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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Auteuil 1835

 

Ich dich ehren? wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängstigten?
Goethes Prometheus

 

Die mißtrauische Stimmung, mit der ich das Buch in die Hand nahm, ging sogleich in eine freundliche über, als ich auf der zweiten Seite der Vorrede das Geständnis der Verfasserin las, daß sie an orthographischen Fehlern leide und mit Komma und Punkt nicht umzugehen wisse. Bei einer gebildeten Frau ist die Unorthographie die Blüte weiblicher Liebenswürdigkeit.

Auch in jeder anderen Sprache geschrieben, selbst in der gebildeten, feinen und vornehmen Literatur der Engländer und Franzosen würden diese Briefe eines Kindes die höchste Auszeichnung verdienen und erhalten; aber als ein deutsches Werk sind sie von noch größerer Bedeutung. Ist es doch das erste Mal, daß wir deutschen Geist, ein Schiff mit reicher Ladung, auf offener See, bei günstigem Winde, mit geschwellten Segeln stolz dahin fahren sehen! Soll uns das nicht freudig überraschen, uns, die wir die deutschen Schiffe nur immer im Hafen sahen, einladend oder ausladend, aber bewegungslos?

Und Goethe ist der Anker dieses Schiffes! Bettine würde sagen: er ist mein Polarstern, mein Magnet und mein Steuermann. Geschwätz eines Kindes, worauf wir nicht achten. Goethe ist der Anker, und wie freuen wir uns darüber, wenn das kalte, harte, schwere und träge Eisen, sooft das Schiff ausgeschlafen, hinaufgezogen und mit fortgeführt wird, hin in das Ungewisse, getragen von dem Schwankenden, unter sich den Abgrund, hinter sich die Launen des Windes; und alles ohne Rahmen, ohne Farbe, ohne Gestaltung!

Betet dieses Kind an, denn der Himmel ist in ihm, und erkennt, daß es einen Gott gibt und eine gerechte Vergeltung! Bettine ist nicht Goethes Engel, sie ist seine Rachefurie.

Einst vor vielen Jahren schmolz wieder einmal der Schnee in unsrem rauhen Lande, und die Herzen wurden wieder warm und Gedanken keimten wieder. Da ragte unter allen sprossenden Geistern einer hervor, mit tausend Knospen prangend, er allein ein ganzer Frühling. Die Götter sprachen: Diesen Dichter wollen wir ehren durch unsre Gunst, denn er wird uns verherrlichen, uns und sein Vaterland, und sein armes Volk wird durch ihn erfahren, daß wir noch seiner gedenken in unsrer Höhe. Sie sendeten dem Dichter einen ihrer vertrautesten Geister herab, ein holdes zaubrisches Wesen, das sich in irdischer Gestalt ihm näherte. Die schönsten Blumen, die süßesten Früchte brachte sie ihm. Sie war ihm Tochter, Freundin, Geliebte und sang ihm vor mit Harfenstimme von ihrem Heimatlande, wohin sie ihn zu führen versprach. Goethe fühlte sich gerührt und immer tiefer und tiefer, und da, aus Furcht zu lieben, haßte er; denn Goethe haßte die Liebe, die ihm Tod, Fäulnis war, und er fürchtete den Tod; den Haß aber liebte er, denn er liebte das Leben, und im trennenden Hasse erkannte er allein das Leben.

Goethe schlug Mignon tot mit seiner Leier und begrub sie tief, und verherrlichte ihr Andenken mit den schönsten Liedern. Die Tote versprach er sich zu lieben, behaglich, nach Bequemlichkeit, nach Zeit und Umständen, und so oft ihn die Optik, Karlsbad und seine gnädigste Herrschaft nicht in Anspruch nähmen.

Aber Mignon war keine Sterbliche. Noch einmal weinte sie, dann ließ sie ihre Hülle sinken und entschwebte. Oben aus einer Gewitterwolke rief sie herab: Wehe dem Undankbaren, der die Gunst der Götter verschmäht! Du hast mich nicht geliebt als Jüngling, so sollst du mich lieben als Greis; du hast mich nicht umarmt in den Tagen deiner Kraft, so sollst du mich umarmen in den Jahren deiner Ohnmacht; du hast mich von dir gestoßen, da ich deine Lust wollte sein, du sollst mich an deine Brust drücken, wenn ich deine Qual werde sein. Lebe nur fort in Hochmut und Todesfurcht, einst erscheine ich dir wieder.

Und wie sie gedroht, vollstreckte sie. Nach vierzig Jahren kam sie wieder und nannte sich Bettine. Sie liebte ihn, und er glaubte, sie spotte seiner; er liebte sie, und sie heuchelte, es nicht zu glauben, und er hatte doppelten Schmerz und war sehr unglücklich.

Es fehlte der Frau von Arnim nur an einer größern Schaubühne der Beobachtung, einer solchen, wie sie in Deutschland keiner findet; dort, wo für jede Loge ein eignes Stück aufgeführt wird – nur daran fehlte es ihr, sonst wären ihre Briefe den interessantesten französischen Memoiren zu vergleichen, und wir hätten eine deutsche Sévigné, nur verschönert und veredelt durch jene Liebe und jene Tiefe des Gemüts, welche die deutsche Nation über die französische erheben. Die Verfasserin hat ein merkwürdig[e]s Talent zu porträtieren, sowohl Zeiten als Menschen, welches sich mit ihrem nationellen Talente zu idealisieren gar wohl verträgt. Es wäre gut, sie gründete eine Unterrichtsanstalt für die historischen Professoren der deutschen Universitäten, welche die Kunst besitzen, sehr gute Geschichtsbücher zu schreiben, aber nicht die Kunst, sie lesen zu machen. Es wäre eine Kochschule, in der man lernte, wie aus den vortrefflichen Viktualien der deutschen Literatur alles Zähe, alle Säure und fixe Luft zu vertreiben sei, damit sie zur wohlschmeckenden und gesunden Nahrung werde.

Wer Frankfurt kennt, den Geburtsort der Verfasserin, und ihrem Buche die Bewunderung zuwendet, die es verdient, der wird nicht begreifen können, wie eine in Frankfurt Geborne diese Freiheit des Geistes und des Herzens gewinnen konnte. Die Auflösung des Rätsels liegt darin: Frau von Arnim war eine Katholikin, sie gehörte zu den unterdrückten Volksklassen, sie war also Weltbürgerin, und dieses bewahrte sie vor der Engherzigkeit und der Philisterei, von der sich der Protestant Goethe, dessen Familie zur herrschenden Partei gehörte, nie losmachen konnte. Was machte Goethe, den größten Dichter, zum kleinsten Menschen? Was schlang Hopfen und Petersilie durch seine Lorbeerkrone? Was setzte die Schlafmütze auf seine erhabene Stirne? Was machte ihn zum Knechte der Verhältnisse, zum feigen Philister, zum

Kleinstädter? Er war Protestant und seine Familie war ratsfähig. Er war schon sechzig Jahre alt, stand auf dem höchsten Gipfel seines Ruhms, und Weihrauchwolken unter seinen Füßen wollten ihn trennend schützen vor den niedern Leidenschaften der Talbewohner – da ärgerte er sich, als er erfuhr, die Frankfurter Juden forderten Bürgerrecht, und er geiferte gegen die »Humanitätssalbader«, die den Juden das Wort sprächen. ja, der Gott ärgerte sich und geiferte, und das Kind Bettine mußte ihm weiche Umschläge auf sein gichtisches Herz legen und ihn beschwichtigen wie einen leidenden mürrischen Onkel!

Bettine liebte Goethe wie einst Petrarca seine Laura; sie liebten beide nur die Liebe. Bettine kniete nicht vor Goethe, sie kniete in ihm; er war ihr Tempel, nicht ihr Gott.

Goethe war König, nicht der gemeinen, noch der vornehmen Geister, sondern ein König bürgerlicher Seelen. Ehrfurcht und Liebe umgaben ihn nicht, aber Bettelei und Dankbarkeit. Er war der Gönner der literarischen Gewürzkrämer, die Nationalgarde der Egoisten; verschmähend alles, was allen, hassend das, was den Besten gefiel. Er beschützte die Mittelmäßigkeit der Literatur und ließ sich von ihr bewachen.

Er schrieb dem Kinde: »Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen; nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke.« Wenn Goethe für Originalskizzen dankt, kann niemand an der Aufrichtigkeit seines Dankes zweifeln. Wären diese Briefe nicht Originalskizzen gewesen, sondern an alle geschrieben, gedruckt, dann hätte sie Goethe unleidlich gefunden. Daß er sie, selbst in ihrer ausschließlichen Beziehung zu ihm, zu würdigen verstand, mußte er in seinem Geiste, wir zweifeln nicht daran, sie als orientalische Poesie angesehen haben. War ihm Ja der ganze Jean Paul nur unter dieser Vorstellung begreiflich und verzeihlich. Diese Weise der Anschauung und des Urteils war begründet in Goethes innerster Natur. Feuer, das nichts verzehrte, Licht, das nichts beleuchtete, Wärme, die nichts erwärmte, waren ihm grauenvoll. In der Kohle, in der Farbe, in der Kälte, die sondern und sperren, sah er allein das Leben. Stoffloses Feuer, farbenloses Licht waren seinem Herzen unverständlich und seinem Verstande, seiner Wißbegierde nur als eine Seltsamkeit wert, die aus dem Morgenlande kam.

Frau von Sévigné, als einst Ludwig XIV. einen Menuett mit ihr getanzt, rief begeistert aus: es ist doch wahr, wir haben einen großen König! So haben gar viele Personen Goethe groß gefunden und bewundert, nur weil er so gnädig war, ihnen zu schreiben, weil er einen Briefmenuett mit ihnen getanzt. Aber zu diesen eiteln Enthusiasten gehörte Bettine nicht; sie hatte ein zu großes Herz um eitel zu sein. Aber wie konnte sie Goethen lieben und bewundern ? Es ist das Geheimnis der Apokalypse, man kann hundert Auslegungen versuchen, und des Unerklärlichen bleibt noch viel zurück.

Bettine hatte einen bewunderungswürdigen Höhesinn und eine unstillbare Kletterlust. Sie kletterte an Goethen hinauf wie an Türmen, Mauern und Bäumen, und oben, wenn ihr warm geworden war von der Bewegung, glaubte sie, sie hätte oben die Wärme gefunden, und die schöne Aussicht, die sie auf der Höhe gewann, sie glaubte, die Höhe hätte sie geschaffen.

Es geschah nicht selten, daß Bettine von ihrer Begeisterung für Goethe herabstürzte, aber nach ihrer Katzennatur fiel sie immer auf die Beine, und sie tat sich nicht zu weh.

Da ihr Herz heller aufloderte so oft Goethe es berührte, wähnte sie, von ihm käme seine Glut. Und doch war es nichts anderes, als daß er Wasser in ihre Flamme sprützte. Wenn aber der Kälte zuviel kam, die Glut dämpfend statt anzufachen, dann kam Bettine zur Besinnung, und sie erkannte Goethen, und sie pochte mit ihrer Kindeshand zornig an seine eiserne Brust.

Wem hätte Goethe nicht wehe getan, wer hätte nichts an ihm zu rächen? Darum wird es viele Tausende erquicken, wenn sie folgendes lesen, was Bettine, überwältigt von ihrer sich nicht bewußten Sendung, von Zeit zu Zeit an Goethe schrieb. Kinder sagen die Wahrheit und Narren verbreiten sie. Aber wer wäre nicht gern ein Kind mit diesem Kinde, ein Narr mit dieser Närrin?

»Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde; die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab' ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht abzuändern ist, gerne ab; wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblicke war und wie gewaltig das Poetische in ihr.«

»Bei der Hand möchte dich Dich nehmen und weit wegführen, daß Du Dich besinnen solltest über mich, daß ich Dir in Deinen Gedanken aufginge, als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürst, wie z. B. einem Intermaxillarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Sömmering behauptet: sag mir aufrichtig, werde ich Dir so wichtig sein als ein solcher toter Knochen?«

»Ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle deine Liebsten müßten denn mit ihren Prätensionen und höhern Gefühlen eine Welle darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen verbleicht sein und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonnenverbrannten Marsantlitze schaudern.«

»Ja, ich glaub's, daß ich Dir lieb bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schöne Mäßigung plötzlich zum Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefühl, so ganz wie Dich Gott geschaffen hat, in Deinem Herzen, ich würde mich nicht vor Dir fürchten wie jetzt, wenn ein so kühler Brief ankömmt, wo ich mich besinnen muß, was ich denn getan hab.«

»Ach, Du hast einen eignen Geschmack an Frauen. Werthers Lotte hat mich nie erbaut. So geht mir's auch mit Wilhelm Meister; da sind mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen. «

»Ach, Goethe, laß Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du müßtest sie verstehen und würdigen; ergib Dich auf Gnade und Ungnade, leide in Gottes Namen Schiffbruch mit Deinem Begriff. Was willst Du alles Göttliche ordnen und verstehen, wo's herkömmt und hinwill?«

»Ja, das hat Christian Schlosser gesagt: Du verstündest keine Musik, Du fürchtest Dich vor dem Tod und habest keine Religion.« Und in einem langen herrlichen Briefe über Musik erzählt Bettine, sooft sie spiele oder singe, käme in ihrem Zimmer eine Maus und eine Spinne aus ihrer Verborgenheit vor und äußerten bei den Tönen das lebhafteste, freudendurchdrungenste Mitgefühl. Dann spricht sie fortfahrend zu Goethe: »Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhöht, vom Göttlichen berührt fühlten, und Du, der sich bewegt fühlt durch die ewige[n] Wellen des Göttlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Werke, dessen Gedanken immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht im Element der Erhöhung, der Vermittelung mit Gott!«

»Du bist ein koketter zierlicher Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schöne Natur, die herrliche Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung – das alles rührt Dich nicht, so freundlich Du bist, so kalt bist Du auch.«

Einmal schickte Bettine Liebesäpfel an Goethe. Darauf schrieb er ihr: er habe sie nach deren Empfang an eine Schnur gereiht, ans Fenster in die Sonne gehängt und Farbenbeobachtungen dabei angestellt. Nicht einmal die Dankbarkeit konnte diesen kalten Mann erwärmen, ihn, der doch so gern Geschenke nahm. Man muß es ihm verzeihen, daß er so gern Geschenke nahm, ja oft erbettelte; Goethe war der ärmste Mann seines Landes und seiner Zeit. Er konnte nur genießen, was er besaß, und er besaß nur, was unter seinen Augen stand, was er mit den Händen fassen konnte. Sein Gaumen hatte keine Phantasie. Für ihn gab es keine Erinnerung, keine Hoffnung, keine Sehnsucht, keine Gläubigkeit. Gott selbst hätte ihm einen Wechsel auf eine Million, zahlbar in vier Wochen, ausstellen können, er hätte den Wechsel für einen Dukaten verkauft.

Wie konnte aber ein so gottloser Mann einen so reich begabten Geist haben, da aller Geist nur von Gott kömmt? Goethe hatte sich dem Teufel verschrieben.

Kein erhabener Mensch, kein großer Fürst, kein Gott hat je eine seelenvollere, glühendere, herzinnigere Anbetung gefunden, als sie Goethe von Bettinen empfing. Ihre Briefe sind Gebete des Geschöpfes an seinen Schöpfer, jedes Wort zu seiner Verherrlichung. Ein Gott selbst hätte solche Lobpreisungen nur mit Rührung und Demut aufgenommen und gesagt: ich will werden, was ich Scheine. Wie aber nahm sie Goethe auf? Bettinens Gefühle fand er oft zu natürlich, ihre Gedanken zu roh, und dann schickte er sie ihr gekocht zurück. Die Prosa ihrer Briefe putzte er in Poesie, machte Sonette daraus und besang und verherrlichte sich selbst mit der erstaunenswürdigsten Sachdenklichkeit. Bacchus, obzwar Herr des Weins, wird doch oft sein Diener und berauscht sich selbst; aber Goethe hat einen starken, felsenfesten Kopf; er kann Fässer seines Lobes austrinken und es schwindelt ihn nicht und er wankt nicht!

Goethe hatte weder Sinn noch Geist für edle Liebe, er verstand ihre Sprache nicht, noch ihr stummes Leiden. Die Liebe, die er begriff, die ihn ergriff, das war die gemeine, jenes Herzklopfen, das aus dem Unterleibe kömmt; und selbst in dieser galt ihm nur geliebt werden, lieben galt ihm nichts. Abends, wenn Goethe müde war vom Stolze, ward er eitel sich auszuruhen. Man mustere die liebenden Paare, die durch seine Dichtungen streichen, loses Gesindel, das in allen Reichsstädten dem Konsistorium zugefallen wäre. Die glückliche Liebe ist ein Verbrechen, die unglückliche ein verbrecherischer Wunsch. Sinnlichkeit, Eitelkeit, Heuchelei mit Stickereien von blumigen Redensarten als Schleier darüber. Seine geliebten Frauen sind Maitressen, seine geliebten Männer Günstlinge – und bezahlt. Die Liebeswirtschaft in Wilhelm Meister hätte die Polizei keinen Tag geduldet, wären nicht Barone und Gräfinnen dabei im Spiele gewesen.

Goethe fürchtete sich vor der Liebe, denn alles, was er nicht mit Händen greifen konnte, war ihm Gespenst. Er schlug sie tot auf seine gewohnte Weise. Die Liebe war ihm Chemie des Herzens, Sympathie nannte er Wahlverwandtschaft. Er stellte die Liebe in gut verstöpselten Gläsern in sein Laboratorium, und da war ihm wohl.

Bettine erzählte Goethe von seinen Kinderjahren, was sie von seiner Mutter gehört: »Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Straße herkamst mit mehrern andern Knaben; sie bemerkten, daß Du sehr gravitätisch einherschrittest und hielten Dir vor, daß Du Dich mit Deinem Geradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. Mit diesem mache ich den Anfang, sagtest Du, und später werde ich mich noch mit allerlei auszeichnen.«

Knaben, die sich gerade halten, werden Männer, die sich bücken, und darin hat sich Goethe ausgezeichnet, er hat sich tief gebückt vor allen, die sich noch gerader gehalten als er.

Seine Mutter erzählt weiter: »In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen; ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen. Auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein paar Stiefel dazu. Auf den zweiten einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw. Auf den dritten kam alles vom feinsten, nebst Degen und Haarbeutel. Das erste zog er im Hause an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zur Gala.«

Goethe war stolz und hochmütig, aber alle seine große[n] Gaben berechtigten ihn zu keinem Stolze, denn die Gaben, die allein dazu berechtigen, fehlten ihm: Mut und Seelengröße. Und ist man ein Dichter ohne Mut? Wahrheit und Schönheit sind verzauberte Prinzessinnen. Gar manchen Riesen und Drachen mußte man erlegen, durch Feuer und Wasser gehen, über einen Draht reiten um sie zu erlösen. Aber Goethe ist auch kein Dichter; die Muse war ihm nie vermählt, sie war seine Dirne, die sich ihm hingab für Geld und Putz, und Bastarde sind die Kinder seines Geistes.

Ja wahrlich, Goethe mußte, um seine Freundin erträglich, um sie nur begreiflich, und in seinem Naturalienkabinett ein Schubfach für sie zu finden, sie als seine Hofnärrin betrachten.

Wenn Bettine ihre schöne Begeisterung für die Treue, den Heldenmut der Tiroler und ihren Schmerz und Zorn bei Hofers Tod Goethen anvertraut und von ihm Verständnis, Erwiderung ihrer Gefühle erwartet, muß man da nicht laut auflachen über das närrische Kind, das seiner Puppe seine Leiden vorweint? Und möchte man nicht laut aufweinen, wenn man gewahrt, wie ein so bedeutender Mann als Goethe vor jeder Empfindung bleich wird und zittert, weil er die hypochondrische Einbildung hat, das Herz wäre von Glas und müsse brechen von einer heftigen Berührung? ja wahrlich, Goethe hatte eine fixe Idee, so traurig als man nur je eine im Irrenhause fand. Die Natur verwahrt alle ihre Kleinodien in Futteralen, wie der Mensch; aber für Goethe galten die Futterale selbst als Kleinodie; innen die Kostbarkeiten gewahrte er gar nicht, und wenn ja, betrachtete er sie als eingeschlossene Diebe, die seinen Schatz bedrohten. Goethe hatte eine lächerliche Schachtelwut; er nannte das Kunstliebe, seine Verehrer nannten es Kunstkennerschaft, Sachdenklichkeit. Aber das war eine betrübliche Kunstliebe, eine lächerliche Kunstkennerschaft und eine wahnsinnige Sachdenklichkeit. Jedes Kunstwerk ist der sterbliche Leib eines unsterblichen Gedankens, die Versinnlichung des Übersinnlichen. Aber für Goethe war ein Kunstwerk der Sarg einer Idee, und hörte er etwas sich darin rühren, floh er entsetzt davon, ihm schauderte vor der lebendig begrabenen.

Es gibt keine Staatsgeheimnisse mehr. Goethes ehemalige Minister und Günstlinge werden freilich die Verwirrungen ihres Gebieters auch nach dessen Tode nicht verraten; aber mögen sie schweigen so tief sie wollen, wer errät es nicht, daß Bettine Goethes Quälgeist war, und daß sie ihn mit ihren Briefen, mit ihren Besuchen oft zur Verzweiflung gebracht haben mußte? Mit ihrer Begeisterung, ihrer Schwärmerei, ihrer schattenlosen Mittagslust, ihren Gedanken, Sternschnuppen gleich, dem Kometenwandel ihrer Phantasie konnte Goethes Sachdenklichkeit nicht fertig werden. Nicht in seiner Gemäldegalerie, nicht in seinem Naturalienkabinette wollte sie still halten, Ja aus dem festesten unterirdischen Gedichte wußte sie zu entspringen. Das eine, was ihm mit ihr gelang und ihn vor Trostlosigkeit auf kurze Zeit schützte, war, daß er sie wie Sand auf eine Glastafel streute und sie zu Chladnischen Klangfiguren formte. Aber wie lang half das und wie wenig! Hatte sie anschwindelnd getanzt bis zur willkommenen Gestaltung – ein Lüftchen, und sie stäubte wieder auseinander.

Nach einer langen Reihe von Briefen, worin sie mit Goethe von Musik, von Liebe, von der schöpferischen Natur, von Freiheit, von Vaterland, von Andreas Hofers Tode gesprochen, schrieb ihr der betrübte Freund zurück: »Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zum Tempel des Mars geleitet.« Um den Lichtwechsel und den launischen Gang der Liebe zu begreifen, mußte er sich das Herz als einen englischen Garten vorstellen, und um aus Andreas Hofer etwas zu machen, ließ er ihn als einen Priester des Marstempels gelten. Der unglückliche Mann, der nur in einem Kerker ruhig schlafen konnte!

Goethe hat nur das Räumliche und das Zeitliche verstanden, das Unendliche und die Ewigkeit verstand er nicht; aber unsterblich ist nur, wer die Unsterblichkeit begreift. Lächerlicheres gibt es nicht auf der Welt als Gott und Teufel, wie sie Goethe in seinem viel gepriesenen Faust dargestellt; Goethe hat Gott und Teufel nach seinem Ebenbilde geschaffen. Dort ist Gottes Weisheit fünf grade sein lassen; und des Teufels Klugheit, es mit Gott nicht zu verderben, weil er doch ein vornehmer Herr ist.

Hätte Bettine die schöne Musik ihres Herzens vor rohen Ohren hören lassen, vor einem Philister ihrer Vaterstadt, vor einem Sachsenhäuser, der aus dem Apfelwein seine Begeisterung schöpft – es hätte uns gewundert aber nicht verdrossen. Wir hätten gedacht: sie ist ein Sonntagskind, die einen edlen Geist da erkennt, wo wir Wochenmenschen nur die rohe Hülle sehen. Aber daß sie sich Goethen zugewendet, der seinen ganzen Schatz an den Koffer verwendet, der bei andern großen Geistern den Schatz einschließt; den jeder Alltagsmensch begreift, nach seinem vollen Werte schätzt, weil er nichts zu erraten übrig läßt, weil er sein eigener Hintergrund ist – das betrübt uns.

Goethe hat nur verstanden, was tot war, und darum tötete er jedes Leben um es zu verstehen. Nicht die Natur, nicht den Menschen faßte er. Er zerstückelte das Leben in seine Glieder, in seine einzelnen Organe und zeichnete sie sehr richtig, wie in den besten anatomischen Kupfertafeln. Freilich findet Ihr alles in seinen Schriften, Hand und Fuß, Rumpf und Schädel, Herz und Nieren; aber setzt sie nur zusammen, macht einen lebendigen Menschen daraus, wenn Ihr könnt. Ihr findet freilich Sterne und Götter in seinen Dichtungen, aber gerissen aus ihrer Liebesbahn, Ihr macht nie einen Himmel daraus. Goethe lebt nur in seinen Liedern, da allein ist er ganz und vollständig; denn das Lied ist die Scheidemünze der Poesie, die sich nicht mehr teilen läßt, die nicht mehr gewechselt werden kann.

Bettine ist ein reichbegabtes, gottgesegnetes Kind, das wir lieben und verehren müssen. Sie ist glückliche Gespielin der Blumen, Vertraute der Nachtigall; sie verstand die Sprache der Stille, der Goethe taub war, und wußte das Mienenspiel der stummen Natur zu deuten. Ihr waren die Sterne näher, sie leuchteten ihr wie uns Mond und Sonne. Ihr Buch ist ein Gedicht und ihr Leben ein holdes Märchen. Goethes Nachwelt ist auch die ihre, sie richtet beide. Wird Goethe verurteilt, ist Bettine freigesprochen, wird Goethe freigesprochen, ist Bettine schuldig. Goethe nannte sie eine Närrin, und er mußte wohl; denn Bettine selbst sagt es: »Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen.«

Goethe wagte sich nicht zu berauschen im Weine der Begeisterung. Er hätte Wasser in den Nektar selbst gemischt, ihn wie Arznei getrunken, ängstlich in Maß und Zeit.

Bettine besiegte Goethen, aber nicht wie die Liebe besiegt: er floh vor ihr, und so eilig und angstvoll, daß er nicht einmal seinen Körper mitnahm.

Die Biene erquickt uns nicht bloß mit Honig, sie spendet uns auch das Licht der Nacht. So soll auch der Dichter sein: süß dem Freudedurstigen, leuchtend in der Dunkelheit der Trauer. Goethe war nur das erstere, der Dichter der Glücklichen, er war nicht der Dichter der Menge. Keiner weint an seinem Grabe, denn nur die Unglücklichen haben Tränen.

Goethe hat nur immer der Selbstsucht, der Lieblosigkeit geschmeichelt; darum lieben ihn die Lieblosen. Er hat die gebildeten Leute gelehrt, wie man gebildet sein könne, freisinnig und ohne Vorurteile und doch ein Selbstling; wie man alle Laster haben könne ohne ihre Roheit, alle Schwächen ohne ihre Lächerlichkeit; wie man den Geist rein erhalte von dem Schmutze des Herzens, mit Anstand sündige und den Stoff Jeder Nichtswürdigkeit durch eine schöne Kunstform veredle. Und weil er sie das gelehrt, verehren ihn die gebildeten Leute.

Goethe hat sich mit wenigen Worten treffender und wahrer geschildert, als es irgend ein anderer vermöchte. Er sagt in seinem Leben: »Es liegt nun einmal in meiner Natur, ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als eine Unordnung ertragen.« So war Goethe immer und überall, so hat er sich gezeigt in allen seinen Worten und Handlungen. Wenn edle Menschen sich gegen ihre böse, tyrannische Natur empören, sich von ihr frei zu machen suchen, war es Goethes Weisheit, sich ihr zu unterwerfen mit Lakaiendemut. Die Liebe, die alle Trennung aufhebt, die kunsttötende, galt ihm für Unordnung. Für Unordnung galt ihm, wenn die Macht wechselte, wie alles wechselt, und von dem Starken zu dem Schwachen, von den Unterdrückern zu den Unterdrückten überging. Goethe war ein Stabilitätsnarr, und die Bequemlichkeit war seine Religion. Er hätte gern die Zeit an den Raum festgenagelt. Das gelang ihm nicht, aber es gelang ihm, sein Volk aufzuhalten, da er lebte und noch nach seinem Tode; denn über seine Leiche muß es schreiten, will es zu seinem Ruhme und seinem Glücke kommen.

Blind ist jede Liebe, aber blinder hat sie sich noch nie gezeigt als bei Bettine. Ihr Buch, bekannt gemacht zur Verherrlichung Goethes, hat seine Blöße gezeigt, hat seine geheimsten Gebrechen aufgedeckt. Die arme Bettine rieb sich die Hände wund ihren Gott zu reinigen, es gelang ihr nicht; sie hat ihm manchmal den Kopf gewaschen, aber das Herz konnte sie ihm nicht waschen. Wäre die Liebe nicht blind, hätte sie statt zu Goethe für ihn gebetet, gebetet mit seinen eignen schönen Worten:

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

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