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Die Ahnfrau

Ludwig Börne: Die Ahnfrau - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDie Ahnfrau
typeessay
senderadlerbird@onlinehome.de
created20121116
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Einige Worte über die angekündigten Jahrbücher der wissenschaftlichen Kritik

herausgegeben von der Societät für wissenschaftliche Kritik zu Berlin

1826

Was diese meine Blätter enthalten werden, das weiß der allwissende Gott jetzt schon; ich weiß es noch nicht. Nur so viel sehe ich in die Ferne, daß, was ich auch sagen dürfte, der Leser sich doch immer meine Angst und die Wichtigkeit nicht wird erklären können, die ich auf die Ankündigung jener Berliner Jahrbücher gelegt habe, und daß er fragen wird: hat der Verfasser dieser Blätter vielleicht mehr gedacht als gesagt, und welche Absicht hatte er, als er sie geschrieben? Um diese zu erfahren, darum schreibe ich sie eben; der Leser soll mir sagen, was ich gewollt. Ich habe die Feder ohne Überlegung in die Hand genommen, nicht ein klarer Gedanke, ein dunkles Gefühl hat mich angetrieben. O ich bitte, zürne und spotte keiner hierüber! Sage mir, Leser, wenn dir träumte, dein Freund sei in Gefahr und jammere nach deiner Hülfe, würdest du nicht aufspringen von dem weichen und warmen Bette und zum Beistande des Freundes eilen? Und wenn unter tausend Traumgestalten, die gelogen, auch je nur einmal ein warnender Gott erschienen – würdest du kalt die tausend Täuschungen berechnen und eitel die kleine Gefahr, verlacht zu werden, mit der des Freundes messen? Nein, das tätest du gewiß nicht. Nun wohl, ich hatte einen solche Traum. Geträumt nur? Nein, es war mehr. In dem Buche eines Arztes habe ich gelesen, es gäbe Menschen mit so reizbaren Nerven, daß sie eine Wolke am heitern Himmel, die sie nicht sehen, fühlen könnten. So reizbarer Art bin ich auch. Es steht eine Wolke am reinen Himmel der deutschen Wissenschaft; ich sehe sie nicht, aber ich empfinde sie. Den Vorwurf, daß ich kränklich sei, will ich gern ertragen, hört man nur auf das, was ich sage.

Deutsche Rezensionen lassen sich in der Kürze mit nichts treffender vergleichen als mit dem Löschpapiere, auf dem sie gedruckt sind. Ach, man kennt ja dieses Löschpapier und das, was darauf steht! Es löscht den Durst nicht, es ist selbst durstig. Und doch rühmen sich die Deutschen, die besten Kritiker zu sein? Sie sind es auch, nur daß sie nicht wissen, sich als solche geltend zu machen, wie sie überhaupt nicht verstehen zu zeigen, was sie haben, und zu scheinen, was sie sind. Die Natur hat die Deutschen zum Denken und nicht zum Schreiben bestimmt, und blieben sie ihrer Bestimmung treu, würden sie ihre Gedanken roh ausführen und sie von Franzosen und Engländern verarbeiten lassen. Wenn in Frankreich Bettlergedanken sich immer schön und sauber kleiden und darum Zutritt in guter Gesellschaft finden, hüllen sich die reichsten deutschen Geister in Lumpen ein, finden alle Türen verschlossen und werden von jedem unverschämten Hofhunde ausgebellt. Der Deutsche kann kein Buch machen. Ein gutes Buch, ein Buch, wie es sein soll, muß des Titelblattes entbehren können. Nun versuche man es mit einem deutschen Werke, ob man ohne das Titelblatt seinen Inhalt und seine Bestimmung erraten kann. Es sind Baumaterialien, die besten oft, Marmorblöcke, Säulen, Acajouholz, Teppiche, Kristallspiegel, schöne Gemälde; aber es ist kein fertiges Haus. Und ist ja ein Haus daraus geworden, und es ist wohnlich und bequem, so hat man die Außenseite vernachlässigt, und kein Vorübergehender wird gelockt, hineinzugehen und das Haus zu sehen und zu kaufen. Vornehme Berliner Gelehrte ruhen hinter Lehmwänden auf seidenen Polstern, während Pariser Lumpengesindel durch hohe Marmorportale zu seinem Strohlager trippelt. So schlimm ist es mit Büchern; mit Zeitschriften, also auch mit kritischen, ist es noch schlimmer. Es gibt kein kritisches Blatt in Deutschland, das verdiente, sein eignet Gegenstand zu werden. Woher das Übel? Der deutsche Gelehrte betrachtet sich als einen Staatsbeamten. Seine Bücher sind ihm Akten, seine Studierstube ist ihm eine Kanzlei, seine Wissenschaft ein Geheimnis. Er hat es geschworen, den Verstand zu Hause zu lassen, sooft er ausgeht, nämlich sooft er schreibt für die Menge. Treibt ihn nun ja einmal Not oder Laune an, für das Volk mit Verstand zu schreiben, macht er es eben wie jene Beamte, welchen er gleicht. Diese haben über dem Gebrauch der Macht den der Rede verlernt, und kommt einmal eine Zeit, wo Drohung nichts wirkt, wo nur Überredung wirken könnte, stehen sie unbehülflich da, grinsen, wenn sie bitten, sind ohne Grazie, wenn sie schmeicheln, und lächerlich, wenn sie rühren wollen. Die deutsche gelehrte Welt ist ein Freistaat, und sie wird auch einer bleiben, allen Triumviraten zum Trotze. Da aber in einem Freistaate weder monarchischer noch aristokratischer Einfluß gestattet ist, so bleibt denen, welchen die Natur selbst den Herrscherstab in die Hand gegeben, nichts anderes übrig, ihre Rechte geltend zu machen, als daß sie Demagogen werden und das Volk durch Lehre und Beispiel zu leiten suchen. Aber dieses zu tun, unterlassen die vornehmen deutschen Gelehrten, die einen aus Stolz, die andern aus Feigheit. Sie fürchten das literarische Volk, und verachten es. Aber indem sie es fürchten, machen sie es furchtbar, indem sie es verachten, verächtlich. Darum ist in Deutschland der literarische Pöbel so herrschend, darum füllt er mit seinen Haufen den Markt der Zeitungen aus und bedeckt mit seinem Geschreie jede Stimme der Wahrheit und des Rechtes. Es ist die Schuld derer, die durch ihre eitle Absonderung das Volk zu Pöbel gemacht. In Deutschland nehmen die bessern und besten Köpfe keinen Teil an Zeitschriften. Warum tun sie es nicht? Ich frage die unbekannten Mitglieder der so geheimnisvollen Berliner Societät für Kritik, warum sie nicht schon früher kritisiert? sie versprechen jährlich hundertundzwanzig Bogen zu schreiben; diese hätten hingereicht, allen schon bestehenden kritischen Zeitschriften einen Wert zu geben, die schlechten Kritiker ins Dunkel zu setzen, sie zurückzudrängen oder auch durch Lehre und Beispiel sie zu bessern. Ob aber durch eine geschlossene Societät, ob durch den Glanz einer kritischen Residenz das arme platte Land der deutschen Kritik bereichert werden wird, das wollen wir jetzt untersuchen.

Ich hasse jede Gesellschaft, die kleiner ist als die menschliche. Unterwirft man sich dem Staate, so ist dieses eine traurige Notwendigkeit; aber man soll sich nicht mehr unterwerfen, als man muß. Nichts ist betrübter und lächerlicher zugleich, als die kranke Lust, welche besonders die Deutschen haben, sich freiwillig einzupferchen und aus Furcht vor den seltenen Wölfen sich täglich den Launen des Schäfers und seinen unvermeidlichen Hunden preiszugeben. Nur allein die deutschen Gelehrten – und das gereicht ihrem Geiste und ihrem Herzen zu Ruhme – haben bis jetzt ihre Unabhängigkeit zu behaupten verstanden. Sie haben, weder aus Übermut noch aus Feigheit, weder herrsch- noch schutzbegierig, die unbezahlbare Freiheit hingegeben. Haben denn gelehrte Gesellschaften je Nutzen gebracht? Sie haben nur immer geschadet. Die Wissenschaft haben sie aufgehalten und den Leidenschaften freien Lauf gelassen. Nicht den edlen Leidenschaften, welche, gleich Wein, alle Kräfte aufregen und jede Bewegung rascher machen; sondern den unedlen, narkotischen, die betäuben, verwirren, einschläfern und damit endigen, jede Kraft zu zerstören. Wenn hundert Gelehrte ihre Seelen in eine gemeinschaftliche Kasse legen, lacht der Teufel; denn mit einem Griffe holt er sie dann alle hundert. Eine solche Gesellschaft hat sich in Berlin gebildet, und zwar eine für Kritik; sie hat sich angekündigt. Man täusche sich über jene Ankündigung nicht. Sie gleicht nicht den gewöhnlichen Ankündigungen, die allen literarischen Unternehmungen vorausgeschickt werden, wo man auch immer von einem allgemein und dringend gefühlten Bedürfnisse redet, wo man auch verspricht, dem Bedürfnisse abzuhelfen, es aber nachher macht wie alle und es gehen läßt, wie es Gott gefällt – nein, jene Ankündigung ist sehr bedächtig, in sehr abgemessenen Reden abgefaßt, und es ist eher zu fürchten, daß sie mehr als daß sie weniger halte, als was sie versprochen, und daß der Vorteil, die guten Köpfe anzuziehen, den Nachteil, sie abgestoßen zu haben, nicht vergüten werde. Kurz, um es geradeheraus zu sagen, ich fürchte die Berliner Gesellschaft möchte die bisherige Freiheit der deutschen Kritik, und als Folge die der Wissenschaft überhaupt, gefährden, und vor dieser Gefahr will ich warnen.

Die Societät will die Kritik auf Aktien betreiben und alljährlich nach Verteilung der Dividende ihren Statuten gemäß von ihrem Verfahren Rechenschaft ablegen. Aber was enthalten diese Statuten? Warum werden sie nicht bekanntgemacht? Moses auch hatte seine Gesetzestafeln von dem Wolkengipfel des Berg Sinais herabgebracht, und keiner wußte, von wem er sie erhalten; aber er machte den Inhalt der Gesetze bekannt, und so konnte jeder urteilen, ob sie von Gott gegeben. Die Berliner Societät aber hält ihre Statuten geheim. In welche Lage werden nun die externen Gelehrten kommen, die, ohne in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, sich ihr anschließen? Sie werden eine Art dienender Brüder sein, die nicht alles wissen, die man aber alles zu tun verpflichten wird, was die Zwecke der Allwissenden befördern soll. Zu wissenschaftlichen Zwecken verbundene Männer sollen nichts Gemeinschaftliches haben als Fähigkeit, guten Willen und das Papier, auf dem sie drucken lassen. Was sie noch außerdem verbindet, ist als Freiheit beschränkend zu verwünschen, und es wird nach innen auf die Gesellschaft, nach außen auf die Wissenschaft verderblichen Einfluß haben.

Leise, doch richtig wurde in der Ankündigung der Tadel ausgesprochen, den die in Deutschland übliche Kritik lauter verdient hätte. Aber die Kritik ist eine Frucht der Wissenschaft, und jede Veredlung, die man beabsichtige, müsse mit letzterer anfangen. Was fehlt dieser nun? Nichts als frische Luft. Ihr fehlt der Sinn für die Öffentlichkeit, der ihr aus Mangel an Übung abgestorben. Ihr fehlt feine Sitte, Gewandtheit, Anstand, Mut und Gegenwart des Geistes. In Deutschland schreibt jeder, der die Hand zu nichts anderem gebraucht, und wer nicht schreiben kann, rezensiert. Nichts ist verzeihlicher als das, es ist jeder berechtigt, über alles, was alle angeht, seine Stimme zu geben. Nur fehlt es an einer öffentlichen Meinung, an einer Urne, worin alle Stimmen zu sammeln wären, daß man sie zählen könne. Diese herbeizuschaffen, die Stimmen für das Rechte zu gewinnen und die Abstimmung zu leiten, dazu sollte sich eine Gesellschaft bilden, nicht aber zu dem bloßen Zwecke, die Stimmen zu vermehren. Und die Berliner Societät, abgeschlossen, umregelt und monarchisch wie sie ist, und mögen noch so viele, noch so achtungswürdige Männer sich ihr anschließen, wird das kritische Geschrei doch nur mit einer Stimme vernehmen, und die Bauchrednerei mannigfaltiger Akzente wird nur Unkundige, und nicht lange, täuschen.

Die Societät will nur solche Schriften beurteilen, »die in irgendeiner Richtung bedeutend sind und eine Stelle in der Geschichte der Wissenschaften einnehmen«. Durch dieses Verfahren würde künftig jedes neue Werk schon durch die bloße Anzeige in den Berliner Jahrbüchern sich ausgezeichnet, schon durch deren Stillschweigen sich zurückgesetzt sehen – eine schnelle, aber scharfe Art zu richten! Kann die Societät blindes Vertrauen auf die Billigkeit solcher Urteilssprüche fordern, die kein Entscheidungsgrund begleitet? Ja, das könnte sie, wären die Mitglieder, die sie bilden, frei; da sie es aber nicht sind, sondern, wie wir schon angedeutet haben und noch klarer erörtern werden, einer monarchischen Regel unterworfen so kann die Societät jenes Vertrauen nicht erwarten. Übrigens ist es sehr zu fürchten, daß wenn nur solche Werke beurteilt werden sollen, die eine Stelle in der Geschichte der Wissenschaften einnehmen, die versprochenen hundertundzwanzig Bogen jährlich nicht möchten ausgefüllt werden können. Die Geschichte der Wissenschaft, das heißt ihr Wachstum; aber die deutsche Wissenschaft ist ausgewachsen, sie wächst nur noch in die Breite, und da sie täglich dicker und dicker wird, viele Nahrung zu sich nimmt und sich gar keine Bewegung macht, so ist wohl zu besorgen, daß sie einmal in ihrem Lehnstuhle der Schlag rühren möchte und daß sie das viele schöne Fett nur für die Würmer wird aufgehäuft haben.

Unsere kritischen Hauptstädter wollen sich in Klassen teilen, je nach den Fächern der Wissenschaft, und jede Anzeige wird, vor der Zulassung zum Drucke, die Genehmigung der betreffenden Klasse erhalten und mit dem Namen des Verfassers versehen sein müssen. Ich gestehe es frei – früher konnte ich es nicht gestehen, da es mir während dem Schreiben erst selbst klar geworden daß dieses der Punkt ist, der meine Gefühle aufgeregt und sie gegen jene Anstalt so feindlich gestimmt hat. Die Vernunftgründe, meine Abneigung zu verteidigen, habe ich erst später gesucht und, wie ich denke, auch gefunden. Ich begreife nicht, wie die Berliner Societät hoffen durfte, unter freien deutschen Gelehrten Männer zu finden, die sich einen solchen Zwang freiwillig gefallen ließen; doch hätte sie sie dennoch gefunden – nun, dann freilich begreife ich ihre Zuversicht. Die Mitglieder jener Societät haben sich nicht genannt; doch sind es ganz gewiß sehr achtungswerte Männer, die Bedacht genommen haben werden, sich unter den fremden Gelehrten nur gleichbegabte, gleichgesinnte zuzugesellen. Ist dieses aber geschehen und sind die Männer bewährt, wozu dann noch jene beleidigende Vorsicht, wozu jene freiheitbeschränkende Zensur? Sie sagen, es geschähe: »damit Willkür und Nebenrücksicht ausgeschlossen bleibe«. Allein wenn zu wählen ist zwischen der Willkür eines einzelnen und der Willkür einer Klasse, so ist die erstere zu wählen. Der einzelne hat seine Leidenschaften, aber sie wechseln, und er wird oft, was er aus Laune gefehlt, aus Laune wieder gutmachen, wenn es nicht aus Tugend geschieht. Aber die Leidenschaften einer Klasse wechseln nicht. Der Eigensinn einer Gesellschaft taut niemals auf, und da sie, wie den Gewinn, den sie beabsichtigt, auch die Schuld unter sich teilt, die auf ihr liegt, so hat sie kein Gewissen, und sie kennt die Reue nicht. Alle ihre Fehler sind unverbesserlich. Wer bürgt uns für die Unparteilichkeit der Berliner Societät, wenn sie die Kritik eines ihrer Mitarbeiter verwirft? Vielleicht war es nicht die Unbedeutendheit der beurteilten Schrift, vielleicht war es nur ihre eigentümliche Bedeutung, die man nicht wollte aufkommen lassen – vielleicht war es nicht die verwerfliche Darstellung des Kritikers, vielleicht war es die eigene, herrschsüchtiger Regel nicht zusagende Art der Darstellung, warum die Anzeige zurückgewiesen worden. Man weiß ja, wie eine Gesellschaft gleich der, von welcher wir hier sprechen, sich bildet. Der schaffende Gedanke entspringt aus einem Kopfe; es wird ein guter, ein enzyklopädischer Kopf sein, einer der das ganze Reich der Wissenschaften übersieht und jeder einzelnen Lage und Grenzen kennt. Aber mit diesem enzyklopädischen Kopfe wird auch ein enzyklopädisches Herz verbunden sein, das zwar alle Tugenden in sich schließen, aber auch das ganze Alphabet der Leidenschaften enthalten kann. Ein solcher Stifter wählt sich gleichgesinnte Anhänger, diese wählen andere, und so wird ein Gedanke, der alle beherrscht und dem alle, die sich dem Kreise anschließen, sich unterwerfen müssen.

Jede Kritik soll mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein müssen. Warum dieser Zwang? Es wäre wohl gut, wenn es freiwillig geschähe. Ich habe nie begreifen können, wie man schreiben, wie man kritisieren mag, ohne sich zu nennen. Es ist so etwas Unbehagliches, so etwas Gespenstisches darin. Ach, ich habe auch geschrieben und gekrittelt, aber ich habe zur Buße mich immer genannt, und wenn ich aus Laune oder Unachtsamkeit meinen Namen verschwiegen, ging ich immer schwermütig umher, als hätte ich ein zweites Verbrechen begangen. Aber ich bedenke auch, daß ich frei bin, weder Weib noch Kinder habe, und daß die Rache, die jede ungefällige Wahrheit, wenn auch nicht immer trifft, doch immer bedroht, nur mich allein hätte treffen können. Doch nicht jeder ist so frei, viele deutsche Gelehrte leben in Verhältnissen der Dienstbarkeit, sie haben Familien, und keiner ist verpflichtet, ja vielleicht nicht berechtigt, andere sich allein der guten Sache aufzuopfern. Wenn jeder deutsche Schriftsteller sich nennen müßte, würde manches verschwiegen bleiben, was, kund geworden, sehr ersprießlich gewesen wäre. Die Teilnehmer an den vortrefflichen Wiener Jahrbüchern der Literatur nennen sich auch nicht, sie müssen es wenigstens nicht – warum will man die Mitarbeiter an den Berliner Jahrbüchern dazu zwingen? Ist Furcht etwa keine so gute Entschuldigung, als Scham es ist? Wenn es geheime Diener des Bösen gibt, warum will man keine geheimen Diener des Guten dulden?

Es ist alles bedacht, alles bestimmt worden bis auf den Ton, bis auf den Takt, in welchem jede Kritik für die Berliner Jahrbücher vorgetragen werden soll. Es wird der Ton »durchaus nicht anders als gehalten und der Würde der Wissenschaft angemessen sein«. Gehalten! Was heißt das? Heißt das jener ausgehaltene, zähe Viervierteltakt, von dem wir nur schon zuviel ausgehalten? Tut eine solche Erinnerung not? Wäre nicht dringender, den Gelehrten presto, presto zuzurufen? Wäre nicht gut, wenn die deutschen Federn den schleichenden Menuett ihren Voreltern überließen und etwas walzten? Die Würde der Wissenschaft! Nun freilich, Würde soll sie haben, aber nur keine Standeswürde. Doch würdig macht sie nur der Wert, den sie hat, nicht der Schein, den sie annimmt. Ernst soll die Wissenschaft sein und das Leben auch; aber nicht ernsthaft. Nur zu ernsthaft ist sie in unserm Vaterlande, und es wäre gut, sie lächelte ein wenig. Der Bart macht den Gelehrten nicht ehrwürdig, er macht ihn nur lächerlich, und eine große Summe seines Wertes geht darin auf, daß er seine lächerliche Erscheinung damit loskaufen muß. Was bezweckt die Berliner Societät mit ihrer Stilordnung? Doch nicht, die Wissenschaft zu isolieren gleich ehemals? Dann wäre ihre Täuschung groß, und ihre Enttäuschung würde bitter sein. Wahr ist es, die deutsche Wissenschaft konnte sich nur darum zu solcher Kraft und Freiheit entwickeln, weil sie einsam und verborgen lebte. Ungeachtet, weil unbemerkt, hielt sie Furcht und Argwohn, Haß und Verfolgung von sich fern. Aber die Not der Zeit hat sie ins Freie gerufen, sie hat sich im Felde des Lebens versucht, man lernte sie kennen, fürchten und hassen. Nun hofft sie vergebens, wenn sie das Feld räume und in ihre vorige Einsamkeit zurückkehre, auch die vorige Ruhe und Bequemlichkeit wiederzufinden – man wird sie bis in ihre Feste verfolgen, und nur erst auf deren Trümmern wird der Argwohn seinen alten Schlaf wiederfinden. Darum bekämpfe sie den Feind; ihn zu beschwichtigen, ist zu spät geworden.

Die kritische Gesellschaft spricht am Schlusse ihrer Ankündigung die Hoffnung aus: es dürfte »eine neue, eben unter bedeutenden Auspizien aufblühende Anstalt in der Folge auch mit ihren Kräften die Societät verstärken«. Ich denke, damit ist München gemeint, und wünsche mich zu irren, wenn ich dieses denke. Es wäre nicht gut, es wäre wahrlich nicht gut, wenn jene neue Anstalt nicht ihren eigenen Weg einschlüge und fremder Führung folgte. Die Müncher Professoren werden sich bedenken, sie werden überlegen, wie es den Enten ergangen, welchen Münchhausen nachgestellt. Dieser band einen guten Bissen an eine Schnur; die erste Ente verschlang den Bissen und zog die Schnur nach und gab beides hinten wieder von sich. Die zweite Ente verschlang den nämlichen Bissen und machte es weiter so. Dann kam die dritte, vierte Ente; so eine nach der andern. Nachdem die letzte angebissen, zog der kluge Jäger die Schnur an sich, hockte die ganze Herde auf seinen Rücken und trug sie mit Leichtigkeit fort. Da zappelten, da flatterten, da schnatterten sie – zu spät; sie hingen, sie hatten sich fest gefressen. Doch das waren dumme Enten; Gelehrte aber haben Verstand, und ehe sie nach einer Lockspeise schnappen, sehen sie zu, ob kein Bindfaden daran befestigt.

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