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Die acht Gesichter am Biwasee

Max Dauthendey: Die acht Gesichter am Biwasee - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
titleDie acht Gesichter am Biwasee
authorMax Dauthendey
year1994
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22149-3
pages7-154
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Das Abendrot zu Seta

Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind und der einer Wüste aus grauem Basalt ähnelt.

Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben, gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden- und Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den Gliedern Spielraum zur Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes, warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund; und die Gesten der Menschen in diesen leeren Gemächern werden in den kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt wie die Schriftzüge auf weißem Papier.

Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren farblosen Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.

In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren einen sanften Tod...

In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfter im Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort, im Gebet in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen näher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: Sollte Kioto einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote, düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen, Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfter tun, hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen mannsgroßen Bogen, am anderen Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des Schießenden. Wenn jetzt auch allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ist ein beliebter Übungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute.

Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen, ähnlich Leitern, verstaubt, uralt und düster, zu einer dunklen Holzgalerie führen, die sich hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen. »Deine Augen können surren wie Pfeile«, sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.

»Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich«, sagte die Frau. »Deswegen habe ich dich angesehen.«

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:

»Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen möchte...«

Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink wie ein Affe eine Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.

Danach sagte die Frau leise:

»Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!«

»Wollust schändet keinen Tempel«, antwortete der Mann. »Fünftausendmal will ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.«

Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:

»Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts versprechen und nichts fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.

Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist oder nur eine Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte, die jetzt über die Türschwelle dort tritt und die wirklich und unwirklich zugleich.«

Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.

In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof, Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege, dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.

Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen zurück.

Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten Buddhabilder Japans ist.

In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuren Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht, kaum erhellen.

Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näher kommende Stimme eines Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große dunkle Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie eine Last, als ob sich der schwere, mächtige Buddha über sie böge. Und sie mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der fünftausend Genien umarmt hatte.

Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das Dach.

Ist es wahr, Gott, dachte die Frau, daß die Wollust den Tempel nicht schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei dir wiederfinden.

Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.

Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen Nebel hüllte.

Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Tür weg gegen die Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.

Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte, ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.

Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in dem prasselnden Regen den Hügelweg hinunter in die graue dampfende Sommerlandschaft. Weit weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und Familienvater sehen zu müssen.

Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die Scharen der grauen moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

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