einer Künstlerehe, fallen lassen?« – »Ich verstehe,« nickte Roland. – »Sie verstehen nicht oder falsch. Verdrängen wollte ich Sie nicht. Ehrlich und offen habe ich Ihres Auftrages an Seraphinen mich entledigt. Da sie meine Ansicht forderte, gab ich sie, wiederum ehrlich und offen, fast mit den nämlichen Worten, mit welchen ich sie Ihnen gestern aussprach. Weder Sie, noch Seraphine vermochten sich dem Gewicht meiner Gründe zu entziehen. Die Position ist und bleibt für Sie verloren. Begehe ich einen Bruch des Vertrauens, einen Verrat an der Freundschaft, indem ich für meine Person in dieselbe eintrete?« – »O nicht doch, Herr Graf. Sie verfahren nur wie ein gewiegter Diplomat: Sie unterhandeln in fremdem Namen für eigenes Interesse.«

Roland wollte aufbrechen, gereizt und mehr als das, beinahe betäubt. Wallenberg hielt ihn eifrig zurück. Der Strateg fürchtete, zu weit sich vorausgewagt zu haben; eine Diversion mußte gemacht, ein Hilfskorps ins Feuer geführt werden. Armgard hieß die schmucke Schar, die er als deckendes Angriffsobjekt dem Feinde entgegenwarf. – »Wenn Sie doch endlich,« sprach er eindringlich, »einsehen wollten, wo Ihr wirklicher, wahrer Vorteil liegt. Es wird Ihnen dargeboten, und Sie rennen daran vorüber, an Armgard. Die Stadt verlobt sie mit Ihnen. Mißachten wir nicht die Orakel der Volksstimme. Volksstimme, Gottesstimme. Sie spricht unbewußt das Rechte aus, dasjenige, was sich ziemt, was frommt. Das Mädchen ist Ihnen gewogen. Ihr Vater deutet sogar eine stille Neigung an. Lächeln Sie nicht abweisend, Roland. Jedem Manne schmeichelt es, wenn ihm ein ausgezeichnetes weibliches Wesen mit reinem und edlem Gefühl entgegenkommt.« – »Wie Seraphine Ihnen,« grollte der Maler. – »Gesetzt dem wäre so, was verschlägt es Ihnen, da ich Sie des Gefühles nicht beraube? Seien Sie in der wichtigsten Frage, bei welcher es um Ihr Lebensglück und um ein zweites sich handelt, nicht ein eigensinniges Kind, das um ein versagtes Spielzeug klagt; nicht ein träumerischer Künstler, der einen sicheren Gewinn verschmäht, weil ihm der Einsatz auf eine übel gewählte Nummer verloren ging. Zöge Sie eine ausgesprochene, unüberwindliche Leidenschaft zu Seraphinen, wahrhaftig, ich würde Sie nicht an Armgard verweisen, die ein ganzes Herz verdient, die mir selbst nicht gleichgültig ist. Aber glücklicherweise existiert eine so unglückliche Passion nicht; unglücklich schon deshalb, weil ungeteilt. Sie gestanden noch gestern, daß Sie, mit sich und mit ihr im unklaren, nicht bestimmt wissen, ob Sie lieben, ob Sie geliebt werden? Nehmen wir jedoch auch beide Fälle an, und den weiteren, daß ich Ihnen Seraphinens Jawort gebracht hätte. Was dann? Sie heiraten sie; die Amazone verläßt die Bühne, den Schauplatz zahlloser, berauschender Siege; sie tauscht ihren Namen gegen einen anderen ein, der zwar gleich berühmt ist, den aber sie nicht gemacht hat, und verschwindet allmählich als Hausfrau in Rolandseck. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen auf die Gefahr, Sie zu verletzen, offen und ehrlich sage, daß Sie Seraphinen keinen genügenden Ersatz zu bieten vermögen, nicht für die Bretter, welche die Welt bedeuten, und nicht für die wirkliche große Welt, auf die sie durch ihre Geburt Rechte besitzt.« – »Wahr, nur zu wahr,« seufzte der Maler. – »Nun sehen Sie wohl,« fuhr der siegreiche Diplomat fort, »daß diese Partie mit Seraphinen unter widerstrebenden gestörten Verhältnissen geschlossen werden würde, während jene mit Armgard vollkommen gleich steht und jede mögliche Bürgschaft für das Gelingen, für die beiderseitige Zukunft enthält. Papa Krafft bekennt sich mit Fanatismus zu seinem Bürgertum. Sein Wahlspruch lautet schlicht und einfach. Er hat Ihnen selbst gesagt, daß er mit seinem Töchterlein nicht hoch hinaus will, und mir, daß Sie ihm als Eidam willkommen sind. Er schätzt sie verdientermaßen hoch als Ehrenmann, als Künstler. Armgards inneren Wert kennen Sie. Das Mädchen hängt an Ihnen wohl mit wärmerer Empfindung, als die Schülerin am Meister. Sie lieben Sie allerdings jetzt nicht, wie ein Jüngling von zwanzig Jahren liebt. Aber Sie werden sich von der kleinen Zauberin lieben lassen, so lang und so süß, bis Sie sie wieder lieben. Das gibt die besten Ehen. Zudem sind die äußeren Vorteile einer Verbindung mit dem Krafftschen Hause so unermeßlich, daß Sie die Augen nicht verschließen dürfen, mögen Sie solche auch mit schöner Uneigennützigkeit nicht in erste Linie stellen. Wer heiratet, hat die Pflicht, nicht an sich allein, sondern auch an seine Kinder zu denken.« – »An seine Kinder,« wiederholte Roland, in weicherem Tone als früher. – »Auf, mein Freund! Schütteln Sie dies dumpfe Brüten von sich! Ein rascher, fester Entschluß allein hilft in den großen, schmerzlichen, aber heilsamen Krisen unseres Gemüts. Held Roland ziehe sein gutes Schwert Durendarte und haue den garstig verwickelten gordischen Knoten entzwei.«

Roland sprang auf und ergriff den Hut. »Wohin?« fragte der Graf. – »Zu Kraffts!« – »Viktoria!« jubelte der Diplomat, aber inwendig, für sich, wie Diplomaten jubeln, wenn sie einen schwierigen Sieg erfochten haben. – »Ich begleite Sie,« rief er aus und warf den Rest der Regalia-Londres in die Ecke. – Roland erwiderte zögernd und mit einem Seitenblick: »Erlauben Sie mir zu danken, Graf Wallenberg. Diesmal ziehe ich dem gütigen Unterhändler eigenes Handeln vor.« – »Noch immer mißtrauisch!« – »Ich will Ihnen nicht Anlaß zu einem zweiten Opfer der Freundschaft geben, Sie nicht noch einmal zwingen, in meine verlorene Position großmütig einzutreten. Armgards Korb hole ich mir selbst. Für den von Seraphine, vielmehr von Komtesse Lomond, zukünftige Gräfin Wallenberg, bleibe ich in Ihrer Schuld. Auf Wiedersehen.«

Er stürmte fort. »Orlando Furioso,« murmelte Gustel. »Er ist doch weniger ... Künstler, als ich gedacht.« Nach einigen Wanderungen durch die Privatappartements riß er plötzlich an der Glocke, gerade als die Uhr im kleinen Salon halb vier schlug: – »Anspannen; das Offenbacher Kupee.« – Nach fünf Minuten war der verschwiegene braune Wagen ohne Wappen auf dem Perron vorgefahren. Der Portier riß das Haustor, der Jäger den Schlag auf. Seine Exzellenz der Herr Minister stiegen ein, nachdem sie dem Jäger, dieser dem Kutscher zugeflüstert: »Krafftstraße dreißig.« Die Fenstervorhänge im Wagen wurden von innen herabgelassen, – wohl der indiskreten Aprilsonne wegen?

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