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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Ein Modell

»Komm ich wieder zu spät?« fragte die Eintretende mit einem unvergleichlichen Sopran, der wie ein voller Glockenton sich durch den hohen Turm schwang. – »Immer recht,« war Rolands Antwort, von einem herzhaften Händedruck begleitet. – »Zum ersten Male wohl zu früh,« setzte sie piano hinzu, als sie Krafft und Armgard gewahrte. Doch dies mißtrauische Beiseite erstickte in der lebhaften Umarmung, in welcher die Schülerin und das Modell des Meisters, Armgard und die Amazone, einander zu verschlingen drohten.

Die Hand aufs Herz, schöne Leserin: nicht wahr, wenn wir »unter uns Mädchen« bei einer alltäglichen Begegnung so stürmisch auf uns losstürzen und so inbrünstige Küsse wechseln, als hätten wir uns seit Jahren nicht gesehen, oder wollten vor einer kleinen Nordpolfahrt raschen Abschied nehmen – nicht wahr, in solchen Fällen ist hundert gegen eins zu wetten, daß wir innerlich in demselben Augenblick uns gern mit der ersten besten Schalnadel umbringen möchten?

Herr Krafft bewillkommnete seinerseits die Amazone mit einer jugendlichen Galanterie alten Stils. Er sagte feierlich: »Welch später Sonnenaufgang – um zwölf Uhr mittags?« – Wogegen die Gefeierte, hell auflachend, ihr Barett abwarf, auf ihr Haar deutete, das (gestehen wir es nur gleich anfangs) vom unleugbarsten, leuchtendsten Rot ist, und ausrief: »Sonne, Herr Krafft? Sie wollen Komet sagen. Danken Sie nur dem Himmel, daß ich meinen Schweif draußen gelassen habe.« – Armgard erkundigte sich, wer so glücklich gewesen sei, auf dem weiten Weg heraus sie zu begleiten? – »Für heute nur das kleine Kortege, meine Liebe,« entgegnete sie. »Nummer eins: der alte General von Schall, außer Dienst, wie Sie wissen, aber als Schatten in den meinigen getreten. Nummer zwei: Herr Moses Blümchen, die Blume aller Kavaliere, als Moritz Ritter von Blumenberg aus dem Alten Testament ins Neue übersetzt. Nummer drei: der berühmte Maestro der Zukunft, Signor Bullermann. Nummer vier und fünf: die feindlichen Brüder, Abendblatt und Morgenzeitung. Mein guter Kollege und häusiger Vater, Herr Braun, Nummer sechs. Ein Wagen und zwei Droschken voll. Auf der Brücke ließ ich halten, weil unser Thespiskarren bekanntermaßen in die Vorstadt nicht fahren darf. Ein gutes Mitglied befolgt alle die kleinen Gebote seines Chefs, um die großen ungestraft verletzen zu können. Meine alte Garde zu Roß und zu Wagen geriet in Aufregung, plötzlich zum Fußvolk degradiert zu werden. Half aber nichts, sie mußten mit. Der Herr Ritter trug meine Mantille, die sich bei jedem Windstoß in seine Sporen verwickelte. Bullermann, zwei Bände seiner Partitur unter dem Mantel, sah aus wie der Erlkönig, der sein eigenes Fleisch und Blut in väterlicher Todesangst schleppt. Um meinen Kamelienstrauß rissen sich Abendblatt und Morgenzeitung, bis sie ihn glücklich in zwei Hälften zerrissen hatten. Dabei ging's immer vorwärts, ich an der Spitze, meinen unglücklichen General am Arm. Als es vom Strafarbeitshaus zwölf Uhr schlug – die Stunde, wo mich Roland erwartet, der niemals warten kann – gab ich das Tempo furioso einer Steeplechase an und blieb um zwei Nasenlängen des Ritters von Blumenberg allen Rennern voraus, die nun matt und atemlos draußen in den Ateliers umherliegen.«

Sie streckte sich, ausgelassen lachend, der Länge nach auf die Chaiselongue, nachdem sie ihre Mantille einem kleinen, unanständigen Amor unter den Oleandern schamhaft umgehängt hatte.

Wie sie so daliegt, die Amazone, ist sie ein bildschönes Weib. Wenn der geneigte Leser naserümpfend an das rote Haar mahnt, so weiß er nicht, mit Respekt zu sagen, was schön ist; er gehe zu Tizian und den Venetianern, stellenweise zu Rubens in die Schule. Fuchsrotes Haar oder braunrotes, samt den unzertrennlich damit vereinigten Sommersprossen und Hautausschlägen, wollen auch wir ihm nicht für eine Schönheit verkaufen. Aber von der rechten Farbe des lauteren, geschmolzenen, flüssigen Goldes, mehr dicht und stark als lang, natürlich gewellt, an den Schläfen und hinten im Nacken in kurze, jedem Kammstrich widerstrebende Ringeln ausgesponnen – solch ein Haar strahlt auf dem weiblichen Kopfe wie eine lichte Krone der Schönheit, nicht einer regelrechten, aber desto reizvolleren Schönheit. Was sich immer zu diesem Haar findet, besitzt unsere Heldin: blendend weiße Gesichtsfarbe, ein Paar Wangen zum Anbeißen – man verzeihe den trivialen, aber bezeichnenden Ausdruck –, Hals und Schultern, Arme und Hände wie jeder Maler seinem Modell sie wünschen mag, und eine Gestalt, deren Umrisse noch lange nicht in eine herbstliche Fülle ausschweifen, wohl aber den Sommer in voller, glühender Reife verraten. Von eigentümlicher Nuance und Beschaffenheit sind die Augen der Amazone; ob schwarz, grau, grün oder blau, weiß niemand mit Bestimmtheit zu sagen, weil sie, je nach der Beleuchtung von außen oder nach innerer Stimmung, alle diese Farben spielen. Der alte General von Schall nennt sie mit einem vortrefflichen Vergleich: Nixenaugen, so elementarisch, so beweglich, so tief ausdrucksvoll sind sie. Ihren Mund findet man auf den ersten Blick zu groß; hat man aber die Perlen gesehen, die er enthält, und die Perlen gehört, die er ausströmt, dann bleibt man an den schwellenden, dunkelroten Lippen gefesselt hängen, solange sie offen sind, und auch wenn sie, leicht aufgeworfen, sich schließen.

Nach dieser gewissenhaften Personalbeschreibung kann sich der geneigte Leser ein treues Bild unserer Heldin machen. Daß sie »vom Theater« ist, hat sein Scharfsinn bereits erraten. Wir machen deshalb auch keine Umstände mit ihr und schreiben aus dem ersten besten musikalischen Lexikon ab wie folgt: sie heißt Seraphine Lomond, stammt aus dem nördlichen Deutschland, gehört zu den gepriesensten Sängerinnen der Gegenwart und zählt 28 Jahre. Die Prinzessinnen der Bühnenwelt haben, wie diejenigen auf der Weltbühne, anderen Frauen gegenüber neben manchen Vorzügen den Nachteil, daß ihr Lebensalter jeden Augenblick aus dem Almanach, von Gotha oder des Theaters, festgestellt werden kann. Um ihre äußere Erscheinung vollends zu zeichnen, fügen wir hinzu, daß Fräulein Lomond konsequent, Sommer und Winter, in hellblau geht. Wie alle Damen, die sich pflichtmäßig oft an- und umkleiden müssen, macht sie möglichst einfach und rasch ihre gewöhnliche Toilette. An dem Freitag morgen, an welchem wir ihr bei Roland begegnen, trägt sie ein blaues Seidenkleid, mit Schnüren und Knöpfen von gleicher Farbe aufgeputzt, bis an den Hals geschlossen. Das rote Haar ist unter dem einfachsten Morgenhut, dessen Samtschleife ein stählerner Pfeil zusammenhält, in ein Netz von blauer Chenille geschlagen. Ein Anzug, der etwas von einer modernen Amazone hat. Die Schleppe des Kleides ein bißchen verlängert, und sie könnte, wie sie ist, zu Pferde steigen.

Ob Herr Hans Heinrich Krafft über der lustigen Schilderung des Triumphzuges vom Hoftheater nach Rolandseck seine goldene Börsenstunde vollends vergaß? Er schaukelte sich behaglich in einem der amerikanischen Stühle zu den Füßen der Primadonna und lieferte in tiefem Sarastrobasse das Akkompagnement zu ihrem hellen Soprangelächter. »Gnade Gott dem, der in Ihre Hände fällt,« sagte er. Sie entgegnete: »Mich wundert nur, warum solche Originale wie sie mich umgeben, sich nicht für Geld sehen lassen. Sie würden unserem besten Komiker Schaden tun. Doch von etwas Ernsterem,« fügte sie abbrechend hinzu. »Ich muß Sie dieser Tage auf Ihrem Kontor heimsuchen, Herr Kommerzienrat.« – »Das bin ich nicht, mein Fräulein.« – »Sie sind es, wenn ich Sie dazu ernenne? Sie sind mein wirklicher Geheimer Rat, mein Finanzminister.« – »Das heißt, Sie brauchen schon wieder Geld.« – »Schon wieder?« – »Haben Sie nicht vor kaum einen Monat zweitausend Taler bei mir erhoben?« – »Alles fort, Herr Minister.« – »Ich muß Ihnen ernstliche Vorstellungen machen, meine schöne Souveränin. Sie wirtschaften unverantwortlich.« – »Wozu hätte ich den besten aller verantwortlichen Minister, Sie? Oder wollten Sie gar Ihr Portefeuille niederlegen, mein Kontokorrent in Ihrer Bank schließen?« – »Nicht doch, nur warnen will ich Sie, muß ich Sie. Ihnen täte ein Vormund not.« – »Ich bin mündig.« – »In allem, nur nicht in Ihren Geldangelegenheiten, die glänzend stehen könnten, wenn Sie wollten. Schon lange habe ich Ihnen ernsten Vortrag darüber halten wollen und – (eine kleine ausdruckvolle Pause) – über manches andere. Wenn Sie nicht zu mir kommen, suche ich Sie auf. Werden Sie mich empfangen, notabene: ohne großes und kleines Kortege?« – »In geheimster Privataudienz.« – »Die Hand darauf?« – Sie hielt ihre Rechte hin, welche Krafft an seine Lippen ziehen wollte. – »Halt, Herr Minister!« – »Bin ich in Ungnade gefallen?« – »Im Gegenteil. Wir reichen Ihnen die Hand au naturel, ohne dieses dänische Leder, an welchem heute schon unzählige Schnurrbärte, gefärbt und ungefärbt, sich abgewischt haben.« Sie bot ihm das niedlichste, rosige Sammetpfötchen mit fünf Perlmutterkrallen, nach neuester Mode lang und spitz. Dazu ein Blick... und ein Lächeln... selbst ein Finanzminister konnte nicht widerstehen; er hielt die feine, schmale, weiche Hand länger, als irgendwie nötig war, in seiner großen gefangen, nachdem er sie wiederholt geküßt hatte.

Ein scharfer Seitenblick Armgards streifte die kleine Gruppe in der Ecke. Bisher stand sie, wie in Bewunderung versunken, vor dem großen Bilde, das Raffael auf des Meisters Staffelei gehoben hatte, die angefangene Amazone. Roland, der sich am wenigsten um das Geplauder und Gelächter gekümmert hatte, richtete indessen Pinsel und Palette und rückte den Stuhl für sein Modell zurecht. Er und Armgard schienen unruhig, ungeduldig, beinahe verwirrt. Sie hielten sich in scheuer Entfernung von einander, und erst, als Jack und die Ponys, eine halbe Stunde später, als bestellt, gemeldet wurden, wandte sich Armgard hastig zu Roland und sagte halblaut zu ihm: »Was mein Vater vorhin im Scherz geäußert...« Da sie innehielt, fuhr er ernsthaft und leise fort: »Habe ich nicht mißverstanden, mein Fräulein.« – Damit wurde aufgebrochen, mit einem abermaligen Aufwand von Küssen und Umarmungen zwischen den beiden Damen. Doch kehrte Herr Krafft an der Türe um und sagte: »Wir rechnen Sonntag fest auf Sie, mein Fräulein, und auf Freund Roland. Es ist der letzte Abend meiner Tochter in dieser Saison. Vielleicht eine Überraschung,« flüsterte er der Sängerin ins Ohr und verschwand mit geheimnisvollem Lächeln. »Übermorgen also!« – »Auf Wiedersehen.«

Die Amazone, die bei der Verabschiedung aufgestanden war, durchmaß jetzt mit langen, tragischen Schritten das Atelier. Plötzlich blieb sie vor Roland stehen, der seinen Malerstab ergriffen hatte und an die Arbeit gehen wollte. »Was hat denn die Bankprinzessin heute?« fragte sie heftig. Er zuckte die Achseln. – »Diese kleine Personnage, welche die große Dame spielt, ist mir mit ihrer erkünstelten Ruhe und ihrer Vornehmtuerei, mit ihren Heimlichkeit und stundenlangen Lektionen in deinem Atelier recht zuwider. Ich weiß nicht, warum du nicht sie, statt meiner zum Modell deiner Amazone wählst? Sie, mit ihrem Malerstock, ihrem Reitkleid, ihrer Kutscherpeitsche, ist zehnmal mehr Amazone als ich... Und wie das hier duftet, wenn sie dagewesen ist! Ein Parfümerieladen ist nichts dagegen. Veilchenpomade, Veilchenessenz, Veilchenpulver; Veilchen und kein Ende. Ich lasse mir die Veilchen im Freien, auf der Wiese, im Walde gefallen. Hier betäubt der Geruch alle gesunden Nerven. Ich muß Luft haben. Man erstickt bei dir.«

Sie öffnete ungestüm einen kleinen Flügel in dem großen Fenster des Ateliers und lehnte sich hinaus. Roland trat zu ihr und sprach im ruhigsten Tone, die Hand auf ihre Schulter legend: »Wenn du dich abgekühlt hast, gehen wir an die Arbeit.« – »Arbeit,« murrte sie, »nichts wie Arbeit. Aus einer Klavierprobe von drei Stunden gerate ich in eine zweistündige Sitzung. Heute abend harrt meiner ein philharmonisches Konzert, morgen früh eine Konferenz mit dem Agenten, dann Konferenz mit Papa Krafft, hernach Konferenz mit dem Intendanten. Übermorgen abend große Oper. Und immer und in allem bin ich auf mich allein angewiesen, ohne Schutz und Halt von außen. O wie ich dieses elenden Lebens satt und müde bin, das mir ein blindes, blödes Volk noch beneidet. Wenn sie nur wüßten, wie gern ich mit jeder Negersklavin tauschte!«

Roland ließ den Sturm des erregten Künstlergemütes, der in den Saiten seines eigenen leise widerhallte – nur in harmonischer Auflösung der grellen Dissonanzen – er ließ ihn austoben. Nach einer ziemlichen Pause sagte er, scheinbar mehr zu sich, als zu der Sängerin: »Der Frühling macht endlich Ernst. Seine stille, friedliche Künstlertätigkeit sieht sich gut und lehrreich an. Über Nacht, von derselben Palette, die er seit tausend und aber tausend Jahren braucht, färbt er meine alten Kastanienbäume grün. Die braunen Knospen sind, wenn sie klebrig aufbrechen, wie frisch gefirnißt, die jungen, noch nicht entfalteten Blätter voll Runzeln, wie die Gesichtlein neugeborener Kinder.« – »Haben kleine Kinder Runzeln im Gesicht?« fragte die Primadonna mit großen Augen. – »Zierliche Fältlein um die Augen, den Mund, die Nase, wie Greise.« – »Ei, wie häßlich mögen die schreihalsigen Bambini damit aussehen.« – »Es gibt nichts Häßliches in der Natur, wie keinen Sprung. Ihre Bewegung ist überall eine kreisförmige, Ende und Anfang verschlingend. Winter und Frühling gehen unmerklich ineinander über, gleich zwei verwandten und doch verschiedenen Tonarten. Jedes Wesen fühlt den Unterschied. Sieh nur, selbst unser alter Jakob weiß, ohne Kalender, daß Frühlings Anfang da ist. Droben sitzt er, der sonst so frostige Bursche, in dem höchsten Wipfel der Esche und sonnt seinen klugen Schädel. He, Jakob, Jakob!«

Schwerfälligen Flugs schwebte ein großer Rabe herab an das Fenster, setzte sich auf Rolands Schulter, betrachtete, den Kopf drehend, bald ihn, bald die Sängerin, und pickte mit dem Schnabel nach dem goldenen Medaillon, das sie um den Hals trug. Der schwarze Galgenvogel war das letzte Stück aus dem eisernen Inventar des ehemaligen Tierspitals. Die Nachbarn gaben sein Alter auf fünfzig Jahre an, wenn nicht darüber. Er hatte, vor undenklichen Zeiten, einem als Hexe verschrienen Weibe zugehört, das in ihrem durch Spuk und Zauberkünste übelberufenen Hause in der Margaretenvorstadt ein verdächtiges Wesen trieb. Große Damen sprachen ein und ließen sich wahrsagen, wobei Jakob eine wichtige Rolle spielte. Es wurde Kaffeesatz auf den Tisch gegossen, in dem er gravitätisch spazieren ging. Aus den Spuren seiner Schritte las die Alte die Zukunft. Fing er an zu krächzen, so bedeutete das unfehlbar seltenes Glück oder Unglück. Nach der Hexe Tod fand er seine Zufluchtsstätte auf einem Kornspeicher, wo seine Wirksamkeit ebenfalls der Nachtseite der Natur zugewendet war, jedoch in mehr unmittelbarer Aufgabe: Jagd auf Ratten, Mäuse, und Kornwürmer. Ins Spital wanderte Jakob wegen einer chronischen Heiserkeit, die ihm, dem an warme Stuben gewöhnten, ein besonders kalter Winter zugezogen. Dem unternehmenden Homöopathen gelang es nicht, trotz unmäßiger Anwendung von Akonit, dies Übel zu heben; ein weiterer Versuch, ihm auf seine alten Tage noch die Zunge zu lösen und die Kunst der Sprache beizubringen, mißglückte sogar so gründlich, daß er die Stimme gänzlich verlor. Die Heiserkeit war in Stummheit geheilt. Der arme Jakob konnte nur noch den Schnabel aufsperren, wenn er krächzen wollte. In diesem traurigen Zustande übernahm ihn Roland, an den sich das Tier bald in engster Vertraulichkeit gewöhnte. Sein Lieblingsplatz war oben auf des Meisters Staffelei, wo er stundenlang sitzen konnte, den Kopf in die aufgeblasenen Federn des Rückens vergraben. Roland hatte in langem Verkehr dem alten Lehrling ein von den übrigen Schülern hoch bewundertes Kunststück beigebracht; wenn er rief: »Jakob, mir ist zu warm!« setzte sich Jakob auf seinen Scheitel und fächelte ihn mit den großen, schwarzen Flügeln. Das ganze Atelier, bis auf eine einzige Person, liebte den Raben; Raff, genannt Raffael, war sein geschworener Feind; er verdächtigte Jakobs Ehrlichkeit und zieh ihn offen des Diebstahls, bald an einer Blase voll frischer Ölfarbe, bald an einer trockenen Semmel, die zum Auslöschen der Bleistiftszüge dienen sollte. »Gold und Silber darf man nun gar nicht liegen lassen vor der Bestie,« schalt Raffael, als ob er die Taschen bis zum Überlaufen von edlen Metallen voll zu haben pflegte.

Roland, der sein Modell wie ein Kind beschwichtigen und zerstreuen wollte, streichelte den zahmen Vogel und ließ ihn sein schwieriges Kunststück aufführen, erst an sich, dann an der Sängerin. Auf ihrem Kopfe verfing sich die scharfe Klaue in dem blauen Netz, so daß sie es abnehmen mußte, wobei ihr Haar, nur mit einigen Nadeln leicht aufgesteckt, sich löste und wie ein goldener Regen, elektrische Funken sprühend, über ihre Schultern floß. »Seraph, wie schön bist du so!« rief Roland aus. »Deine Marie hätte dich nicht reizender koiffieren können und nicht glücklicher für unser Bild.« – »Du siehst überall Schönheiten,« lächelte sie. – »Wie du überall Wohllaut hörst; auch in deinem eigenen, rein und hoch gestimmten Inneren, wenn du selbst nicht mit mutwilliger Grausamkeit die goldenen Saiten unsanft berührst.« – »Vergib, Bruderherz, wenn ich wieder einmal wild und wüst gewesen bin, dir galt es nicht.« – »Aber es schmerzt mich um deinetwillen.« –»Nicht zanken, Roland. Ich will brav sein und dir sitzen, ganz, ganz still.« – »So ist's recht; komm, Jakob, an die Arbeit.«

Der Rabe flog auf die Staffelei, während Roland der Sängerin einen stahlblauen Helm in das lichte, sie frei und dicht umwallende Haar drückte. »Ich will dich,« sagte er dabei, »mit dem Gewand heute nicht plagen. Da hilft zur Not die Gliederpuppe. Gesicht, Haar und Helm geben uns beiden genug zu tun. Wenn du in vierzehn Tagen reisest, muß der Kopf bis dahin noch wacker gefördert werden.« – Sie seufzte: »Ach, ich wünschte, ich wäre schon fort von hier.« – »Ich nicht, Seraph, und du auch nicht, mit Aufrichtigkeit. Du scheidest schwer, wie wir dich schwer ziehen lassen.« – »Wir?« – »Wir alle. Deswegen mußt du mir, für alle und für mich, wenigstens dein Bild fertig zurücklassen; setze dich, wie du weißt, den Kopf gesenkt, etwas mehr nach rechts gewendet; so ist's vortrefflich. Wenn du aushältst, nur eine Stunde, nicht zwei, teile ich zwischen dir und Jakob eine Schachtel Biskuits und eine Tasse Schwarzen.« –»Statt der Biskuits lieber eine Laferme, ja?« jubelte das Modell. – »Hausgesetz – § 5: Du sollst nicht rauchen, außer im Billardzimmer.« – »Das ist ein Gesetz, das wir Fremden geben, um es selbst zu brechen. Wir trinken dort im Winkel, unter den Oleandern, selbander Kaffee, rauchen unsere Friedenspfeife, und du erzählst mir ein Märchen, das längst versprochene.« – »Welches ist das?« – »Deine Geschichte: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Willst du?« – »Wenn du vorher fein fromm gesessen hast.« – »Ich bin von Stein.«

Eine lautlose Stille herrschte darauf im Turm. Nur durch den Fensterflügel, der offen geblieben war, drang frisches Wehen und Rauschen der Zweige und das Gezwitscher der ersten Singvögel am Wasser. Wie gut malte sichs da, sicher vor jeder Störung, in schwellender, triebkräftiger Frühlingsstimmung, allein mit einem Modell, das nicht allein mit blendender Schönheit, sondern auch mit aller Übung und Fertigkeit eines Künstlertums dem Meister sich hingab. Sein Auge leuchtete, wenn es bald in den tiefen See der Nixenaugen, bald in den Goldstrom des Haares tauchte; seine Hand flog, obgleich zuweilen zitternd, in den Farbentönen seiner Palette und auf der Leinwand umher. Dann und wann eilte ein Lächeln, ein Blick, ein trauliches Neigen des Hauptes hinüber und herüber. Die ganze Wonne eines Schöpfungsmorgens war in die weihevolle Stunde gedrängt.

Dürfen wir es wagen, dem schaffenden Geiste in der Werkstatt, dem Meister über die Schulter zu sehen? Unsere Neugier wird dürftige Nahrung finden. Roland hat mit Recht gesagt, daß das Bild kaum angefangen ist. Es stellt eine Amazonenschlacht dar; Reminiszenzen an Rubens, wird seinerzeit unstreitig ein gelehrter Rezensent sagen, der in jedem Original eine Kopie entdecken möchte, jeden eigenen Gedanken als gestohlen beargwöhnt, weil er selbst keinen hat. Den Vorwurf lieferte eine neue Oper: »Die Amazone«, von demselben Tondichter geschrieben, den die Primadonna in ihrem Gefolge als Zukunftsmeister namhaft machte, Maestro Bullermann. Als erster Wurf eines entschiedenen Talents hatte die Oper, mit und durch Fräulein Lomond im Titelpart, großes Glück auf der Bühne der Hauptstadt gemacht. Es war ein ernstes Werk, an Gluck zunächst sich anlehnend, nicht frei von den Fehlern seiner Nachtreter, aber auch ihre edle und tüchtige Richtung teilend. Der Text führte, die verschiedenen Sagen von Herkules, Theseus, den Amazonen mit dichterischer Freiheit verschmelzend, im ersten Aufzug in das Lager der Amazonen unter Königin Antiope. Held Theseus wird gefangen eingebracht und soll sterben. Erwachende Neigung im Herzen der jungfräulichen Königin rettet sein Leben; er entflieht mit ihrer Beihilfe. Prachtvolles Schlußduett. Aktus zwei zeigt Theseus als undankbar; er gelobt, die Amazonen mit Krieg zu überziehen und als Trophäe Antiopes Wehrgehäng seiner Gemahlin Phädra zu Füßen zu legen. Antiope, in männlicher Tracht auf Kundschaft ausgegangen, belauscht den Verrat. Beiderseitige Racheschwüre. Wirksames Terzett: Antiope, Phädra, Theseus; Finale: Chor der Hellenen beim Opfer vor der Schlacht. Im dritten Aufzug entbrennt sie, die Schlacht, und wie! Das Orchester ist mit massenhaften Leichen hingewürgter Töne bedeckt; durch welche übernatürliche Mittel die unglücklichen Amazonen mit ihren. Weiberstimmen den Lärm aller losgelassenen Instrumente zu bewältigen vermögen, weiß der Himmel allein. Erst wenn Holz und Blech müde sind, tritt verhältnismäßige Ruhe ein. Antiope, von Theseus im Einzelkampf angegriffen, überwindet ihn, und statt ihm den wohlverdienten Gnadenstoß zu geben, muß sie, mittels einer jener psychologischen Wendungen, wie sie nur auf dem Theater vorkommen, ihm zum zweiten Male das Leben schenken, samt dem Wehrgehäng, und sich das ihrige nehmen. Theseus, beschämt und erschüttert, läßt zum Rückzug blasen. Finale: Klage der Amazonen um Antiope, weiblicher Doppelchor, nur von Flöten und Oboen begleitet.

Dies der Text der Oper. Die gelehrte Rezension im Abendblatt hatte natürlich in ihm Anklänge an Norma, die Jungfrau und die Nibelungen gefunden. Im großen und ganzen ist er nicht schlechter, als so manche seinesgleichen, und wir geben ihn nicht für besser aus, als er ist. Was Offenbach und die lustige Bande seiner Librettisten aus dem Stoffe hätten machen können, eine Parodie des schönen Altertums, zum Totlachen für den ersten und letzten Rang, eine verführerische Gelegenheit zu plastischen Bildern des gesamten Corps de Ballet, mit oder ohne Trikot, das komme hier nicht in Betracht. Maestro Bullermann, Komponist und Librettist in einer Person, war töricht genug gewesen, seine Aufgabe ernst zu fassen und ein musikalisches Drama zu liefern, das sich namentlich durch effektreiche Ensemblesätze und charakteristische Chöre auszeichnete. Er hatte das Glück gehabt, in der Lomond eine Darstellerin für seine Amazone zu finden, der es ebenso ernst um ihre Kunst war. Ihr Monolog im ersten Aufzuge – Arien hat bekanntlich die neue Schule verbannt – und ihre große Szene mit Theseus im dritten galten für Meisterstücke, welche den Erfolg der Oper bei den Kennern entschieden. Der Mehrheit des Publikums gefiel sie durch ein Heer von achtundvierzig phantastisch an- oder ausgekleideten Frauen, durch Aufzüge und Gefechte, für welche der Ballettmeister das seinige getan, durch eine reiche Ausstattung. Die Amazone wurde Mode; die Militärmusik zog mit dem Amazonenmarsch auf Wache, die Herren trugen kleine Amazonenschilde als Hemdenknöpfe, die Damen Amazonengürtel. Die breiten, mit Stahl, Silber oder Gold beschlagenen Lederriemen, welche eine Zeitlang die weibliche Taille umspannten, sie waren nicht nach dem Muster Sir John Falstaffs gebildet, sondern Abbreviaturen des Wehrgehänges, das Mars der Antiope, diese dem Theseus geschenkt. Fräulein Lomond selbst gewann ihre und Bullermanns gemeinsame Schöpfung so lieb, daß sie, und zwar am nächsten Sonntag schon, als Amazone von der Hofbühne der Residenz sich verabschieden wollte, welcher sie alle Anträge des Intendanten und die einstimmigen Wünsche der Presse wie des Publikums nicht hatte erhalten können. Warum sie ging, wohin? Vielleicht erfahren wir es, wenn und sobald sie es weiß.

Roland hatte zu seinem Bilde den Auftritt erwählt, wo die Amazone dem niedergeworfenen Theseus sein Leben und ihren Gürtel mit souveräner Verachtung zuwirft. Schwert und Schild sind ihm entfallen, er erwartet den Todesstreich. Sie blickt auf ihn herab mit einem Ausdruck, den man malt, wenn man Roland ist, darstellt, wenn eine Lomond, aber mit kalten Worten zu schildern nicht vermag. Im Hintergrunde, über Felsen und zwischen Bäumen tobt die Schlacht.

Ob der Meister sich über das Modell zu seinem Theseus bereits entschieden habe, war die Frage der Amazone, mit welcher sie das lange, heilige Schweigen der Sitzung unterbrach. – »Nicht doch,« sagte Roland. »Ich dachte anfangs an Stark; sein Kopf entspricht aber doch nicht recht.« – »Warum nimmst du nicht deinen eigenen?« – Roland sah verwundert auf. »Ich und ein Grieche?« lachte er. »Außerdem passe ich an die Stelle nicht. Als Allori die Judith malte, gab er ihr die Züge seines Schätzchens, ihrer Vertrauten die ihrer Mutter, die seinigen dem Haupt des Holofernes, das sie in der Hand trägt, ungefähr wie ein Jäger seinen Hasen. Die Figuren einer Komposition müssen, wenn sie dem Leben entnommen werden, womöglich in einer persönlichen Beziehung zueinander stehen. Diese fördert ungemein die Wahrheit. Deinen Theseus hättest du, streng genommen, dir auszusuchen. Mache mir Vorschläge. Anbeter fehlen dir ja nicht.« – »Was meinst du zu Papa Krafft?« – »Siehe da, gehört er auch zu deinem Hofe?« – »Das merktest du bisher nicht? Wie wenig Wachsamkeit und Eifersucht doch die Freundschaft besitzt!« – »Herr Krafft ist zu alt zum Theseus.« – »Sage ihm das nicht; ich müßte sehr irren, oder er strebt noch nach jüngeren Rollen als diese.« – »Mein Theseus ist nicht so männlich und heroisch, wie der auf deiner Bühne; ich ließe ihn eher Tenor als Bariton singen. Ich stelle mir ihn vor wie ein Exemplar der jeunesse dorée von Athen, ein Sieger im Frauengemach, der seine Opfer bald hier und bald da sitzen läßt, eine Ariadne auf Naxos, die ihm zu seiner rettenden Tat erst beistehen mußte, eine zweite – wie hieß sie doch gleich? – sogar in der Unterwelt. Der antike Held, welcher den Minotaurus schlug, ist übrigens auch in eurer Oper nicht wiederzuerkennen. Würde ihn ein Weib überwinden?« – »Deswegen dacht' ich an dich, den Unüberwindlichen.« – »Großen Dank für die schlechte Meinung. Nein, mir fällt eben ein anderer ein, vielleicht der rechte: Graf Wallenberg. Du wirst rot bei dem Namen, also paßt er.« – »Possen! Ich werde rot, weil mich der Helm drückt. Laß mich einen Augenblick ausruhen.« – Sie wandte sich ab, während er, eifrig weiter malend und auf seine Arbeit gebeugt, fortfuhr: »Ein feiner Kopf, dunkles Haar, schlaue Augen, zierliches Bärtchen, schlanke Gestalt. Wir stecken sie, anstatt in die goldgestickte Uniform, in einen goldenen Harnisch, und das Ideal meines Theseus ist fertig.« – »Aber der meinige nicht.« – »Warum?« – »Darum.«

Die weihevolle Stimmung schien unterbrochen. Seraphinens Worte klangen gereizt; sie rückte ungeduldig auf ihrem Sessel hin und her und stieß auf einmal einen kleinen Schrei aus. »Was ist dir?« rief Roland und wollte zu ihr eilen. Sie versetzte: »Bleib nur, bleib. Ich habe mich gestochen, weiter nichts. Hier unter dem Kissen liegt eine lange Haarnadel. Noch eine. Woher mögen sie kommen?« – »Vermutlich von dem Modell, das mir gestern zu deinem Amazonenkleide saß.« – »Oder von Fräulein Armgard, die du heute gemalt hast, statt ihr Stunde zu geben. Ich sitze auf dem Stuhle nicht mehr. Ich will nicht.« Sie sprang auf; er legte, nicht unmutig, aber betrübt, Pinsel und Palette weg. »Du weißt,« sagte er ruhig, »daß ich Fräulein Krafft nicht male, niemals gemalt habe. Sie sitzt mir nicht.« – »Dann tu' ich's auch nicht. Sie ist nichts Besseres als ich.« – Wiederum herrschte tiefe Stille im Turme; aber eine drückende, schwüle. Die Sängerin machte einen raschen Gang durchs Zimmer und sagte dann, nicht zu Roland, sondern wie unwillkürlich mit sich selbst redend: »Einen Maler könnt ich niemals lieben oder heiraten, die Eifersucht auf die Modelle würde mich vergiften.« – Roland lachte auf, so ungezwungen und laut, als hätte ihn dies Bekenntnis wirklich erfreut. Darauf erwiderte er, sie bei der Hand nehmend: »Und dein künftiger Bräutigam oder Mann? Soll er auch eifersüchtig sein auf alle erste Tenöre, die dich minutenlang an ihre atemlose Brust drücken, auf unzählige serieuse Bässe, welche, als zärtliche Väter, dich auf ihren Armen in die Kulissen tragen, oder als zürnende Oheime an diesem reizenden Goldhaar über die Bühne zerren, um dir am Souffleurkasten im tiefsten F oder FF ihren Fluch zu geben?« – »Das sind Strohmänner vom Theater; wer denkt an sie, wenn man mit ihnen singt?« – »Und das sind Strohweiber vom Atelier. Man denkt auch nicht an sie, wenn man sie malt.« – Mit diesen Worten rückte Roland den Sessel auf die Seite und schleuderte die verhängnisvollen Haarnadeln auf den Boden.

»Bist du böse, Roland?« – »Daß du es schon wieder wirst, ja.« – »Komm, laß uns gut sein. Meine Stunde ist längst vorüber, der Kaffee verdient.« Sie rief in das Atelier hinaus: »Herr Raffael! Bitte auf einen Augenblick.« – Der Gerufene flog herein. – »Lieber Herr Raffael, machen Sie uns zwei Tassen Kaffee, wie Sie allein in dieser schlechten Welt voll Zichorien und anderen Falschheiten ihn noch zu machen pflegen: schwarz, wie Ihr wundervoller Bart, süß...« – »Wie Ihre Stimme, Fräulein Amazone.« – »Ei, wie geistreich und galant, Herr Raffael! Und heiß...« – »Wie das Blut einer prima donna assoluta!« schloß Roland, indem er lustig mit dem Finger drohte. Während Raffael hinausstürzte, dem Wunsche der Allvergötterten Folge zu leisten, führte sie Roland zu der Chaiselongue unter den Oleandern. Ehe sie sich niederließ, wollte sie ihren Rotkopf zurecht gerückt haben, wie sie sagte. »Hilf mir das Haar aufstecken,« bat sie ihn. – »Laß es, wie es ist, es steht so unvergleichlich schön.« – »Daß einer deiner Schüler käme und mich in solcher Auflösung allein mit dir fände? Nicht doch!« – »Torheit. Wir zwei sind ein Geschwisterpaar aus der verfemten Künstlerwelt; gute Kameraden, die in Neapel zusammen studierten, du in San Carlo, ich im Museo Borbonico, und die beim Einsiedler auf dem Vesuv Brüderschaft tranken. Uns ist alles erlaubt.« – »Was sich ziemt,« erwiderte sie. »Gib Netz und Nadeln, aber dort vom Fenster, nicht die am Boden.« – Er gehorchte. Sie warf ihm über die Schulter das dichte, Funken sprühende Haar zu, das er langsam durch die Hände gleiten ließ, um es in einen losen Knoten zu schlingen. Aber seine Hände zitterten dabei, sein Arm wollte sie plötzlich umfassen. Sie zog sich zurück und lachte hell auf. – »Herr Bruder,« rief sie, »keine Wahlverwandtschaften, wenn ich bitten darf.« – »Seraphine!« – »So heiß ich nicht für dich. Ich bin dein Seraph, dein getreuer Kamerad. Sei nicht wie die anderen Männer alle, die das Weib in mir sehen, nicht die Künstlerin.« – Sie bot ihm die Hand, welche er nicht ergriff. Er wandte sich ab, während sie allein das gefährliche Haar im blauen Netze fing und barg.

Mittlerweile war Herrn Raffaels Musterkaffee fertig geworden und wurde von ihm in hocheigener Person samt zwei kleinen orientalischen Schalen aufgetragen. Roland holte die verpönten Laferme, erste Qualität. Beide setzten sich, möglichst weit auseinander, in zwei Amerikaner, wiegten sich schweigsam, hüllten sich in duftende Rauchwolken, schlürften in kurzen Zügen – was war es? Ein Liebestrank oder Lethe?!

Der Rabe weckte das Paar. Von der Staffelei herunterflatternd, verlangte er seinen Teil an Zucker und Mokka. Roland und die Amazone gaben ihm redlich ab; die letztere, sich in einem Scherze wieder sammelnd, unter dem Zurufe: »Jakob, deinem Herrn ist zu warm!« Aber der kluge Vogel zog das Naschen dem Fächeln vor. Nach der ersten Zigarre sagte die Sängerin: »Nun erzähle.« – »Was?« – »Dein Märchen.« – »Meinethalben. Mir ist märchenhaft genug zu Sinne. Und doch werde ich dir nur das Alltägliche zu berichten haben, wirklich ein Kindermärchen zum Einschläfern. Aber der weibliche Sultan muß auch schlafen, wenn die männliche Scheherazade plaudert.« Sie sah ihn mit den unergründlichen Nixenaugen lächelnd an und sprach: »Fange nur an; ich schlafe schon.«

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