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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 61
Quellenangabe
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
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Dritter Theil.

Geschlechtliche Zuchtwahl in Beziehung auf den Menschen und Schluß.

Neunzehntes Capitel.

Secundäre Sexualcharaktere des Menschen

Verschiedenheiten zwischen dem Mann und der Frau. – Ursachen derartiger Verschiedenheiten und gewisser, beiden Geschlechtern eigener Charaktere. – Gesetz des Kampfes. – Verschiedenheiten der Geisteskräfte und der Stimme. – Über den Einfluß der Schönheit bei der Bestimmung der Heirathen unter den Menschen. – Aufmerksamkeit der Wilden auf Zierathen. – Ihre Ideen von Schönheit der Frauen. – Neigung, jede natürliche Eigenthümlichkeit zu übertreiben.

Beim Menschen sind die Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern größer als bei den meisten Arten der Quadrumanen, aber nicht so groß wie bei einigen, z. B. beim Mandrill. Der Mann ist im Mittel beträchtlich größer, schwerer und stärker als die Frau, mit viereckigeren Schultern und deutlicher ausgesprochenen Muskeln. In Folge der Beziehung, welche zwischen der Entwicklung des Muskelsystems und den Vorsprüngen der Augenbrauen besteht,Schaaffhausen in: Anthropological Review. Oct. 1868. p. 419, 420, 427. ist die Augenbrauenleiste beim Mann im Allgemeinen stärker ausgesprochen als bei der Frau. Sein Körper und besonders sein Gesicht ist behaarter und seine Stimme hat einen verschiedenen und kräftigeren Ton. Bei gewissen Rassen sollen die Frauen unbedeutend in der Färbung von den Männern abweichen. So spricht z. B. Schweinfurth von einer Negerin aus dem Stamme der Monbuttoos, welche das innere Afrika wenige Grade nördlich vom Äquator bewohnen, und sagt: »Wie bei ihrer ganzen Rasse war ihre Haut mehrere Schattierungen heller als die ihres Mannes und war ungefähr von der Farbe halb gerösteten Kaffees«.»Im Herzen von Afrika.« Engl. Übers. 1873. Bd. I, p. 544. Da die Frauen auf den Feldern arbeiten und vollständig ohne Kleidung sind, so ist es nicht wahrscheinlich, daß ihre von der der Männer verschiedene Färbung eine Folge davon ist, daß sie der Sonne weniger ausgesetzt sind. Bei Europäern sind vielleicht die Frauen die heller gefärbten von beiden, wie man sehen kann, wenn beide Geschlechter gleichmäßig dem Wetter ausgesetzt gewesen sind.

Der Mann ist muthiger, kampflustiger und energischer als die Frau und hat einen erfinderischeren Geist. Sein Gehirn ist absolut größer; ob aber auch relativ im Verhältnis zur bedeutenderen Größe seines Körpers im Vergleich mit dem der Frau, ist, wie ich glaube, nicht ganz sicher ermittelt worden. Bei der Frau ist das Gesicht runder, die Kiefern und die Basis des Schädels sind kleiner, die Umrisse ihres Körpers sind runder, an einzelnen Theilen vorspringender, und ihr Becken ist breiter als beim Manne.Ecker in: Anthropological Review, Oct. 1868, p. 351-356. Die Vergleichung der Form des Schädels beim Mann und bei der Frau ist von Welcker sehr sorgfältig verfolgt worden. Dieser letztere Charakter dürfte aber vielleicht eher als ein primärer, denn als ein secundärer Sexualcharakter betrachtet werden. Das Weib wird auch in einem früheren Alter geschlechtsreif als der Mann.

Wie bei Thieren aus allen Classen, so werden auch beim Menschen die unterscheidenden Merkmale des männlichen Geschlechts nicht eher völlig entwickelt, als bis er nahezu geschlechtsreif ist, und wenn er entmannt wird, erscheinen sie niemals. Der Bart ist z. B. ein secundärer Sexualcharakter, und männliche Kinder sind bartlos, trotzdem sie in frühem Alter reichliche Haare auf ihren Köpfen haben. Es ist wahrscheinlich eine Folge des im Ganzen erst spät im Leben erfolgenden Auftretens der nach einander erscheinenden Abänderungen, durch welche der Mann seine männlichen Charaktere erhalten hat, daß dieselben nur aufs männliche Geschlecht überliefert werden. Knaben und Mädchen sind einander sehr ähnlich, ebenso wie die Jungen von vielen anderen Thieren, bei denen die erwachsenen Geschlechter verschieden sind. Sie sind auch dem erwachsenen Weibchen viel ähnlicher als dem erwachsenen Männchen. Die Frau nimmt indessen zuletzt gewisse bestimmte Merkmale an und steht, wie man sagt, in der Bildung ihres Schädels mitten innen zwischen dem Kinde und dem Manne.Ecker und Welcker, ebenda, p. 352, 355. C. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. Bd. I, p. 94. Wie ferner die Jungen von nahe verwandten aber verschiedenen Species bei weitem nicht so verschieden von einander sind als die Erwachsenen, so verhält es sich auch mit den Kindern der verschiedenen Rassen des Menschen. Einige Forscher haben sogar behauptet, daß Rassenverschiedenheiten am kindlichen Schädel nicht nachgewiesen werden können.Schaaffhausen, Anthropological Review, Oct. 1868. p. 429. Was die Farbe betrifft, so ist das neugeborene Negerkind röthlich nußbraun, was bald in schiefergrau übergeht; die schwarze Farbe entwickelt sich im Sudan innerhalb des ersten Jahres vollständig, aber in Ägypten nicht vor drei Jahren. Die Augen des Negers sind zuerst blau und das Haar ist mehr kastanienbraun als schwarz und nur an den Enden gekräuselt. Die Kinder der Australier sind unmittelbar nach der Geburt gelblich braun und werden in einem späteren Alter dunkel. Die Kinder der Guaranys von Paraguay sind weißlich gelb, erlangen aber im Laufe weniger Wochen die gelblich braune Färbung ihrer Eltern. Ähnliche Beobachtungen sind in mehreren anderen Theilen von Amerika gemacht worden.Pruner-Bey, über Negerkinder, angeführt von C. Vogt, Vorlesungen über den Menschen, Bd. I, p. 238. Wegen weiterer Thatsachen über Negerkinder nach Winterbottom's und Camper's Angaben s. Lawrence, Lectures on Physiology. 1822, p. 451. In Bezug auf die Kinder der Guaranys s. Rengger, Säugethiere von Paraguay, p. 3. s. auch Godron, De l'Espèce. Tom. II. 1859, p. 253. Wegen der Australier s. Waitz, Introduction to Anthropology. 1863, p. 99.

Ich habe die vorstehenden Verschiedenheiten zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlechte beim Menschen speciell angeführt, weil sie in einer merkwürdigen Weise dieselben sind wie bei den Quadrumanen. Bei diesen Thieren ist das Weibchen in einem früheren Alter geschlechtsreif als das Männchen, wenigstens ist dies der Fall beim Cebus Azarae.Rengger, Säugethiere etc. 1830, p. 49. Bei den meisten der Species sind die Männchen größer und stärker als die Weibchen, für welche Thatsache der Gorilla ein wohlbekanntes Beispiel darbietet. Selbst in einem so unbedeutenden Merkmale, wie dem größeren Vorspringen der Augenbrauenleiste, weichen die Männchen gewisser Affen von den Weibchen abWie bei Macacus cynomolgus (Desmarest, Mammalogie, p. 65) und bei Hylobates agilis (Geoffroy St. Hilaire und F. Cuvier, Hist. natur. des Mammifères. 1824. Tom. I, p. 2). und stimmen in dieser Hinsicht mit dem Menschen überein. Beim Gorilla und gewissen anderen Affen bietet der Schädel des erwachsenen Männchens einen scharf ausgesprochenen Sagittalkamm dar, welcher beim Weibchen fehlt; und Ecker fand eine Spur einer ähnlichen Verschiedenheit zwischen den beiden Geschlechtern bei den Australiern.Anthropological Review, Oct. 1868, p. 353. Wenn sich bei den Affen irgend eine Verschiedenheit in der Stimme findet, so ist die des Männchens die kräftigere. Wir haben gesehen, daß gewisse männliche Affen einen wohlentwickelten Bart haben, welcher beim Weibchen vollständig fehlt oder viel weniger entwickelt ist. Es ist kein Beispiel bekannt, daß der Kinnbart, Backenbart oder Schnurrbart bei einem weiblichen Affen größer wäre als bei dem männlichen. Selbst in der Farbe des Bartes besteht ein merkwürdiger Parallelismus zwischen dem Menschen und den Quadrumanen; denn wenn beim Menschen der Bart in der Farbe vom Kopfhaar verschieden ist, wie es häufig der Fall ist, so ist er, wie ich glaube, beinahe immer von einer helleren Färbung und häufig röthlich. Ich habe diese Thatsache wiederholt in England beobachtet; vor Kurzem haben mir aber zwei Herren geschrieben, um mir mitzutheilen, daß sie eine Ausnahme von der Regel bilden. Der eine von ihnen erklärt die Thatsache aus der großen Verschiedenheit der Farbe des Haars in der väterlichen und mütterlichen Seite seiner Familie. Beiden war diese Eigentümlichkeit schon lange bekannt (der eine war oft in den Verdacht gekommen, daß er seinen Bart färbe); sie waren dadurch darauf geführt worden, andere Menschen zu beobachten, und waren überzeugt, daß solche Ausnahmen sehr selten sind. Dr. Hooker, welcher auf diesen kleinen Punkt in meinem Interesse in Rußland aufmerkte, findet keine Ausnahme von der Regel. In Calcutta war Mr. J. Scott von dem dortigen botanischen Garten so freundlich, sorgfältig die vielen Menschenrassen, die dort ebenso wie in einigen anderen Theilen Indiens zu sehen sind, zu beobachten, nämlich zwei Rassen in Sikkim, die Bhoteas, die Hindus, die Birmesen und die Chinesen. Obgleich die meisten dieser Rassen sehr wenig Haare im Gesicht haben, so fand er doch immer, daß, wenn irgend eine Verschiedenheit in der Farbe zwischen dem Kopfhaar und dem Barte bestand, der letztere ausnahmslos von einer helleren Färbung war. Nun weicht bei Affen, wie schon angeführt wurde, der Bart häufig in einer auffallenden Weise seiner Farbe nach von dem Haare auf dem Kopfe ab, und in derartigen Fällen ist er ausnahmslos von einem helleren Tone, oft rein weiß und zuweilen gelb oder röthlich.Mr. Blyth theilt mir mit; daß er überhaupt nicht mehr als ein einziges Beispiel gesehen habe, wo der Kinn-, Backenbart u. s. f. bei einem Affen in hohem Alter weiß geworden wäre, wie es so gewöhnlich der Fall bei uns ist. Doch kam dies bei einem alten gefangen gehaltenen Macacus cynomolgus vor, dessen Schnurrbart »merkwürdig lang und menschenähnlich« war. Überhaupt bot dieser alte Affe eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem der regierenden Monarchen von Europa dar, nach welchem er scherzweise beständig genannt wurde. Bei gewissen Menschenrassen wird das Barthaar kaum jemals grau; so hat Dr. Forbes, wie er mir mitgetheilt hat, niemals ein solches Beispiel bei den Aymaras und Quechuas von Süd-Amerika gesehen.

Was das allgemeine Behaartsein des Körpers betrifft, so sind die Frauen bei allen Rassen weniger behaart als die Männer und bei einigen wenigen Quadrumanen ist die untere Seite des Körpers beim Weibchen weniger behaart als beim Männchen.Dies ist der Fall bei den Weibchen mehrerer Species von Hylobates: s. Geoffroy St. Hilaire und F. Cuvier, Hist. natur. des Mammif. Tom. I; s. auch, über H. lar, in Penny Cyclopaedia, Vol. II, p. 149, 150. Endlich sind männliche Affen, ebenso wie die Männer, kühner und feuriger als die Weibchen. Sie führen den Trupp an und kommen, wenn Gefahr vorhanden ist, an dessen Spitze. Wir sehen hieraus, wie nahe der Parallelismus zwischen den geschlechtlichen Verschiedenheiten des Menschen und der Quadrumanen ist. Bei einigen wenigen Species indessen, wie bei gewissen Pavianen, dem Gorilla und dem Orang, besteht ein beträchtlich größerer Unterschied zwischen den Geschlechtern als beim Menschen, und zwar in der Größe der Eckzähne, in der Entwicklung und Farbe des Haars und besonders in der Farbe der nackten Hautstellen.

Alle die secundären Sexualcharaktere des Menschen sind sämmtlich äußerst variabel, selbst innerhalb der Grenzen einer und derselben Rasse, und sie weichen auch in den verschiedenen Rassen bedeutend ab. Diese beiden Regeln gelten allgemein durch das ganze Thierreich. Nach den ausgezeichneten an Bord der »Novara« gemachten BeobachtungenDie Resultate wurden von Dr. Weisbach nach den Messungen der Dr. K. Scherzer und Schwarz reduciert; s. Reise der Novara; Anthropologischer Theil. 1867, p. 216, 231, 234, 236, 238, 269. fand man, daß die männlichen Australier die weiblichen nur um fünfundsechzig Millimeter an Höhe übertrafen, während bei den Javanesen der mittlere Mehrbetrag zweihundertachtzehn Millimeter war, so daß bei dieser letzteren Rasse die Verschiedenheit in der Größe zwischen den Geschlechtern mehr als dreimal so groß war als bei den Australiern. Zahlreiche Messungen wurden sorgfältig bei verschiedenen Rassen in Beziehung auf die Körpergröße, den Umfang des Halses und der Brust, die Länge des Rückgrates und der Arme angestellt, und sie zeigten beinahe alle, daß die Männer viel mehr von einander verschieden waren als die Frauen. Diese Thatsache zeigt, daß, soweit diese Merkmale in Betracht kommen, es der Mann ist, welcher hauptsächlich seit der Zeit modificiert wurde, in welcher die Rassen von ihrer gemeinsamen und ursprünglichen Stammform divergierten.

Die Entwicklung des Bartes und das Behaartsein des Körpers sind bei Menschen, welche zu verschiedenen Rassen und selbst zu verschiedenen Stämmen oder Familien in einer und derselben Rasse gehören, merkwürdig verschieden. Wir Europäer sehen das schon unter uns. Auf der Insel von St. Kilda erhalten nach der Angabe von MartinVoyage to St. Kilda (3. edit.). 1753, p. 37. die Männer nicht eher Bärte, welche selbst dann noch sehr dünn sind, als bis sie in das Alter von dreißig oder noch mehr Jahren gelangen. Auf dem europäisch-asiatischen Continente kommen Bärte vor, bis wir jenseits Indien kommen, obschon sie bei den Eingeborenen von Ceylon, wie in alten Zeiten von Diodorus angeführt wird,Sir J. E. Tennent, Ceylon. Vol. II. 1859, p. 107. häufig fehlen. Östlich von Indien verschwinden die Bärte, so bei den Siamesen, Malayen, Kalmucken, Chinesen und Japanesen. Nichtsdestoweniger sind die Ainos,Quatrefages, Revue des Cours scientifiques, Aug. 29., 1868, p. 630. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. Bd. I, p. 159. welche die nördlichsten Inseln des japanesischen Archipels bewohnen, die behaartesten Menschen der Welt. Bei Negern ist der Kinnbart dürftig oder fehlt ganz, auch haben sie keine Backenbärte; in beiden Geschlechtern fehlt häufig das feine Wollhaar am Körper fast ganz.Über die Bärte der Neger s. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. Bd. I, p. 159. Waitz. Anthropologie der Naturvölker. Bd. I, p. 110. Es ist merkwürdig, daß in den Vereinigten Staaten (Investigations in Military and Anthropological Statistics of American Soldiers. 1869, p. 569) die reinen Neger und ihre gekreuzten Nachkommen beinahe so behaarte Körper zu haben scheinen wie die Europäer. Auf der anderen Seite besitzen die Papuas des malayischen Archipels, welche nahezu so schwarz sind wie die Neger, wohlentwickelte Bärte.Wallace, The Malay Archipelago. Vol. II. 1869. p. 178. Im Stillen Ocean haben die Einwohner des Fiji-Archipels große buschige Bärte, während diejenigen der nicht weit davon entfernten Archipele von Tonga und Samoa bartlos sind. Es gehören aber diese Menschen verschiedenen Rassen an. Auf der Ellice-Gruppe gehören alle Einwohner zu einer und derselben Rasse; und doch haben auf der einen Insel allein, nämlich auf Nunemaya, »die Männer prachtvolle Bärte«, während auf den andern Inseln sie »der Regel nach ein Dutzend zerstreut stehender Haare statt eines Bartes besitzen«,Dr. J. Bahnard Davis, On Oceanic Races, in: Anthropological Review, April 1870, p. 185, 191

Über den ganzen großen amerikanischen Continent, kann man sagen, sind die Männer bartlos, aber in beinahe allen Stämmen erscheinen gern einige wenige kurze Haare im Gesicht, besonders im hohen Alter. Was die Stämme von Nord-Amerika betrifft, so schätzt Catlin, daß unter zwanzig Männern achtzehn von Natur vollständig einen Bart entbehren, aber gelegentlich ist ein Mann zu sehen, welcher versäumt hat, die Haare zur Pubertätszeit auszureißen, und einen weichen, einen oder zwei Zoll langen Bart hat. Die Guaranys von Paraguay weichen von allen sie umgebenden Stämmen darin ab, daß sie einen Kinnbart und selbst einige Haare am Körper haben, aber keinen Backenbart.Catlin, North American Indians. 3. edit. 1842. Vol. II, p. 227. Über die Guaranys s. Azara, Voyage dans l'Amérique méridion. Tom II, 1869, p. 58, und Rengger, Säugethiere von Paraguay, p. 3. Mr. D. Forres, welcher diesem Punkte besondere Aufmerksamkeit schenkte, hat mir mitgetheilt, daß die Aymaras und Quechuas der Cordilleren merkwürdig haarlos sind; doch erscheinen bei ihnen im hohen Alter gelegentlich einige wenige zerstreute Haare am Kinn. Die Männer dieser beiden Stämme haben sehr wenig Haare an den verschiedenen Theilen des Körpers, wo bei den Europäern Haar in Menge wächst, und die Frauen haben an den entsprechenden Theilen gar keine. Indessen erreicht das Haar auf dem Kopfe in beiden Geschlechtern eine außerordentliche Länge und reicht häufig beinahe auf den Boden; dies ist gleichfalls bei einigen der nordamerikanischen Stämme der Fall. In Bezug auf die Menge des Haars und die allgemeine Form des Körpers weichen die Geschlechter der amerikanischen Eingeborenen von einander nicht so bedeutend ab wie bei den meisten anderen Rassen des Menschen.Prof. und Mrs. Agassiz (Journey in Brazil, p. 530) bemerken, daß die Geschlechter der amerikanischen Indianer weniger verschieden von einander sind als die der Neger und der höheren Rassen, s. auch Rengger, Säugetiere von Paraguey, p. 3, über die Guaranys. Diese Thatsache ist dem analog, was bei einigen verwandten Affen vorkommt: so sind die Geschlechter des Schimpanse nicht so verschieden von einander als die des Gorilla oder Orang.Rütimeyer, Die Grenzen der Thierwelt; eine Betrachtung zu Darwin's Lehre. 1868, p. 54.

In den vorhergehenden Capiteln haben wir gesehen, daß bei Säugethieren, Vögeln, Fischen, Insecten u. s. w. viele Charaktere, welche; wie wir allen Grund zu haben glauben, ursprünglich durch geschlechtliche Zuchtwahl allein von einem Geschlechte erlangt worden waren, auf beide Geschlechter überliefert worden sind. Da diese selbe Form der Überlieferung allem Anscheine nach in größerer Ausdehnung beim Menschen geherrscht hat, so wird es viele nutzlose Wiederholungen ersparen, wenn wir die dem männlichen Geschlechte eigentümlichen Charaktere in Verbindung mit gewissen anderen, beiden Geschlechtern gemeinsamen Charakteren betrachten.

 
Gesetz des Kampfes. – Bei barbarischen Nationen, z. B. bei den Australiern, sind die Frauen die beständige Ursache von Kriegen zwischen verschiedenen Stämmen. So war es ohne Zweifel auch in alten Zeiten: »nam fuit ante Helenam mulier deterrima belli causa«. Bei den nordamerikanischen Indianern ist der Streit förmlich in ein System gebracht worden. Jener ausgezeichnete Beobachter Hearne sagt:A Journey from Prince of Wales Fort. 8vo. edit. Dublin, 1796, p. 104. Sir J. Lubbock theilt (Origin of Civilization, 1860, p. 69) andere ähnliche Fälle aus Nord-Amerika mit. Wegen der Guanas von Süd-Amerika s. Azara, Voyages etc. Tom. II, p. 94. – »Es hat bei diesem Volke stets für die Männer der Gebrauch bestanden, um eine jede Frau, welcher sie ergeben sind, zu ringen, und natürlich führt der kräftigste Theil stets den Preis hinweg. Ein schwacher Mann, wenn er nicht ein guter Jäger und sehr beliebt ist, erhält selten die Erlaubnis, ein Weib zu halten, welches ein starker Mann seiner Beachtung für werth hält. Dieser Gebrauch herrscht in allen Stämmen und veranlaßt die Entwicklung bedeutenden Ehrgeizes unter der Jugend, welche bei allen Gelegenheiten von ihrer Kindheit an ihre Kraft und Geschicklichkeit im Ringen versucht.« Bei den Guanas von Süd-Amerika heirathen, wie Azara anführt, die Männer selten, ehe sie zwanzig oder noch mehr Jahre alt sind, da sie vor jenem Alter ihre Nebenbuhler nicht besiegen können.

Es könnten noch andere ähnliche Thatsachen mitgetheilt werden; aber selbst wenn wir keine Belege über diesen Punkt hätten, so könnten wir nach Analogie mit den höheren QuadrumanenÜber die Kämpfe der männlichen Gorillas s. Dr. Savage in: Boston Journal of Natur. Hist. Vol. V. 1847, p. 423. Über Presbytis entellus s. The Indian Field. 1859, p. 146. beinahe sicher sein, daß das Gesetz des Kampfes beim Menschen während der früheren Stufen seiner Entwicklung gleichfalls geherrscht hat. Das gelegentliche Erscheinen von Eckzähnen heutigen Tages noch, welche über die anderen vorspringen, mit Spuren eines Diastema, d. h. jenes offenen Raumes zur Aufnahme des Eckzahnes der entgegengesetzten Kinnlade, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Fall von Rückschlag auf einen früheren Zustand, auf welchem die Urerzeuger des Menschen mit diesen Waffen versehen waren, ebenso wie viele jetzt noch existierende männliche Quadrumanen. Es ist in einem früheren Capitel bemerkt worden, daß in dem Maße, als der Mensch seine aufrechte Stellung erhielt und beständig seine Hände und Arme zum Kampfe mit Stäben und Steinen ebenso wie für die anderen Zwecke des Lebens benutzte, er auch seine Kinnladen und Zähne immer weniger und weniger gebraucht haben wird. Die Kinnladen werden dann zusammen mit ihren Muskeln in Folge von Nichtgebrauch verkleinert worden sein, ebenso wie es die Zähne durch das noch nicht ganz aufgeklärte Princip der Correlation und der Ökonomie des Wachsthums sein werden; denn wir sehen überall, daß Theile, welche nicht länger mehr von Nutzen sind, an Größe reduciert werden. Durch solche Schritte wird die ursprüngliche Ungleichheit zwischen den Kiefern und Zähnen in den beiden Geschlechtern des Menschen schließlich vollständig ausgeglichen worden sein. Der Fall ist beinahe parallel mit dem von vielen männlichen Wiederkäuern, bei welchen die Eckzähne zu bloßen Rudimenten reduciert worden oder ganz verschwunden sind, und zwar allem Anscheine nach in Folge der Entwicklung der Hörner. Da die ungeheure Verschiedenheit zwischen den Schädeln der beiden Geschlechter beim Gorilla und Orang in naher Beziehung zur Entwicklung der ungeheuren Eckzähne bei den Männchen steht, so können wir schließen, daß die Verkleinerung der Kinnladen und Zähne bei den frühen männlichen Vorfahren des Menschen zu einer äußerst auffallenden und günstigen Veränderung in seiner äußeren Erscheinung geführt haben muß.

Es läßt sich nur wenig daran zweifeln, daß die bedeutendere Größe und Stärke des Mannes im Vergleiche mit der Frau, in Verbindung mit seinen breiteren Schultern, seiner entwickelteren Musculatur, seinen eckigeren Körperumrissen, seinem größeren Muthe und seiner größeren Kampflust, sämmtlich zum größten Theile Folgen der Vererbung von seinen frühen halbmenschlichen männlichen Urerzeugern sind. Diese Charaktere werden indeß auch während der langen Zeiten, wo der Mensch sich noch immer in einem barbarischen Zustande befand, erhalten oder selbst gehäuft worden sein, und zwar durch den Erfolg der stärksten und kühnsten Männer, sowohl in dem allgemeinen Kampfe um's Leben, als in ihren Streiten um Frauen; einen Erfolg, welcher ihnen das Hinterlassen einer zahlreicheren Nachkommenschaft als die ihrer weniger begünstigten Brüder sicherte. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die größere Kraft des Mannes ursprünglich durch die vererbten Wirkungen seiner größeren Thätigkeit erlangt wurde, daß er nämlich um seine eigene Subsistenz wie um die seiner Familie härter gearbeitet habe als die Frau; denn die Frauen sind bei allen barbarischen Nationen gezwungen, mindestens ebenso hart zu arbeiten wie die Männer. Bei civilisierten Völkern hat die Entscheidung durch einen Kampf um den Besitz der Frauen lange aufgehört; andererseits haben der allgemeinen Regel zufolge die Männer stärker als die Frauen um ihre gemeinsame Subsistenz zu arbeiten; und hierdurch wird ihre größere Kraft erhalten worden sein.

 
Verschiedenheiten in den geistigen Kräften der beiden Geschlechter. – In Bezug auf Verschiedenheiten dieser Natur zwischen dem Manne und der Frau ist es wahrscheinlich, daß geschlechtliche Zuchtwahl eine sehr bedeutende Rolle gespielt hat. Ich weiß sehr wohl, daß einige Schriftsteller bezweifeln, ob überhaupt irgendwelche inhärente Verschiedenheit der Art besteht; dies ist aber nach der Analogie mit niederen Thieren, welche andere secundäre Sexualcharaktere besitzen, mindestens wahrscheinlich. Niemand wird bestreiten, daß dem Temperament nach der Bulle von der Kuh, der wilde Eber von der Sau, der Hengst von der Stute und, wie den Menageriebesitzern wohlbekannt ist, die Männchen der größeren Affen von den Weibchen verschieden sind. Die Frau scheint vom Manne in Bezug auf geistige Anlagen hauptsächlich in ihrer größeren Zartheit und der geringeren Selbstsucht verschieden zu sein; und dies gilt selbst für Wilde, wie aus einer wohlbekannten Stelle in Mungo Park's Reisen und aus den von vielen anderen Reisenden gemachten Angaben hervorgeht. In Folge ihrer mütterlichen Instincte entfaltet die Frau diese Eigenschaften gegen ihre Kinder in einem außerordentlichen Grade. Es ist daher wahrscheinlich, daß sie dieselben häufig auch auf ihre Mitgeschöpfe ausdehnen wird. Der Mann ist der Nebenbuhler anderer Männer; er freut sich der Concurrenz und diese führt zu Ehrgeiz, welcher nur zu leicht in Selbstsucht übergeht. Die letzteren Eigenschaften scheinen sein natürliches und unglückliches angeborenes Recht zu sein. Es wird meist zugegeben, daß beim Weibe die Vermögen der Anschauung, der schnellen Auffassung und vielleicht der Nachahmung stärker ausgesprochen sind als beim Mann. Aber mindestens einige dieser Fähigkeiten sind für die niederen Rassen charakteristisch und daher auch für einen vergangenen und niederen Zustand der Civilisation.

Der hauptsächlichste Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, daß der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern. Wenn eine Liste mit den ausgezeichnetsten Männern und eine zweite mit den ausgezeichnetsten Frauen in Poesie, Malerei, Sculptur, Musik (mit Einschluß sowohl der Composition als der Ausübung), der Geschichte, Wissenschaft und Philosophie mit einem halben Dutzend Namen unter jedem Gegenstande angefertigt würde, so würden die beiden Listen keinen Vergleich mit einander aushalten. Wir können auch nach dem Gesetze der Abweichungen vom Mittel, welches Mr. Galton in seinem Buche über erbliches Genie so gut erläutert hat, schließen, daß, wenn die Männer einer entschiedenen Überlegenheit über die Frauen in vielen Gegenständen fähig sind, der mittlere Maßstab der geistigen Kraft beim Manne über dem der Frau stehen muß.

Unter den halbmenschlichen Urerzeugern des Menschen und bei wilden Völkern haben viele Generationen hindurch Kämpfe zwischen den Männern um den Besitz der Weiber stattgefunden. Aber bloße körperliche Kraft und Größe werden nur wenig zum Siege beitragen, wenn sie nicht mit Muth, Ausdauer und entschiedener Energie verbunden sind. Bei socialen Thieren haben die jungen Männchen gar manchen Streit durchzumachen, ehe sie ein Weibchen gewinnen, und die älteren Männchen können ihre Weibchen nur durch erneute Kämpfe sich erhalten. Sie haben auch, wie beim Menschen, ihre Weibchen ebenso wie ihre Jungen gegen Feinde aller Arten zu vertheidigen und um ihre gemeinsame Erhaltung zu jagen. Aber Feinde zu vermeiden oder sie mit Erfolg anzugreifen, wilde Thiere zu fangen und Waffen zu erfinden und zu formen, erfordert die Hülfe der höheren geistigen Fähigkeiten, nämlich Beobachtung, Vernunft, Erfindung oder Einbildungskraft. Diese verschiedenen Fähigkeiten werden daher beständig auf die Probe gestellt und während der Mannbarkeit bei der Nachzucht berücksichtigt worden sein; sie werden überdies während dieser selben Periode des Lebens durch Gebrauch gekräftigt worden sein. Folglich können wir in Übereinstimmung mit dem oft erwähnten Principe erwarten, daß sie mindestens die Neigung zeigen, in der entsprechenden Periode der Mannbarkeit hauptsächlich auf die männlichen Nachkommen überliefert zu werden.

Wenn nun zwei Männer mit einander oder ein Mann mit einer Frau, von denen beide jede geistige Eigenschaft in derselben Vollendung besitzen, mit der Ausnahme, daß der eine größere Energie, Ausdauer und Muth hat, in Concurrenz gerathen, so wird allgemein dieser letztere hervorragender in jedem Streben werden, was auch der Gegenstand gewesen sein mag, und wird den Sieg gewinnen.J. Stuart Mill bemerkt (The Subjection of Women, 1869, p. 122): »die Gegenstände, in denen der Mann die Frau am meisten übertrifft, sind diejenigen, welche das meiste Grübeln und consequenteste Ausführen eines einzelnen Gedankens erfordern«. Was ist dies anders als Energie und Ausdauer? Man kann sagen, er hat Genie besessen, denn Genie ist von einer großen Autorität für nichts Anderes als für Geduld erklärt worden, und Geduld in diesem Sinne bedeutet: nicht zurückweichende, unerschrockene Ausdauer. Diese Ansicht vom Genie ist aber vielleicht unzureichend, denn ohne die höheren Kräfte der Einbildungskraft und des Verstandes kann in vielen Gebieten kein eminenter Erfolg erreicht werden. Diese letzteren werden aber ebensogut wie die vorher erwähnten Fähigkeiten beim Manne theils durch geschlechtliche Zuchtwahl, d. h. durch den Streit rivalisierender Männchen, und theils durch natürliche Zuchtwahl, d. h. durch den Erfolg in dem allgemeinen Kampfe um's Leben entwickelt worden sein; und da in beiden Fällen der Kampf während des reifen Alters eingetreten sein wird, so werden die hierdurch erlangten Charaktere auch vollständiger den männlichen als den weiblichen Nachkommen überliefert worden sein. Es ist mit dieser Ansicht, daß viele unserer geistigen Fähigkeiten durch geschlechtliche Zuchtwahl modificiert oder gekräftigt worden sind, übereinstimmend, daß sie erstens, wie notorisch ist, zur Zeit der Pubertät eine beträchtliche Veränderung erleiden,Maudsley, Mind and Body, p. 31. und zweitens, daß Eunuchen während ihres ganzen Lebens in diesen selben Eigenschaften niedriger entwickelt bleiben. Hierdurch ist schließlich der Mann dem Weibe überlegen worden. Es ist in der That ein Glück, daß das Gesetz der gleichmäßigen Überlieferung der Charaktere auf beide Geschlechter allgemein bei Säugethieren geherrscht hat; im anderen Falle würde wahrscheinlich der Mann in Bezug auf geistige Befähigung der Frau so viel überlegen worden sein, wie der Pfauhahn in Bezug auf ornamentales Gefieder der Pfauhenne.

Man muß sich daran erinnern, daß die Neigung der von einem der beiden Geschlechter in einer späteren Lebensperiode erlangten Charaktere, auf dasselbe Geschlecht in demselben Alter überliefert zu werden, und die Neigung der in einem früheren Alter erlangten Charaktere, auf beide Geschlechter vererbt zu werden, Regeln sind, welche, wenn auch allgemein, doch nicht immer sich als gültig erweisen. Gälten sie immer, so könnten wir zu dem Schlusse kommen (doch schweife ich hier etwas über die mir gezogenen Grenzen hinaus), daß die vererbten Wirkungen der frühen Erziehung von Knaben und Mädchen gleichmäßig auf beide Geschlechter überliefert würden, so daß die gegenwärtige Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in geistiger Kraft nicht durch einen ähnlichen Gang ihrer frühen Erziehung verwischt werden könnte; auch könnte sie nicht durch ihre ungleiche frühere Erziehung verursacht worden sein. Damit die Frau dieselbe Höhe wie der Mann erreichte, müßte sie in der Nähe ihrer Reifezeit zur Energie und Ausdauer und zur Anstrengung ihres Verstandes und ihrer Einbildungskraft bis auf den höchsten Punkt erzogen werden; und dann würde sie wahrscheinlich diese Eigenschaften hauptsächlich ihren erwachsenen Töchtern überliefern. Alle Frauen könnten indeß hierdurch in die Höhe gebracht werden, wenn nicht viele Generationen hindurch diejenigen Frauen, welche sich in den eben erwähnten kräftigen Tugenden auszeichneten, verheirathet würden und Nachkommen in größerer Anzahl erzeugten als andere Frauen. Wie vorhin in Bezug auf körperliche Kräfte bemerkt wurde, so haben die Männer, wenn sie auch jetzt nicht mehr um den Besitz der Weiber kämpfen und überhaupt diese Form der Auswahl vorübergegangen ist, doch im Allgemeinen während des Mannesalters einen heftigen Kampf zu bestehen, um sich selbst und ihre Familien zu erhalten; dies wird dazu führen, die geistigen Kräfte auf ihrer Höhe zu erhalten oder selbst zu vergrößern und als Folge hiervon auch die jetzige Ungleichheit zwischen den Geschlechtern gleich groß zu halten oder noch bedeutender zu machen.Eine Beobachtung Vogt's bezieht sich auf diesen Gegenstand; er sagt: »es ist ein auffallender Umstand, daß der Unterschied der Geschlechter in Beziehung auf die Schädelhöhle mit der Vollkommenheit der Rasse zunimmt, so daß der Europäer weit mehr die Europäerin überragt, als der Neger die Negerin. Welcker findet diesen von Huschke aufgestellten Satz in Folge seiner Messungen bei Negern und bei Deutschen bestätigt«. Vogt fügt indessen hinzu (Vorlesungen über den Menschen. Bd. I, p. 95): »doch würde es noch mannichfacher Untersuchung bedürfen, um die allgemeine Geltung zu beweisen«.

 
Stimme und musikalische Begabung. – Bei einigen Species der Quadrumanen besteht eine große Verschiedenheit zwischen den erwachsenen Geschlechtern in der Kraft der Stimme und in der Entwicklung der Stimmorgane, und der Mensch scheint diese Verschiedenheit von seinen frühen Urerzeugern ererbt zu haben. Die Stimmbänder des Mannes sind ungefähr ein Drittel länger als bei der Frau oder als bei Knaben; und Entmannung bringt bei ihm dieselbe Wirkung hervor, wie bei den niederen Thieren; denn »sie hält jenes hervortretende Wachsthum des Schildknorpels u. s. w. auf, welches die Verlängerung der Stimmbänder begleitet«.Owen, Anatomy of Vertebrates. Vol. III, p. 603. In Bezug auf die Ursache dieser Verschiedenheit zwischen den Geschlechtern habe ich den im letzten Capitel gegebenen Bemerkungen über die wahrscheinlichen Wirkungen des lange fortgesetzten Gebrauches der Stimmorgane seitens des Männchens unter den Erregungen der Liebe, Wuth und Eifersucht nichts hinzuzufügen. Nach Sir Duncan GibbJournal of Anthropolog. Soc. April 1869, p. LVII und LXVI. ist die Stimme und die Form des Kehlkopfes in den verschiedenen Rassen des Menschen verschieden; doch soll, der Angabe nach, bei den Eingeborenen der Tartarei, von China u. s. w. die Stimme des Mannes nicht so bedeutend von der des Weibes verschieden sein, wie in den meisten andern Rassen.

Die Fähigkeit und Liebe zum Singen und zur Musik, wenn sie auch kein geschlechtliches Merkmal beim Menschen ist, darf hier nicht übergangen werden. Obschon die von Thieren aller Arten ausgestoßenen Laute vielen Zwecken dienen, kann doch mit Nachdruck hervorgehoben werden, daß die Stimmorgane ursprünglich in Beziehung zur Fortpflanzung der Art gebraucht und vervollkommnet wurden. Insecten und einige wenige Spinnen sind die niedrigsten Thiere, welche absichtlich einen Laut hervorbringen, und dies wird allgemein mit Hülfe sehr schön construierter Stridulationsorgane bewirkt, welche häufig allein auf die Männchen beschränkt sind. Die hierdurch hervorgebrachten Laute bestehen, wie ich glaube, in allen Fällen aus einem und dem nämlichen Tone, welcher rhythmisch wiederholt wird,Dr. Scudder, Notes on Stridulation, in: Proceed. Boston Soc. of Natur. Hist. Vol. XI. April, 1868. und dies ist zuweilen selbst für das Ohr des Menschen angenehm. Ihr hauptsächlichster und in einigen Fällen ausschließlicher Nutzen scheint darin zu bestehen, entweder das andere Geschlecht zu rufen oder es zu bezaubern.

Die von Fischen hervorgebrachten Laute sollen, wie man sagt, in einigen Fällen nur von den Männchen während der Paarungszeit hervorgebracht werden. Alle luftathmenden Wirbelthiere besitzen nothwendiger Weise einen Apparat zum Einathmen und Ausstoßen von Luft, mit einer Röhre, welche fähig ist, an einem Ende geschlossen zu werden. Wenn daher die ursprünglichen Glieder dieser Classe stark erregt und ihre Muskeln heftig zusammengezogen wurden, so werden beinahe sicher absichtslos Laute hervorgebracht worden sein, und wenn diese sich in irgend welcher Weise nutzbar erwiesen, können sie leicht durch die Erhaltung gehörig angepaßter Abänderungen modificiert oder intensiver gemacht worden sein. Die Amphibien sind die niedrigsten Wirbelthiere, welche Luft athmen, und viele von diesen Thieren, nämlich Frösche und Kröten, besitzen Stimmorgane, welch während der Paarungszeit unaufhörlich benutzt werden und welche häufig beim Männchen bedeutender entwickelt sind als beim Weibchen. Nur das Männchen der Schildkröte äußert einen Laut, und dies allein während der Zeit der Liebe. Männliche Alligatoren brüllen oder bellen während derselben Zeit. Jedermann weiß, in welcher Ausdehnung Vögel ihre Stimmorgane als Mittel der Brautwerbung benutzen, und einige Species üben auch etwas, was man Instrumentalmusik nennen könnte, aus.

In der Classe der Säugethiere. mit welchen wir es hier ganz besonders zu thun haben, gebrauchen die Männchen von beinahe allen Species ihre Stimmen viel bedeutender während der Paarungszeit als zu irgend einer anderen Zeit, und einige sind mit Ausnahme dieser Zeit absolut stumm. Bei anderen Species benutzen beide Geschlechter oder allein die Männchen ihre Stimmen zu Liebesrufen. In Anbetracht dieser Thatsachen und des Umstandes, daß die Stimmorgane einiger Säugethiere beim Männchen viel bedeutender als beim Weibchen entwickelt sind, und zwar entweder permanent oder nur zeitweise während der Paarungszeit, und ferner in Anbetracht, daß bei den meisten der niederen Classen die von den Männchen hervorgebrachten Laute nicht bloß dazu dienen, das Weibchen zu rufen, sondern auch anzureizen oder zu locken, ist es eine überraschende Thatsache, daß wir jetzt keinerlei gute Belege dafür haben, daß diese Organe von männlichen Säugethieren dazu benutzt würden, die Weibchen zu bezaubern. Der amerikanische Mycetes caraya bildet vielleicht eine Ausnahme, wie noch wahrscheinlicher einer von jenen Affen, welche dem Menschen noch näher kommen, nämlich der Hylobates agilis. Dieser Gibbon hat eine äußerst laute, aber musikalische Stimme. Mr. Waterhouse führt an:Mitgetheilt in W. C. L. Martin's General Introduction to the Natur. Hist. of Mamm. Animals. 1841, p. 432. Owen, Anatomy of Vertebrates. Vol. III, p. 600. »Es schien mir, als ob beim Auf- und Abgehen der Scala die Intervalle immer genau halbe Töne wären, und sicher war der höchste Ton die genaue Octave des niedrigsten. Die Qualität der Töne ist sehr musikalisch, und ich zweifle nicht, daß ein guter Violinspieler im Stande ist, eine correcte Vorstellung von der Composition des Gibbon zu geben, ausgenommen in Bezug auf die Lautheit«. Mr. Waterhouse giebt dann die Noten. Professor Owen, welcher gleichfalls ein Musiker ist, bestätigt die vorstehenden Angaben und bemerkt, allerdings irrthümlicher Weise, daß man von diesem Gibbon »allein unter den Säugethieren sagen kann, daß er singe«. Er scheint nach seiner musikalischen Aufführung sehr erregt zu sein. Unglücklicherweise sind seine Gewohnheiten niemals im Naturzustande eingehend beobachtet worden; aber nach der Analogie mit beinahe allen übrigen Thieren ist es äußerst wahrscheinlich, daß er seine musikalischen Töne besonders während der Zeit der Bewerbung ausstößt.

Dieser Gibbon ist nicht die einzige Species der Gattung, welche singt; mein Sohn, Francis Darwin, hat im zoologischen Garten aufmerksam dem H. leuciscus zugehört, als derselbe eine Cadenz von drei Noten in reinen, musikalischen Intervallen und mit einem hellen musikalischen Tone sang. Noch überraschender ist die Thatsache, daß gewisse Nagethiere musikalische Laute hervorbringen. Häufig sind singende Mäuse erwähnt und zu öffentlicher Ausstellung gebracht worden; gewöhnlich hatte man aber den Verdacht einer Betrügerei. Wir haben indeß endlich von einem wohlbekannten Beobachter, S. Lockwood, einen genauen BerichtThe American Naturalist. 1871, p. 761. über die musikalischen Kräfte einer amerikanischen Art erhalten, des Hesperomys cognatus, welcher zu einer von der englischen Maus verschiedenen Gattung gehört. Dies kleine Thier wurde in Gefangenschaft gehalten und sein Gesang wurde wiederholt gehört. Bei einem der hauptsächlichsten Gesänge »wurde der letzte Tact häufig zu zweien oder dreien ausgezogen; zuweilen wechselte das Thierchen von Cis und D zu C und D, dann trillerte es eine kurze Zeit lang auf diesen beiden Tönen und schloß dann mit einem schnellen Zirpen auf Cis und D. Der Unterschied zwischen den beiden halben Tönen war sehr ausgesprochen und für ein gutes Ohr leicht vernehmbar«. Mr. Lockwood führt beide Gesänge mit Noten an und fügt noch hinzu, daß diese kleine Maus, obschon sie »kein Ohr für Tact hatte, doch die Tonart von B (zwei b's) und genau die Dur-Tonart inne hielt« . . . . »ihre weiche klare Stimme fällt mit aller möglichen Präcision um eine Octave, beim Schluß hebt sie sich dann wieder zu einem sehr schnellen Triller auf Cis und D«.

Ein Kritiker hat gefragt, auf welche Weise die Ohren des Menschen (und anderer Thiere, hätte er hinzusetzen müssen) durch Zuchtwahl so modificiert werden konnten, daß sie musikalische Töne unterscheiden. Diese Frage verräth aber etwas Confusion über diesen Gegenstand. Ein Geräusch ist eine Empfindung, welche das Resultat des gleichzeitigen Vorhandenseins »einfacher Schwingungen« der Luft von verschiedener Schwingungsdauer ist, von welchen eine jede so häufig intermittiert, daß ihr gesondertes Vorhandensein nicht wahrgenommen werden kann. Nur durch den Mangel der Continuität derartiger Schwingungen und durch den Mangel der Harmonie unter sich weicht ein Geräusch von einem musikalischen Tone ab. Soll daher ein Ohr im Stande sein, Geräusche zu unterscheiden – und die hohe Bedeutung dieser Fähigkeit für alle Thiere wird von Jedermann zugegeben –, so muß es auch für musikalische Töne empfindlich sein. Für das Vorhandensein dieser Fähigkeit haben wir selbst bei sehr tief in der Thierreihe stehenden Formen Beweise: so haben Krustenthiere Hörhaare von verschiedener Länge, welche man hat schwingen sehen, wenn die richtigen musikalischen Töne angeschlagen wurdenHelmholtz, Die Lehre von den Tonempfindungen. 3. Aufl. 1870, p. 234.. Wie in einem früheren Capitel angeführt wurde, sind ähnliche Beobachtungen auch über die Haare an den Antennen der Mücken gemacht worden. Von guten Beobachtern ist positiv behauptet worden, daß Spinnen von Musik angezogen werden. Es ist auch ganz bekannt, daß manche Hunde heulen, wenn sie besondere Töne hören.Berichte in diesem Sinne sind verschiedene veröffentlicht worden. Mr. Peach schreibt mir, daß er wiederholt beobachtet hat, wie ein alter Hund heulte, wenn B auf der Flöte geblasen wurde, aber bei keinem andern Tone. Ich will noch einen andern Fall von einem Hunde anführen, der stets winselte, wenn ein bestimmter Ton auf einer verstimmten Concertine gespielt wurde. Robben würdigen offenbar die Musik; ihre Vorliebe für solche »war den Alten ganz wohl bekannt und noch heutigen Tages ziehen Jäger Vortheil aus derselben«.R. Brown in: Proceed. Zoolog. Soc. 1868, p. 410.

Soweit daher die bloße Wahrnehmung musikalischer Töne in Betracht kommt, scheint in Bezug auf den Menschen ebensowenig wie in Bezug auf irgend ein anderes Thier eine besondere Schwierigkeit vorzuliegen. Helmholtz hat mit physiologischen Gründen erklärt, warum Consonanzen dem menschlichen Ohre angenehm, Dissonanzen unangenehm sind; wir haben es aber hier nur wenig mit diesen zu thun, da harmonische Musik eine späte Erfindung ist. Wir haben es hier mehr mit der Melodie zu thun, und auch da ist es, Helmholtz zufolge, wohl einzusehen, warum die Töne unserer musikalischen Tonleiter benutzt werden. Das Ohr zerlegt alle Klänge in die dieselben zusammensetzenden »einfachen Schwingungen«, wenngleich wir uns dieser Analyse nicht bewußt sind. Bei einem musikalischen Tone ist die tiefste jener Schwingungen allgemein die vorherrschende, die anderen, weniger deutlich ausgesprochenen, sind die Octave, Duodecime, Doppeloctave u. s. w., sämmtlich zu dem vorherrschenden Grundton; irgend welche zwei Noten unserer Scala haben viele dieser harmonischen Obertöne gemeinsam. Es scheint daher ziemlich klar zu sein, daß, wenn ein Thier immer genau denselben Gesang zu singen wünscht, es sich dadurch leiten lassen wird, daß es diejenigen Töne nacheinander anschlägt, welche viele Obertöne gemeinsam besitzen, d. h. es wird zu seinem Gesang Töne wählen, welche zu unserer musikalischen Tonleiter gehören.

Wenn aber ferner gefragt wird, warum musikalische Töne in einer gewissen Ordnung und einem bestimmten Rhythmus dem Menschen und anderen Thieren Vergnügen bereiten, so können wir hierfür ebensowenig einen Grund anführen, wie für das Angenehme gewisser Gerüche und Geschmäcke. Daß sie Thieren Vergnügen irgend einer Art bereiten, können wir daraus schließen, daß sie zur Zeit der Brautwerbung von vielen Insecten, Spinnen, Fischen, Amphibien und Vögeln hervorgebracht werden; denn wenn die Weibchen nicht fähig wären, solche Laute zu würdigen, und sie nicht von ihnen angeregt oder bezaubert würden, so würden die ausdauernden Anstrengungen der Männchen und die häufig nur ihnen allein zukommenden complicierten Gebilde nutzlos sein; und dies kann man unmöglich glauben.

Allgemein wird zugegeben, daß der menschliche Gesang die Grundlage oder der Ursprung der Instrumentalmusik ist. Da weder die Freude an dem Hervorbringen musikalischer Töne noch die Fähigkeit hierzu von dem geringsten Nutzen für den Menschen in Beziehungen zu seinen gewöhnlichen Lebensverrichtungen sind, so müssen sie unter die mysteriösesten gerechnet werden, mit welchen er versehen ist. Sie sind, wenn auch in einem sehr rohen Zustande, bei Menschen aller Rassen, selbst den wildesten, vorhanden; der Geschmack der verschiedenen Rassen ist aber so verschieden, daß unsere Musik den Wilden nicht das mindeste Vergnügen gewährt und ihre Musik für uns widrig und sinnlos ist. Dr. Seemann macht einige interessante Bemerkungen über diesen GegenstandJournal of Anthropological Society, Oct. 1870, p. CLV. s. auch die verschiedenen späteren Capitel in Sir J. Lubbock's Prehistoric Times, 2. edit. 1869, welche eine ausgezeichnete Schilderung der Gewohnheiten der Wilden enthalten. und »zweifelt, ob selbst unter den Nationen des westlichen Europas, so intim sie auch durch nahen und häufigen Verkehr verbunden sind, die Musik der einen von den anderen in dem nämlichen Sinne aufgefaßt wird. Reisen wir nach Osten, so finden wir, daß sicher eine verschiedene Sprache der Musik besteht. Gesänge der Freude und Begleitung zum Tanze sind nicht länger wie bei uns in den Dur-, sondern immer in den Molltonarten«. Mögen nun die halbmenschlichen Urerzeuger des Menschen, wie die singenden Gibbons, die Fähigkeit, musikalische Töne hervorzubringen und daher auch ohne Zweifel zu würdigen, besessen haben oder nicht, so wissen wir doch, daß der Mensch diese Fähigkeiten in einer sehr weit zurückliegenden Periode besessen hat. Lartet hat zwei, aus Knochen und Geweihstücken des Renthiers gefertigte Flöten beschrieben, welche in Höhlen zusammen mit Feuersteinwerkzeugen und den Resten ausgestorbener Thiere gefunden worden sind. Auch die Künste des Singens und Tanzens sind sehr alt und werden jetzt von allen oder beinahe allen niedrigsten Menschenrassen geübt. Die Poesie, welche als das Kind des Gesanges betrachtet werden kann, ist gleichfalls so alt, daß viele Personen darüber ein Erstaunen erfüllt hat, daß sie während der frühesten Zeiten, von denen wir überhaupt einen Bericht haben, entstanden sein sollte.

Die musikalischen Fähigkeiten, welche keiner Rasse vollständig fehlen, sind einer prompten und bedeutenden Entwicklung fähig, wie wir bei Hottentotten und Negern sehen, welche ausgezeichnete Musiker geworden sind, obschon sie in ihren Heimathsländern nur selten etwas ausüben, was wir als Musik betrachten würden. Schweinfurth wurde indeß von einigen der einfachen Melodien, welche er im Innern von Afrika hörte, angenehm berührt. Es liegt aber in dem Umstande, daß musikalische Fähigkeiten beim Menschen schlummern können, nichts Abnormes: einigen Species von Vögeln, welche von Natur niemals singen, kann ohne große Schwierigkeit das Singen gelehrt werden; so hat ein Haussperling den Gesang eines Hänflings gelernt. Da diese beiden Species nahe verwandt sind und zur Ordnung der Insessores gehören, welche beinahe alle Singvögel der Welt umfaßt, so ist es möglich, daß der Urerzeuger des Sperlings ein Sänger gewesen sein kann. Es ist eine viel merkwürdigere Thatsache, daß Papageien, welche zu einer von den Insessores verschiedenen Gruppe gehören und verschieden gebaute Stimmorgane haben, nicht bloß gelehrt werden können zu sprechen, sondern auch von Menschen erfundene Melodien zu pfeifen oder zu singen, so daß sie einige musikalische Fähigkeit haben müssen. Nichtsdestoweniger wäre es äußerst voreilig, anzunehmen, daß die Papageien von irgend einem alten Vorfahren abstammten, welcher ein Sänger gewesen wäre. Es ließen sich viele Fälle anführen, wo Organe und Instincte, welche ursprünglich einem bestimmten Zwecke angepaßt waren, einem anderen völlig verschiedenen Zwecke dienstbar gemacht worden sind.Seitdem dieses Capitel gedruckt ist, habe ich einen werthvollen Artikel von Mr. Chauncey Wright (North Americ. Review, Oct. 1870, p. 293) gesehen, welcher nach Erörterung des obigen Gegenstandes noch bemerkt: »Es giebt viele Folgen der letzten Gesetze oder Übereinstimmungen der Natur, nach welchen die Erlangung einer nützlichen Kraft viele resultierende Vortheile ebenso wie beschränkende Nachtheile, sowohl factische als nur mögliche, mit sich bringt, welche das Princip der Nützlichkeit nicht mit in seinen Wirkungskreis gezogen haben kann.« Dies Princip hat eine bedeutende Tragweite, wie ich in einem der früheren Capitel des vorliegenden Werks zu zeigen versucht habe, mit Rücksicht auf die durch den Menschen vollzogene Erlangung einiger seiner charakteristischen geistigen Eigenschaften. Es kann daher die Fähigkeit für höhere musikalische Entwicklung, welche die wilden Rassen des Menschen besitzen, entweder die Folge davon sein, daß unsere halbmenschlichen Urerzeuger irgend eine rohe Form von Musik ausgeübt haben, oder einfach davon, daß sie zu einem verschiedenen Zwecke die gehörigen Stimmorgane erlangt haben. Aber in diesem letzteren Falle müssen wir annehmen, daß sie, wie in dem eben erwähnten Beispiele der Papageien und wie es bei vielen Thieren vorzukommen scheint, bereits einen gewissen Sinn für Melodie besessen haben.

Die Musik erweckt verschiedene Gemüthserregungen in uns, regt aber nicht die schrecklicheren Gemüthsstimmungen des Entsetzens, der Furcht, Wuth u. s. w. an. Sie erweckt die sanfteren Gefühle der Zärtlichkeit und Liebe, welche leicht in Ergebung übergehen. In den chinesischen Annalen wird gesagt: »Musik hat die Kraft, den Himmel auf die Erde herabsteigen zu machen«. Sie regt gleichfalls in uns das Gefühl des Triumphes und das ruhmvolle Erglühen für den Krieg an. Diese kraftvollen und gemischten Gefühle können wohl dem Gefühle der Erhabenheit Entstehung geben. Wir können, wie Dr. Seemann bemerkt, eine größere Intensität des Gefühls in einem einzigen musikalischen Tone concentrieren als in seitenlangen Schriften. Nahezu dieselben Erregungen, aber viel schwächer und weniger compliciert, werden wahrscheinlich von Vögeln empfunden, wenn das Männchen seinen vollen Stimmumfang in Rivalität mit anderen Männchen zum Zwecke des Bezauberns des Weibchens ausströmen läßt. Die Liebe ist noch immer das häufigste Thema unserer Gesänge. Wie Herbert Spencer bemerkt: »die Musik regt schlummernde Empfindungen auf, deren Möglichkeit wir nicht begriffen hätten und deren Bedeutung wir nicht kennen«, oder wie Jean Paul sagt: »sie erzählt uns von Dingen, die wir nicht sehen werden«. Umgekehrt werden, wenn lebhafte Erregungen gefühlt und vom Redner ausgedrückt oder selbst in der gewöhnlichen Sprache erwähnt werden, musikalische Cadenzen und Rhythmus instinctiv gebraucht. Wird der afrikanische Neger erregt, so bricht er häufig in Gesang aus; »ein Anderer antwortet mit Gesang, während die übrige Gesellschaft, als wäre sie von einer musikalischen Welle berührt, in vollkommenem Gleichklang einen Chor murmelt«.Winwood Reade, The Martyrdom of Man, 1872, p. 441. und »African Sketch Book«, 1873, Vol. II, p. 313. Selbst Affen drücken starke Gefühle in verschiedenen Tönen, Ärger und Ungeduld durch niedrige, Furcht und Schmerz durch hohe Töne aus.Rengger, Säugethiere von Paraguay, p. 49. Die durch Musik oder durch die Cadenzen leidenschaftlichen Redevortrags in uns angeregten Empfindungen und Ideen erscheinen, wegen ihrer Unbestimmtheit aber doch Tiefe, wie geistige Rückschläge auf Erregungen und Gedanken einer lange vergangenen Zeit.

Alle diese Thatsachen in Bezug auf Musik und leidenschaftliche Rede werden in einer gewissen Ausdehnung verständlich, wenn wir annehmen dürfen, daß musikalische Töne und Rhythmen von den halbmenschlichen Urerzeugern des Menschen während der Zeit der Brautwerbung gebraucht wurden, in einer Zeit, in welcher Thiere aller Arten nicht nur von Liebe, sondern auch von den starken Leidenschaften der Eifersucht, Rivalität und des Triumphes erregt werden. In diesem Falle werden nach dem tief eingepflanzten Principe vererbter Associationen musikalische Töne sehr leicht in einer vagen und unbestimmten Art die starken Erregungen einer längst vergangenen Zeit hervorrufen. Da wir allen Grund zu vermuthen haben, daß die articulierte Sprache, wie sie sicher die höchste ist, eine der am spätesten vom Menschen erlangten Künste ist, und da das instinctive Vermögen, musikalische Töne und Rhythmen zu producieren, in der Thierreihe sehr weit hinab entwickelt ist, so wäre es durchaus mit dem Principe der Entwicklung in Widerspruch, wenn wir annehmen sollten, daß die musikalische Fähigkeit des Menschen sich von den in der leidenschaftslosen Rede benutzten Tönen aus entwickelt hätte. Wir müssen annehmen, daß die Rhythmen und Cadenzen der oratorischen Sprache aus vorher entwickelten musikalischen Kräften herzuleiten sind.s. die sehr interessante Erörterung über den Ursprung und die Function der Musik von Herbert Spencer in seinen gesammelten Essays, 1858, p. 359. Mr. Spencer kommt zu einem, dem, zu welchem ich gelangt bin, genau entgegengesetzten Schlusse. Er folgert, wie es früher Diderot that, daß die in der erregten Rede benutzten Tonfälle die Grundlagen darbieten, von welchen sich die Musik entwickelt hat; während ich schließe, daß musikalische Töne und Rhythmus zuerst von den männlichen oder weiblichen Urerzeugern des Menschen erlangt wurden zu dem Zwecke, das andere Geschlecht zu bezaubern. Hierdurch wurden musikalische Töne fest mit einigen der stärksten Leidenschaften verbunden, welche zu fühlen ein Thier fähig ist, und werden nun in Folge dessen instinctiv oder durch Associationsbewegung benutzt, wenn starke Erregungen in der Rede ausgedrückt werden. Mr. Spencer bietet keine irgendwie befriedigende Erklärung dar, ebensowenig kann ich es, warum hohe und tiefe Töne beim Menschen und bei den niederen Thieren als Ausdrücke gewisser Gemüthserregungen bezeichnend sein sollen. Auch giebt Mr. Spencer eine interessante Erörterung über die Beziehungen zwischen Poesie, Recitativ und Gesang. Auf diese Weise können wir verstehen, woher es kommt, daß Musik, Tanz, Gesang und Poesie so sehr alte Künste sind. Wir können selbst noch weiter gehen und, wie in einem früheren Capitel bemerkt wurde, annehmen, daß musikalische Laute eine der Grundlagen für die Entwicklung der Sprache abgaben.Ich finde in Lord Monboddo's Origin of Language, Vol. I, 1774, p. 469, daß Dr. Blacklock gleichfalls glaubte, »daß die erste Sprache unter den Menschen Musik war und daß, ehe unsere Ideen durch articulierte Laute ausgedrückt wurden, sie durch Töne mitgetheilt wurden, welche in entsprechender Weise je nach ihrer Höhe und Tiefe abgeändert wurden«.

Da die Männchen mehrerer quadrumanen Thiere viel höher entwickelte Stimmorgane besitzen als die Weibchen, und da ein Gibbon, eine Art der anthropomorphen Affen, eine ganze Octave musikalischer Töne erklingen läßt und, wie man wohl sagen kann, singt, so scheint die Vermuthung nicht unwahrscheinlich zu sein, daß die Urerzeuger des Menschen, entweder die Männchen oder die Weibchen oder beide Geschlechter, ehe sie das Vermögen, ihre gegenseitige Liebe in articulierter Sprache auszudrücken, erlangt hatten, sich einander in musikalischen Tönen und Rhythmen zu bezaubern versuchten. In Bezug auf den Gebrauch der Stimme bei den Quadrumanen während der Zeit der Liebe ist so wenig bekannt, daß wir kaum irgend ein Mittel zur Beurtheilung besitzen, ob die Gewohnheit zu singen zuerst von unsern männlichen oder von unsern weiblichen Urerzeugern erlangt wurde. Man nimmt allgemein an, daß Frauen lieblichere Stimmen besitzen als Männer, und soweit dies als Fingerzeig dient, können wir schließen, daß sie zuerst musikalische Kräfte erlangten, um das andere Geschlecht anzuziehen.s. eine interessante Erörterung über diesen Gegenstand in Haeckel, Generelle Morphologie. Bd. II. 1866, p. 246. Ist dies aber der Fall, so muß dies lange vorher eingetreten sein, ehe unsere Urahnen hinreichend menschlich wurden, um ihre Frauen einfach als nützliche Sclaven zu behandeln und zu schätzen. Der leidenschaftliche Redner, Barde oder Musiker hat, wenn er mit seinen abwechselnden Tönen und Cadenzen die stärksten Gemüthserregungen in seinen Hörern erregt, wohl kaum eine Ahnung davon, daß er dieselben Mittel benutzt, durch welche in einer äußerst entfernt zurückliegenden Periode seine halbmenschlichen Vorfahren in einander die glühenden Leidenschaften während ihrer gegenseitigen Bewerbung und Rivalität erregten.

 
Über den Einfluß der Schönheit bei der Bestimmung der Heirathen unter den Menschen. – Im civilisierten Leben wird der Mann in großem Maße, aber durchaus nicht ausschließlich, bei der Wahl seines Weibes durch äußere Erscheinung beeinflußt. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit den Urzeiten zu thun, und das einzige Mittel, das wir besitzen, uns hier ein Urtheil über diesen Gegenstand zu bilden, ist das, die Gewohnheit jetzt lebender halbcivilisierter und barbarischer Nationen zu studieren. Wenn gezeigt werden kann, daß die Männer aus verschiedenen Rassen Frauen vorziehen, welche gewisse charakteristische Eigenschaften besitzen, oder umgekehrt, daß die Frauen gewisse Männer vorziehen, dann haben wir zu untersuchen, ob eine derartige Wahl, durch viele Generationen hindurch fortgesetzt, eine irgendwie nachweisbare Wirkung auf die Rasse, entweder auf ein Geschlecht oder auf beide Geschlechter ausüben würde, wobei die letztere Alternative von der vorherrschenden Form der Vererbung abhängt.

Es dürfte zweckmäßig sein, zuerst mit einigen Einzelheiten nachzuweisen, daß Wilde auf ihre persönliche Erscheinung die größte Aufmerksamkeit verwenden.Eine ausführliche und ausgezeichnete Schilderung der Art und Weise, in welcher Wilde aus allen Theilen der Welt sich schmücken, hat der italienische Reisende Prof. Mantegazza gegeben in: Rio de la Plata, Viaggi e Studi, 1867, p. 525-545; alle die folgenden Angaben sind, wenn nicht andere Verweisungen gegeben sind, diesem Werke entnommen, s. auch Waitz, Introduction to Anthropology. Vol. I. 1863, p. 275 u. flgde. Auch Lawrence giebt ausführliche Details in seinen Lectures on Physiology, 1822. Seitdem dies Capitel geschrieben wurde, hat Sir J. Lubbock sein »Origin of Civilisation«, 1870, herausgegeben, worin sich ein interessantes Capitel über den vorliegenden Gegenstand findet und woraus (p. 42, 48) ich einige Thatsachen in Bezug auf das Färben der Zähne und Haare und das Anbohren der Zähne bei Wilden entnommen habe. Daß sie eine Leidenschaft für Ornamente haben, ist notorisch, und ein englischer Philosoph geht so weit, zu behaupten, daß Zeuge zuerst zum Zwecke des Schmuckes, nicht zur Wärme gemacht wurden. Wie Professor Waitz bemerkt: »so arm und elend der Mensch auch sein mag, er findet ein Vergnügen daran, sich zu schmücken«. Die Extravaganz der nackten Indianer von Süd-Amerika beim Schmücken ihrer Person zeigt sich daraus, daß ein »Mann von bedeutender Körpergröße mit Schwierigkeit durch die Arbeit zweier Wochen hinreichenden Lohn verdient, um sich im Tausch die Chica zu verdienen, welche er so nöthig hat, sich roth zu machen«.Alex. v. Humboldt, Personal Narrative, Vol. IV, p. 515; über die Phantasie, wie sie sich beim Malen des Körpers zeigt, p. 522; über die Modification der Form der Waden p. 466. Die ältesten Barbaren von Europa während der Renthierperiode brachten alle glänzenden oder eigenthümlichen Gegenstände, welche sie zufällig fanden, in ihre Höhlen. Heutigen Tages schmücken sich überall die Wilden mit Schmuckfedern, Halsbändern, Armbändern, Ohrringen u. s. w. Sie bemalen sich selbst in der verschiedenartigsten Weise. »Wenn bemalte Nationen mit derselben Aufmerksamkeit wie bekleidete untersucht worden wären, so würde man«, wie Humboldt bemerkt, »wahrgenommen haben, daß die fruchtbarste Einbildungskraft und die veränderlichste Laune die Moden des Malens ebensowohl wie die der Kleidung erfunden haben«.

In einem Theile von Afrika werden die Augenlider schwarz gefärbt, in einem anderen Theile werden die Nägel gelb oder purpurn gefärbt. An vielen Orten wird das Haar in verschiedenen Tönen gefärbt. In verschiedenen Gegenden werden die Zähne schwarz, roth, blau u. s. w. gefärbt, und auf dem malayischen Archipel glaubt man sich schämen zu müssen, wenn man weiße Zähne »wie ein Hund« hat. Nicht ein einziges großes Land, von den Polargegenden im Norden bis nach Neu-Seeland im Süden kann angeführt werden, in welchem die ursprünglichen Bewohner sich nicht tättowiert hätten. Diesem Gebrauche folgten die alten Juden und die alten Briten. In Afrika tättowieren sich einige der Eingeborenen; es ist aber viel häufiger, Wucherungen sich erheben zu lassen dadurch, daß man Salz in, an den verschiedenen Theilen des Körpers angebrachte Einschnitte einreibt; und solche werden von den Einwohnern in Kordofan und Darfur »für große persönliche Reize gehalten«. In den arabischen Ländern wird keine Schönheit für vollendet angesehen, bis nicht die Wangen »oder Schläfe zerschlitzt sind«.The Nile Tributaries. 1867. The Albert Nyanza. 1866. Vol. I, p. 218. In Süd-Amerika würde, wie Humboldt bemerkt, »eine Mutter strafbarer Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder angeklagt werden, wenn sie nicht künstliche Mittel anwendete, die Wade oder das Bein nach der Mode des Landes zu formen«. In der alten und neuen Welt wurde früher die Form des Schädels während der Kindheit in der außerordentlichsten Art und Weise umgebildet, wie es jetzt noch an vielen Orten der Fall ist, und derartige Formabweichungen werden für ornamental gehalten. So betrachten z. B. die Wilden von ColumbiaAngeführt von Prichard, Physic. Hist. of Mankind. 4. edit. Vol. I. 1851, p. 321. einen sehr abgeflachten Kopf als »einen wesentlichen Punkt der Schönheit«.

Das Haar wird in verschiedenen Ländern mit besonderer Sorgfalt behandelt. Man läßt es in seiner vollen Länge wachsen, so daß es bis auf den Boden reicht, oder es wird »in einen compacten und gekräuselten Wulst zusammengekämmt, welcher der Stolz und Ruhm der Papuas ist«.Über die Papuas s. Wallace, The Malay Archipelago. Vol. II, p. 445. Über den Haarputz der Afrikaner: Sir S. Baker, The Albert Nyanza. Vol. I, p. 210. In Nord-Afrika »braucht ein Mann eine Zeit von acht bis zehn Jahren, um seinen Haarputz zu vollenden«. Bei anderen Nationen wird der Kopf geschoren und in Theilen von Süd-Amerika und Afrika werden selbst die Augenbrauen und Augenwimpern ausgerissen. Die Eingeborenen des oberen Nils schlagen die vier Schneidezähne aus und sagen, sie wünschten nicht wie Thiere auszusehen. Weiter nach Süden schlagen sich die Batokas nur die beiden oberen Schneidezähne aus, was, wie Livingstone bemerkt,Travels etc., p. 533. dem Gesichte in Folge des Vorspringens der unteren Kinnlade ein widriges Aussehen giebt; diese Völker halten aber das Vorhandensein der Schneidezähne für äußerst unschön, und beim Erblicken von Europäern riefen sie aus: »Seht die großen Zähne!« Der große Häuptling Sehituani versuchte vergeblich diese Mode zu ändern. In verschiedenen Theilen von Afrika und im malayischen Archipel feilen die Eingeborenen die Schneidezähne spitz zu wie die Sägezähne oder durchbohren sie mit Löchern, in welche sie Klötzchen stecken.

Wie bei uns das Gesicht hauptsächlich seiner Schönheit wegen bewundert wird, so ist es bei Wilden der vorzügliche Sitz der Verstümmelung. In allen Theilen der Welt werden die Nasenscheidewand, seltener die Flügel der Nase durchbohrt und Ringe, Stäbchen, Federn und andere Zierathen in die Löcher eingefügt. Die Ohren werden überall durchbohrt und ähnlich verziert, und bei den Botokuden und Lenguas von Süd-Amerika wird das Loch allmählich so erweitert, daß der untere Rand des Ohrläppchens die Schulter berührt. In Nord- und Süd-Amerika und in Afrika wird entweder die obere oder die untere Lippe durchbohrt, und bei den Botokuden ist das Loch in der Unterlippe so groß, daß eine Holzscheibe von vier Zoll Durchmesser hineingethan wird. Mantegazza giebt eine merkwürdige Schilderung der von einem südamerikanischen Eingeborenen empfundenen Scham und des Gelächters, welches er erregte, als er seine »Tembeta«, das große gefärbte Stück Holz, welches durch das Loch gesteckt wird, verkaufte. In Central-Afrika durchbohren die Frauen die untere Lippe und tragen einen Krystall darin, welcher in Folge der Bewegung der Zunge »während der Unterhaltung eine unbeschreiblich lächerliche tanzende Bewegung macht«. Die Frau des Häuptlings von Latooka sagte Sir S. Baker,The Albert Nyanza. 1866. Vol. I, p. 217. daß »Lady Baker sich sehr verschönern würde, wenn sie ihre Vorderzähne aus der unteren Kinnlade herausziehen und den langen zugespitzten, polierten Krystall in ihrer Unterlippe tragen wollte«. Weiter nach Süden, bei den Makalolo, wird die Oberlippe durchbohrt und ein großer metallener und Bambus-Ring, »Pelelé« genannt, in dem Loche getragen. »Dies veranlaßte es, daß in einem Falle die Lippe zwei Zoll über die Nasenspitze vorragte, und als die Dame lächelte, hob die Contraction der Muskeln die Lippe bis über die Augen. Warum tragen die Frauen diese Dinge? wurde der ehrbare Häuptling Chinsurdi gefragt. Offenbar erstaunt über eine so dumme Frage erwiderte er: der Schönheit wegen! Es sind dies die einzigen schönen Dinge, welche die Frauen haben. Männer haben Bärte, Frauen haben keine. Was für eine Art Person würde die Frau sein ohne das Pelelé? Sie würde mit einem Munde wie ein Mann, aber ohne Bart, gar keine Frau sein«.Livingstone, British Association, 1860; Auszug im Athenaeum, 7. Juli 1860, p. 29.

Kaum irgend ein Theil des Körpers, welcher in unnatürlicher Weise modificiert werden kann, ist verschont geblieben. Die Größe der hierdurch verursachten Leiden muß wunderbar gewesen sein, denn viele der Operationen erfordern zu ihrer Vollendung mehrere Jahre, so daß die Idee von ihrer Nothwendigkeit ganz imperativ sein muß. Die Motive sind verschiedenartig; die Männer malen sich ihre Körper an, um sich im Kampfe schrecklich aussehend zu machen. Gewisse Verstümmelungen stehen mit religiösen Gebräuchen in Verbindung oder bezeichnen das Alter der Pubertät oder den Rang des Mannes, oder sie dienen dazu, die Stämme zu unterscheiden. Da bei Wilden dieselben Moden für lange Perioden herrschen,Sir S. Baker (The Albert Nyanza, Vol. I, p. 210) spricht von den Eingeborenen von Central-Afrika und sagt: »Jeder Stamm hat eine bestimmte und unveränderliche Art, sich das Haar zu frisieren«, s. Agassiz (Journey in Brazil, 1868, p. 318), über die Unveränderlichkeit des Tättowierens bei den Indianern des Amazonen-Gebiets. so gelangen Verstümmelungen, aus welcher Ursache immer sie auch zuerst gemacht wurden, bald zu dem Werthe von Unterscheidungszeichen. Aber Schmückung, Eitelkeit und die Bewunderung Anderer scheinen die häufigsten Motive zu sein. In Bezug auf das Tättowieren sagten mir die Missionäre in Neu-Seeland, daß, als sie einige Mädchen zu überreden versuchten, den Gebrauch aufzugeben, diese ihnen antworteten: »wir müssen wenigstens ein paar Linien auf unsern Lippen haben, denn wenn wir alt werden, würden wir sonst sehr häßlich sein«. In Bezug auf die Männer in Neu-Seeland sagt ein äußerst fähiger Beurtheiler,R. Taylor, New Zealand and its Inhabitants. 1855, p. 152. daß es für die jungen Männer ein großer Punkt des Ehrgeizes sei, »schön tättowierte Gesichter zu haben, sowohl um sich für die Damen anziehend als im Kriege auffallend zu machen«. Ein auf die Stirn tättowierter Stern und ein Punkt auf dem Kinn werden in einem Theile von Afrika von den Frauen für unwiderstehliche Anziehungsmittel gehalten.Mantegazza, Viaggi e Studi, p. 542. In den meisten, aber nicht in allen Theilen der Welt sind die Männer bedeutender verziert als die Frauen und oft in einer verschiedenen Weise; zuweilen, wenn auch selten, sind die Frauen beinahe gar nicht verziert. Da die Wilden die Frauen den größten Theil der Arbeit verrichten lassen und sie ihnen nicht gestatten, die beste Art von Nahrung zu genießen, so steht es in Übereinstimmung mit der charakteristischen Selbstsucht der Männer, daß man den Frauen nicht gestattet, die schönsten Zierathen zu erlangen oder zu gebrauchen. Endlich ist es eine merkwürdige, durch vorstehende Anführungen bewiesene Thatsache, daß dieselben Moden in der Modifizierung der Kopfform, in der Verzierung des Haares, in dem Malen, dem Tättowieren, dem Durchbohren der Nase, der Lippen oder der Ohren, in der Entfernung oder dem Feilen der Zähne u. s. w., in den von einander entferntest liegenden Theilen der Welt jetzt herrschen oder lange Zeit geherrscht haben. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß diese Gebräuche, welchen so viele Nationen folgen, auf eine aus irgend einer gemeinsamen Quelle herrührende Tradition weisen. Sie deuten vielmehr die große Ähnlichkeit der geistigen Anlage bei allen Menschen an, zu welcher Rasse sie auch gehören mögen, in derselben Weise, wie die beinahe allgemeinen Gewohnheiten des Tanzens, des Maskierens und der Fertigung roher Gemälde.

 

Nach diesen vorläufigen Bemerkungen über die Bewunderung, welche die Wilden verschiedenen Zierathen und Entstellungen zollen, die für unsere Augen äußerst häßlich sind, wollen wir sehen, inwieweit die Männer durch die Erscheinung ihrer Frauen angezogen werden und was ihre Ideen von Schönheit sind. Ich habe behaupten hören, daß Wilde in Bezug auf die Schönheit ihrer Frauen völlig indifferent seien und dieselben nur als Sclaven schätzen; es dürfte daher der Mühe werth sein, zu bemerken, daß diese Folgerung durchaus nicht zu der Sorgfalt stimmt, welche die Frauen darauf verwenden, sich zu schmücken, ebensowenig wie zu ihrer Eitelkeit. BurchellTravels in S. Africa. 1824. Vol. I, p. 414. giebt einen unterhaltenden Bericht von einer Buschmännin, welche so viel Fett, rothen Ocker und glänzendes Pulver brauchte, daß sie »jeden Andern als einen sehr reichen Ehemann ruiniert haben würde«. Sie zeigte auch »viel Eitelkeit und gar zu offenbares Bewußtsein ihrer Vorzüglichkeit«. Mr. Winwood Reade theilt mir mit, daß die Neger der Westküste oft über die Schönheit ihrer Frauen sich in Erörterungen einlassen. Einige competente Beobachter haben den fürchterlich verbreiteten Gebrauch des Kindesmordes zum Theil auf Rechnung des von den Frauen gehegten Wunsches geschrieben, ihr gutes Aussehen zu bewahren.s. wegen Verweisungen: Gerland, Über das Aussterben der Naturvölker, 1868, p. 51, 53, 55; auch Azara, Voyages etc. Tom. II, p. 116. In mehreren Ländern tragen die Frauen Talismane und Amulette, um die Zuneigung der Männer zu gewinnen; und Mr. Brown zählt vier zu diesem Zwecke von den Frauen von Nordwest-Amerika gebrauchte Pflanzen auf.Über die von den nordwest-amerikanischen Indianern benutzten Producte des Pflanzenreiches s. Pharmaceutical Journal, Vol. X.

Hearne,A Journey from Prince of Wales Fort. 8vo. edit. 1796, p. 89. welcher viele Jahre unter den amerikanischen Indianern lebte und ein ausgezeichneter Beobachter war, sagt, wo er von den Frauen spricht: »Man frage einen nördlichen Indianer, was Schönheit sei, und er wird antworten, ein breites glattes Gesicht, kleine Augen, hohe Wange, eine niedrige Stirn, ein großes breites Kinn, eine kolbige Hakennase, eine gelbbraune Haut und bis zum Gürtel herabhängende Brüste«. Pallas, welcher die nördlichen Theile des chinesischen Reiches besuchte, sagt: »Es werden diejenigen Frauen vorgezogen, welche die Mandschu-Form haben, d. h. ein breites Gesicht, hohe Wangenknochen, sehr breite Nasen und enorme Ohren«Citiert von Prichard, Phys. Hist. of Mankind. 3. edit. Vol. IV. 1844, p. 519. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. Bd. I, p. 162. Über die Meinung der Chinesen von den Cingalesen s. Sir J. E. Tennent, Ceylon, Vol. II. 1859, p. 107. und Vogt bemerkt dazu, daß die schräge Stellung der Augen, welche den Chinesen und Japanesen eigenthümlich ist, in ihren Gemälden, »wie es scheint, zu dem Zwecke übertrieben wird, die volle Pracht und Schönheit dieser Stellung im Contraste mit dem Auge der rothhaarigen Barbaren hervortreten zu lassen«. Es ist, wie Huc wiederholt bemerkt, wohlbekannt, daß die Chinesen aus dem Innern die Europäer mit ihrer weißen Haut und den vorspringenden Nasen für häßlich halten. Nach unsern Ideen ist die Nase bei den Eingeborenen von Ceylon durchaus nicht zu sehr vorspringend, und doch waren »die Chinesen im siebenten Jahrhundert, an die platten Gesichtszüge der Mogulrassen gewöhnt, über die vorspringenden Nasen der Cingalesen überrascht, und Thsang beschreibt sie als »den Schnabel eines Vogels und den Körper eines Menschen habend«.

Finlayson, der eingehend das Volk von Cochin-China beschreibt, sagt, daß ihre runden Köpfe und Gesichter ihre hauptsächlichsten charakteristischen Merkmale seien, und fügt dann hinzu: »Die Rundung des ganzen Gesichts ist bei den Frauen noch auffallender, welche in dem Verhältnisse für schön erklärt werden, als sie diese Form des Gesichts darbieten«. Die Siamesen haben kleine Nasen, mit auseinanderstehenden Nasenlöchern, einen großen Mund, etwas dicke Lippen, ein merkwürdig großes Gesicht mit sehr hohen und breiten Wangenknochen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß »Schönheit unserem Begriffe nach für sie fremd ist. Und doch betrachten sie ihre eigenen Frauen als viel schöner als die von Europa«.Prichard, nach den Angaben von Crawfurd und Finlayson, in: Phys. Hist. of Mankind. Vol. IV, p. 534, 535.

Es ist wohlbekannt, daß bei vielen Hottentottenfrauen der hintere Theil des Körpers in einer wunderbaren Weise vorspringt; sie sind steatopyg; und Sir Andrew Smith erklärt es für sicher, daß diese Eigenthümlichkeit von den Männern sehr bewundert wird.»Idem illustrissimus viator dixit mihi praecinctorium vel tabulam feminae, quod nobis teterrimum est, quondam permagno aestimari ab hominibus in hac gente. Nunc res mutata est, et censent talem conformationem minime optandam esse.« Er sah einmal eine Frau, welche für eine Schönheit gehalten wurde; dieselbe war hinten so ungeheuer entwickelt, daß, als sie sich auf ebenem Boden niedergesetzt hatte, sie nicht aufstehen konnte, sondern sich soweit fortziehen mußte, bis sie an einen Abhang kam. Manche von den Frauen in verschiedenen Negerstämmen sind ähnlich charakterisiert; der Angabe von Burton zufolge sollen die Somali-Männer »ihre Frauen auf die Weise wählen, daß sie alle in eine Reihe stellen und diejenige auswählen, welche am meisten a tergo vorspringt. Nichts kann für einen Neger hassenswürdiger sein als die entgegengesetze Form«.The Anthropologieal Review, November 1864, p. 237. Wegen weiterer Verweisungen s. Waitz, Introduction to Anthropology. 1863. Vol. I, p. 105.

In Bezug auf die Farbe verhöhnten die Neger Mungo Park wegen der weißen Farbe seiner Haut und des Vorspringens seiner Nase, welches sie beides für »häßliche und unnatürliche Bildungen betrachten«. Er rühmte in Erwiderung das glänzende Schwarz ihrer Haut und die liebliche Depression ihrer Nasen. Dies hielten sie für »Schmeichelei«, gaben ihm aber nichtsdestoweniger etwas zu essen. Auch die afrikanischen Mohren »zogen ihre Augenbrauen zusammen und schienen sich zu schütteln« über die weiße Farbe seiner Haut. Als die Negerknaben an der östlichen Küste Burton sahen, riefen sie aus: »Seht den weißen Mann! sieht er nicht aus wie ein weißer Affe?« Wie Mr. Winwood Reade mir mittheilt, bewundern die Neger an der westlichen Küste eine sehr schwarze Haut mehr als eine von einer hellern Färbung. Aber ihr Entsetzen vor der weißen Farbe kann der Angabe desselben Reisenden zufolge zum Theil dem bei den meisten der Neger vorhandenen Glauben zugeschrieben werden, daß Dämonen und Geister weiß sind, zum Theil der Ansicht, daß sie ein Zeichen schlechter Gesundheit ist.

Die Banyai des südlicheren Theiles des Continents sind Neger, aber »eine große Menge von ihnen ist von einer helleren Milchcaffeefarbe, und es wird jetzt diese Farbe in dem ganzen Lande für schön gehalten«, so daß wir hier einen verschiedenen Maßstab des Geschmackes haben. Bei den Kaffern, welche bedeutend von den Negern abweichen, ist »die Haut mit Ausnahme der Stämme in der Nähe der Delagoa-Bai gewöhnlich nicht schwarz; die vorherrschende Färbung ist eine Mischung von Schwarz und Roth und die häufigste Schattierung ist Chocoladebraun. Dunkler Teint wird als der häufigste natürlich im größten Werth gehalten. Zu hören, daß man hell gefärbt oder wie ein weißer Mann sei, würde von einem Kaffern für ein sehr schlechtes Compliment gehalten werden. Ich habe von einem unglücklichen Manne gehört, welcher so sehr hell war, daß ihn kein Mädchen heirathen wollte«. Einer der Titel des Zulukönigs ist: »Ihr der Ihr schwarz seid«.Mungo Park's Travels in Africa, 4°. 1816, p. 53, 131. Burton's Angabe wird von Schaaffhausen citiert im: Archiv für Anthropologie. 1866, p. 163. Über die Banyai s. Livingstone, Travels, p. 64. Über die Kaffern s. J. Shooter, The Kafirs of Natal and the Zulu Country. 1857, p. 1. Als Mr. Galton mit mir über die Eingeborenen von Süd-Afrika sprach, bemerkte er, daß ihre Ideen von Schönheit sehr verschieden von unseren zu sein scheinen; denn in einem der Stämme wurden zwei schlanke helle und hübsche Mädchen von den Eingeborenen nicht bewundert.

Wenden wir uns zu anderen Theilen der Erde. In Java wird der Angabe von Frau Pfeiffer zufolge ein gelbes und nicht ein weißes Mädchen für eine Schönheit gehalten. Ein Mann von Cochin-China »erzählte verächtlich von der Frau des dortigen englischen Gesandten, sie habe weiße Zähne wie ein Hund und eine rosige Farbe wie Patatenblumen«. Wir haben gesehen, daß die Chinesen unsere weiße Haut nicht lieben und daß die Nordamerikaner eine »gelblich braune Haut« bewundern. In Süd-Amerika sind die Yuracaras, welche die bewaldeten feuchten Abhänge der östlichen Cordillera bewohnen, merkwürdig blaß gefärbt, wie ihr Name in ihrer eigenen Sprache es ausdrückt; nichtsdestoweniger halten sie europäische Frauen für ihren eigenen sehr untergeordnet.In Bezug auf die Javanesen und die Cochinchinesen s. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Bd. I, p. 366; Introduction to Anthropol. Vol. I, p. 305. Wegen der Yura-caras s. Alc. d'Orbigny, citiert bei Prichard, Phys. Hist. of Mankind. Vol. V. 3. ed., p. 476.

Bei mehreren Stämmen von Nord-Amerika wächst das Haar am Kopfe zu einer wunderbaren Länge, und Catlin führt einen merkwürdigen Beweis dafür an, wie sehr dieses geschätzt wird; der Häuptling der Crows nämlich wurde zu dieser Stellung deshalb erwählt, weil er die längsten Haare unter allen Männern im Stamme hatte, und zwar zehn Fuß und sieben Zoll. Die Aymaras und Quechuas von Süd-Amerika haben gleichfalls sehr lange Haare, und diese werden, wie Mr. D. Forbes mir mittheilt, wegen ihrer Schönheit so sehr geschätzt, daß die schwerste Strafe, welche man ihnen auflegen konnte, die war, das Haar abzuschneiden. In beiden Hälften des Continents vergrößern die Eingeborenen zuweilen die scheinbare Länge ihres Haares dadurch, daß sie faserige Substanzen mit ihm verweben. Obschon das Haar am Kopfe hiernach sehr hoch geschätzt ist, so wird das im Gesicht doch von den nordamerikanischen Indianern »für sehr gemein« gehalten, und jedes Haar wird sorgfältig ausgezogen. Dieser Gebrauch herrscht durch den ganzen amerikanischen Continent von Vancouver's Island im Norden bis zum Feuerlande im Süden. Als York Minster, ein Feuerländer am Bord des Beagle, nach seinem Lande zurückgebracht wurde, sagten ihm die Eingeborenen, er solle die wenigen kurzen Haare in seinem Gesicht ausreißen. Sie drohten auch einem jungen Missionär, welcher eine Zeit lang bei ihnen gelassen wurde, damit, ihn nackt auszuziehen und die Haare von seinem Gesicht und Körper auszureißen, und doch war er durchaus kein stark behaarter Mann. Es wird diese Mode bis zu einem solchen Extrem getrieben, daß die Indianer von Paraguay ihre Augenbrauen und Augenwimpern ausreißen, indem sie sagen, sie wünschten nicht wie Pferde auszusehen.North American Indians by G. Catlin. 3. edit. 1842. Vol. I, p. 49. Vol.  II, p. 227. Über die Eingeborenen von Vancouver's Island s. Sproat, Scenes and Studies of Savage Life, 1868, p. 25. Über die Indianer von Paraguay s. Azara, Voyages etc. Tom. II, p. 105.

Es ist merkwürdig, daß in der ganzen Welt die Rassen, welche fast vollständig eines Bartes entbehren, Haare im Gesichte und am Körper nicht leiden können und Sorgfalt darauf verwenden, sie auszuziehen. Die Kalmucken sind bartlos, und man weiß, daß sie, wie die Amerikaner, alle zerstreut stehenden Haare ausreißen, und dasselbe gilt für die Polynesier, einige Malayen und die Siamesen. Mr. Veitch führt an, daß die japanesischen Damen »sich sämmtlich an unsere Backenbärte stießen, sie für sehr häßlich erklärten und mir riethen, sie abzuschneiden und wie japanesische Männer auszusehen«. Die Neuseeländer haben kurze gekräuselte Bärte; doch rissen sie früher die Haare im Gesicht aus. Sie hatten ein Sprichwort, »daß es für einen haarigen Mann keine Frau giebt« die Mode scheint sich aber in Neu-Seeland, vielleicht in Folge der Anwesenheit von Europäern, geändert zu haben; man hat mir versichert, daß jetzt Bärte von den Maoris bewundert werden.Über die Siamesen s. Prichard Phys. Hist. of Mankind. Vol. IV, p. 533. Über die Japanesen: Veitch in: Gardener's Chronicle. 1860, p. 1104. In Bezug auf die Neuseeländer s. Mantegazza, Viaggi e Studi. 1867, p. 526. Wegen der andern oben erwähnten Nationen s. Verweisungen in: Lawrence, Lectures on Physiology. 1822, p. 272.

Auf der anderen Seite bewundern bärtige Rassen ihre Bärte und schätzen sie sehr. Unter den Angelsachsen hatte jeder Theil des Körpers ihren Gesetzen zufolge einen anerkannten Werth. »Der Verlust des Bartes wurde auf zwanzig Schilling geschätzt, während das Brechen des Oberschenkels nur zu zwölf festgesetzt war«.Sir J. Lubbock, Origin of Civilization. 1870, p. 321. Im Oriente schwören die Männer feierlich bei ihren Bärten. Wir haben gesehen, daß Chinsurdi, der Häuptling der Makalolo in Afrika, offenbar der Ansicht war, daß Bärte eine große Zierde seien. Bei den Fiji-Insulanern im Stillen Ocean ist der Bart »üppig und buschig und ist der größte Stolz der Männer«, während die Eingeborenen der benachbarten Archipele von Tonga und Samoa »bartlos sind und ein rauhes Kinn verabscheuen«. Nur auf einer einzigen Insel der Ellice-Gruppe sind »die Männer stark bebartet und nicht wenig stolz darauf«.Dr. Barnard Davis citiert Prichard und Andere wegen dieser Thatsachen von den Polynesiern in: Anthropological Review, April 1870, p. 185, 191.

Wir sehen hieraus, wie sehr die verschiedenen Rassen des Menschen in ihrem Geschmacke für's Schöne verschieden sind. In jeder Nation, die weit genug vorgeschritten war, sich Bildnisse ihrer Götter oder ihrer vergötterten Herrscher zu machen, versuchten ohne Zweifel die Bildhauer ihr Ideal von Schönheit und Großartigkeit in diesen Bildwerken auszudrücken.Ch. Comte giebt Bemerkungen in diesem Sinne in seinem Traité de Législation. 3. édit, 1837, p. 136. Von diesem Gesichtspunkte aus verdienen die griechischen Statuen des Jupiter oder Apollo mit den ägyptischen oder assyrischen Statuen im Geiste verglichen zu werden, und diese wiederum mit den häßlichen Basreliefs der zerstörten Bauten von Central-Amerika.

Ich bin sehr wenigen Angaben begegnet, welche der eben erwähnten Schlußfolgerung entgegenstehen; indessen ist Mr. Winwood Reade, welcher reichlich Gelegenheit zur Beobachtung nicht nur in Bezug auf die Neger der Westküste von Afrika, sondern auch in Bezug auf die des Innern hatte, welche niemals mit Europäern in Verbindung gestanden haben, überzeugt, daß ihre Ideen von Schönheit im Ganzen dieselben sind wie unsere. In ähnlichem Sinne äußert sich Dr. Rohlfs brieflich gegen mich in Bezug auf die Bornu und die von den Pullo-Stämmen bewohnten Länder. Mr. Reade fand, daß er mit den Negern in der Werthschätzung der Schönheit der eingeborenen Mädchen übereinstimmte und daß ihre Würdigung der Schönheit europäischer Frauen der unseren entsprechend war. Sie bewundern langes Haar und brauchen künstliche Mittel, es sehr reich erscheinen zu lassen. Sie bewundern auch einen Bart, obschon sie selbst spärlich damit versehen sind. Mr. Reade ist im Zweifel, welche Art von Nasen am meisten geschätzt werde. Man hat ein Mädchen sagen hören, »ich mag den nicht heirathen, er hat keine Nase«, und dies beweist, daß eine sehr platte Nase kein Gegenstand der Bewunderung ist. Wir müssen uns indessen erinnern, daß die plattgedrückten und sehr breiten Nasen und vorspringenden Kinnladen der Neger der Westküste ausnahmsweise Typen unter den Einwohnern von Afrika sind. Trotz der vorstehenden Angaben giebt Mr. Reade zu, daß Neger »die Farbe unserer Haut nicht leiden können; sie betrachten blaue Augen mit Widerwillen und halten unsere Nasen für zu lang und unsere Lippen für zu dünn«. Er hält es nicht für wahrscheinlich, daß Neger jemals »die schönste europäische Frau nur auf Grund der bloßen physischen Bewunderung einer gut aussehenden Negerin vorziehen würden«.The African Sketch Book. Vol. II. 1873, p. 253, 394, 521. Wie mir ein Missionär mitgetheilt hat, welcher lange Zeit unter den Feuerländern gelebt hat, betrachten dieselben europäische Frauen als außerordentlich schön; nach dem aber, was wir von dem Urtheil der andern Eingeborenen von Amerika gesehen haben, kann ich nur glauben, daß dies ein Irrthum ist, wenn sich nicht geradezu diese Angaben auf Feuerländer beziehen, welche einige Zeit unter Europäern gelebt haben und uns für höhere Wesen halten müssen. Ich muß noch hinzufügen, daß ein äußerst erfahrener Beobachter, Capt. Burton, der Ansicht ist, daß eine Frau, welche wir für schön halten, auf der ganzen Welt bewundert wird; Anthropological Review, March, 1864, p. 245.

Die Wahrheit des schon vor längerer Zeit von HumboldtPersonal Narrative, Vol. IV, p. 518 u. and. O. Mantegazza hebt in seinen Viaggi e Studi, 1867, denselben Grundsatz nachdrücklich hervor. betonten Grundsatzes, daß der Mensch die Charaktere bewundert und häufig zu übertreiben sucht, welche die Natur ihm nur immer gegeben haben mag, zeigt sich auf vielerlei Weise. Der Gebrauch bartloser Rassen, jede Spur eines Bartes zu entfernen, ebenso wie allgemein die Haare am Körper, bietet eine Erläuterung dazu dar. Der Schädel ist während alter und neuerer Zeiten von vielen Nationen bedeutend modificiert worden, und es läßt sich wenig zweifeln, daß dies besonders in Nord- und Süd-Amerika zu dem Zwecke ausgeübt wurde, um irgend eine natürliche und bewunderte Eigenthümlichkeit zu übertreiben. Viele amerikanische Indianer bewundern bekanntlich einen Kopf, der zu einem solchen extremen Grade abgeplattet ist, daß er uns wie der eines Idioten erscheint. Die Eingeborenen der Nordwestküste drücken ihren Kopf in die Form eines zugespitzten Kegels zusammen und es ist beständiger Gebrauch bei ihnen, das Haar in einen Knoten auf der Spitze ihres Kopfes zusammenzufassen zum Zwecke, wie Dr. Wilson bemerkt, »die scheinbare Erhebung der beliebten conischen Form noch zu erhöhen«. Die Einwohner von Arakhan »bewundern eine breite glatte Stirn, und um diese hervorzubringen befestigen sie eine Bleiplatte an den Köpfen ihrer neugeborenen Kinder«. Andererseits »wird ein breites, gut gerundetes Hinterhaupt von den Eingeborenen der Fiji-Inseln für eine große Schönheit gehalten«.Über die Schädel der amerikanischen Stämme s. Nott and Gliddon, Types of Mankind, 1854, p. 440; Prichard, Physic. Hist. of Mankind, Vol. I, 3. edit., p. 321; über die Eingeborenen von Arakhan, ebenda, Vol. IV, p. 537; Wilson, Physical Ethnology, in Smithsonian Institution, 1863, p. 288; über die Fiji-Insulaner p. 290. Sir J. Lubbock (Prehistoric Times, 2. edit., 1869, p. 506) giebt ein ausgezeichnetes Resumé über diesen Gegenstand.

Wie für den Schädel, so gilt dasselbe auch für die Nase. Die alten Hunnen waren während des Zeitalters des Attila gewöhnt, die Nasen ihrer Kinder mit Bandagen abzuplatten »zum Zwecke der Übertreibung einer natürlichen Bildung«. Bei den Tahiti-Insulanern wird die Benennung »Langnase« für eine Insulte gehalten, und sie comprimieren die Nasen und Stirnen ihrer Kinder zum Zwecke der Schönheit. Dasselbe ist der Fall bei den Malayen von Sumatra, den Hottentotten, gewissen Negern und den Eingeborenen von Brasilien.Über die Hunnen s. Godron, De l'Espèce. Tom. II. 1859, p  300. Über die Eingeborenen von Tahiti s. Waitz, Anthropolog. Vol. I, p. 305. Marsden, citiert von Prichard, Physic. Hist. of Mankind. 3. ed. Vol. V, p. 67. Lawrence, Lectures on Physiology, p. 337. Die Chinesen haben von Natur ungewöhnlich kleine Füße;Diese Thatsache wurde auf der Reise der Novara festgestellt, s. Anthropologischer Theil, Dr. Weisbach, 1867, p. 265. und es ist wohlbekannt, daß die Frauen der oberen Classen ihre Füße verdrehen, um sie noch kleiner zu machen. Endlich glaubt Humboldt, daß die amerikanischen Indianer deshalb ihre Körper mit rother Farbe so gern anstreichen, um ihre natürliche Farbe zu übertreiben, und noch bis in die neueste Zeit erhöhen europäische Frauen ihre natürlichen hellen Farben durch rothe und weiße Schminke. Es dürfte aber doch zweifelhaft sein, ob barbarische Nationen irgend derartige Absichten hatten, als sie sich bemalten.

Bei den Moden unserer eigenen Kleidung sehen wir genau dasselbe Princip und denselben Wunsch, jeden Punkt bis zum Extrem zu führen; auch zeigt sich hier derselbe Geist des wetteifernden Ehrgeizes. Es sind aber die Moden der Wilden viel beständiger als unsere; und wo nur immer ihre Körper künstlich modificiert werden, ist dies nothwendigerweise der Fall. Die arabischen Frauen des oberen Nils brauchen ungefähr drei Tage dazu, ihr Haar zu ordnen. Sie ahmen niemals andern Stämmen nach, sondern wetteifern nur unter einander »in der höchsten Entwicklung ihres eigenen Styls«. Dr. Wilson spricht von den zusammengedrückten Schädeln verschiedener amerikanischer Rassen und fügt hinzu: »derartige Gebräuche gehören zu den am wenigsten zu beseitigenden und überleben um lange Zeit den Anprall der Revolutionen, welche Dynastien wechseln lassen und bedeutungsvollere Nationaleigenthümlichkeiten beseitigen«.Smithsonian Institution, 1863, p. 289. Über die Moden der arabischen Frauen s. Sir S. Baker, The Nile Tributaries. 1867, p. 121. Dasselbe Princip kommt auch bei der Kunst der Zuchtwahl mit in's Spiel; und wir können hiernach, wie ich an einer anderen Stelle erklärt habe,Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. 2. Aufl. Bd. I, p. 240; Bd. II, p. 274. die wunderbare Entwicklung der vielen Rassen von Thieren und Pflanzen verstehen, welche bloß zum Schmucke gehalten werden. Züchter wünschen immer einen jeden Charakter etwas vergrößert zu haben, sie bewundern keinen mittleren Maßstab; sicherlich wünschen sie keinen großen und plötzlichen Wechsel in dem Charakter ihrer Rassen; sie bewundern allein, was sie zu sehen gewöhnt sind; aber sie wünschen eifrigst, jeden charakteristischen Zug etwas mehr entwickelt zu haben.

Ohne Zweifel ist das sinnliche Wahrnehmungsvermögen des Menschen und der niederen Thiere so constituiert, daß glänzende Farben und gewisse Formen ebenso wie harmonische und rhythmische Laute Vergnügen gewähren und schön genannt werden; warum dies aber so sein muß, wissen wir nicht. Es ist gewiß nicht wahr, daß es im Geiste des Menschen irgend einen allgemeinen Maßstab der Schönheit in Bezug auf den menschlichen Körper giebt. Indessen ist es möglich, daß ein gewisser Geschmack im Laufe der Zeit vererbt worden ist, obschon keine Beweise zu Gunsten dieser Annahme vorhanden sind; und wenn dies der Fall ist, so würde jede Rasse ihren eigenen eingeborenen idealen Maßstab der Schönheit besitzen. Es ist behauptet worden,Schaaffhausen, Archiv für Anthropologie. 1866, p. 164. daß Häßlichkeit in einer Annäherung an die Bildung der niederen Thiere bestehe, und dies ist ohne Zweifel für civilisiertere Nationen wahr, bei welchen der Intellect hoch geschätzt wird; die Erklärung läßt sich aber kaum auf alle Formen von Häßlichkeit anwenden. Die Menschen einer jeden Rasse ziehen das vor, was sie zu sehen gewohnt sind, sie können keine Veränderung ertragen, aber sie lieben Abwechslung und bewundern es, wenn ein charakteristischer Punkt bis zu einem mäßigen Extrem geführt wird.Mr. Bain hat (Mental and Moral Science. 1868, p. 304-314) ungefähr ein Dutzend mehr oder weniger verschiedener Theorien der Idee der Schönheit gesammelt; aber keine stimmt völlig mit der hier gegebenen überein. Menschen, welche an ein nahezu ovales Gesicht, an einfache und regelmäßige Züge und helle Farben gewöhnt sind, bewundern, wie wir Europäer es wissen, diese Punkte, wenn sie stark entwickelt sind. Auf der andern Seite bewundern Menschen, welche an ein breites Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine abgeplattete Nase und eine schwarze Haut gewöhnt sind, diese Punkte, wenn sie stark ausgeprägt sind. Ohne Zweifel können Eigenschaften aller Art leicht zu stark entwickelt werden, um schön zu sein. Es wird daher eine vollkommene Schönheit, welche viele Merkmale in besonderer Art und Weise modificiert in sich faßt, in jeder Rasse ein Wunder sein. Wie der große Anatom Bichat vor längerer Zeit schon sagte: wenn ein Jeder nach derselben Form gegossen wäre, so würde es keine Schönheit geben. Wenn alle unsere Frauen so schön wie die Venus von Medici wären, so würden wir eine Zeitlang bezaubert sein; wir würden aber sehr bald Abwechslung wünschen; und sobald wir eine Abwechslung erlangt hätten, würden wir gewisse Eigenschaften bei unseren Frauen etwas über den nun existierenden gewöhnlichen Maßstab hinausragend zu sehen wünschen.

 


 

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