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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 30
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Das Gespenst der Zeit

Geht ein vornehmer Mann in's literarische Wirtshaus und wird er in die Balgereien der Zechlustigen mit hineingezogen, so hat er sich das selbst zuzuschreiben, denn er hätte wegbleiben können. Drängt er sich aber gar zu unserem Tische und sucht er Händel, dann freut sich gewiß jeder billige und bescheidene Mann, wenn es was absetzt. Wir sind die Kutscher der Zeit: die großen Herren können es bequem haben, sich in den Wagen setzen und sich fahren lassen. Zwar behaupten sie, Kutsche, Pferde und Kutscher, das gehöre alle ihnen eigen, und wir müßten fahren, wohin sie wollten. Ob sie das Recht haben, dieses zu fordern oder nicht, das zu untersuchen ist jetzt zu spät; genug, wir haben die Zügel in den Händen, wir achten den Zuruf nicht, wir halten nicht ein, und das Herausspringen aus dem Wagen ist mit chirurgischer Gefahr verbunden.

Was ist der Zeitgeist? Diesen Gegenstand hat der Fürst Alexander von Hohenlohe in einer zu Bamberg gehaltenen Adventrede besprochen. Wie er ihn besprochen, das hat er vor Gott zu verantworten, daß er aber seine Rede auch hat drucken lassen, hat er vor Menschen zu verantworten. Diese kleine Schrift ist zwar zu unbedeutend, ernste Aufmerksamkeit zu verdienen, und zu scheinlos, um täuschen und verführen zu können; doch möge sie als Anregung zu einer wichtigen Frage nicht ganz verworfen werden. Wie hat sich der Religionslehrer in unserer Zeit, wo die bürgerliche Gesellschaft – ich werde mich, dem Leser die freie Wahl überlassend, beider Sprachen bedienen – sich verjüngt oder hinfällig wird, sich erfrischt oder abwelkt, aufbaut oder zerstört, mündig oder geistesschwach, gesund oder krank wird; wie hat er sich da zu verhalten? Er muß über dieses alles hinaussehen; denn er hat den Menschen abzuziehen von der sinnlichen, das heißt von derjenigen Welt, welche nicht die ewige, beständige, wahre, sondern die vergängliche, wechselnde, falsche Welt ist, die, nur ein Spiegelbild der Sinne, im Ohre, im Auge, in jedem Menschen, in jedem Orte, in jeder Zeit, bei jedem Wandel des Lichtes sich anders abbildet und wie Schillertaft unaufhörlich die Farbe wechselt. Der Geistliche soll lehren, daß nichts geschieht ohne Wissen und Einwilligung des erhabenen Lenkers aller Dinge, und daß alles, was geschieht, weise, gerecht und ersprießlich ist. Mag Despotie die Glieder des Volks zusammendrücken, mag Anarchie sie auseinanderzerren; mögen in Republiken tausend Blutigel, mögen in Monarchien nur wenige Raubtiere das Herzblut der Staaten trinken – das alles gehört in die Ordnung der Geschichte, wie Stürme, Erdbeben und Blitze in die Ordnung der Natur gehören. Wer den Zeitgeist, wer die allgemeine Beschaffenheit der jetzigen Welt lästert, der hat Gott selbst gelästert; denn gottlos ist jeder, welcher meint, die Menschen könnten handeln ohne Gott. Kommt die Macht der Fürsten vom Himmel, so kommt auch deren Beschränkung vom Himmel. Es gibt nichts Verächtlicheres unter der Sonne als einen Geistlichen, der in dem Staube kriecht vor den Großen der Erde und die Religion zur schmutzigen Hantierung einer gemeinen Polizei-Magd zwingt. Die Geistlichen sollen Achtung lehren vor den bestehenden Gesetzen, Gehorsam gegen die bestehende Obrigkeit; nicht darum, weil jene Gesetze die weisesten sind, weil diese Obrigkeit die gerechteste ist, sondern selbst dann, wenn sie es auch nicht wären. Denn der Mensch steht unter der mütterlichen Sorgfalt der Vorsehung, und er soll nicht murren, wenn ihm der bittere Trank des Lebens von der Hand der Liebe dargeboten wird, daß er gesunde und erstarke. Zu jeder Zeit hat die Religion auf die Verfassungs-Urkunden der Staaten ihr Siegel gedrückt, und die Priester waren immer die Siegelbewahrer. Wenn aber das Pergament von den Motten der Jahre zernagt, oder von irgendeiner Gewalt zerrissen worden – was nützt dann noch ein Siegel ohne Unterlage, und welche Beweiskraft kann es fordern? Es ist fürder ohne Nutzen, und keinen Glauben kann es verlangen. Was hat die Religion zu tun, um sich selbst zu retten und durch ihr treues Zeugnis den Hader der Rechtsstreitenden zu verhüten? Sie hat ihr Siegel der neuen Urkunde des bürgerlichen Vertrags aufzudrücken. Weil dieses immer versäumt worden, weil die Priester, sie, die Lehrer der Unsterblichkeit, sie, die Gläubigen der Zukunft, immer ängstlicher die zerbrechliche Gegenwart umklammerten als alle Sünder der Erde, hat mit jedem Wechsel der innern Natur der bürgerlichen Gesellschaft auch die Religion gewechselt.

Zittert, ihr Christus-Lehrer, daß der Haß, den eure Widerspenstigkeit erregt, nicht auf eure Lehre zurückfalle! Wenn ihr predigt, die christliche Religion könne nicht bestehen mit der neuen Ordnung der Dinge, so habt ihr gepredigt, die neue Ordnung könne nicht bestehen mit der christlichen Religion. Aber sie kann es wohl, nur eure Herrschsucht kann es nicht. Die Religion soll nicht Wurzel sein der Staaten, die nur solche oder solche Früchte geduldig trägt, sondern befruchtender Tau, der alle Pflanzen erquickt. Sie soll nicht eine Öllampe sein, die diesen oder jenen Winkel erhellt, sondern die Sonne, die alles beleuchtet. Herrschbegierde und Freiheitsliebe werden ewig die menschliche Seele bewegen, sie sind die zwei Seiten eines Triebes, welchen die Natur allen lebendigen Geschöpfen eingeflößt hat. Leben, heißt frei sein. Herrschsucht ist die Freiheitsliebe einzelner, Freiheitsliebe ist die Herrschsucht aller. Man will befehlen, um nicht gehorchen zu müssen, man will nicht gehorchen, um befehlen zu können. Die Völker des Altertums waren glücklicher: denn sie waren freier als wir, und sie waren freier, weil sie von dem Grundvermögen ihrer Freiheit lebten und, keine zukünftigen Tage hoffend oder fürchtend, alles der Gegenwart aufopferten. Der Christ ist minder frei, weil er nur die Zinsen seiner Freiheit verzehrt. Die christliche Religion lehrt frei sein in der Freiheit, sich glücklich fühlen in dem Glücke anderer. Wenn je die Welt in das Heidentum und in die Finsternis zurücksinkt, wenn verdorrt der Baum der ewigen Erkenntnis, wenn die Sonne der Liebe untergeht, und wenn wir, an der Fortdauer des Lebens verzweifelnd, wieder wie tolle Verschwender in den Tag hineinleben – dann werden es jene herrschsüchtigen Priester verschuldet haben, die der Gewalt schmeicheln, um sie zu teilen, denen der Opferpfennig mehr ist als Gebet und welche keck behaupten, alle Freiheit, die wir genössen, wäre nicht der schuldige Zins von dem Darlehen, das wir unsern Herrschern gaben, sondern nur das Almosen ihrer Gnade, steigend und fallend wie diese.

Wer nicht wahr sprechen und überzeugen kann, der sollte wenigstens schön sprechen, um zu überreden, und wer beides nicht vermag, der sollte schweigen können, Schweigen ist eine große Kunst; doch gewöhnlich besitzen sie nur solche, denen sie nicht frommt, und die, welchen sie frommt, haben sie nicht. Was ist der Zeitgeist? frägt der Herr Fürst Alexander von Hohenlohe, und diese Frage in zwei Hälften teilend, teilt er auch die Antwort, die er sich selbst gibt. Er fragt: 1. Worin besteht der Geist unserer Zeit? 2. Welcher Mittel müssen wir uns gegen ihn bedienen, um uns vor demselben rein zu erhalten? Und wie beginnt er seine Untersuchung? – »Die Nacht ist vergangen, der Tag aber ist angebrochen, hinweg denn mit den Werken der Finsternis und angetan die Rüstung des Lichtes.« (Brief Pauli an die Römer K. 13, V. 12.) Mit diesem Spruche, ja wahrlich mit diesem Spruche beginnt er seine Untersuchung. Nur der frömmste Priester kann sich so kasteien – sich selbst so grausam zu verspotten, das verdunkelt den Ruhm aller Helden des Glaubens! Die Nacht ist wirklich vergangen, der Tag ist wirklich angebrochen, die Werke der Finsternis werden beleuchtet und verspottet werden, und vor der Rüstung des Lichtes taumelt ihr jetzt schon geblendet zurück und überstürzt euch selbst. Der Geist der Zeit, vor dem ihr zittert, ist nicht der Geist der lebenden Zeit, er ist das Gespenst der verstorbenen, der eurer erschreckten Einbildungskraft erscheint. Die fürchterliche Gestalt dieses Geistes beschreibt der Herr Fürst Alexander von Hohenlohe auf folgende Weise: »Er ist ein gewaltig mächtig wirkender Geist. Wer mit diesem Zeitstrome nicht fortschwimmen will, der stehe fest (mitten im Wasser oder an den Ufern?) und sei auf seiner Hut. (Wer denkt nicht hierbei an Horazens Bäuerlein?) Leicht erkennbar ist derselbe; denn er mischt sich in alles, bekrittelt alles (der Strom?) und trachtet, alles unter seine Herrschaft zu bringen. Auch sind seine faulenden Früchte zutage gefördert (also der Zeitstrom trägt Früchte!), sie heißen Ehrgeiz und Habsucht – Luxus und Sittenlosigkeit – Mangel an Gerechtigkeit im öffentlichen und Privatleben – willkürliche Änderungen sonst unantastbarer Regierungsformen. Intrigen im Innern und von außen – Untreue im Handel und Wandel – falsche Eidschwüre – Familienzwiste – gewaltsame Veränderungen durch falsche überspannte Aufklärung – Grundsätze, die nichts taugen (wie naiv!) – Trennung, Druck und Mißbrauch der Religion und ihrer Diener« . . . Was sagt der heilige Hieronymus? Hieronymus sagt: »Es gibt viele, welche nur den Glauben heucheln, ohne sich demselben zu unterwerfen. Aufgeblasen von eitlem Menschendunste sind sie, da sie nur an dem, was ihnen gefällt, einen Geschmack finden, und nicht an der Wahrheit.« Hieronymus war ein braver und kluger Mann und durchschaute die Heuchelei der Pfaffen. Warum richtet der Verfasser gegen uns diese Worte? Nicht uns treffen sie.

Was ist zu tun in solcher Betrübnis? Der Verfasser stimmt jetzt seinen Ton herab und gibt in der Bußpredigerweise allerlei Lehren. Wie er aber in diesem ihm zugehörigen Gebiete waltet, mag folgende eifertolle Rede zeigen: »Man spricht keck den Forderungen der Bekehrung Hohn, worauf denn doch Christus so oft und so nachdrücklich hinweiset und viele bewaffnen sich mit Scheingründen, da sie sprechen: ›Niemand wird verdammt; denn dies stünde im Widerspruche mit der unendlichen Liebe des höchsten Wesens.‹ So also macht man den Sohn Gottes zum Lügner. Ihn, der für alle Zeiten die ewig denkwürdigen Worte gesprochen: ›Weg von mir, ihr Verfluchten! Weg in's ewige Feuer! welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist!‹«

Und ihr nennt euch Streiter des Herrn? Ist Gott nicht barmherziger als ihr, dann wehe euch selbst!

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