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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Das Atelier

Es liegt weit draußen in der Vorstadt, da »wo die letzten Häuser sind.« Der Weg hinaus führt vorüber an den Prachtvierteln der großen Residenz, Palästen, Kirchen, Kasernen, Fabriken, Monumenten; vorüber auch an den Manufakturen beliebter Porträtmaler und Schönfärber nach der neuesten Mode; vorüber endlich an der, bald wegen baulicher Reparatur, bald wegen gesetzlicher Ferien geschlossenen Akademie der bildenden Künste ...

                                Kennst du das Haus?
Auf Säulen ruht sein Dach;
es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und schaun sich an:
Was hat man dir, du arme – Kunst, getan?
Kennst du es wohl? Dahin, dahin, –

dahin nämlich möcht ich mit dir, geliebter Leser, keineswegs ziehen. Vielmehr lassen wir alle diese Herrlichkeiten links liegen, oder rechts, je nachdem es kommt. Wir schreiten aus dem altertümlichen Margaretentor hinaus, über mancherlei Winkelbrücklein weg, einen Kanal entlang, zwischen einer Kleinkinderbewahranstalt und einer Gerberei, wahlverwandten Instituten, durch, um die scharfe Ecke des Strafarbeitshauses herum. Dies ist der Markstein großstädtischer Gesittung. Von nun an werden mit jedem Schritte die Polizeidiener, die Straßenlaternen, die Pflastersteine seltener; hingegen mehren sich und wachsen die Gärten und Zäune, auf denen Wäsche getrocknet wird. Endlich schlägt das steinerne Häusermeer der Residenz in einstöckigen Hütten seine letzten Wellen und versiegt dann ganz und gar in der weiten, bis zum fernen Gebirge sich ausdehnenden Ebene. Dort, am äußersten Saume der Vorstadt Sankt Margareten, ist unser Ziel, das Atelier des Malers Roland. Ein weiter Weg. Ob er der Mühe lohnt?

Fehlen können wir ihn übrigens nicht. Wir brauchen uns nur einer jener zahlreichen und bunten Wallfahrten anzuschließen, welche regelmäßig an jedem Morgen während der holden Reisezeit, von den Hundstagen bis zum Windmonat oder November, nach demselben Ziele unterwegs sind. Ein Anblick zum tiefsten Erbarmen für den denkenden Menschenfreund, der aus den Fenstern seines Hauses oder von der schattigen Terrasse seines Gartens in beschaulicher Ruhe auf diese Ewige-Juden-Wanderschaft hinabsieht. Da ziehen sie, ziehen, begleitet von Dienstmännern, Lohnlakaien und Betteljungen, – rot eingebundene Fremdenführer in der Hand, graue Plaids über der Schulter, schwarze Weibsbilder am Arme, – von einer Kirche, einer Bildsäule, einer Sammlung, einer Aussicht zur anderen. Im Schweiße ihres Angesichts schwelgen sie Kunst, im Staube der Landstraße Natur, wie es der Fluch der reisenden Menschheit gebeut.

An dem Freitagmorgen, an welchem unsere Erzählung, wie alle Unglücksfälle, beginnt, hatte sich ebenfalls ein gemischter Personenzug zusammengefunden und nach Rolands Atelier aufgemacht. An der Spitze marschierten Franzosen, nicht unter munterem Geplauder, sondern in dem schweigsamen Ernst, der das junge Frankreich kennzeichnet. Im Haupt- und Mitteltreffen ragte Altengland hervor, rotköpfig und blau verschleiert, den Hut im Nacken, das Glas auf der Nase. Die Reserve bildete Deutschland, das einige Deutschland, streitend in allen Zungen, die sein berühmtes Volkslied namhaft macht, über die Arbeiten und den Wert des Künstlers, welchem der Massenbesuch galt. Ein Sach- oder Schwachverständiger, gebürtig aus Elbflorenz, behauptete, Roland sei der erste Realist unter den zeitgenössischen Malern, worauf eine weit gereiste Enthusiastin vom Buttermarkt zu Bremen erwiderte: »Entschuldigen Sie; er s–teht an der S–pitze der Idealisten, wie sein s–terbender Roland beweist.« Ein anderes Urteil aus Frankfurt am Main verwies ihn wegen seiner berühmten »Dorfschule« unter die Genremaler, und zum Schluß stimmte Köln dafür, ihn als Tiermaler mit Rosa Bonheur und Herring auf eine Stufe zu stellen; man vergleiche nur sein nicht minder berühmtes »Tierspital«, als Prämie für die Mitglieder des lippe-bückeburgischen Kunstvereins in Steindruck erschienen. Hier mischte sich ein alter Lohndiener in die Kontroverse, Vater Winter von seinen Kollegen genannt; ein öffentlicher Charakter, in allgemeinem und hohem Ansehen stehend, neben seinem Beruf auch als Bilderhändler und ständiger Korrespondent des Tagblatts über Gemäldeausstellungen tätig. Er hatte die Wiedergeburt der deutschen Kunst in der Residenz persönlich mit durchgemacht, von der ersten Freske bis zum letzten Giebelfeld; sein Bart war grau geworden, sein Haupt kahl unter Staffeleien und Tonmodellen, so daß sein Wort die Bedeutung eines Orakels unter Einheimischen und Fremden besaß. »Meine Herrschaften,« sagte Vater Winter, »Sie haben alle miteinander recht, und Sie haben auch alle unrecht. Meister Roland ist Tiermaler, Genremaler, Porträtmaler, Historienmaler, alles das zugleich. Sein Grundsatz – ich habe ihn von seinen Schülern mehr als einmal gehört – sein Grundsatz lautet: Der Künstler muß, wie die Natur, alles können, wenn auch eines minder gut, als das andere. Fächer und Schulen gibt's nicht; nur gute und schlechte Bilder. Punktum, streu Sand drum. Dabei ist Ihnen der Herr Roland ein Sonderling aus dem ff. Aufträge nimmt er nicht an, außer wenn man ihm die Wahl des Stoffs, die Zeit der Ablieferung, den Preis, und was sonsten drum- und dranhängt, überläßt. Seine Majestät der König hatten ihm ein lebensgroßes Bild zu befehlen geruht, die Taufe der jüngsten Prinzeß, Königliche Hoheit: vierundzwanzig Allerhöchste, Höchste, Hohe Personen, Hofstaat, Geistlichkeit, lauter interessante Porträts. Meinen Sie, er hätte angenommen? Nichts da, und ich mag mit Respekt vor den Herrschaften die grobe Antwort nicht einmal wiederholen, die er dem Akademiedirektor bei der Bestellung gab. Ich selbst hab's mit angesehen, daß dieser rasende Roland einen russischen Fürsten, der die verschlossene Türe des Ateliers aufsprengen wollte, die Treppe hinunterwarf. Und ein andermal wies er einem reisenden Handwerksburschen in eigener Person seine sämtlichen Kunstschätze und lud den verblüfften Gesellen zu guter Letzt noch zum Frühstück in seinem Hausgarten ein. Die Geschichte machte dazumalen aus unserer Morgenzeitung die Runde durch alle Blätter. Der Gast Rolands war seines Zeichens ein Tüncher, Weißbinder oder so was dergleichen auf Wanderschaft. Unser berühmter Meister aber hatte ihn seinen guten Kollegen genannt und lachend hinzugesetzt: ›Wir werden alle nach Fuß und Elle bezahlt.‹ Nun frage ich Sie, meine Herrschaften, ist das ein Sonderling, oder ist er's nicht?«

Mittlerweile war unter Vater Winters belehrendem Vortrag der Haufen der Bilderstürmer an seinem Ziele angelangt, obgleich es niemand dem vorauseilenden Dienstmann glauben wollte, der auf einen baufälligen Torweg in einem nichts weniger als ansehnlichen Bretterzaune wies. Kein Schild, kein Name bezeichnete den Eingang; nur ein rostiger Klingelzug hing daneben. »Dies Rolands Atelier?« so fragte die Gesellschaft, weder ihren Augen, noch ihren Ohren trauend, und die schwärmerische Tochter der alten Hansestadt flüsterte: »Ich kann man s–taunen.« In der Tat, wer hier den Palast eines Kunstfürsten nach neuestem Stile zu finden erwartete, eine Ritterburg mit Erkern und Zinnen, eine italienische Villa mit Loggien und Balkons, oder ein Glashaus voll exotischer Pflanzen, der sah sich bitterlich enttäuscht. Rolandseck, wie die wunderliche Besitzung spaßhaft genannt wird, gleicht viel eher einer im Verfalle begriffenen Landwirtschaft, als einem behaglichen oder glänzenden Wohnhaus. Wenn sich der Torweg auf einen Riß an dem Eisenring und den Laut einer heiseren Glocke durch unsichtbare Hand von innen öffnet, tritt der Besucher in einen weiten, wüsten Raum, weder Hof noch Garten, den von drei Seiten eine verwitterte Planke, von der vierten ein schmaler Flußarm umfaßt. Innerhalb der Türe präsentiert sich rechts eine Hundehütte, deren Insaß, eine riesige Dogge, die Fremden gähnend oder an der Kette sich streckend empfängt, niemals aber mit Gebell; Phylax ist an tägliche Gäste gewöhnt. Ihm gegenüber kräht, gackert, gluckst ein Hühnervolk der verschiedensten Rassen aus einem vernachlässigten Schuppen hervor. Ein paar Pfauen stolzieren unter ihnen umher; Roland liebt von den Vögeln die Pfauen, von den Blumen die Tulpen besonders, wie Vater Winter weiß, der Alleswissende. Der Platz vor dem Haus ist mit zerstreuten Bausteinen, Balken, Sandhaufen unordentlich bedeckt; Gras und Gestrüppe überwuchern ihn, nur für einen schmalen Kiesweg zur Türe Raum lassend. Die Gebäude bestehen aus einem Haus von einem einzigen Stockwerk, am nördlichen Ende auslaufend in einen massiven, viereckigen Turm von ziemlicher Höhe, welchen wilder Wein in üppigster Fülle bedeckt. An der entgegengesetzten Seite stößt ein niedriger Flügel, eine Reihe kleiner Gemächer enthaltend, in rechtem Winkel an das Haus. Hinter und über demselben strecken stattliche Linden, hochstämmige Kastanien und graue Erlen sich empor und beschatten eine natürliche Terrasse, die sich bis an das Wasser herunterzieht. So sieht Rolandseck aus, nicht unfreundlich, aber ernst; in keinem Zuge affektiert, in manchem originell; nur ein Rahmen um das Bild des Eigentümers, während bei so vielen anderen Schneckenhäusern der baulustigen Neuzeit das Gehäuse Hauptsache ist, der Einwohner Nebending. Genug, daß der erste Schauplatz unserer Erzählung ein Gesicht für sich besitzt, und eine Geschichte obendrein, die wir kennen lernen müssen.

Vor undenkbaren Zeiten hat an dieser Stelle eine Meierei bestanden, die sich mit dem Wachstum der Residenz zu einem schwunghaften Milch-, Butter- und Käsehandel ausdehnte. Der Bauer benutzte den Turm, ehedem wahrscheinlich ein befestigtes Tor oder eine Warte vor der Stadt, im unteren, kühlen Stock zum Buttern, im oberen, luftigen, als Käserei. Der Nebenflügel beherbergte Kühe und Ziegen. Nach zwanzigjährigem Betrieb war der Eigentümer reich genug geworden, um als Rentier in die Stadt zu ziehen, seinen Töchtern einen Klavierlehrer und eine Theaterloge zu halten, morgens die Börse und abends das Bürgerkasino zu besuchen; gegenwärtig bewirbt er sich mit Erfolg um einen Sitz in der Kammer. Seinen Hof in Sankt Margareten verkaufte er damals vorteilhaft an einen unternehmenden Kopf, der aus der Idylle ein orientalisches Märchen schuf. Er legte die großartigste Dampfwasch- und Badeanstalt an, mit einem Duodezbassinbad in dem Flußarm, Wannenbädern im Kuhstall, Duschebädern im Turme. Eine Barbierstube, ein Haarschneidesalon, ein Hühneraugenkabinett und ein photographisches Atelier wurde in zeitgemäßem Fortschritt mit dem Etablissement verbunden, so daß darin der gebildete Mensch die Hauptbedürfnisse der Jetztzeit, Rasieren, Frisieren und Porträtieren, um den billigsten Preis und zugleich befriedigen konnte. Dessen ungeachtet hielt sich das Geschäft nur eine kurze Weile; es florierte rasch, um noch rascher zu fallieren. Haus und Hof brachte dann vor ungefähr zehn Jahren ein junger Naturheilkünstler an sich, der selbst an einem unheilbaren Übel litt, dem Mangel an Patienten. Er wandte deswegen der undankbaren Menschheit stoisch den Rücken und gründete, auf Aktien, das homöopathische Tierspital zu Sankt Margareten. Die Badekabinette wurden in Ställe zurückverwandelt, der Turm zu einem zoologischen Museum erhoben, in welchem der Zögling Hahnemanns diejenigen seiner Kranken ausgestopft oder präpariert aufstellte, die seinen Pülverchen nicht widerstehen konnten. Nach fünfjährigem Bestande ging das Tierspital den Weg der Badeanstalt: der Herr Doktor war allmählich vom Pferde auf den Esel, zuletzt auf den Hund gekommen. Da kaufte Roland, der Maler Roland, der berühmte und begüterte Meister Roland das entlegene, verwahrloste, beinahe verrufene Anwesen, obendrein samt allem lebenden und toten Inventar. Unter dem Hohngelächter zahlreicher Neider und Feinde, gewarnt und bedauert von seinen wenigen Freunden, zog er mit Sack und Pack, mit Schülern und Modellen aus dem Innern der Stadt an ihr äußerstes Ende, aufs Land. Mehr noch. Er gab den vorgefundenen Stammgästen des Tierspitals, einem Dutzend verdächtiger Hunde, einem Paar spatlahmen Gäulen, einem lebenssatten Raben das Gnadenbrot, so daß sein Atelier eine Arche Noahs zu werden drohte. Als er vollends kurz darauf eine Menagerie erstand, deren Trümmer in der Hauptstadt Schiffbruch gelitten, weil die wilden Tiere ihren Herrn (figürlich) aufgefressen, konnte kaum noch ein Zweifel darüber obwalten, daß der Sonderling doch verrückt geworden sei. Doch siehe da: zwei Jahre später erschien von ihm ein Bild »Das Tierspital«, im vierten das große Effektstück »Im Zirkus Maximus« auf den Ausstellungen, wo beide das bekannte Furore machten und um fabelhafte Preise abgingen. Die gewöhnliche Logik der öffentlichen Meinung taufte sofort den Sonderling, den Narren in einen schlauen Spekulanten um, der schließlich seine Löwen und Tiger, nachdem er sie als Modelle nicht länger brauchte, um den Einkaufspreis in einen zoologischen Garten abzusetzen gewußt. »Der Kerl hat mehr Glück als Verstand,« knirschten zahme Bestien hinter den abziehenden wilden drein.

So weit orientiert im Haus und über dessen Herrn, klopfen wir, mit der fremden Gesellschaft, nunmehr an die Tür des ersteren erwartungsvoll an. Ein Mann von mittleren Jahren, mit ausdrucksvollem Kopf und dunklem Vollbart, gekleidet in eine hellgrüne Joppe, auf dem Haupt ein rotes Fes mit blauer Quaste, öffnet und bleibt, würdevollen Anstandes sich verneigend, auf der Schwelle stehen. Am Ende Roland in eigener Person?! Gewiß, er ist es, er muß es sein. Die Enthusiastin aus Bremen hat auf den ersten Blick ihn erkannt, obgleich sie ihn niemals gesehen. So, gerade so dachte sie sich ihn. Sie stürzt auf ihn zu. »Sie sind Herr Roland; meine Vaters–tadt ist Bremen!« Da legt sich Winters mit ihrem eigenen Sonnenschirm bewaffnete Hand abkühlend auf ihren Arm. »Madame,« ruft er ihr zu, »das ist nicht Herr Roland; es ist Herr Raff, genannt Raffael, der Kastellan von Rolandseck.« Abermals eine würdevolle Verbeugung. Hierauf wechselten Vater Winter und Raff, genannt Raffael, zuerst einen freundschaftlichen Händedruck, alsdann die silbernen Schnupftabaksdosen, und zuletzt ein paar bedeutungsvolle Blicke. Das linke Auge Raffs, genannt Raffael, fragt blinzelnd: »Was bringst du heute?« Vater Winters rechtes Auge schmunzelt zurück: »Standespersonen und Ausländer; kannst einlassen; Trinkgeld nett, vielleicht sogar honett.« Nach welchem stummen Zwiegespräch Raff, genannt Raffael, mit einladender Handbewegung, immer plastisch, dem Besuche zuruft: »Wenn's gefällig wäre!« Und alle folgten ihm, Bremen etwas langsam und beschämt.

Herr Raff, genannt Raffael, kam einigen Kunstfreunden bekannt vor. Kein Wunder, er ist als Mitglied dreier Akademien verewigt worden, bevor er in Rolands Haus trat. Wer in Düsseldorf war, sah ihn als Ritter Toggenburg oder Uhlandschen Sonntagsschäfer in zwei Meisterwerken dieser zarten Schule (»der letzte Seufzer« und »Hirt mit Herde am Sonntag«, in der Kopie »Herde mit Hirten am Feierabend«). In Berlin stand, vielmehr lag er Modell zu einem trauernden Hiob, und in Dresden ist er als Verräter Judas Ischarioth mit fuchsrotem Barthaar einige Male aufgehängt worden. Er diente der Kunst mit Leib und Seele, vornehmlich aber mit ersterem, welchen er, ihr zu Liebe, proteusartig zu verändern verstand. Für alttestamentarische Gestalten, die er mit besonderem Glück darstellte, ließ er sich Haar und Bart grau oder weiß pudern, diesen zu Moses in zwei Spitzen teilen, jenes als Jeremias fast ganz scheren. Vor seinem Judas ging er ein halbes Jahr rot in der Wolle gefärbt einher. Ihm war kein Gesicht zu schwer, keine Stellung zu anstrengend, und was die mit Recht so gesuchten Körperverkürzungen und Verrenkungen des strengen historischen Stiles anbetrifft, so leistete Raff, genannt Raffael, in diesen Vorwürfen das geradezu Wunderbare. Er konnte sich so niedersetzen, daß er allein gar nicht wieder aufzustehen vermochte, und daß Kritiker den von ihm in natura gelieferten Gliederzwang auf der Leinwand unmöglich nannten. Hierbei, wie bei der mimischen Ausdrucksfähigkeit seines Charakterkopfes, kam ihm ein angeborenes Talent zustatten: Raff, genannt Raffael, stammte aus Berlin, wo seine Mutter beim Ballett stand und fiel; seine Väter hat er niemals gekannt.

Roland fand den Unglaublichen an der Landstraße zwischen zwei Akademien. Dresden hatte ihn schnöde entlassen, weil er eines Tages in trunkenem Zustande in den Aktsaal gekommen war; keineswegs aus Völlerei, nur um sich in die richtige Seherstimmung für einen weissagenden Jesaias zu versetzen. Entrüstet schüttelte er den Staub der undankbaren Stadt des schlechten Kaffees von seinen Füßen und pilgerte gen Wien, um in den Fresken des neuen Arsenals eine seiner würdige Stelle zu suchen. Unterwegs fing ihn Roland, dem das feierliche Gebaren Raffaels, ein stetes: »Anch' io son' pittore«, unmäßig gefiel. Er nahm ihn auf als Modell, Farbenreiber, Famulus, von welchen unscheinbaren Ämtern sich Raffael alsbald zum Hausverwalter und Fremdenführer in Rolands Atelier aufschwang. Seinen Bemühungen verdankten Hof und Garten ihre malerische Unordnung, das Federvieh eine musterhafte Pflege; solange die Menagerie Gastrollen gab, machte er sich sogar als Tierbändiger verdient und saß den Schülern zu einer prächtigen Naturstudie: Daniel in der Löwengrube. Kurz: Raff, genannt Raffael, war der gute Engel von Rolandseck und würde sich in dieser Sendung auch seinerseits ganz wohl gefallen haben, hätte nicht ein geheimer Kummer an seinem ehrgeizigen Herzen genagt. Er, der zeitlebens nur in vornehmen Akademien verkehrt hatte, stand jetzt unter einem Meister, der nicht einmal Professor, geschweige Hofrat war; ein Maler allerersten Ranges, aber ohne jeden Titel, ohne den geringsten Orden. Herr Roland hieß der Meister, wie der Diener Herr Raffael; nichts dahinter, nichts davor. Das wurmte die stolze Seele, in welcher ein hoher Begriff von gesellschaftlicher Welt und Rangordnung wohnte, und nur mit dem tiefsten Ingrimm betrachtete er, so oft der schwarze Frack des Meisters für ein Diner auszuklopfen war, das jungfräuliche Knopfloch dieses farblosen und bürgerlichen Kleidungsstücks, das die Stelle einer schmucken Uniform gar zu elend vertrat.

»Ne,« murrte er für sich, »da sah mein Alter doch ganz anders aus, wenn er auch nicht malen konnte. Himmelblau mit Silberstickerei, daß einem die Augen übergingen; auf der Brust eine Milchstraße von Sternen, Bänder wie ein Regenbogen. Vierspännig fuhren sie bei uns an; die Prinzen nannten ihn ›Lieber Geheimer Rat‹, die Prinzessinnen ›Direktorchen‹, die Lakaien ›Exzellenz‹. Man wußte doch, wo und was man war. Hier – daß Gott erbarm! So einen nichtswürdigen Schwalbenschwanz, wie den da, solch ein verfluchtes Allerweltfeigenblatt kann ja ein jeder tragen, ich so gut wie der Meister. Wo bleibt der Unterschied, die Würde, die Kunst?«

Solches erlesenen Geistes Kind war Herr Raff aus Berlin, unter dem abgekürzten Namen Raffael in allen Ateliers Deutschlands eine volkstümliche Figur. Deswegen und weil wir auch die im Hintergrund und Halbdunkel unseres Gemäldes auftauchenden Gestalten wenigstens in kenntlichen Umrissen dem Zuschauer vorstellen möchten, haben wir mit einiger Ausführlichkeit seine merkwürdige Person geschildert. Dagegen können wir uns um so kürzer fassen in Wiedergabe des ausgezeichneten Vortrages, mit welchem Herr Raff, genannt Raffael, »seine« Fremden durch Rolandseck geleitete. Es war ein Vortrag Numero eins, was folgendermaßen zu verstehen ist. Weil Vater Winter das zu erwartende Trinkgeld als »nett, vielleicht honett« durch beredte Augensprache angekündigt hatte, wurde der Besuch mit allen Ehren des Krieges empfangen, durch den ganzen Künstlersitz geführt und mit einer ebenso belehrenden als unterhaltenden Erklärung der vorhandenen Kunstschätze standesgemäß erquickt. Dies galt als Vortrag Numero eins; Dauer der Wanderung: wenigstens dreißig Minuten. Ein bloß »nettes« Trinkgeld pflegte mit einer Viertelstunde und flüchtigem Vortrag Numero zwei verdient zu werden, während auf das Signal »malhonett« – Achselzucken und Hängenlassen der Unterlippe – entweder der Eintritt gänzlich versagt blieb oder ohne jeden Aufwand von Beredsamkeit nur der Schülersaal sich auftat, um nach fünf Minuten unfehlbar wieder geschlossen zu werden.

Vortrag Numero eins begann im Nebenbau. Hier liegen, wie Zellen in einem Kloster, die Stüblein der Schüler, jedes mit einem Fenster in den Hof. Roland nahm ihrer niemals mehr als acht und von keinem einen Heller Lehr- oder auch nur Kostgeld. Sie lebten mit dem Meister in einer Familie, wurden von ihm geduzt, wie sie ihn und sich einander duzten, speisten gemeinschaftlich, kegelten, turnten, schossen auf der Terrasse hinter dem Hause und machten alljährlich immer mit dem Meister eine tüchtige Studienreise zu Fuß, Ranzen und Mappe auf dem Rücken. Ein eigentümliches Verhältnis, dasjenige einer guten, altdeutschen, jetzt kaum noch irgendwo zu findenden Malerschule; dabei von so fesselndem persönlichen Reiz und so gutem künstlerischen Erfolge, daß Roland, wie er überhaupt wählerisch und streng in der Aufnahme war, Meldungen ohne Zahl zurückzuweisen hatte. Seine »Jungen« fürchteten ihn im ersten Jahre der Lehrzeit, liebten ihn vom zweiten an bis zum Fanatismus und vergötterten lebenslänglich seinen Namen und sein Andenken, nachdem er sie nach in der Regel sechsjährigem Aufenthalt feierlich losgesprochen und mit Tränen in dem sonst so klaren und freundlich milden Auge ziehen geheißen.

Im Hauptbau enthielt der erste Stock die Räume für gesellschaftliche Zwecke: einen Speisesaal, dessen sich kein Prälat zu schämen brauchte, wie Vater Winter versicherte, sowohl was die Ausschmückung, wie was die Lieferungen aus dem Küchen- und Kellerdepartement betraf; daranstoßend auf einer Seite die Bibliothek, nach dem Muster englischer Häuser eingerichtet, auf der anderen das Billardzimmer, das einzige, worin geraucht wird. Roland gebt von der Ansicht aus, daß die künstlerische Freiheit, auf die so laut gepocht zu werden pflegt, nicht gerade mit Mißachtung guter, allgemein gültiger Sitten zu beginnen habe; ein Atelier, welches Damen empfängt, meinte er, solle keine Rauchkammer sein und in demselben auch der Humor sich anders äußern, als durch Karikaturen an den Wänden und Schmutz auf dem Fußboden. Was für ein Pedant und Sonderling, unser Roland!

Den drei Gemächern im ersten Stock entsprechen im Erdgeschoß drei von gleicher ansehnlicher Größe, die eigentlichen Ateliers: der Schülersaal, der Rolandssaal, die Menagerie, aus welcher letzteren eine kleine Treppe in den Turm führte, ein Allerheiligstes, das der Meister für sich selbst bewahrt und allein bewohnt. Kammern für weibliche Dienerschaft – männliche läßt Roland nicht zu – und Wirtschaftsräume birgt ein Souterrain, das dem alten Hause nach der Terrassenseite abgewonnen worden. Daß sämtliche Ateliers jenes köstlichen Nordlichts genießen, welches von Malern ebenso hoch geschätzt wird, wie es gewöhnliche, der Sonne zugewendete Menschenkinder fürchten, das versteht sich von selbst; ebenso ihr einfarbiger Anstrich in einem dunklen, braunroten Tone. Wenn sie diese Eigenschaften mit so ziemlich allen Ateliers gemein haben, so unterscheiden sie sich dagegen von den meisten durch die bis zur Leere und Nüchternheit strenge Einfachheit ihrer Einrichtung. Jene beliebte »malerische Unordnung«, welche die Werkstätten großer, berühmter Künstler für das profane Volk so unendlich reizend, so interessant macht, ist Roland ein Greuel; wir kennen ihn ja nachgerade, den Sonderling, den Pedanten. Er begreift nicht, wie eine schöpferische Einbildungskraft von einem Durch- und Neben- und Übereinander lebloser, ganz zufälliger Dinge nicht vielmehr zerstreut als angeregt werde. Ein Renaissanceschrank dicht neben einem Rokokolehnstuhl; auf jenem chinesische Porzellane, venetianisches Glas, Nürnberger Schnitzereien; in diesem eine kostbare Rüstung, die der glückliche Besitzer einen Benvenuto Cellini tauft; das Bett, worin Wallenstein ermordet worden, und an dessen Pfosten aufgehängt eine Uniform Friedrichs des Großen, beide vom Verkäufer für echt garantiert; Pfeile und Bogen der letzten Rothaut, gekreuzt mit Schwert und Lanze eines römischen Legionärs... was sollen, an solcher Stelle vereinigt, diese unvereinbaren Gegenstände? Anspruchsvoll scheinen sie etwas zu bedeuten, während sie in Wahrheit nichts bedeuten. Der Künstler schaffe in kosmischer, nicht in chaotischer Umgebung, und wenn er zu seiner Arbeit dergleichen Vorlagen braucht – wie er sie denn gewiß brauchen wird, und je mehr er sie braucht, desto besser – so beseitige er sie wieder, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben... O Pedant ohnegleichen, Sonderling ohne Ende! Dein eigener dienstbarer Geist, Herr Raff, genannt Raffael, kann diese deine Anschauung und Grundsätze nicht ohne inneres Widerstreben vortragen, und er verteidigt sie schier gegen bessere Überzeugung. Mit geheimer Schamröte öffnet er den Fremden seine Zimmer, worin nur Kunstwerke die Wände bedecken, keine Kuriositäten. Das war freilich bei dem Alten, dem lieben Geheimen Rat, dem Direktorchen, der Bedienten-Exzellenz, ein anderer Anblick; sein Atelier sah aus wie ein Antiquitäten- und Raritätenladen, und wenn Herr Raff, genannt Raffael, nur die Tür aufmachte, so riefen schon auf der Schwelle, wie versteinert stehen bleibend, die Franzosen: »Ah!«, die Preußen: »Ih!«, die Engländer: »Oh!«, die eine Interjektion immer gedehnter, überraschter, entzückter als die andere. Freilich, vor der Staffelei des großen Mannes wiederholten sich die nationalen Naturlaute der Bewunderung nicht immer; zuweilen verwandelten sie sich sogar in ein höfliches Hm, hm!, mit welchem getäuschte Kenner kleinlaut davonschlichen.

Durch den Schülersaal führte Raffael die Gesellschaft in vollem Trabe; hier gab es nichts zu sehen, als bekannte Gipsabgüsse an den Wänden, Statuen in den Fensternischen und einen Jupiterkopf auf einem Postament, den drei Schüler von verschiedenen Seiten zeichneten. Im nächsten Saal machte man längeren Aufenthalt. Hier hingen die großen Kartons zu dem Rolandzyklus, der zuerst den Namen des Malers berühmt gemacht hat. Es sind ihrer sechs: Klein-Roland, Roland-Schildträger, Orlando innamorato, Orlando furioso, die Schlacht von Roncesvalles, der sterbende Roland. Wir verzichten darauf, die wunderbaren Werke zu beschreiben, die der kunstsinnige Leser aus Photographien und Kupferstichen zweifelsohne auswendig weiß. Auch den erläuternden Vortrag Raffs, genannt Raffael, wollen wir aus angeborener Ehrfurcht vor dem geistigen Eigentumsrecht nicht plündern; er strotzte von treffenden Bemerkungen über zyklische Malerei überhaupt, wie von literaturhistorischen Nachweisen der Quellen, woraus der Stoff geschöpft worden, die alte Rolandssage, Bojardo, Ariosto, Uhland. Über die Geschichte der Bilder erzählt Raff, genannt Raffael, etwa folgendes: »Unser Professor – ich meine Meister Roland – hat dies Werk in frühester Jugend geschaffen, noch ehe wir beieinander waren. Ein englischer Mäcen, Lord Rowland Rochester« – hier fiel eine Berliner Unterbrechung ein: »Ach, der aus der Waise aus Lowood von unserer Birchen?!« – »Derselbe, Madame – Lord Rowland Rochester also, welcher seinen Stammbaum in gerader Linie von Roland ableitet, bestellte sie für sein Schloß Rowlandshall bei meinem Direktor – ich will sagen bei Herrn Roland – als sich beide in Paris kennengelernt hatten. Die Studien machte Roland teils in Paris, teils in den Pyrenäen. Bemerken Sie gefälligst im ersten Karton die zwölf Paladine an Karls des Großen Tafel, von welcher Klein-Roland eben den goldenen Becher nimmt, um ihn seiner Mutter, Frau Berta von Aglant, einer geborenen Pipin und Schwester Karls des Großen, hinzubringen. Diese Paladine sind sämtlich nach der Natur gezeichnet, versteht sich, höchst idealisiert. Mit Porträtmalerei geben wir uns hier auf unseren Historienbildern gar nicht ab. Zu dem Riesen im zweiten Bilde, Roland-Schildträger, hat ein Tambourmajor von der alten Garde gesessen. Mein Professor zeichnet und malt immer nach dem Akt. Was wir dann von dem unsrigen hinzutun wollen, ist unsere Sache. Die Landschaft von Roncesvalles und die Schlucht, worin Roland stirbt, sind Veduten aus den Pyrenäen. Lord Rowland Rochester hat für die sechs Originale nicht mehr als dreitausend Pfund Sterling bezahlt, weil wir dazumal noch nicht so bekannt gewesen sind. Aber großmütig wie ein echter Engländer« – (vielsagender Blick auf die anwesenden Söhne Albions) – »verehrte Seine Lordschaft Herrn Roland über den Kaufpreis noch zwei höchst kostbare Andenken, die Sie in diesem Trophäe aufbewahrt sehen: Nachbildungen von Rolands Schwert Durendarte und Rolands Horn Olifant, mit Wehrgehänge und Kette, jenes aus Birminghamer Stahl, dieses von echtem Silber, fünfhundert Pfund Metallwert, beide mit Zeichnungen nach den Bildern reich verziert. Belieben die Herren das Schwert einmal aufzuheben? Will eine der Damen das Horn versuchen?«

Durendarte ging von Hand zu Hand; eine allein vermochte sie nicht zu schwingen – zu zerbrechen keine, wie weiland auch Rolands tapfere Rechte dies nicht vermochte. Die Arbeit an Griff und Scheide, die treffliche Klinge wurden gleichmäßig bewundert. An Olifant wagte sich geraume Zeit keine der anwesenden Schönen, bis zuletzt die Hanseatin, von ihrem kühnen Angriff auf den falschen Roland allmählich erholt, das silberne Mundstück an ihr rosiges setzte und einen so ausdrucksvollen Seufzer aushauchte, daß die vier Schüler, welche während des ganzen Besuches an ihren Staffeleien ruhig fortarbeiteten, hervortraten und den schönen Blasengel wohlgefällig betrachteten. Ob unter ihnen Held Roland nicht zu suchen war? Sie blickte sie nach der Reihe prüfend an. Der Schwarze mit den feurigen Augen? Oder der schlanke, bleiche Blondin? Und Olifant rief noch einmal nach Roland, aber umsonst.

Da, im dritten Saal, die Menagerie genannt, weil er mit allerlei ausgestopften Tieren, mit Löwen- und Pferdeköpfen aus Gips, mit Bärenfell und Tigerdecken ausgestattet war, – das mußte Roland sein, der Mann im dunklen Sammetrock, welcher, Stab und Palette in der Hand, hinter einem kolossalen Bild hervorkam. »Sie sind Roland,« jauchzte die Entzückte ihm entgegen, »meine Vaters–tadt ist Bremen.« Der Maler verneigte sich kopfschüttelnd und sagte, auf die kleine Treppe zum Turme hindeutend: »Der Meister hat drinnen Sitzung.« Raffael fügte hinzu. »Dies ist Herr Stark, unser ältester Schüler, der unser berühmtes Bild vom Zirkus Maximus für die Galerie zu Neuyork kopiert. Bitte näher zu treten. Herr Stark, Sie erlauben gütigst?«

Herr Stark machte Platz, damit die Fremden das Bild, nach welchem er arbeitete, betrachten konnten. Aber statt näher zu treten, fuhren sie vor dem Anblick desselben zurück, eine nervenschwache Dame sogar mit einem unartikulierten Schrei des Entsetzens, der mehr besagte, als die ganze Tonleiter bewundernder Ah, Ih, Oh, auf die Raff, genannt Raffael, vor den Kartons des Rolandsaales mit heimlichem Verdruß vergeblich gepaßt hatte. Das wunderbare Werk füllt fast die ganze eine Wand des Saales und imponiert schon durch seine Dimensionen. Im Vordergrund erblickt man die vergitterten Zellen der zum Tierkampf verurteilten Opfer: Christen zur römischen Kaiserzeit; einige zum Abschiede einander umarmend, andere kniend im Gebet, oder zusammengebrochen bleiche Gesichter, aus denen die Todesangst in furchtbarer Wahrheit gen Himmel schreit. Alle diese Zellen und die Gruppen darin sind in tiefem Dunkel gehalten. Nur in eine, welche eben von oben geöffnet wird, fällt ein breiter, voller Lichtstrom, wie eine Glorie über einen Jüngling sich ausgießend, der am Boden liegt und – schläft. Man glaubt die ruhigen Atemzüge seiner Brust zu hören, seine weiße Tunika sich heben und senken zu sehen. Die ganze Mitte des Bildes füllt die gelbe Arena; in derselben erblickt man, teils regungslos ausgestreckt, teils in wilden Sprüngen umhersetzend, eine Menge Löwen; Tiger, die mit gesenktem Haupt und Schweif an die Gitter der Zellen schleichen; Hyänen, Leoparden und Schakale, zähnefletschend und einander heiß anschnaubend. Ein wirrer Knäuel gefleckter, gestreifter, geringelter Katzen, deren mächtigste, das Prachtexemplar eines numidischen Wüstenkönigs, in fast natürlicher Größe gemalt, mit weit aufgerissenem Rachen aus dem Bilde heraus den Zuschauer anzuspringen scheint. Im Hintergrunde erheben sich die Marmorstufen des Amphitheaters, wimmelnd vom Volke; in erster Reihe der Kaiser und sein Hof unter dem purpurnen Velarium.

Lange, lange standen die Fremden stumm und erstarrt unter dem Bilde. Dann brach ein Wetter von Aufregungen los: »Welche Fülle der Komposition! Diese Farbenglut! Eine neue, fremde Tierwelt! Und der süße Knabe, der Märtyrer, der Engel!« Worein Raff, genannt Raffael, mit bescheidenem Stolze einfiel: »Wir haben sechs Kopien von diesem Bilde liefern müssen. Herr Stark ist eben über der letzten, die der Meister erlauben will. Er sagt: ich mache Renz keine Konkurrenz.«

Hierauf verlor sich der ehemalige Menageriewärter mit sichtlicher Vorliebe gerade über dieses Stück, den »Löwen« des Ateliers, in einen begeisterten Vortrag. Die Tiere hatte er alle persönlich gekannt und erzählte, vom neuen Raffael zum alten Raff werdend, ihre Naturgeschichte; verfehlte auch nicht, mit gerechtem Behagen darauf hinzuweisen, daß sein Kopf im Vordergrunde angebracht sei, auf dem Rumpf des römischen Ädilen, der die Spiele ordnet. Diesmal hatte der Vollbart seine Naturfarbe. Der junge Christ war des Meisters Lieblingsschüler, am Nervenfieber in der Blüte seiner Jahre gestorben. Roland hatte ihn aus dem Gedächtnis, nein, aus dem Herzen gemalt; eine Arbeit, während welcher niemand den Turm betreten durfte, auch Raffael nicht. Es war ein Totenopfer, wie es wenigen Fürsten der Welt gebracht worden, wie nur Liebe und Kunst im Verein es zu bringen vermögen.

Mit dieser wehmütigen Erinnerung schloß Raffael und rückte am roten Fes. »Andere Bilder«, sagte er, »haben wir den Herrschaften für jetzt nicht zu zeigen. Bei uns gibt's keinen Vorrat. Sie gehen ab von der Staffelei, wie die Semmel vom Laden.« Vater Winter sah nach der Uhr: Elf vorüber. Es wird Zeit, daß Olifant zum Rückzug bläst. Und doch ... Roland! Wo bleibt Roland? Den weiten Weg zu machen, ohne die Hauptperson zu sehen, Rom ohne Papst, – unmöglich! Die Hanseatin faßte sich ein Herz; »sie hat einen Brief an den Meister zu bes–tellen, aus Bremen, ihrer Vaterstadt. Wenn ihr den jemand in den Turm befördern wollte?« Vater Winter bat um Entschuldigung; er kannte den Meister, der in Worten immer sehr kurz, zuweilen äußerst – deutlich war. Auch Raffael sprach von einer Unterrichtsstunde, worin man nicht stören dürfte. Zuletzt erbarmte sich Herr Stark, der gute Herr S–tark, der Flehenden. Er empfing das Empfehlungsschreiben aus ihren zitternden Händen und verschwand in der Türe, die in das Innere des Turmes führt.

Eine Minute bangen Herzklopfens für die blauäugige Tochter der Weser, welche ihr Begleiter, ein Onkel oder sonst eine überflüssige Respektsperson, vergeblich zu beruhigen sucht. »Sie geht nicht von der S–telle, ehe sie vor ihm ges–tanden.« Die übrigen Fremden ermutigen sie, in der Hoffnung, mit ihr einzudringen in das Heiligtum. Dasselbe öffnet sich wieder; Stark erscheint auf der Schwelle, – Triumph! Er winkt; Herr Roland lasse bitten!

»Endlich bin ich so glücklich...«

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