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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 28
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Fastenpredigt über die Eifersucht

Das Scharlachfieber füllt im Konversationslexikon mehr als sechs Seiten an, die Eifersucht kaum eine halbe Seite. Wunderliches Größenverhältnis! Jenes Übel, das nur die Oberfläche des menschlichen Lebens berührt, findet ärztliche Sorgfalt, freundliche Wärter, baldige Heilung und den sanften Kindertod, wenn die Natur unversöhnlich ist. Die Eifersucht aber, welche alle die großen Lebensräume des ausgebildeten Mannes und Weibes anfällt, ihr Inneres zerreißt, versengt, vergiftet, sie grausam verfolgt und die geängstigte flüchtige Empfindung aus dem verborgensten, dunkelsten Winkel hervorholt, sucht vergebens Trost und Beistand, sie findet nur Spott und Verachtung; der friedebringende Tod und selbst der Wunsch, zu genesen, bleibt ihr versagt. Prometheus, weil er das Feuer des Himmels entwendet und es dem feuchten Menschen eingehaucht, ward an einen Felsen geschmiedet, wo ein schrecklicher Geier an seinem Herzen nagte, ohne es je zu zernagen. Die Liebe ist jene Flamme, welche die Götter den Sterblichen mißgönnen, und die Eifersucht ist der fressende Geier, der den Diebstahl furchtbar rächt.

Die Eifersucht der Männer muß von der Eifersucht der Frauen gesondert werden, sie haben eine gemeinschaftliche Quelle, aber ihr Lauf und, um das Bild zu vollenden, die Ufer, die sie bespülen, sind so unendlich verschieden, als es ihr Ausfluß ist, wenn sie diesen erreichen, und sich nicht in der Tiefe verlieren. Der Mann haßt seine Nebenbuhler nicht, das Weib verabscheut seine Nebenbuhlerinnen. Die Eifersucht des Mannes ist ein stürmisches Meer, das alles überschwemmt, alles, was fest an ihm ist, niederreißt und verschlingt, das alle seine Tiefen ausfüllt, alle Ströme seiner Empfindung aufnimmt und seinen Geist zerstört. Die Eifersucht des Weibes ist ein schmaler, reißender, tückischer Strom, der seine Tiefe verbirgt und an dem die stillen Ufer um so schärfer und höher hervorragen; sie erhöht seine Empfindungen und stärkt seinen Geist. Der eifersüchtige Mann ist ein zorniger Löwe; er ist edel, und nur der Hunger zwingt ihn, seine Beute zu zerreißen. Das eifersüchtige Weib ist eine erboste Schlange, sie ist eitel, und die Lüsternheit allein verführt sie zum Stechen. Die Erbitterung des eifersüchtigen Mannes ist gegen den geliebten Gegenstand gerichtet, und sie unterbricht seine Liebe; die des eifersüchtigen Weibes wendet sich seiner Nebenbuhlerin zu, und ihre Liebe wird dadurch erhöht. Die Eifersucht macht den Mann dumm, lächerlich und setzt ihn in der Liebe des Weibes herab; das Weib macht sie geistreicher, liebenswürdiger, und sie steigert die Empfindung des Mannes. Die Eifersucht ist ein furchtbares, blutiges Werkzeug, das ein Weib leichtsinnig gebraucht, ihrer Eitelkeit ein wenig Zuckerwerk vorzuschneiden; es verletzt oft damit selbst einen geliebten Mann, um sich an seinen Schmerzen zu ergötzen. Der Mann verschmäht dieses grausame Mittel, ob es zwar selten seinen Zweck verfehlte, würde es angewendet, die schlummernde Liebe eines Weibes aufzuwecken, die verheimlichte zum Geständnisse zu bringen, oder selbst die nicht bestehende zu schaffen.

Die Freude ist gleichförmig, weil sie den ganzen Menschen ausfüllt. Denn jede Lust, durch welchen Sinn, durch welche Seite des Lebens sie auch einkehrt, ist nur der rohe Stoff, der wohl an der Eintrittspforte einen geringen Zoll erlegt, aber dann sich weiterführt, um dann im menschlichen Herzen, dieser großen gemeinschaftlichen Werkstätte, nach gleichen und unwandelbaren Regeln zubereitet zu werden. Alle Genüsse, so verschieden auch ihre Bestandteile sind, werden, wenn sie durch das Herz gehen, in Blut verwandelt. Darum ist die Freude so einfach und ohne Wechsel, und daher ist Entbehren die große Bedingung unseres Glückes, weil man das gesättigte Herz nüchtern machen muß, um seine Empfänglichkeit zu erneuern. Aber der Schmerz ist tausendfältig, denn das auflösende Herz weist ihn zurück, er darf die Glieder nicht verlassen, die er peinigt, und wird in jedem derselben besonders empfunden. Doch einen Schmerz gibt es, der mit der Freude die schreckliche Gemeinschaft hat, daß auch er den ganzen Menschen ausfüllt und in's Blut des Lebens verwandelt wird – es ist die Eifersucht. Wie Musik eine überirdische Lust ist, und der Mensch, der sie empfindet, alle Freuden aller Welten genießt, so ist die Eifersucht ein unmenschlicher Schmerz, und die Brust, die sie erfüllt, fühlt die Leiden aller erschaffenen Dinge. Verschmähte Liebe ist Tod. Eifersucht ist mehr, sie ist die Furcht des Todes.

Frauen verstehen die Liebe der Männer nicht zu schätzen. Weil sie alles, worüber sie schalten können, dafür hingeben, glauben sie, den vollen Preis bezahlt zu haben. Es ist ihre ewige Täuschung, daß ihre Liebe größer sei, denn sie wähnen zu geben, wenn sie empfangen. Das Weib lebt nur, wenn es liebt, es findet sich erst, wenn es sich in einen Mann verliert. Das Herz der Frauen wird leer geboren, und nichts darin hat dem Bilde eines geliebten Mannes erst den Platz zu räumen. Aber die Seele des letztern ist voll und belebt, und er muß eine Welt verdrängen, um den Gegenstand seiner Liebe aufzunehmen. Er opfert dem Weibe alle seine Sinne, seine Entwürfe, seine Hoffnungen. Seine Empfindungen sind Ströme, seine Gedanken die Schiffe darauf, in welchen er der Geliebten alle Freuden und Kräfte des Lebens zuführt. Er hat sein ganzes Eigentum in eine Hand gegeben, und wird nun seine Liebe verschmäht und verraten, so findet er nicht Nahrung noch Obdach, denn er ist von allem entblößt. Wohin soll sich der Unglückliche wenden? Soll er seinen Schmerz in den Taumel der Sinne versenken – die grausamen Wellen heben ihn immer wieder empor und führen ihn dem Lande zu. Soll er sich im Tun des Geistes zerstreuen? Aber er hat auch den Geist der Geliebten geopfert. Er kann sich nicht betäuben, denn er hört nicht, er kann sich nicht verblenden, denn seine Augen sind geschlossen. Dem liebenden Jüngling ist die ganze Menschheit nur eine Sache. Die Welt ist ihm leblos und entvölkert, ihre Pulse stocken, wenn das Herz der Geliebten aufhört, für ihn zu schlagen.

Jedes Seelenleid hat seine warmen Tränen, die manche stehende Eiszacke der Empfindung wegschmelzen; nur die Eifersucht hat sie nicht, und das trockne, verkohlte Auge zeigt den dürren Grund eines ausgebrannten Kraters. Jeder Schmerz hat seinen Schlummer, der ihn in Vergessenheit wiegt; nur der Eifersüchtige wacht immer, und kein schmeichelnder Traum gibt ihm zurück, was ihm der Tag genommen.

Findet ein leises körperliches Mißbehagen seinen Arzt und schon die üble Laune eines Freundes ihren Tröster, warum bleibt allein das furchtbarste aller Übel ohne Hilfe und Beschwichtigung? Warum findet der Eifersüchtige weder Arznei noch Teilnahme? Weil die Nähe eines Eifersüchtigen drohend und verderblich ist; wo er weilt, da hausen Schlangen unter den Rosen der geselligen Freude. Der liebende Mann hat sein ganzes Dasein auf das Herz eines Weibes gestützt; wankt und bricht nun diese Säule unter ihm, dann stürzt er in den leeren Raum, und je bedeutender er ist, je mehr Tugenden er besitzt, desto gewichtiger ist sein Fall und desto gefährlicher wird er jedem, dem er in seinem Sturze begegnet. Darum flieht man ihn, wie man der verderbenschwangeren Bombe ausweicht. Jede andere Schwäche, jedes Laster, ja eine schlechte Handlung verzeiht man dem Manne, weil diese nur ein Glied seines Wesens verderben, und die Freundschaft oder die Achtung in seinen übrig gebliebenen gesunden Teilen Ersatz für die erkrankten finden. Wer aber an der Eifersucht krank liegt, dessen ganze Natur ist zerrüttet und, gleich einem durchaus verdorbenen Schuldner, kann er auch nicht den kleinsten Teil der gerechten Forderungen der Welt befriedigen. Wie kann der liebevolle Nachsicht fordern, der selbst Liebe für keinen hegt, weil er die ganze Summe seines Herzens einem einzigen Wesen hingegeben hat? Seine Seele ist eine Wasserwüste; vergebens schickt die Barmherzigkeit ihre Taube aus, sie bringt kein Ölblatt zurück, das die Rettung von irgendetwas Festem, Lebendigem bezeuge.

Eifersucht ist der einzige verlorene Schmerz, die alleinigen Wehen in der Natur, welchen nie eine Geburt nachfolgt. Krankheiten stärken den Körper, Armut macht tätig und reich, Torheit macht weise, Ungewitter befruchten, was der Blitz zerstört, wird gut bezahlt, am Fuße flammenspeiender Berge blühen üppige Länder. Und gibt es Übel, die kein Gut begleitet, so sehen wir in der Erinnerung jeder überstandenen Not eine ähnliche Schwester der Freude. Aber die Eifersucht ist eine Wolke ohne Himmel, hinter ihr ist das schreckliche Nichts. Sie macht nicht stark, nicht weise, sie bessert, sie reinigt nicht, sie erwirbt nicht fremde Liebe, sie befreit nicht von der eignen, und endet sie, so endet die Liebe mit ihr, und das Herz gewinnt nur die Ruhe des Grabes. Die Rückerinnerung dieser Qual, wie traurig ist sie! Der Leidende fühlt sich wie nach einem Schiffbruche auf dürren Meeresstrand geworfen; das Leben ist gerettet, aber das Fahrzeug, das alle seine Güter trug, haben die Wellen verschlungen, und als nackter Bettler wandert er durch die Welt.

Warum ist das zarte, innig fühlende Weib, das einem Manne diesen furchtbaren Schmerz einflößt, so empfindungslos dagegen? Das Weib bildet den Horizont der Menschen, an dem Himmel und Erde zusammentreffen. Engel und Teufel vertragen sich in ihm, wie sonst nirgends. Die sanfteste, edelmütigste Frau besitzt von der Hölle wenigstens ein volles Kohlenbecken, und es ist keine so ruchlos, die nicht einen kleinen Winkel des Paradieses in ihrem Herzen trüge. Wo ihre höchste Würde, da ist ihre niedrigste Gemeinheit nicht weit davon. Seht ihr ein königliches Weib auf goldenem Throne, so hat es einen Schemel von schlechtem Holze unter seinen Füßen. Man muß sie hassen, damit man sie ja nicht liebe, sie verachten, um sie nicht anzubeten, sie beherrschen, um nicht ihr Sklave zu werden. Die Liebe ist ihre Angel, die sie ernährt und ergötzt. Die großen Fische töten, mit den kleinen spielen sie. Es gibt nichts Lächerlicheres als ein verliebter Mann; ein Goldfischchen in einer Wasserglocke ist ein erhabener Anblick dagegen. Liebe einzuflößen ist das unaufhörliche Bestreben der Weiber. Sie wünschen dem Monde ein Herz, um es auszufüllen. Aber, gleich Helden, suchen sie nur den Kampf und verschmähen die Beute. Nicht das Herz, das sich ihnen ergibt, das widerstehende achten sie. Darum hat der Eifersüchtige kein Mitleid zu erwarten; er ist abgetan. Der Gleichgültige beschäftigt alle ihre Sinne, Kräfte und Wünsche; sie haben keine Tränen für die Wunden, die sie schlugen, aber sie küssen die Hand, die ihnen Wunden schlägt. Man begießt und wartet die Bäume nur, bis der Herbst gekommen, und Eifersucht ist die überreife Frucht der Liebe. Das entlaubte Herz wird gespalten, und die schönen Gärtnerinnen wärmen ihre Winterstuben mit dem Holze. Wollet ihr Liebe erwerben, verbergt die eure, wollt ihr euch gegen Eifersucht schützen, erregt sie. Macht es wie die Wanderer im heißen Afrika. Wenn sie reißenden Tieren begegnen, werfen sie sich zur Erde, halten den Schlag ihres Herzens zurück, die Tiger kommen herbei, belecken den Scheintoten und gehen, ohne ihn zu verletzen, vorüber. Liebende Jünglinge! Haltet den Schlag eures Herzens zurück, die Weiber küssen euch dann und zerfleischen euch nicht.

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