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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Meister und Schülerin

Die Unglückliche, »die so glücklich war, deren Vaters–tadt Bremen ist,« – sie kam mit ihrer gefühlvollen Anrede zum dritten Male an den Unrechten. Derjenige, an welchen sie dieselbe gerichtet, bei näherer Besichtigung schon ein angehender Graukopf, erhob sich bei ihrem und der übrigen Fremden Eintritt von seinem Lehnstuhle, machte ein steifes, fast verdrießliches Kompliment und wies mit der Hand auf einen anderen Herrn, der in demselben Augenblicke hinter einem großen Vorhang in der Mitte des Turmgemachs hervorkam. Bestürzt wandte die so oft getäuschte Enthusiastin sich ab und ihr Auge zu Boden; hatte ihr abermaliger Mißgriff sie verwirrt, oder gar die Erscheinung Rolands? Des Roland, wie er wirklich war, nicht wie er sein sollte, wie sie sich ihn gedacht hatte? Das letztere könnte immerhin möglich sein, könnte vielleicht auch unseren geneigten Leserinnen begegnen, die durch ein ganzes Kapitel von einem Sonderling, einem Künstler ein langes und breites sich haben erzählen lassen müssen, um nun, am Eingange des zweiten Kapitels, auf einen höchst gewöhnlich aussehenden Menschen zu stoßen. Keine Spur von einem jugendlich holden Raffaelkopf, umflossen von weichen Locken; auch kein majestätisches Dürerantlitz im Rahmen eines männlichen Vollbartes, wie derjenige Raff-Raffaels. Kein türkischer Schlafrock und keine Malerbluse mit Schlapphut. Nein, ein Gesicht, eine Gestalt, ein Anzug wie sie tausend und aber tausend Sterbliche besitzen, die nicht unsterblich sind. Wir werden, um ferneren Verwechslungen und Enttäuschungen vorzubeugen, am besten tun, wenn wir die Personalbeschreibung aus dem jüngsten Reisepaß unseres Helden hier einrücken.

Alter: 35 Jahre. (Wir hören im Geist einen weiblichen Seufzer: Schon fünfunddreißig? –) Statur: Mittlere. Haare: Braun, kurz verschnitten. Stirn: Hoch. Augen: Grau. Nase: Gewöhnlich. Mund: Gewöhnlich. (– Wiederholte Seufzer. –) Bart: Rasiert. Kinn. Stark. Gesichtsfarbe: Gesund. Besondere Kennzeichen: Keine. Kleidung: Rock, Hose und Weste von gleichem Stoff und grauer Farbe; schwarzseidenes Halstuch; Halbstiefeln von Kalbleder. Unterschrift des Paßinhabers, – hier in getreuem Faksimile wiedergegeben:

Kein Vorname, kein Schnörkel. Gerade so stand sie, und nicht ein phantastisches Monogramm, auf den Bildern des Meisters. Also auch in der Handschrift nichts Geniales, Ungewöhnliches, Außerordentliches. Armer Roland! Ärmere Leserin!

Trösten wir uns indessen. Bei genauerer Prüfung stellt sich die Stirn, welche der obrigkeitliche Steckbrief lakonisch als »hoch« bezeichnet, auf das Schönste gewölbt, von den kurzen aber dichten Haaren regelmäßig eingefaßt, und von herrlicher Weiße dar; ein edler Geist, reine Gedanken leuchten von ihrer Höhe herab. Das Auge, grau allerdings, aber tief und klar, liegt unter starken, prächtig geschwungenen Brauen wie ein Gebirgssee unter Wald und Fels. Die Nase – die gewöhnliche, weder griechische noch römische, aber auch nicht kamtschadalische oder feuerländische, ist fein geschnitten; ihre Spitze verrät den scharfen Denker, die Beweglichkeit der Flügel verheißt Temperament und Rasse. Um den gewöhnlichen Mund, diesen ausdruckvollsten Teil des Gesichts, welchen bei den meisten Männern der starre, struppige Bart so ungeschickt – oder auch so geschickt – versteckt, schwebt ein Lächeln, dem man ansieht, daß dies offene, ernste, feste Antlitz in guten Stunden bis zur kindlichsten Heiterkeit sich aufklären kann. Auch kleine, zarte Fältlein des Humors und der Ironie spielen da Schlangen unter Rosen, welche sagen: hüte dich; wir stechen, – aber nur, wenn wir müssen, wenn man uns reizt. Das hervortretende Kinn kündigt Willenskraft und Entschlossenheit an, beinahe Eigensinn. Fügen wir endlich hinzu, daß die Gestalt, obwohl nur von mittlerem Wuchs, sich elastisch trägt und harmonisch bewegt, so hoffen wir, den dunklen Umriß aus dem Reisepaß unseres Helden genugsam koloriert zu haben, um der geneigten Leserin ihr verloren geglaubtes Ideal in einzelnen Zügen zurückzustellen.

Mit klangvoller Stimme, aus welcher natürlicher Wohllaut nebst einem angeborenen Ton des Befehlens spricht, begrüßte Roland seinen Besuch, dankte für den Brief des Jugendfreundes aus Bremen der Überbringerin, und bedauerte, daß sein Atelier nicht mehr zu bieten gehabt habe. Alles in wenig Worten, die eine artige Verbeugung schloß. Die enthusiastische Hanseatin hatte sich inzwischen gesammelt und s–tammelte mit einem durchbohrenden Blick auf den neidischen Vorhang, die Fragen ob die berühmte Amazone nicht zu sehen sei? »Amazone?« war die Gegenfrage des Meisters. Worauf der Herr Onkel oder Vetter aus Bremen eine Nummer der Morgenzeitung hervorbrachte, in welcher gedruckt und zu lesen stand, daß man in dem Atelier des gefeierten Roland eine neue Schöpfung, alle früheren übertreffend, bewundern möge, die Amazone, das Porträt einer hervorragenden Größe aus der Kunstwelt. Roland lächelte, während die kleinen Schlangen um die Mundwinkel lustig zu spielen anfingen. Er beklagte, daß die verw–, die verbindlichen Tageblätter wieder einmal eine Neuigkeit brächten, die dem Betreffenden selbst neu sei. – »Vielleicht ein ganz kurzer, ein halber Blick?« – »Unmöglich; das Bild ist kaum angefangen. Außerdem wird Ihnen Herr Raffael gesagt haben (der Ton des Befehlens erhob sich schon deutlicher), daß ich beschäftigt bin; eine Lektion.« Herr Raff, genannt Raffael, verstand den Wink. Er trat vor, nahm das rote Fes mit ausgesuchter und dabei plastischer Höflichkeit ab und sagte: »Wenn es nunmehr den Herrschaften gefällig wäre?« Die Karawane setzte sich nach einigen mißvergnügt abgekürzten Verbeugungen von beiden Seiten langsam in Bewegung. Vater Winter führte den Rückzug an; Roland geleitete bis an die kleine Treppe, Raffael, mit welchem die Fremden verschämte Händedrücke wechselten, bis an die Haustüre. Dort begegnen sich Winter und Raffael noch einmal in kurzer, aber inhaltvoller Zeichensprache. »Kaum nett,« murmelt Raffael, nachdem er den Inhalt seiner Rechten unzufrieden geprüft. Vater Winter zuckt die Achseln: »Die Amazone ist schuld. Ein Prischen zum Abschied?« Raffael schüttelt das Haupt, der Vollbart schlägt unmutige Wellen. Er verschwindet hinter der mit sanfter Energie zugeworfenen Haustür. Vater Winter treibt seine Herde schweigsam über den grasbewachsenen Hof, wobei die Franzosen den Pfau, die Engländer den Hund, die Deutschen das Federvieh wiederholt bewundern. Beide Geschlechter und alle Nationen stimmen darin überein, daß Herr Roland wenig einnehmend und zuvorkommend sei. Bremen seufzt. Das Album, welches in der entschieden straßenräuberischen Absicht eines Anfalles auf Roland mitgenommen worden war, muß der Herr Onkel ohne Autograph des Meisters zurückschleppen.

Mittlerweile war der letztere in seinen Turm zurückgekehrt und hatte dessen Tür hinter sich verschlossen. Ein dunkler Lockenkopf lauschte aus dem Vorhange, eine Silberstimme fragte: »Sind sie fort?« Roland antwortete: »Auf und davon«; der andere Herr setzte ärgerlich hinzu: »Endlich.« Hierauf schlüpfte das junge Mädchen, nicht doch, eine Sylphide, herein und hing sich dem verdrießlichen Herrn in den Arm, indem sie schmeichelnd bat: »Nun noch ein halbes Stündchen, cher papa, und Sie sind erlöst.«

Sylphide, – verdrießlicher Herr, – wer sind sie? Erlaube der geduldige Leser, daß wir ihm, ehe unsere Erzählung fortschreitet, beide pflichtgemäß vorstellen. Wir wählen dazu die bequeme Form, mit welcher der Theaterzettel seine Personen hohem Adel und verehrungswürdigem Publikum zuführt: er nennt die Namen und überläßt dem Zuschauer, sich in die neuen Erscheinungen und Charaktere, die mit jeder Szene auftreten, wohl oder übel hineinzufinden. So sagen auch wir: Herr Krafft, Großhändler und Bankier. Armgard, dessen Tochter. Doch wollen wir nicht unterlassen, zu besserer Deutlichkeit einige Nachrichten über die letzten Ankömmlinge unserer Geschichte ihrer näheren Bekanntschaft vorauszuschicken. In guter Gesellschaft weiß man doch gern, mit wem man es zu tun hat, bevor man sich auf vertraulichen Verkehr einläßt.

Hans Heinrich Krafft ist der alleinige Gründer, Eigentümer und Führer eines berühmten Handels- und Bankhauses, welches Kommanditen oder doch Korrespondenten auf allen Geldmärkten und Stapelplätzen der fünf Weltteile besitzt. Er gilt für den reichsten Mann der Residenz, in deren Tor er vor einigen vierzig Jahren einzog mit einem Felleisen auf dem Rücken und einem, in das Futter der Westentasche eingenähten Doppel-Louisdor. Jetzt führt eine Straße der Stadt seinen Namen, das größte Dampfschiff des Hauptstromes seine Büste. Das Land dankt seiner unermüdlichen Tätigkeit, seinem Geist und (wie er selbst bescheidentlich hinzuzufügen pflegt) seinem Glück in den großen Geschäften zahlreiche Fabriken, gemeinnützige Anstalten und zwei Eisenbahnen. Er hat eine Not- und Hilfsbank für Arbeiter, eine Bodenkreditanstalt für den kleinen Bauern geschaffen, deren Dividende im letzten Jahre achtzehn Prozent betrug. Zwei Republiken in Südamerika bestehen nur durch die Anleihen, welche er zu unglaublich günstigen Bedingungen realisierte: ob günstig für sie oder für ihn, wissen wir nicht, hoffen aber: für beide. Solchen Verdiensten fehlte die gerechte Anerkennung nicht. Der Magistrat der Residenz wollte ihn, vor Jahr und Tag schon, zum Ehrenbürger machen; er antwortete der Deputation: »Lassen Sie mich bleiben, was ich bin – Ihr Mitbürger.« Unlängst wurde ihm ein Sitz in der ersten Kammer angeboten; er lehnte ab, weil er von hoher Politik nichts verstünde. »Ich will,« sagte er, »keine jüdische Großmacht an der europäischen Börse und auch keine Spezialität im Welthandel sein, sondern ein deutscher, ein christlicher Bürger, schlicht und einfach, wie mein Name: Hans Heinrich Krafft.« Er sagte das oft; nicht so oft, daß man daran zu zweifeln anfängt, aber gerade oft genug, um seine Worte als vollwichtig in Kurs zu setzen. Im Einklang mit dem Wahlspruch seines öffentlichen Lebens weiß er auch sein häusliches, seine äußere Erscheinung zu halten. Krafft ist ein hoher Fünfziger, groß und derb von Wuchs und Gliedern, mit einem eckigen Kopf, langen Füßen und Händen, einer tiefen rauhen Stimme. Sein hellblondes Haar beginnt an den Schläfen sich zu lichten und grau zu werden, wogegen seine bis zur Steifheit aufrechte Haltung von einer Bürde des Alters noch nichts gewahren läßt. Er kleidet sich jahraus jahrein in zwei Farben, welche keine sind und dennoch oder deswegen als eigentümliche Kennzeichen einer altfränkischen Eleganz gelten: weiß und schwarz, im Sommer weiß, im Winter schwarz. Sein ganzes Leben gehört dem Geschäft. Zum Lieben hat er niemals Zeit gehabt, kaum zum Heiraten. Und dennoch war seine Ehe ein Stück Romantik, das einzige, das er jemals sich erlaubt; er entführte, da er noch jung und wenig bemittelt war, die Tochter eines adeligen Hauses, welche die Eltern seiner Werbung versagten. Lange Zeit brauchte es, ehe sein aufblühender Kredit von diesem Geniestreich sich erholte, den ihm die Welt seiner Erfolge wegen verzieh, er selbst nicht. Seine Frau starb im ersten Wochenbett, ehe sie das goldene Zeitalter ihres Mannes gesehen und mitgenossen.

Armgard, die einzige Tochter, ist das Ebenbild ihrer Mutter, der Gegensatz des Vaters: klein und zierlich, ein Tituskopf voll dunkler Locken, darin zwei blitzende, schwarze Augen, ein impertinentes Stumpfnäschen und kindliche Grüblein in Kinn und Wangen. Sie trägt Handschuhe von Nr. 6½ und wird zeit ihres Lebens die Kinderschuhe nicht austreten. Die Stadt erzählt, sie sei vortrefflich, aber furchtbar streng erzogen worden, und Armgard hütete sich wohl, zu widersprechen. Im Hause, das sie allein führt, geht es nach des Vaters Willen »schlicht und einfach« zu; seine Lieblingsworte gelten auch hier. Sie darf den Papa nicht Du nennen, sondern Sie, nach der veralteten Sitte des platten Landes, von dem er stammt. Jeden Morgen und jeden Abend küßt sie ihm die Hand. Alle Küchenrechnungen gehen durch ihre kleinen Finger, obgleich dieselben nur mit Widerwillen die fetten, groben Blätter berühren, aus denen diese Runenschriften bestehen. Ebenso muß sie der Wäsche, den Vorratskammern, den Gesindestuben ein scharfes Augenmerk widmen, und wenn sie den Vater ganz guter Laune machen will, nimmt sie eine weibliche Arbeit vor, ein Taschentuch, an dem sie seit undenklichen Zeiten stickt, ein Dutzend Servietten, deren Zeichnung, H. H. K., »schlicht und einfach« in Kreuzstich ausgeführt, niemals fertig zu werden scheint, wie das Gewebe der sinnigen Penelopeia. Daß Fräulein Armgard daneben dreimal täglich Toilette macht und für ihren Privatgebrauch zwei Reitpferde und drei verschiedene Equipagen besitzt – ein Kupee, eine Kalesche und eine Americaine, in welcher letzteren sie mit ihren eigenen, schönen Händlein den gestrengen Herrn Vater spazieren fährt – dergleichen Nebendinge sieht Hans Heinrich Krafft nicht. Wer den Kopf so voll hat, wie er, kann die Augen nicht überall haben. Außerdem ist für Armgard ein unbeschränkter Kredit eröffnet, so an der Kasse, wie im Herzen des Vaters. Der große Rechenmeister weiß, daß er keinerlei Gefahr dabei läuft. Er hat die Tochter frühzeitig selbständig, im Geiste mündig gemacht. Sie empfängt und besucht, wen sie mag. Ihr liegt es ob, die Honneurs des Hauses zu machen, das eines der gastlichsten der Residenz ist und namentlich Fremde von Auszeichnung täglich sieht. Von Jugend auf der Mittelpunkt eines glänzenden Kreises, als reichste Erbin des Landes mit Heiratsanträgen von Kindesbeinen an verfolgt, blieb Armgard gerade deswegen »kühl bis ans Herz hinan«, wenn nicht gar kalt. Ihre zierlichen Hände flochten mit wahrer Fertigkeit die zierlichsten Körbe und teilten sie freigebig nach allen Seiten aus. Ihre Freundinnen behaupteten, sie sei, die echte Tochter ihres Vaters, keiner Liebe fähig; sie selbst gestand, sich in ihrer goldenen Freiheit und Mädchenschaft so wohl zu fühlen, daß sie töricht sein müßte, ein bekanntes Glück gegen ein unbekanntes umzutauschen. In der Tat, was fehlt ihrem Leben? Den Sommer bringt sie auf dem herrlich gelegenen Landgut des Vaters zu, mit ihm, der sich alsdann in den geborenen Bauern zurückverwandelt und unter einem unermeßlichen Panamahute Rosen aller Gattungen und Preiszwergobst für Gartenausstellungen zieht. Die übrige Zeit des Jahres lebt sie in der Residenz, ihrer Neigung, oder, wie sie gravitätisch versichert, ihren »Pflichten« gemäß. Sie besucht Bälle, Konzerte, Theater. Sie singt italienisch, aber wenig, weil sie für Musik keinen Sinn hat. Sie liest französisch und englisch; deutsche Bücher hält sie für ungesund: ihr Ernst, ihre Empfindsamkeit stecke an. Nur eines treibt sie seit einiger Zeit mit Passion – Zeichnen und Malen . . .

Passion für die Kunst oder für den Meister? That is the question! Das ist die Frage, deren Beantwortung die öffentliche Meinung der Residenz in zwei Lager teilt. So viel steht fest, daß Fräulein Krafft die großen und die kleinen Entrées in dem schwer zugänglichen Atelier Rolands hat. Hinwiederum verkehrt er auf dem vertraulichsten Fuße mit dem Hause Krafft. Er, dem es ein Greuel ist, den Eckensteher in Routs oder den »Löwen« bei feierlichen Zweckessen zu spielen; er, der, je mehr er sich von der Gesellschaft zurückzieht, desto eifriger von ihr verfolgt wird, er fehlt an den Sonntagen Armgards fast niemals bei jenen kleinen, reizenden Soireen, die nur wenige Auserwählte versammeln und nicht von den blendenden Lüstern aller Salons, sondern von ein paar verschleierten Lampen in dem Boudoir Armgards magisch erleuchtet werden. Im Frühling machen Roland und Armgard in der gekannten Americaine gemeinschaftliche Landpartien zu Naturstudien, nur von einer alten Engländerin, Mrs. Henderson, bewacht, welche im Laufe der Jahre von der Bonne zur Gouvernante, von der Gouvernante zur Gesellschafterin Armgards aufgerückt ist. Was Wunder, daß es bei den Schülern Rolands für gemacht gilt, Fräulein Krafft müsse, früher oder später, ihre Frau Meisterin werden? Die jüngeren freuen sich darauf, weil zur vollen Gemütlichkeit dem Hause nichts als eine Herrin fehle. Dagegen machen die älteren, Herr Stark an der Spitze, mit Raff, genannt Raffael, im Bunde, stumme Opposition. Sie hassen im stillen die bevorzugte Mitschülerin, die ihre Meisterin zu werden droht. Ist sie doch die einzige Dilettantin, der Roland Unterricht gibt. Stark nennt sie in Verschwörungsstunden nicht anders als »die Millionärin«. Ihm gewährt es ein unsägliches Vergnügen, die Lektionen zu stören, in welchen Armgard ihre erste größere Arbeit, ein Porträt des Herrn Hans Heinrich Krafft, Kreidezeichnung in Lebensgröße, nach der Natur ausführt.

Nun wissen wir, warum nach der unwillkommenen Störung durch den Fremdenbesuch Armgard noch um eine kurze Geduld zum Sitzen bettelte. Cher papa war nicht in der Gebelaune: er mußte um ein Uhr, zur Börsenstunde, in der Stadt sein. Zeit ist Geld, Börsenstunde hat Gold im Munde, und wie die Sinnsprüchlein alle heißen, in welchen er seine gestrenge Lebensphilosophie aussprudelte. Alles Schmeicheln und Streicheln half zu nichts, als daß für den stillen Beobachter, Meister Roland, ein artiges Genrebild gestellt wurde: zwei Jahreszeiten. Der Vater spielte den Winter; er befand sich noch auf der Schattenseite des Jahres, ging in Schwarz. Das Töchterlein hingegen sah aus wie der lachende, liebliche Lenz in eigenster Person. Sie trug eine weiße, lilagestickte Bluse, ein Lilaseidenkleid, hoch aufgeschürzt, mit fliegenden Bändern, gelb geschnürte und befranste Stiefelchen von der kleidsamen Art, welcher Kaiser Caligula seinen Namen und die moderne Damenwelt ein reizendes Piedestal verdankt. Der veilchenduftende Lenz umfaßte mit beiden Armen den dunklen Winter, um ihn zu schmelzen. Er aber schmolz nicht, trotz dem nahen Feuer der beiden schwarzen Augen, welche mit schelmischem Seitenblick Held Roland zu Hilfe riefen. »Sehen Sie nur, wie hart heute Papa wieder mit mir ist,« klagte sie, worauf Roland erwiderte: »Wenn Herr Krafft einmal Nein gesagt hat, gibt es für ihn kein Ja mehr. Außerdem bleibt auch mir nicht viel Zeit übrig, ich erwarte um zwölf Uhr die Amazone.« – Abermals die Amazone! – wer mag sie sein? – Eine gleichgültige Person keinesfalls, denn bei Ankündigung ihres Erscheinens verdüsterte sich der Frühlingshimmel, während auf dem Antlitz des Winters ein halbes Lächeln aufstrahlen wollte. Er versetzte: »Habe ich Nein gesagt? Daß ich nicht wüßte! Um zu beweisen, daß ich kein Haustyrann bin, sitze ich dir bis gegen zwölf. Wenn wir uns sputen, kann ich doch zur rechten Zeit an der Börse sein.« – »Wir gehen zusammen, Papa,« fiel Armgard hastig ein. »Ich fahre Sie hin. Jack mit den Ponys habe ich um Mittag hierher bestellt. Sie wissen, Jack ist pünktlich und meine Ponys sind flink.«

Sie faßte den nicht mehr Widerstrebenden unter den Arm. Der Vorhang tat sich auf, der Turm des Meisters mit allen seinen geheimen Schätzen... Sehen wir uns immerhin auch hier ein wenig um. Der Aufenthalt wird der geneigten Leserin nicht leid sein, wenn sie bedenkt, wie viel ihre Mitschwester aus Bremen dafür geben möchte, an ihrer Stelle sich zu befinden.

Der Turm, ansehnlich an Umfang und Höhe, enthält im Erdgeschoß nur das Atelier, einen weiten Raum, dessen Wände verschwinden unter zahllosen Studien, Skizzen, Zeichnungen. Das Wanderbuch Rolands liegt hier aufgeschlagen mit bunten Bildern: Bettler von der Puerta del Sol zu Madrid, Jäger aus den Pyrenäen, albanische Bäuerinnen, Lazzaroni von der Chiaja, sizilische Banditen, Pariser Gamins, holländische Matrosen, Hirten aus Schottland, Fischer vom Nordkap – eine ethnographische Galerie, in der kein europäischer Volksstamm fehlt. In einer Ecke stehen unter breitblättrigen Gummibäumen und blühenden Oleandern eine Chaiselongue und ein paar amerikanische Schaukelstühle; gegenüber eine Etagere mit großen Mappen von Kupferstichen und Photographien. Der erste Stock, in Verbindung mit dem gleichen des Haupt- und Mittelbaues, ist geteilt in das Wohn und das Schlafzimmer, aus dem eine kleine Wendeltreppe auf die Plattform führt. Droben wird in der guten Jahreszeit durch Vorhänge, Teppiche, Zierpflanzen und Blumen ein Sommerhaus aufgeschlagen, das die Schüler die hängenden Gärten der Semiramis nennen, Roland seine Sternwarte, obgleich er, der gute, außer dem großen Bären keinen einzigen persönlichen Bekannten am Himmel hat. Aber nicht bloß gen oben bietet die luftige Höhe eine unumschränkte Aussicht, sondern auch rückwärts auf die Stadt und nördlich weit hinaus in die von Landstraßen und Eisenbahnen durchschnittene Ebene, aus welcher weiße Häuser wie Segel im Meere und spitze Dorfkirchlein wie Masten auftauchen. Am fernen Rande des Horizonts breitet sich in fast regelmäßigem Halbkreis das Gebirge aus, dessen Häupter noch tief mit Schnee bedeckt sind, indessen Wiesen und Felder bereits im ersten Sammetgrün prangen und die Weiden längs dem Strome unter dem frischen Aprilwinde die jungen Blätter vom zartesten Silbergrau schütteln.

Schülerin Armgard saß schon wieder an der Staffelei, vor ihr in seinem erhöhten Marterstuhle ihr Opfer und Modell, der bestverleumdete aller Väter. Hatte er nicht, trotz des warmen Tages, einen kostbaren Nerzpelz um, ohne welchen das Porträt der eigenwilligen Künstlerin zu mager und unansehnlich vorkommen wollte. Ihre Arbeit war ziemlich vorgerückt und sie förderte sie mit Stift und Kohle eifrigst unter dem Auge des Meisters, der sich über ihren Sessel lehnte und dem emsigen Spiele der zarten Hände prüfend zusah. Nach einer Weile hemmte er sie mit der eigenen Rechten, indem er ihnen ein plötzliches »Halt!« zurief. Armgard fragte, ob sie einen Fehler gemacht? Seine Antwort war: »Nur den alten. Ihre Hand ist tätiger, als Ihr Auge.« – »Wie versteh' ich das?« – »Sie erinnern sich, was Lessing gesagt hat: Ein Raffael ohne Hände sei möglich. Er hat recht, wie immer. Aber auch ich habe recht, wenn ich hinzufüge: Ein Raffael ohne Augen ist unmöglich. Sehen ist Nummer eins, Zeichnen oder Malen kommt hinterdrein.« – »Wird mein Porträt nicht ähnlich, Herr Roland?« – »Mein Fräulein, es kann unwahr werden, wenn Sie nicht tiefer und getreuer nach der Natur arbeiten. Sie stilisieren wie ein gelernter und gelahrter Professor. Sie charakterisieren nach Ihrer eigenen Auffassung. Sie versuchen sogar schon zu idealisieren. Darüber geht die Wahrheit, die Individualität, der Kopf Ihres Herrn Vaters verloren.« – Herr Krafft rief in komischer Verzweiflung dazwischen: »Mein Kopf geht verloren? Ich danke!« – Der Meister fuhr, wärmer werdend, fort: »Sie kennen zwei Köpfe, welche seit Jahr und Tag die deutsche Kunst oft genug beschäftigt haben: Schiller und Goethe. An Schiller ist solange herum charakterisiert und stilisiert worden, bis er eine Nase bekommen hat, scharf wie ein Messerrücken, dergleichen ein lebendiger Mensch gar nicht im Gesicht trägt. Die Locken Goethes haben die akademischen Peruquiers dergestalt zerzaust, daß sein schönes, geist- und lebensvolles Antlitz in einer Mythe zu erstarren droht. Hüten Sie sich vor dem Stil, Fräulein Krafft. Schmeicheln Sie Ihrem Herrn Vater nicht. Er braucht keine Schmeichelei. Eine jede Schmeichelei, gesprochen, geschrieben, gedruckt, gemalt, gemeißelt, ist eine Grobheit wider ihren Gegenstand und wider die Natur. Sie will ihn besser machen, als die Natur ihn gemacht hat.« – Herr Krafft äußerte sich nun zwar keineswegs empfindlich und verletzt über das Attentat seiner Tochter gegen Natur und Wahrheit; ihm komme es, meinte er, auf ein paar Falten weniger gar nicht an. Der Meister aber war unerbittlich; er trug mit eigener, scharfer, sicherer Hand hier und da einen Zug in das Bild, der dem Original aus dem Gesicht geschnitten schien und der ganzen Zeichnung wie durch Zauber ein sprechendes Leben einhauchte. »Wissen Sie,« sagte er, während er Armgard den Stift wegnahm und selbst führte, »daß Graf Wallenberg vor einigen Tagen dieselbe Bemerkung gemacht hat?« – Armgard erglühte. »Hat Graf Wallenberg mein Reißbrett gesehen?« fragte sie heftig. – »Verbergen Sie doch einem Diplomaten etwas! Als mein Freund ging er hier aus und ein. Kurz, er kam, sah und sagte...« – »Was sagte er?« – »Wenn Fräulein Krafft ein anderes Modell braucht, so empfehlen Sie mich ihr. Sie borgt einem großmütig von ihrem eigenen Kapital an Schönheit.« – »Das sagte er?« – »Und fügte lachend hinzu: Ich wünschte, ihr Herr Vater täte desgleichen.« – »Daß ich ein Narr wäre!« lachte seinerseits Herr Krafft. Armgard hatte, noch höher errötend, sei es aus Verdruß oder aus Freude, den Stift wieder an sich genommen und flatterte, flink wie eine Motte, in dem väterlichen Pelzkragen umher, dem sie mit weißer Kreide die hellsten Lichter verschwenderisch aufsetzte. Dazu sprach sie leise, den Kopf tief auf ihre Zeichnung gesenkt: »Ich wünschte, er hätte diesen bescheidenen Studienkopf nicht gesehen.« – »Würde er ihn nicht früher oder später in Ihrem Zimmer doch gefunden haben?« entgegnete Roland, und Krafft fragte: »Warum hast du denn gerade vor diesem Kunstrichter einen so gewaltigen Respekt?« Als Armgard die Antwort schuldig blieb, gab sie sich ihr Vater selbst, indem er, ernster geworden, fortfuhr: »Ich will es dir sagen, liebe Tochter. Weil Graf Wallenberg dir geraume Zeit den Hof machte, vielleicht noch macht, willst du ihm keine wirkliche oder vermeintliche Schwäche zeigen. Prinzessin Turandot möchte vor ihrem Freier als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit erscheinen und überläßt es dem armen Vater – wie heißt der Tropf doch gleich, der Kaiser von China? – die Überlästigen ihr vom Hals zu schaffen.« – Armgard sprang auf und rief: »Papa, Wallenberg hat mir niemals den Hof gemacht!« – »Leugne, so viel du willst. Diskretion ist eine schöne Eigenschaft, wo sie hingehört. Hier, vor unserem Hausfreund, haben wir uns keinen Zwang anzutun.« – »Cher papa, bitte Sie...« – »Scher' mich nicht um dein Papa und dein anderweitiges Papperlappap. Bin, in gutem und ehrlichem Deutsch, dein Vater, wie du meine liebe, verzogene Tochter bist. Mein Haus ist ein schlichtes, einfaches, bürgerliches. Brauche darin keinen hochgräflichen Schwiegersohn, wenn du ihn zum Manne nicht willst. Du hast freie Wahl. Nur wenn du gewählt hast« – (bei diesen Worten streifte ein schlauer Seitenblick den Meister der Schülerin, der sich verwirrt zurückgezogen hatte) – »wenn du gewählt hast, fordere ich dein Vertrauen. Ich glaube ein Recht darauf zu haben.« – »Vater, lieber guter Vater, ängstigen Sie mich nicht.« – »Kind, ich ängstige weder dich, noch mich. Nur blind sollst du mich nicht machen und nicht glauben. Meinst du, weil in meinem alten Schädel Eisenbahnen rumoren, Papiere steigen und fallen, Staatsanleihen geboren werden und sterben, er habe deshalb keinen Raum mehr für seine einzige Tochter?«

Vater Krafft war von seiner Höhe herabgestiegen und zog die wechselsweise Erglühende und Erbleichende zärtlich an sich. »Meine Armgard,« sagte er ihr ins Ohr, »feiert in wenig Tagen ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag, ich habe den achtundfünfzigsten hinter mir. Zahlen sprechen.« Sie barg den Lockenkopf im Nerz, und – wahrhaftig, die schwarzen, lebhaften Augen konnten auch weinen; auf ihre Blitze folgte ein plötzlicher Tränenschauer.

Roland wollte hinauseilen, aber ein Wink Kraffts hielt ihn zurück. »Bleiben Sie, Herr Roland,« sagte der letztere, und die rauhe Stimme schlug recht weiche Töne an. »Sie sind hier nicht zu viel. Als unser wahrer und warmer Freund stehen Sie nicht scheidend, sondern vermittelnd zwischen Vater und Tochter. Außerdem sind Sie, neben dem großen Künstler, ein kluger, erfahrener Mann. Wir beide wissen Sie zu schätzen. Gelt, Armgard?« – Keine Antwort. – »Sie werden mir beistehen, Ihre Schülerin und mein Kind auch in anderen, ernsteren Studien, als an der Staffelei, zurechtzuweisen.« – Herr Roland blieb stumm, aber er faßte die dargebotene Hand Kraffts und schüttelte sie derb.

Es schien, als ob die Männer sich stillschweigend verständigt hätten. Wenigstens wurde Herr Krafft wieder völlig heiter, sogar heiterer und gesprächiger als zuvor. Er warf den Pelz ab und rief beinahe lustig. »Du und der Nerz, ihr habt mich warm gemacht. Da liege! Mit der Sitzung wird es so wohl heute nichts mehr sein. Laß mich zur Belohnung, daß ich zwei Glockenstunden Modell gesessen, stramm und gehorsam wie ein Leibgardist, nun auch einmal sehen, was ihr zwei aus mir gemacht habt.«

Armgard führte ihn vor die Staffelei, auf welcher Roland das Porträt in das rechte Licht rückte. Krafft brauchte einige Minuten, verschiedene »Hms, Hms« und sogar ein unmerkliches Kopfschütteln, bis er zu den Worten gelangte: »Wie sagt die verrückte Gräfin in dem italienischen Stück, die Orsini oder Orsina? Ich bin zufrieden, wenn ich nicht schlechter aussehe.« – »Das heißt,« entgegnete Roland, »Sie sind nicht zufrieden.« – »Ein Mann, der so wenig Zeit für den Spiegel hat, wie ich, kann sich nicht gleich in seinem Gesicht zurecht finden, wenn es ihm in Öl oder Kreide begegnet... Nur mein ich, die Falte zwischen den Augen sei ein bißchen tief gegraben.« – »Sie stammt von Herrn Roland,« unterbrach ihn Armgard, und die Augen trockneten vollends aus durch einen kleinen Strahl von Schadenfreude. – »Nicht von mir,« versetzte Roland ruhig, »von der Börse stammt sie, das ist die Geschäftsfalte.« – »Und die scharfe Linie um die Mundwinkel, kommt die auch von der Börse? Nun, nun, ich sehe schon, mir ergeht es in Ihrem Atelier, wie in meinem Hause. Man macht einen Knecht Rupprecht aus mir, mit dem man die Kinder schreckt oder die Vögel scheucht. Möglich, daß Ihr recht habt. Aber gewiß ist, daß Ihr Kollege, der Hofmaler, der mich für den Sitzungssaal des Verwaltungsrates unserer Zentralbahn gemalt hat, meine Schönheit besser zu würdigen wußte. Auf seinem Bilde ist meine Stirn glatt wie Postpapier und mein Mund lächelt honigsüß, wie der eines Diplomaten, Graf Wallenbergs zum Exempel. Laßt's gut sein. Doch muß ich Armgard darin beistimmen: ehe dergleichen fertig ist, sollte niemand Fremdes darüber geraten. Schaffen wir den schwarzen Mann beiseite.« – »Ehe die Amazone kommt, nicht wahr, cher papa?« fragte Armgard neckisch. – »Was geht uns die Amazone an?« antwortete er mit der alten, rauhen Stimme. – »Ich meine nur, weil ich das wilde Heer hinter ihr schon höre, daß sie nicht weit sein kann.«

Armgard hatte sich nicht getäuscht. Draußen auf dem Hofe wurden Stimmen laut. Gleichzeitig klopfte Herr Stark, der stillvergnügte Störenfried, an die Tür und rief: »Meister, die Amazone kommt; empfängst du ihr Gefolge?« – »Wer ist's?« – »Raffael meldet den Kapellmeister, Ritter Blümchen, Doktor Hirsch und einige unbekannte Atelierfliegen.« – »Wir sind beschäftigt, nur die Damen laß herein.«

Roland setzte Armgards Staffelei weg und ging, um aufzuschließen. Sie wusch sich hinter einer spanischen Wand die Hände, drückte ihr flaches Hütlein, mit einem Veilchenstrauß und Lila-Schleier aufgeputzt, in die Stirn und drängte zum Gehen. Herr Hans Heinrich Krafft aber, der es vorhin so eilig hatte, schien seine Börsenstunde unbegreiflicherweise vergessen zu haben. Er knöpfte seinen schwarzen Gehrock zu, nicht ohne einige Gewalttat, strich sorgfältig den feinen Zylinder von gleicher Farbe glatt und zog die dunklen Handschuhe an, alles das vollkommen gemächlich und mit der Gewissenhaftigkeit eines gegen sein Äußeres keineswegs gleichgültigen Mannes. Seinen Chronometer konsultierend, sagte er zu Armgard: »Fünf Minuten über Zwölf. Jack und die Ponys sind nicht pünktlich, sonst wären sie dir schon gemeldet worden. Übrigens – wir haben keine Eile. In einer halben Stunde fährst du mich hinein, und hier können wir doch nicht ausreißen, ohne uns bei Roland empfohlen und seine ankommenden Gäste begrüßt zu haben.« Armgard lächelte, doch hatte ihr Lächeln einen Stich von Bitterkeit.

Jetzt drang der Lärm der Nahenden schon in das anstoßende Atelier. Roland eilte entgegen und öffnete die Tür. Hastige Schritte über die kleine Treppe, lauter Nachruf von draußen: »Addio, Diva!« und die Amazone trat? – schwebte? – nicht doch, sie sprang mit einem Satze herein.

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