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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Coopers Romane

1825

Es sind jetzt dreißig Jahre, daß der Kaufmannssohn Wilhelm Meister mit einigen Edelleuten auf vertrautem Fuße gelebt, ja es erreicht, eine Gräfin und ihre Brillanten an sein bürgerliches Herz zu drücken. Wie waren wir damals so hoffnungsfroh, die Deutschen würden ihr Glück machen und es weit bringen im Leben und in Romanen. Aber was sind unsere Hoffnungen, was ist aus all der Herrlichkeit geworden? Der Lehrbrief, den der junge Meister aus den Lilienhänden der schönen Erfahrung empfing, war auf Seidenpapier geschrieben, verduftete und verwelkte wie eine Blume und ließ nichts zurück als dürre Blätter, die unter den Fingern zerstäuben. Wenn Goethes Grundsatz wahr ist: der Held eines Romanes müsse sich sehr leidend verhalten, müsse sich alles gefallen lassen und dürfe nicht mucksen – warum haben wir denn keine guten Romane, da wir doch alle geborne Romanenhelden sind? Wir haben keine, weil der Grundsatz wahr ist. Um etwas zu erfahren, muß man etwas tun; wir müssen gehen, daß uns etwas begegne. Wir einregistrierten Menschen aber, wir Hochgebornen, Hochwohlgebornen, Wohlgebornen, Edelgebornen und dienstgebornen Menschen, welchen das Herz klopft, so oft wir an eine fremde Türe klopften; wir in unserem Gefach-Leben verlassen nie den Stand und die Zunft, in welchen die Wiege unserer Eltern gestanden und Stände und Zünfte sind zwar größere Familien, aber auch lauere, unerquicklichere, und sie sind unkünstlerischen Stoffes. Weil wir unseren Lebenskreis nicht überschreiten, erfahren wir auch nicht, was sich innerhalb des Kreises begibt; denn man muß andere kennen lernen, sich selbst zu kennen. Die Eilwagen, auf welchen doch manchmal ein armer Schelm von Dichter mit reichen und vornehmen Herren zusammentrifft, werden auf die Romanenliteratur vorteilhaften Einfluß haben; aber sie sind noch zu neu, diese Postmusen sind noch zu jung, und immer noch ist zu fürchten, daß die Botanibaier Spitzbuben früher gute Romane schreiben werden als die ehrlichen Deutschen. Wir haben keine Geschichte, kein Klima, keine Volksgeselligkeit, keinen Markt des Lebens, keinen Herd des Vaterlandes, keinen Großhandel, keine Seefahrt, und wir haben – keine Freiheit zu sagen, was wir noch mehr nicht haben. Woher Romane? Uns Kleinen begegnet nichts Großes, und was den Großen begegnet, und sei es noch so klein, bringen wir in die Weltgeschichte. Daher Demut im Leben und Wehmut in Romanen.

Kaiser Augustus der Schelm sagte, als er einst bei Tische zwischen dem tiefäugigen Horaz und dem engbrüstigen Virgil gesessen: da sitze ich zwischen Tränen und Seufzern. Ganz so kaiserlich speisen wir auch, so oft wir deutsche Romane lesen. Rote Augen, kurzer Atem und unheilbare Herzpolypen. Alle die herumziehenden Schmerzen rheumatischer Seelen! Der Tod so weinerlich und das Leben ohne Lachen. Heimweh nach dem Himmel weil fremd auf der Erde; Liebe zu Gott, aus Furcht vor Menschen. Ernsthaftigkeit ohne Ernst und Spaß ohne Spaßhaftigkeit. Und die Faustwehen, die Künstlerwehen und alle die Bergwehen und lächerlichen Geburten! Welche Anstalten, welche Zurüstungen, es herauszustellen, daß ein schlapper Wilhelm nicht bei Troste gewesen! Und eine Männerwelt sitzt kindisch auf niedriger Schulbank und buchstabiert jedes Wort ihres Meisters plärrend nach. Und gar die Liebeswehen! Ein deutscher Jüngling weint zehnmal mehr über bare, handschriftliche und gedruckte Leiden als ein junger Franzose oder Engländer. Wie sollte er nicht? Er, ein Kreidling der Bürgerlichkeit, enterbter Sohn einer reichen Geschichte, was hätte er zu tun, ehe er Referendär wird, und ist er es geworden, was hat er zu denken? Er ist unglücklich zum Zeitvertreibe. Nichts ist ihm geblieben als die Jugend, die man ihm nicht rauben konnte; aber die Jugend ist ein Verbrechen und das Alter ein Verdienst. Kein anderer Jubel als Dienstjubel. Sind sie recht alt, mager und zähe geworden, dann spickt man sie mit Nadeln für das Nachtessen der Würmer und umflechtet sie mit der Petersilie deutsch-vaterländischen Ruhms. Adlige Dichter sind herablassend und dichten Lieder auf bürgerliche Rentmeister; die Glocken läuten, die Türmer blasen, die Gassenbuben jubeln, im Deckelglase grinst sauerer Wein, die Ämter sind gerührt, und der Jubelgreis, den Henkeltaler auf der Brust, weint Freudentränen und stirbt am Wonneschlag. Pfui! lieber eine alte Maus sein als solch ein Jubelgreis, und – woher, woher Romane? Eine Million für einen Roman! Bemüht euch, zappelt, rennt – ihr bringt so wenig einen Roman zustande, als ich die Million herbeischaffe. Doch was liegt daran? Es gibt nichts Lächerlicheres als volkstümliche Gefühle, es ist nichts kindischer als Vaterlandsliebe. Die ganze Menschheit ist ein Volk, die ganze Erde ist ein Land; Gaben, Mühen und Genüsse sind verteilt – die Engländer schreiben Romane, und wir lesen sie.

Ja, wenn es bloß die Engländer wären! man kann viel weniger sein als die, und immer noch viel. Daß aber selbst die Amerikaner es uns zuvorgetan, so ein junges Volk, das kaum die schwäbische Reife erlangt, das beschämt, das entmutigt. Washington lrwing, Cooper und noch andere! Wäre Cooper ein ausgezeichneter Künstler, wie Walter Scott es ist, das möchte uns beruhigen. Denn der große Genius bedarf keines Wachstums, keiner Entwicklung, er springt reif und vollendet hervor. Er bedarf keiner Gunst des Himmels noch der Menschen, er braucht keine Sonne, keine Aufmunterung. Er häuft nicht verdienten auf verdienten Lohn; die volle Bewunderung wird ihm auf einmal ausbezahlt. Solch ein Genius aber ist Cooper nicht. Manche Deutsche kommen ihm gleich an Kunstfertigkeit; er hat nur vor ihnen voraus, daß er ein Amerikaner ist – versteht ihr? daß er ein Amerikaner ist. Das haben auch die deutschen Übersetzer seiner Romane gefühlt, und sie haben darum auf dem Titelblatte dem Namen Cooper das Beiwort Amerikaner vorgesetzt. Es ist ein Titel wie ein anderer, wie Doktor, wie Hofrat. ja, hätten sie geschrieben: »Seine Exzellenz, der Herr Amerikaner Freiherr von Cooper« – man hätte es gern gelesen und haßte man auch noch so sehr die Titel. Ein Freiherr ist er gewiß, und die Exzellenz gebührt ihm wohl. Cooper und Walter Scott – der erstere steht so weit über dem andern in sittlicher Beziehung, als er in künstlerischer unter ihm steht. Scott ist ein Tory, und wäre er das nicht, wäre er der große Dichter nicht. Die wahren Dichter, wie alle großen Künstler, lieben das Gewordene, das Seiende, das Notwendige, das Unbewegliche, das dem Meißel still hält; sie lieben daher den Zwang als den Erhalter des Bestehenden. Darum hassen sie das Werdende, das Bewegliche, das Schwankende, das Strebende und das Widerstrebende, denn sie hassen den Kampf; darum hassen sie die Freiheit. Man sage nicht, Walter Scott wäre unparteiisch. Er ist es freilich, sobald er einmal den Gegenstand der Darstellung gewählt; ihm liebe Verhältnisse und Menschen verschönt er nicht ungebührlich, ihm widrige verhäßlicht er nicht. Aber er ist parteiisch in der Wahl der Gegenstände, und wo er der Freiheit huldigt, da verehrt er nur den Sieg und die Gewalt, nicht den Kampf und das Recht der Freiheit, Cooper aber – ist ein Amerikaner.

In Coopers Romanen handeln frische, jungfräuliche Menschen frisch und jungfräulich, wie ihre Natur es ist. Sie haben ihre Schwächen und Laster, wie wir auch; aber die Krankheiten der Seelenleidenden sind kenntlichen Ausdrucks und geregelten Ganges, nicht wie bei uns getrübt und verworren durch einfließende Nervenschwäche und Romantik. Ihre Lebensverhältnisse sind klar und heiter, nicht als atmeten sie in Rosenschimmer unvergänglicher Freuden; sie kennen den Schmerz wie wir; aber Lust und Trauer, Licht und Finsternis sind geschieden, und Tag und Nacht liegen nicht immer im Streite, Tohu Wabohu wie in unsern Romanen. Darum werden dem Leser gesunde Rührungen, die aus reinem Herzen quillen, die nicht aus morschen Tränenfisteln sickern. Dort sind die Bürger ihrer Rechte klar, ihrer Pflichten sich froh bewußt; denn ihre Pflichten sind auch ihre Rechte. Das Gesetz des Bürgers und des Staates ist dort blank, stark geprägt und scharf gerändert, wie es aus der Münze der Natur gekommen; nicht beschmutzt von den Händen bestochener Richter, nicht vergriffen und beschnitten von den tausend Fingern der hundert Schreiber, Advokaten und Mäkler des Rechts. Doch das wird der verständige Leser schon alles von selbst herausfinden, und ist er ein Freund – guter Bücher, wird er nicht ermangeln, die Romane Coopers nach Möglichkeit zu empfehlen.

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