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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 41
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Dioptrik

Schon daran finde ich meine Schadenfreude, daß auch die schönsten und stolzesten Leserinnen der Iris nicht wissen, was Dioptrik bedeutet, und genötigt sind, der Überlegenheit männlicher Einsicht im Stillen zu huldigen. Aus keinem andern Grunde gebrauchte ich das Wort; denn ich wollte, gegen alles Völkerrecht, ohne blasende Herolde und aufgeblasene Manifeste vorauszuschicken, den Krieg mit einem Schusse zugleich ankündigen und beginnen. Freilich, wen die Weiber um Ruhe, Frieden und Wohlsein, um den Schlaf, das Herz, die Eßlust und den Verstand betrogen, der wird es kindisch finden, daß ich so stark tobe, da sie mir doch nicht mehr veruntreuet als einen Gulden. Aber einen Beleidigten, wenn er tugendhaft ist, schmerzt weniger die erlittene böse Tat als die Bosheit. Nicht an der Verletzung meines Eigentums liegt mir, sondern an der allgemeinen Sicherheit, und darum bringe ich meine Klage öffentlich vor.

Ich ging vor einigen Tagen in den Sorgischen bestmöglichst erwärmten Saal, um die königlichen Transparentgemälde zu sehen. Ich sah aber gar nichts, aus den einfachsten optischen Gründen; denn die dort aufgestellten Weiberhüte, die nicht transparent waren, hinderten mich daran. Eine Frau – ich hätte giftiger und höhnischer Dame sagen können, aber man muß gegen Feinde gerecht sein: sie hatte ihr Kind auf dem Schoße – eine Frau unter einem Hute, der wenigstens 12,873 Fuß über dem mittelländischen Meere erhoben sein mußte, denn er ragte über die Jungfrau hinaus, die 12,872 Fuß hoch ist, saß gerade vor mir, und verteidigte die schweizerische Freiheit gegen mein Augennetz, worin ich sie fangen wollte. Welche Farbe der Hut hatte, und ob er mir einen grauen oder schwarzen Star verursachte, konnte ich nicht unterscheiden. Aber ich war vollkommen blind und genötigt, im Dunkeln anderthalb Stunden lang aus Verzweiflung satyrisch zu sein. Ich bedauerte sehr, daß Weiberköpfe zu den beweglichen Gütern gehörten, auf die man, wie auf Faustpfänder, nur etwas Weniges mit Sicherheit borgen kann. Wäre der vor mir befindliche Kopf als Hypothek zu verschreiben, das heißt: ein liegendes Grundstück gewesen, dann hätte ich vielleicht noch einen schmalen Weg in die Alpentäler aufgefunden. Aber so war gar nicht daran zu denken. Die schöne weibliche Himmelskugel bewegte sich unaufhörlich, und da ich stets auf die entgegengesetzte Seite ausbog, so bildeten unsere Köpfe die sich durchkreuzende Bewegung eines doppelten Uhrperpendikels. Anfänglich hatte ich große Hoffnung auf das Kind gesetzt, welches die Obskurantin auf dem Schoße hatte; ich dachte nämlich, sie würde sich oft niederbücken, es zu liebkosen. Aber die weibliche Neugierde war größer als die Mutterliebe, und sie ließ nur selten den Kopf zum Kleinen hinab. Ich sah also nichts von den Schweizergemälden, weder Muttertreue, noch die Stadt Luzern, noch Tells Kapelle, noch die Petersinsel. Nur als der Mond im Dörfchen Lyß aufging, fielen einige Strahlen desselben durch die Zweige der Hutfedern, welches schauerlich war. Auch die Jakobfeuer am Brienzersee gingen mir verloren, und in meinem Verdruß konnte ich den mörderischen Gedanken nicht unterdrücken: Lägen doch alle anwesenden Weiberhüte darin und brennten! Am meisten dauerten mich die vielen im Saale befindlichen Kinder unter 10 Jahren, die zwar nur die Hälfte des Eintrittspreises zu zahlen hatten, dafür aber auch weniger als die Hälfte der Schaustücke sehen konnten, da sie noch tiefer im Riesenschatten der Weiberhüte saßen als wir Erwachsenen. So ging ich unbefriedigt nach Hause und murrte sehr über das böse Geschick; doch bald mußte ich beschämt über meinen Zweifel an eine gütig waltende Vorsehung mit Candide ausrufen: Die Welt ist doch die beste, trotz ihrer dioptrischen Leiden! Ich fühlte nämlich, daß mein Hals, der seit drei Tagen so steif war wie der kuhschnappelsche Kanzleistyl, sich wieder frei bewegen konnte. Das Menuett, das er mit dem Federhute tanzte, hatte ihn wahrscheinlich flott gemacht. Die Heilung war gewiß ihren Gulden wert. Da aber nicht jeder, der so unglücklich ist, hinter einem Federhute zu sitzen, zugleich das Glück hat, einen steifen Hals zu haben, so darf ich diesem zum Schaden nachfolgende Betrachtungen nicht unterdrücken.

Schon oft hat man über die Hindernisse geklagt, welche die hohen Hüte der Frauenzimmer den männlichen Augen in Schauspielen entgegensetzen, und Vorschläge gemacht, wie dem Übel abzuhelfen sei. Der beste unter den Vorschlägen war der, daß die Hüte aus Glas verfertigt werden sollten. Dieses hätte allerdings seinen Vorteil, und wenn man dabei noch bedacht wäre, die Gläser so zu schleifen und zusammenzusetzen, daß sie den männlichen Zuschauern als Perspektive dienen könnten, so wäre der Nutzen groß. Allein man vergaß, daß solche Hüte sehr gebrechlich sind, und daß, wenn auch der Anstoß von außen vermieden würde, die Bewegung, die so stark in Weiberköpfen stattfindet, dieselben leicht beschädigen könnte. Ich habe drei andere Hilfsmittel, die mir besser scheinen.

Mein erster Vorschlag, die Hutfinsternisse, welche die Frauen bei Schauspielen verursachen, künstlich zu erhellen, besteht darin, daß man ihnen den Eingang auch ohne Hüte nicht verstatte. Ich habe nie begreifen können, wie Männer so leichtsinnig sein mögen, ihre Weiber die Komödie, diese Turn-, Fecht-, Redner- und Tränenschule, täglich einige Stunden besuchen zu lassen. Lernen auch die guten nichts Böses darin, so lernen doch die schlimmen das Böse geräuschlos begehen. In den Londoner Diebs-Erziehungsanstalten werden die Gaunerzöglinge geübt, lebensgroßen Puppen, die mit Schellen behängt sind, die Taschen zu leeren; sie müssen dies zustande bringen, ohne zu klingeln. Die Komödie ist ein ähnliches Institut, worin das Frauenzimmer lernt, seine kleinen Spitzbübereien ohne Geklingel auszuführen. Wenn man sich auch immerhin auf die Treue der Weiber verlassen darf, so soll man doch nie vergessen, wie groß ihre reine Liebe zur Wissenschaft ist, die sie ohne Einmischung alles Eigennutzes beseelt, und daß sie, gleich eifrigen Jägern, am Jagen und Töten ihre Lust finden, ob sie zwar das erlegte Wild verschmähen, es verschenken oder liegen lassen. Man sollte ihnen den Besuch der Schauspiele höchstens während der ersten Szenen verstatten, wo Kammermädchen und Bediente die Zimmer reinigen und sich über die Herrschaft lustig machen, die noch im Bette liegt, oder während des letzten Aktes, wo alles an den Tag kommt und auch die Listigste überführt wird. Sie würden auch mit dieser Einrichtung wahrscheinlich zufrieden sein, da ihnen beim Theaterbesuche an der Festlichkeit des Kommens und Gehens am meisten gelegen ist.

Mein zweiter Vorschlag ist: sie sollen keine Hüte aufsetzen. Gibt es etwas Größeres als deren Geschmacklosigkeit? Außer der Kühnheit, dieses zu sagen, gewiß nichts. Die landüblichen Weiberhüte haben so viel Eckiges, Geschnörkeltes, Buntscheckiges, Domgewölbtes, kurz Gotisches, daß man sie für die stärksten Stützen des häuslichen Feudalwesens und der geselligen Oberlehnsherrlichkeit der Weiber ansehen kann. Nehmt sie ihnen, und die unnatürliche Geisteigenschaft so vieler Männer wird aufhören. Es ist mit den Gesetzen der Mode wie mit denen des Staates: jene werden für die Häßlichen, wie diese für die Ruchlosen gemacht, und die schönen Weiber wie die guten Bürger müssen sich ihnen, um der Ordnung willen, mit unterwerfen. Anders läßt sich ja gar nicht erklären, wie ein Frauenzimmer, das kein häßliches Gesicht zu verbergen hat, mit einem solchen Regen- und Sonnenschirme zu einer Zeit herumgehen mag, wo es weder regnet noch heiß ist. In einem solchen Hute, mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Böschungen und ausgezacktem Rande, kann jeder Ingenieur, ohne Anstrengung der Einbildungskraft, sämtliche Teile einer Festung, Graben, Wege, Palissaden, Bastionen, Courtinen und Schießscharten wahrnehmen. Und so angesehen, gereichen große Hüte den Köpfen, die sie tragen, allerdings zum Ruhme; denn da ausgedehnte Festungswerke bekanntlich eine große Besatzung erfordern, so setzen jene diese voraus. Aber Männer setzen sie in Verzweiflung. Eine Frau unter einem Hute ist gar nicht zu erobern. Jedes weibliche Herz ist ein heiliges Jericho im gelobten Lande, dessen Mauern vom Schalle einstürzen. Darum liebt auch eine taube Frau niemals, obzwar ein tauber Mann so wie ein stummer Mann keine Liebe einflößt, eine stumme Frau aber um so leichter. Wie ist es aber möglich, in der Pulverkammer der weiblichen Empfindung, in das Ohr, eine einzige Brandrakete zu werfen, wenn dieses vom hohen Hute geschützt wird? Desertierte nicht manchmal eine Locke aus der Hutfestung und zeigte dem belagernden Munde eine kleine Öffnung, wodurch der Zündfaden eines zärtlichen Wortes geleitet werden kann, so würde aus jeder Liebesbewerbung ein trojanischer Krieg und die schöne Helena zur Matrone werden.

Mein dritter Vorschlag und Heilplan wäre, daß die Damen im Schauspiele ihre Hüte an die Wand hängten und mit großen Buchstaben, etwa transparent in Brillantfeuer, ihre Namen darunter setzen ließen. Da man den Putz nur trägt, ihn sehen und sich beneiden zu lassen, so reichte ja schon hin, daß man die Besitzerin desselben erführe. Ja die Weiber könnten oft gar zu Hause bleiben und nur ihre Hüte in's Theater schicken.

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