Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Die Ahnung - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarz und Weiß
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDie Ahnung
pages41-74
created20021118
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Friedrich Gerstäcker

Die Ahnung

Nach einer wahren Begebenheit

Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die blattlosen Baumwipfel der Eichen und zischte und flüsterte in den dichten Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken verschwunden, trüb' und düster lag die Nacht auf der Erde, und der Orkan, der sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen ließ, ras'te mit der Windsbraut über den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der trotzig ihm die Stirn bietenden Gebirgsrücken hin.

So draußen im Freien. Aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten Menschen. Hui! – wie das um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst der hoch und altersgrau daneben aufstarrende Schornstein den Lärm endlich satt bekam und bald links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinuntersah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst kopfüber hineinspringen solle. Wie's an den alten, morschen Fensterrahmen riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen Birn- und Apfelbäumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturm getrotzt, und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und hartnäckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten.

Viele, viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen Fluthengüssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das seinen Ballast über Bord wirft, um die leewärts drohende Küste zu verlassen; der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge entgegen und jagte die zürnenden wild und toll durcheinander in entsetzlicher Fröhlichkeit.

Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen Furchtbarkeit ersteht, drängen sich die armen, schwachen Menschenkinder am liebsten in freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wänden geschützt, unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen, lauschen sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster hinüber, wenn der Sturm einen neuen Accord in seine dröhnende Aeolsharfe greift und das feste Gebäude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine innerste Tiefe hinein erbeben macht.

So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen des wackern Pastors Barenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten, wettergebräunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch saß und bei einer guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so wenig als möglich zu beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barenkamp wohl auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen Augenblick aus dem Munde und schaute, das schwarze Sammetkäppchen fest an die kalte, behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht hinaus.

Es war während einer solchen Pause, denn das Gespräch stockte in dem Fall gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter langsam seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher Stimme sagte:

»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, daß Sie sich heute einmal ausnahmsweise in des Herrn Pastors warm gelegenes Studirstübchen geflüchtet; da drüben in der großen Eckstube muß bei solchem Sturm ein keineswegs freundlicher Aufenthalt sein – draußen freilich ist's noch schlimmer; der Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen, und es kommt Einem wahrhaftig manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstände – möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«

»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich lächelnd nach ihm umwendend, der Pastor, »Sie fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? Ei, ei, ein Mann in Ihren Jahren –«

»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter, und rückte auf seinem Stuhl hin und her, »von Fürchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein böser Mensch und – glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also fürchten? aber –«

»Aber?« lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blick zu ihm auf – »aber? – der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür offen.«

»Ei, ich meinte nur, was das Kirchhofgehen betraf,« erwiderte gutmüthig der alte Mann – »ich weiß eben so wohl wie jeder Andere, daß die Todten sanft da unten unter ihrer warmen Decke ruhen und Nachts nicht wieder heraufkommen werden, um sich auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unnütze Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz verursacht. – Es hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen Dämmerlicht aus wehenden Trauerweiden und Büschen, die bleiche Steine halb überdecken, Gestalten mit weißen Gewändern und ringenden Händen herauszufinden, und ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf schwören wollte, es käme Jemand hinter mir drein. Eben so ungern und aus eben dem Grunde sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rücken einer Thür zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei recht gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand von da zu mir herein kann, und dennoch läßt es mir wunderlicher Weise keine Ruhe; ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thür schließen.«

»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da allerlei seltsame Dinge vor,« fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder grausliches, und das stört, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch für kurze Zeit Ihre sonstige Ruhe.«

»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir am Ende so etwas nicht einmal allein entschuldigen,« meinte kopfschüttelnd der Schulmeister; »Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeten Geist zu, und dasselbe Gefühl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein Hirn den ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit Gedanken und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer so auszulegen versucht: etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können und dürfen wir nicht leugnen; wo das nun – versteht sich, uns unbewußt, weil unsere Sinne zu grob und rauh sind, um es zu verstehen und zu erkennen – in unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich die Sage von den Ahnungen, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als eine Ahnung überirdischer Kräfte.«

»Die wir auch um Gottes willen nicht ableugnen wollen,« sagte die Pastorin und wurde auf einmal ganz still und ernst, »ich dächte, wir hätten davon ein Beispiel in unserer eigenen Familie.«

»In Ihrer eigenen Familie?« frug der Verwalter rasch.

»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte der Pastor kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber sicher eine sehr natürliche Lösung.«

»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat,« flüsterte die Frau;»es ist meiner eigenen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus ihrem Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren überhaupt bedurft hätte, oft von meiner Tante gehört, die als Kind dabei gewesen war und sich der einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«

»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen?« frug der Verwalter und rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es wäre möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen ebenfalls zu bekräftigen vermöchte.«

»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; »wir waren unser drei Geschwister, ich, ein älterer Bruder und noch eine jüngere Schwester, und die Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte, sie schaue am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthür auf und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter, schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die zu dem Heuboden führte. Wie man nun so im Traum ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts Außerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur daß diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf. Trotzdem sprach sie kein Wort, und die Mutter kam denn auch bald wieder zurück und hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte dann wieder um und holte sich noch ein zweites. Ei, um Gott, Mutter, rief die Träumende da und streckte die Arme nach ihr aus, ist denn das eine nicht genug?

»Ja,« sagte die Todte und stieg langsam nieder, »ich bringe Dir das andere wieder zurück« – und aus der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.

»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war ein ausgezeichneter Harfenspieler, und übte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es zu noch immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich wohl darin übernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage nach diesem Traum wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder Knabe, krank und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen. Fünf Tage später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblick, wo er im Todeszucken lag, rissen plötzlich alle Saiten seiner Harfe. – Mich brachte die Großmutter wieder – ich genas nach kurzer Zeit.«

»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach der Pastor rasch eine feierliche Pause; »das Gestell kann sich gezogen haben, und da mußten wohl die Saiten mit einem Mal springen.«

»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,« sagte der Schulmeister endlich, »ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns Alles natürlich erklären müssen – Du lieber Gott, unser Aller Leben ist so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, daß ich denken sollte, es hätte sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht recht begreifen kann. Ich weiß mich noch recht gut daran zu erinnern, wie ich als Kind fest und heilig glaubte, der Storch bringe die Kleinen und das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten, – wie ich mich vor dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll anstaunte – und einmal im Theater – der Abend wird mir unvergeßlich bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß die Kreuzfahrer, und etwas Derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich weinte und lachte den ganzen Abend, und träumte ein volles Jahr von weiter nichts, als tapfern edlen Rittern, braven Türken, unglücklichen Türkenmädchen und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger Weise einen ganz eigentümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich schwärmte für die altadeligen Geschlechter der tapferen Ritter und bekam einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, die den Mißbrauch der Klöster dulden konnte.

»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden – ich halte die Störche für sehr gewöhnliche Zugvögel, die von Fröschen und anderem Zeug leben und sich keineswegs mit Kindertransport beschäftigen – den sogenannten heiligen Christ habe ich diverse Male selbst machen müssen und deshalb gegründete Ursache, an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei ich gleichzeitig und höchst trauriger Weise allen Respect selbst vor den heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben sie, als ich im vorigen Jahr zum letzten Mal in Hamburg war, dort zufällig ein Stück, das ich in meiner Kindheit sah, und die Erinnerung trieb mich hinein. – Ich wollte, ich wäre nicht gegangen, denn als ich wieder herauskam – und ich sollte mich eigentlich schämen, es zu gestehen –, habe ich großer, erwachsener Kerl geweint, bittere Thränen geweint, und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum muthwillig zerstört hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner innersten Zelle still und heilig genährt – weil ich das muthwillig und mit roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele Jahre mit froher, geheimnißvoller Lust erfüllt. Die hohen, schattigen Palmen, die mir bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen Stützen zusammen – jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechschilde – der alte, ehrwürdige Emir – in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten – die fürchterliche Aebtissin – war die Frau meines freundlichen Wirths, eine treffliche, brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging – die Frau konnte unmöglich ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen und Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich gemacht – wie hölzern sie dastanden und wie ungelenk – ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös, wie häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser wäre es gewesen, wenn ich keine natürliche Erklärung für all' den süßen Zauber gefunden hätte!«

»Es läßt sich auch nicht Alles natürlich erklären,« sagte der Verwalter ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm liegenden Tabak – »und wenn man's noch so gern erklären möchte und wollte. Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und märchenhaft klingt, daß ich es selten erzähle – es glaubt mir's Niemand, und es thut mir nachher weh, wenn es bespöttelt wird, das – heiliger Gott, wie das wieder ras't und tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde aus den Achsen! – das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.«

»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter,« sagte der Pastor freundlich; »darin thun Sie mir aber unrecht – das vertrüge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer höhern Welt ist es, wenn uns bei frommem, erhebendem Choralgesang die Seele in süßer unbegriffner Lust zusammenschauert. Ich glaube an Ahnungen, möchte sie aber nur von den gewöhnlichen Vorbedeutungen geschieden sehen.«

»Vorbedeutungen – Ahnungen!« sagte der Verwalter kopfschüttelnd und hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke heftete, »das sind am Ende nur immer verschiedene Worte für ein und dieselbe Bedeutung. – Doch zu meiner Erzählung, aus der sich Jeder seinen Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege – mein Bruder Karl, ein tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und später nie wieder etwas von sich hören lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort in dem nämlichen Regiment mit ihm, und er ließ mich auch einmal in einem von den Briefen grüßen. Nachher blieb er verschollen, und zehn Jahre, die ebenfalls verflossen, ohne daß ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen mir endlich den letzten Zweifel, daß er in jener blutigen Schlacht gefallen.

»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine segensreichen Früchte getragen, verwaltete ich in der Nähe von Grimma, eine kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle in die Stadt zum dort gehaltenen Markt, verkaufte sie und schickte, weil ich noch bei Thräna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß jetzt selbst eigentlich nicht mehr recht wie, auf die frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen Freunde und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es doch für die Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal zu wissen, wo die geliebten Todten begraben lägen, und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen hätten.

»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, der dortige Förster, »da ist wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben oder, was noch schlimmer ist, mit der ganzen Masse in eine große Grube geworfen, und wie Viele wurden noch vorher von den Kosaken und – anderem Volk geplündert und mißhandelt. – Ich sage Dir, Bernhardt, ich habe da schauerliche Dinge mit angesehen. – Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie drei Kugeln in die Brust geschossen, und er lebte immer noch. Von den Unsern waren dabei Leute hinausgeschickt, um die Gebliebenen aus dem Weg zu schaffen und in ein Loch zu werfen; die aber natürlich, bei denen sie noch Leben fanden, die legten sie bei Seite, bis sie fertig waren, und dann konnten sie gewöhnlich wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus und bat mich, ihm zu helfen – lieber Gott, was konnte ich für ihn thun – die Zunge klebte ihm schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr über die Lippen; selbst einen Trunk Wasser, den ich ihm reichte, vermochte er nicht mehr hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arm hielt, that er seinen letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufriß, um nach der Wunde zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand ich aber einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafür draußen am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier und nicht weit von dort, wo jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, warm und weich in die Erde bettete.«

»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und vergaßen ihn. Gegen Abend endlich – denn ich hatte nun noch volle drei Stunden zu marschiren, und der Mond ging etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang auf – nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte mich, nachdem er mir einen nähern Pfad durch's Holz gezeigt, auf den Heimweg.

»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder, als ich ausmarschirte, und im Walde dämmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger deutlich genug erkennen und schritt rüstig darauf vorwärts,. bis ich von fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah; – bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes, und vor mir, vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich ganz genau an den Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten Thürmen genau die Stelle bestimmen zu können, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht großer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen einzelnen Menschen und, als ich näher hinsah, einen Soldaten erkannte, der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arm Schildwache stand.

»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der einzelne Posten hier mitten auf dem Felde – die Früchte sind doch noch nicht reif, und der Klee – hm, das muß ein Forstschutz sein, – hat sich aber einen sonderbaren Platz dazu gewählt.

»Der Mann stand still und regungslos, und ich blieb ebenfalls einen Augenblick stehen und schaute nach ihm hinüber – er rührte sich nicht, und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, gehörte sie keineswegs nach Sachsen, war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz verwendet gesehen, und der Czako – ein Schauer lief mir unwillkürlich über den Leib, als ich zu dem Gesicht des Postens aufschaute – der Czako saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf; aber der Kopf? – Das matte Licht mußte mich jedenfalls täuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein müssen, das dahinter durchschimmernde Grün der Wiese erkennen.

»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, daher entstehen so viele Geister- und Gespenstergeschichten, daß uns irgend ein ungewisser Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende feuchte Dunst der Erde wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich nachher, wenn man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der Welt erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauernjunge den Weg gekommen und sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann erzählt und beschworen hätte, er habe auf dem früheren Schlachtfelde einen fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen – ich muß nur näher hingehen und mich selber davon überzeugen.

»Gerade dort, wo ich mich befand, lief ein nicht tiefer Graben am Rande der Holzung hin, den ich vorher überspringen mußte; er war übrigens schmal, und auf der anderen Seite desselben führte ein grüner Rain in ziemlich genauer Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres Ueberlegen – denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die Chaussee eben so rasch erreichen konnte – schritt ich jetzt auf den Mann zu und hielt dabei, des Weges nicht weiter achtend, den Blick fest und unverwandt auf seine dunkel gegen das lichter dahinterliegende Grün abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich erkennen konnte, weiß und hell über die Brust, und jetzt kam es mir auch vor, als ob die Umrisse seines Kopfs, ja seine Gesichtszüge klarer und deutlicher hervorträten.

»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes Nähe von ihm war – ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald. Weshalb so spät noch draußen? – wird der Holzdiebstahl hier so arg getrieben?

»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf schwören wollen, er sei noch vor wenigen Secunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen ließ, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir entfernt. Wieder überkam mich jenes eigentümliche fröstelnde Gefühl, über das ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen, den widerlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.

»Sie glauben mir vielleicht nicht, wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann ich Ihnen heilig versichern, daß ich nicht im Stande war, den Schattenmann zu erreichen – deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein Glied regte, weder Fuß noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's andere, und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, daß ich es mit einem keineswegs körperlichen Wesen zu thun hatte.

»Und konnte das ein Gebilde meiner erregten Phantasie sein? – war es möglich, daß ich die Contouren der jetzt, trotz der Dämmerung, immer noch genau erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich blieb plötzlich stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet; da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem jetzt dunkel dahinter lagernden Feld – zuerst verschwand der Czako – die Uniform – ich sah nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider – auch diese wurden immer undeutlicher – das Alles zog sich wie ein leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund. Der Körper – wenn es überhaupt ein Körper gewesen – lief flüssig, in luftigen Hauchen auseinander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. Doch nein, das weiße Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den düstern Hintergrund ab – ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das Seitengewehr hing. War denn auch das Täuschung? – Wenigstens davon wollte ich mich noch überzeugen; denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte sich eben so wenig und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren Gewalt getragen, in der Luft.

»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich unterscheiden, und schon stand ich kaum noch fünf Schritt davon entfernt, als ich –«

»Herrgott – was war das?« rief die Frau plötzlich und fuhr erschreckt auf; der Verwalter schwieg, und selbst der Pastor warf flüchtig einen scheuen Blick im Zimmer umher.

»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu lächeln – »Du jagst Einem ja ordentlich Schreck ein.«

»Hörtest Du nichts?« sagte die Frau und sah leichenblaß aus – »mir war es, als ob Jemand um Hülfe schrie.«

»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der Schulmeister; »wir haben Alle ein gutes Gehör, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte wirklich Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen. Die Erzählung hat Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Geräusch erschreckt uns dann. Bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.«

Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben und draußen auf den gepflasterten Hof laut und klatschend aufschlug. Der Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung – die übrigens nicht so lange gedauert, als ich hier gebraucht, sie zu beschreiben – seine Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in dieselbe Ecke starrte wie vorhin, fuhr, augenscheinlich mehr mit sich selbst sprechend, wie zu den Anderen gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also fort:

»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem hellen Bandelier weiter nichts wie – einen einfachen Streifen weißen Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben, vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden hinzog. Aber – ich berührte ihn mit dem Fuße – die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen Hügel. Es war ein Grab, und hier unten – wie mit einem elektrischen Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper – viele Minuten stand ich, meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. Plötzlich – ich konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben – raffte ich mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund, dem Förster, zurück.

»Den Ring – den Ring. Das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein festhalten konnte – den Ring des todten Soldaten her, und bleich und athemlos erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in diesem Zustand sah, – er wollte –« Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von diesem wieder zum Tisch zurück.

»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.

»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genaueren Mittheilung quälen?« erwiderte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe –»der Ring war wirklich der meines Bruders – und jenes Grab – sein Grab. Was jene Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie gewesen; doch einerlei. Sie werden begreifen, daß ich seit jener Zeit alle Ursache hatte, wenigstens an Ahnungen zu glauben, wenn ich das überhaupt mit diesem Namen belegen darf. – Aber es wird spät, Herr Pastor – Sie wollen wohl auch zu Bett gehen; es ist lange Schlafenszeit, und ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.«

»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort?« sagte der Pastor rasch – »es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte. Bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.«

»Danke – danke herzlich,« sagte der Verwalter und verbeugte sich leicht – »es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis an's Gut, und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne Aufsicht lassen – es ist besser, ich bin bei der Hand, wenn etwas vorfällt. Gehen Sie mit, Schulmeister?«

»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen Sprung bis in mein Haus.«

Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pikesche bis oben hin zu, klappte den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen um den Hals, griff nach Mütze und Stock, schüttelte Allen herzlich die Hand und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm jemand hinunterleuchte, rasch das Zimmer.

Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe verklungen war, noch mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer:

»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt – ich weiß nicht – mir wurde so unheimlich dabei – und er blieb auch so still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen und der Geist seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre. So deutlich und sichtbar steht doch die Geisterwelt auf keinen Fall mit der unsern in Verbindung, und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den Leuten ausmalen.«

»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor, – »die Erzählung jenes Försters hatte ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder – dachte wohl gar, wenn der jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls; die dunkeln Abendschatten geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hinlaufenden Wagengleis die wunderlichste Gestalt. Läßt es sich da nicht denken, daß er, besonders noch von dem weißen, schimmernden Sand angelockt, zufällig den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt, was er geahnt?«

»Geahnt? – und da wären wir wieder auf dem alten Punkt,« fiel hier kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung macht uns zuerst unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone aufsetzen – 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist. Aus heiler Haut, mit all' seiner gerühmten Festigkeit und Konsequenz läßt er sich herauslügen und außer Fassung bringen und das ganze Nervensystem erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder die Katze von einem Stuhl herunterspringt. Ganze Bücher ließen sich über den Unsinn schreiben.«

»Unsinn, Schulmeister?« wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an. »Sie sagten doch selbst erst, daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht, die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen. Ich glaube, ich könnte mich jetzt vor meinem eigenen Schatten fürchten, und mag mich gar nicht einmal danach umsehen – Frauen sind doch recht ängstliche, nervenschwache Wesen.«

»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den schon vor Anfang des Regens zur Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke holte – »Zeit und Umstände müssen das Ihrige dazu beitragen, und der stärkste Mann ist vor demselben Gefühl – und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße – nicht sicher.«

»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüthes ist,« sagte der Pastor.

»Aengstlichen Gemüthes oder nicht – seine schwache Stelle, seine Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel?«

Die beiden Gatten verneinten es.

»Hm,« sagte der Schulmeister, »dann weiß ich auch nicht, ob ich's heut Abend nicht lieber lasse. Sie sind gerade erregt genug.«

»Ach, heraus damit – in solcher Stimmung ist man am empfindlichsten dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der Pastor.

»Ach Gott, ja – erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer die Frau – »es kommt jetzt auf das Eine mehr oder weniger nicht mehr an; ich fürchte mich doch heut Abend. Sie sprachen von einem Spiegel?«

»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel Abends, wenn man ganz allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben, behauptet, man könne, oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem einsamen Zimmer mit einem Licht in jeder Hand nicht langsam und dicht vor den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eigenen Namen rufen, und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich glaube, die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem Spiegel heraussteigen.«

Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch mit der Hand über die eigene Stirn.

»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister fort, »ist sehr kurz und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und Damen gewesen und dort, ebenso wie wir heute, auf Geister- und Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen, als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen – die anderen in der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.

»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu, und die junge Dame vom Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eigenen Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe – sie habe den Schlüssel dazu, und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier, und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah, daß es plötzlich Ernst wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorgeschriebenen Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.

»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Officiers. – Jedes Gespräch schien abgeschnitten – jede Unterhaltung stockte, und eine halbe Stunde mochte so in peinlichster Weise verflossen sein, als der mitgegebene Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die jetzt kaum minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein paar Damen wurden richtig ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter keine Rede stehen wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie den unglücklichen jungen Menschen bleich und besinnungslos zwischen den beiden sich gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegend fanden

»Was er gesehen – was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können, der Bediente hatte allerdings draußen an der Thür des Gartensaales gehorcht und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort befunden, laut haben lachen hören, dann aber – und der Mann glich selber mehr einem Todten als einem Lebenden – schwur er Stein und Bein, es sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten, von oben und unten geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus, und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.«

»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt.

»Nein – nur wahnsinnig,« sagte der Schulmeister – »aber es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei – wünsche beiderseits eine gute Nacht – bitte, Barenkamp – ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen – das Mädchen kommt auch gerade unten mit ihrem Licht aus der Küche, die kann das Haus hinter mir wieder zuschließen.« Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur matt erhellten Gemach zurückblieben.

»Nun, die Geschichte hat mir heute noch gefehlt,« sagte die Pastorin und räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tisch stehende Geschirr zusammen – »nur wahnsinnig – das ist ja fürchterlich! Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu Schulden kommen lassen – Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.

»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken nach ihr um – sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben, und die Wolken schüttelten sich nur noch nach dem langen, verzweifelten Kampf ungeduldig und unwirsch das Wasser aus den nassen Jacken.

»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau – »derselbe Ton, und – Heinrich – soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen! – er klang gerade wie meines Vaters Stimme.«

Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper zusammen.

»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf das linke Ohr – »Unsinn – die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt, und Du fängst mir am Ende auch noch heut Abend an, Gespenster zu sehen und zu hören. Wir wollen zu Bett gehen – es ist Schlafenszeit, und morgen mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen Gedanken vergehen. Habe ich nicht Recht, Elise? – aber was fehlt Dir auf einmal, was hast Du?«

Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung, nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung, und ihr leises Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem Herzen vorgehen müsse.

»Elise,« sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte –»bist Du nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein paar thörichten Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd das Zimmer verläßt? – Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und was das andere betrifft, wo –«

»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst, als mit ihrem Mann redend – »der Verwalter kann sich geirrt haben, und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber vielleicht natürlich er klären; nein, mir bewegt Anderes die Brust. – Der Schulmeister hat ganz Recht – es giebt übernatürliche Kräfte – es muß sie geben, denn wo wir wissen, daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die ungeheuren Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze Weltall! – Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns regt es sich und treibt und wirkt – die uns fern stehenden Gebilde berühren uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug, um ihre Nähe zu empfinden, oder ihre Kräfte – mir fehlt der Ausdruck, Dir genau zu beschreiben, wie ich es mir denke – ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen – vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein ihrer Annäherung zu bringen. – Das dauert aber nur so lange, bis wirklich einmal ein uns verwandter Geist unsern eigenen Luftkreis berührt, oder durch die Stärke seines Willens, seiner Seele zu uns hingetrieben wird – dann ergreift er aber auch all' die feinsten Fasern unseres innersten Systems, und die Ahnung desselben, vielleicht auch nur das Bewußtsein dieses Gefühls entsteht und macht sich geltend.«

»Aber ich begreife Dich nicht –«

»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter beachtend, fort –»daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute – nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor Schlafengehen den Brief von zu Hause – worin mir Mutter von des Vaters Krankheit schrieb.«

»Ein etwas hartnäckiger Katarrh, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«

»Kein Katarrh, Heinrich – die Sache ist schlimmer, als sie es mir sogleich schreiben mochte – weshalb den Brief eilig gemacht – weshalb nun das Schweigen? – Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun Stunde hier sein.«

»Komm, Kind,« erwiderte ihr lächelnd der Mann – »geh jetzt zu Bett, und morgen früh wollen wir ruhig über die Sachen reden; Du phantasirst heut Abend, und da ist's besser, Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der Wind hat den Himmel endlich rein gefegt und der Mond scheint ordentlich freundlich in's Fenster herein; wenn sich der Sturm erst ein bischen legt, bekommen wir vielleicht das schönste Wetter – komm, Kleine – heb das Köpfchen wieder und sei mein braves Weib – Du wirst Dich doch wahrlich nicht vor Spukgeschichten fürchten?«

»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau, und starrte dabei mit festem, glanzlosem Blick in die Ecke des Gemachs, das von der immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde –»gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen, was der Verwalter und Schulmeister erzählten, aber – in mir selbst fühle ich, daß – und zwar in diesem Augenblick – irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht aus dem Sinn verlieren. – Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf- und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen – was er nur that, wenn er krank oder leidend war –, so deutlich höre ich dabei das leise klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir allein im Ohr – Du – Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«

»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache,« beruhigte sie der Mann, »komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde – die Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben, sie will ausgehen.«

Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde in diesem Augenblick laut – man konnte nicht recht unterscheiden, ob er vom Hof oder aus dem Hause selbst herauf erschalle – der Wind brauste und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in diesem Augenblick, und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm ergriff und mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die rechte zitternde Hand nach der andern Thür ausstreckte, flüsterte:

»Sieh – sieh dort!«

Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im Schatten der Wand in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einziger Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüberliegende Treppenthür fiel, aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt wurde, um die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn sie auch nicht das mindeste Geräusch der Thür hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend von selber aufdrückte – gleich daraus öffnete sie sich eben so feierlich, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in Beider Adern stocken machte – der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen – die hohe, bleiche Figur – die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen – mit noch immer zeigend und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arm da, und selbst der Mann blieb überrascht – bestürzt vor dem, was seine Augen sahen und nicht ableugnen konnten – in der einmal genommenen Stellung.

Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den dunkeln Theil des Zimmers, und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm klammerte, und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte er kaum, ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an seinem Arm nach, und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht rasch umfaßt und gehalten.

Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden, und der Mond schien freundlich in das stille – leere Gemach.

Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett und sprang dann mit dem rasch entzündeten Licht durch sein Zimmer – riß die Thür auf, eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an allen Klinken, fand selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. – Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte es, wie mit schleppenden Gewändern zog's treppauf treppab – den sonst unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.

»Der Wind – der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen, leise vor sich hin und flog mehr als er ging die Treppe wieder hinauf. Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf, wo ihre Magd schlief, weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe. Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über den Hof, um zu sehen, ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit – wie ein Nachtwandler, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines künstlichen Automaten als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.

Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen, stärkenden Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den ganzen Vormittag und siegelte mehrere Packete und Schriften ein. Selbst zum Mittagessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.

Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob, reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. – Er riß ihn auf, sah nach der Unterschrift – er war von seiner Schwägerin Regine – und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile hingeworfene Zeilen:

 
Lieber Schwager!

Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht. Zwischen zehn und halb elf Uhr starb, wahrscheinlich an einem Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde vorsichtig mit – ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, sie noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist, kommen Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich entbehren können. Ich schreibe in der Nacht und will den Brief noch vor dem Abgang eines Bahnzugs an einen Conducteur zur Beförderung schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine arme Schwester.

Ihre                      
Regine


Acht Wochen waren verflossen – draußen auf Feldern und Wiesen keimte und grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden geküßt, und froh trieb dieser in immer neu auferstehender Kraft und Jugend saftreiche Gräser und Halme, und bunte, glänzende Blumen und Blüthen. – Zwischen neckend nach ihm hinunter schwankenden Zweigen rieselte freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlicheren Zonen waren die munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig an den alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahr so still und friedlich mitsammen gehaust.

Die Luft war rein und lau, und auch vor der Pastorwohnung, unter dem blühenden Apfelbaum, von duftigen Holunderbüschen umgeben, saß, an der Seite ihres wackern Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene Frau und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam, von dem erlittenen Anfall, und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu verscheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, Stunden langes Träumen und Brüten – die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst auf Augenblicke, allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe, sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten Gemüth hege und sich heimlich abzehre und gräme.

Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute ihr wehmüthig-freundlich in das bleiche, leidende Gesicht, wagte aber doch nicht, den wunden Fleck zu berühren, der vielleicht geheilt werden konnte, vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um mit neuer zündender Gewalt aufzubrechen und um sich zu greifen. Ueber die Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemand gesprochen; nur seinem alten Freund, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit seiner Frau, und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung und so bis zu den kleinsten Einzelheiten mit, daß der Schulmeister doch endlich zugestehn mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall und bestärke ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem, was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand übrigens,« meinte er, »müsse er noch immer an der wirklichen Erscheinung zweifeln. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe widerfahren, aber so –« Er schüttelte dann immer mit dem Kopf und wollte das Erlebte nicht zugeben.

So saßen die beiden Gatten heute allein in der mit jungen Blättern schon bedeckten Laube, und die Frau, die sich merklich erholt, sog mit vollen Zügen die balsamische Luft ein.

Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu ihrem ersten Ausgange in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, augenblickliche Erledigung verlangte. Barenkamp erbrach und durchflog es rasch, und sagte dann, während er aufstand und sich dem Hause zuwandte:

»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau und vertreibt ihr die Zeit ein bischen; sie wird gern einmal wieder auf die Plaudereien aus dem Dorfe horchen.« – Der Pastor ging schnell in's Haus.

»Was macht Ihr, Münzer?« sagte die Frau und streckte dem alten Mann die weiße, abgezehrte Hand entgegen. »Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus – die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir – bitte, Schulmeister, nehmen Sie Platz; was macht Euer Gärtchen – Eure Kuh – Euer kleines Stück Feld? – Wir haben uns recht lange nicht gesehen.«

»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiderte der Greis und faßte und streichelte die ihm gebotene Rechte – »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß und Hammers unten im Dorf den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht, und ich meinestheils werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut, am nächsten Mor – aber, lieber Gott, fehlt Ihnen etwas?«

»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch sobald als möglich abzuschneiden wünschte. »Sie möchten lieber hineingehen in's warme Zimmer – soll ich Sie vielleicht geleiten?«

»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur wenige Secunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt. Zum ersten Mal wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie der Gedanke daran erregte. »Es war nur ein leichter Uebergang,« fuhr sie dann, mit einem halblächelnden Zug um den Mund, fort – »ein leichter Uebergang sich oft einstellender Schwäche – ich habe meine alten Kräfte noch nicht wieder – es wird gleich vorbei sein. Doch – laßt Euch nicht irre machen, Münzer – Ihr nanntet jene Nacht eine böse; ist auch Euch – ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«

»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister, »die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen? Münzer kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirtschaftete, verdoppelt und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen. Etwas Anderes ging ihm im Kopf herum, und jene Nacht mußte damit in Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn auch, besonders nach diesem Punkt hin, den geringsten Faden mit zitternder Schnelle auf.

»Was ist Euch geschehen, Münzer?« flüsterte sie und griff, die Hand des Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arm – »was ist – sagt mir – was ist mit jener Nacht?«

»Geschehen gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiderte der Greis und schnitt verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein – »geschehen gar nichts, aber – wenn Sie es denn wissen und – mich nicht auslachen wollen – ich hatte eine Erscheinung.«

»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

»Ihr saht – Ihr saht meinen Vater!« rief diese mit heiserer, kaum vernehmlicher Stimme – »gesteht es nur – gesteht – Ihr saht an jenem Abend meinen Vater – Münzer!«

Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung, und der Küster hätte Gott weiß was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben; doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat und bestürzt erkannte, welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr im Stande, seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er gesehen, die Gewißheit wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen, »und dann, dann« – meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten, weißen Stirn – »werde sie ruhiger – werde ihr besser werden.« Es blieb keine andere Wahl, als ihr zu willfahren, und der Pastor forderte zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.

»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiderte der Greis, »wollte doch Gott, ich hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes über die Gestalt sagen kann.«

»Die Gestalt?« wiederholte, kaum bewußt, die Kranke – »wo war sie – wie sah sie aus?«

Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben – jetzt schien sein letzter Einwurf gehoben – und welchen Eindruck mußte eine solche Bestätigung auf die reizbare Kranke machen?

»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier im hellen Sonnenlicht scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene noch Schauder erwecke; »doch es wird vielleicht besser sein, Ihnen das Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem Abend schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das Wetter war stürmisch, und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz absonderlich. Sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu, da ich fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln, und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüberführt, sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte – ich hatte aber die Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen« (der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an) »und scheute mich hinaufzugehen und zu stören. So lag ich bis nach zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett – denn an der Linde, die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der großen Eckstube noch Licht ist – zog ich meine Filzschuhe und meinen alten Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf.«

»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor, und die Lippen der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung.

»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« frug der Greis, die Frage nicht beachtend, fort »das stürmische Brausen um das Haus wurde hier, in dem umschlossenen Raum, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platz zu, wo der Herr Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann. Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher Mondstrahl fiel in dem Augenblick durch's Zimmer, als ich – das Blut stockt mir noch jetzt in den Adern, wenn ich daran denke – ein leises Stöhnen vernahm und, den Kopf rasch danach umwendend, eine helle Gestalt erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos; als ich jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, wie ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß – in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum lieben Herrgott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden wolle.«

»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des Pastors Hand.

»Der Wind legte sich bald nachher,« meinte der alte Mann, »und das Aechzen hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an dem Abend hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«

»Elise!« sagte der Pastor und zog das bleiche, zitternde Weib leise an sich – sie zögerte einen Augenblick, schaute noch zweifelnd – zaudernd vor sich nieder, und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten Brust.

»Meine gute Frau Pastorin!« bat der alte Mann bestürzt.

»Alterchen,« rief jetzt der Schulmeister und zog den Arm des erstaunten Küsters in den seinen, »Ihr habt heute Morgen den gescheitesten Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige Geistererscheinung, hier ist Euer Document, heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«

»Aber, Herr Schulmeister – ich begreife nicht –«

»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen – ist auch gar nicht nöthig; nur jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so fidel, ich könnte, glaub' ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie selber dazu pfeifen!« Und ohne dem alten Mann auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und verschwand mit ihm durch die hintere Thür.

Und die Kranke?

Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebt's aber keine Kranke mehr – des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen, rüstigen Kräften im Haus herum; auch der Schulmeister und Verwalter kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen – nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt – und der Küster nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube, damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, um sie herunter zu holen.








Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.