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Die alten Leutchen

Helene Böhlau: Die alten Leutchen - Kapitel 1
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authorHelene Böhlau
titleDie alten Leutchen
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In Altweimar, in dumpfer, enger Gasse hing an einem altmodischen Haus, das längst nicht mehr steht, über einem Warengewölbe ein unscheinbares, blaues, verblichenes Ladenschild, darauf stand in schnörkelhafter Schrift: »Spezereiwaren-Handlung von Balduin Häberlein.« Das Lädchen hatte ein gedrücktes Bogenfenster, in dem die Herrlichkeiten, die feilgeboten wurden, auslagen, und vor dem Fenster war ein Brett angebracht, um mancherlei Lockspeise den Leuten vor die Nase zu setzen. Da prangte, je nach den Jahreszeiten, ein Körbchen zarten Gartensalates, ein appetitlich aufgeschnittener Käse, der unter seiner blanken Glasglocke einen gar erfreulichen Anblick bot; da lag ein starrer, feister Fisch, so recht der Länge nach; da stand ein hübsch Gerichtlein zarter Rüben, und gab es etwa nichts anderes des Frostes wegen, so hockten nebeneinander auf dem Brett weiße Leinwandsäcke voll Backobst, auserlesener Wachsbohnen und Erbsen. Es hatte alles ein solides Ansehen. Und das alte Gewölbe schien in gutem Rufe zu stehen, denn den Nachbarsleuten, die auf das Hin und Her vor den Fenstern achteten, waren es wohlbekannte Laute, wenn das helle Ladenglöckchen klang und wieder klang, und immer gab es für die müßigen Seelen etwas zu beobachten, wenn sie auf das Spezereigewölbe ihr Augenmerk richteten. Von früh bis zum Abend ging Mägdevolk ein und aus und Hausfrauen mit wichtiger Miene, denn es galt, durch guten Einkauf einen neuen Stein einzufügen zum Aufbau häuslicher Gedeihlichkeit und Behäbigkeit. Behäbigkeit! – wie behagt sie doch dem wunderlichen Ding, das sein abgesondertes Leben in uns führt, dem allerliebsten Tier im Menschen, das neben der mit ihm eingespannten Seele, unbekümmert darum, ob diese bedrückt mit ihm einherläuft, es sich wohl sein läßt bei gutem Futter und in angenehmer Wärme. Das allerliebste Tier im Menschen macht sich breit neben Hoffnungslosigkeit und bewegt sich bequem neben schmerzlicher Erstarrung. Weil es ihm gar zu wohl gefällt, hält es die matte Seele, die ihr Bestes verloren hat, ab, heimzukehren, täuscht seine Gefährtin um die Erkenntnis ihres Elends und bekehrt sie endlich ganz zu sich. Die fängt dann sachte an und ahmt ihm nach, freut sich mit ihm mitten in Trostlosigkeit über einen guten Schluck und Bissen zur rechten Zeit und ist gelehrig. Erst tut sie vornehm mit, kühl wie ein Fürst unter Bauersleuten, doch nicht lange, und sie ist von der gesunden Niedrigkeit, in der sie sich bewegt, durchdrungen. Da tritt an die Stelle einer verlorenen, höchsten Hoffnung, vielleicht für einen Augenblick erst nur, die Befriedigung, die eine behagliche Umgebung, eine Lieblingsspeise bietet, und dann währt es nicht allzulange, daß die stolze, gekränkte Seele dumpf mit ihrem Tier zusammenhockt, und alles, was ihr einst eine übermenschliche Qual erschien, hat sich unmerklich nach und nach in sanftes Wohlleben gelöst. Es ist ihr wieder heimisch und gemütlich auf Erden geworden. Sie hatte sich ihren Platz unter der Menschheit vielleicht mit höchsten Mitteln und Opfern erobern wollen, hatte gelitten, mutig gekämpft, alles daran gesetzt und hoffnungslos verloren. Und nun, fast ohne zu wissen, wie sie dazu gekommen, steht sie hübsch fest, hat, was sie braucht, und denkt an ein unverständliches, übermäßiges Wollen, das sich einst in ihr regte, als an etwas längst Überwundenes lächelnd zurück.

Und in diesem Sinne ist unser solides, vertrauenerweckendes Lädchen ein wichtiges und gutes Ding, und die Miene der Hausfrau, die dort ein- und ausgeht, ist mit Recht bedeutungsvoll, und der Einkauf im Lädchen ist keineswegs leichtsinnig zu betreiben, sondern voller Würde und Hingabe. Da ist ein vorzüglicher Käse, saftig, zart, von angenehmstem Aroma und gewürziger Kraft. Steht dieser auf einem gewissen Punkte seiner Vollendung, das heißt, ist er in dem Prozeß der Zersetzung gerade so weit vorgeschritten, nicht weniger und nicht mehr, als wie er seit Generationen schon für ausgezeichnet erkannt worden ist, so trägt die Hausfrau, die ihn in solchem glücklichen Stadium erlangt hat, etwas Wertvolleres mit heim, als sie bezahlte. Die Möglichkeit liegt da, daß dieses harmonisch vollendete Käschen, doch will das wohl verstanden sein, von größerer Wirkung werden kann als Recht, Gesetz und Menschenwürde, als das, was uns in Schranken und Sitte hält. Es repräsentiert gewissermaßen für den, der sich einen Bissen davon auf der Zunge zerfließen läßt, das, was man Wohlleben nennt. Er genießt eine kleine Anreizung starker Empfindungen. Vielleicht trägt er sich mit allerschwersten Gedanken. Leidenschaft zehrt an ihm, Trostlosigkeit, tiefer Überdruß, verlockendes Unrecht blendet ihn. Etwas von diesem allen erregt ihn, und er ist nahe daran, zu verderben, alles hinter sich zu werfen, um auf Gnade und Ungnade zu leben, zu genießen und zu enden. Was ihn bewegt, ist mächtig, steht in großen Zügen. Er sieht den Tod, sieht sein Glück und sein Verderben, weiter nichts. Da schluckt er von dem Käschen oder sonst von einem guten Bissen, und es drängt sich in sein tragisch starkes Empfinden allerlei Kleinzeug. Der nicht erwähnenswerte Genuß, der, von ihm kaum beachtet, auf der Lippe prickelt, weckt die Erinnerung an tausend andere, an eine Macht, die aus solch kleinen, angenehmen Unbedeutendheiten besteht. Diese Macht hebt sich, stellt sich verderbenbringenden Entschlüssen entgegen und schafft dem über Sitte und Gewohnheit Hinausstrebenden unbemerkt den sicheren Halt. Gesetz, Vernunft und alles, was der Menschheit Schutz verleihen sollte, hatte nichts ausrichten können, das Verderbliche war unaufhaltsam gewachsen. Der Mensch hatte sich und andere vielleicht preisgeben wollen; da zur guten Stunde schlich sich ein Bote des Behagens ein. Der kam dem Tier im Menschen zu paß, es dehnte sich und verlangte gestärkt doppelt eifrig nach seiner Behäbigkeit zurück.

So ist mancher gerettet und gezwungen worden, an den alltäglichsten Annehmlichkeiten von schwerem Leiden zu gesunden. Daher ist solch ein wohlgehaltener Laden, wie der des Händlers Balduin Häberlein, von tieferer Bedeutung, als es dem harmlosen Beobachter erscheint. Und es ist die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er seinen Mann, wenn er die Sache versteht, reichlich und überreichlich ernährt. Dieser und jener mag aus dem alten Spezereigewölbe ein mächtiges Lebenselixier, das gegen Trübsal und Jammer ihn standhalten ließ, gewonnen haben, ohne zu wissen, was ihn erhielt. Der alte Balduin Häberlein ahnte auch nicht, daß seine Kundinnen gar tief bei ihm in Schuld steckten. Der einen hatte er den Mann durch muntere, gute Bissen, die er klug in Vorrat hielt, vom Trübsinn gerettet. Und dem Sohn einer anderen, der auf schlechte Wege geraten war, hatte die vorzügliche Küche seiner Mutter und die auserwählt guten Zutaten, die sorglich und reichlich beschafft wurden, die Ehrenhaftigkeit und gute Stellung des Hauses dargetan, mehr als Liebe und jedes würdige Gefühl, so daß er angesichts der wohlbestellten Tafel nicht den Mut gewinnen konnte, abzufallen. Im Hause einer anderen trug sich einer mit Todesgedanken und kam nicht zu deren Ausführung, weil es im Februar Lachs, in einem Monat Austern gab, im folgenden Krebse, dann wieder Wildbret. Jeglicher Monat brachte sein Gutes, und keiner wollte kommen, der frei von jeder Lockung gewesen wäre. Häberlein aber wußte nichts davon, daß er ein Helfer und Retter war, nahm all die verschiedenen Verlangen, Nöte und Sorgen, von denen die Kunden ihm in den Laden getrieben wurden, in bare Münze umgesetzt, zufrieden ein, lebte mit seiner kleinen Frau im Ladenstübchen und brachte seine Tage in Tätigkeit und größter Ehrbarkeit hin. Er war ein echter und würdiger Spießbürger, hatte seine erprobten Eigenheiten in Kleidung und Ausdrucksweise, trug das straffe, graue Haar starr in die Schläfen hineingekämmt, jahraus jahrein ein kariertes Halstuch unter der Weste, und an Markttagen, wo das Geschäft besonders rege ging, hielt er es für notwendig, eine blaue Schürze vorzubinden. Die Mägde betitulierte er durchweg mit Jungfer Köchin, behandelte sie jovial und etwas herablassend und sah ihnen gehörig auf die Finger. Gegen die Frauen und gnädigen Frauen aber blieb er unveränderlich von größter Höflichkeit. Er war ein Mensch, der so sehr hinter seinen Ladentisch zu gehören schien wie die Schnecke in ihr Haus. Wer ihn kannte und gewohnt war, ihn zu sehen, wie er zwischen seinen Tonnen und Tönnchen, seinen Käseaufschnitten mit Kisten und Näpfen hantierte und von einer Atmosphäre umgeben war, die mit der eigentlichen Luft keine nähere Verwandtschaft hatte als ein frischer Waldbach mit einer Burgundersauce, der konnte sich den Händler Balduin Häberlein nicht in Gottes freier Natur vorstellen; und wäre er ihm an einem schönen Frühlingstage unter blühenden Bäumen am Flußufer auf sich schlängelndem Wiesenpfade mit der kleinen Frau Häberlein am Arme begegnet, er hätte seinen Augen nicht getraut über die närrische Ungereimtheit der Erscheinung inmitten der frischen Frühlingspracht. Balduin Häberlein war von den Eigenschaften seiner Umgebung durchdrungen und durchzogen. Und selten genug kam es vor, daß die beiden fleißigen und geduldigen Leute in ihrem Sonntagsstaat aus dem Ladenstübchen gingen, um sich eine kleine Erholung zu gönnen. Sie lebten so hin wie viele Tausende; vom Morgen bis zum Abend taten sie ihr Tagewerk, das ihnen vom Schicksal auferlegt war. Schon viele Jahre miteinander verheiratet, waren sie kinderlos geblieben, und die Zeit hatte nichts weiter an ihnen vollbracht, als dazu gehört, aus einem Paar würdiger, wohlangesehener junger Leute ein Paar gerade solcher alter zu machen. Sie brauchten nicht viel bei diesem Wandel von jung zu alt zu beklagen, im Gegenteil waren sie dabei in aller Muße und Solidität zu dem, was ihnen in jungen Jahren in besonders verständnisinnigen Stunden als Wünschenswertestes vorschwebte, gekommen.

Sie hatten ihr Geschäftchen miteinander zu einer einfachen, von Grund aus sicheren Vorzüglichkeit gebracht, kannten die besten Quellen, standen mit ältesten, wohlbewährten Häusern in Verbindung und betrieben ihre Angelegenheit mit einer gewissen Weihe und Hingabe. Balduin Häberlein und seine Frau paßten im Alter gut zueinander und sahen aus, wenn sie hinter ihrem Ladentische standen, als wären sie füreinander geschaffen, so daß es nicht gut anging, sie sich einzeln vorzustellen; nur tat die kleine Frau es dem Händler nicht ganz in Ruhe und Gemessenheit gleich. Er war längst schon in seinen Gewohnheiten, Liebhabereien, in Gang und Redensarten ein Bürgersmann geworden, an dem die Jugendjahre ihre Arbeit getan hatten, als an ihrer kleinen Person sich jedes, von ihm überwundene Lebensalter noch zu schaffen machte. Es hatte sich alles bei ihr zusammengefunden; das Kindische und Kindliche und die Jugend hatten sich bei ihr dauernd einzuschmeicheln gewußt, und als das Alter kam, fand es eine ziemlich muntere Gesellschaft, die sich nicht so ohne weiteres vertreiben ließ, und es mußte sich ein Eckchen suchen und ganz bescheiden bei denen zu Gaste sitzen, die sonst in tausend Fällen aus Haus und Hof von ihm verjagt werden. Wäre dies kleine, bewegliche Geschöpf nicht sehr beizeiten Frau Häberlein geworden, hätte sie das Schicksal in ein vornehmes und reiches Haus gesteckt, wer weiß, welch Wunder von eleganter Schelmerei und artiger Liebenswürdigkeit sich in ihr ausgebildet haben würde. Vielleicht hätte sie zu den Reizenden ihres Geschlechts gehört, bei denen alles Anmut und Heiterkeit ist. Aber das Leben paßt nun einmal seine Geschöpfe mit den Jahren ihrer Umgebung an und läßt einen gewissen überflüssigen Reiz in Bewegung und Gebärde bei bürgerlicher Arbeit nicht aufkommen. Und was das Beklagenswerte ist, daß ein verkümmerter, reich begabter Mensch mit seinen unfertigen, nicht zur Auswirkung gekommenen Gaben einen Hauch von Komik an sich trägt, der den wohlwollenden Beobachter fast schmerzlich berührt. So war es bei der kleinen Frau. Hurtig, flink und sicher bediente sie jahraus jahrein neben ihrem Balduin die Kunden, immer freundlich und hingebend, und verschwendete bei dem Formen einer Tüte oder dem Aufschneiden eines Schinkens einen Überfluß an Zierlichkeit, welcher der Kundin ein Lächeln ablockte.

Dem Händler aber war das Benehmen seiner Frau von jeher gerade recht, und er glaubte an ihr einen Ausbund von Manierlichkeit zu besitzen, und da er eine gerechte und dankbare Natur war, so schrieb er einen guten Teil seines Wohlstandes der Zuvorkommenheit und dem adretten Wesen des Frauchens zu und war ihr stets ein guter und nachsichtiger Ehemann. Sie bekam kein hartes Wort von ihm zu hören, nur in aller Ruhe und Gelassenheit suchte er ihr manchmal begreiflich zu machen, daß sie einem Hange nach Festlichkeit und allerlei Lebensausputz zu sehr nachgäbe, daß sich derlei nicht für ihre Stellung schicke und unnütz sei.

Dieser Hang war da, doch hatte er sich bei ihr durch lange Jahre hindurch nicht ausgebreitet, sondern sich stets ungefährlich und harmlos verhalten. In anderen Verhältnissen hätte er, der Begleiter von Reiz und Anmut, sich wie diese zu einer Höhe entwickeln können. Leichtsinn, Freude an Schönheit, mächtigster Trieb nach Heiterkeit und leichtem Leben wären dann wohl in der Delikateßhändlerin erwacht und hätten sie zu tausend Torheiten verlockt, so aber war sie mitsamt ihren Anlagen bis in das Alter hinein ein rechtes Kind geblieben und den bescheidenen, anspruchslosen Menschen, unter denen sie lebte, eine Annehmlichkeit. Ihr Mann konnte sich gar nichts Besseres, als in ihrer Pflege zu stehen, denken und ließ sie im Grunde ungestört ihren kleinen Schrullen nachhängen, die ihm nicht ganz verständlich waren und in denen er in den ersten Jahren ihrer Ehe den schon erwähnten besorglichen Trieb nach Wohlleben gewittert hatte, dessen mögliches Wachstum ihm bedrohlich erscheinen wollte, so unschuldig auch ihre Liebhabereien waren und blieben.


Zu dem schmalen, altmodischen Hause, das der Händler besaß und das er von seinem Vater ererbt hatte, gehörte ein enger Hof, der von hohen Hintergebäuden rings eingeschlossen war, so daß man von ihm aus weiter nichts von der ganzen Welt als nur ein winzig Stückchen Himmel sah, und dazu mußte man sich mitten in das Höfchen stellen und über sich schauen. Diese kleine Ecke aber war von Frau Häberlein sehnsuchtsvoll ausersehen, um hier einige überflüssige Lebensfreude zu gewinnen. Sie hatte als ganz junges Weib Tag und Nacht davon geträumt, in dem Hof sich ein Plätzchen zu schaffen, wo sie nach ihrer Tagesarbeit und in einer freien Stunde mit ihrem Strickstrumpf sitzen könne. Ihr Mann, als sie ihm zum erstenmal beim Abendessen schüchtern ihren Plan mitgeteilt hatte, mußte darüber lachen und sagte: »Was fällt dir ein? Das wäre ein schönes Vergnügen, in dem dunklen Loche zu sitzen. Das darf man der Nachbarsleute wegen schon nicht tun.« Da sah er, daß seiner Frau die Tränen in die Augen traten, schüttelte den Kopf und bekam, weil er diesen Vorgang in ihr nicht begriff, einen kleinen Ärger über sie. Als er sie aber am andern Morgen geduldig und zierlich im Laden hantieren sah, da fühlte er sich so hübsch sicher und geborgen durch die Wahl der Frau, daß er ganz vergnügt und übermütig wurde und einer alten Köchin, der die Kleine eben eine Tüte Pfeffer für den Dreier abwog, ein Spitzglas guten Likörs wohlwollend schmunzelnd entgegenreichte, so daß alle drei sich mit angenehmen Empfindungen lächelnd gegenüberstanden: die Frau, weil sie sich bei dem Benehmen ihres Gatten eine Vorstellung machte, als müsse es ihm außerordentlich wohl zumute sein; auch erschien er ihr in diesem Moment etwas komisch, und das mochte sie an ihm leiden; die Köchin, weil sie die Güte des Händlers und seines Likörs überraschte, und Herr Balduin, weil es ihm in Wahrheit, wie seine Frau es ihm angesehen, wohl zumute war und Angenehmes sich für ihn schon belebt hatte. Ein blühendes Geschäft, ein gutes, tüchtiges Weib, unbedingte Achtung seiner Kunden, eine Kiste ganz vorzüglicher Sardines à l'huile, die vor einer Stunde angekommen war und mit deren Inhalt er sein Gewölbe lockend ausstaffieren wollte, er war in bester Stimmung.

Als er aber an diesem Tage gegen Abend in das Ladenstübchen trat, da sah er seine Frau an dem tiefnischigen Fenster sitzen, das hinaus auf eine Quergasse blickte. Es stand ein Korb voll Federn neben ihr, und sie hielt einen Kapaun, an dem sie verständnisvoll gerupft hatte, um ihn zum Verkauf vorzubereiten, nachlässig in den Händen, bemerkte das Eintreten ihres Gatten nicht und schaute so ganz verloren zum Fenster hinaus mit einem Ausdruck, daß, wenn selbst ein dummer Tropf vorübergegangen wäre und sie beachtet haben würde, er bei sich gedacht hätte: Da sitzt ein melancholisches Frauenzimmer. Der Herr Balduin sah sie erstaunt an und wußte nicht recht, was er denken und wie er sich benehmen sollte.

»Na, Anna«, sagte er, »was hast du denn?« und legte ihr die Hand auf die Schulter. Da machte sie Augen wie eine arme Seele und lächelte verlegen.

»Ja, was hast du denn?« fragte der Händler noch einmal ganz bewegt und verwirrt. Sie waren damals schon ein paar Jahre miteinander verheiratet, und es war immer ruhig bei ihnen zugegangen. Die Frau mochte wohl hin und wieder ihre trüben Gedanken still für sich gehabt haben, sonst wäre der schmerzliche, wehmütige Zug, der Herrn Balduin in Erstaunen gesetzt hatte, nicht so klar auf ihrem Gesicht zu lesen gewesen, aber sie hatte noch keinerlei Trost oder Zuspruch von ihrem Gatten beansprucht und war jederzeit munter und freundlich geblieben, und nun war ihm der sanfte, traurige Blick eine neue Erscheinung. Als er sie noch einmal, schon etwas ungeduldig, darauf anredete, was ihr fehle, da brach sie in Tränen aus, legte den Kapaun auf das Fensterbrett, lehnte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes und sagte: »Es wäre so hübsch von dir, wenn du mir erlaubtest, daß ich mir im Hofe ein Sitzplätzchen herstellen dürfte.« – »Was meinst du?« fuhr Häberlein halb erschreckt und halb belustigt auf, als hätte er nicht recht gehört; »und darum heulst du?« – »Darum?« – »Nun, Gott sei Dank, daß wir keine Kinder haben, das wäre eine schöne Geschichte. Mit fünf Jahren wären sie gescheiter als ihre Mutter, und ich hätte die ganze Bande mit samt dir auf dem Hals. – Na, sei nur ruhig.« Er gab ihr einen Kuß; als sie aber immer heftiger weinte, schüttelte er verblüfft den Kopf und sagte: »Meinetwegen, da kehr dir in der Spelunke einen Platz und tanz darauf; mir soll's recht sein. – Sei nur ruhig.« – Und er klopfte ihr besänftigend auf die Schulter, dünkte sich väterlich und weise und meinte bei sich, daß ein Mann, wie er, doch etwas ganz Gehöriges bedeute gegen so eine Frau. Hätte er geahnt, daß er in dem Augenblicke dem tiefsten Geheimnis der Philosophie in der Erkenntnis ebenso nah und so weit entfernt sei wie den Vorgängen in der Seele des kleinen verweinten Weibes, er würde sich nicht schlecht gewundert haben.

Die Frau stand auf und nahm ihren Korb mit Federn in die Höhe, setzte ihn aber wie in Verwirrung wieder nieder, öffnete die vollen, vom Weinen heißen Lippen, als wollte sie etwas sagen, und sah zu Herrn Balduin auf. Dieser trommelte mit den Fingern auf einer Kiste, die auf dem Tische stand, und schaute nicht ganz behaglich vor sich hin. Noch einmal öffnete sie die Lippen und begann bescheiden und mit vom Weinen noch zitternder Stimme: »Wenn man so denkt, daß es auf Erden so viele Dinge gibt, die unsereins nicht kennt, und gar viele Freuden, die auf andere Leute fallen und uns auslassen, da kommen doch mitunter Gefühle über einen, die gerade wie eine Sehnsucht sind.« – »Nun, was willst du damit«, frug er etwas gereizt, »bist du nicht mehr zufrieden? Willst du Änderungen haben – immer zu! Trotzdem es kein gutes Zeichen ist, wenn das Weib oben hinaus will. – Aber nur zu!« Da lächelte die junge Frau, schüttelte den Kopf und sagte: »Was bist du nur gleich so böse?« Dann setzte sie leise hinzu: »Es war nur wegen der Dämmerung, daß mir es ein bißchen schwer ums Herz wurde.« – »Gut, dann schlag auch nicht Lärm, daß man meint, alles ginge drunter und drüber«, unterbrach sie mit Würde Herr Balduin, faßte sie am Kinn, hob ihr den Kopf, lachte trocken auf, indem er sie ansah, und sagte: »Was seid Ihr Frauensleute doch durchweg für Narren. Da stellt man sich vor, wenn einmal eine ihre Sache gut macht und vom Geschäft etwas versteht, es wäre Vernunft hinter der Geschichte, aber Gottes Wunder, wenn man das Ding bei Lichte besieht, da fällt alles unter den Händen auseinander, und man begreift nicht, wie ein Frauenzimmer irgend etwas Vernünftiges zusammenbringen kann vor lauter Kinderei und Verworrenheit. Sitzt eine Frau, die sich in die Zeiten doch endlich schicken sollte, in der Dämmerung und heult. Und weshalb? Es ist nicht zu sagen.« Balduin lachte im Gefühl seiner Bedeutung, trat mit dem Fuß auf und ging einmal heftig im Zimmer auf und nieder, blieb vor seiner Frau stehen und sagte: »Schaff du dir deinen Platz, wenn es dich glücklich macht, ich lege dir nichts in den Weg; aber nun ist's gut und kein Gejammere mehr. Du kannst doch, weiß Gott, zufrieden sein. Suche dir einmal einen Mann, wie ich bin, du würdest dich schön umgucken.«

In diesen Worten lag Überzeugung, die keiner Begründung weiter bedurfte. Das gute Weib blickte so voller Vertrauen und mit einem leichten Zug lieblichster Schelmerei zu ihm auf, daß sie in diesem Augenblicke ihres Lebens in vollster Blüte stand, in ungetrübter Anmut. Denn ihre Bewegung drang aus innerstem Herzen, in dem die Gefühle rein und unangetastet liegen und wenn sie aus ihrer Tiefe auftauchen, jeden Zug, die ganze vom Leben erniedrigte Erscheinung mit einer Überstrahlung heiligen.

Die Frau verstand das Wesen ihres Mannes fast unbewußt. Die gutmütige Selbstzufriedenheit, die muntere Überhebung berührte sie wie ein lieber Scherz, den sie voll durchschaute, der ihr wohlbekannt war und gegen den sie in ihrer Liebe nichts einzuwenden hatte. Herr Balduin fand, daß er ein nettes Weibchen habe, als die Frau in dem dämmerigen Ladenstübchen vor lauter guten, innigen Gefühlen wie mit Rosen überschüttet vor ihm stand.

So und ähnlich lebten die beiden Leutchen in gutem Behagen miteinander. Sie war mit ihrem Herrn wohl zufrieden und er mit ihr. Dem guten, etwas trockenen Balduin Häberlein aber fiel es nicht bei, daß neben ihm ein wunderschönes Leben wie ein eingeengter Quell leise, aber mit verhaltener Heftigkeit drängte, und wo in der Einengung ein Spalt entstand, in einem scharfen Strahl hervorsprudelte zu seinem außerordentlichen Erstaunen, denn von einem zum anderen Male vergaß er die unvermutete Übersprudelung, hatte aber doch bei jedesmaliger Wiederkehr, und als er sah, daß das Ding keinen Schaden anrichtete, eine versteckte Freude an solch unberechenbaren Zwischenfällen.


An der Einnistung in dem erbärmlichen Hof hatte sie sich damals durch nichts irre machen lassen und nicht Ruhe gehalten, bis Herr Balduin ihr eine Bank von Tannenholz, die sie vom Lehrjungen grün streichen ließ, schenkte, hatte sich eine Hacke gekauft, um ein paar Pflastersteine damit zu lockern: und da sie mit dieser Arbeit nicht zustande kam, war, ohne daß man es recht wußte, wie sich das gemacht, Herr Balduin in höchsteigener Person darüber gekommen. Er führte die zweifelhafte Idee seiner Frau aus, in dem schwerschattigen Hofe ein Beet zu schaffen, ächzte und stöhnte dabei und räsonierte über das sinnlose Frauenvolk. Aber die Frau hatte mit den Verhältnissen klug gerechnet und ihr Beet an dem bestmöglichen Platze angelegt. Der Tür gegenüber, die in den Hausflur führte, schien durch ein Fenster, welches zur Straße hinausschaute, und durch die Haustür, wenn sie offen stand, ein Stündchen des Tages die Sonne herein. Da bekam der Hof auch ein Teil Licht, und wenige Augenblicke, wenn alle Türen offen standen, trafen ein paar Sonnenstrahlen auf das Fleckchen, auf dem die Frau hoffnungsvoll und freudig ihr Beet angelegt hatte. Das war von ihr wohl bedacht worden. Auf das Beet pflanzte sie einen Strauß Petersilie, steckte ein paar Weizenkörner in das Erdreich, welche bleiche, ährenlose Halme aufgehen ließen, säte Kresse und ließ sich von einem Gärtner einige geduldige Tausendschönchen und Stiefmütterchen geben und noch ein unbestimmbares Schattenkraut. Vor die grüne Bank setzte sie ein wackeliges Tischchen und stellte, so oft es sich tun ließ, einen frischen Blumenstrauß darauf. So war für ihre liebevollen Augen ein schönes Gärtlein zustande gekommen, das für sie wirklich eine Quelle von Annehmlichkeiten wurde. Durch sorgliche Pflege und starken Willen brachte das kleine leidenschaftliche Weib es dahin, daß trotz Schatten und jeder Ungunst, in Jahren ein festgewurzeltes Allerlei um die grüne Bank her den feuchten Boden bedeckte. Zu einer Blüte brachte es keine der Pflanzen, aber zu einem guten Blätterwerk, und gerade der Tür gegenüber auf dem Flecke, der durch glückliche Zufälligkeiten von ein paar Sonnenstrahlen gestreift wurde, hatte sie den Gedanken gehabt, einen Fliederstrauch zu pflanzen, und damit das Richtige getroffen. Er gedieh und war mit der Zeit ein ganz stattlicher Busch geworden, der durch die offene Haustür grün und feucht zur Straße hinausschimmerte.


Nachdem mittlerweile Jahr um Jahr vergangen war und das Geschäft durch unermüdliche Vorsorge des Ehepaares ein Erkleckliches abgeworfen hatte, sollte auch das Gärtchen, das bisher nur stille, beschauliche Stunden geschaffen hatte, der Frau zu guter Letzt auch eine Freundschaft eintragen. Oben in die Dachwohnung war eine neue Mieterin gezogen. Eine Person ungefähr in dem Alter der Delikateßhändlerin, eine Frau Salome Thorspeck, die immer, ehe sie zu ihrer Stiege hinaufging, ein Weilchen auf den grünen, frischen Fleck im Hofe lugte. Die beiden Frauen waren einmal, als die Häberlein im Höfchen gewirtschaftet hatte und wohlzufrieden in der Tür lehnte, um ihr Werk Zu betrachten, und Frau Salome gerade die Treppe hinabstieg, miteinander in ein längeres Gespräch über das Gärtchen gekommen. Sie hatten sich schon immer freundlich begrüßt, aber es wollte sich kein näheres Verhältnis zwischen ihnen anspinnen. Das lag an der Häberlein, die durch ihren Mann nicht gerade die beste Meinung von ihrer Mieterin hegte. Der war gegen Frau Salome stark eingenommen, und als seine Anna ihm jetzt ganz erfreut mitteilte, daß die Frau, die oben eingezogen, eine artige und verständige Person zu sein scheine, da fuhr er auf und sagte: »Laß mich mit der Närrin in Ruh! Schwatz du mit ihr, soviel du willst, und warte ab, bis sie dir ein Loch in den Magen geredet hat, denn das tut sie, da kannst du dich heilig darauf verlassen. Wer solche Briefe schreibt wie das Frauenzimmer oben, vor der muß man sich hüten. Das sage ich dir: die hat einen Sparren im Kopfe, denn solche Briefe schreibt unsereins nicht!«

Herr Balduin hatte Gelegenheit gehabt, die Salome Thorspeck als Briefstellerin kennenzulernen, und hatte sich ein Urteil über sie an ihren Produkten gebildet. Übrigens war er der Bevorzugte nicht allein, sondern außer ihm ein gut Teil wohlsituierter Handels- und Gewerbetreibender, die mit ihm in demselben Stadtviertel wohnten, kannten die Eigentümlichkeit der guten Salome, in wohlgesetzten Phrasen ihr Elend und ihre Übelstände denjenigen schriftlich ans Herz zu legen, von denen sie eine kleine Aushilfe zu erlangen hoffte. Sie lebte in armseligen Verhältnissen, stand ganz allein, war früh Witwe geworden und hatte drei Söhne zu erziehen gehabt, die zur Zeit, als sie in das Dachstübchen zu Häberleins einzog, schon in alle Welt verstreut waren und in entlegenen Erdwinkeln ihr knappstes Unterkommen gefunden hatten. Sie war eine gute, rechtliche Frau, vor der man alle Achtung haben konnte, denn sie hatte ein schweres Leben standhaft ausgehalten. Durch eine verhängnisvolle Begabung aber, den Ausdruck für ihre etwas wirren, etwas überschwenglichen Gefühle leicht zu finden, hatte sie sich geschadet und war um all die sauer verdiente Achtung gekommen, die ihr das Leben hätte einbringen sollen, und war statt dessen zur komischen Figur geworden, die ihre Mühsal und ihren Kummer wie ihr Wohlbefinden zur Unterhaltung und Belustigung ihrer Nebenmenschen tragen mußte. Die Welt ist grausam in der Beurteilung derer, die das Spärliche mit ihrer Begabung überschreiten, und höhnisch, wenn das Überflüssige an einer Person unzulänglich erscheint. Man hat das, was uns auferlegt ist, unwiderruflich zu tragen; – also aushalten. Da ist jede Betrachtung unnötig. Man soll schweigen und niemand belästigen. Spricht man doch, hält die Leute auf und jammert ihnen entgegen mit halb geschickten, halb ungeschickten Redewendungen, braucht, um die Lage klarzulegen, ein gutgefühltes Gleichnis, das man ungelenk und ungeübt nicht recht zu Ende führen kann, das sollte wohl mit Erbarmen erfüllen. In solcher Rede schimmert das auf, was vom harten Leben längst schon ertötet sein müßte. Statt dessen aber dient es zum Gaudium, und man ist übel daran. Und Salome hatte gar das Unglück, nicht nur zu reden, sondern ihre guten Gefühle, die ihr unter den Händen, wenn sie irgendeinen hilfesuchenden Brief verfaßte, zu abenteuerlichen Sätzen und verschrobenen Gedanken wurden, schriftlich niederzulegen. Was Wunder, daß es ihr schlecht erging.

Von dem Tage an, als sich die beiden Frauen auf dem Hausflur begegnet waren, hielten sie fest zueinander, saßen, so oft es sich tun ließ, zusammen auf der grünen Bank im Hof und gaben in dem großen Weltschauspiel eine Gruppe rührendster Unvollkommenheit ab. Eine jener Gruppen, wie sie sich zu tausend und aber tausend Malen bilden: der armselige Hof, der einen Aufenthalt der Lebensfreude darstellen sollte, die spießbürgerlich zierliche Delikateßhändlerin, die in anderer Atmosphäre in ununterbrochener Anmut ihr Leben geführt hätte, und Salome, deren reich empfindender Geist unter günstigerem Sterne zu einer schönen Ausbildung gekommen wäre. Es hat etwas Erschreckendes, zu denken, welch eine unendliche Macht edler Kraft verkümmerte. Doch wer ahnt, was in uns dazu bestimmt ist, das Ewige in sich zu tragen? Das, was wir als groß und schön, als errungen uns vorstellen, ist vielleicht vor dem Reichtum des Ungeahnten so verschwindend klein, daß es von dem, was wir unvollkommen nennen, nicht zu unterscheiden ist, und das eine dem Höchsten so nah und fern ist wie das andere.

Die beiden Frauen befanden sich recht wohl, wenn sie miteinander im Hof mit ihren Arbeiten zusammensaßen und plauderten. Anna ließ sich von den drei Söhnen der Freundin vorerzählen. Sie berieten miteinander den Küchenzettel. Herrn Balduins Eigentümlichkeiten und Vorzüge wurden zum öfteren durchgesprochen. Herr Balduin selbst war mit der Zeit dem Umgange Annas mit der Freundin geneigter geworden, ließ sich sogar herbei, den Sonntagskaffee und Kuchen, den seine Frau mit sicherster Regelmäßigkeit bereitete, in Frau Salomes Gesellschaft einzunehmen.

Frau Salome trug jahraus, jahrein eine ausgezackte, schwarze Pelerine und um die Taille einen alten Ledergürtel nachlässig geschnallt; an dem hing an einem perlengestickten Bande, das noch aus ihrer Mädchenzeit stammte, eine Schere. Salome war Flickschneiderin und nähte, so oft es sich traf, tagsüber bei den Leuten. Sie wußte allerlei aus den Familien ihrer Kunden mitzuteilen und tat es mit einem für fremdes Leben offenen Herzen. Für ihre Söhne hatte sie Frau Häberleins Gemüt sehr erweicht und war nach nicht allzu langer Bekanntschaft mit ihrer Gönnerin dabei, den Jüngsten in das Geschäft einzuschmuggeln. Der stand bei einem Kolonialwarenhändler in einem kleinen Städtchen in der Lehre und hatte es dort nicht zum besten. Und Anna trug sich nun zu allen Stunden mit dem Gedanken, ihren Mann dazu zu bestimmen, den Sohn der Freundin in das Haus und ins Geschäft zu nehmen. Das wurde eine jener Ideen, denen sie mit wahrer Glut nachhing, in die sie sich versenkte, an denen sie ihre Hoffnung und ihre überflüssigen Lebenskräfte sich austoben ließ.

Salome hatte für diesen Jüngsten eine ganz besondere Zuneigung, ließ durchfühlen, daß dieser Sohn ihr geistig vor allen anderen am nächsten stände, daß sie mit Rührung und Erbauung sich selbst in ihm von neuem leben sehe. Um die feine und zierliche Denkungsart des hoffnungsvollen Jüngsten darzulegen, erzählte sie, daß er im Gegensatz zu den anderen Söhnen von frühester Jugend an einer Vorliebe zum Zarten, Gefühlvollen nachgegeben habe.

Als sie das mit einer zu Herzen gehenden Rührung besprach, stand sie in der Küche der Frau Häberlein und schaute zu, wie diese eine feste, schöne Schweinskeule, die am Feuer schmorte, gewandt und sicher in der Pfanne hob, um sich von deren allseitigen Vorzüglichkeiten zu unterrichten. Salome ließ sich nicht dadurch stören, daß die Delikateßhändlerin im Gefühle der Verantwortlichkeit, die ihr der Augenblick auferlegt hatte, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Keule gerichtet zu haben schien. Sie gab ihrem Drang, sich auszusprechen, vollkommen nach und erzählte, wie der Jüngste schon als kleines Bürschchen ihr zur Erlustigung, wie ein Herrlein so fein, mit spitzen Lippen, einen Vers aufgesagt habe, der zu ihrer Jugendzeit alt und jung bekannt gewesen sei. Den habe sie dem Kinde beigebracht. Und nun begann sie, unbekümmert um das Schmoren und Zischen neben ihr, das die kleine Frau Häberlein mit ernstester Aufmerksamkeit erfüllte, den Vers mit einer wehmütig bewegten Stimme, die sie oft annahm, vorzutragen:

»Weint, ach weint, ihr lieben Närrchen,
Herr von Rosenrot ist tot;
Ach, er war ein süßes Herrchen –«

»Ei, so laßt das jetzt, Frau Thorspeck!« unterbrach sie Frau Häberlein, als Salome weiter fortfahren wollte. »Für dergleichen ist jetzt keine Zeit. Gebt mir die lange Zinnschüssel herunter, daß sie mir gleich parat steht.«

Salome tat, ohne sich über die Unterbrechung ihres Gefühlsausbruches gekränkt zu zeigen, was die Händlerin von ihr verlangte. Sie mochte vom Leben hart gewöhnt sein, und da sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit bei der Hand war, ihre Empfindungen zu äußern, so war es ihr nichts Neues, zurückgewiesen zu werden und unbeachtet zu bleiben. Sie hatte die glückliche Eigenschaft, die den Taktlosen eigen ist, die mit einer kindlichen Harmlosigkeit das in Empfang nehmen, was ihre Ungehörigkeiten ihnen eingebracht haben.

Die herzensgute, kluge Frau Häberlein hatte es bald durchschaut, wo die Freundin kurz gehalten werden mußte. Sie war eine sich selbst fast unbewußte, aber starke Feindin jedes Unzarten und jeder Zudringlichkeit und fühlte sich deshalb oft von dem Benehmen ihrer Mieterin nicht angenehm berührt. Doch in ihrer Güte und ihrem Verlangen, etwas zu finden, das die stille Sehnsucht nach Unbestimmtem in ihrem Herzen wohltuend beschwichtigen sollte, nahm sie solche Unannehmlichkeiten und Fehler an jemandem, dem sie ihr Herz geschenkt hatte, wie eine Erkrankung dieser Person hin und hatte alles Mitleiden.

So kam sie einmal herauf zu ihrer Mieterin in das Dachstübchen und fand diese, wie sie auf ein Blatt schrieb, das mit einer Schere dürftig gerade geschnitten war. »An wen schreiben Sie?« fragte das Frauchen schon beängstigt, als sie kaum die Tür hinter sich geschlossen hatte, da sie der Anblick der schreibenden Salome beunruhigte. Es war ihr, als sähe sie diese mit allem Fleiße an ihrem bösen Verhängnis arbeiten.

»Ich habe an die Kanzleirätin eine Antwort zu bringen.«

»Nun, weshalb bringt Ihr die nicht?«

»Es ist sicherer«, sagte Salome, »ich gebe sie ab.«

Die Kanzleirätin gehörte zu den Kunden der Schneiderin, und in dem Hause dieser Frau hatte sie so mancherlei erfahren, was ihr zu denken gab. Die Leute waren ihre vornehmsten Gönner, hatten gut zu leben, eine angenehme Stellung und waren doch alle Nasenlang vor Unannehmlichkeiten und allerlei Not nicht sicher. Salome in ihrer Klugheit und Welterfahrung schien in diesem Hause Übelstände klar wahrgenommen zu haben. Die Söhne waren ohne glückliche Begabung, machten von Kindheit an Sorgen, weil sie mit ihrem notwendigen Bildungsgange nicht zustande kommen konnten. Die Rätin steckte ununterbrochen in Geld- und Mägdenot. Der Rat war durch fast pflichtmäßige Angewöhnung den größten Teil des Tages übellaunig und versah unter seinen Angehörigen ein für alle ermüdendes, schwerfälliges Richteramt. Und außer all diesen fest eingenisteten Unzuträglichkeiten war ihnen in letzter Zeit noch eine Erbschaft entgangen, auf die sie hoffnungsvoll gerechnet. Das gab böse Zeit im Hause, die Salome vollkommen durchschaute. Sie hatte der Delikateßhändlerin alle ihre Beobachtungen mitgeteilt, und deshalb war es dieser aus gewissen Gründen gar nicht recht, daß Salome die Ausrichtung an diese Familie schriftlich verfaßte. Sie hatte ihr auch von einer Funzel, die bei Rats im Hause lebte, erzählt und gesagt, daß das ein prächtiges, junges Frauenzimmer sei, die der Frau Rat zur Hand gehe und bei den Kindern und in der Küche alles in aller Lustigkeit zustande brächte, und auch erzählt, daß diese Funzel einen anderen Namen führe, aber von allen Seiten Funzel und von den Kindern Funzelchen gerufen werde. Sie glaube, daß das rötliche Haar des Mädchens, das ihr bei jedem Windhauch um den Kopf flatterte, schuld daran sei, daß man sie Funzel rufe. Funzel nannte man in Sachsen ein kleines, offen brennendes Öllämpchen. Der Brief war gerade beendet bis zur Unterschrift, als Frau Anna eintrat, und gleich im Augenblick darauf mußte Salome in die kleine Küche springen, weil auf dem Herdfeuer ihre Abendsuppe kochte und für einen so schmalen, spärlichen Bissen einen ganz ungehörigen Lärm vollführte, zischte und wallte, weil Salome in ihrem Eifer sie über Gebühr auf dem Feuer gelassen hatte. Diese Zeit benutzte Anna und schaute in den Brief. Es war, wie sie befürchtete: Salome hatte ihrer Feder alle Freiheit gegönnt.

»Frau Rat!« so begann der Brief. »Nach unserer heutigen Rücksprache wegen zu ihnen zu kommen, wie Sie mir sagten, ginge es nicht gut mit dem zu mir schicken? Den kürzesten Weg schlage ich Ihnen vor durch einen Stadtpostbrief an mich. Diesen Betrag rechne ich Ihnen nach getaner Arbeit zurück. Gern! ganz gern komme ich rauf zu Ihnen und zur lieben Familie. Glauben Sie mir, Schickungen, die mir vielmal nicht gefielen, sind mir in meinem Leben, in meiner Ehe bekannt geworden, daß ich sagen kann: Mein Herz ist durchs Feuer der Trübsal geläutert, und weiß deshalb mich in jeder Menschen Lage zu schicken in Zufriedenheit.

Jeder Tag steht Ihnen zu Dienst, Frau Rat.

Salome Thorspeck.

Die jetzige Zeit bis Oktober nennt man die Gurkenzeit. Die Sachlagen stehen säumig. Es gibt über der Arbeit keinen Rummel. Seien Sie alle in Achtung gegrüßt –«

Dies war Salomes Brief, und Frau Häberlein stand in einem verlegenen Staunen und blickte, nachdem sie ihn schon zu Ende gelesen, noch darauf hin. Er gefiel ihr nicht, und sie fühlte sich in der Seele der Freundin gekränkt. Sie konnte sich nicht in sie hineindenken, wie sie es anstellen möge, so an die vornehmen Leute zu schreiben, und empfand einen tiefen Schmerz, der ihr die Tränen in die Augen trieb, als ihr die Freundschaft mit ihrer Mieterin durch den Eindruck, den sie eben empfangen, mit einem Male so wenig schön und herzerquickend vor der Seele stand. Das ganze Leben zog in diesem Augenblick an der Frau vorüber, und von keinem Ereignis fühlte sie, daß es den Grund ihres Herzens berührt hätte. Sie atmete tief auf, denn das alte, dumpfe Haus, das Gewölbe mit seiner dick durchtränkten Luft, die Anhäufung öliger Fässer und Büchsen, die hunderterlei Gerüche, das unausgesetzte Berühren von Eßwaren, die sie ihr Lebtag hatte zwischen den Fingern herumzerren müssen, alle diese Bilder brachten ihr ein beängstigendes Gefühl, und nichts, was mit ihr zusammenhing, erschien ihr wünschenswert. Als Salome wieder aus ihrer kleinen Küche heraustrat, da blickte die Gute sie verschüchtert an, als sei die Eintretende für sie eine fremde, nicht ganz vertrauenerweckende Person, und sagte zu ihr: sie habe nur einmal nach ihr sehen wollen und müsse gleich wieder hinunter ins Gewölbe.

»Habt Ihr vielleicht etwas zu helfen?« fragte Salome. »Man hilft ja gern einander.« Ihre Manier war es, an die einfachste Antwort eine allgemeine Redensart zu knüpfen.

»Nein«, sagte das Frauchen, »heute nicht. Aber kommt nur ein bißchen herunter, wenn Ihr mögt.«

Als Frau Häberlein wieder hinter dem Ladentische stand, war es ihr nicht wohl zumute. Sie fühlte sich bedrückt, daß die Thorspeck den Brief geschrieben hatte, und daß ihr so quälende, böse Gefühle erweckt worden waren. Sie betrachtete Salome als eine Wohltat, die ihr zugebracht war und für die sie ungetrübt dankbar sein wollte. So wohl zufrieden sie mit Herrn Balduin sein konnte, so lebte in ihrem Herzen unaufhörlich ein sehnsuchtsvolles Gefühl, an das sie sich gewöhnt hatte, das sie durchs Leben begleitete, das sie oft so wenig bewußt empfand wie ihre eigenen Hände, bis es ihr einmal von außen her berührt wurde und sie in vollster Sehnsucht nach irgendeinem erreichbar oder unerreichbar heiteren Glück dastand. So hatte sie von ihrem Manne durch ein langes Leben hindurch hin und wieder kleine, sie erfreuende Dinge erbeten. Aber nicht leichthin, wie es dem Wert der Sache zukam, sondern mit Leidenschaft, die ausreichen würde, ein volles Lebensglück zu erbitten. So hatte sie um das Gärtchen gebeten, um einen hellen Anstrich der Ladenstube, um eine gelbscheckige Katze, die ihr eine Nachbarin zum Verkauf angeboten, um solch kleine Erfreulichkeiten, so auch um die Erlaubnis, mit Salome verkehren zu dürfen.

Jetzt lag es schwer auf ihr, als ihr durch den Sinn ging, daß sie jetzt im Augenblick es an sich kommen lassen würde, deren Gesellschaft so dringend, wie sie es getan, zu erwünschen. Dies Bewußtwerden brachte sie über ihre Mieterin in Ärger, besonders als sie bedachte, wie sie so innig den Wunsch hege, sich und Frau Salome zur Freude deren Jüngsten in das Geschäft zu nehmen. Ja, sie hatte schon so halb und halb die Gewißheit, daß Balduin nichts gegen ihren Vorschlag einwenden würde, denn zu Ostern sollte ein Lehrling in das Geschäft genommen werden, das hatten sie miteinander besprochen, und weshalb konnte es Leander Thorspeck nicht so gut wie jeder andere auch sein. So gingen ihr die Gedanken durch den Kopf, während sie die Kunden bediente, und mochte es werden, wie es wolle, sie beschloß, da man ohne einen Wunsch so wenig wie ohne einen frischen Trunk leben kann, an dem Verlangen, Salomes Jüngsten bei sich unterzubringen, festzuhalten.

Und Frau Häberlein hatte sich nicht verrechnet. Als sie ihr Anliegen nach einiger Zeit vorbrachte, war Herr Häberlein anfangs nicht ganz einverstanden mit dem Vorschlag seiner Frau. Es war ihm nicht recht, daß die Mutter des Sohnes mit im Hause wohne, wegen des Getratsches, das dann nicht aufhören würde, von oben nach unten und von unten nach oben, aber er gab nach, weil sich gegen Salomes Jüngsten nicht viel sagen ließ. Er hatte gute Schulzeugnisse aufzuweisen, und sein jetziger Herr schien ganz erträglich zufrieden zu sein. Und besonders gab Herr Balduin deswegen nach, weil er einer ihm wohlbekannten Art seiner Frau zu bitten, nicht widerstehen konnte, und an einem Ostersonntag wurde Leander Thorspeck bei Häberleins erwartet.

Das Frauchen hatte einen hohen, guten Kuchen gebacken, ihr Damasttuch auf den Tisch gebreitet und Salome zum Kaffee eingeladen.

Herr Balduin betrachtete die Vorbereitungen zum Empfange des Lehrlings kopfschüttelnd. Das wird etwas Gutes werden, dachte er; sie wird ihn mir verwöhnen.

Während Anna und Salome erwartungsvoll im Ladenstübchen vor dem gedeckten Tisch saßen, stand Herr Balduin im Gewölbe und bediente die Kunden, denn die Ladenklingel erklang jede Minute.

»Der Tausend«, sagte Salome, »das geht ja!«

Und Anna erwiderte bescheiden, in behaglichem Sicherheitsgefühl: »Das ist so schlimm nicht, so geht es nicht in einem hin.«

»Na, na, na!« meinte Frau Salome. Da klang die Klingel wieder und man hörte Meister Häberlein mit erhobener Stimme sprechen.

»Jetzt ist er gekommen«, sagte Salome, »das ist Leander!« Sie stand auf, lugte durch das Fensterchen in der Tür. »Ja, das ist er«, sagte sie in mütterlicher Zärtlichkeit, »kommen Sie doch, Anna, und sehen Sie!«

Frau Häberlein stellte sich auf die Zehen und schaute auch; da sah sie einen lang aufgeschossenen, blonden Menschen mit einem Felleisen, das ihm an den hageren Schultern herabhing. Er trug eine Brille, die sich ganz eigentümlich auf seinem eckigen, rötlichen Gesicht ausnahm. Sein blondes Haar war straff aus der Stirn herausgekämmt und hing ihm starr und spärlich ein Stück hinter den Ohren vor. Aus den unzulänglichen Ärmeln seines braunen Rockes schauten ein paar breite, rote Hände, die an derben Gelenken saßen. Herr Balduin sprach mit Würde und Eifer auf ihn ein. »Hat er es mit den Augen zu tun?« fragte Anna, die nicht recht wußte, was sie über den neuen Lehrling sagen sollte.

»Ja. Seinerzeit bekam er eine Brille, und es hatte sich dadurch ganz gut mit ihm gemacht«, erwiderte Salome.

Jetzt führte Balduin den Lehrling in die Stube.

»Das ist der Lehrling«, wandte er sich an seine Frau, »und so Gott will, kommen wir miteinander aus.« Indem er dies sagte, blickte er mit einem unwillkürlich komischen Ausdruck des Mißtrauens auf den langen, haltlosen Gesellen, der neben ihm stand.

Salome hatte sich in übertriebener Bescheidenheit in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen. Der Ankömmling muhte sie schon längst bemerkt haben, tat aber, als sähe er sie nicht, und blickte vor sich hin.

»Nun, nun«, rief Frau Anna ganz erregt, »sieht Er denn nicht?«

Da hob der lange Leander den Kopf und schaute direkt nach der Ecke hin, wo Salome süß lächelnd stand.

»Da steht ja die Frau Mutter!« sagte er mit einem Tone, der Erstaunen ausdrücken sollte, aber im Ausdruck verfehlt war und völlig nichtssagend klang. Er ging auf sie zu, sie auf ihn. Salome legte ihm die Hand auf die Schulter, blickte zu ihm gefühlvoll auf und sagte: »Lieber Sohn, wir sind unseren Wohltätern den größten Dank schuldig.«

»Ja«, erwiderte Leander mit gedrückter Stimme. »Wie geht es Euch, Mutter?«

»Recht gut, Leander; wenn man in so liebem Verkehr sieht wie ich und soviel Grund zur Dankbarkeit hat wie ich, da sollte es einem wohl nicht gut gehen?«

»Laßt das doch jetzt!« sagte Frau Häberlein, deren Herz vor innerster Erregung klopfte. Wäre das mein Sohn, dachte sie, und ich hätte ihn so lange nicht gesehen, wir wollten uns anders begrüßen. Du lieber Gott, wenn er noch übler aussähe, und da möchte doch dabei sein, wer da wollte, einen Kuß sollte er von mir haben, wie sonst auf der ganzen Welt ihm niemand einen geben könnte, dem armen, langen Geschöpf. Und indem sie das dachte, blickte sie unwillkürlich den steifen Leander unbeschreiblich liebevoll an.

»Kommt nun und setzt Euch zum Kaffee«, sagte sie. Herr Häberlein war schon wieder draußen im Gewölbe beschäftigt, und die kleine Frau bediente ihre Gäste, lugte inzwischen durch das Fensterchen, um zu sehen, wie es stände, ob ihr Balduin nicht bald zu seinem Nachmittagsschälchen käme. Öfters wandte sie sich in aller Liebenswürdigkeit an Leander, fragte, wie es bei seinem ersten Herrn mit der Tageseinteilung gehalten worden sei, mit dem Aufstehen, den Mahlzeiten, wann sie den Laden geschlossen, ob sie auch ihren Handel auf Südfrüchte und Käseware ausgedehnt hätten, und was er von den verschiedenen Aufbewahrungsmanieren der Käsesorten halte. Sie begann ihn eifrig nach ihrer Weise auszufragen, bekam aber äußerst zurückhaltende, kühle Antworten, wie sie jemand gibt, der einem unberufenen Frager Rede stehen muß, einem, der nichts von der Sache versteht.

Die kleine Frau blickte den Gesellen, der eben gehörig in den Kuchen einhieb, scharf und forschend an. »Hör Er«, sagte sie. »in dem Geschäft, aus dem Er kommt, scheint mir die Frau ihre Hände nicht mit darin gehabt zu haben, wie es sein sollte. Die hatte mit den Kindern und dem Hauswesen vielleicht viel zu schaffen. Bei uns aber geht es anders zu, und ich verlange jederzeit eine Antwort, wie sie sich auf meine Fragen gebührt. Das merk Er sich!«

»Ei, Frau Anna, was meint Ihr?« begann Salome. »An so etwas wird es der Leander nicht fehlen lassen, da müßte er mein Sohn nicht sein.«

»Nun, er möge es sich gesagt sein lassen«, erwiderte die kleine Frau gemessen und goß ihm von neuem Kaffee ein. Sie bemerkte, wie Salome ihrem Sohn, als sie sich nicht beobachtet fühlte, einen Rippenstoß versetzte, was den Anschein hatte, als wollte sie in ihm die Lebensgeister etwas in Umschwung setzen, so wie man eine Flasche umschüttelt, um deren Inhalt durcheinander zu bringen.

Frau Anna legte sich an diesem Abend nicht ganz leichten Herzens zur Ruhe. Sie hatte sich am Morgen hoffnungsvoll erhoben und einer Zeit entgegengesehen, wo unter ihrer Pflege und Sorge ein guter Junge stehen würde, für den sie alles gedeihlich und klug einrichten wollte und nach dessen Zuneigung und Vertrauen sie im voraus schon Verlangen trug. Jetzt stand ihr der lange, karge Leander vor der Seele, und ihre warmen Gefühle duckten sich zusammen wie Vögel bei unerwarteter Märzenkälte. Sie lag lange, ohne einschlafen zu können, bis sie wieder zu neuer Hoffnung kam und meinte: »Seine guten Seiten werd' ich schon finden. Es wird sich etwas aus ihm herauslocken lassen.«

Sie würde Geduld haben, das wußte sie. Wie hatte sie ihr Gärtchen gepflegt mit aller Ausdauer und war durch dessen Gedeihen belohnt! Sie war durch Erfahrung zu einer Reihe guter Gleichnisse gekommen, die ihr veranschaulichten, daß Mühe im Leben auf irgendeine Weise hoffnungsvoll sei. Und so gab sie es nicht auf, als Wochen schon ins Land gezogen waren und der Lehrling so gleichgültig und ungeweckt blieb wie am ersten Tage, ganz unverdrossen an eine künftige Wandlung im Wesen ihres Schützlings zu glauben.

Herr Balduin war Leanders wegen oft verdrossen, weil der lange Schlapps, wie er ihn nannte, voller Trägheit steckte und, weiß Gott, nicht wert war, in dem an liebevolle Hingabe gewöhnten Spezereigewölbe zu hantieren. »Nur allein, wie der Bursche eine Kiste öffnet«, sagte er voller Überdruß eines Abends zu seiner Frau, »ist nicht zum ansehen. Da nehm' ich ihm zehnmal lieber das Stemmeisen aus den Händen und mache die Sache selber, als daß ich dem Getrane zuschaue. Da haben wir uns etwas eingebrockt. Alte. Die Salome oben ist mir nachgerade auch unleidlich, und wenn es nur des Sohnes wegen wäre. In allen beiden steckt der Hochmutsteufel und guckt ihnen durch die Lumperei. Sie sind sich zu gut für das, was sie sind, verstehst du?«

»Ei ja, ich verstehe schon«, erwiderte die Frau, »aber ob es sich so verhält, das kann man nicht wissen. Denk doch, wie schwer Salome sich durchs Leben gebracht hat? man muß ihr immerhin alle Achtung geben.«

»Das kann sein; weshalb nicht«, unterbrach sie Herr Häberlein. »Du lieber Gott, was für erbärmliches Volk muß mit dem Leben fertig werden oder das Leben mit ihnen; das kommt auf eins heraus. Und wenn sie sich noch so verschroben anstellen; entweder gehen sie über ihren Torheiten zugrunde oder nicht, und da findet sich etwas für sie, da sorgt das Leben für sie. So ganz erstaunlich ist es nicht, daß sich die Gesellschaft oben durchgebracht hat, dickfellig wie sie sind. Wenn du einmal dazu kommen kannst, sieh zu, was Leander in seiner Dämelei für einen Schmöker in der Rocktasche mit sich herumträgt. Ich habe meinen Ärger darüber. Du hast es ja selbst bemerkt; wie einem zum Possen zieht er sein Büchelchen vor, sowie es im Augenblick nichts zu schaffen gibt, tut, als vertiefe er sich hinein und höre und sehe nichts mehr. Ein paarmal habe ich ihm die Komödie so hingehen lassen, wie ich es aber bei Gelegenheit endlich verbot, schaute er aus dem Buche auf mit einer so erhabenen Miene, als wollte er sagen: Was fällt dir ein, mich zu stören, schob das Buch nachlässig unter den Schürzenlatz und machte sich dann an die Arbeit, als täte er sie einem Dummen zuliebe.« Während Herr Balduin so sprach, redete er sich in Ärger hinein. »Ja«, fuhr er fort, »wenn der Bengel sich noch irgend etwas zuschulden kommen ließe, wenn er grob und ungehörig würde, dann könnte man ihn mit Fug und Recht loswerden; aber das ist er nicht. In seiner Maulfaulheit ist nichts Gutes und nichts Schlechtes aus ihm herauszubringen. Alles macht er mit den verfluchten Mienen ab, die man, um ihm die Freude zu versalzen, einen in Ärger gebracht zu haben, gar nicht bemerken darf. Aber das halte ein Mensch aus. Ich gäbe etwas darum, wenn er seine Sache schlecht machte; aber so abscheulich es aussieht, wenn er etwas angreift, er bringt es zustande wie ein Munterer und Behender. Im Traume aber kommt mir sein hochnäsiges, rotes Gesicht vor. Der Kerl ist imstande, mich Tag und Nacht in Ärger zu bringen.«

»Ja«, sagte Frau Häberlein seufzend, »ich hätte es mir anders gedacht.«

»Nun, wir müssen es aushalten«, fuhr er fort, »denn weder den Leander noch die Frau Salome wüßte ich bei etwas Unrechtem zu fassen. Was recht ist, muß recht bleiben. Aber, weiß Gott, der Bursche hätte Schreiber oder Schneider werden müssen, dazu hätte er eher getaugt. Einer, der sich mit der rechten Hand die Nase zuhält, wenn er mit der linken einen Hering aus der Lauge nimmt, der wird nie mit vollem Herzen in unserem Geschäft stehen.«

Anna fühlte sich bedrückt durch den täglichen Verdruß, dem Herr Balduin ausgesetzt wurde, und tief gekränkt, daß sie im gütigen Entgegenkommen an der Unliebenswürdigkeit des jungen Menschen abgeprallt war.

Sie hatten damals einen trüben, naßkalten Winter. Der Sommer und Herbst war der Delikateßhändlerin hingegangen, ohne daß sie recht von dem Reichtum, der aus der Erde gebrochen war, in ihrer engen Gasse etwas bemerkt hätte. Wenn sie am Fenster in dem Ladenstübchen gesessen, die sommerlich geputzten, sonnendurchwärmten Leute hatte vorüberziehen sehen, war es ihr oft enge ums Herz geworden bei der Vorstellung, daß die Glücklichen in aller Behaglichkeit hinaus auf die Dörfer zögen, daß sie an die Ilm gehen würden, nach Süßenborn, Tiefurt und Tröbsdorf stromauf- und -abwärts. Da zogen Bilder von schönen Flußufern, vollaubigen Bäumen, sich schlängelnden Wegen, auf denen muntere Leute gingen, an ihrer Seele vorüber. Herr Balduin war von jeher kein Freund von Fußwanderungen gewesen, und sie hatten ihren Sonntagsgang gewöhnlich nach nahegelegenen Anlagen gerichtet oder zur besonderen Feier in einem kleinen Stadtgarten jedes ein Schälchen Kaffee eingenommen. Das waren die Genüsse gewesen, die ihr der Sommer eingebracht hatte, und jetzt saß sie am Fenster, und der nasse Nebel zog durch die Straßen, ein leichter Schneeschauer sank hin und wieder feucht herab. Die Leute liefen verdrossen und eilig ihres Weges. Und so ging es wochenlang Tag für Tag. Kein Sonnenstrahl hatte über die hohen Dächer herübergelugt, und auf der Frau lag etwas schwer und freudlos, sie wußte nicht, was es eigentlich war. So ähnlich hatte sie wohl schon manchmal im Leben empfunden, nie aber so lange und ununterbrochen wie an jenen trüben, nassen Wintertagen. Es war ihr, als hätte sie an nichts mehr ihre Freude. Wenn sie in der Dämmerstunde saß und auf die Ladenklingel horchte, da zog wie mit schweren Flügeln ihr ganzes Leben an ihr vorüber, Jahr von Jahr, Tag von Tag unterscheidbar. Die Zeit, die Balduin und ihr einst stundenweis zugehörte, floß gleichmäßig in der Erinnerung wie ein träger Bach. Wohin? Weiter, immer weiter; nicht mehr allzulange. Wenn Anna mit ihren Empfindungen bis zu dieser letzten Betrachtung gekommen war, seufzte sie innerlich schwer auf und dachte: Für wen aller Fleiß? Für wen das bißchen Mühe? Ja, wenn wir Kinder hätten, da sähe die Sache anders aus, aber so? Wozu die Sparsamkeit? Weshalb freut sich der arme Balduin über den Jahresgewinn? Wir hätten ja genug und übergenug. Du mein Gott! Da sitzt man nun und sorgt sein Lebtag für Leckerbissen, die die Leute holen, wenn sie welche brauchen. Da hat man sich hundertmal miteinander gesehen und kennt sich doch nicht. Wer es ihnen gibt, ist ihnen gleich. Mitten unter Menschen steht man allein, und was man sein Lebtag zustande gebracht hat, weiß man selber nicht, und niemand dankt es einem.

Hätte die Delikateßhändlerin in solchen schwermütigen Stunden die wunderliche Vorrede, die einst der einfachen Geschichte ihres Lebens vorangehen würde, geahnt, wer weiß, ob sie diese nicht gern verstanden und ob sie nicht einen Trost für sich gefunden hätte, zu denken, wie sie beide, Herr Balduin und sie, mit ihrer täglichen Geschäftigkeit in das Bewegen des Weltlaufes tätig, unmerklich, doch mächtig eingegriffen hatten. Hätte sie einen tieferen Blick auf ihre Wirkung im Leben tun können, würde das sie in Erstaunen gesetzt und ihr wohlgetan haben; denn nutzlos war es nicht, was sie vollbrachten. Doch so nahe der Gedanke mit ihr jetzt hier verbunden steht und die beiden Alten uns zeigt, wie sie den Mächtigsten auf Erden zum kräftigen Dasein mit verhalfen, so wenig war er ihr selbst gegenwärtig. Solcherlei erdachter Trost lag ihr weitab. Sie saß in der Dämmerstunde am Fenster, alles um sie her erschien ihr trübselig. Was sie mit Herrn Balduin erreicht hatte, wollte ihr unnütz und zwecklos vorkommen. Draußen der graue Winter war öde und die Erinnerung an die Freuden im Sommer karg. Wie ruhig und zufrieden war sie doch oft unter denselben Zuständen gewesen, die ihr jetzt schwer zu ertragen schienen. Wenn sie nach ihrer Arbeit zur Ruhe kam, setzte sie sich nieder, legte die Hände ineinander und hatte das Gefühl, als wäre das Maß nun vollgelaufen, als müßte es jetzt dem Ende zugehen, und es wurde ihr wehmütig und ernst zumute. Sie fühlte sich nicht wohl. Was ihr fehlte, konnte sie selbst nicht sagen; sie kam leicht in Ärger und schien äußerst reizbar zu sein, was an ihr sonst nicht zu bemerken gewesen war. Auch Herr Balduin wußte nicht, was er von seiner Frau halten sollte, von dem durch ein ganzes Leben immer freundlichen und zierlichen Geschöpfe. Sie selbst grübelte nach, was der Grund ihres Übelbefindens wohl sein könne, und kam auf nichts. Unmöglich konnte doch Salomes Jüngster, der Leander, daran schuld sein. Lässig, gleichgültig und unschön bewegte der sich mit seinen langen Gliedern zwischen den beiden tätigen Alten, als legte er es darauf an, ihnen überdrüssig zu werden. Das aber durfte eine vernünftige Frau nicht um alle Fassung bringen. Doch seine Miene, die hochnäsige Miene, die er am Ladentische, bei der Arbeit und unaufhörlich aufsetzte, und die Zimperlichkeit, mit der er die Dinge angriff, und das überlegene Lächeln auf dem harten, roten Gesicht: dies immer und immer zu sehen, das könnte einen, dachte sie, um alle Güte und Liebe bringen. Leanders offenbare Mißachtung, mit der er die tägliche Beschäftigung betrieb, die das Leben der Delikateßhändlerin ausgefüllt, hatte für diese etwas unbeschreiblich Kränkendes und Erregendes. Nicht nur sein eigenes Hantieren schien er von oben herab zu behandeln, nein, ihr war es, als betrachte er gerade so hochnäsig und mißachtend, wie er alles tat, was ihn betraf, ihre und Herrn Balduins Arbeit: als schnitte er auf jeden Tag ihres Lebens ekelhafte, gleichgültige Gesichter. Eines Abends, als sie allein bei ihrem Talglicht im Ladenstübchen saß – Herr Balduin war ausgegangen, der Laden schon geschlossen, und Leander hockte oben bei Salome – da ließ sie so von ungefähr die Blicke in dem kleinen Raume schweifen, schaute sich dies an und jenes und dachte, wie ihr alles doch gar so wohl bekannt sei, und wie alles, was mit einem alt geworden, wert ist, und ehe sie es sich versah, war sie wieder in trübe Gedanken verfallen. Da erblickte sie in ihrer Grübelei etwas, das ihr vorher nicht aufgefallen, auf dem Stuhle am Ofen ein vergriffenes, verbogenes Büchelchen. Sie schaute dumpf darauf hin, bis sie es mit einem Male mit klarem Bewußtsein liegen sah und bemerkte, daß es Leanders Buch sei, in das der ärgerliche Mensch zu jeder möglichst ungelegenen Zeit die Nase hineinsteckte. Das hatte er liegen gelassen. Sie hob es flink und lebendig, wie in ihren guten Zeiten, voller Neugier auf und nahm es zur Hand, rückte das Licht zurecht und schlug es bedächtig auf. Indem sie dies tat, fuhr Überraschung und Ärger im Durcheinander über ihr Gesicht. »So ein Schweinigel«, fuhr sie entrüstet auf und starrte in das aufgeschlagene Buch. Dort lag vor den Augen des alten, zierlichen Weibes eine wohlbenagte Wurstschale als Buchzeichen zwischen den Seiten. Vor ihrer Seele stand ihr Schützling so lang und sparrig, wie er einherzugehen die Bestimmung hatte, und noch nie schien er ihr so in tiefster Seele fatal wie eben jetzt in seiner Abwesenheit. Sie stand auf, ging an das Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit.

Als sie wieder vor den Tisch trat, lag das Buch mit seinem widerwärtigen Zeichen aufgeschlagen ihr vor Augen. Die befleckten, ungeschonten Seiten waren ihr unangenehm und der Geruch der räucherigen Schale abscheulich. Sie faßte dieselbe mit den Fingerspitzen und entfernte sie. Dann putzte sie das Licht, das flackernd an dem verkohlten Docht in die Höhe brannte, damit es besser leuchte, nahm ihren Strickstrumpf zur Hand und schaute wie von ungefähr in das aus allen Fugen gegangene Buch, noch ohne zu lesen und in ärgerlicher Betrachtung über den häßlichen Eindruck, der auf ihr lag. Endlich aber rückte sie sich das Licht noch etwas näher, nahm die Stricknadel, glättete die aufgeschlagene Seite und begann zaghaft in ihrer Gewohnheit zu lesen.

Es war ein ihr unbekanntes, weit gekanntes Lied. Und sie begann:

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.

Da las sie und weiter, eine Zeile, einen Vers nach dem anderen, und dem kleinen, bedrückten Weibe war es, als wüchsen ihrer Seele Flügel; ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie empfand Unaussprechliches. Jetzt die Zeilen:

Rausche, Fluß, das Tal entlang
Ohne Rast und Ruh;
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu.

Da umgab ihr Empfinden frische, wonnevolle Dämmerung, die sich wie ein Wunder um sie her verbreitete, die Raum zu weitester Sehnsucht gab. Rauschender Fluß, sanfter Gesang, im Monde schimmernde Blüten, im Monde schimmerndes, feuchtes Wellenbewegen, in das Unendliche hinein unbegrenzte Frische, dann faßbare, glaubhafte Bilder und Gefühle; eine Sehnsucht, aus dem engen Stübchen der winterlich dunkelfeuchten Straße hinaus in schmeichelndsten Frühling zu fliehen und Gedanken, denen das Gewohnte fremd ist.

Ungedacht bewegte sich solches um die Frau wie wunderbarste Luft aus ferner Welt. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und atmete tief auf, blickte in das dumpf brennende Licht und atmete immer freier, als zöge an ihr ein reiner, lebendiger Strom vorüber. So saß sie in tiefster Stille, nichts störte ihre weihevolle Stunde, und sie genoß das Schöne, das ihr zugekommen, wie einen ruhigen Schlaf, und das hatte die alte Exzellenz gedichtet. – Der Goethe – ihr bester Kunde. Sie zahlten freilich die Rechnungen nicht besonders regelmäßig, wie vornehme Leute das an sich haben. – Aber wer hätte das gedacht! – So etwas Wundervolles konnte dieser Mann sagen!

Die braven Bürger Weimars wußten damals so wenig von ihm, wie sie heutzutage von ihm wissen.

Das Weibchen erwachte erst wieder aus ihrer Seligkeit, als die Tür sich öffnete und Leander hereintrat, um, wie es zu seinen Hauspflichten gehörte, gute Nacht zu sagen, ehe er schlafen ging. Der sah auf den ersten Blick sein Buch vor der Meisterin liegen und griff danach, um es an sich zu nehmen.

Da fühlte sich die Frau gekränkt und roh aus ihren Empfindungen gerissen.

»Ich habe Eurem Buche keinen Schaden getan«, sagte sie anzüglich und fuhr weich fort: »Ich bitte Euch, haltet es besser. Mit einem Buche so abscheulich umzugehen, ist eine Sünde und Schande, merk Er sich das! Wie kann Er darin lesen und solch ein Rüpel sein!«

Leander schien nicht die Absicht zu haben, etwas zu erwidern, und wollte eben wieder in seiner verstockten Weise mit dem Buche stumm zur Tür hinausgehen; da rief ihn die Delikateßhändlerin, die gar zu gern ein Wort, was ihn ihr näher brächte, gehört hätte, zurück.

»Zeig Er das Buch noch einmal!«

Leander gab es mißlaunig hin und sagte: »Die Frau hat es ja gesehen.«

Sie schüttelte in Gedanken versunken den Kopf, nahm das Buch wieder zur Hand und blätterte darin. Es war ein Taschenalmanach, mit bunten Kupfern ausgestattet, und die verschiedensten Dinge wurden in dem Büchlein behandelt. Da stand etwas über Heilquellen und über die Karlsbader Heilquellen insbesondere, etwas über die Mode, die das Jahr, in dem der Kalender erschien, beherrschte, ein kleiner Roman und Gedichte aller Art.

»Woher habt Ihr das Buch?« fragte die Frau.

»Ich hab' mehr solche«, erwiderte er kurz; »sie gehören meiner Alten.«

»Da ist Ihm ein Gedicht wohl ganz besonders wert darin?« fragte sie wieder und lächelte etwas.

»Das nicht«, erwiderte er.

Die Delikateßhändlerin blickte ihn forschend an. Seine blöden Augen aber schauten über sie hinweg und verrieten seine Unbeholfenheit und sein verschlossenes Wesen. Er mochte zu den Leuten gehören, denen kein tieferes Gefühl sich zu Worten gestalten kann, die vielleicht warmherzig empfinden, sich vielleicht auch gern mitteilen würden, aber es durch allerlei Unvollkommenheiten ihrer Anlagen durchaus nicht können, und die als unliebenswürdige Unempfindsame durch das Leben gehen müssen. Vielleicht gehörte Salomes Jüngster zu dieser Art von Geschöpfen und hatte wirklich im Eifer seiner Andacht und Begeisterung das wunderlichste Zeichen, das je ein Mensch gewählt hat, zwischen die Blätter gelegt, welche ihm besonders erfreulich gewesen waren.

Der guten, kleinen Frau aber, die erwartungsvoll zu ihm aufblickte, verriet er nichts von solchen Gefühlen und ließ sie vollkommen im Zweifel über deren Vorhandensein, drehte ihr, nachdem er ihr noch eine Weile gegenübergestanden hatte, mürrisch den Rücken, murmelte noch einmal sein pflichtmäßiges »Gute Nacht!« und ging nach der Tür.

»Da, nehm Er sein Buch mit«, sagte die Frau, reichte es ihm und schaute noch wie in Gedanken verloren auf den Platz, wo er gestanden hatte, als er schon längst die Stiege zu seiner Kammer hinaufgetappt war. Ihre gute Seele wußte nicht recht, was sie mit der schönen Erfahrung, die über sie gekommen war, als sie das erhöhte Leben empfunden, das aus dem Liede heraus über sie strömte, beginnen sollte. Sie versank in tiefste Wehmut, alles um sie her erschien ihr von neuem unvollkommen und wenig schön, alles bedrückte sie. Ganz von ihr entfernt leuchtete unbekanntes Licht, und sie saß in trüber, dumpfer Dämmerung. Es mag wohl gut sein, zu sterben. Was soll man so lange hier? dachte sie und schaute noch immer unverwandt vor sich hin.

So saß sie noch, als Herr Balduin von seinen alten Freunden zurückkam, mit denen er sich hin und wieder in einer kleinen Weinstube traf. Als er in das Zimmer zu seiner Frau trat, die ihn nicht hatte kommen hören und bei seinem Eintreten wie eben erwacht aufschaute, legte er, als er guten Abend sagte, seine Mütze hastig, wie es sonst nie seine Art war, auf den Tisch, so daß Anna ganz erstaunt aufsah. Seinen Überrock zog er nicht aus, knöpfte ihn aber weit auf und ging so mit schnellen Schritten im Zimmer auf und nieder.

»Um's Himmels willen, was ist dir, Balduin?« fragte die Frau und erhob sich von ihrem Stuhl. »Was fehlt dir?«

»Mir?« fragte er. »Was meinst du, wenn wir aus unserem Laden, aus unserm Haus heraus müßten; wie wär' denn das?«

»Davon kann die Rede nicht sein. Da ist ja keine Gefahr.«

»So«, fuhr er erregt auf, »es ist aber ganz zufällig Gefahr da!«

»Wieso denn?« fragte Anna, der plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr Balduin könnte wohl ein Gläschen zuviel getrunken haben, und fügte sanft und gütig hinzu: »Beruhige dich, Balduin; soll ich dir eine Tasse Tee bringen?«

»Hör einmal, Frau«, sagte er trocken, stellte sich vor sie hin und faßte ihre beiden Hände. »Es ist mein voller Ernst und wird so kommen, daß wir aus dem Hause müssen.«

»Red doch nicht, Balduin«, unterbrach ihn die Frau unsicher und geängstigt. »Was fällt dir denn ein?«

»Mir ist es nicht eingefallen«, erwiderte er erregt und ging wieder heftig auf und nieder; »sie wollen eine neue Straße brechen, Gott weiß weshalb. Über die verfluchte Verschönerungssucht! Eine gerade Verbindung mit dem Marktplatze finden sie für gut. Sie wollen mehr Luft in der Gasse haben, was weiß ich. Da müssen unsere Häuser daran glauben, Schwendlers und meines. Und Schwendler wird sich nicht lange besinnen, das kannst du dir vorstellen, die alte Bude los zu werden. Für die Leute ist es das reinste Glück, die werden eine Summe bar in die Hand bekommen, wie sie es sich nicht träumen konnten, und sind die Not mit dem wackeligen Ding von Haus mit einem Male los, denn an Verkauf wäre anders nie zu denken gewesen.«

»Ja, du lieber Gott!« rief Frau Anna und setzte sich ganz verworren wieder auf den Stuhl.

»Mit uns steht es schlimmer. Ich dachte nicht anders, als meine Augen hier in Frieden zu schließen. Das Haus ist auch noch imstand und hätte es noch lange mitgemacht.« Indem er das sagte, lehnte er mit dem Rücken an dem Kachelofen und blickte wehmütig vor sich hin. Die Frau aber saß ganz in sich zusammengedrückt auf ihrem Stuhl, und er fuhr bedächtig fort: »Die Bedingungen sind vorteilhaft. Wir fahren dabei nicht schlecht.«

»Ja, woher weißt du es denn?« seufzte sie.

»Vom Sekretär Gobe, der kam extra heute mit in die Weinstube, um die Sache mit Schwendler und mir zu besprechen. Der Rat hat ihn jedenfalls geschickt, daß er etwas über die Angelegenheit mit unserem Nachbar und mir hören sollte; nun, und wie es geht, da gab ein Wort das andere.«

»Ich weiß gar nicht«, unterbrach sie ihn, »wie du nur so reden kannst, als ob es geschehen würde.« »Und es wird geschehen, da kannst du dich, darauf verlassen!« fuhr Herr Balduin heftig auf. »Auf dem Stadtplan, da geht der rote Strich schon durch die Häuser. Nichts ist zu machen. Morgen sind wir zum Stadtrat bestellt, dann wird es sich herausstellen.«

»Hast du den Plan auch schon gesehen?« fragte sie angstvoll.

»Noch nicht. Erst morgen, aber –«

Jetzt sprang sie auf, trat zu ihm und sagte mit tief erregter Stimme: »Nein, nun sprich, ob es wahr ist!«

»Du hörst es ja«, erwiderte er ungeduldig.

Da ließ sie die Arme herabsinken, schaute wie hilflos vor sich hin und konnte zu keinem Worte mehr kommen. Auch Herr Balduin stand regungslos an den Ofen gelehnt. Die Uhr tickte auf und nieder, und der Regen schlug an die Scheiben.

»Na, Alte, so schlimm ist es ja nicht«, begann Balduin nach langem Schweigen wieder. »Da denk doch nur, wie andere bald da, bald dort ihr Lebtag wohnen müssen, und wir haben hier die ganze, liebe Zeit gesessen; nun kommt es auch einmal an uns. Und für uns wird sich auch ein anderes Fleckchen finden und ein besseres. Dir gönne ich's, daß du zu etwas Gutem kommst.«

»Laß das!« erwiderte sie matt und ging an das Fenster, um hinauszusehen. Über ihr bewegliches Gemüt kam heute abend allzuviel. Sie glaubte, daß sie träume, und kam deshalb nur zu einem dumpfen Staunen über etwas Unerhörtes, das mitten in der ununterbrochenen Gleichgültigkeit sie selbst angehe. Es war ihr noch nicht bis zum eigensten Bewußtsein gekommen, daß es sich darum handele, das alte Ladenstübchen auf immer zu verlassen. Wäre ihr das klar geworden, so hätte sich in ihr ein Erschrecken geregt, ähnlich dem plötzlichen Gewahrwerden, daß der Tod nicht nur ein wohlbekanntes Wort und ein vertrauter Begriff ist, sondern, wenn er nahe tritt, ein ungeahnt fremdes Entsetzen. Und für sie war ja der Tod ein Verschwinden aus dem vertrauten, einzig bekannten Raume in ein undenkbares Unbestimmtes hinein. Ähnlich schien für sie ein neues, irdisches Leben unter veränderten Verhältnissen zu sein.

Wie betäubt besorgte sie vor dem Schlafengehen noch alle ihre kleinen Obliegenheiten, nahm die Asche aus dem Ofen, ging in die Küche und füllte ihr Wasserkesselchen, stellte es an seinen altgewohnten Platz, daß am Morgen alles zum Kaffeekochen parat stände, hob gedankenlos vom Boden ein Endchen Bindfaden, ein Krümchen auf, wischte den Tisch mit ihrer Schürze blank, rückte die Stühle zurecht und tat alles mit einem eigentümlichen Ausdruck im Gesicht. Herr Balduin sah ihr unverwandt zu und schüttelte den Kopf.

»Was machst du denn noch, Anna?« fragte er. »Geh lieber zu Bette.«

»Ja, ja!« sagte sie und setzte sich nieder.

Da trat Herr Häberlein auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »Laß dir es nicht so sehr zu Herzen gehen, Alte. Mir wird's, weiß Gott, auch nicht leicht werden; aber wir sind doch unser Lebtag gut weggekommen gegen andere, da muß es nun einmal hereinbrechen. Komm, sei ruhig.«

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