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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 34
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Brief an einen siebenjährigen Deutschen in Neapel

Lieber Herr! Sie selbst werden es sehr gut verstehen, warum ich Sie einen siebenjährigen Deutschen in Neapel nenne: weil Sie nämlich sieben Jahre dort wohnen. Aber wegen der übrigen Leser mußte ich dieses erklären. Ich habe mir, um die erforderliche Kürze der Überschrift zu erhalten, diese Sprachfreiheit nehmen müssen; denn hätte ich darauf warten wollen, bis man mir die Freiheit oktroyiert, hätte ich lange warten können. Ehe ich von meinen Angelegenheiten spreche, muß ich mein Bedauern ausdrücken, daß ich Ihnen keine Geheimnisse zu schreiben und daher nicht Gelegenheit habe, die schöne Entdeckung zu benutzen, die ich vor kurzem gemacht habe. Ich habe nämlich ein Mittel gefunden, Briefe gegen vorzeitiges Eröffnen zu sichern; es besteht darin, die Briefe drucken zu lassen und gar nicht zu versiegeln. Vielleicht wundern Sie sich, lieber Herr, daß ich jenes Briefeöffnen nur vorzeitig nannte und nicht abscheulich, wie andere Publizisten tun. Ich weiche aber hierin von der gewöhnlichen Ansicht ab. Meiner Meinung nach liegt jenen amtlichen Vorlesungen mehr eine medizinische Polizei, als irgendeine andere zum Grunde. Man hat Beispiele genug, daß Menschen gleich nach Empfang eines Briefes krank geworden oder gar gestorben sind. Oberflächliche Ärzte haben dann behauptet, der Inhalt des Schreibens und die dadurch bewirkte Gemütsbewegung hätten das getan. Es rührte aber bloß von der verdorbenen Luft her, die sich in lang verschlossenen Briefen notwendig erzeugen mußte, und welche die Empfänger ohne Vorsicht eingeatmet hatten. Um diese Gefahr zu entfernen, öffnet eine gute medizinische Polizei die Briefe auf verschiedenen Poststationen und erneuert die darin enthaltene Luft. Sieht das einer Abscheulichkeit ähnlich?

Jetzt zu meinem Anliegen, und zwar zu dessen erstem Teil. Ich habe im literarischen Konversationsblatte mit vielem Vergnügen einen Bericht gelesen, den Sie über den letzten Ausbruch des Vesuvs eingeschickt. Der Ausbruch fand am 22. Oktober v. J. statt, und die Lebhaftigkeit Ihrer Schilderung läßt schließen, daß Sie den empfangenen Eindruck sogleich zu Papier und daß die italienische Post das Papier sogleich nach Leipzig gebracht. Aber erst am 23. April d. J. stand Ihr Bericht abgedruckt; also ganze sechs Monate später. Die Lava, so langsam sie auch schleicht, hätte sie ihren Lauf nach Leipzig genommen, wäre sie dort früher erschienen als Ihre Warnung. Ich bitte Sie, sich mir anzuschließen, damit wir gemeinschaftlich darüber nachdenken, wie die beschwerliche und langsame Verdauung der deutschen Buchdruckereien zu heilen sei. Sollte sie von Überladung herrühren? Aber in Frankreich wird nicht weniger geschrieben und gedruckt, und dennoch erscheinen die Bücher so schnell. Von den Übersetzungen der Scott'schen Romane werden in Paris sämtliche Bände an einem Tage ausgegeben; in Deutschland erscheinen sie aber in großen Zwischenräumen, so daß ich von vier Scott'schen Romanen nur die ersten Teile gelesen, weil, als die folgenden erschienen, ich das Gelesene wieder vergessen hatte, und es mir verdrießlich war, um den Zusammenhang der Geschichte zu gewinnen, eine gemachte Lektüre noch einmal vorzunehmen. Gute Werke werden im Leipziger Meßkatalog dreimal aufgeboten, aber nicht wie Leute, die sich verehelichen wollen, von Woche zu Woche, sondern von Halbjahr zu Halbjahr. Aus Ihrer Darstellung, wertester Herr, sieht man, daß Sie ein geübter Schriftsteller sind und es Ihnen also weniger Freude als Ihren Lesern macht, sich gedruckt zu sehen. Wenn dieses aber nicht wäre, wenn Sie ein anfangender Schriftsteller wären – in Neapel sind Sie ohnedies, wo die Sonne alle Neigungen und Leidenschaften schneller treibt und heißer ausbrütet – würden Sie nicht gestorben sein vor Ungeduld, ehe Sie Ihren Bericht im literarischen Konversationsblatte gesehen? Zu den sechs Monaten, die der Druck erforderte, müssen Sie auch noch drei andere rechnen, die der Fuhrmann gebraucht hätte, Ihnen das Blatt nach Neapel zu fahren. Ich erinnere mich noch recht gut, daß ich im Oktober 1813 zu Fuß von Heidelberg nach Frankfurt gegangen; auf dem Wege schloß ich mich einem Fuhrmanne an, denn das Leben der deutschen Fuhrleute war mir immer sehr poetisch erschienen, und ich wollte dieses Dessert meiner akademischen Freiheit auch noch verzehren, ehe ich an die saure Arbeit ginge. Aber so sehr ich auch meinen Gang mäßigte, vermochte ich doch nicht, mit den Gäulen gleichen Schritt zu halten, und ich mußte nach jeder Viertelstunde wieder umkehren, so daß ich den Weg gleich einem Pudel drei- bis viermal machte. Auf dem Wagen bemerkte ich einen Ballen Bücher, der nach Leipzig adressiert war. Damals fiel mir daran nichts auf als die Adresse, welche lautete: An die löbliche Buchhandlung N. N. . . . Ehrliche Deutsche – dachte ich, ihr macht nicht bloß lebendigen Geschöpfen Komplimente, sondern auch toten Sachen, die ja das Kompliment nicht erwidern können. Entspringt Schmeichelei aus so edlen, uneigennützigen Triebfedern, dann ist sie als Tugend sehr zu preisen! . . . Einige Wochen später aber fiel mir bei, daß, wenn in dem Pakete Klüber's Staatsrecht des Rheinischen Bundes gelegen, das sich ein Leipziger verschrieben, das Buch bei seiner Ankunft für den Besteller gar keinen Wert mehr gehabt hätte, da unterdessen die deutschen Fürsten zur guten Sache übergetreten waren und der Rheinische Bund aufgelöst worden.

In Ihrem Berichte, wertester Herr (und das ist meines Anliegens anderer Teil), beschreiben Sie das vom Vesuv herabwogende Feuermeer schön und schauerlich, und dann sagten Sie folgendes: »In solchen Augenblicken scherzen zu können, beweist wenigstens ein fühlloses, wenn nicht ein geradezu schlechtes Herz. Und doch geschah es! Wir trafen viele Zuschauer beider Geschlechter und von allen Nationen dort, welche ihren Witz laut werden ließen. Einer – leider ein Deutscher – trieb es so weit, daß er ein paar Spiele Karten hervorzog, indem er, wie er sagte, sich vorgenommen habe, im Angesichte der Lava eine Partie Whist zu machen!! – Zum Glück war ein anderer Deutscher so entschlossen, ihm die Karten wegzureißen und sie in die glühende Lava zu schleudern – und das von Rechts wegen.«

Zuvörderst erlauben Sie mir die kleinliche Vermutung, daß in dem letzten Satze etwas fehlt. Den Worten: so entschlossen, scheint ein Sätzchen folgen zu müssen, das mit daß anfängt, etwa: daß die Whistpartie unterblieb. Bei der Eilfertigkeit, womit Ihr Bericht abgedruckt worden ist, muß man sich verwundern, daß nicht noch mehrere Druckfehler darin vorkommen. Jetzt aber erlauben Sie mir, die beiden Geschlechter und die verschiedenen Nationen, die auf dem Vesuv witzig waren, gegen ihre Anklage in Schutz zu nehmen. Sie sagen: wer auf dem Vesuv Witz zeige, müsse ein Herz ohne Gefühl, ja ein durchaus schlechtes Herz haben. Ein so ungerechtes Urteil hatte das französische Revolutionsgericht in den Tagen des Schreckens nie ausgesprochen. Den Deutschen unter den Witzigen wäre nichts vorzuwerfen, als daß sie ihren Witz nicht im Lande verzehrt; den andern Nationen aber ist gar nichts hierüber zu sagen. Nicht aus Übermut, aus Angst waren sie witzig, wie es die Menschen gewöhnlich sind, wo sie sich in Gesellschaft fürchten. Wer der Gefahr spottet, gedenkt ihrer; der wahre Held aber denkt gar nicht an die Gefahr. Doch ist ein Herz darum schlecht, weil es furchtsam ist? Was aber jenen Deutschen betrifft, der auf dem Vesuv eine Partie Whist spielen wollte, so hätte ich selbst zwar ein solches Verlangen nie gezeigt, weil ich kein Whist verstehe; wäre mir aber in den Sinn gekommen, »im Angesicht der Lava« eine Partie Piket zu spielen und ein gemütlicher Landsmann hätte mir die Karten aus den Händen reißen wollen, so würde ich, wie folgt, zu ihm gesprochen haben und wäre dabei so in Eifer geraten, daß ich ihn gegen alle Regeln der Höflichkeit geduzt hätte:

»Fremdling! Nicht darum nenn' ich dich Fremdling, weil du, wie ich an deiner Aussprache höre, ein Württemberger bist, ich aber ein Nassauer bin; sondern weil deine Gesinnungen und deine Gefühle meinem Kopfe und meinem Herzen ganz fremd sind. Du drohst, meine Whistkarte in die Lava zu werfen? Tue es, was liegt daran? ich kauf mir eine andere; es gibt der Damen, Buben, Könige und Kreuze noch genug in der Welt. Aber denke ja nicht, mich mit dieser groben Koketterie zu täuschen – ich durchschaue dich, Fremdling, du schmeichelst dem Vesuv, weil du vor ihm zitterst, und du zitterst vor ihm, wie du vor deinem Geheimrate in der Kreisstadt zitterst. Du findest es kleinherzig, Whist zu spielen im Angesichte dieser erhabenen, Verderben drohenden Natur! Sag' mir, Fremdling, hast du je die Karte hingelegt, wenn unter den Fenstern des Kasinos, wo du spieltest, weinende Kinder ihren Vater zu Grabe getragen? Du tändelst morgens beim Frühstücke mit deinem Weibchen und hast noch die Zeitung in der Hand, die dir vom spanischen Bürgerkriege erzählte, und wie dort nicht ein Vesuv Flammen speit, sondern zwei Vulkane gegeneinander wüten. Jede Freude wird am Strande eines Abgrunds gepflückt. Tanze, wo du willst, du tanzest über Gräbern; singe, wann du willst, Tränen begleiten dein Lied; siedle dich mit deinem Glücke an, wo du willst, die Trauer ist deine Nachbarin. Kennst du den Scherz nicht, kennst du den Ernst nicht; denn der Scherz ist der Staubfaden des Ernstes, sein Geschlecht anzeigend. Schau her, Fremdling: Ich selbst werfe jetzt die Karte in die Glut, aber mit Freiheit, nicht wie du aus Kriecherei. Gib mir deine Hand, Württemberger, dort liegt die Asche meines Zornes.«

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