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Die acht Gesichter am Biwasee

Max Dauthendey: Die acht Gesichter am Biwasee - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
titleDie acht Gesichter am Biwasee
authorMax Dauthendey
year1994
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22149-3
pages7-154
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Den Nachtregen regnen hören in Karasaki

Kiri war der einzige Sohn der »Wolke vor dem Mond« – so hieß seine Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den Fischfanggeräten und einer kleinen struppigen Strandhütte besaßen Kiris Eltern nichts.

»Doch wir sind reicher«, sagte Kiri immer, »reicher als die Reisfeldbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles, was darin ist; der Biwasee ist unser Königreich.«

In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu passen. Solange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Haus hatten und am großen Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür waagerecht im Wind flattern ließen.

Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war, aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen. Sie hieß »Perlmutterfüßchen« und war Kiri besonders von seiner Mutter und von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.

Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.

Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah; aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, der »Wolke vor dem Mond«, erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam, vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie Nachtluft war und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte. In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten fischleer wie der Himmel droben. Der junge Fischer verwunderte sich allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot begegnete, obwohl kein Nebel war, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von anderen fischenden Booten in der dunklen Runde zu bemerken war. Nur Kiris Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen guten See. Die Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. Sooft er auch das Fischnetz hob, es war leer, und nicht die kleinste Seemuschel und nicht der kleinste Fisch – nichts hing in den nassen Maschen.

Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren, soviel er auch ruderte.

Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki fürchten, sein Boot festhielt und daß das blaue Licht, das durch den rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war, dem er nicht mehr ausweichen konnte.

Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet, gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootsrand. Vielleicht war auch sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei den Menschen der Nabel ist.

»Guten Abend, Kiri«, sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. »Warum hast du kein Licht an deinem Boot?« sagte die Stimme eines Mädchens. »Kannst du nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel erlöschte. Kiri, schläfst du? Höre doch und mache Licht!«

»Wer bist du?« getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.

»Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr«, sagte die Stimme im Dunkel, »weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letztenmal verließen?«

»Nein, ich kenne dich noch nicht«, gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer – er lag auf der Altane eines Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und sagte: »Samurai, kennst du mich jetzt?« Und er sah sie an und grübelte wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten. Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das Haus noch nicht, obwohl er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.

Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut, wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen: »Welches Fest ist heute, weil alle Tempel rufen?«

»Es ist kein Fest«, sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine Fackel, obwohl kein Licht auf der Altane brannte.

Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und zu rufen.

»Es ist kein Fest, es ist ein Krieg«, sagte Kiri plötzlich. »Was ist das für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?« fragte er von neuem das Mädchen.

Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: »Es ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der Erde.« Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wangen an Kiris Ohr und ihre Hand auf sein Herz.

Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes großes Boot, ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln wie die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte vergingen, das wußte er nicht.

Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die Sonne am Tag hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.

Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.

Da fragte Kiri sie: »Wo sind wir?«

»In Japan, Samurai«, sagte das Mädchen ausweichend.

Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er abermals das Mädchen: »Wo sind wir in Japan?«

»Auf dem Biwasee, Samurai«, sagte das Mädchen.

»Sind viele Menschen auf dem See?« fragte Kiri.

»Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines Hauses.«

»Aber ich höre viele Menschen auf dem See.«

»O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des Regens.«

Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging, richtete er sich auf und fragte: »Wo sind wir auf dem Biwasee?«

»Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr«, antwortete das Mädchen. Aber ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.

»Bleib doch bei mir, Samurai«, sagte sie lauter und flehend. »Sieh, es wird bald wieder Nacht draußen!« Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren kleinen Händen fester als ein Dornbusch.

Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und hörte für eine Weile wieder den Regen.

Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte: »Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?«

Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ und sie liebkoste.

Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der gelbe Vollmond war. »Wie kann es regnen«, sagte Kiri zu dem Mädchen, »wenn der Vollmond draußen neben der roten Laterne scheint?«

»Es regnet immer nachts über Karasaki«, sagte das Mädchen und war zwiefach von der Laterne und dem Mond beschienen.

»Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lügst. Ich höre keinen Regen mehr.«

»Oh, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?« sagte das Mädchen, öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.

»Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die Ufer im Vollmond sehen.«

»O höre doch den Regen!« flehte das Mädchen. »Bleib!« Und sie hob wieder ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.

Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte: »Schweig!«

Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellbogen und eine atmende Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte, trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.

»Ich will nach Karasaki fahren!« rief er den Ruderern zu. Und als er sich gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im Ohr, weder von den Trommeln noch von den Mandolinen.

Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.

Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser. Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus der Nacht.

Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer auf der Diele des Bootshauses hockte und sich nicht rührte.

»Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!«

Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:

»O komm wieder herein, Geliebter! Komm herein zu mir! Das ist der Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du nicht den Nachtregen?«

Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch tiefer ins Wasser senkte, und rief:

»Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist?«

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