Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Dingelstedt >

Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der eintretende Diener verneinte. Er stotterte, das Volk wolle die Bank stürmen. – »Wo ist mein Vater?« – »Im Kontor, Fräulein.« – »Eilen Sie hinüber. Ich bitte, ich beschwöre ihn, er soll sich nicht aussetzen, soll herüberkommen, sogleich.« – Nach einigen Minuten kehrte der Bote zurück: »Fräulein möchten sich beruhigen; Herrn Krafft würde nichts geschehen; nur der starke Andrang zu den Unterzeichnungen hätte den blinden Lärm veranlaßt; so bald wie möglich erschiene Herr Krafft selbst.« – Armgard und Seraphine blieben wieder allein. Sie blickten verstört auf den Platz, den die tobende Menge überschwemmte. Einzelne kecke Füße waren bereits in den kleinen Hausgarten eingestiegen; es wurde gelacht, gepfiffen, geschrien, mit den Fäusten an das verrammelte Tor der Privatwohnung gepocht, drohend heraufgewiesen auf das Fenster, hinter welchem Armgard und Seraphine standen. Jene zitterte und bebte, ihres Verlangens nach einem Sturm gänzlich uneingedenk, während der Amazone der Kamm schwoll vor Zorn über den ausgelassenen Pöbel. Sie begehrte Waffen; das Fenster wollte sie öffnen, ward aber daran gehindert von Armgard, welche die Vorhänge eilig zusammenzog, von Mrs. Henderson, die, ihr common prayerbook in der Hand jammernd und wehklagend hereingestürzt kam und ein über das andere Mal bat: »O don't, don't; – shocking, shocking!« – Wiederholte Sendungen an Herrn Krafft brachten immer die nämliche Antwort, bis Armgard, da sie von weitem Trommelwirbel vernahm, verzweifelt zu einem letzten Mittel griff: »Gehen Sie nochmals hinüber« – befahl sie lächelnd wenn auch mit bleichen Lippen – »und sagen Sie, Herr Krafft müsse kommen, Fräulein Lomond erwarte ihn hier.« – »Was tust du, Armgard?« – »Ich ziehe die höchste Notflagge auf; gib acht, nun ist die Hilfe nahe.« – – Richtig. Diesmal lautete die Erwiderung: »Herr Krafft folgt mir auf dem Fuße und bringt den Herrn Roland mit.« Seraphine suchte fliehend nach ihrem Hute, sie wollte, sie mußte fort – zu spät! Auf der Schwelle begegnete sie dem Bankier und dem Maler. Herr Hans Heinrich Krafft kam außerordentlich aufgeräumt, triumphierend und strahlend herüber. In der Tür noch hörte er, wie Armgard und Seraphine einander duzten, ein kaum zu mißdeutendes Vorzeichen für den günstigen Erfolg seiner Werbung. »Wir sind im Hafen,« rief seine rauhe Stimme fröhlich aus »der Sturm ist vorüber.« Armgard empfing ihn mit kindlichen Vorwürfen, auf die er lachend entgegnete: »Kind, dergleichen Tage gehören zum Geschäft. Es war ein kleiner Aufstand von Kommunisten eigener Art; die guten Leute wollten kein Geld holen sondern mehr bringen, als ich nehmen mag.« Während er die noch immer ängstliche Tochter und Mama Henderson beschwichtigte, hatten Roland und Seraphine sich begrüßt, sie totenbleich, er feuerrot geworden über das seltsame Wiedersehen. Die Sängerin hielt dem Maler die Hand entgegen, welche dieser nur mit den äußersten Fingerspitzen berührte. In seinem Herzen wallte es siedend auf bei dem Anblick der geliebten, der verloren gegebenen Freundin; Groll, Eifersucht, Schmerz, Wehmut, Liebe erstickten seine Stimme. »Meinen Glückwunsch!« stammelte er kaum vernehmbar. »Es hat sich vieles seit gestern zugetragen. Ich nehme den tiefsten Anteil an der Wendung Ihres Schicksals.« – »Roland, welch ein Ton zwischen uns!« – »Der alte«, sagte er kopfschüttelnd, »ist verklungen, unwiederbringlich. Sie sind eine große Dame geworden; vielmehr, Sie waren es immer und werden bald eine noch größere werden. Ihre Erscheinung in der Kunst war nur eine Gastrolle, ein pikantes Inkognito; unsere Freundschaft ein flüchtiger Traum. Ich erwache und sage Ihnen Lebewohl, gnädige Gräfin.« – Er wandte sich weg von ihr und zu Armgard, deren kleine Hand er mit einem bei ihm ungewohnten Aufwand von Galanterie küßte. Seraphine sah es mit einem Stich durch das Herz. Krampfhaft drückte sie die Rechte auf die Brust und sagte für sich: »Es ist gut so. Ich überwinde ihn leichter, wenn er mir dazu beisteht.« Dann hing sie sich vertraulich an Kraffts Arm und fragte, ob ihr getreuer Finanzminister an einem so stürmischen Tage noch Zeit und Lust habe zu der versprochenen Privataudienz? – »Immer zu meiner schönen Königin Befehl«, war die Antwort, worauf sich beide in ein Nebenzimmer begaben. Auf einen Wink Kraffts folgte Mrs. Henderson; »das Brautpaar« blieb allein. »Ich bin«, schmunzelte seelenvergnügt Herr Krafft, »das Muster eines Schwiegerpapas. Freiwillig räume ich den jungen Leutchen das Feld.« Seraphine nickte und lächelte. Aber ihr Blick auf Roland und Armgard, die zusammen in demselben engen Sofa saßen, worin sie neben der neugewonnenen Schwester gesessen hatte, dieser Blick wußte nichts von jenem Lächeln. Er nahm einen schweren, schmerzlichen Abschied fürs Leben. Die Portieren fielen hinter ihr zu. Das Opfer war vollendet.

Hätte sie freilich das Liebespaar auf hohen Befehl, väterlichen oder diplomatischen, weiter beobachten können, so würde ihr Blick weniger elend und trüb gewesen sein. Fräulein Krafft, erschüttert von dem letzten Schrecken und den vorausgegangenen Gemütsbewegungen, erlag einem heftigen Nervenanfall, der sich zuerst in einem Tränenstrom, darauf in einem Lachkrampfe Luft machte. Roland wollte um weiblichen Beistand schicken, den sie entschieden abwehrte. Er mußte, stumm und ratlos, den Zeugen einer Szene abgeben, die ihn eben so fremd und peinlich berührte, wie die Wanderung durch Vater Kraffts unheimliches Goldland, wie alles, was er seit vierundzwanzig Stunden an sich und anderen erlebt. In einer dumpfen Betäubung befangen, konnte er nur ungeduldig abwarten, daß seine Schülerin sich langsam erholte. Noch schwankend zwischen Lachen und Weinen, nach Fassung ringend, wandte sie sich endlich mit der Bitte an ihn: »Vergebung, Herr Roland, für Ihre erbärmlich schwache Schülerin. Die Krisis geht vorüber. Ich will, ich muß ruhig werden.« – Der Maler erwiderte kleinlaut: »Ich habe Ihnen nichts zu vergeben, Fräulein Armgard; mir ist um kein Haar breit besser zu Sinn als Ihnen.« – Gesammelter fuhr sie fort: »Seit gestern leben wir alle wie im Traume. Ich glaube den neckischen Poltergeist zu kennen, der uns durcheinander hetzt, wie Puck die zwei Liebespaare in dem Zauberwalde bei Athen. Auf der Bühne nimmt sich eine solche Jagd allerliebst aus; desto unbehaglicher in der Wirklichkeit, besonders für die unwillkürlich Mitspielenden.« – »Sie haben recht, der Bann muß gebrochen werden; aber wie?« – »Heute morgen war mein Entschluß gefaßt. Was seitdem geschehen ist, hat ihn umgestürzt. Überlegen wir zuerst, wo und wie wir stehen. Sie wissen, daß mein guter Vater um Seraphinen angehalten hat?« – »Das wußte ich nicht. Auch er? Oh, die Sirene!« – »Tun Sie ihr nicht unrecht, wie ich es zuweilen getan. Seit einer Stunde ist ihr Herz, ein edel und warm empfindendes Herz, mir klar.« – »Auch die Maske, welche sie bisher standhaft getragen, um sie auf einmal bei Wallenbergs Werbung abzuwerfen?« – »Vielleicht ließ sie die Maske nur fallen, weil ihr der Graf mit seinen Anträgen zu scharf zusetzte.« – »So sprach Graf Wallenberg auch für Ihren Herrn Vater?« – »Für ihn und für sich.« – »Und für mich«, platzte Roland heraus. – »Vortrefflich«, rief Armgard, in die Hände klatschend. »Jetzt ist die Reihe an mir, auszurufen: Auch Sie?! Die Situation beginnt sich zu klären.« – »Verzeihen Sie, mein Fräulein...« – »Daß Sie nicht um mich, sondern um Seraphinen werben, lieber Freund? Ich verzeihe das nicht bloß, ich wollte es Ihnen raten, nachdem ich Seraphinen meinem Vater ausgeredet hätte. So war mein Plan heute früh.« – »Um mich los zu werden? Sehr verbunden! Graf Wallenberg gab mir gerade den entgegengesetzten Rat. Er war gestern im Atelier, nachdem Sie es verlassen. Ich vertraute ihm meine Absicht auf Seraphinen. Er suchte mich abzubringen, durch allerlei scheinbar wohlgemeinte, triftige Gründe.« – »Dieselben, die er umgekehrt gegen Sie bei Seraphinen brauchte.« – »Während er für mich hätte sprechen sollen. Der Treulose! Ich durchschaue das Gewebe seiner Ränke. Er weist mich hierher, damit er mich aus seinem Wege zu Seraphinen räumt.« – »Und diesen anderen Weg gehen Sie nicht?« – »Teuerste Armgard, Sie wissen, wie hoch ich Sie und Ihren trefflichen Vater verehre. Aber... lachen Sie mich nicht aus... Ihr Reichtum macht mir Angst. Drüben im Kontor fürchte ich mich vor Gespenstern.« – »Und hier vor mir, kleinmütiger Meister?« – »Sie wissen, daß ich Sie nicht fürchte, Armgard.« – »Aber auch, daß Sie mich nicht lieben, der Platz ist besetzt«, sagte das mutwillige Weltkind, wieder vollkommen sie selbst geworden, schlug auf Rolands Herz und setzte flüsternd hinzu: »Ich weiß auch von wem. Und wenn Sie recht brav und folgsam sein wollen, verrate ich Ihnen ein Geheimnis, das ich vor einer halben Stunde auf dieser nämlichen Stelle erfahren habe.« – »Armgard, spotten Sie nicht!« – »Ich spotte nicht. Nein, in ganzem, gutem Ernst sage ich Ihnen: Seraphine liebt Sie wieder, heiß und leidenschaftlich, wie nur Amazonen lieben.« – »Und den Grafen Wallenberg heiratet sie, die geborene Gräfin«, lachte Roland bitter. – »Freveln Sie nicht an dem schönsten Gefühl, das Ihnen jemals geweiht worden ist. Seraphine opfert ihre Liebe für Sie dem, was sie für Ihr Glück hält, einer Verbindung zwischen Ihnen und mir.« – »Das ist Wallenbergs Einfluß. Seine verwünschte Theorie der gemischten Ehen stiehlt mir einen Himmel, den der schlaue Geschäfts- und Zwischenträger für sich behalten will. Aber er irrt sich. Ich zerreiße sein Lug- und Truggespinst. Ich entlarve ihn. Ich...« – »Ich duelliere mich mit ihm, nicht wahr, und mache Seraphinen zur Witwe, ehe sie Braut ist? Pfui, Roland! Was als Lustspiel begonnen hat, wollen Sie tragisch endigen? Ist das künstlerisch gedacht? Schlagen wir vielmehr Meister Puck mit seinen eigenen Waffen, auf seinem eigenen Felde.« – »Über Diplomatenlist geht nichts.« – »Als Künstlerhumor und Mädchenscherz. Überlassen Sie sich mir, lieber Freund. Gestatten Sie, daß ich die Hand einmal führe, welche die meinige auf dem Reißbrett und der Leinwand so treu und so oft geleitet hat.« – »Was haben Sie vor?« – »Einen verspäteten Karnevalsstreich. Maske gegen Maske. Sie wissen doch, was Kreuzmariage ist?« – »Ein Kartenspiel, glaub ich, das ich aber nicht verstehe.« – »Ihre Erziehung scheint mir unverantwortlich vernachlässigt. Kreuzmariage heißt Wallenbergs Theorie von der Ehe, in – Karten übersetzt. Die beiden sich gegenübersitzenden Partner spielen zusammen. Solch eine Partie hat unser Staats- und Herzenskünstler sich ausgedacht, hat bereits die Karten gemischt und gegeben, so daß er, der Kavalier, mit Seraphinen, der Sängerin, Sie, der Maler, mit mir, der Bankprinzessin, moitié machen. Kreuzen wir seine Kreuzmariage. An die Stelle seiner neuen Theorie, Bündnisse zwischen Gegensätzen, bringen wir ein gutes, altes, deutsches Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern.« – »Und führen«, fiel Roland ein, »den Maler mit der Sängerin zusammen« (Armgard nickte lebhaft) »und den Grafen mit der Prinzessin.« – Armgard rief hastig und errötend aus: »Von ihr ist nicht die Rede. Sie spielt nicht mit, höchstens als Strohmann, wie im Whist. Auch muß der Graf leer ausgehen, zur Strafe für seine heillosen Kunststücke.« – »Aber die Prinzessin nicht.« – »Sie will's nicht besser.« – »Sie muß wollen, wie die Spielregel will.« – »Sie treiben mein Spiel weiter, als ich beabsichtigte.« – »Im Ernst also: lieben Sie Wallenberg?« – »Wenn das Liebe ist, was Sie für Seraphinen empfinden, Seraphine für Sie... nein. Einer solchen Leidenschaft sind nur bevorzugte, große, poetische Naturen fähig, nicht wir gemeinen Menschenkinder.« – »Aber eine gewisse, kleine, weltliche Neigung, ein Wohlgefallen an Wallenbergs feiner Person, seinem Rang, seinem Geist, seinen eleganten Sitten, ein stilles Gelüst, Frau Botschafterin und Frau Gräfin zu werden – das fühlt meine liebe, kluge, zarte Schülerin; nicht wahr? Offenheit gegen Offenheit, Armgard, oder ich spiele nicht mit!«

Armgard sprang auf, öffnete eine Lade ihres Schreibtisches, dann eine verschlossene Mappe in demselben und nahm daraus eine Zeichnung, die sie Roland überreichte mit den Worten: »Hier ist meine Antwort, Meister.« Dabei überflog ein wunderbar reizendes Erröten das bleiche Gesicht bis hoch unter die dunklen Locken; verschämt barg sie es an Rolands Schulter. Er betrachtete das Blatt, ein Porträt Wallenbergs in Kreide, und sagte, ihr Köpfchen sanft aufrichtend: »Ich spreche meinen Lehrling los für diese Arbeit. Sie ist das Beste, was Sie jemals gemacht haben. Wer das gezeichnet hat, kann nicht nur zeichnen, sondern auch... lieben.« – »Ja,« sprach sie leise und innig zu ihm herauf, »ich liebe ihn, in meiner Art, aber von ganzem Herzen.« – »Nun glaube ich Ihnen,« erwiderte lächelnd Roland, »daß Sie Seraphinen und mich glücklich machen wollen. Unsere Interessen sind dieselben: Sie müssen Wallenberg von Seraphinen trennen, ich Seraphinen von Wallenberg. Ans Werk denn. Ich eile zu ihm und öffne dem Beneidenswerten die Augen.« – »Um alles zu verderben?« – »Ich verstehe Sie nicht.« – »Große Herren schätzen und lieben nur das, was sie verloren haben oder doch verloren glauben. Solange ich frei war, hatte Wallenberg wenig mehr als ritterliche Galanterie für mich. Findet oder wähnt er mich versagt, dann wird meine kleine Person alsbald in einem ganz anderen Lichte vor ihm erscheinen. Spielen Sie also, nur zum Schein und ganz kurze Zeit, die Rolle – wenn auch nicht meines Verlobten, so weit dürfen wir unseren Scherz nicht treiben – doch eines erhörten Anbeters.« – »Eine dankbare Rolle.« – »Die Ihnen doch vorhin recht sauer wurde.« – »Vor Seraphinen. Sie weihen wir natürlich in unsere diplomatische Intrigue ein?« – »Keineswegs. Ihre Lebhaftigkeit könnte unsere Erfolge gefährden.« – »Wie aber lösen wir die Beziehungen, die zwischen ihr und Wallenberg schon angeknüpft worden sind?« – »Seien Sie außer Sorgen, Freund Othello. Jago entführt Ihnen Desdemonen nicht.« – »Was bürgt uns dafür?« – »Das Theater!« – »Wieso?« – »Heute ist Fräulein Lomond fest entschlossen, ihm Valet zu sagen. Wenn sie morgen abend zum zwölften Male herausgerufen, mit Blumen überschüttet und von zweibeinigen Pferden im Triumphwagen nach Hause gezogen worden ist, bringen sie vier vierbeinige von der geliebten Bühne nicht weg. Würden Sie den Pinsel niederlegen, um die Stahlfeder drüben im Kontor meines Vaters zu führen?« – »Nicht für alles Gold in dem gespenstischen Schrank mit den sieben Schlössern.« – »Nun denn. Morgen abend spätestens bricht Seraphine mit Wallenberg, wenn sie wirklich schon mit ihm angeknüpft hat.« – »Sie sind ein Engel, Armgard.« – »Weil ich Sie nicht heirate? Sehr verbunden!« – »Ein Dämon sind Sie, ein Geist und Witz sprühendes Teufelchen, ein wirklicher, geheimer Oberbeelzebub, durch den wir das kleine diplomatische Beelzebüblein siegreich austreiben.« – So rief Roland frohlockend aus, umschlang die Prinzessin und küßte sie mit einem Feuer, das für die Darstellung der ihm übertragenen Liebhaberrolle die besten Hoffnungen erwecken durfte.

Genau in demselben Augenblick öffnete sich die Tür; Herr Krafft und Seraphine kehrten zurück: jener nicht mehr strahlend, wie er gegangen, sondern niedergeschlagen und sehr ernst; diese, als sie der malerischen Gruppe ansichtig wurde, vor tiefem, innerem Weh zusammenfahrend. »Ihr seid einig, Kinder?« fragte Herr Krafft mit weichem Ton, während Armgard sich von Roland losriß und rasch das Porträt versteckte. – »Vollkommen einig«, jubelte der Maler. – »Das freut mich«, seufzte Papa, nicht ganz aufrichtig. »Mir,« setzte er hinzu, »mir wird es nicht so gut. Wir armen reichen Leute! Wir können uns alles kaufen, was wir nicht mögen. Wenn wir uns aber einfallen lassen, etwas zu besitzen, was man für Geld nicht haben kann, ein bißchen Liebe, Glück, Genuß, den Sonnenschein für den Abend eines mühevollen Lebens – dann wird uns der Wunsch versagt, vielleicht unser letzter, einziger. Fräulein Lomond weist meine Werbung zurück.« – Armgard und Roland kondolierten, die Heuchler. – Seraphine aber sagte, den alten Herrn zärtlich umfassend: »Wenn die treueste kindliche Liebe, wenn Dankbarkeit und Freundschaft...« – Herr Krafft unterbrach sie rauh: »Kindliche Liebe, Dankbarkeit, Freundschaft... wo ich um ein Herz bettelte! Das ist gerade so, als wenn ein schlechter Schuldner Bankerott macht und mich mit zehn Prozent abfindet. Indes... ich nehme sie. Im Geschäft nimmt man, was man kriegen kann. Ihren Arm, schöne Königin, nicht zum Traualtar, sondern zum Abendbrot. Die Henderson hat schon zweimal geschickt. Und ich bin auf den heißen Tag durstig geworden, wie ein Schiffszieher auf dem Leinpfade.«

Allein in den Sternen stand geschrieben, daß Vater Krafft auf den wohlverdienten Labetrunk, Mama Henderson mit ihrem Diner oder Souper, wie mittags mit dem Dejeuner, geraume Zeit warten sollten. Als die vierblättrige Gesellschaft in das Speisezimmer hinübergehen wollte, wurde Graf Wallenberg gemeldet. Er kam, erschöpft und ermüdet, von den verschiedenen Personen des kleinen Kreises in sehr verschiedener Stimmung empfangen; Seraphine maß ihn mit verdrießlich kühlem Blick; er gefiel ihr gar nicht; sie fand ihn, neben Roland, klein, unbedeutend, beinahe unmännlich, seine Eleganz übertrieben, die Sicherheit seines Auftretens verletzend. Mit unbefangenem Gruß ging nur Armgard ihm entgegen, während die beiden Männer, Krafft und Roland, ihn fast gleichzeitig mit sehr widersprechenden Apostrophen überfielen. »Ich weiß alles,« raunte Papa Krafft ihm drohend zu; »Sie sind mir ein schöner Unterhändler. Warum haben Sie mir gestern nicht gleich gesagt, daß Sie auf denselben Abschluß spekulieren, wie ich?« – Noch ehe der Diplomat erwidern konnte, drängte ihn Roland, auf einen Wink der neckischen Prinzessin, in eine andere Ecke und flüsterte: »Ich fange an, Ihnen recht zu geben. Armgard ist ein treffliches Wesen. Wie vielen Dank werde ich Ihnen schuldig sein.« – Wallenberg machte sich von beiden los und bat: »Wollen mich die Herrschaften gefälligst zu Worte kommen lassen? Seit zwei Stunden bin ich unterwegs hierher. Um halb vier Uhr vom Prinzessinnenplatz abgefahren, fand ich die Krafftstraße gesperrt. Ich kehre um, einen anderen Weg zu suchen. Da sprengt mir mein Reitknecht entgegen. Eilige Depeschen an die Gesandtschaft sind angekommen. Ich fahre zurück. Marvál und mein junger Fürst Paul sitzen bereits über der Arbeit; sie dechiffrieren, daß ihnen der Kopf raucht.« – »Darf man fragen, was es gegeben hat?« warf Krafft ein. – »Warum nicht? Morgen werden die Zeitungen die Neuigkeit ohnehin bringen.« – »Wohl erst übermorgen; Sonntags erscheint kein Blatt.« – »Richtig. Meine Nachrichten haben also einen Vorsprung von vierundzwanzig Stunden. Unser Agent in Liverpool telegraphiert einen glänzenden Sieg der Südstaaten; der Bestand der Union sei in Frage gestellt. Aus London meldet man gleichzeitig, England werde die Südstaaten anerkennen.« – »Das gibt«, sagte Krafft aufhorchend, »einen tüchtigen Stoß an der Börse. Amerikaner werden garstig fallen. Ich eile ins Kontor.« – »Papa, schon wieder?« – »Ei was. Bis zum Schluß der Abendbörsen habe ich noch eine Stunde vor mir. Sie wissen nicht, Graf Wallenberg, was Ihre Nachricht wert sein kann.« – »Sie verkaufen?« – »Noch heute abend, soviel wie möglich, um Anfang nächster Woche beim niedrigsten Stand des Kurses doppelt und dreifach zu kaufen.« – »So glauben Sie an den Bestand, den endlichen Sieg der Union?« – »Wie an das Einmaleins. Die nordamerikanische Republik ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Ihr Diplomaten mögt so viele monarchische Keile zwischen die Freistaaten des Südens und des Nordens eintreiben wie ihr wollt oder könnt, das Prinzip behält schließlich doch recht. Ich verkaufe und kaufe. Ich gehe an die Arbeit, lasse den Telegraphen spielen nach allen Richtungen. Wer mich lieb hat, folgt und hilft mir. Armgard, komm. Bei diesem Geschäft kann ich fremde Hände nicht brauchen; ich muß es allein und insgeheim machen.« – »Nehmen Sie mich mit,« sagte der Diplomat; »Ihre Auffassung interessiert mich in hohem Grade. Ich möchte mehr von Ihnen hören.« – »Nicht mehr als billig, daß Sie an der Frucht Ihrer kostbaren Neuigkeit sich beteiligen.« – Der Bankier war schon draußen; Armgard, Wallenberg wollten ihm nach. Roland murmelte: »Was gehen mich die Südstaaten an? Ich bleibe hier. Das unheimliche Kontor sieht mich nicht wieder.« – Seraphine erfaßte den Arm des Grafen; sie konnte weder bleiben, allein mit Roland, noch mit Krafft hinübergehen. »Graf Wallenberg,« sagte sie hastig, »ich bitte, mir Ihren Ritterdienst zu widmen. Geleiten Sie mich nach Hause.« – »Mit Freuden, mein gnädiges Fräulein; aber...« – »Kein Aber, ich bitte Sie.« – »Das heißt, Sie befehlen.« – Er bot ihr mit einem unterdrückten Seufzer den Arm; sie rauschte, nach einem kurzen Gruß an Roland, der den Abgehenden unruhig nachsah, hinaus.

Zwei Stunden arbeitete Krafft in stiller Kompanie mit Armgard im Kontor; ebenso lange Graf Wallenberg als Geschäftsträger der Primadonna. Er fuhr sie nach der Rosenstraße, ohne daß unterwegs mehr als ein paar nichtsbedeutende Worte zwischen beiden gewechselt worden wären. Er und sie hingen den eigenen Gedanken nach, die weit, weit auseinander liefen. Am Treppengeländer schon empfing sie Signor Beppo. Er hielt der Herrin das Abendblatt entgegen, noch feucht, kaum aus der Druckerei gekommen. – »Una bellissima novella!« knirschte er mit wutfunkelnden Augen. – »Was gibt's? Warum erschreckt Ihr mich?« – »Ecco!« Er zeigte auf einen Artikel unter der Rubrik: »Neueste Nachrichten.« – »Lesen Sie,« bat die Sängerin den Grafen in dem Tone, in welchem Sängerinnen bitten, nachdem sie die Zeitung Beppos Händen entrissen hatte und in ihr Kabinett geeilt war. Wallenberg mußte seine eigene Improvisation vortragen.

»* Wir erfahren soeben aus zuverlässiger Quelle, daß unsere gefeierte Primadonna, Fräulein Seraphine Lomond, in der morgigen Partie der ›Amazone‹, der bekannten Verirrung des Zukunftsmeisters Bullermann, nicht nur ihren allbeklagten Abschied von unserer Hofbühne nehmen, sondern überhaupt der Kunst und dem Theater Lebewohl sagen wird. Sie steht im Begriffe, sich mit einem in der hiesigen Gesellschaft sehr hochstehenden Herrn zu vermählen. Weiter können wir dem Leser verraten, und zwar ebenfalls aus zuverlässiger Quelle, daß unter dem Pseudonym: Seraphine Lomond, der letzte Sprößling aus einem der ältesten und edelsten Geschlechter des fernen Auslandes bisher sich verborgen hat, demnächst aber aus dem romantischen Dunkel hervortreten wird. Von unserem Standpunkte legen wir begreiflicherweise geringen Wert auf letzteren Umstand; die bedeutende Künstlerin steht uns höher als das vornehme Fräulein. Allein derselbe könnte vielleicht zur Erklärung des hochfahrenden und abstoßenden Wesens dienen, mit dem die sonst so achtungswerte Sängerin ihren Kunstgenossen und den Vertretern der unabhängigen Presse zu begegnen pflegte. H(irsch) M(eyer).«

Die letzte Stelle, eine Quittung über die versilberte Hälfte der zerschnittenen Hunderttalernote, wollte Wallenberg in ahnungsvoller Geistesgegenwart streichen, das heißt verschweigen. Aber das scharfe Auge Seraphinens zwang ihn auszulesen und durchbohrte ihn, da er geendigt hatte. Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. »Für diesen Ritterdienst bin ich Ihnen verbunden, Herr Graf. Bisher habe ich die Diskretion für eine diplomatische Eigenschaft gehalten.« – »Es gibt Fälle, wo die gröbste Indiskretion zur feinsten Diskretion wird.« – »Das verstehe ich nicht, es ist mir zu... diplomatisch. Aber ich verstehe, daß dieser infame Artikel mir den Erfolg des morgigen Abends rauben wird. Ich fordere Genugtuung, und zwar durch Sie. Nicht an dem elenden Meyer Hirsch...« – »Hirsch Meyer, liebe Freundin.« – »Einerlei, mein diplomatischer Freund. Dem Hirsch oder dem Meyer, am besten beiden, um den richtigen zu treffen, werde ich selbst meine Karte abgeben, pour prendre congé, mit der Reitgerte.« – »Seraphine!« – »Herr Graf?... Sie bitte ich, sofort in die Druckerei zu eilen. Lassen Sie im Morgenblatt die Nachricht widerrufen.« – »Morgen, als am Sonntag, erscheint es nicht.« – »So unterdrücken Sie das ganze Pasquill, oder schreiben Sie in meinem Namen eine Gegenerklärung, die in größtem Plakatformat mit Tagesanbruch an allen Straßenecken klebt. Beppo geht zum Intendanten, zum Regisseur, zum Kapellmeister: ich singe morgen nicht.« – »Liebes Kind!« – »So weit sind wir noch nicht, Herr Graf von Wallenberg. Ich bin weder ein Kind, noch Ihr liebes Kind. Allerdings aber bin ich ein schwaches, alleinstehendes Weib, das sich selbst helfen muß und sich selbst helfen wird. Sie kennen meinen Willen. Er ist unbeugsam. Gute Nacht, Herr Graf.« Damit verschwand das schwache, hilflose Weib im Schlafgemach und gleich darauf berief ein gellendes Sturmgeläut, ähnlich dem vom heutigen Morgen, Signor Beppo und die getreue Marianka, die mit scheelen Blicken an dem hinauseilenden Grafen vorüber hineineilten.

Wallenbergs diskretes Kupee raste in die Expedition des Abendblattes. Die Nummer war ausgegeben, der Pfeil unaufhaltsam im Fluge. »Lassen Sie die Exemplare von der Post zurückfordern, von den Abonnenten abholen.« – »Unmöglich, Exzellenz.« – »Sagen Sie, die Nummer sei von der Polizei konfisziert worden.« – »Damit der Staatsanwalt uns peinlich anklagt auf Amtsehrenbeleidigung und Aufreizung zur öffentlichen Unzufriedenheit?« – »Sitzen Sie; ich zahle alles!« – »Exzellenz, wir sind ein freies Blatt,« sagte mit römischem Bürgerbewußtsein der Chef der Expedition und kehrte zum Einzelverkauf der verhängnisvollen Nummer zurück, welche reißend abging. Wallenberg stürzte, einen nicht ganz diplomatischen Fluch zwischen den Zähnen, zum Hause hinaus in seinen Wagen und befahl, in das Redaktionsbureau der offiziellen Morgenzeitung zu fahren. »Wenn's die Gäule aushalten, mir kann's egal sein,« brummte der Leibkutscher und raste abermals weiter, in das entgegengesetzte Ende der Stadt. – »Der Geheime Ober-Regierungsrat noch im Bureau?« – »Zu Befehl, Exzellenz.« – »Melden Sie mich.« – »Nicht nötig, Exzellenz; belieben nur hinaufzuspazieren.« – »Bester Freund,« sagte der Graf zu dem Geheimen, »ich überfalle Sie wie ein Dieb in der Nacht. Es geschieht im Interesse einer schönen Frau; also werden Sie entschuldigen.« – »Jedes Interesse, das mir die Ehre Ihres Besuchs verschafft, Herr Minister, ist mir von Wichtigkeit.« – »Sehr verbunden! Die heutige Nummer des Abendblattes bringt einen Artikel über unsere Lomond, der sie furchtbar aufregt.« – »Habe bereits gelesen«, lächelte der Geheime, »und darf vielleicht, ohne Indiskretion, dem Herrn Minister gratulieren.« – »Mir?! Keine Ahnung hatte ich von der Nachricht. Die Lomond ist mir empfohlen, ich kann sagen: befreundet. Sie wendet sich an mich um Schutz. Könnte nicht das offizielle Organ, da Sonntag keine Zeitung erscheint, in einem Extrablatt heute abend noch oder doch morgen in aller Frühe das Oppositionsorgan berichtigen?« – »Ein Extrablatt in Theaterangelegenheiten will mir für ein halboffizielles Organ nicht passend erscheinen.« – »Allerdings wahr. Mir fällt ein Auskunftsmittel ein. Geben Sie in dem Extrablatt eine wichtige Nachricht aus Neuyork, die bis jetzt wir allein besitzen, und fügen Sie, gewissermaßen als Postskriptum, die Berichtigung hinzu. Von lokaler Bedeutung ist letztere immerhin. Die Lomond singt morgen nicht ohne Berichtigung.« – Der Geheime hieß die Depeschen aus Liverpool und London willkommen und beschied, während er sie für das Extrablatt redigierte, Herrn Meyer Hirsch, »die Spezialität unseres Organs in Kunstartikeln,« in das Bureau. Bald darauf war das Extrablatt gesetzt, gedruckt, abgezogen. Unter dem Sieg der Sklavenstaaten und dem Ende der Union stand in zierlichster Nonpareille:

»† Unser leichtgläubiger Kollege vom Abendblatt hat sich wieder einmal einen ungeheuren Bären aufbinden lassen. Es ist nicht wahr, daß Fräulein Lomond die Bühne verläßt; nicht wahr, daß sie einem hochgestellten Herrn aus der hiesigen Gesellschaft die Hand reicht. Da die böswillig erfundene und ebenso eingekleidete Nachricht dem morgenden Schwanensang der verehrten Künstlerin bei dem Publikum Eintrag hätte tun können, berichtigen wir sie bei gegebener Gelegenheit sofort der Wahrheit gemäß, indem wir alles Persönliche derselben, das uns nichts angeht, dem liberalen Abendblatt und seinem Kunstkorrespondenten überlassen.

M(eyer) H(irsch).«

Mit dieser »Genugtuung« in der Tasche und einem Händedruck wechselseitiger Dankbarkeit an den Geheimen verließ Wallenberg das offizielle Bureau und eilte in die Rosengasse 27. Seraphine hatte sich, mit entsetzlicher Migräne, zu Bett gelegt und empfing ihn nicht; er sandte durch Marianka sein Bedauern und das Extrablatt hinein. Darauf hieß er den Kutscher Königsplatz Nummer eins fahren. »Dein letzter Weg für heute, dann hast du Ruhe,« fügte er gütig hinzu.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er in die ledernen Wagenkissen mehr fiel, als sich setzte. Im Grunde jedoch war er froh, seine Übereilung von heute morgen gutgemacht zu haben; ebenso um Seraphinens wie um seiner selbst willen. Andere Gedanken stiegen in ihm auf, die das Dementi auch der Heirat wegen wünschend wert erscheinen ließen. »Ich hätte nicht geglaubt,« sagte er für sich, »daß der kleine Dienst bei einer großen Sängerin so streng ist.«

Nun, bei Kraffts konnte er sich erholen, der müde Ritter. Die Gesellschaft saß am Tisch, da er eintrat. Roland neben Armgard. An ihrer linken Seite wurde ein Platz für ihn bereitet, ein beneidenswerter. Papa Krafft, durch die Amerikaner wieder in rosigste Laune versetzt, sprach mit scharfem Verstand und aus reicher Erfahrung über die große Frage. Armgard sekundierte mit bald zustimmenden, bald abweichenden Ansichten: immer geistreich und gewandt, bewies sie, daß ein leichtsinnig Weltkind nicht bloß über Mode- und Salonartikel zu reden weiß, sondern auch seinen Sinn und eigenes Urteil haben kann in den wichtigsten Angelegenheiten des öffentlichen Lebens und der Zeit. Roland hörte zu, sichtlich zerstreut; nur auf geheime Winke Armgards mischte er sich dann und wann in das Gespräch. Dem Grafen wurde wohl und behaglich in dieser Umgebung, an der reich besetzten Tafel, in einer Unterhaltung, die positive Interessen und Tatsachen, seine Sphäre, berührte. Zum Dessert gab er, mit diskreter Zensur, seine Irrfahrten im Dienste der Primadonna zum besten. Krafft und Armgard schütteten sich dabei aus vor Heiterkeit. Auch Roland, dem schweigsamen Meister, wurde die Zunge gelöst, als er erfuhr, wie Seraphine unbewußt mit ihm und seiner Verbündeten gearbeitet hatte. So trennte sich in der einträchtigsten, lustigsten Stimmung erst nach Mitternacht der trauliche Kreis.

Wallenberg und Roland gingen, Arm in Arm, die Zigarre im Munde, langsam nach Hause. Der erstere sagte nachdenklich: »Sie sind ein Glückskind, Freund Roland. In der kleinen Bankprinzessin ziehen Sie das große Los der Ehestandslotterie.« – Der Maler, aus eigener Erfindung noch einen gewagten Zug dem abgekarteten Kreuzmariagespiel hinzufügend, erwiderte: »Und Sie wissen nicht einmal, Graf Wallenberg, daß Sie diesen Treffer bereits so gut wie in der Tasche gehabt haben?« – »Ich!?« – »Sie! Armgard gestand mir eine stille, freilich überwundene Neigung für Sie. Sie hat, ganz im geheimen, Ihr Porträt gezeichnet, eine wunderbar gelungene Arbeit, sehr fein aufgefaßt, wenn auch geschmeichelt.« – »Geschmeichelt? Ich danke Ihnen. Daß ihr Künstler doch immer grob sein müßt!« – »Doppeltes Unrecht, da ich es an Ihnen begehe. Ihr Opfer, wenn auch ein unabsichtliches, macht mich zum glücklichsten Sterblichen unter jenem blassen Mond. Hätten Sie das Mädchen nur heute abend gesehen und gehört, wie ich es getan. Zwei Stunden arbeitete sie mit dem Vater; er gestand, daß sie jedes Kontor, jedes Kabinett dirigieren könnte mit ihren Sprachkenntnissen, ihrem geschäftlichen Überblick, ihrer sicheren und fertigen Hand; und hernach ihre Konversation am Tisch; wie leicht und doch wie inhaltsreich, sprühend von Witz und Geist! Sie glauben gar nicht, wie tief ich Ihnen, bester Graf, für diesen Schatz verpflichtet bleibe.« – »Bitte, bitte,« sagte, sehr einsilbig werdend, der Graf. Auf dem Landschaftsplatz trennten sich die Wege der beiden Nachtwandler; Roland schlug sich in die Vorstadt, Wallenberg gegen seinen Prinzessinnenplatz. Er ging immer langsamer, rauchte immer geschwinder. Sein Läuten an der Glocke des Gesandtschaftshotels war aus Seraphinens Musikschule: Sturm! Der Portier, der Lakai, der Kammerdiener stürzten erschrocken herbei. Schweigend stieg er die Treppe in den zweiten Stock hinan, begab sich ins Schlafzimmer, ließ sich entkleiden... Plötzlich schleuderte er seine Zigarre wild von sich, daß die Funken über den Smyrnaer Teppich stoben. »Verwünscht,« rief er laut aus, »daß ich die Unrichtige treffen mußte!« – Der Kammerdiener lispelte, indem er die Reste sorgsam aufhob und auslöschte: »Befehlen Exzellenz eine andere?« – »Was andere, Dummkopf?« – »Zigarre, Exzellenz.« – »Geh zum... zu Bett!« – »Sehr wohl, Exzellenz. Hab' die Ehre, eine gehorsamste gute Nacht zu wünschen!«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.