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Die acht Gesichter am Biwasee

Max Dauthendey: Die acht Gesichter am Biwasee - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
titleDie acht Gesichter am Biwasee
authorMax Dauthendey
year1994
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22149-3
pages7-154
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus, wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen, bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: Das Schriftzeichen des Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung machen wollte.

Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil alle Maler das Geheimnis verbreitet haben – alle, die in Katata waren. Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der Prinzessin geliebt zu sein.«

Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte: »Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein, weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.«

»Doch, doch«, sagte sein Freund. »Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken, bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin verschlossen halten und gar nicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.

Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen, und du kannst den Booten ausweichen.«

»Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei«, sagte der Maler Oizo. »Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der Saal der Prinzessin vergessen ist.«

Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.

Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.

Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: »Ich will aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst in der Seele vorgeschwebt hat.«

Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.

»O unglücklicher Ort«, sagte Oizo. »Soll ich also wirklich das Bild der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.«

Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.

»Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte. Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur Faulheit verdammt hat.«

Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf, die blauirisierend und rotirisierend mit weißer Innenschale und schwarzer Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:

»Wo habe ich nur diesen blauirisierenden Schein neben dem rotirisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich nebeneinander sah.«

Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes, der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den See.

»Was machst du da?« rief der Maler ihr zu.

Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte die Arme von sich, stieß einen Schreckenslaut aus, als ob sie einen Geist oder einen Gott sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.

Oizo rief: »Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du dich ertränken willst, Mädchen?«

Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch voll Ruß war, die Tochter des Töpfers. »Graswürzelein«, die aus dem Brennofen ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.

»Was machst du da?« fragte Oizo noch einmal. »Ich hätte dich beinah nicht erkannt, ›Graswürzelein‹, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß bist.«

»Graswürzelein« prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:

»Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.«

Und wirklich, Oizo konnte das weißgewaschene Mädchen kaum erkennen.

»Du sagst, ich hätte dich nur einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur schwarz gekannt.«

»Doch, doch«, nickte »Graswürzelein«. »Erinnerst du dich nicht, Meister, da ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb? Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und ich am Ofen im Hof.«

»Du warst rot und blau beschienen«, sagte Oizo, »Wie die Muschel hier, die mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.«

»Graswürzelein« lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.

»Nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Du darfst nicht mehr in unser Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, solange du da warst, und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.«

»Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst«, meinte Oizo. »Die Tonvasen will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?«

»Graswürzeleins« Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.

Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom Vorjahr wieder um ihn sänge. »Willst du nicht eine Bootsfahrt mit mir machen, ›Graswürzelein‹? Es kommt eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell. Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.«

»Ja, bei den Göttern, das ist wahr«, seufzte das kleine Mädchen. »Die Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.« Und ein Lachen blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten. »Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus kommen sehen, Meister?«

»Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.«

»Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen«, nickte das Mädchen eifrig; und ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die sie nicht aussprach.

Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt.

Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.

»Graswürzelein« legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: »Still! Sie kommen!« Und gleich darauf wiederholte sie: »Still! Sie kommen!«

Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.

Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte: »Still! Sie kommen!« Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden – sie, die kein Wort sprach.

Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen herbeiführen und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen, klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser nach wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.

Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.

Oizo konnte nicht »Graswürzeleins« Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr die Hände abgeschlagen.

»Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen könnten? Hab keine Furcht, ›Graswürzelein‹! Du bist zu schön. Alle Götter müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du sie ansiehst.«

»Was willst du von mir?« sagte das Mädchen. »Habe ich dir nicht den Flug der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?«

»Die Liebeserklärung?« fragte Oizo.

»Die Liebesabsage«, flüstert erregt und hastig die Tochter des Töpfers.

Und nun verstand Oizo: Der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die im Seewasser dazukam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:

»Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht nach dir um.«

Welch ein sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ, je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß »Graswürzelein« ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort, denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert vom Verlangen und schweigender Zuneigung.

Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand keine Abwehr. »Graswürzelein« versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des Malers Brustgewand. Oizo erzählte ihr rasch:

»Du weißt nicht, ›Graswürzelein‹, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten konnte, da mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen dann im Saal das Schriftzeichen lesen:

›Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht nach dir um.‹

Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eigenen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleid des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: Das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: ›Still! Sie kommen!‹«

Da wickelte »Graswürzelein« ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.

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