Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Dingelstedt >

Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

4. Künstlers Erdenwallen

Der Meister begann: »Es war einmal ein Mann...« – »Der hieß Roland,« unterbrach ihn die Sängerin. – »Nein, so hieß er, leider, nicht; er nannte sich nur so.« – »Wie, auch du?« fragte sie verwundert wiederum dazwischen. – »Auch ich? Was bedeutet dies auch?« – »Ich wußte bisher nur, daß bei uns Theaterzigeunern angenommene Namen nicht selten sind,« antwortete sie, eine flüchtige Verlegenheit niederkämpfend. »Daß sie auch in ehrbaren Malerschulen vorkommen, überraschte mich. Gewiß zwang dich ein Standesvorurteil oder das Verbot von Angehörigen zu deiner Selbsttaufe?« – »Du irrst. Den Namen meines Vaters legte ich ab, weil er ein Unglück war. Mein Vater hieß Meyer.« – »Das nennst du ein Unglück?« – »Eines der größten, welches einem strebsamen, ehrgeizigen Jüngling aufgebürdet sein kann. Meyer, Müller, Schmidt... mache doch solch einen Namen bekannt! Versuch es. Ich behaupte kühn, wenn Goethe Meyer geheißen hätte, wäre er sein Lebtag nicht berühmt geworden.

Übrigens hatte ich ein Standesvorurteil bei Wahl meines Berufes nicht zu bekämpfen. Täusche dich nicht, indem du unter der Maske ›Roland‹ einen hochgeborenen Kopf mit der Grafenkrone suchst. Mein Vater, der Meyer hieß, war Hirt in einem der entlegensten Dörfer von Deutschtirol. Sommers hütete er die Ziegen und die Schafe der Bauern, im Winter als Lehrer ihre Kinder, wobei gelegentlich nach Möglichkeit gewildert wurde. Dorfschulmeister, Hirt, Wilddieb... Nein, Standesvorurteile hemmten meinen Genius nicht.

Halte mich nicht für so schwach, daß ich meiner Abstammung mich schämen könnte. Aber auch die nicht minder erbärmliche Schwäche, stolz darauf zu sein, liegt mir fern. Ich bin nicht hoch genug gestiegen, um des niedrigen Ausgangs mich rühmen zu dürfen. Ohne jede Anwandlung eines bauernstolzen Schwindels blicke ich zurück, auf die enge Hütte, die, sechs Monate im Jahre verschneit, meiner Kindheit Schauplatz war.

Als ob es am Fluche des Namens Meyer nicht genug wäre, hing mir der Tag meiner Geburt noch einen zweiten an. Am elften September erblickte ich das Licht dieser Welt, das für mich ein Halbdunkel war. Du errätst nicht, welcher Heilige an diesem Tage im Kalender steht. Ein wunderlicher ist es: Paphnutius. Unter seinem Namen wurde ich in das Kirchenbuch eingetragen. Dem Vater verdanke ich den Meyer, der Mutter den Paphnutius, zärtlich abgekürzt in Nuzi, durch ein naheliegendes Wortspiel in Nichtsnutz verwandelt. ›Paphnutius Meyer‹ macht dich lachen, nicht wahr? Mir hat es manchen Puff und Knuff eingetragen. Denke dir doch eine zärtliche Liebesszene, wo Julie ihren Romeo anredet: ›Mein Nuzi!‹ Oder ein Bild, gezeichnet: ›Meyer‹; das ist gerade so gut, als ob gar kein Name darunter stünde. Du begreifst das nicht, Seraph. Dir sind Engelsflügel angeboren, dein Name trägt gen Himmel, indes der meinige halb eine Unmöglichkeit ist, halb das Gemeingut einiger hunderttausend Mitmenschen, will sagen Mitmeyer.

In einer seinen Dorfgeschichte, wie sie heutzutage Mode sind, oder es gestern noch waren – Dorfgeschichten auf Velinpapier mit Illustrationen unserer berühmtesten Künstler – würde sich meine Heimat unstreitig vortrefflich ausnehmen. Auch daß der Meyer-Nuzi Ziegen hütet, ehe er sie malt, ist für einen Vasari der Gegenwart ein gefundenes Fressen. Aber in Wahrheit, in Wirklichkeit sehen sich solche Dinge verwünscht hart an, leben sich noch härter durch. Wenn die Giotto rar genug sind, gibt es der Cimabue sicher nicht mehr. Ein Malertalent ersten Ranges kann heute auf jeder Weide verkümmern, ohne von einem zünftigen Meister entdeckt, gehegt und gepflegt zu werden. Die Cimabue unserer Akademien würden einen Giotto entweder eifersüchtig im Keim ersticken oder eigennützig für ihre Zwecke ausbeuten.

Das Künstlerblut in meinen Adern mag mir von der Frau Mutter vererbt sein, die als Tirolerin, als echte, jodelnd und Zither schlagend, die Leipziger Messe ein paar Jahre lang besucht hat; nicht für eigenen Gewinn, setze ich gleich hinzu, sondern im Dienst eines ländlichen Impresario, der sie auf Wochenlohn engagierte. Ihre Beute aus fünf, sechs Feldzügen, welche bis Berlin und Hamburg ausgedehnt worden waren, belief sich auf zweihundert Gulden Konventionsmünze. Dazumalen gab es bei uns noch Konventionsmünze, das heißt: Münze, die nicht bloß Konvention war. Es langte gerade, um die Hütte am Ende des Dorfes zu kaufen, die sie dem Herrn Vater als Heiratsgut zubrachte. Weiter besaß sie nichts, und er hatte gar nichts. Null plus Null ist im ehelichen Leben nicht gleich null, sondern gibt ein minus X, das mit jedem Kindbett wächst. Der schmale Verdienst meines Vaters durch sein Doppelamt reichte nirgends. Unfrieden und Mangel gruben die ersten Eindrücke in mein junges Gemüt. Die besten Stunden waren die, wenn der Vater den schweren Stutzen hinter dem Ofen hervorholte und vor Tagesanbruch auszog, eine Gams oder ein paar Steinhühner aufzuspüren. Ich ging dann mit der Mutter auf die Hut. Sie erzählte von ihren Reisen, wie es im Reich nicht gar so schlimm ausschaue, als der Herr Pfarrer meine; die Lutherischen und ›der Preiß'‹ seien zwar Ketzer, im übrigen aber kreuzbrave Leut'. Und ihr Land viel, viel schöner als das unsrige; von den grauslichen Bergen keine Spur, alles eben wie ein Garten, voller Obstbäum'. Ihre einfachen Schilderungen weckten meine Wanderlust. Ich fing an, die herrlichen Alpen zu hassen, die zwischen mir und meinen Träumen lagen. Jenseits hätt' ich sein mögen, wo die Welt weit und offen ist.

Wie ich ein Maler ward, weiß ich mit dem besten Willen nicht zu sagen. Es muß doch mit dem ursprünglichen, unwiderstehlichen Naturtrieb mehr auf sich haben, als man insgemein denkt. Kein Bild hat meinen Sinn für Zeichnung und Farbe angeregt, denn es gab bei uns meilenweit in der Runde keins; unser Dorf hatte nicht einmal eine Kirche für sich, es war eingepfarrt über dem nächsten Joch drüben, zwei Stunden Wegs. Die kleinen Heiligenbilder, welche die reichen Kinder vom Herrn Göd zur Firmung geschenkt bekamen, und ein gräulicher Sandwirt in Steindruck, den der Vater im Rausch auf dem Jahrmarkt zu Schwatz erstanden hatte, sind die einzigen Kunsterzeugnisse, die ich bis zu meinem zehnten Jahre gesehen. Sonderbar, daß ich sie nicht ausstehen konnte. Auch die Kupfertafeln, die der Vater von Amts wegen zugesandt erhielt als Vorlagen zu dem sogar in unserer Einöde anbefohlenen Elementaranschauungsunterricht, ließen mich kalt. Und doch waren sie der nächste Anlaß zu meiner ersten, eigenen Haupt- und Staatsaktion, nachdem ich freilich schon geraume Zeit hindurch mit einem Stück Kreide, die ich dem Wirt abgebettelt, sämtliche Türen und Läden im Ort mit freien Handzeichnungen aller möglichen und unmöglichen Geschöpfe, nach der Natur ausgeführt, verunreinigt hatte. Ich erinnere mich der kleinen Szene noch zu lebhaft, um sie nicht beschreiben zu müssen. Mein Vater hielt Schule. Er hing eine kolorierte Tafel aus der kaiserlich-königlichen Staatsdruckerei zu Wien auf, die als Nummer eins ein stattliches Haus aufwies. – ›Was ist das, ihr Buben?‹ – ›A Haus, a Haus.‹ – ›Was denkt's euch bei dem Haus?‹ – Tiefe Stille. – ›Der Unterst', was denkst?‹ – ›I wollt' halt, es wär' mein.‹ – ›Der Nächst'.‹ – ›I möcht's a haben.‹ – ›Der Dritt' von unten, Nuzi.‹ – ›Daß das Dacherl z'kloan is.‹ – ›Bub, nichtsnutziger, wirst's besser machen, gelt?‹ – ›Ja, Herr Vater, wann ich dürft'.‹ – ›Du Malefizschmierer du, ich werd' dir dein Haus anstreichen. Gehst her?‹ – Einige väterliche Krafthiebe korrigierten wohl meine respektwidrige Kritik, aber nicht die herausgeforderte Lust, ein besseres Haus zu machen, als jenes auf der Tafel, das ein Stadthaus war mit flachem Schieferdach, zahllosen Fenstern und glatten Wänden, dergleichen mir niemals vorgekommen. Am nächsten Feiertag – es fehlt an ihnen in Tirol nicht – zeichnete ich auf ein Brett, das ich dem Ziegenstall entlehnt hatte, unser Haus ab: das vorspringende Dach, mit Schnee bedeckt, mit Steinen beschwert, die hölzerne Galerie, die kleinen, runden Scheiben, die niedere Tür. Vor ihr lag gerade, in der bleichen Wintersonne sich wärmend, unser Hund. Er hieß: der Wred', unser Hund. Das Echo der Berge und des Volksherzens bewahrt mit wunderbarer Treue den Namen seiner Dränger wie seiner Helden. In der Pfalz heißen eine Menge Köter zur Stunde noch Melac, in Sachsen Tilly. Und wie oft steht Kaiser Nero, der populärste Name in Rom, bei unseren Vierfüßlern Gevatter. Den Wred' behandelte ich mit ganz besonderem Fleiß, weil er so glänzend weiß aussah. Ihn und den Schnee am Dache machte ich mit weißer Kreide. Alles, was ich dunkel sah, mit Kohle. Mein Prachtstück gab der Gamskopf mit den zwei Hörneln am Giebel ab. Da ich fertig war, brachte ich mein Opus 1 zu Vater und Mutter. Diese fiel mir um den Hals und weinte, jener schüttelte bärbeißig den Kopf, sagte nichts, verwahrte aber doch das Brett sorgfältig im Kasten nebst Pulvermaß und Schrotbeutel, seinen teuersten Schätzen. Vorher äußerst freigebig mit Züchtigungen, hat mich seine Hand seit jenem Tage nicht mehr berührt.

Vergib, wenn ich deine Engelsgeduld ermüde, langmütiger Seraph. Ein Kindermärchen geht gern langsam, zumal, wenn es in des Erzählers eigene Kindheit zurückkehrt, die in der Erinnerung immer verklärt und rosig hinter uns liegt, auch wenn sie in der Wirklichkeit grau in grau gewesen ist. Aus der meinigen vertrieb mich eine schaudervolle Nacht, die ich verschweigen möchte und doch nicht verschweigen kann. Wende dein Antlitz ab von ihr, wie es der gute Engel unserer Hütte auch getan.

Von sechs Geschwistern, die ich hatte, war das jüngste, ein Mädchen, mein Liebling. Es hieß Rosel. Rosel starb an Scharlach, als sie fünf Jahre alt war, ich fünfzehn, also schon ein erwachsener Bursch, früh reif geworden, des Vaters Hilfe in seinen zwei Geschäften. Die kleine Leiche ward auf dem niederen Hausboden ausgestellt, bis sie auf den Gottesacker in unserem Pfarrdorf geschafft werden konnte.

Mitten in der Nacht höre ich, – wir schliefen alle, Eltern und Kinder, in einem und demselben Gemach unten im Hause neben der Wohnstube, – wie der Vater sich leise aufmacht und die knarrende Treppe zur Bodenkammer hinaufschleicht. Ich schlief nicht, weil mein Leid um das heimgegangene Schwesterlein mich wach erhielt. Alle anderen lagen in tiefer, dumpfer Ruhe, auch die Mutter, müde von Nachtwachen und Krankenpflege. Was wollte der Vater droben bei der Toten? Atemlos horchte ich auf. Das Herz schlug mir bis in den Hals. Ich hörte die Hoftür gehen, nach einer ziemlichen Weile in der Hausflur am Herd Licht machen, dann Tritte in der Stube und ein mehrmaliges Knacken, wie von dem Hahn des Stutzens – Alle Heiligen im Himmel stehen mir bei! Ich krieche aus meinem Bett und tappe sachte, sachte an das einzige Fenster. Das ist hart und fest gefroren. Mein Hauch taut das Eis auf, daß eine der kleinen Scheiben frei wird und mir den Ausblick gestattet über unsern Hof und in den unmittelbar hinter ihm aufsteigenden Bergwald. Der Mond schien hell, ringsum lag fußhoher Schnee. Da, unter den ersten Tannen – sieh mich nicht an, Seraph – hat der Vater die Leiche seines Kindes gebettet... um das Raubgetier der Nacht, Fuchs, Steinmarder, Iltis, anzulocken; er steht, den Stutzen im Arm, im Schatten der Galerie auf der Lauer.

Meine Knie brachen unter mir. Die Nägel in das dichte Fenstereis geschlagen, lag ich wie besinnungslos da. Dann stürzte ich unter krampfhaftem Schluchzen an Rosels Bett und vergrub den Kopf in die kalten, leeren Kissen. Die Mutter erwacht, sie hört mich heulen. ›Was hast du, mein Bub'?‹ sagt sie. ›Mußt nimmer weinen um unsre Rosel; schau, die ist jetzt ein Herrgottsenglein und betet droben im Himmel für uns.‹ – ›Nein, Mutter,‹ erwidere ich zähneklappernd, ›die Rosel liegt hinter der Hütten im Schnee. Der Herr Vater will ludern mit ihr.‹ – Hierauf ein Schrei, dessen Ton mir noch heute das Herz zerreißt; ich habe ihn später wieder gehört, im Atlas, von einer Löwin, die sich über ihr angeschossenes Junges warf. Die Mutter stürzt hinaus, halb nackt. Ich blieb in namenloser Angst in der Kammer liegen, unter den fünf Geschwistern, die, aus dem Schlafe aufgeschreckt, weinten, ohne zu wissen warum. Erst ein Schuß, der draußen krachte, riß mich empor. Ich eilte in die Hausflur und sah, wie die Mutter, Rosel im Arm, durch die Hintertüre hereinschwankte. Der Vater folgte mit dem Stutzen, der losgegangen war, während sie mit ihm gerungen.

Am nächsten Morgen lag die Mutter im hitzigen Fieber, drei Tage darauf war sie eine Leiche. ›Die Gaisen-Meyerin ist am Hirnschlag gestorben,‹ hieß es im Ort. Auf einem Schlitten wurde ihr Sarg und die kleine Lade mit Rosel über das Gebirg zum Friedhof gefahren; ich saß zwischen beiden, meine Toten bewachend, bis sie die geweihte Erde in ihren schützenden Schoß aufgenommen. Zwei andere Schlitten mit den Leidtragenden folgten.

Nachdem der abscheulichen Sitte des Leichenschmauses Genüge geschehen, trat ich zum Vater, den Stecken in der Hand, den grünen Quersack um die Schultern, der meine Habseligkeiten enthielt: ein paar Hemden, deren grobe Leinwand die selige Mutter gesponnen und gewebt hatte, Fußsocken, von ihr gestrickt, zu unterst ein Seidentüchel von Rosels Hals.

›Ich geh', Herr Vater,‹ sagte ich. – Er nickte mit dem Kopf: ›Und läßt mich allein mit den fünf Fratzen‹ – ›Ihr wißt, daß es so sein muß. Wir zwei können keine Nacht mehr unter einem Dach liegen.‹ – Er murrte: ›Wenn die vornehmen Leut' ihre Kinder nach dem Tode aufschneiden lassen...‹ – ›Vater, kein Sterbenswörtlein mehr, oder es gibt ein Unglück. Behüt' Euch Gott. Was ich in der Fremd' erwerb', werd' ich heimschicken.‹ – ›Vergiß nit drauf, und daß es nur fein genug ist für mich und die fünf‹, so höhnte er hinter mir drein.

In Meran fand ich nach kurzer Wanderschaft Unterstand: ein Zimmermaler nahm mich unentgeltlich, sogar mit Kost und Logis, in die Lehre, unter der Bedingung, daß ich vier Jahre wenigstens bleiben müßte. Ich blieb solange, strich Wände, Decken, Fenster, Türen an, daß es eine Lust war, und besuchte die Sonntagsschule, in der ich den ersten Zeichenunterricht empfing. Weil ich, allem Verbot zum Trotz, wenn es Arbeit in seinen Häusern gab, nicht durch die Schablone pinselte, sondern aus freier Hand und nach eigener Erfindung Plafonds malte, gab es häufigen Zank mit dem Meister, doch auch allerlei Nebenverdienst und örtliche Berühmtheit. Die Schützen bestellten ihre Scheiben zum Festschießen bei mir, eine fromme Wittib ein Ex-voto-Bild für ihren in der Passer verunglückten Gatten. Im dritten Jahre erhielt ich den Auftrag, eine Fahne für die Fronleichnamsprozession zu liefern, welche als die schönste im ganzen Zuge männiglich bewundert wurde. Es fehlte nicht viel, so hätten mich die geistlichen Herrn für einen ihrer Orden gewonnen; sie wollten mit aller Gewalt ein Kirchenlicht in mir riechen. Gegen Ende meiner Lehrzeit wurde eines der zahlreichen Schlösser im Etschtal neu dekoriert. Ich schmeichelte meinem Meister die Erlaubnis ab, den Speisesaal auf eigene Faust zu übernehmen, bat mir aber aus, daß während der Arbeit nicht ein fremder Fuß die Schwelle überschreiten dürfe. Nach vier Wochen führte ich den Eigentümer und den Meister vor mein fertiges Werk. Sie waren außer sich. Ich hatte den Saal in einen Weinberg verwandelt, wozu mir Mutter Natur, meine einzige, ewige Lehrmeisterin, die schönsten Originale an jedem Hügel darbot. Unten um die vier Wände herum lief ein altes Mauerwerk, auf welchem Efeu und Eidechsen nicht gespart waren. Die Reben rankten in üppigstem Wachstum darauf und darüber empor, teils frei, teils an Geländern, an der Decke in zarte Arabesken auslaufend. Dunkle Trauben hingen überall herunter, den Gästen, wenn sie zu Tische saßen, sozusagen in den Mund. Und wieviel verschiedene Arten von Vögeln an den Beeren pickten, wie viele Käfer und Raupen auf den grünen Bäumen krochen, wie viele Schmetterlinge durch die lichten Zwischenräume flogen – nun, du kennst ja meine Zärtlichkeit für alles, was da fleucht und kreucht. Oben in dem einen Winkel des Plafonds lauschte aus dem Halbdunkel ein mächtiger Bär, der in jenen Gegenden noch häufig zum Besuche sich einstellt; gegenüber Meister Reineke, auf einer Latte liegend, mit lang herabhängender Rute. Am Himmel standen, zu gleicher Zeit, Sonne, Mond und Sterne. Das Hauptstück aber war ein Porträt des Saltners, das heißt Weinberghüters von Meran, der in Lebensgröße durch ein Fenster der Laube von außen hereinsah, die Flinte im Anschlag gerade auf den in die Türe eintretenden Beschauer gerichtet. Welch ein Triumph meiner Kunst, daß jedermann unwillkürlich zurückfuhr, sobald er des allgemein bekannten, bärtigen Gesichtes unter dem grünen Hut ansichtig wurde! Im übrigen versteht es sich von selbst, daß meine Arbeit ein roher, naiver, jeder Regel und Form spottender Versuch gewesen ist. Dies hinderte indessen nicht, daß von fern und nah Besuche kamen, um sich das Meisterstück eines Lehrlings anzusehen, darunter viele Fremde, zur Traubenkur gerade in Meran versammelt. Am Tage, da das neue Schloß eingeweiht wurde, erschien ich mit meinem Meister als Gast an der Mittagstafel. Ich fand unter meinem Kuvert eine funkelnagelneue Banknote zu fünfzig Gulden, das Geschenk des großmütigen Hausherrn. Dessenungeachtet schmeckte mir kein Bissen, ich schwitzte große Tropfen der Angst. Kein Wunder; meine eigene Sonne schien mir gerade auf den Kopf, und neben mir saß ein gelehrter, berühmter Maler, der Professor – aus – (Namen tun nichts zur Sache) –, der mir die Seele aus dem Leibe fragte und nach jedem Gericht dozierte: ›Sie haben ein entschiedenes Talent, junger Mann, aber Sie sind auf falschem Wege. Sie fangen an mit dem Ende. Ehe man nach der Natur arbeitet, muß man einen regelmäßigen Kursus der Schule durchmachen.‹ Darauf bewies er mir sonnenklar, daß ich von der Perspektive nichts verstünde, daß meine Zeichnung inkorrekt sei, daß auch die Farbe nichts tauge. Ich dankte meinem Schöpfer, als die Mahlzeit vorüber war, und der Herr Professor einen kleinen Spitz hatte. Wie wenn der Kopf mir brennte, rannte ich nach Haus, wechselte meinen Fünfziger und schickte dreißig Gulden heim an meinen Vater.

Mit den übrigen zwanzig im Sack verließ ich am letzten Tage meiner Lehrzeit Meran. Sehr gegen meine Neigung, aber gehorsam dem Rate meines großmütigen Gönners, des Burgherrn, pilgerte ich zu meinem Tischnachbar, dem berühmten Professor. Er nahm mich als Schüler an. Obgleich ich längst lesen konnte, lernte ich bei ihm das A-B-C der Kunst und buchstabieren. Die Summe seiner Lehrweisheit faßte sich in dem Satz zusammen, daß in unserer Zeit, wo das Reich der Malerei ein unermeßliches, die Technik eine Wissenschaft für sich sei, jeder Künstler eine Spezialität ergreifen und diese bis zum Virtuosentum ausbilden müsse. Gerade das Gegenteil meiner tiefinnerlichen Überzeugung, daß die Kunst allumfassend ist, wie die Natur. Mir empfahl er die Spezialität der Blumen-, Frucht- und Tierstücke. Die seinige war die Winterlandschaft. Er hatte es darin so weit gebracht, daß man bei seinen Bildern eine Gänsehaut und Frostbeulen bekam. Ich genoß im geheimen die Vergünstigung, Staffagen in dieselben zu malen, Bauern mit Holzschlitten, Köhler am Feuer, Wild und Raubvögel. Dennoch habe ich bei ihm mancherlei gewonnen, mehr noch in den zahlreichen Ateliers der Hauptstadt, in denen ich mich mit zudringlicher Beharrlichkeit einzubürgern wußte. In einem saß und stand ich Modell, im andern rieb ich Farben, im dritten schlug ich Zither und sang Schnaderhüpfl'n. Aber in allen hatte ich offene Augen, welche sahen, wie der einzelne es machte, und von jedem lernten. Nach zwei Jahren fragte ich den Professor, wieviel ein Mensch von einfachen Bedürfnissen und Gewohnheiten an Zeit und Geld brauchen möge, um in Paris und in Italien studieren zu können. Er veranschlagte vier bis fünftausend Gulden, auf vier bis fünf Jahre verteilt. Mein Plan war gemacht. Ich schnürte mein Bündel, sagte dem Professor Dank und Ade und suchte mir eine kleine deutsche Stadt, in der es noch keinen Maler gab. Sie sind schwer zu finden, aber ich fand. Ich rechnete hundert Porträts, Stück für Stück fünfzig Gulden, mit denen ich binnen zwei Jahren fertig zu werden und genug für meine Wanderschaft erworben zu haben hoffte. Wohlgemut stellte ich die Staffelei auf und eröffnete meinen Laden. Aber die Kundschaft blieb aus. Ich mußte mir erst einen Namen machen, indem ich Aushängeschilder für fremde Läden unternahm. Dies gelang. Ein Ritter für das vornehmste Gasthaus des Ortes, zum Ritter genannt, ein Mohr und eine Türkin für einen Tabakshandel, ein paar Kühe für ein Milchgeschäft, ein Tiger vor dem Gewölbe des Kürschners – sie wirkten Wunder. Sämtliche Honoratioren, die Pächter der Umgegend, der Landadel auf zehn Stunden in der Runde gingen mir nach und nach ins Netz. Dabei spielte mir die Liebe einen bösen Streich, an welchem um ein Haar mein ganzer Plan gescheitert wäre. Ich faßte eine grausame Leidenschaft für meine Türkin, das Töchterlein des Tabaks- und Zigarrenkrämers, welche ich auf der Auslage ihres Vaters in Lebensgröße abkonterfeit hatte. Sie war ein munteres, frisches Ding mit einem Paar sehr viel versprechender, schwarzer Augen im Kopfe und einer Gestalt, welcher das orientalische Jäckchen und die gelben Pumphosen vortrefflich anstanden. Mit Christinen – so hieß die Odaliske – war ich bald genug im reinen. Sie ermutigte mich zu einem förmlichen Heiratsantrag bei den verehrlichen Eltern, nachdem sie die Mutter durch ihre Beredsamkeit so gut wie gewonnen haben wollte. Eines schönen Sonntagsmorgens stieg ich denn auch, in meinem ersten schwarzen Frack, den Zylinder in der Hand, unter schwerem Herzklopfen die kleine Stiege hinan, die aus dem Laden in das Familienzimmer führte. Der Tisch war bereits gedeckt; aus der Küche drang ein höchst verführerischer Geruch herein, unverkennbar von einer gebratenen Martinigans, mit Äpfeln gefüllt. Christine empfing mich blinzelnd, winkend, schmunzelnd, augenscheinlich voll Zuversicht und ohne den leisesten Zweifel an dem vollständigen Erfolge meiner Werbung. Sie zeigte verstohlen auf einen vierten Platz am Tische, als wollte sie sagen: die Gans und ich, wir sind dir gewiß; nur vorwärts! – Die Mutter saß am Fenster und strickte meinen Schicksalsstrumpf. Papa schloß im Winkel des Zimmers am kleinen Kontor, über dem eine ewige Lampe glimmte, die Bilanz der vergangenen Woche; sein Stirnrunzeln verkündete ein verhängnisvolles Defizit. Trotz des lockenden Schildes am Laden war Rappé und Kanaster flau gewesen, Vollheringe wenig begehrt, Öl still, nur Seife angenehm, an der nicht viel verdient wird. Er empfing mich mit würdevoller Zurückhaltung, hörte meine lange, wohleinstudierte Rede, ohne mich zu unterbrechen, schweigend an, indem er sich auf seinem Schreibebock herumdrehte, und klappte, als ich geschlossen, Journal und Hauptbuch feierlich zu. ›Ihre Werbung, Herr Maler Meyer,‹ so antwortete er nach einem feierlichen Räuspern, ›kann mir, meiner Frau und meiner Tochter nur ehrenvoll sein. Indes, ehe wir weiter gehen, belieben mir Euer Wohlgeboren zu sagen, wieviel Uhr es sein mag?‹ – Verwundert stammelte ich etwas wie zwölf Uhr vorüber. – ›Das denken Sie, aber ein Kaufmann ist in allen Dingen exakt. Haben Sie die Gewogenheit, Ihre Uhr zu befragen und mir genaue Antwort zu geben.‹ – ›Meine Uhr? Ich habe keine.‹ – ›Heißt das, Euer Wohlgeboren besitzen ein solches, dem ordentlichen Manne durchaus notwendiges Stück überhaupt nicht, oder dieselben haben es nur zu Hause gelassen?‹ – ›Ich habe keine Uhr, weder bei mir, noch daheim.‹ – ›Dann bedauern wir,‹ sagte er, von seinem erhabenen Sitze herabsteigend, ›unsere Tochter Ihnen versagen zu müssen. Ein Mann ohne Taschenuhr ist kein Ehemann für sie. Suchen Sie, junger Herr, zuerst eine Uhr und dann eine Frau. Nicht einmal eine Uhr! Christine, richte an. Es ist‹ – er zog wohlgefällig sein Nürnberger Ei in Schildpattschale aus der Hosentasche und ließ das Petschaft an der goldenen Kette vernichtend in meine Augen blitzen – ›es ist zwanzig Minuten über zwölf. Nun wissen Sie, wie es an der Zeit ist. Womit wir uns Euer Wohlgeboren in allem übrigen bestens empfohlen haben wollen.‹ Er neigte das Haupt, Mama stand auf, knickste und ließ eine Masche fallen, vor Schreck oder Mitleid. Christine war verschwunden, mit einem Abschiedsblick, der mir zurief: ›Nicht einmal eine Taschenuhr! Hätte ich das gewußt!‹ – Ich empfahl mich zerknirscht. Ein halbes Jahr später hatte ich eine Taschenuhr, und Christine, meine Türkin, die zur Vielmännerei neigte, einen Bräutigam, den reichsten Advokaten des Städtleins, einen alten Junggesellen. Beide begegneten mir, Arm in Arm, bei ihrem Visitenrundgang. Die schwarzen Augen maßen mich höhnisch und wiesen auf die rote Samtweste des Zukünftigen, auf welcher eine vielfach verschlungene Goldkette baumelte. Ich zog mit der linken Hand den Hut, mit der rechten meine neue Taschenuhr und fühlte mich gerächt, fast gerettet. Hätte ich an dem Gänsesonntag eine Uhr besessen, so brütete ich vielleicht noch in dem kleinen Nest über Ladenschildern und Porträts. Woran ein Menschenleben doch oftmals hängt!

Aber nicht bloß in der Liebe, auch in der Kunst sollte ich schweres Lehrgeld bezahlen. Ich sagte dir, mit welch heiligem Feuereifer ich meine Staffelei aufgestellt und nach Arbeit getrachtet. Dabei gelobte ich mir, vor allen Dingen immer wahr zu sein, niemals zu schmeicheln. Höre, wie ich die Probe bestand. Mein erster Kunde war eine Bäckermeisterin, Frau Maier mit Namen. Sie nannte mich freundlich ›Herr Vetter‹ und eröffnete die Sitzungen, die in ihrer ›guten Stube‹ abgehalten wurden, mit einem Frühstück von selbsterzeugtem Kuchen und gleichfalls selbsterzeugten Morgenschnäpschen. Eine kleine Versüßung der Aufgabe konnte allerdings nicht schaden. Frau Maier war eine vollreife Schönheit von einigen fünfzig Lenzen und einem Gewicht von guten dritthalb Zentnern. Sie präsentierte sich in einem ausgeschnittenen Seidenkleid mit kurzen Ärmeln, bloßem Hals und Nacken, um welchen sich wie eine Schlange eine goldene Kette wand, ein Lorgnon haltend. Ich wagte die schüchterne Anfrage, ob sie nicht eine Krause oder ein Tuch nehmen wolle? Sie verneinte entschieden, weil sie nicht wüßte, warum sie ihren, ohnehin etwas kurzen Hals noch verstecken sollte. Seufzend brachte ich ihre Schwäche, das ist Stärke, in ein möglichst diskretes Licht und ging ans Werk. Mit den Umrissen des Kopfes war leidlich fertig zu werden. Als ich aber in die unteren Partien des Gesichts geriet, das in ein majestätisches Kinn von mehreren Stockwerken auslief, befiel mich ein Schwindel, der Angstschweiß brach mir aus. Ich irrte, erst mit den Augen, dann mit der Kohle, trostlos in diesen Fleischgebirgen umher, ohne zu wissen, wo das Kinn aufhörte und der Busen anfing. Die Sitzung wurde kurz abgebrochen. Am nächsten Morgen trank ich mir Courage an zwei, wenn nicht gar drei Bitteren, und setzte dann rüstig meine Wanderschaft fort, entschlossen, Ordnung in das Chaos zu bringen, vor allem meinem Schwur der Wahrheit unverbrüchlich getreu zu bleiben. Ich arbeitete wie ein Metzgergesell, während dann und wann meine Kollegen, die Bäcker, in aufgestreiften Hemdsärmeln, mit weißen und weisen Gesichtern, mir über die Schultern sahen, heimlich lachend. Auch der Meister kam, schüttelte den Kopf und ging. Am dritten Tage – fehlte das Frühstück. Böses Omen. Die Besuche aus der Backstube blieben gleichfalls aus. Nur der Lehrbub kam einmal herein, schnitt eine Koboldsfratze und rief, davonlaufend: ›Die Frau Meisterin sieht aus, als ob sie einen Kropf haben täte.‹ Die dritthalb Zentner gerieten in eine tiefe Erschütterung. Frau Maier weinte blutige Tränen. Herr Maier schalt mich einen Pinsel und fragte, ob ich seine Ehehälfte für eine Löffelgans hielte? Meine Zukunft stand auf dem Spiel, die Studienreise nach Rom und Paris. Wenn meine erste Kundschaft mich unzufrieden entließ, war meines Bleibens nicht, mein Erwerb ruiniert. Ein schmerzlicher Kampf entbrannte in meinem Innern. Endlich senkte der Genius der Wahrheit besiegt die Fackel, mein Gelübde ward gebrochen. Ich machte die Augen zu: ein herzhafter Strich und die Unterkinne verschwanden, in einer lieblichen Wellenlinie ging das Fleischgebirge unter, nur eine appetitliche Fülle blieb zurück. Natürlich brachte die vierte Sitzung einen Regenbogen des Friedens in den verschiedenfarbigsten Likören, und das Fleisch, welches ich meinem Modell gewissenlos genommen, wurde mir reichlich ersetzt – auf Butterbrot. Der ›Herr Vetter‹ mußte, als das Bild fertig dastand – sprechend ähnlich, wie alle Welt anerkannte – jeden Sonntag beim Hofbäcker essen. Die dankbare Bäckersfrau empfahl mich, um gute fünfzig Pfund erleichtert, der gesamten Verwandtschaft, worunter ich einem Stadtrat eine römische Nase aufsetzte statt seiner angeborenen Kartoffel, und die Tochter des Kreisphysikus, welche schielte, vorsichtig in Profil malte. Mein Glück war gemacht... Was ist Glück, Seraph? Damals dünkte es mir das Höchste, jede Woche einen deutschen Kleinstädter zu versilbern, in zweimal zweiundfünfzig Wochen ein paar tausend Gulden auf die Seite zu schaffen. Ihr, meiner Hofbäckerin, dankte ich dies Glück. Friede ihrem Unschlitt; denn nur darein, nicht in Asche kann sich ihr braver Leichnam aufgelöst haben.

Noch vor Ablauf der zwei Jahre stand ich am Ziele. Ich hatte in der letzten Zeit meine Preise erhöhen können; ein Rittergutsbesitzer mußte hundert Gulden, statt anfänglicher fünfzig, zahlen, und doch bekam ich mehr Aufträge, als ich auszuführen vermochte. Aber mit welch innigem Aufatmen, wie laut jubelnd und triumphierend verbrannte ich, nach dem letzten Attentat auf die Wahrheit, meine verfluchten meineidigen Pinsel! Nun ein freier Künstler! Fort auf die hohe Schule, in die weite, wilde Welt! – Paris die erste Station. Dort fand mich nach einjähriger, harter, heißer Arbeit Lord Rochester. Du weißt, daß er über das, was damals meine Zukunft hieß, entschied. Das Kapital, das zwei, drei Jahre dauern, bis Rom und Neapel reichen sollte, war in fünfzehn Monaten geschmolzen. Ich hatte nur gesäet, nicht geerntet, und nebenbei gelebt aus dem vollen. Mein letztes Zwanzigfrankenstück brannte in meiner Tasche, als er mir im Louvre, bei der Kopie eines Murillo, begegnete. Er stellte mir die erste große Aufgabe meines Künstlertums, die Roland-Galerie. Ich führte sie unter seinen Augen aus, in Paris, in den Pyrenäen, in Madrid. Laß dir sagen, daß unsere Maler Toren sind, wenn sie, jahrein, jahraus, Italien ab- und ausschreiben. Madrid besitzt die reichste Fundgrube der Welt, Italiener, Niederländer, Spanier. Und welche herbe, tüchtige Eigenartigkeit des Volkes dazu! Bin ich etwas geworden oder werde ich noch etwas, so danke ich's den Spaniern und Lord Rowland. Er war ein Sonderling mit Haut und Haar, aber ein Kenner wie wenige, unbestechlich, tief, originell. Mit ihm habe ich England, Schottland, den Norden Europas bereist. Er erlöste mich von der Erbsünde des Meyer. ›Nennt Euch Roland,‹ sagte er, ›und seid der Sohn Eurer Werke; – so haben wir dieselben Ahnen.‹

Nachdem ich ihn in Rowlandshall begraben, zog ich nach Neapel; fünfundzwanzig Jahre alt, mit einem kleinen Vermögen, einem jungen Namen – kurz, ein gemachter Mann, wie man's zu nennen pflegt. Du erinnerst dich der Stunde, die uns dort zusammenführte, am Posilipp. Von dieser Stunde an bis zum heutigen Tage ist dir mein Leben bekannt. Abenteuer weist es keine auf, so wenig in der Gegenwart, wie in der Vergangenheit. Die Idylle aus den Tiroler Bergen ist weder zu einem Heldengedicht mit reizvollen Episoden, noch zu einem bewegten und wechselnden Drama angewachsen, das deinem frischen, fröhlichen Vogelfluge gliche. Sie verflacht sich allmählich in bürgerliche Alltäglichkeit, so daß ich mich zuweilen frage, welcher Unterschied bleibt zwischen mir und meinen Geschwistern, die ich daheim im ›Land'l‹ gut versorgt und untergebracht habe, die Brüder als ehrliche Handwerksleute, die Schwestern als tüchtige Haus- und Ehefrauen, und wer von uns das bessere, das glücklichere Teil erwählt hat? Was ist Glück? sage ich noch einmal. Weißt du es, Seraph?«

Die Sängerin, welche der Erzählung Rolands schweigend gefolgt war, stand auf und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er blieb in seinem Sessel nachdenklich sitzen und starrte vor sich hin, als hätte das Kindermärchen seines Lebens Gespenster, ruhelose und Ruhe raubende, in ihm heraufbeschworen. Sie sprach mit bewegtem Tone: »Ja, ich weiß, was Glück ist, weiß es, weil es mir fehlt, weiß es in und aus dir. Glück ist Frieden. Deine starke Seele schwebt, in unerschütterlichem Gleichgewicht mit sich selbst, hoch über den Schwankungen und Verirrungen unserer bald aufstrebenden, bald ab- und zurückfallenden Künstlerbahnen. Du stehst am Ziele. Deine Werke, deine Schüler haben deinen Namen in alle Welt getragen. Du bist glücklich, weil du glücklich machst.« – »Belüge dich nicht,« erwiderte er sehr ernst, beinahe traurig. »Ich bin schwächer als du glaubst. Was ich als Maler erreicht habe, schätzen und überschätzen andere; ich allein fühle, was mir zur Vollendung abgeht, wie weit, unerreichbar weit das wahre und höchste Ziel noch über mir liegt. Fühle, mein Seraph, was hier innen klopft und wogt« – dabei zog er ihre Hände an sein Herz –, »Stürme der wildesten Art, die ich nicht immer bezwinge, die Herbstäquinoktien meines Lebens, das bergab geht, Tag für Tag, Stunde um Stunde.« – »Du, Roland, in der Fülle deiner Kraft, auf der Höhe deines Ruhmes?« – »Ich, der ich, angekommen an dem fatalen Grenzsteine zwischen Jugend und Alter, rückwärts harte Anfänge, heiße Kämpfe erblicke und vorwärts öde Einsamkeit. Mir fehlen die Bedingungen der einfachsten, ursprünglichsten Menschenexistenz, mit denen ungestraft niemand bricht, auch der Bevorzugteste nicht: eine Heimat, der feste Zusammenhang mit der Familie. Ich bin aufgewachsen wie ein Baum ohne Wurzel, immer nach oben strebend, nach außen gekehrt. Für diesen Mangel am Nächsten, Natürlichsten entschädigt keine Arbeit und kein Resultat in der Kunst. Was hilft es dir, hoch gestiegen zu sein, wenn du auf dem Gipfel allein stehst, ganz allein? Und ich stehe allein, vollkommen allein, wenn auch du deine Wege wiederum von den meinen trennst. Ist es entschieden, daß du gehst, ist es?«

Er hatte beide Hände Seraphinens erfaßt und hielt sie in den seinigen, ihr bewegt ins Auge sehend. Sie machte sich langsam los. Ein leises Zittern flog durch ihre Glieder, als sie unsicher und abgewendet ihm erwiderte: »Ich weiß es noch nicht. Die nächsten Tage müssen meinen Entschluß reifen, den ich nicht fasse, ohne dich zu Hilfe gerufen zu haben. Es findet sich ja wohl eine stille Stunde, in welcher ich meine Bekenntnisse einer schwachen Seele gegen deine Jugendgeschichte austausche.« – Sie schüttelte dunkle Erinnerungen wie gewaltsam ab und fuhr mit einer gezwungenen Heiterkeit fort: »Einstweilen kann ich dir nur sagen, daß mich die Anträge des amerikanischen Agenten auf Schritt und Tritt verfolgen. Dieser würdige Zögling Barnums, Ullmanns und anderer Kunstkornaks hat ein noch nie dagewesenes Unternehmen begonnen. Er wirbt eine internationale Oper, mit welcher er eine Reise um die Welt macht. Ein eigenes Schiff, der Delphin genannt, unter der Sternenflagge segelnd, trägt nicht nur die neuen Arions männlichen und weiblichen Geschlechts, sondern auch ein eisernes Theater, das aufgeschlagen wird an denjenigen Stationen, die keine Bühne besitzen. Zuerst geht es nach Konstantinopel, in die Levante, nach Kairo; dann nach Nord-, Mittel- und Südamerika; über Melbourne nach Ostindien, was weiß ich, wohin? Wir singen italienisch, deutsch, französisch, je nach den Ohren unseres Publikums. Aber Seele und Leib müssen wir, und das auf fünf Jahre, an den transatlantischen Sklavenhändler verkaufen. Mir überläßt er es, meinen Preis selbst zu bestimmen; die Kontrakte liegen seit acht Tagen in meinem Nachttisch, damit ich mir die Sache beschlafen kann.«

Roland ging mit großen Schritten unmutig auf und ab. »Fünf Jahre!« rief er aus. »Du denkst nicht daran, abzuschließen, darfst nicht daran denken.« – »Warum nicht? Ich bin frei wie der Vogel in der Luft... vogelfrei! Und wieviel kann ich mir nicht erwerben, da ich die Ziffern, die meinen Wert ausdrücken, selbst in den Vertrag setzen darf.« – »Ich kenne dich genug, um zu wissen, daß Gewinn dich nicht bestimmt.« – »Vielleicht doch, wenn er erheblich ist; vielleicht auch nicht. Alsdann vergißt du, daß meine Schwäche für schwarzen Kaffee und türkischen Tabak magnetisch mich in den Orient zieht.« – »Scherze nicht mit ernsten Lebensfragen.« – »Im Ernste also: hier ist meines Bleibens nicht. Mit jedem Frühjahr regt sich in mir die alte Zugvogelnatur, nur daß sie nicht gen Norden mich treibt, sondern nach Süden, in meinen süßen, süßen Süden, nach unserem gemeinsam besessenen und verlorenen Paradies. Bruderherz denke an unsre Maultierritte zu den Kamaldulensern, an die Fahrten auf dem mondbeglänzten Golf.«

Sie flog auf ein Piano zu, das im fernsten Schmollwinkel des Zimmers versteckt stand. Eine unbändige Dithyrambe stürmte durch alle Saiten. Allmählich sammelten sich die weißen Finger zu maßvolleren Gängen. Über ihnen erhob sich, anfangs nur leise einsetzend, in kaum hörbaren Hauchen, allmählich anschwellend, zuletzt in höchster, herzerschütternder Kraft, eine Stimme, so seelen- und ausdruckvoll, so jungfräulich rein, so himmlisch helle, als klänge sie wirklich herab aus den Wolken, dem Chore der Cherubim und Seraphim, nicht aus den roten Lippen eines staubgeborenen Weibes empor. »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?« sang die Amazone nach einfacher Weise, aber mit jener künstlerischen Genialität und Vollendung, die auch dem Bekanntesten das glühende Leben einer Improvisation einzuhauchen weiß und jeden, den sie berührt, unwiderstehlich fortreißt in die Wirbel der eigenen Stimmung. Die Frage: »Kennst du es wohl?« stieg stakkato in die Höhe wie ein schwer unterdrücktes Weinen, aus welchem ein Aufschrei des tiefsten Heimwehs, der schmetternde Ruf: »Dahin, dahin« sich unbezwinglich losrang, um in dem schmerzlichen Seufzer: »Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn,« lispelnd zu erlöschen. Die unvergleichliche Malerei der Worte und die heiße Farbe des Tones, sie wirkten zusammen zu einer alle Sinne umnebelnden Täuschung, einer Fata Morgana Italiens. Da lag es, sichtbar und greifbar und hörbar nahe, das heilige, das heiß ersehnte Traum- und Wunderland. Seine goldenen Früchte dufteten, sein sanfter West wehte herein durch das offene Fenster. Draußen rauschten nicht mehr die kahlen, kühlen Lindenwipfel, sondern der hohe Lorbeer, die stille Myrte. Und die Wasserfälle von Tivoli brausten und stäubten drein, die Säulengänge, die Marmorbilder der Villa Albano blickten gespensterhaft weiß hervor aus dem dunklen Grün... Dahin, dahin!

Roland lag, gefesselt und gebannt, zu den Füßen der gefährlichen Zauberin, mit verhaltenem Atem lauschend, beide Hände fest vor das Gesicht gepreßt. Sie zog ihn noch tiefer, bis zum Versinken in den magischen Ring, indem sie unmittelbar auf ihn Mignons letzte Bitte variierte:

                                  »Dahin, dahin
Geht unser Weg. – Bruder, laß uns ziehn.«

Dann schloß sie mit einem kurzen Nachspiel: ein paar verhallende Akkorde, in denen die zum Zerspringen angespannte Empfindung wohltätig ausschwingt. Sie sah sich um nach Roland. – Was ist das? Er rührt sich nicht, aber durch seine Finger quellen Tränen, helle Tränen. Da erhebt sie unwillkürlich ihre Arme; wie auf blauen Seraphschwingen will sie zu ihm hinschweben, ihn umfassen, halten, herzen... doch der Zauber zerriß plötzlich. Ein Dritter war unbemerkt in den Kreis getreten. Durch die Tür drang lautes Beifallklatschen und der wiederholte Zuruf: »Brava, bravissima! Da capo! Fuora!«.

Der Augenblick, vielleicht ein entscheidender, war verloren. Seraphinens Schwingen sanken geknickt herab. Roland strich sich über die Stirn und ging mit dem Lächeln eines erwachten Nachtwandlers dem Störer – oder war er ein Retter? – freundlich entgegen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.