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Die acht Gesichter am Biwasee

Max Dauthendey: Die acht Gesichter am Biwasee - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
titleDie acht Gesichter am Biwasee
authorMax Dauthendey
year1994
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22149-3
pages7-154
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort, tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem Unbekannten, machten.

Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: »Unsere Männer sind bei der Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.«

Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken so tief verfiel er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust hatten, sich um ihn zu kümmern.

Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.

Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz lag, standen die Frauen nicht nur am Weg, sondern saßen auch in den Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie die Lampen am Abend. Die oben in den Bäumen klatschten, und die, die unten standen, verneigten sich und murmelten Beifall.

Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo das Frauengedränge am Weg am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr, und ein langer schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.

Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar mit sich.

Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann hinunterstürzten.

»Was bedeutet das?« fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm am nächsten standen.

»O Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten«, sagte die eine der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.

»Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?« fragte er weiter.

»O Herr, der Regent hat befohlen, am Tage, wo Ihr vom Meer wieder nach China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist und weil Euch alle Männer hier hassen.«

Ata-Mono sagte verwundert: »Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen. Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?«

»Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil ihr, der Ihr der erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, weil Ihr China den Rücken kehren wolltet.«

Ata-Mono staunte:

»Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift der Baumrinden lesen kann?«

»Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie Ihr.«

»Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der erste war, der die Sprache der Bäume verstand?«

»O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag, an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren – daß Ihr dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten. Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt und daß Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine Frau aus einem anderen Volke wählt als aus dem unseren.

Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von den vier schönen Töchtern des Regenten; sie wollten Euch töten, ehe Ihr die Stadt beträtet, weil sie bei Eurer Brautschau für ihre Frauen fürchteten.«

Ata-Mono sagte: »Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen. So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine Frau töteten, statt mich zu töten?«

»Komm!« sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. »Lege deinen Arm um mich und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer vergeblich erwartet hast.«

Ata-Mono fragte rasch:

»Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?«

»Natürlich«, sagte die Frau ebenso rasch. »Ich habe zwar nie einen solchen Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner Hand.«

Ata-Mono fragte noch rascher:

»Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?«

»Natürlich«, antwortete ebenso rasch die Frau. »Alle Bäume erzählen es, daß die Harfe im kleinen ewigen Feuerland liegt.«

»Weib, weißt du den Weg dorthin?«

»Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen, wenn du mich liebst.«

»Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die Unsterblichkeit mit mir teilen?«

»Treu bleiben?« fragte das Weib und schmollte. »Das ist das Natürlichste von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit werde ich natürlich mit dir teilen.«

Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt, heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte und welches immer so geläufig »natürlich« geantwortet hatte, sondern um eines, das daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie eine singende Glocke.

Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen. Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am Meeresstrand unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals entziffert hat.

Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den harfenförmigen Biwasee, als sie die große Harfe im Lande des ewigen Feuers liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.

Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen Buddhistenmönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der erste, der die Rinde des alten rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der Baumrinde den Satz:

»O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die Unsterblichkeit.«

Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.

Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er sein Weib niemals nach dem Weg zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes wie aus einem Grab, als Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel geläutet wird und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von Jahrtausenden klingt und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes hat.

Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken gestützt. Zu dem Platz, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor. Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der verkündet: »Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit«, und nennen ihn »den Glücklichen«, weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.

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