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Die Amazone

Franz Dingelstedt: Die Amazone - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Amazone
authorFranz Dingelstedt
yearca. 1925
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
titleDie Amazone
pages3-5
created20020715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9. Goldene Berge

Zieh die Schuhe aus, miserabler Leser, der du zu Fuß durch unsere fashionable Geschichte gehst; zum mindesten die Überschuhe, wenn du das Unglück hast, mit diesem Erzeugnis unseres Kautschukzeitalters auf deinem schmutzigen, leichdornenvollen Lebenswege behaftet zu sein. Hut ab, ihr alle, wes Standes und Alters ihr seid, mit Ausnahme des ehrwürdigen Hebräers, der lieblichen Tochter aus dem Stamme Juda, die uns folgen. Sie mögen nach alttestamentarischer Sitte ihr Haupt bedecken, da wir in den Tempel desjenigen Gottes treten, den in prophetischem Fernblick ihr auserwähltes Volk schon vor etwelchen Jahrtausenden in der Wüste anbetete – das goldene Kalb!

So ist es! Unsere Erzählung steigt, in bewundernswert planvoller Ökonomie, stufenweise aus einem Höllenkreise der heutigen Gesellschaft in den anderen; der zunächstfolgende immer um einen Grad höher als der vorhergehende. Der erste, niedrigste, jedem Sterblichen gegen ein Trinkgeld an Herrn Raff, genannt Raffael, offene war das Atelier. Aus dem Atelier schritten wir in das schon schwerer zugängliche Boudoir der Primadonna. Vom Boudoir erhoben wir uns in das verschlossene Kabinett eines Diplomaten. Ein kühner Sprung und wir stehen auf der Spitze der sozialen Pyramide: im Kontor. Welche Aussicht! Schwindel ergreift den Schwachen; das Eldorado, Kalifornien, das wahre Land der Verheißung, das gelobte Land, das Goldland liegt offen da. Zerknirscht sinken wir vor dem feuerfesten Schrank im Kassenzimmer in den Staub; seid umschlungen, Millionen!

Krafftstraße, Nummer dreißig, lautet die bürgerliche Adresse des Allerheiligsten. Unter der Krafftstraße haben wir uns nicht ein Armenviertel zu denken, ähnlich der Fuggerei in Alt-Augsburg. Die Geldfürsten in den deutschen Reichsstädten des Mittelalters stifteten Hütten zu freien Wohnsitzen der Armut, und wenn Kaiserliche Majestät als Gast an ihrem Herde weilte, zündeten sie dem allezeit Mehrer des Reichs und Minderer seines eigenen Gutes ein höchst wohlgefälliges Kaminfeuer aus seinen Schuldscheinen an. Die Großmächte der heutigen Börse verstehen sich besser auf den Geist der Zeit und ihre Aufgabe. Auch sie machen ihren Souveränen mit Obligationen den Kopf warm, aber in einem figürlichen Sinn, und wenn sie sich auf Häuserbau einlassen, geschieht es nur in Spekulation. Herr Hans Heinrich Krafft hatte in diesem Artikel wie in anderen Unternehmungen ein Meisterstück gemacht. Als die rasche Vergrößerung und Verschönerung der Residenz durch Abbruch eines unsauberen und winkeligen Stadtteiles im Mittelpunkt des Geschäftslebens ein weites Areal bloßlegte, kaufte ein strebsamer Architekt den Grund und Boden, um auch einmal auf Spekulation zu bauen. Gemeinnützig wie immer eröffnete ihm Krafft einen Kredit. Nun wurde gebaut, leicht, lustig, luftig, in die Länge, die Höhe, die Breite. Über Nacht wuchsen die Häuser gleich Pilzen aus dem Schutt empor; Arbeiter strömten zu aus aller Herren Länder, so daß der babylonische Turm sich zu wiederholen schien. Aber auch die babylonische Verwirrung stellte sich allmählich ein, nicht der Zungen, sondern des Soll und Haben, bis Krafft sich unliebsam genötigt sah, in der kritischen Stunde, der elften, dem babylonischen Meister plötzlich den Kredit zu schließen. Die halbfertige Straße lag als Ruine da, in welcher die brotlos gewordenen Arbeiter händeringend umherirrten. Wiederum gemeinnützig, stand Krafft vor dem Riß. Er brachte die Häuser um die Hälfte des Wertes an sich, ließ sie vollenden und verkaufte sie dann teils um das Dreifache, teils vermietete er sie dergestalt, daß sein Kapital sich zu zehn vom Hundert verzinste. Die neue Straße empfing von dem dankbaren Magistrat Kraffts Namen, während der Architekt, als Schwindler flüchtig gegangen, steckbrieflich verfolgt wurde. Die alte Geschichte von Christoph Kolumbus und Amerigo Vespuzzi.

Sie machte das Entzücken des redlichen Bürgers, die Krafftstraße, und die Verzweiflung der Künstler. Gleich Soldaten in Reih und Glied stand sie da, ein Haus wie das andere, zum Verwechseln. Kein Giebel hing über, kein Erkerlein drängte sich vor; eine schnurgerade, glatte, glänzende Front. Nirgends war an Raum oder unnötigen Zieraten etwas verschwendet. In den Türen und den zahllosen Fenstern herrschte tadellose Symmetrie. Sämtliche Erdgeschosse enthielten Läden, die gesuchtesten der Residenz, mit hohen Scheiben und Inschriften in moderner, das heißt uralter, möglichst unleserlicher Schrift. Jeder erste Stock schmückte sich mit zwei Balkonen von drohender Schwerfälligkeit, eingefaßt von Eisengittern genau desselbigen Musters. Und so ging es weiter, von Stock zu Stock, bis auf die Dächer, deren Mansarden sich glichen wie ein faules Ei dem andern. Unter einem der Dächer wohnte unentgeltlich die Frau des Baumeisters mit ihren Kindern. Herr Krafft war nicht bloß gemeinnützig, sondern auch großmütig.

Sein eigenes Haus, schlicht und einfach wie der Mann, bildete im rechten Winkel die Ecke der Krafftstraße und des Königsplatzes, eines lebhaften, mit Bäumen bepflanzten, zum Winterkorso der schönen Welt dienenden Raumes, in dessen Mitte das Standbild des ersten Königs des Landes prangte. Hier lag die Hauptwache mit dorischen Säulen, das Finanzministerium mit jonischen, die Stadtkommandantur mit korinthischen, ein Kreditpalast im byzantinischen Stil und das rein gotische Polytechnikum. Ein wunderbarer Anblick, besonders wenn man die beiden Kanonen zwischen den dorischen Säulen und das zweifarbige Schilderhaus, überragt von korinthischem Akanthus, als reizend mutwillige Anachronismen ins Auge faßte. In den Königsplatz mündete die Königsstraße, ebenfalls an Läden reich, wie auf der entgegengesetzten Seite die Krafftstraße durch die Bankgasse zum Börsenplatz führte. Das Haus Krafft stand also recht eigentlich im Zentrum des Handels und Wandels, gleich weit entfernt von den höher gelegenen Stadtteilen, in welchen der Hof und der Adel saß, und von den nach allen Richtungen auslaufenden Vorstädten, deren eine, zu Sankt Margaret, wir im ersten Kapitel flüchtig durchwandert haben.

Die zwei Seiten des Krafftschen Hauses, streng von einander getrennt, stellen zwei Welten dar. Nach der Krafftstraße zu herrscht das Geschäft, Herr Hans Heinrich Krafft; auf den Königsplatz blickt das Vergnügen, Fräulein Armgard Krafft. Jene Hälfte wird eingenommen von unermeßlichen Kellern, wo die Proben von Öl, Sprit und anderen flüssigen Waren lagern, im Erdgeschoß von der Bank für Arbeiter, im ersten Stock von den Kontoren, im zweiten von den Kassenzimmern, im dritten und höher hinauf, über den Hofraum in die Hinterhäuser fortgesetzt, von Speichern für Kolonialwaren, Getreide, Wolle, Hanf, Hopfen und so weiter. Denn die Firma Hans Heinrich Krafft macht nicht nur Bankgeschäfte, sondern sie treibt auch Handel engros. Ihre Magazine befinden sich zwischen den Bahnhöfen und dem Stromhafen, eine kleine Stadt für sich. Was an Zöllen und Steuern jährlich bezahlt von ihr wird, schreibt sich in Summa mit fünf Ziffern, deren erste keine eins ist. Ihr Personalstand übersteigt gar manches Bundeskontingent, und am Zahltag, am unruhigen Sonnabend, haben zehn Kassierer zu tun, um an den verschiedenen Schaltern die offenen Hände zu füllen. Doch kennt Krafft – der Herr Prinzipal, wie er sich nach alter Sitte von jedem seiner Leute nennen läßt, von den Prokuraführern angefangen bis hinab zum jüngsten Volontär oder Ablader – alle Seinigen von Angesicht zu Angesicht. Sein Gedächtnis ist furchtbar, sowohl für Zahlen wie für Menschen, und seine Allgegenwart bis in die dunkelsten Winkel seines Reichs märchenhaft. Wo er am wenigsten vermutet wird, da erscheint er plötzlich, immer in Schwarz oder Weiß, immer zu Fuß. Regenschirm und Galoschen hat kein sterbliches Auge jemals an ihm erblickt. Die Gewandtheit seines Armes beschämt den rüstigsten Fruchtmesser auf den Kornböden, seine Rechenkunst die fähigsten Köpfe des Kontors, und wenn eilige Fälle es nötig machen, die Schnelligkeit seiner großen Füße sogar den Hundetrab des alten Schimmels, der viermal täglich die Briefe vom Hauptpostamt in einem kleinen Karren abholt.

Nach diesen Andeutungen ermesse der geneigte Leser, welch buntes und lärmendes Treiben auf der Straßenseite des Hauses Krafft waltet. Dagegen, auch welche tiefe, wohltuende Stille liegt über der Platzseite! Sie hat ihren eigenen Eingang, Königsplatz Nummer eins, durch einen kleinen Garten und über eine bedeckte Treppe. In dem hohen Erdgeschoß halten wir uns nicht auf; es umfaßt das Empfangszimmer, den Speisesaal mit einer Flügeltür in den Hausgarten und einige Kabinette; die Räumlichkeiten für große Diners. Auch der erste Stock mit dem feierlichen Tanzsaal fesselt uns nicht, trotz der weißen Marmorwände desselben, den goldenen Kron- und Wandleuchtern, dem reichen Mobiliar in orangefarbenem Seidendamast. Erst im zweiten Stock wird es uns wohnlich. Hier wohnt Armgard. Ihre Umgebung beschreiben... Nein, wir wollen unserer Leserin kein unangenehmes Gefühl bereiten. Meyer Hirsch hat diese Räume in einem Feuilleton besungen, auf das wir verweisen: »Armidas Garten.« Der zauberhafteste Teil des Zauberreichs ist eine Galerie mit der Aussicht auf den Platz, im Sommer offen, im Winter zu einem Paradies unter Glas und Rahmen verwandelt, in welches die Treibhäuser und Baumschulen von Kraffts Landgütern ihre erlesensten Schätze abliefern. O wie viele schmachtende Blicke flogen, gleich Schmetterlingen, an die bunten Scheiben des Wintergartens, kletterten sehnsüchtig empor an seinen Schlingpflanzen, spähten in die Nische, wo sie saß unter Palmen und Goldorangen, die Goldfee des Märchens, ihre Goldfische fütternd oder in Goldfäden stickend, die Bankprinzessin, die Eva des Paradieses, bislang noch ohne Adam! Wie tief senkten sich vor ihrem leicht nickenden Lockenköpflein die blanken Schwerter der Wachtparade, die um zwölf Uhr mittags mit klingendem Spiel aufzog, oder die Peitschen der rosselenkenden Helden, welche durch den olympischen Staub des Königsplatzes Pferd und Wagen tummelten, wie im Wettrennen nach dem köstlichen Ziel da droben auf hohem Balkone.

Am stürmischen Sonnabend war und blieb das Ziel verhüllt, wie hell auch draußen der Frühling lachte und lockte. Warum? Wir werden es später erfahren. Zunächst gehen wir dem Maler Roland entgegen, welcher vom Prinzessinnenplatz durch die Ritterstraße über den Landschaftsplatz herabgeeilt kommt, den Hut tief in die Stirn gedrückt, in den Havelockmantel gewickelt wie ein Verschwörer. Der an Kunstschätzen so reiche Königsplatz, der ihm sonst bei jedem Besuche je nach Laune ein Hohngelächter oder einen Fluch abnötigte, wird keines Blickes gewürdigt. Krafftstraße Nummer dreißig ist sein Ziel. Nicht die Tochter sucht er, sondern den Vater; das Geschäft, nicht das Vergnügen. Will er etwa auch spekulieren, er, der Künstler, ungewarnt durch des Babyloniers Schicksal?

Vielleicht. Ist doch Sonnabend der große Tag, an welchem, von Glocke vier an, in der Bank des Herrn Hans Heinrich Krafft die Einzeichnungen auf die Südwestbahn angenommen werden. Abermals ein gemeinnütziges Unternehmen von unübersehbarer Tragweite. Unlängst hatte er den Prospekt desselben dem Finanzminister in einer geheimen Konferenz erklärt. Über eine Stunde lang gingen die beiden so nahe verwandten und doch keineswegs immer einigen Machthaber im Sprechzimmer Seiner Exzellenz vertraulich konversierend auf und nieder. Sie freuten sich dabei, kindliche Seelen, der ersten Schwalben, welche unter ihren Augen, dicht vor den Fenstern, in den Schnecken der jonischen Kapitäle zu nisten anfingen. »Eine glückliche Vorbedeutung für Ihr Geschäft, Herr Nachbar,« sagte huldvoll der Herr Minister. »Was sind Sie für ein Kopf! Wie schade, daß Sie sich nicht für die Direktion einer Abteilung in meinem Departement gewinnen lassen.« – »Mit ein paar tausend Gulden Jahresgehalt, Exzellenz?« lächelte Krafft. »Nein, zum Beamten tauge ich nicht. Ich bin und bleibe ein Bürger, schlicht und einfach. Jeder dient dem Staat auf seine Weise. Erlauben Sie mir, die meine zu behalten.« – »Der Staat wird Ihnen wieder dienen, wenigstens solange ich an seiner Verwaltung teilnehme. Übrigens haben Sie recht, Herr Nachbar,« setzte die Exzellenz seufzend hinzu. »Es geht nichts über die persönliche Freiheit. Gern und gleich legte ich mein Portefeuille in Ihre Hände nieder.« – »Soll mich der Himmel in Gnaden bewahren, Herr Minister. Ich unstudierter Kaufmann würde am grünen Tisch des Kollegiums, im Konseil, auf der Marterbank vor den Kammern eine schöne Figur machen. Wir sind beide an den rechten Plätzen. Bleiben wir da.« – »Und Freunde dazu,« schloß der Minister mit einem biederen Händedruck. Hierauf wurden noch einige Privatangelegenheiten Seiner Exzellenz verhandelt, deren Vermögen Herr Krafft ausnahmsweise in Verwaltung genommen hatte. Man kam überein, daß Exzellenz sich mit einer hübschen runden Summe an der Südwestbahn beteiligen werde, und schied im besten Einvernehmen. Der Herr Minister begleitete den Herrn Krafft kurzweg, der im respektwidrigen Überrock erschienen war, durch das mit Uniformen und schwarzen Fräcken überfüllte Vorzimmer bis an die Tür, welche der Bureaudiener mit morgenländischen Bücklingen vor dem Abgehenden aufriß. Unten, unter den jonischen Säulen, salutierte der Portier mit aufgestoßenem Stabe unendlich devoter als vor einem Rat erster Klasse, fast wie vor Seiner Exzellenz, und war überglücklich, als ihm Herr Krafft freundlich sagte: »Na, Niklas, an dem gewissen Samstag könnt Ihr Euch im Kontor melden; es soll ein kleines Pöstchen für Euch zurückgelegt werden.«

Männiglich erstaunte, als wenige Tage nach einer so zärtlich beendigten Konferenz der halboffizielle Meyer Hirsch einen Artikel gegen die neue Bahn losließ. Die Morgenzeitung warnte vor überspannten Spekulationen und zeigte, wie die Regierung, welche keinerlei Zinsengarantie übernommen, sich die Hände von jeder Verantwortlichkeit rein wusch. Nur Eingeweihte sahen, daß dieser nämliche Artikel in jener nämlichen Konferenz verabredet worden war. Die Staatsverwaltung wollte ihre Unabhängigkeit von Herrn Krafft dartun, den Standpunkt strenger Unparteilichkeit wahren. Das Publikum aber, mißtrauisch gegen jede offizielle Stimme, las zwischen den Zeilen, daß die Herren Bureaukraten die Unternehmung eines Mannes aus dem Volke mit scheelem Auge ansahen und den kleinen Leuten einen sicheren Gewinn mißgönnten. In diesem Sinne antwortete ein Artikel von Hirsch Meyer im Abendblatt. Die Reklame von zwei Seiten hatte ihre Schuldigkeit getan und die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht.

Letzteres offenbarte sich am Sonnabend nachmittag auf das Augenscheinlichste. Schon vor drei Uhr drängte eine von Minute zu Minute anschwellende Menschenmasse nach Kraffts Hause zu. Die Straße war binnen kurzem gestopft voll, und immer noch strömte vom Börsenplatz wie von der Königsstraße her die wachsende Woge nach. Der Geschäftsmann, der Staatsdiener, die Rentiers, der Arbeiter, sogar der Dienstbote stürmte zur Unterzeichnung herbei, um so gieriger, als verlautet hatte, die Listen würden bald geschlossen, alle Beträge reduziert werden, der unzweifelhaften Überzahlung wegen. Das Gerücht ließ so drohend sich an, daß bewaffnete Schutzmänner zu Fuß und zu Pferd requiriert, die Straßen abgesperrt und vor der Tür von Nummer dreißig Schranken aufgestellt werden mußten, wie an der Theaterkasse vor Beginn außerordentlicher Vorstellungen. Auch alte Bekannte von uns schwimmen in dem tobenden Strome; da bringt Signor Beppo sein bißchen Armut, dort ragt Vater Winters ehrwürdiges Haupt empor, schweißtriefend und hochrot; Meister Bullermann weiß die ohnmächtige Witwe an seinem Arm nicht besser zu schützen, als indem er sie an die Wand drückt, Hirsch Meyer und Meyer Hirsch kämpfen, auf entgegengesetzten Flügeln wie immer, um einen bevorzugten Platz auf dem Eckstein, von dem sie die Szene übersehen und schildern können. Das Angstschrei weiblicher Stimmen, männliches Gelächter und Gebrüll, der vergebliche Ordnungsruf der Gendarmen, Faustkämpfe und Fußtritte, Chöre von Neugierigen und Neidern aus den benachbarten Fenstern, das Jauchzen der lieben Gassenjugend, diese einzelnen Mißlaute alle vermischten sich zu einer höllischen Symphonie, des Götzen würdig, dem sie dargebracht wird, und der droben thront, hinter Schloß und Riegel, im Allerheiligsten seines Tempels, dem feuerfesten Schrank, unnahbar, aber stets aufs neue von seinen rasenden Anbetern umschwärmt, tot, und doch täglich seine lebendigen Menschenopfer heischend und verschlingend.

Unmutig wich Roland zurück, bevor er sich durch den wütenden Strom fortgerissen sah. Er hatte an das große Ereignis des Sonnabends nicht gedacht oder nichts davon gewußt. Doch verlangte seine aufgeregte Stimmung so dringend nach einem Abschluß, nach Entscheidung, daß er ein Herz faßte und durch den Eingang zu Armgards Gemächern, vom Königsplatze aus, sich den Weg zu Papa Krafft bahnte. Ein Diener führte ihn, den bekannten Hausfreund, unbedenklich über eine mit grünem Tuch bedeckte Seitentreppe, die Verbindung zwischen Vater und Tochter, in das Kontor. Da innen herrschte Ordnung, Ruhe, Stille. Das Toben der Flut scholl von unten herauf wie Meeresbrausen über den schützenden Deich. Nur die Neulinge lugten verstohlen durch die Fenster und kicherten, wenn im Getümmel ein weiblicher Schal unter die Füße getreten, ein männlicher Rockschoß abgerissen wurde. Die älteren Kommiß, an solche Schlachten gewöhnt, arbeiteten ungestört fort, je zwei an einem Pult von schwerem Eichenholz, über dem eine Gaslampe mit grünem Schirm hing. Man hörte nichts als das Knirschen der Stahlfedern, das Rauschen umgeschlagener Blätter in Riesenbüchern, das Knistern schmaler und dünner Papierstreifen, Wechsel genannt, das Flüstern von ein paar Stimmen, die rasch und fertig ein Rechenexempel erledigten, doppelt, zur Kontrolle. Auf Seitentischen wurden Kopiermaschinen und Stempelpressen in unaufhörliche Bewegung gesetzt. Geräuschlos wie die Schatten schlichen die Bewohner dieser unheimlichen Räume von einem Pult, einem Zimmer zum andern. Ein Kontordiener, ebenfalls ein Schatten in unscheinbar grauer Livree, reichte das Vesperbrot umher, Kaffee mit Semmeln, Butter und Brot, Obst, das hastig, schweigend, im Stehen verzehrt wurde. Und ein Pult, ein Zimmer, auch ein Mensch sah genau aus wie die anderen; an den Wänden hingen dieselben Kurslisten, dieselben Eisenbahn- und Telegraphenkarten, dieselben Tageskalender, dieselben Münztabellen, in den Winkeln standen dieselben Waschbecken, darüber gebreitet dieselben weißen Handtücher mit denselben roten Zeichen H. H. K. O über die unvollkommene Menschheit! Nähmaschinen hat sie glücklich erfunden, warum nicht auch Schreib- und Rechenmaschinen? Dann würde doch in einer solchen Geldfabrik wenigstens das Schnurren der Räder und das Ächzen des Dampfes wie in den übrigen gehört werden! Aber nein; im Tempel des furchtbaren Dämons, in der unmittelbaren Nähe seiner finsteren Majestät ziemt nur Schweigen, das Schweigen des Grabes!

Die dicke, schwüle Luft versetzte Roland beim Eintritt den Atem. Er fühlte sich beklommen wie in einer fremden, gespenstischen Welt. So oft er auch Krafft und seine Tochter besucht hatte, in diese Gegend war er niemals gedrungen. Auf die Frage nach Herrn Krafft, die er, unwillkürlich leise redend, an ein Pult gerichtet hatte, wies eine Stahlfeder in das nächste Zimmer. Diese Pantomime wiederholte sich ein halbes dutzendmal, bis er endlich im Kontor des Prinzipals stand. Herr Krafft war nicht allein. Ein sehr alter Mann war bei ihm, einen abgeschabten Filz in der Hand, unter dem noch abgeschabteren Paletot den abgeschabtesten aller Fräcke tragend, auf dem das Johanniterkreuz sich einigermaßen seltsam ausnahm. Auf Rolands Entschuldigung, daß er störe und gerade in dieser Stunde, erwiderte Krafft freundlich: »Keine Umstände, lieber Roland. Ich erwarte Sie eigentlich seit heute morgen. Der Spektakel unten kümmert uns nicht. Die Maschine ist im Gang, sie läuft ohne mich.« Damit führte er den Maler an das kleine lederne Sofa, das in der Ecke des Kontors stand. Dann wandte er sich an den anderen Besuch und sprach mit dem rauhesten Ton seiner rauhen Stimme: »Wir zwei, Herr Baron, sind fertig miteinander. Sparen Sie jeden weiteren Weg.« Etwas leiser, aber immer noch hörbar für Roland, fügte er hinzu: »Von mir beziehen Sie zweitausend Taler Jahrgehalt. Meine Tochter gibt Ihnen aus ihrem Nadelgeld ebensoviel; hinter meinem Rücken, wie sie meint, aber ich sehe es doch; ich sehe alles; Ihnen ist nicht zu helfen. Leben Sie wohl.« Der Johanniter ging ohne Gruß, mit einem giftigen Blick davon. »Wissen Sie,« sprach Krafft, sich neben Roland niederlassend, »wer das war?« – Roland verneinte. – »Mein Schwiegervater, der Baron von Röhring; derselbe, der mich, als ich um seine Tochter warb, durch Lakaien die Treppe hinunterwerfen ließ, der ihr und mir die Türe vor der Nase zuschlug, da wir nach unserer heimlichen Verbindung seine Vergebung, seinen Segen anzuflehen kamen. Seit er mit Hab und Gut fertig geworden, lebt er von meinen Almosen und von Schulden, die er auf meinen Namen macht. Halten Sie mich nicht für hart gegen den Vater meines seligen Weibes. Sie war ein Engel, er ist ein Teufel, nicht bloß ein armer Teufel. Nur eine Probe seiner hochadeligen Sitten. Es ist noch nicht lange her, daß er mich eines Morgens, wie heute, aufsuchte, um zu betteln. Er weinte, er drohte, sich in den Kanal zu stürzen, wenn ich ihm nicht aus der Not hülfe. Ich gab ihm eine Handvoll Goldstücke. Eine Stunde später ging ich über den Prinzessinnenplatz. Herr von Röhring saß auf der Terrasse des Nimrodklubs und frühstückte. einen halben Hummer, ein Beefsteak mit Trüffeln, eine Flasche Lafitte standen in silbernen Schüsseln vor ihm. Er nickte herablassend und rief mir vor einer ganzen Gesellschaft von seinesgleichen zu: › Bon jour, Herr Schwiegersohn. Ich bedaure, Sie nicht zu meinem Dejeuner einladen zu können; aber Sie kennen unsere Statuten; Bürgerliche haben keinen Zutritt.‹... Solche Leute muß man kurz halten, sie eine wirkliche Überlegenheit fühlen lassen gegen ihre vermeintliche. Geldstolz gegen Ahnenstolz.«

Roland schwieg nachdenklich. Sollte diese Lektion unter Adresse des Schwiegervaters am Ende gar bestimmt gewesen sein für den künftigen Schwiegersohn? Das Blut schoß ihm ins Gesicht. Doch wurde der häßliche Verdacht beseitigt durch die vergleichsweise milde und gewinnende Art, mit welcher Herr Krafft, seine Hand ergreifend, fortfuhr: »Nun zu erfreulicheren Dingen. Ich weiß, warum Sie kommen. Graf Wallenberg hat mit Ihnen gesprochen, ich mit meiner Tochter.« – »Was erwiderte Fräulein Krafft?« – »Was bei solchen Gelegenheiten junge Mädchen zu erwidern pflegen. Sie weinte und umarmte den Papa, unter dem sie sich wahrscheinlich jemand anderes dachte. Wenn Sie wollen, gehen wir hinüber zu ihr. Ich habe vorher nur noch einen Bericht meines Buchhalters zu erwarten. Sehen Sie sich einstweilen bei mir um. Sie haben mir so oft die Honneurs Ihres Ateliers gemacht, daß ich Ihnen gern einmal das meinige zeige. Es wird wenig Interesse für Sie haben; allein da Sie bald in näheren Beziehungen zu meinem Hause stehen werden, müssen Sie es doch kennenlernen.«

Roland sah sich gewünschtermaßen um, immer mit dem leisen Gefühle des Mißbehagens, der Verlorenheit in einer fremden Welt. Das Kontor des Prinzipals war dasselbe wie die Kontore seiner Kommis. Zwischen den beiden Fenstern stand der Schreibtisch mit Haufen von Zeitungen, Stößen von Briefen, Bergen von Folianten, in Leinwand oder Leder gebunden, mit Messingecken; ein Chaos für jedes Auge, jede Hand, außer für diejenigen des Herrn. Ein Rohrstuhl vor dem Tisch ließ an Härte und Einfachheit nichts zu wünschen übrig. Desgleichen das Stehpult, um keine Holzfaser reicher oder bequemer, als alle übrigen. Die vier Wände verschwanden unter Regalen, die von Kartons, Büchern und Heften strotzten, alle mit der Ziffer des Jahrgangs, dem Namen des Landes bezeichnet, welche sie betrafen. Sämtliche fünf Erdteile waren vertreten. In einem Winkel verkroch sich das schmale Ledersofa, in einem zweiten ein kleiner Tisch, worauf ein Stück Schwarzbrot und zwei Borsdorfer Äpfel das Vesperbrot des Millionärs darstellten. Ein paar verirrte Rohrstühle luden zum Nichtsitzen ein. Nirgends eine Blume, ein Bild, ein Teppich, ein weicher Vorhang, eine farbige Decke; alles nackt und nüchtern, kühl und kahl. Und darum Bankier und Großhändler?!

Der Kaufmann ahnte, was in dem Künstler vorging. Lächelnd sagte er: »Es gefällt Ihnen bei mir nicht. Ich begreife das. Doch urteilen Sie nicht nach dem Augenschein. Auch die prosaische Welt, in welche Sie hier mit einem trostlosen Blicke starren, hat ihre verborgene Poesie. Mir gilt mein Stand für den ersten der Welt, und ich habe mich immer bemüht, seine Aufgabe so großartig, so gemeinnützig wie möglich aufzufassen. Der blaue Karton dort oben ist die Wiege eines südamerikanischen Freistaates. Unter der Aufschrift Melbourne verbirgt sich die erste Einführung australischer Wolle in Deutschland. Bei der Baumwollenkrisis der letzten Jahre war unser Königreich das einzige, das von den Kalamitäten aller auswärtigen Märkte, Mangel der Ware, unverhältnismäßige Steigerung der Preise, Stockung der Arbeit, verschont blieb, weil ich meine zu rechter Zeit gesammelten Vorräte dem einheimischen Verkehr überlassen konnte. Gewann ich dabei, so gewann doch mit mir, durch mich das Ganze noch weit mehr. In diesem einfachen Kontor laufen mannigfaltige Fäden aus allen Erdteilen zusammen. Und wie viele sind noch angesponnen, die in spätester Folgezeit eine andere Hand, als die meinige, ihrem Ende zuführen wird! Ich leugne nicht, daß es mir lieb gewesen wäre, wenn mein Schwiegersohn die Fortsetzung meines Lebens übernommen hätte. Das will sich nun anders fügen. Doch läßt sich zuletzt auch Ihrer schönen Kunst, mein lieber Roland, eine praktische Seite abgewinnen, in der wir uns begegnen, wo wir gemeinsam, mit meinen Mitteln, wirken. Ich kann mir für Ihre Zukunft eine ersprießliche Tätigkeit denken, welche alle deutschen Ausstellungen, Akademien, Sammlungen umfaßt und allmählich beherrscht. Wenn wir das Gute überall ankaufen, für das Beste Prämien aussetzen, durch großartige Bestellungen die Richtung der zeitgenössischen Kunst bestimmen, die deutsche Malerei mit dem Auslande vermitteln, Unterstützungs- und Vorschußvereine gründen...« – »Dann werden wir Kunsthändler sein, Herr Krafft, nicht Künstler,« unterbrach ihn Roland. »Ein mir vollkommen fremdes Feld, auf das ich Ihnen nicht einmal in Gedanken zu folgen vermag.« – »So folgen Sie mir denn wenigstens hier noch einen Schritt in mein Kuriositätenkabinett,« sagte Krafft, indem er die Tür eines Alkovens neben dem Kontor öffnete. Roland erblickte darin ein schmales, niederes Bett aus Tannenholz mit einem blau und weiß gewürfelten Kissen, einem Strohsack und einer Pferdedecke; daneben ein Schrank, in dem ein Arbeiterkamisol, eine lederne Hose, ein Paar hohe Stiefel, ein Schurzfell mit zahlreichen Narben und Flecken, die Tragbänder eines Abladers und eine Wachstuchkappe aufgehängt waren. – »Hier sehen Sie meine Anfänge, Herr Roland«, erläuterte der Millionär nicht ohne Feierlichkeit und Stolz. »Das ist mein erstes Lager, das ich mit meiner Hände Arbeit nach jahrelangem Darben und Sparen erwarb; ich habe niemals besser geschlafen, als auf diesem Strohsack. In dem Schrank bewahre ich die Kleidung, das Handwerkszeug, womit ich meine hiesige Karriere als Tagelöhner begann. Wenn ich mich sammeln oder Demut lernen will, flüchte ich in mein Kabinett. Setzen Sie sich eine Minute zu mir auf das harte Bett. Hans Heinrich Krafft wird Ihnen erzählen, wie er Kaufmann ward.

Ich bin als Bauernsohn geboren. Den kleinen Hof meines Vaters erbte der älteste Bruder. Bei uns gilt auf dem Lande, wie unter dem höchsten Adel, das strengste Recht der Erstgeburt. Als Knecht durfte ich bleiben, wenn ich wollte. Doch ich wollte nicht, ich trat in die Dienste des nächsten Rittergutsbesitzers. Siebzehn Jahre alt, war ich Großknecht bei ihm; er hatte Vertrauen zu mir, als zu einem nüchternen, ernsten, sparsamen Burschen, den man auf keinem Tanzboden, keiner Kirchweih, hingegen mit Sonnenaufgang hinter dem Pflug und in tiefer Nacht noch in den Ställen fand. Zur Zeit des Wollmarkts in der großen, drei Tagereisen vom Gut entfernten Handelsstadt, den wir alljährlich im Monat Juni mit unserer Wolle besuchten, fügte es sich einmal, daß der Herr krank darniederlag und selbst nicht verkaufen konnte, wie er pflegte. Der Inspektor war, eben der Krankheit wegen, unentbehrlich. Ich erbot mich, zu gehen. Mein Baron schickte mich, nach einigem Besinnen, ab, mit der Order, zu demselben Preise wie voriges Jahr abzugeben, acht Taler per Stein Mittelwolle. Mit meinen hochbepackten Wagen, einem ganzen Zuge, fuhr ich davon. Einige Meilen diesseits der Stadt stieg ich ab, mir die Füße ein wenig zu vertreten, und ging – in den nämlichen Stiefeln, die Sie dort sehen – dem durch den Sand langsam folgenden Wagen eine tüchtige Strecke voraus. Ich kam an einen Krug, einsam an der Landstraße gelegen, als Ausspann für Fuhrleute. Vor der Tür stand eine Bank. Müde und erhitzt ließ ich mich nieder und labte mich an einem Glase Weißbier, über welches zahllose Fliegen, noch durstiger als ich, herfielen. In der Gaststube drinnen, deren Fenster offenstanden, unterhielten sich ein paar Fremde und zwar so, daß ich jedes Wort vernahm. Der Name meines Herrn fiel in das Gespräch, worauf ich die Ohren noch höher spitzte. Die eine von den redenden Stimmen kam mir bekannt vor. Richtig: sie gehörte dem Chef des Hauses, dem wir unsere Wolle gewöhnlich verkauften, an das auch ich diesmal gewiesen war. Ich hatte ihn in der Stadt öfters gesehen und gehört, da ich die Reise schon ein paarmal mitgemacht. Er erzählte, er sei unterwegs, um die Wolle meines Barons abzufangen, die heute abend, dem Avisbriefe zufolge, eintreffen müßte. ›Ich bin dem Alten,‹ lachte er, ›so weit entgegengefahren, weil er von dem unvermuteten Aufschlag der Preise auf unserem Wollmarkt nichts wissen kann. Heute ist der Stein mit elf Taler bezahlt worden, morgen kann er zwölf, auch dreizehn kosten. Die russische Regierung macht ungeheure Bestellungen; es heißt, daß sie zum Kriege rüsten. Wenn ich die Wolle hier erwische und um den vorjährigen Preis abschließe, mache ich ein feines Geschäft‹ – Dies hören und spornstreichs zurückrennen, war bei mir eins. Ich setzte mich auf den ersten Wagen und in einer halben Stunde hielt mein Wagen vor dem Ausspannhause, wo Brot gefüttert werden sollte. Der Hausknecht hatte die Krippe noch nicht aufgestellt, so fuhr der wegelagernde Stadtherr aus seinem Hinterhalt heraus, auf mich los. – ›Guten Tag, Hans Hinnerk.‹ – ›Guten Tag auch, Herr.‹ – ›Wo steckt dein Baron?‹ – ›Im Bett, Herr, schwer krank.‹ – ›Und der Herr Inspektor?‹ – ›Zu Haus, bei der Heuernte.‹ – ›Verflucht!‹... Daß ich's kurz mache, Roland. Nun ging der Schacher an. Der Kaufmann wollte den Großknecht breitschlagen, bot erst den vorjährigen Preis, dann einen, zuletzt anderthalb Taler per Stein drüber. Hans Heinrich wehrte sich seiner Haut und Wolle. ›Herr,‹ sagte er, ›achterm Berge wohnen auch Leute. Wir haben von den Wollpreisen auf eurem Markte gehört. Der Russe kauft, weil's losgehen soll, mit dem Türken oder Griechen, was weiß ich. Ihr gebt zwölf Taler zehn gute Groschen per Stein und habt unsere Wolle. Wo nicht, fahr ich zu Markte.‹ Mein Herr hatte mir alle Vollmacht gegeben. Nach einigem Sträuben ging's: Top, top. Wir waren handelseinig. Ich fuhr in die Stadt, lieferte ab, erhob mein Geld, zweitausend Taler mehr, als der Baron gefordert, kehrte um und trat vier Tage später an das Bett meines Herrn. Auf die Decke stellte ich ihm in leinenen Beuteln zuerst diejenige Summe, die er zu erwarten hatte, lauter harte Taler, denn Papier gab es dazumalen, Anno 1822, bei uns zu Lande noch keines, so wenig wie Eilzüge und Telegramme. Ein Großknecht konnte noch in ganz primitiver Weise Geschäfte machen. Mein Herr nickte, band einen der Säcke auf, ließ die Taler, blanke, funkelnagelneue Münzen, die ich mir vom Kassierer extra erbeten hatte, aus Freude an dem schönen Metall klingend durch seine mageren Finger gleiten und schenkte mir fünf Taler. Darauf rückte ich mit den zweitausend Preußen, Reservemannschaft, vor. Der Baron sah mich starr an; noch heute stehen mir seine großen Augen lebhaft vor der Seele, noch größer geworden vom bösen Fieber. – ›Hans Hinnerk, was bedeutet das?‹ – ›Nichts Unrechtes, Herr.‹ Und ich erzählte freudestrahlend meine Verkaufsgeschichte aus dem Krug. Er sann eine Weile nach, schüttelte dann den Kopf und sprach: ›Du hast recht und unrecht gehabt, mein Junge. Recht als Kaufmann, der vor allen Dingen ein Geschäft mit Vorteil machen will, unrecht als mein Knecht, dem ich befohlen hatte, zum vorjährigen Preis abzugeben. Dasselbe war dem Korrespondenten in der Stadt gemeldet worden, bei dem ich nun wie ein wortbrüchiger Spekulant dastehe. Dein Profit, Hans Heinrich, wandert morgen in die Stadt zurück. Ich bin kein Kaufmann, sondern ein Edelmann. Meine Ehre über alles.‹ – Ich kratzte mich hinter den Ohren und wollte mit einem trübseligen Blick auf den verlorenen Gewinn hinausschleichen. Mein Herr rief mich zurück. ›Hans Heinrich,‹ sagte er, ›ich bin dir nicht böse, du mußt es auch mir nicht sein. Jedem seine Weise. Dein Kunststück im Krug mag für dein Meisterstück gelten. Du bist ein geborener Kaufmann, mein Junge, kein Bauer. Ich weiß, du borgst den Mägden und Knechten auf hohe Zinsen. Deine Verrechnungen in Kreide an der Stalltüre sind sauberer und ebenso sicher, als dem Inspektor seine Bücher. Du besitzest alle guten und alle schlechten Eigenschaften eines künftigen Millionärs. Geh in die Stadt und werde ein Millionär, Hans Hinnerk!‹

Ich tat, wie mein Herr mir befohlen. Am nächsten Vierteljahr, Michaelis, verließ ich das Rittergut, kam, mit zwei Louisdors, in der Tasche jenes grauen Kamisols eingenäht, in diese Stadt und brachte es darin binnen vierzig Jahren – aber welche Jahre, Roland! – vom letzten Ablader in dem Material- und Farbwarengeschäft von Peter Niemeier und Söhne zu dem Herrn dieses Kontors, des Hauses und der Firma Hans Heinrich Krafft.« –

»Eine lehrreiche Geschichte,« sagte Roland nachdenklich, als Herr Krafft schwieg; »lehrreich besonders deswegen, weil sie auf demselben Strohsack endigt, mit welchem sie begonnen.« – »Was wollen Sie?« versetzte der Millionär. »Zuletzt ist der Wollsack im englischen Parlament auch kein Lotterbett voll Eiderdaunen, und der Thron, der höchste aller menschlichen Sitze, bleibt ein unbequemes Stück Möbel, je massiver, desto härter, mögen sie ihn mit noch so weichen absolutistischen Polstern zudecken, oder auf die sanftesten konstitutionellen Schaukelfüße stellen.« – »Sie sollen recht haben, Herr Krafft, jedoch auch mir recht geben, wenn ich sage: der Mensch wird für seinen Beruf geboren; Selbstwahl und Erziehung bestimmen denselben nicht. Den Künstler machen Sie nicht zum Kaufmann, so wenig, wie Sie, der Kaufmann, zum Landwirt zu machen waren.«

Herr Krafft wollte antworten, wurde aber abgehalten durch eine eilige Meldung des Herrn Heyboldt, ersten Prokuristen, der in das Kontor trat: nicht eine veraltete Komödienfigur mit Schnallenschuhen, in grobwollenen Strümpfen, Sammethosen und einem langschößigen Überrock, den Jabot voll Schnupftabak und eine Gänsefeder hinter dem komisch beweglichen Ohr, sondern ein ganz feiner Mann, nach dem neuesten Schnitt und schwarz gekleidet, die Rettungsmedaille im Knopfloch und mit einem ernsten, ausdrucksvollen Kopf. Er war Hauseigentümer, Mitglied des Stadtrats und Landwehrhauptmann; der goldene Schaupfennig und das farbige Bändlein auf seiner linken Brust erzählten, daß er in der Schwimm- und Badeanstalt mit Gefahr seines Lebens dasjenige eines von der Strömung fortgerissenen Leander erhalten hatte. Seine Meldung, so dringend sie war, machte er ohne Hast, gemessen und kalt, etwa wie ein Steuermann dem Schiffskapitän anzeigt, daß ein bedenklicher Wind aufspringt. »Herr Prinzipal,« sagte er, »das Volk hat die Schranken und den einen Flügel der Torfahrt eingebrochen, sie stürmen das Kontor.« – »Wer zerbricht, bezahlt,« scherzte Herr Krafft; »wir werden ihnen die Zeche ankreiden.« – »Die Schutzmannschaft reicht nicht aus; sie hat um Militär auf die Hauptwache geschickt.« – »Ist recht, Heyboldt. Kein Unglück vorgefallen, Arm- oder Beinbruch?« – »Nicht, daß ich wüßte.« – »Schade für Meyer Hirsch; er würde in der offiziellen Morgenzeitung prächtig gegen die Ausschreitungen der Spekulationswut gedonnert haben. Auch keine Verwundung durch die Schutzmänner?« – »Bis jetzt keine.« – »Schade für Hirsch Meyer. Das oppositionelle Abendblatt verliert eine kostbare Gelegenheit, über die Roheit der Soldateska zu weinen. Jedenfalls sollen die beiden Organe fortfahren, eines für uns, das andere gegen uns zu schreiben. Halten Sie Hirsch Meyer und Meyer Hirsch in Atem.« – ›Sehr wohl, Herr Prinzipal.« – »Jedem widmen Sie eine verbindliche Zeile, des Inhalts, wir hätten uns erlaubt, für ihn einige Aktien zu zeichnen, um sie zum geeigneten Zeitpunkt zu verkaufen und ihm die Differenz bar zu schicken.« – »Soll geschehen, Herr Prinzipal.« – »Unsere Südwestbahn geht also gut, Heyboldt?« – »Mit Dampf, Herr Prinzipal.« Der ernsthafte Mann lächelte über seinen verwegenen Spaß, und Herr Krafft lächelte verbindlich mit. »Die Summe, die noch zu begeben ist, wird im Handumdrehen gezeichnet sein. In Massen werfen die Leute Geld, Banknoten, Staatspapiere unseren Kassierern zu, die nicht rasch genug die Quittungsformulare ausfüllen können. Auf der Börse riß man sich um die Bogen.« – »Die nächsten vier Wochen treiben wir den Kurs noch in die Höhe, Heyboldt; dann mag er fallen, aber langsam, mit Anstand.« – »Ich verstehe, Herr Prinzipal.« – Ein Kassierer kam, ohne anzupochen, hereingestürzt. »Herr Prinzipal,« stammelte er ängstlich, »wir haben keine Schemas mehr, und die Leute drängen immer tobender auf uns ein. Wilde Stimmen begehren nach Ihnen.« – »An Ihren Posten, Herr«, donnerte ihm Krafft zu. »Ich werde kommen, wenn es mir an der Zeit scheint. Keinesfalls«, setzte er ruhiger hinzu, »ehe das Militär anrückt. Wir brauchen seine Einschreitung, der Kurse wegen.« – Der Eilbote war verschwunden; aber in den Toren der Kontore tauchten bleiche, ratlose Gesichter auf; das Haus verlangte nach dem Herrn, die zitternde Tochter schickte ein um das andere Mal nach dem Vater. »Machen wir dem Schauspiel ein Ende!« sagte nach kurzem Besinnen Herr Krafft, trat in das mittelste der Kontore, riß ein Fenster auf und schrie, die rauhe Stimme zum lautesten Ton erhebend, in die wogende Menge hinunter: »Ihr sucht mich, Leute. Hier bin ich. Was wollt ihr von mir?« – »Aktien! Unterzeichnungen!« scholl die lärmende Antwort zurück. – »Ihr fordert ohne Recht und Sitte. Dies ist mein Haus, ein friedliches Bürgerhaus. Ihr brecht ein, als war es eine Fronfeste, ein Arsenal, eine Steuereinnehmerei, als lebten wir mitten in einer Revolution. Schämt ihr euch nicht?« – Dumpfes Gemurmel lief durch die bestürzten Reihen. – »Wenn ihr Geschäfte mit mir machen wollt,« fuhr der Kaufmann fort, »so lernt erst Zucht und Ordnung. Habe ich euren Besuch eingeladen? Brauche ich euer Geld oder braucht ihr meine Aktien? Schickt Deputierte herauf, eure Wünsche mir vorzutragen. Mit aufrührerischem Gesindel unterhandle ich nicht.« – Damit warf er beide Fensterflügel zu, daß die Scheiben klirrten, die Scherben hinunterfielen auf die Köpfe der Aktienstürmer. »Der Prinzipal versteht mit dem Volk zu reden«, sagte Heyboldt stolz zu Roland, dem stummen Zeugen des sonderbaren Auftrittes. »Er spricht seine Sprache. Auf eine zerbrochene Tür antwortet er mit einem zerbrochenen Fenster.«

Mittlerweile war im Eilschritt, unter Trommelwirbel, eine Kompagnie Soldaten angerückt. Das Kommando der Offiziere schmetterte durch die störrigen, still werdenden Volkshaufen: »Fällt das Gewehr! In Zügen rechts und links schwenkt! Vorwärts, marsch!« Hof und Gänge wurden gesäubert, die Türen besetzt; in der Straße staute sich, zurückgedrängt, die dumpf grollende Flut. Beschämt und verlegen erschienen drei Abgeordnete und baten um Gehör bei Herrn Krafft. Der Kaufmann empfing sie wie ein Fürst, umgeben von seinem Hofstaat, inmitten seiner Kommis, im großen Kontor. Der Wortführer begann: »Wir bitten um Vergebung, Herr Krafft, für das Vorgefallene.« – »Pfui, daß ihr unter ruhige Bürger, zu einem friedlichen Geschäft Soldaten als Zeugen und Ordnungsstifter herbeizieht.« – »Es hatte verlautet, wir seien zum Narren gehalten mit der Unterzeichnung, die ganze Summe bereits an der Börse begeben.« – »Und wenn dem so wäre, träfe mich eine Schuld? Die Südwestbahn-Gesellschaft muß dreißig Millionen aufbringen. Das Doppelte, das Dreifache der Summe wird ihr geboten. Kann ich dafür, daß Reduktionen sich nötig machen?« – »Nicht doch. Aber man sagt, an uns kleine Leute solle nicht ein Heller kommen; die großen Börsenmänner haben die fetten Bissen uns vor dem Maul weggeschnappt.« – »Sagt man das? Wer sagt es? Hofböttchermeister Täubert, ich frage Euch, wer das sagt?« – »Halten zu Gnaden, Herr Hofbankier...« – »Nichts da von Gnaden oder Hof! Mein Name ist Krafft, Hans Heinrich Krafft. Ich denke, wir kennen uns, Meister Täubert. Wir machen nicht zum ersten Male Geschäfte miteinander. Ihr habt einen artigen Anteil an meiner Arbeiterbank. Kornmakler Wüst, Euch ist eins der Häuser in meiner Straße verkauft. Dränge ich Euch um die Raten?« – »Beileibe nicht, Herr Krafft. Sie sind ein braver Mann, ein gemeinnütziger Mann, kein Geldmacher, kein Blutsauger, kein Jud'!« rief im Chore das deputierte Triumvirat. – »Ich bin nichts, als was ihr seid: ein Geschäftsmann, der von seiner Arbeit lebt, eines Bauern Sohn, ein schlichter, einfacher Bürger. Ich habe kleiner angefangen als der Kleinste unter euch; aber ich vergesse nie, daß ich Fleisch von eurem Fleisch, Blut von eurem Blut bin. Tatsachen haben das bewiesen. Ich beweise es heute aufs neue. Geht heim und sagt den Leuten, die euch geschickt: Hans Heinrich Krafft verzichtet, zugunsten der weniger bemittelten Bürger dieser Stadt, auf den Teil, den sein Haus für die Südwestbahn gezeichnet hat. Die fünfmalhunderttausend Taler sollen nach Verhältnis repartiert werden auf die gezeichneten Beträge unter fünfhundert Talern.« – »Der Himmel segne Sie, Herr Krafft«, stammelte der Hofböttcher, und der Kornmakler versuchte eine dankbare Träne zu vergießen; der Geheime Kanzlist, Herr Lange, der Dritte im Bunde, hascht nach der Hand des Großmütigen, um sie gerührt zu küssen. Unwillig zog sie Krafft zurück. »Keine Erniedrigung, Herr Lange«, sagte er. »Wir sind Männer aus dem Volke; gebärden wir uns als solche. Gott befohlen, meine Herren. Ihr kennt meinen Willen. Gebt ihn den guten Leuten bekannt, die drunten warten, und macht, daß ich meine Einquartierung los werde. Laßt die Zeichnung in Ordnung und Ruhe vor sich gehen, einen hübsch nach dem andern. Adieu, Kinder!« – Die Deputation zog sich zurück. Einige Minuten später erhob sich ein donnernder Hochruf: Herr Krafft soll leben! Dreimal Hurra für Vater Krafft! Er zeigte sich am Fenster, nickte kurz und ernst mit dem Kopf und winkte, man möge auseinandergehen.

Während das Getümmel sich verlief, kehrte Krafft mit Roland in das Kontor des Prinzipals zurück. »Sie haben«, sprach der letztere, »edel gesprochen, edel gehandelt.« – »Ich habe ein Geschäft gemacht, weder mehr, noch minder, obendrein kein schlechtes.« – »Wie verstehe ich das?« – »In drei Monaten kaufe ich um 70, vielleicht darunter, was ich heute zu 90 anderen überlasse.« – »Das wissen Sie im voraus?« – »Mit mathematischer Gewißheit. Das Publikum verspricht sich, wie von jeder neuen Unternehmung, von der Südwestbahn goldene Berge. Das Geschäft wird allerdings gut, sonst hätte ich es nicht gemacht. Aber man muß abwarten können, daß die Saat reift. Die kleinen Leute tun das nicht; sie säen heute und wollen morgen ernten. Bei der ersten Einzahlung ist ihr Herz und ihr Beutel guter Dinge. Bei der zweiten, dritten stockt es in beiden. Für den kleinsten Gewinn werfen sie das Papier, für welches sie sich ums Haar die Hälse brachen, auf den Markt und entwerten ihr Eigentum. Drückt gar ein zufälliges Ereignis auf die Kurse, so lassen sie im panischen Schrecken alles fallen, was sie haben, um jeden Preis. Diesen Augenblick nehme ich wahr und kaufe. Binnen Jahr und Tag, wenn die Bahn fertig ist und ihren Anschluß an auswärtige Kommunikationswege hat, werden die Aktien, die zu 90 emittiert worden, die ich um 60 bis 70 gekauft, auf 100 und darüber steigen. Sie können meinen Gewinn an den Fingern abzählen.« – »Das heißt,« sagte Roland nachdenklich, »Sie gewinnen an dem Verlust der Leute, deren Vertrauen Sie erweckt, dann mit künstlichen Werten befriedigt und am Ende für sich ausgebeutet haben.« – »Geschäft ist Geschäft«, erwiderte die bekannte rauhe Stimme. »Wenn ich nicht Falschmünzer oder Banknotenfälscher werden will, kann ich nur das Geld anderer Leute zu dem meinigen machen; wohlverstanden: auf ehrlichem Wege.« – »Und Sie tun das, ohne zu fürchten, daß ein anderer, Größerer, Glücklicherer als Sie, Ihnen einmal desgleichen tut?« – »Darauf muß ich gefaßt sein; ich bin es.« – »Auch darauf, daß eines Tages ein Sturm, keiner der von Ihnen gemachten, sondern einer von Gottes Zorn, die ganze papierne Herrlichkeit unserer Zeit über den Haufen bläst und die schaudererregende Ungleichheit unserer sozialen Zustände auf ein allgemeines Nichts zurückführt?« – »Auf diesen jüngsten Tag wollen wir es getrost ankommen lassen,« lachte der Bankier und ergriff des Künstlers Arm. »Nun zu meiner Tochter,« sagte er; »sie wird ängstlich sein um den Vater, ungeduldig auf den Meister.« Sie gingen.

War es Zufall oder Absicht, daß Papa Krafft den künftigen Schwiegersohn durch den zweiten Stock seines Hauses führte, denjenigen, in welchem die Kassenzimmer gelegen sind? Düstere, unheimliche, luft- und leblose Zellen, die an Gleichförmigkeit den Kontoren nichts nachgeben und sie weit übertreffen an herzbeklemmendem Eindruck. Hohe, mit grünen Wollvorhängen inwendig verhüllte Gitter reichen vom staubigen Fußboden bis fast an die vom Qualm der Sicherheitslampen geschwärzte Decke. Es können so gut Tiere wie Menschen sich hinter den Gittern verbergen, man erblickt keins von beiden. Dagegen hört man überall die helle Stimme des Silbers, die vollere des Goldes. Es ist Sonnabend, also unruhiger Zahltag, und die Stunde der Löhnung nahe. Darum werden volle Säcke ausgeschüttet, leere Rollen gefüllt, festgestampft, versiegelt, überschrieben. Die Federn knirschen im zweiten Stock genau wie im ersten, und ebenso rauscht das Papier, der Streusand, das umgeschlagene Blatt der großen Bücher voll schwarzer Ziffern und roter Linien. Zuweilen öffnet sich in den hohen Gittern ein niedriges Schubfensterlein; eine Hand wird sichtbar, die auf das Zahlbrett vor der schmalen Öffnung mit fieberhafter Schnelligkeit Geld oder Banknoten in langen Reihen wirft, dann und wann sich netzend an dem Schwamm, der in einem kleinen Napf neben dem schmutzigen Schreibzeug liegt. Die Kassendiener, unscheinbar und schattengrau wie die Kontordiener, gleiten ab und zu, streichen die Summen ein, stecken sie in dicke Brieftaschen oder in Leinwandsäcke und verschwinden, die kostbare Last auf der Schulter oder auf dem Herzen, durch geheime Türen. Im Allerheiligsten, Hauptkassa überschrieben, ächzt das siebenfache Schloß des feuerfesten Schrankes, ein so künstliches Gebilde, das nur zwei Sterbliche auf Erden es nach einer Geheimformel zu öffnen verstehen, der Prinzipal und der Hauptkassierer.

Roland atmete auf, als er auch diesen Höllenkreis hinter sich hatte und in Armidas Zaubergarten eintrat.

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