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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 33
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Die Schwefelbäder bei Montmorency

Ach, wäre ich nur schon der Rührung frei, wie munter wollt ich herumhüpfen auf dem Papier! Aber Tränen umdämmern meine Augen – und sie haben weit zu sehen, über Frankreich weg, bis hinüber in das Vaterland; aber meine Hand zittert und sie soll doch Kranken einen Heilbrief schreiben. Tausend frische Zweige säuseln mich vom dürren Pulte weg, tausend Vögel zwitschern mich hinaus; denn sie säuseln, denn sie zwitschern Rousseau! Rousseau! Die Kastanienbäume dort, ernste Greise jetzt, sie haben in schöneren Jahren Rousseau gekannt und mit Schatten bewirtet seine glühende Seele. Das Häuschen gegenüber – ich sehe in die Fenster – darin ist Rousseaus Stübchen; aber er ist nicht daheim. Dort ist der kleine Tisch, an dem er die »Heloise« gedichtet; da steht das Bett, in dem er ausgeruht von seinem Wachen. O heiliges Tal von Montmorency! Kein Pfad, den er nicht gegangen, kein Hügel, den er nicht hinaufgestiegen, kein Gebüsch, das er nicht durchträumt! Der helle See, der dunkle Wald, die blauen Berge, die Felder, die Dörfchen, die Mühlen sie sind ihm alle begegnet, und er hat sie alle gegrüßt und geliebt! Hier der Schatten vor meinen Augen – so, ganz so hat ihn die Frühlingssonne um diese Stunde auch seinen Blicken vor- gezeichnet! Die Natur ringsumher – die treulose, buhlerische Natur! In Liebestränen lag er zu ihren Füßen, und sie sah ihn lächelnd an, und jetzt, da er fern ist, lächelt sie an gleicher Stelle auch mir und lächelt jeden an, der seufzend vorübergeht! – Drei Stunden von Paris und eine halbe Stunde von Montmorency entfernt liegt, zwischen den Dörfern Enghien und St. Gratien, ein See, welchen die Franzosen den Teich nennen, l’ étang. Darüber mag man sich billig wundern! Sie, die alles vergrößern, die inländischen Tugenden und die ausländischen Fehler, müßten den See – sollte man meinen – das stille Meer von Montmorency heißen, so groß und stattlich ist er. Wahrlich, als ich ihn gestern vormittag sah – das Wetter war etwas stürmisch-, schlug er hohe Shakespeareswellen und war unklassisch bis zur Frechheit. Ich brauchte, bei freiem Herzen, zwanzig Minuten ihn zu umreiten; Liebende zu Fuß können ihn eine ganze schöne Stunde umschleichen. Herrliche Baumgänge umschatten sein Ufer, zierliche Gondeln hüpfen über seine Wellen. Diesem See nahe sind die Badehäuser angebaut, alle auf das schönste und bequemste eingerichtet. Die Bestandteile des Wassers kenne ich nicht genau; die chemische Analyse, die der berühmte Fourcroy davon gegeben, habe ich nicht gelesen; nur so viel weiß ich, daß Schwefel darin ist – dieses herrliche Mittel, das, in Schießpulver verwandelt, kranke Völker, zu Arzneipulver gestoßen, kranke Menschen heilt. Wahrscheinlich hat das Badewasser von Montmorency die größte Ähnlichkeit mit dem von Wiesbaden, welches nach dem Konversationslexikon diesem sächsischen Reichsvikar nach Ableben des deutschen Kaisers, der den deutschen Völkern geistige Einheit gibt und dessen zehn Bände das Andenken der ehemaligen zehn Reichskreise mnemonisch bewahren – kohlensaure Kalkerde, Bittererde, salzsaures Natrum, salzsaure Kalkerde und Bittererde, schwefelsaures Natrum und schwefelsaure Kalkerde, Tonerde und etwas mit kohlensaurem Natrum aufgelöstes Eisen enthält. Aber Montmorency ist ungleich wirksamer als Wiesbaden und alle sonstigen Schwefelbäder Deutschlands und der Schweiz. Die notwendigste Bedingung zur Heilung einer Krankheit durch Schwefelbäder ist, wie die Erfahrung lehrt – die Krankheit; weswegen auch gute Ärzte da, wo sie keine Krankheit vorfinden, ihr Heilverfahren damit beginnen, eine zu schaffen. Paris liegt aber so nahe bei Montmorency, daß die erforderliche Krankheit auf das leichteste zu haben ist. Aus dieser vorteilhaften Lokalität entspringt für deutsche Kurgäste noch ein anderer ganz unschätzbarer Nutzen: daß sie nämlich gar nicht nötig haben, sich auf der großen Reise von Deutschland nach Paris mit einer Krankheit zu beschleppen, welches besonders bei Gichtübeln beschwerlich ist, sondern daß sie sich gesund auf den Weg machen und sich erst in Paris mit den nötigen Gebrechen versehen, von wo aus sie gemächlich in zwei Stunden nach Montmorency fahren, um dort Heilung zu suchen. Sollten sie diese nicht finden oder gar unglücklicherweise in Paris sterben – denn es versteht sich von selbst, daß man dort alle seine Zeit zubringt und nur sonntags zuweilen nach Montmorency fährt, um unter den Kastanienbäumen hinter der Eremitage die feine Welt tanzen zu sehen –, so hat man die Reise doch nicht vergebens gemacht. Es gibt nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?

Der Vorzüge, welche das Schwefelbad von Montmorency vor allen übrigen Schwefelbädern hat, sind noch gar viele, und ich werde ein anderes Mal darauf zurückkommen. Jetzt aber habe ich von etwas Wichtigerem zu sprechen, nämlich von der zweimonatlichen Vorbereitungskur, welcher sich besonders die deutsche weibliche Welt zu unterwerfen hat, ehe sie die Reise nach Montmorency antreten darf. Ich weiß freilich nicht, ob auch junge Frauenzimmer von Stand zuweilen die Gicht bekommen und ob ich nicht gegen die Pathologie und Courtoisie verstoße, wenn ich dieses als möglich annehme. Sollte ich aber fehlen, so entschuldigt mich meine gute Absicht gewiß. Wäre ich nun ein halbes Dutzend Dinge, die ich nicht bin: jung, reich, schön, verheiratet, gesund und ein Frauenzimmer, würde ich, sobald ich im Morgenblatte die Anpreisung des Montmorencybades gelesen, wie folgt verfahren. Ich nehme an, ich lebte seit fünf Jahren in kinderloser, aber zufriedener Ehe. Mein Mann wäre ein Graf und reich. Er wäre nicht geizig, verwendete aber mehr auf seine landwirtschaftlichen Baue, Parkanlagen und Merinoschafe als auf meine Launen und Luftschlösser. Er liebte die Jagd sehr, mich aber nicht minder. An Wochen- und Werkeltagen tät ich ihm in allem seinen Willen, und nur an Festtagen, die ich mir zu diesem Zwecke alle beweglich gemacht, behielte ich mir die Herrschaft vor. Wir lebten zurückgezogen auf unseren Gütern. Mein Mann wäre Tage und Wochen auf seinen entfernten Meiereien, und wir hätten selten eheliche Zwiste. Nun käme er eines Abends- – – aber, um es den Leserinnen bequem zu machen, will ich in der dritten Person, wie Cäsar, und im Indikativ, wie die Weltgeschichte, yon mir erzählen.

An einem schönen Maiabend – die Dorfglocke verhallte schlaftrunken, der Himmel löste seine roten Bänder auf, die Sterne wurden angezündet – kehrte Graf Opodeldoc von der Jagd zurück. In das Hoftor eingetreten, sprach er zu seinem Oberjäger: »Lieber Herr Walter, sein Sie so gut und lassen Sie meiner Frau sagen, daß ich da bin.« Der Graf war gegen seine Jagddienerschaft ein gar milder und lieber Herr. Im Gartensaale legte er seine Tasche ab und zog die Ladung aus der Büchse; die Jagd war sehr unglücklich gewesen, nichts, keine Rabenfeder war ihm aufgestoßen. Sophie, das Kammermädchen der Gräfin, kam schüchtern herbei und sprach mit ängstlicher Stimme: »Erschrecken Sie nicht, Herr Graf, es hat gar nichts zu bedeuten, bis morgen ist es vorüber, Sie brauchen sich gar nicht zu beunruhigen.« Der Graf stieß zornig seine Büchse auf den Boden. – »Elster, Starmatz, Gans, was schnattert Sie da? Was hat nichts zu bedeuten, worüber soll ich nicht erschrecken?« Das Kammermädchen erwiderte: »Sie können ganz ruhig sein, die gnädige Gräfin befinden sich etwas unwohl und haben sich zu Bette gelegt.« »Schon gut«, brummte der Graf, »schick Sie mir Heinrich.« Heinrich kam, seinem Herrn die Stiefel auszuziehen. Wie gewöhnlich benahm er sich ungeschickt dabei und bekam einen leisen Fußtritt; so sanft hatte Heinrich den Herrn nie gesehen. Nachdem der Graf in Pantoffel und Schlafrock war, ging er in das Zimmer seiner Frau. Die schöne Gräfin richtete sich im Bette auf; sie hatte den Kopf mit einem Tuche umbunden. – Amor trug die Binde nur etwas tiefer. »Was fehlt dir, mein Kind?« frug der Graf so zärtlich als ihm möglich war. – »Nichts, lieber Mann; ich bin froh, daß du da bist, jetzt ist mir schon viel besser. Heftiges Kopfweh, Schmerz in allen Gliedern, große Übelkeiten.« Die Gräfin, obzwar eine geübte Schauspielerin, die schon in bedeutenden Rollen aufgetreten, stotterte doch, als sie diese Worte sprach, und ward rosenrot im Gesicht. Der Graf er besaß große Allodialgüter und war seiner ganzen Kollateralverwandtschaft spinnefeind; als er seine Gemahlin erröten sah, faßte ein freudiges Mißverständnis und drückte der Gräfin so fest und zärtlich die Hand, als er es lange nicht getan. Diese schrie ein langgedehntes Au!, zog die Hand zurück, bewegte krampfhaft die Finger und wiederholte im Sechsachteltakt: Au!au!au! Au ist zwar ein unfeines Wort; aber der Schmerz hat keinen guten Stil, und einen schönen Mund kann auch ein Au nicht verunzieren. Der klugen Leserin brauch ich es wohl nicht zu sagen, daß jenes Au nichts war als die erste Szene einer kleinen dramatischen Vorgicht. »Ich habe dich oft gewarnt, abends nicht so spät in der Laube zu sitzen; du hast dich gewiß erkältet; das kommt dabei heraus!« Nach diesen Worten wünschte der Graf seiner Gemahlin gute Nacht und ging brummend fort.

Am anderen Morgen fand sich die Gräfin beim Frühstück ein und erklärte sich für ganz wiederhergestellt. Der Graf fragte, wie gewöhnlich, nach dem Morgenblatte, das der Bote jeden Abend aus der Stadt brachte. Man suchte darnach, es fand sich nicht. »Steht etwas Interessantes darin?« fragte der Graf. Die Gräfin erwiderte, sie habe es gestern, weil sie sich zu Bett gelegt, nicht gelesen. Sie war ungemein hold und liebenswürdig und schlürfte ein Löffelchen aus der Tasse ihres Mannes, ehe sie ihm dieselbe hinreichte, um zu versuchen, ob der Kaffee süß genug sei – eine zarte Aufmerksamkeit, die sie für feierliche Gelegenheiten versparte. Darauf brachte sie ihre eigene Tasse an den Mund, vermochte sie aber nicht zur Hälfte zu leeren. Sie klagte über Appetitlosigkeit und daß ihr der Mund so bitter wäre. »Meinst du nicht, liebes Kind«, sagte der Graf, »daß es gut sei, den Arzt aus der Stadt holen zu lassen? «

»Ich halte es nicht für nötig«, erwiderte die Gräfin, »es fehlt mir eigentlich nichts, indessen, wenn es dich beunruhigt, tue es immerhin.« Ein Reitknecht wurde abgefertigt, und nach zwei Stunden fuhr der Arzneiwagen in den Hof. Der Doktor fühlte den Puls, frug herüber, frug hinüber, schüttelte den Kopf; Frank, sein Polarstern, zog sich hinter Gewölk, und vom menschlichen Herzen, diesem Kompasse auf dem Meere zweifelhafter Geschichten, verstand der gute Doktor nichts. In seiner Spezialinquisition erlaubte er sich verbotene Suggestionen; die Gräfin verwickelte sich in ihren Antworten, klagte über die widersprechendsten Leiden, stotterte, ward wiederum rot. Der Graf lächelte abermals und sprach. »Herr Doktor, ich will Sie mit meiner Frau allein lassen.«

Als Graf Opodeldoc fort war, waren die Leiden der schönen Gräfin auch fort. Sie ließ sich vom Doktor die jüngsten Stadtneuigkeiten erzählen und fragte diesen endlich: »Waren Sie schon draußen auf dem Friedhof beim Baron Habersack gewesen? Er ist krank.«

– »Ich bin sein Arzt nicht«, erwiderte der Doktor seufzend. »Ich weiß das«, sagte die Gräfin; »aber ich habe vor einigen Tagen mit der Baronesse von Ihnen gesprochen, sie wird Sie rufen lassen.« – Der Doktor machte einen Bückling der Erkenntlichkeit. »Der Baron hat das Podagra«, fuhr die Gräfin fort. »Die Baronesse, die ihn zärtlich liebt, glaubt, daß nur ein Bad ihn herstellen könne, aber der Baron ist ebenso geizig, als seine Gemahlin großmütig ist. Sie verläßt sich auf Sie, daß Sie ihm eine Badereise als unerläßlich zu seiner Heilung vorschreiben werden.« – »Gnädige Gräfin, eine Badereise wäre Ihnen vielleicht auch anzuraten.« – »Meinen Sie, Doktor? (Das ausgelassene Herz machte den Doktor völlig zum Sklaven der Gräfin.) Aber welchen Badeort würden Sie empfehlen? «

– »Sind Sie für Wiesbaden, gnädige Gräfin?« – »Ich will nichts davon hören, man begegnet da nur verkrüppelten Männern und möchte sterben vor Langeweile.« – »Was halten Sie von Ems?« »Man erkältet sich dort abends zu leicht.« – »Lieben Sie Cannstatt?« – »Ich hatte mir dort sehr gefallen; schade nur, daß die Esel fehlen, welche die Bäder in der Nähe von Frankfurt so lustig machen ... Doktor, was denken Sie von Montmorency bei Paris? Die dortigen Schwefelbäder werden sehr angerühmt und scheinen mir für meine Umstände ganz zu passen.« – »Ich kenne sie; glauben Sie doch der französischen Scharlatanerie nicht. Einen Schwefelfaden in ein Glas Wasser geworfen und sich damit gewaschen, tut dieselben Dienste wie das Bad von Montmorency.« – »Aber, lieber Doktor, bedenken Sie die angenehme Reise, Paris, die Zerstreuungen.« – »Freilich, gnädige Gräfin, Sie haben recht, die milde Luft Frankreichs wäre Ihren Nerven gewiß sehr heilsam.« – »Doktor, reden Sie mit meinem Manne, seien Sie geschickt, Sie werden Mühe haben.« »Gnädigste, ich führe eine Schlange in meinem Wappen.«

Während oben Kriegsrat gehalten wurde, ging Graf Opodeldoc im Garten auf und ab und wartete auf den Doktor. Er machte große Schritte und rieb sich vergnügt die Hände, denn er hoffte heute noch seinen nahbegüterten Kollateralverwandten eine schadenfrohe Botschaft zu bringen. »Wartet nur naseweiser Bruder«, sprach er lachend vor sich hin, »und Sie, hochmütige Frau Schwägerin, wir wollen eine Suppe zusammen essen, die gesalzen sein soll.« Endlich kam der Arzt, er stürzte ihm entgegen, faßte ihn an beiden Händen und sprach: »Nun, lieber Herr Doktor, was macht meine gute Frau? Trinken wir eine Flasche Madeira?« Der Doktor zuckte bedeutend die Achseln. »Man kann noch nichts sagen, wertester Herr Graf. Man muß der Natur Zeit lassen, sich zu entwickeln. Ich habe eine Kleinigkeit verschrieben, zum Versuch bloß.« – »Aber was fehlt denn eigentlich?« – »Es ist eine unausgebildete Gicht, die man zu befördern suchen muß.« »Gicht! Doktor. Meine Frau ist erst dreiundzwanzig Jahre alt, so jung und schon die Gicht! Ich habe sie oft gewarnt, das kommt von den weiten Fußreisen, von dem tagelangen Reiten.« – »Im Gegenteil, Herr Graf, mehrere und stärkere Bewegung wäre der gnädigen Gräfin zuträglich. Die frühzeitige Gicht findet sich jetzt häufig bei jungen Damen von Stande; das kommt vom übermäßigen Zuckerwassertrinken.« – Graf Opodeldoc ließ sich das gesagt sein; er war ein kenntnisvoller Pferdearzt, aber von der Menschheit in ihrem gesunden und kranken Zustande wußte er nicht viel. Nachdem der Arzt fort war, ging der verdrießliche Ehemann in das Zimmer seiner Frau, ergriff beide dort stehende vollgefüllte Zuckerdosen und schüttete ihren Inhalt zum Fenster hinaus. Alles Hofgeflügel kam herbeigeflattert und schlich langsam und verdrießlich wieder fort, als sich nichts zu picken vorfand.

Vier Wochen lang wechselte die schöne Gräfin Opodeldoc zwischen Wohlbefinden und Übelbefinden mit vieler Kunst und Überlegung ab. Der Arzt kam, der Arzt ging. Die Krankheit blieb. Endlich schien die Arznei anzuschlagen – sie mochte wohl sympathisch gewirkt haben, denn Sophie, das Kammermädchen, pflegte ihre Privatnelken damit zu begießen. Schon seit acht Tagen war keine Klage gekommen aus dem Munde der Gräfin. Terpsichore hatte diese glückliche Verabredung mit Hygieia getroffen; denn am neunten Tage schickte die Baronesse Habersack Einladung zu einem Balle, auf dem sie vor der Abreise ins Bad alle ihre Freunde vereinigt sehen wollte. Die Gräfin schmückte sich aufs herrlichste, sie war schön wie – ein Engel. (Warum ist die christliche Mythologie so arm an guten Bildern?) Sophie, das Kammermädchen, stand, wie Pygmalion vor seinem Marmorbild mit Liebesblicken vor dem Kunstwerk ihrer Hände und flehte die Götter, sie möchten die Gräfin beleben und in einen Mann verwandeln. Der Graf selbst zeigte starke Spuren inneren Wohlgefallens beim Anblicke seiner Gemahlin; denn die Hoffnung, daß seine hagere Schwägerin auf dem Balle etwa bersten würde vor Neid, hatte sein ästhetisches Gefühl ungemein geschärft. Er nannte die Gräfin einmal über das andere: Mein Mäuschen! Endlich bot er ihr den Arm, sie hinab an den Wagen zu führen. Auf der Mitte der Treppe – o unvergleichliche Tat menschlicher Seelenstärke, einzig in der Weltgeschichte! o glorreichste Heldin des weiblichen Plutarchs! – mitten auf der Treppe, von Rosen umduftet, von Seide umwallt, von Gold und Perlen umglänzt. von Kunst und Natur bis zum Blenden umschimmert, auf dem Wege zum Tanze, auf dem Wege zu tausend süßen Triumphen... ... stieß die Gräfin Opodeldoc einen durchdringenden Schreie aus und wollte zusammensinken. Der Graf stützte sie und fragte: »Was hast du, mein Mäuschen?« Die Gräfin konnte vor Schmerz nicht antworten. Man mußte sie die Treppe wieder hinauftragen. Sie legte sich zu Bette. Sophie, ob sie zwar als Kammermädchen hinter den Kulissen stand, ward doch überrascht von dem Staatsstreiche ihrer Gebieterin, dessen Geheimnis sie nicht wußte, da die Gräfin, wie jede Frau, ein Allerheiligstes hatte, in das auch die Priesterin Sophie nicht treten durfte, sondern nur sie selbst als Hohepriesterin. Der kranke Fuß wurde bis zur Ankunft des Arztes ohne Erfolg mit Hausmitteln behandelt. Der Doktor kam und hatte mit der Gräfin eine lange geheime Unterredung. Vor dem Weggehen begab er sich zum Grafen und sagte mit feierlicher Stimme: »Herr Graf, ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu raten, daß Sie einen anderen Arzt kommen lassen.« – »Noch einen?« rief der Graf. »Ein Kongreß! Steht es so schlimm mit meiner Frau? Ist eine gefährliche Revolution in ihr vorgegangen?« »Nein, wertester Herr Graf, so schlimm ist es nicht; aber die gnädige Gräfin scheinen kein Zutrauen in mich zu setzen und wollen meinen Rat nicht befolgen. Ich habe Ihrer Gemahlin eine Badekur verordnet, aber sie will nichts davon hören. Sie sagt, das Geräusch der Badeorte sei ihr verhaßt, und sie hat mir verboten, mit lhnen, Herr Graf, davon zu sprechen. Aber meine Pflicht ... « – »Herr Doktor, Ich liebe die Badeorte auch nicht; können Sie meine Frau nicht auf anderem Wege heilen?« – »Wertester Herr Graf, wir können nicht zaubern, wir Ärzte. Der Arzt und die kranke Natur sind der Blinde und der Lahme; die Natur zeigt uns den Weg, den wir sie tragen sollen. Um einen Kranken zu heilen, müssen wir in ihm den gesunden Punkt, den Punkt des Archimedes auffinden, wo wir den Hebel ansetzen. Die Gicht ist eine Krankheit, die sich aufs hartnäckigste verteidigt, sie ist mit Gewalt gar nicht einzunehmen, weswegen sie auch im Konversationslexikon unmittelbar auf Gibraltar folgt ... « Der Doktor sprach noch länger als eine Viertelstunde gelehrt und unverständlich, um der Gräfin Zeit zu lassen, ihre Rolle zu rekapitulieren. »Sie werden meiner Frau Wiesbaden verordnet haben?« – »Nein, Herr Graf, das Wasser ist zu stark.« – »Oder Ems? Nicht wahr, Doktor, Ems, das hilft.« – »Trau Sie ihm nicht, Herr Graf, das Wasser allein tut' s dort nicht; die Nachtluft – die Nachtluft ist dort schädlich.« »Welches Bad raten Sie denn?« – »Das zweckmäßigste wäre Barrège in den Pyrenäen.« – »Träumen Sie, Herr Doktor? Wollen Sie meine Frau der Armée de fol zuführen? Soll uns der Trappist attrapieren?« – »Freilich, Herr Graf, Barrègge hat seine Bedenklichkeit. Das Wasser von Montmorency bei Paris ist ungefähr von gleicher Beschaffenheit.« »Herr Doktor, wenn unsereiner nach Paris reist, so kostet das gleich ungeheures Geld. Muß es denn sein? Tut es kein anderes Bad? Haben Sie Erfahrungen, ob es hilft?« – »Schon Hippokrates, in seinem Buche von den Winden, rühmt das Bad von Montmorency. Aber, Herr Graf, ich fürchte, Ihre Frau Gemahlin ist nicht zu bewegen.« – »Das wird sich finden; wenn ich will, muß sie wollen; ich bin Herr, Herr Doktor.«

Graf Opodeldoc brauchte länger als vierzehn Tage, seine Gemahlin für die Schwefelbäder von Montmorency zu gewinnen. Endlich willigte sie ein. »Ich will deiner liebevollen Besorgnis dies Opfer bringen«, sprach sie mit matter Stimme. Sie ward täglich schwächer und verließ das Bett nicht mehr. »Liebes Kind«, sagte der Graf eines Morgens, »ich reite in die Stadt, ich will dir die Putzmacherin herausschicken, du wirst für die Reise noch allerlei bedürfen.« – »Nein, guter Mann«, erwiderte die Gräfin, »das Nötigste habe ich, und ein Leichentuch finde ich überall. Ich fühle, wie sich alles in mir auflöst, bald schließt mich der Tod in seine kalten Arme.« – »Kinderpossen! Du wirst in Paris wieder aufleben; dann brauchst du Flitter genug, und dort ist alles doppelt teuer. « – »O mein Gatte, wozu noch Tand und Flitter? Laß mich den Blick abwenden von allem Irdischen, laß mich gegen den Himmel meine Gedanken richten!« »Wie du willst!« brummte der Graf. – Die Vorbereitungen zur Reise waren getroffen, das Gold ward unter Seufzen eingerollt. – Der Graf liebte die Napoleons sehr, doch als guter Deutscher nur im Pluriel. Die Gräfin wurde in den Wagen gehoben. Schon am zweiten Tage fühlte sie sich gestärkt, und in Straßburg vermochte sie mit Leichtigkeit den Münster hinaufzusteigen. Oben auf der Plattform sagte der Graf: »Mäuschen, du blühst ja wieder wie eine Rose.« Die Gräfin erschrak, bedachte, wie wenig entfernt sie noch von der Heimat wären, und blickte in die untergehende Sonne, um ihre Wangenröte hinter dem Widerschein der Abendglut zu verstecken.

Als sie an der Barriere St. Martin an das Tor gelangten, durch das man, von Deutschland kommend, in Paris einfährt, wollte der Postillion, wie es ihm auf der Station geheißen, rechts ab gleich nach Montmorency fahren, wo das Quartier vorausbestellt war. Aber die Gräfin befand sich plötzlich so übel, daß man sich entschließen mußte, über Nacht in Paris zu bleiben. Der am anderen Morgen herbeigeholte Arzt erklärte die Krankheit für une fièvre non maligne und gebot, das Zimmer zu hüten. Der Graf ging aus, Adressen abzugeben, machte Besuche, empfing Besuche; nach einigen Tagen war die Gräfin hergestellt und ward von ihrem Manne in den Strudel von Paris hineingeführt. Die deutsche unlegitime Garderobe wurde in der Viviennestraße restauriert. Der Graf selbst fing an, sich in Paris zu gefallen. Er hatte einen wackeren Colonel auf halbem Solde kennengelernt, der wie er ein leidenschaftlicher Jäger war und der ihm Gelegenheit verschaffte, seine Lust zu befriedigen. Die Gräfin aber hatte vom ersten Augenblick an eine unüberwindliche Abneigung gegen den Colonel gefaßt, und da sie ihren Widerwillen nicht verbarg, führte dieses zu häufigen Zwistigkeiten mit ihrem Manne. »Er ist ein wilder Mensch!« sagte die Gräfin oft. – »Wir gedienten Leute sind nicht anders!« erwiderte jedesmal der Graf. Wochen, Monate gingen vorüber, der Herbst nahte heran, die Rückreise konnte nicht länger verschoben werden. Der Wagen war angespannt, der Colonel umarmte seinen Freund. »Adieu, mon angel« sagte er zu Sophie, ihr die Wangen streichelnd; aber vergebens suchte er unter Scherzen seine Rührung zu verbergen, Tränen entstürzten seinen Augen. Er faßte die Hand der Gräfin, sie zu küssen, diese zog sie zurück und ließ ihren Schleier fallen. Als sie im Wagen saßen, sagte der Graf: »Du hast dich aber auch zu unartig gegen den Colonel benommen! Er ist ein herrlicher Mann, ein echt deutsches Herz.« ... Während auf der ersten Station hinter Paris die Pferde gewechselt wurden, schlug sich der Graf plötzlich an die Stirn und rief: »Rein vergessen!« Mit freudigem Schreck frug die Gräfin hastig: »Deine Brieftasche? Ich habe sie auf dem Kamin gesehen. Laß uns schnell zurückfahren, ich fürchte, ich habe auch manches dort vergessen; wenn wir nicht eilen, ist alles hin.« – »Die Brieftasche habe ich«, erwiderte der Graf. »Ich meine, wir haben ja ganz vergessen, uns in Montmorency umzusehen.« – »Übers Jahr!« lispelte die Gräfin mit einem leisen Seufzer und warf einen feuchten Blick auf den Dom der Invaliden zurück, dessen goldene Kugel in der Abendsonne leuchtete.

Graf Opodeldoc lebte wieder im alten Gleise auf seinen Gütern. Die Nachbarinnen waren der Reihe nach gekommen, die Pariser Hüte zu bewundern, welche die Gräfin mitgebracht. Diese hatte sich müde erzählt von den Wunderwerken der herrlichen Stadt – wenn es für Männer angenehm ist, in Paris zu sein, ist es für Frauen noch angenehmer, dort gewesen zu sein und davon zu berichten. Die Herbstwinde raschelten, die Blätter fielen. Es kam der erste November, des Grafen fünfzigster Geburtstag. Der Graf schlief an diesem Tage wie gewöhnlich länger als gewöhnlich, um zu allen Vorbereitungen zu seiner Überraschung Zeit zu lassen. Er ging hinab in den Saal und wünschte seiner Gemahlin mit erkünstelter Gleichgültigkeit und Kälte einen schönen guten Morgen. Bei seinem Eintreten sagte die Gräfin zu ihrem Kammermädchen: »Geh, Sophie!« indem sie ihr einen sanften Schlag gab. Sophie hatte eine ganze Spitzbubenherberge voll Schelmerei auf ihrem Gesichte und schlüpfte lachend hinaus. »Väterchen!« sprach die Gräfin mit entzückender Holdseligkeit – der Graf kam näher »Väterchen!« – der Graf stand vor ihr – »Petit Papa« – sie ergriff seine Hand, drückte sie fest und zärtlich, er zog sie zurück; sie lächelte, er errötete. –

Das macht ich so!

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