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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 25
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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O närrische Leute, o komische Welt

Gott weiß, welche Klapperoper das Liedlein in mein Gedächtnis abgesetzt; aber es ist etwas Vertrauliches, Umschlingendes in dieser Weise und sie verläßt mich nicht mehr. Wenn ich sehe der Menschen ruchloses Treiben, und will ihnen nicht fluchen; ihr tolles Beginnen, und möchte sie nicht gewaltsam bändigen; ihren Weisheitsdünkel und ihr lächerliches Machtgepränge, und will ihrer nicht spotten; will ich die Menschen tadeln, ohne ihnen wehe zu tun, sie lieben, ohne ihnen zu schmeicheln, sie kennen, und nicht an Gott verzweifeln; bedarf ich eines freimachenden Wortes, das klagt und tröstet, schmerzt und heilt, mißbilligt und versöhnt zugleich – dann rufe ich laut oder leise: O närrische Leute, o komische Welt!

Sittliche Freiheit, bürgerliche Sklaverei – Mutter und Tochter; im Schlafe empfangen, im Wachen geboren. Unseliger Traum, fluchbringende Verblendung! Die schöne blanke Münze für Papiergeld hingegeben, das wohlverwahrte Vermögen für lockende Zinsen ausgeliefert. Und dieser plumpe Betrug, fast zweitausend Jahre dauernd, und Pfaffen und Gewaltherrscher lachen noch immer fort. Als die Menschen begannen, sich frei zu dünken, da reichten sie, wie zum Spiele, ihre Glieder den Fesseln hin; da traten sie lächelnd in die Kerker der Tyrannei, deren Mauern sie nicht sahen, weil das Licht des Glaubens sie durchsichtig gemacht. Und da sie ihre Freiheit erproben und sich bewegen wollten, zerstießen sie wie Sperlinge sich die schwachen Köpfe an den Fensterscheiben. Wie klein ist nicht der menschliche Körper, wie klein für euch, die ihr Sterne kennt und ihren Lauf berechnet! Nun erkrankt dieser Leib. Millionenmale habt ihr das Übel gesehen und seinen Ausgang. Tretet zum Kranken hin und sprecht: Leidender, sei vernünftig und fasele nicht! Schwitze, und die Krankheit ist vorüber; wir haben Erfahrung in solchen Dingen. Er hört euch nicht. Am einundzwanzigsten Tage kommt Schweiß und Heilung, oder der Tod erfolgt. Oder ihr seid des Kranken Anverwandte und liebe Freunde und sagt zum Arzte: Helfen Sie schnell! Der kluge Arzt erwidert: die Natur hat ihre abgemessene Zeit, und sie läßt sich nicht einhalten, noch treiben in ihrem Gange. So spricht er, und doch wie klein ist nicht der Leib eines Menschen gegen einen Volkskörper gehalten! Deutschland ist siech und voller bösen Säfte; die Geschichte (die Menschennatur) will es durch ein Fieber heilen. Da sagen die Staatsärzte zum Kranken: Habt nicht so viel Hitze, und ihr werdet gesunden. Die lieben Anverwandten sagen zum Doktor: Geben sie ihm gleich eine gute Konstitution, wie sie Frankreich hat. Warum sollen wir erst das Fieber der Revolution durchmachen? Weise Reden! Hat je eine Mutter ohne Wehen geboren, weil sie tausendmal andere gebären sah? Hat sie den Schmerz vermeiden gelernt? O närrische Leute, o komische Welt!

Sie brüsten sich mit ihrer Freiheit; aber sooft sie das Schlechte getan, machen sie sich schuldlos und sagen, sie wären Sklaven des Schicksals. Wie oft wurde zu diesen und jenen gesagt: Ihr sehet euer Unrecht ein, ihr begreift euren Irrtum. Warum macht ihr jenes nicht gut, warum kehrt ihr nicht von diesem zurück, warum entsaget ihr nicht euren Vorurteilen? Sie antworten: das wird sich mit der Zeit machen, das kommt nach und nach. Aber warum nicht gleich? Dünkt ihr euch frei, so setzt euch nicht in den Wagen des Schicksals, um das Ziel der Reifheit zu erreichen. Die rasche Fahrt macht euch schwindeln, Millionen stürzen heraus, der Huf der Rosse und die eisernen Räder zermalmen ganze Menschengeschlechter. Darum geht bedächtig zu Fuße, und ihr erreicht mit Schonung aller, ja schneller das Ziel. Denn das Schicksal hat auch in anderen Welten zu tun, und wenn ihr zum Gehen zu träge seid, läßt es euch Jahrhunderte warten, bis es euch abholt. Seid ihr frei, so greifet der Zeit vor! Seid ihr es nicht, so murrt nicht. O närrische Leute, o komische Welt!

Religion ist Liebe und Versöhnung; schon im Worte liegt es: sie verbindet wieder, was getrennt war. Wären alle Menschen gleich weise, gleich begabt, mit gleichen Neigungen erfüllt, dann bedürfte es keiner Religion. Sie ist die Einheit des Mannigfaltigen, die Ewigkeit des Vergänglichen, die Schwerkraft des Unsteten; sie verzeiht die Schuld und löst die Sünde auf in das allgemeine Licht. Aber was haben die Menschen daraus gemacht! Ein Blutstrom fließt durch achtzehn Jahrhunderte, und an seinen Ufern wohnt das Christentum. Wie haben sie das Heiligste geschändet! Religion war eine Waffe in räuberischer oder meuchelmörderischer Hand. Wie haben sie den Gott der Liebe herabgewürdigt und seine Lehre zum Gesetze ihrer Herrschsucht, zum Regulative ihres habgierigen Krämerrechts mißbraucht! Hat das Christentum je zu etwas anderem gedient, als zum Werkzeuge der Verfolgung, wenn nicht zum Tröste wehrloser Schlachtopfer? Versöhnt seine Sekten, und es wird ohnmächtig, vertilgt das Judentum, und es stirbt. Vernichtet die Religionen, und ihr habt die Religion zerstört. Oder ist die Christuslehre nur die zerreißende Pflugschar der Menschheit? Wie mühsam und schmerzlich war dann der Bau des Landes, und bis der frohe Tag der Garben erscheint, rufe ich leise und mit erstickter Stimme: o närrische Leute, o komische Welt!

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