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Die acht Gesichter am Biwasee

Max Dauthendey: Die acht Gesichter am Biwasee - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
titleDie acht Gesichter am Biwasee
authorMax Dauthendey
year1994
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-22149-3
pages7-154
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Sonniger Himmel und Brise von Amazu

Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende, milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.

Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten, grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf, unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die Menschenstimmen über dem Wasser – Mädchen-, Frauen-, Männer- und Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimmen.

Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort eingeatmet hat – eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glücksseufzer die Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glücksseufzer über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der Seefläche auf. Mitten im hellen Mittagslicht verwandelt sich der See gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen die Japaner, so daß man über den Bootsrand wie von der Schwelle eines Hauses hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.

Nur solange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels, der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.

Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu und die auch nur eine halbe Sekunde das Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen unten auf dem Seegrund.

Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana eingegangen ist.

»Die Brise von Amazu hat ihn verlassen«, oder »der Brise von Amazu trotzen wollen«, sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines schwarzes Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze eiserne Träne. Dieser Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert. Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied abends unter den Fenstern:

Gab dir heute der sonnige Tag,
Als der See im Mittagsschlaf lag,
Freude und einen glücklichen Sinn
Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, –
Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.
Glück währt nie lang,
Wir sind um dich bang,
Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. –

Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden Knabenschulen an einem Sommertag in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen, aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.

Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten. Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser beieinander.

Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knienden.

Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im Hochsommer blüht und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.

Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen, kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem Händeklatschen die Mädchenfüße.

Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der Windstille nach der Brise von Amazu achten.

Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser wandernden Kindern zu. Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.

Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle Schulkinder im See verschwunden.

Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich ertränkten.

Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute. Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.

Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte, warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: »Auf Glück folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe, aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück hatte.«

Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es niemand.

Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten Lehrer Amagata auffallend ähnlich.

Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine kleine kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.

Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der Tabakspfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen im Schlaf auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine Pfeife an die Hausecke pochte.

Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze saßen, löschten das Licht aus, wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.

Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von Omiya erlöst wurde.

Es war in den Achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des Miideratempels bewunderte.

Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in der Sonne – ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom Miideratempel zurückkam – den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah an Japan grenzte und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.

Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen, lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen voraus in einigen Rikschas ein paar riesige schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.

An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler europäischer Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand. Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.

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