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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12. Coda

Vier Wochen nach dieser Frühlingsnacht, genau bezeichnet: am siebzehnten Mai, elf Uhr vormittags, hielten vor dem Hause zur roten Rose vier stattliche Kutschen, umgeben von einer schaulustigen Volksmenge. Es waren dies nicht etwa kommune oder kommunistische Mietswagen, wie sie dem glücklich gepriesenen Mittelstand an den drei großen Tagen der Taufe, der Hochzeit und des Begräbnisses dienen, immer die nämlichen, nur im Tempo ihrer Bewegung verschieden, sondern eigene Equipagen mit gepuderten Kutschern und galonierten Livreebedienten. Zwei davon hatte Herrn Hans Heinrich Kraffts Remise, zwei diejenige des Grafen Wallenberg gestellt, darunter das neue Meisterstück von Brandmayer in Wien, freilich nicht mit dem Allianzwappen der Wallenberg und der Menteiths auf dem Schlage. Mit dem Glockenschlag elf trat aus der Haustür Nummer 27 der Hochzeitszug der Amazone, auf welchen die Wagen harrten. Den ersten derselben nahmen ein: Signor Beppo und Herr Raff, genannt Raffael, dieser mit einem noch schwärzeren Bart, als gewöhnlich, jener glatter rasiert denn jemals und mit dem goldenen Sporen im Knopfloch. Sonderbar, daß jeder von den beiden Edlen den anderen gerade um das verachtete, auf was dieser am stolzesten war: ein blankes oder ein haariges Kinn. Im zweiten Wagen, dem Brandmayer, fuhr der Bräutigam mit seinem Beistand, Gustel Wallenberg. Der Herr Minister erschien, bescheiden stolz, nicht in Uniform, vielmehr nur im schwarzen Frack mit einem Stern erster Größe und dem dazu gehörigen Grandkordon über der Weste, unter dem Kleide. Er musterte noch im Einsteigen die Toilette seines Freundes, und er sah, daß alles gut war bis auf das Fehlende. »Wenn Sie nur«, seufzte er, »sich überreden lassen wollten, eine achtel Elle buntes Band auf Ihren schwarzen Rock zu hängen!« – »Und warum?« lachte Roland. – »Weil es einmal dazu gehört, zum Anzug nämlich. Sie sehen aus, als wären Sie eben auf die Welt gekommen; man schämt sich, neben Ihrer Nacktheit zu sitzen.« – Den Wagen Nummer drei, Herrn Kraffts Staatskutsche, füllte die Braut mit der Brautjungfer, Armgard, und dem stellvertretenden Brautvater, Papa Krafft. Die Amazone sah gar schön aus in dem langen Schleppkleide von weißem Seidentaft, dem kostbaren Spitzenschleier und dem grünen Myrtenkränzlein mit Orangeblüten, welches Armgard aus ihrem Wintergarten gewunden hatte; aber nicht mehr wie eine Amazone stark und siegreich sah sie aus, nein, fromm, bewegt, scheu, weiblich, mädchenhaft. Das Porträt der Königin in Brillanten funkelte an ihrer linken Schulter, über ihrer Stirn ein Diadem, das Hochzeitsgeschenk von Papa Krafft, an ihrer Hand ein breites Armband in Schleifenform, mit dem Wappenspruch ihres Hauses in Blau und Weiß: Fides et fidelitas, eine sinnige Gabe Wallenbergs. Die Bankprinzessin behauptete ein zurückhaltendes Inkognito, wiefern sie alle ihre Brillanten zu Hause gelassen hatte und ein weißes Tarlatankleidchen von fast gesucht zu nennender Einfachheit mit blauen Bändern trug und blaue Blumen im dunklen Haar. Den Schluß des kleinen Kortege machten im vierten Wagen der gute Legationsrat von Marvál, überall an seinem Platze, auch bei einer Trauung, und Stark, Rolands erster Schüler, dem die steife, weiße Krawatte das Blut schlagflußdrohend zu Kopf und in das Gesicht trieb. Er rächte sich durch heimliche Faustschläge auf den gleich verhaßten schwarzen Zylinder, der auf seinem Schoß ruhte; auf sein Haupt paßte er nicht, da er aus dem Schrank des Herrn Raff, genannt Raffael, geborgt worden war.

In vorbemeldeter Ordnung fuhren die vier Wagen in scharfem Trab aus der Rosengasse ab und an der Bonifaziuskirche auf dem Bischofsplatze vor, wo der Herr Bischof in eigener hoher Person die Trauung verrichten wollte, assistiert von einem zahlreichen Klerus. Dies Schauspiel, gewissermaßen die allerletzte, obendrein unentgeltliche Vorstellung der Amazone, hatte ein noch stärkeres Publikum angezogen als die letzte im Theater. Der weite Bischofsplatz war bedeckt mit Equipagen, darunter ein paar Hofwagen, mit reitender Schutzmannschaft und mit Fußvolk, das heißt: Volk zu Fuß, welches letztere sich in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, vollkommen ruhig verhielt, so daß es nur den angestrengtesten Bemühungen der Polizei, ihrem unablässigen Auf- und Absprengen durch die dichtesten Haufen und der gefälligen Unterstützung dreinhauender Hofkutscher gelang, die bei großen Versammlungen zur Unentbehrlichkeit der hohen Obrigkeit unentbehrlichen Unordnungen hervorzubringen. Das Innere der Kirche, Schiff, Chor und Orgel, wimmelte ebenfalls von Menschen, unter denen wir, fast vollzählig, alle Personen unserer Erzählung mit Entzücken wiederfinden. In der Nähe des Altars, auf reservierten Plätzen, verweilten die Privilegierten; ein Flügeladjutant des Königs, der diensttuende Kammerherr der Königin, von den Majestäten zu der Feierlichkeit eigens abgeordnet, der bisherige Chef der Primadonna, Fürst Paul, mehrere andere Mitglieder des diplomatischen Korps, der Herr Finanzminister, aus nachbarlicher Artigkeit gegen Herrn Krafft anwesend, eine Deputation der königlichen Akademie der Künste, ihren Direktor an der Spitze, sowie einige Notabilitäten der Kunst und Wissenschaft. Im Schiff ragen die feindlichen Häupter Hirsch Meyers und Meyer Hirschs an zwei entgegengesetzten Enden aus der Menge hervor, ihre morgigen Artikel bis auf die Einzelheiten bereits fertig in der Tasche; ein jeder behauptet darin sein Recht, und nicht mit Unrecht. Denn verläßt Fräulein Lomond nicht die Bühne, freilich zunächst nur die hiesige? Vermählt sie sich nicht mit einem hochstehenden Herrn der Gesellschaft, freilich bloß mit einem Künstler; allein wer stünde höher als er in der sittlichen Weltordnung? Endlich, hat sie sich nicht als Abkömmling der Earl von Menteith demaskiert, freilich, um ihren alten Namen sofort gegen den neuen: Frau Roland, wieder fallen zu lassen?... Auch Blümchen, Ritter von Blumenberg, befindet sich unter den teilnehmenden Zuschauern; sporenklirrend eilt sein Fuß von einer Bank zur anderen. In der vordersten Reihe hat das Personal des Hauses Hans Heinrich Krafft Posto gefaßt, den Prokuristen, Herrn Heyboldt, mit der Rettungsmedaille, in der Mitte. Hinter ihnen ist eine Karawane reisender Fremdlinge durch Vater Winters Einfluß untergebracht. An eine Säule gelehnt, demonstriert der Opernregisseur dem ehrerbietig aufhorchenden Salamander etwelche Mängel in der szenischen Einrichtung des Aktes. Die jüngeren Schüler Rolands treiben im Dunkel der Seitenschiffe ihr störendes Unwesen, während am Haupteingange vier Solotänzerinnen, als weiße Jungfrauen verkleidet, mit Blumenkörben im Arm, des Brautpaares harren, um seinen Weg zum Altar zu bestreuen. Ihre genauesten Freunde, das diplomatische Korps, erkennen sie kaum in der ungewohnten Tracht, unter welcher alle angeborene und vom Ballettmeister einstudierte Grazie verschwindet. Der Mensch ist und bleibt ein zweibeiniges Gewohnheitstier. Auch die reizende Spezies: Tänzerin (homo saltatrix) bewegt sich auf den ihrigen, Beinen nämlich, nur dann mit Anmut und Sicherheit, wenn dieselben von unten auf völlig, von oben herab möglichst unbedeckt sind... Auf der Orgel steht im Vordergrunde Maestro Bullermann, umgeben vom Solo- und Chorpersonal des Theaters, in das sich Marianka eingeschmuggelt hat; es soll eine von ihm zur Feier des Tages gesetzte Festkantate aufgeführt werden, deren Solostimmen Theseus, der hellenische Oberpriester Braun, die Altistin Vogel und Seraphinens Nachfolgerin übernommen haben. Die letztere singt mit überraschender Leichtigkeit; durch Seraphinens Abschied wird ihr eine Zentnerlast von der üppig vollen Brust hinweggewälzt. Um, kurz vor Torschluß, auch diese interessante Bekanntschaft zu machen, wollen wir sie dem geneigten Leser vorstellen als Donna Carmen del Castro-Ruyz. Der Name wird ihm spanisch vorkommen, wie ihr Gesang dem Publikum. Von Haus aus ist sie aber eine deutsche Jüdin, eine stattliche Person, von spanisch-dunkler Gesichtsfarbe, spanische Glut in den Augen, spanischen Pfeffer im Blut, und schreibt sie sich eigentlich Madame Karoline Cassel, geborene Reuß, ihrem Ehemann davongelaufen, welcher einen schwunghaften Hausierhandel im Oberelsaß betreibt. Der erfindungsreiche Theateragent, Herr Baldrian, hat ihr Talent entdeckt, ihren Namen ins Spanische übersetzt und beide, mit Hilfe diverser Meyer-Hirsche und Hirsch-Meyer aus dem Tiergarten der deutschen Theaterpresse in eine unglaubliche Höhe geschwindelt, höher jedenfalls als das Register ihres spröden Soprans.

So finden wir denn alle unsere Lieben vor dem Abschied auf ewig noch einmal beisammen; es fehlt nur ein teures Haupt, der kleine Polytechniker. Er war am Morgen nach dem Schwanengesang der Amazone spurlos verschwunden, glücklicherweise nicht durch einen romantischen Selbstmord, sondern um nach Jahr und Tag in Baldrians Bühnenalmanach wieder aufzutauchen, am Hoftheater zu Sondershausen als Chortenor und für Naturburschenrollen im Schauspiel engagiert.

Lassen wir die Nebenpersonen beiseite, da Held und Heldin eben in die Kirche treten, außen durch lauten Zuruf angekündigt, im Innern von einem gedämpften Murmeln der Bewunderung empfangen. Ein Vorspiel auf der Orgel begleitet ihren Weg zum Altare. Dann begingt Bullermanns Kantate, sehr langsam, sehr langsam, so lang, daß Stark, dem von Minute zu Minute feierlicher und apoplektischer zumute wird, sich in Verzweiflung auf Raffs Zylinder setzt, welcher als Gibus oder Claquehut die Presse verläßt. Die heilige Handlung verläuft ohne Störung, bis auf ein krampfhaftes Lächeln Rolands, das zum Glück von niemandem, als von Seraphine bemerkt wurde. Als der hohe Geistliche die übliche Frage an den Bräutigam richtete: »Wollen Sie, Herr Paphnutius Meyer, genannt Roland, gegenwärtige Lady Maria Seraphine von Menteith, genannt Lomond, zu Ihrer Ehefrau nehmen?« da zuckte es gefährlich durch des Meisters Züge, so ernst es ihm, ja so elend auch zu Sinne war, gleich wie allen Junggesellen am kritischen Hochzeitstage. Ein rascher Händedruck Seraphinens mußte ihm über den unverwüstlichen Meyer-Nuzi hinweghelfen. Nach der Trauung wurden nur noch einige hundert Glückwünsche und Danksagungen, Händedrücke und Umarmungen, immer mit obligaten Tränenschauern, ausgewechselt, und hierauf war alles soweit fertig, daß Roland, der die Rückfahrt mit seiner jungen Frau machte, während Wallenberg in den Wagen Kraffts stieg, Seraphinen eiligst in den neuen Brandmayer heben und mit ihr auf und davonfliegen konnte. »Ich hätte nicht gedacht,« sagte er, »daß das Heiraten so schwer wäre. Du, mein liebes Weib, bist an derlei Haupt- und Staatsaktionen gewöhnt; ich aber erinnere mich einer ähnlichen Strapaze nicht seit dem famosen elften September, wo Herr Meyer-Nuzi, damals noch nicht Roland, über die heilige Taufe gehoben wurde.«

Papa Krafft ließ sich das déjeuner dinatoire nicht nehmen. Darauf nämlich, nicht »auf einen Löffel Suppe«, wie er befohlen hatte, lauteten die von Armgard ausgefertigten Einladungen, nur an die Nächsten ergangen, und doch fünfzig an der Zahl, alle Kontoristen des Hauses, Rolands Schüler und Seraphinens Kollegen eingeschlossen. Die vereinigten Künstler führten ein lustiges Intermezzo auf, indem sie, als Wilde verkleidet, der Sängerin die Federkrone des Reiches Madagaskar und dem ordensscheuen Meister den orientalischen Pantoffel erster Klasse in feierlicher Deputation überreichten. Es wurde tapfer gezecht in dem großen Speisesaal und weidlich gelacht. Der Jubel steigerte sich zur Ausgelassenheit, als, nach der ersten offiziellen Gesundheit auf die Neuvermählten, Papa Krafft mit dem Messer an den Champagnerkelch klopfte und um das Wort bat. »Meine Herren und Damen,« sagte er, »ich bin kein Redner.« Lebhafter Widerspruch von allen Seiten des Hauses. »Ich bin, hol mich... dieser oder jener, kein Redner, und ich habe es, Gott Lob und Dank, auch nicht nötig.« Ungeheure Heiterkeit am äußersten Ende der Tafel, wo die Jugend saß. »Allein eine Tatsache fühle ich mich gedrängt, meinen lieben Gästen als den ersten mitzuteilen, kurz und bündig, schlicht und einfach, wie es meine Art ist.« – »Hört, hört!« – »Daß Heiraten eine ansteckende Krankheit ist, gilt für ausgemacht. Auch am heutigen Tage bestätigt sich der alte Erfahrungssatz.« Bedeutsames Räuspern im Zentrum. »Ich habe die Ehre, als Verlobte Ihnen anzuzeigen: meine Tochter Armgard und den hier gegenwärtigen Herrn Augustus Grafen von Wallenberg, außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Seiner...« Aber der losbrechende Beifallssturm verschlang alle weiteren Titelschnörkel, und um die Tafel herum begann eine fröhliche Wanderung voller, aneinanderklingender Gläser, ein verworrener Chor von Hochrufen, Segenswünschen und Freudenbezeigungen, so natürlich disharmonisch, als hätte der anwesende Maestro Bullermann ihn künstlich also gesetzt und einstudiert.

Am Abend desselben ereignisreichen Tages entführte der Schnellzug die Neuvermählten. Signor Beppo, die lederne Geldtasche umgehangen, Herr Raff, genannt Raffael, mit dem Skizzenbuch Rolands, und Marianka mit Seraphinens Toilette bildeten das Gefolge, der Herrschaft im Bahnhof harrend. Das nächste Reiseziel war Triest, von wo Signor Beppo seine einsame Rückkehr nach Neapel antreten sollte, während die übrigen den dort vor Anker liegenden Delphin besteigen und die Künstlerfahrt um die Welt antreten wollten: erste Station Korfu, zweite Athen – Konstantinopel – Smyrna – Alexandria – Kairo und so weiter, und so weiter. Vater Krafft gab den Scheidenden das Geleite. »Flattert hinaus,« sagte er beim zweiten Glockenzeichen, »Ihr glücklichen Sing- und Zugvögel. Der alte Hans Heinrich Krafft bleibt zurück und baut Euch das Nest für den Winter... Lebt wohl, lebt wohl.« – Noch ein hastiges Geläut, das dritte, ein gellender Pfiff und dahin brauste der Zug, umwallt von einer grauen Dampfwolke, aus welcher Seraphinens Tuch die letzten Abschiedsgrüße winkte.

Ein Jahr später. ›comptant‹

Unser Glück, teurer Freund, kennt nach diesem Zuwachs keine Grenzen. Wie Seraphine in ihrem letzten Briefe an Armgard gemeldet, hat sie ihre Sklavenketten gebrochen und dem amerikanischen Impresario in Kairo Valet gesagt. Wir wollen Frühling und Sommer irgendwo am Meer ausruhen von unserem Nichtstun und dann im Herbst zu Euch zurückkehren, wohin uns herzliche Freundschaft und der dringende Wunsch Eures Hofes zieht. Einstweilen sammle ich Studien und wilde Tiere nach meiner alten Passion. Ich habe ein kleines Krokodil, noch warm aus dem Ei, erstanden, päpple es mit väterlicher Zärtlichkeit und Eselsmilch auf und bringe ihm die ersten Begriffe von europäischer Kultur durch Fasten und Rutenstreiche auf den Bauch bei. Der Vizekönig, der mich tief ins Herz geschlossen hat (im Vertrauen gesagt, mein Weib noch tiefer), verspricht mir den nächsten kleinen Löwen. Von Ibissen, wunderbaren Tauben und Hühnern wimmelt der Hof unseres Hauses, und im finstersten Kellerwinkel züchte ich Skorpionen und Spinnen. Daß ich zu Kamel sitze, wie Master Jack zu Roß, leidet nicht den mindesten Zweifel. Alle die Herrlichkeiten, Kleopatra und ihren Gatten eingeschlossen, bringe ich in einer Arche Noahs mit nach Europa, nach Rolandseck, dazu auch zwei fertige Staffeleibilder: ein Sklavenmarkt in Kairo; Engländer, unter den Pyramiden frühstückend. Letzteres wird viel Spaß machen, ersteres noch mehr Verdruß in den Akademien, Kunstschulen und anderen Naturverbesserungsanstalten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Ich bitte Sie, weder an Hirsch-Meyer noch an Meyer-Hirsch diese staatsgefährlichen Nachrichten gelangen zu lassen, auch nicht in der Form der Ihnen so wohlgelingenden Extrablätter.

Im übrigen hoffen wir bald von Ihnen zu hören, daß Sie und Armgard unserem Exempel inzwischen gefolgt sind, und daß Vater Krafft, auf dessen Kreditbrief ich die ausgiebigsten Sünden begehe, sich in seiner neuen Würde als Großpapa – nur einstweilen durch Adoption – recht wohl fühlt.

Gott befohlen, Ihr Teuren und Getreuen daheim! Grüßt meine Jungens im verwaisten Atelier! – Euer Roland, ci-devant Meyer-Nuzi.«

Nachschrift (mit Bleifeder, von Seraphinens Handschrift, wenn auch minder fest und flüssig als gewöhnlich). »Armgard, Schwesterherz! Ich rufe Dir zu, wie Arria dem Pätus: Es tut nicht weh! Deine selige Seraphine.« –

Vorstehender Schreibebrief, durchstochen und geräuchert, gelangte nicht mehr an seine nächste Adresse. Am siebenundzwanzigsten April hatte Graf Wallenberg, unlängst zum Botschafter am Hofe von St. James ernannt, seine Vermählung mit Armgard in tiefster Stille gefeiert und war noch am nämlichen Tage abgereist, um, nach einem kurzen Besuch bei den Seinigen, den neuen Posten anzutreten. Das Weltkind und der Diplomat, beide sahen sich am Ziele ihrer heißesten und geheimsten Wünsche, im siebenten Himmel.

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Damit, meint der geneigte Leser, endet diese Geschichte, trivial glücklich, wie einhunderttausend andere, mit einer doppelten Heirat. O du kurzsichtiger Greis, oder unerfahrener Jüngling, oder leichtgläubiges Mägdlein, wie grob ist euer Irrtum! In unserem Zeitalter hört der Roman, die Novelle, das Lust- oder Trauerspiel nicht auf mit der Hochzeit, sie beginnen vielmehr dann erst. Unsere Väter waren des Todes froh und dankten dem Schöpfer, wenn sie ihre Geschöpfe auf der letzten Seite oder in der Schlußszene bis an den Traualtar geführt, die Heldin unter die Haube, den Helden unter die Hörner gebracht hatten. Aber die Romantik des modernen Lebens datiert nicht bis, sondern von diesem kritischen Zeitpunkte. Man vergleiche alle französischen Musterkomödien und Monstreromane. Auch unser unsterbliches Werk hat, außer dem überstandenen ersten Teil, einen zweiten: Künstlerehen, einen dritten: ein vornehmes Haus, und ein komisches Nachspiel: Raffael und seine Marie; so daß es sich, nicht mehr und nicht minder als die klassischen Tragödien von Altgriechenland, trilogisch oder mit Inbegriff des Satirspiels tetralogisch gliedert. Doch wollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen und diese immense Perspektive dem geblendeten Auge des Geneigten hier nur andeuten. Eine Billigkeit, die man uns nicht hoch genug anrechnen kann. Derjenige Schriftsteller, der es heutzutage bei einem Band bewenden läßt, während er nach rechtschaffenem Leihbibliothekenbrauch drei bringen muß und bis zu neun gehen darf, versteht augenscheinlich sein Handwerk nicht. Man verzeihe dem jungen, schüchternen Anfänger.

Übrigens, wenn der geneigte Leser recht zufrieden ist, die schöne Leserin recht dankbar, die hohe Kritik recht anerkennend, der gequälte Herr Setzer recht sparsam mit Druckfehlern, die sich immer »aus der unleserlichen Handschrift« entschuldigen müssen, der verehrungswürdige Herr Verleger hingegen recht verschwenderisch mit seinem Honorar, und endlich der über alles geliebte Herr Verfasser recht guter Laune – dann versprechen wir in seinem Namen, daß wir über Jahr und Tag an dieser Stelle, wo wir jetzunder traurig Abschied nehmen, eine neue, gemeinsame Wanderung antreten werden.

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