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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 6
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
modified20160412
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Rückschlag. – Viele der nun mitzutheilenden Fälle hätten schon unter der letzten Überschrift gegeben werden können. Sobald irgend eine Bildung in ihrer Entwicklung gehemmt ist, aber noch fortwächst, bis sie einer entsprechenden Bildung bei einem niedrigeren und erwachsenen Gliede derselben Gruppe genau ähnlich wird, können wir sie in gewissem Sinne als einen Fall von Rückschlag betrachten. Die niederen Glieder einer Gruppe geben uns eine Idee, wie der gemeinsame Urerzeuger der Gruppe wahrscheinlich gebildet war; und es ist kaum glaublich, daß ein auf einer früheren Stufe der embryonalen Entwicklung stehen gebliebener Theil im Stande sein sollte, in seinem Wachsthum so weit fortzuschreiten, daß er schließlich seine besondere Function verrichten kann, wenn er nicht diese Fähigkeit des Fortwachsens während eines früheren Zustandes seiner Existenz, wo der gegenwärtig ausnahmsweise oder gehemmte Bildungszustand normal war, erlangt hätte. Das einfache Gehirn eines mikrocephalen Idioten kann, insoweit es dem eines Affen gleicht, in diesem Sinne wohl als ein Fall von Rückschlag bezeichnet werden.In meinem »Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication«, 2. Aufl. Bd. II, S. 65 schrieb ich den nicht seltnen Fall von überzähligen Brustdrüsen bei Frauen dem Rückschlage zu. Ich war hierzu, als zu einem wahrscheinlichen Schlusse, dadurch geführt worden, daß die überzähligen Drüsen meist symmetrisch auf der Brust stehen, und besonders noch dadurch, daß in einem Falle, bei der Tochter einer Frau mit überzähligen Brustdrüsen eine einzelne fungierende Milchdrüse in der Weichengegend vorhanden war. Ich bemerke aber jetzt (s. z. B. Preyer, Der Kampf um's Dasein, 1869, p. 45), daß mammae erraticae auch an andern Stellen vorkommen, so am Rücken, in der Achselhöhle und am Schenkel; die Drüsen gaben im letztern Falle so viel Milch, daß das Kind damit ernährt wurde. Die Wahrscheinlichkeit, daß die überzähligen Milchdrüsen in Folge von Rückschlag erschienen, wird hierdurch bedeutend vermindert; nichtsdestoweniger erscheint mir dies noch immer wahrscheinlich, weil häufig zwei Paar symmetrisch auf der Brust gefunden werden; von mehreren Fällen dieser Art ist mir selbst Mittheilung geworden. Es ist bekannt, daß mehrere Lemure normal zwei Paar Milchdrüsen an der Brust haben. Es sind fünf Fälle vom Vorhandensein von mehr als einem Paare Brustdrüsen (natürlich rudimentären) beim männlichen Geschlecht (Mensch) mitgetheilt worden; s. Journal of Anat. and Physiology, 1872, p. 56, in Bezug auf einen von Dr. Handyside angeführten Fall von zwei Brüdern, welche diese Eigenthümlichkeit darboten; s. auch einen Aufsatz von Dr. Bartels in Reichert und Dubois-Reymond's Archiv, 1872, p. 304. In einem der von Dr. Bartels erwähnten Fälle besaß ein Mann fünf Milchdrüsen, eine davon in der Mittellinie oberhalb des Nabels; Meckel von Hemsbach glaubt, daß dies durch das Vorkommen einer medianen Mamma bei gewissen Fledermäusen illustriert wird. Im Ganzen dürfen wir wohl bezweifeln, ob sich in beiden Geschlechtern beim Menschen jemals überzählige Brustdrüsen überhaupt hätten entwickeln können, wenn nicht seine früheren Urerzeuger mit mehr als einem einzigen Paare versehen gewesen wären.
    In meinem oben angeführten Werke (Bd. II, p. 14) schrieb ich auch, wennschon mit großer Zögerung, die häufigen Fälle von Polydactylismus beim Menschen dem Rückschlage zu. Zum Theil wurde ich durch die Angabe Professor Owen's, daß einige Ichthyopterygier mehr als fünf Finger haben und daher, wie ich annahm, einen ursprünglichen Zustand beibehalten haben, zu dieser Erklärung veranlaßt; Professor Gegenbaur bestreitet indeß Owen's Folgerungen (Jenaische Zeitschrift Bd. V, Heft 3, p. 341). Es scheint aber andrerseits nach der vor Kurzem von Dr. Günther über die Flosse des Ceratodus vorgetragenen Ansicht (welche Flosse zu beiden Seiten einer centralen Reihe von Knochenstücken mit gegliederten knöchernen Strahlen versehen ist) nicht besonders schwierig, anzunehmen, daß sechs oder mehr Finger an der einen Seite, oder die doppelte Zahl an beiden Seiten, durch Rückschlag wiedererscheinen können. Dr. Zouteveen hat mir mitgetheilt, daß ein Fall bekannt ist, wo ein Mann vierundzwanzig Finger und vierundzwanzig Zehen hatte! Zu der Folgerung, daß das Vorhandensein überzähliger Finger eine Folge des Rückschlages sei, wurde ich vorzüglich durch die Thatsache geführt, daß derartige Finger nicht bloß streng vererbt werden, sondern auch, wie ich damals glaubte, das Vermögen haben, wie die normalen Finger niederer Wirbelthiere, nach Amputationen wieder zu wachsen. Ich habe aber in der zweiten Auflage meines Werkes »Das Variiren im Zustande der Domestication« erklärt, warum ich den berichteten Fällen eines derartigen Wiederwachsens nur wenig Vertrauen schenke. Nichtsdestoweniger verdient es, insofern Entwicklungshemmung und Rückschlag eng verwandte Vorgänge sind, Beachtung, daß das Vorhandensein verschiedener Bildungen in einem embryonalen oder gehemmten Zustande, wie ein gespaltener Gaumen, ein zweihörniger Uterus u. s. w., häufig mit Polydactylismus verbunden ist. Meckel und I. Geoffroy St. Hilaire haben dies stets betont. Für jetzt ist es aber am sichersten, die Idee ganz und gar aufzugeben, daß zwischen der Entwicklung überzähliger Finger und dem Rückschlage auf irgend einen niedrig organisierten Vorfahren des Menschen irgend eine Beziehung bestehe.
Es giebt aber andere Fälle, welche noch strenger in das vorliegende Capitel des Rückschlags gehören. Gewisse Bildungen, welche regelmäßig bei den niederen Thieren der Gruppe, zu welcher der Mensch gehört, vorkommen, treten gelegentlich auch bei ihm auf, wenn sie sich auch nicht an dem normalen menschlichen Embryo vorfinden, oder sie entwickeln sich, wenn sie normal am menschlichen Embryo vorhanden sind, in einer abnormen Weise, obschon diese Entwicklungsweise für die niedrigeren Glieder derselben Gruppe normal ist. Diese Bemerkungen werden durch die folgenden Erläuterungen noch deutlicher werden.

Bei verschiedenen Säugethieren geht der Uterus allmählich aus der Form eines doppelten Organs mit zwei getrennten Öffnungen und zwei Canälen, wie bei den Beutelthieren, in die Form eines einzigen Organes über, welches mit Ausnahme einer kleinen inneren Falte kein weiteres Zeichen der Verdoppelung zeigt; so bei den höheren Affen und dem Menschen. Die Nagethiere bieten eine vollständige Reihe von Abstufungen zwischen diesen beiden äußersten Formenzuständen dar. Bei allen Säugethieren entwickelt sich der Uterus aus zwei primitiven Tuben, deren untere Theile die Hörner bilden, und mit den Worten des Dr. Farre: »der Körper des Uterus bildet sich beim Menschen durch die Verwachsung der beiden Hörner an ihren unteren Enden, während bei denjenigen Thieren, bei welchen kein mittlerer Theil oder Körper existiert, die Hörner unvereint bleiben. In dem Maße, als die Entwicklung des Uterus fortschreitet, werden die beiden Hörner allmählich kürzer, bis sie zuletzt verloren oder gleichsam in den Körper des Uterus absorbiert werden.« Die Winkel des Uterus sind noch immer, selbst so hoch in der Stufenreihe wie bei den niederen Affen und ihren Verwandten, den Lemuren, in Hörner ausgezogen.

Nun finden sich nicht selten bei Frauen anormale Fälle vor, wo der reife Uterus mit Hörnern versehen oder theilweise in zwei Organe gespalten ist; und derartige Fälle wiederholen nach Owen die Entwicklungsstufe »der allmählichen Concentration«, welche gewisse Nagethiere erreichen. Wir haben vermuthlich hier ein Beispiel einer einfachen Hemmung der embryonalen Entwicklung vor uns mit nachfolgendem Wachsthum und völliger functioneller Entwicklung; denn beide Seiten des theilweise doppelten Uterus sind fähig, die ihm eigenen Leistungen während der Trächtigkeit zu vollziehen. In noch andern und selteneren Fällen sind zwei getrennte Uterinhöhlen gebildet, von denen jede ihre eigene Öffnung und ihren Canal besitzt.s. Dr. A. Farre's bekannten Artikel in der Cyclopaedia of Anatomy and Phys. Vol. V. 1859, p. 642. Owen. Anatomy of Vertebrates. Vol. III. 1868, p. 687. Prof. Turner, in: Edinburgh Medical Journal, Febr. 1865. Während der gewöhnlichen Entwicklung des Embryo wird kein derartiger Zustand durchlaufen und es ist schwer, wenn auch vielleicht nicht unmöglich, anzunehmen, daß die beiden einfachen kleinen primitiven Tuben (wenn der Ausdruck gestattet ist) wissen sollten, wie sie in zwei getrennte Uteri auszuwachsen haben, – jeder mit einer wohlgebildeten Öffnung und einem Canal und jeder mit zahlreichen Muskeln, Nerven, Drüsen und Gefäßen versehen, – wenn sie nicht früher einmal einen ähnlichen Verlauf der Entwicklung, wie bei den noch jetzt lebenden Beutelthieren, durchschritten hätten. Niemand wird behaupten mögen, daß eine so vollkommene Bildung wie der abnorme doppelte Uterus bei Frauen das Resultat bloßen Zufalls sein könne. Aber das Princip des Rückschlags, durch welches lange verloren gewesene Bildungen von Neuem in's Leben gerufen werden, mag als Führer für die volle Entwicklung des Organs dienen, selbst nach dem Verlauf einer enorm langen Zeit.

Professor Canestrini kommt nach Erörterung der vorstehenden und noch anderer analoger Fälle zu demselben Schluß; wie der eben mitgetheilte. Er führt als ferneres Beispiel noch das Wangenbein an,Annuario della Soc. dei Naturalisti di Modena. 1867, p. 83. Prof. Canestrini giebt Auszüge aus verschiedenen Autoren über diesen Gegenstand. Laurillard bemerkt, daß er in der Form, den Proportionen und der Verbindung der beiden Wangenbeine bei mehreren menschlichen Körpern und gewissen Affen eine vollständige Ähnlichkeit gefunden habe und daß er diese Anordnung der Theile nicht als einen bloßen Zufall zu betrachten vermöge. Einen andern Aufsatz über dieselbe Anomalie hat Dr. Saviotti in der »Gazetta delle Cliniche«, Turin, 1871, veröffentlicht, wo er angiebt, daß sich Spuren der Theilung in ungefähr 2 % erwachsener Schädel nachweisen lassen; er bemerkt auch; daß sie häufiger in prognathen, nicht-arischen Schädeln vorkomme als in anderen, s. auch G. Delorenzi über denselben Gegenstand: »Tre nuovi casi d'anomalia dell' osso malare«, Torino, 1872. Auch E. Morselli, Sopra una rara anomalia dell' osso malare. Modena, 1872. Noch neuerlicher hat Gruber eine Brochure über die Theilung dieses Knochens geschrieben. Ich führe diese Citate hier an, weil ein Kritiker ohne Grund und ohne Bedenken meine Angaben bezweifelt hat. welches bei einigen Quadrumanen und andern Säugethieren normal aus zwei Theilen besteht. Dies ist sein Zustand im zweimonatlichen menschlichen Foetus; und so bleibt es zuweilen in Folge von Entwicklungshemmung beim erwachsenen Menschen und besonders bei den niederen prognathen Rassen. Hieraus schliesst Canestrini, daß bei irgend einem früheren Urerzeuger des Menschen dieser Knochen normal in zwei Theile getheilt gewesen sein muß, welche später mit einander verschmolzen sind. Beim Menschen besteht das Stirnbein aus einem einzigen Stück, aber im Embryo und bei Kindern und bei fast allen niederen Säugethieren besteht es aus zwei durch eine deutliche Naht getrennten Stücken. Diese Naht bleibt gelegentlich mehr oder weniger deutlich beim Menschen noch nach der Reifeperiode bestehen und findet sich häufiger bei Schädeln aus dem Alterthum als bei solchen aus der Neuzeit, und besonders, wie Canestrini beobachtet hat, bei den aus der Driftformation ausgegrabenen und zum brachycephalen Typus gehörigen Schädeln. Auch hier gelangt er wieder zu demselben Schluß, wie bei dem analogen Falle von Wangenbein. Bei diesen und andern sofort zu gebenden Beispielen scheint die Ursache der Thatsache, daß ältere Rassen in gewissen Merkmalen sich häufiger niederen Thieren annähern, als es neuere Rassen thun, die zu sein, daß die letzteren durch einen etwas größeren Abstand in der langen Descendenzreihe von ihren früheren halbmenschlichen Vorfahren getrennt sind.

Verschiedene andere Anomalien beim Menschen, welche den vorstehenden mehr oder weniger analog sind, sind von verschiedenen Schriftstellern als Fälle von Rückschlag aufgeführt worden; doch scheinen dieselben ziemlich zweifelhaft zu sein; denn wir müssen außerordentlich tief in der Säugethierreihe hinabsteigen, ehe wir derartige Verhältnisse normal vorhanden finden.Eine ganze Reihe von Fällen hat Isid. Geoffroy St. Hilaire mitgetheilt (Hist. des Anomalies, Tom. III, p. 437). Ein Kritiker (Journal of Anatomy and Physiology, 1871. p. 366) tadelt mich deshalb sehr, weil ich die zahlreichen in der Litteratur mitgetheilten Fälle von in ihrer Entwicklung gehemmten Organen nicht erörtert habe. Er sagt, daß meiner Theorie zufolge »jeder während der Entwicklung eines Organs durchlaufene Zustand nicht bloß Mittel zu einem Zwecke sei, sondern früher einmal selbst ein Zweck gewesen sei.« Dies scheint mir nicht nothwendig richtig zu sein. Warum sollen nicht während einer früheren Entwicklungsperiode Abänderungen auftreten können, welche zu Rückschlag in keiner Beziehung stehen? Und doch können solche Abänderungen erhalten und gehäuft werden, wenn sie von irgend welchem Nutzen sind, z. B. wenn sie den Entwicklungsverlauf abkürzen und vereinfachen. Warum sollen nicht ferner nachtheilige Abnormitäten, wie atrophierte oder hypertrophierte Theile, welche in keinem Bezug zu einem früheren Existenzzustande stehen, ebenso gut in einer früheren Entwicklungsperiode wie während der Reife auftreten können?

Beim Menschen sind die Eckzähne vollständig fungierende Kauwerkzeuge; aber ihr eigentlicher Charakter als Eckzähne wird, wie Owen bemerkt,Anatomy of Vertebrates. Vol. III. 1868, p. 323. »durch die conische Form ihrer Krone angedeutet, welche in einer stumpfen Spitze endet, nach außen convex, nach innen eben oder subconcav ist und an der Basis der inneren Fläche einen schwachen Vorsprung zeigt. Die conische Form ist am besten bei den melanesischen Rassen, besonders bei den Australiern ausgedrückt. Der Eckzahn ist tiefer und mit einer stärkeren Wurzel als die Schneidezähne eingepflanzt«. Und doch dient dieser Eckzahn beim Menschen nicht mehr als eine specielle Waffe zum Zerreißen seiner Feinde oder seiner Beute; er kann daher, soweit es seine eigentliche Function betrifft, als rudimentär betrachtet werden. In jeder größeren Sammlung menschlicher Schädel können einige gefunden werden, wie HaeckelGenerelle Morphologie. 1866, Bd. II, p. CLV. bemerkt, bei denen der Eckzahn beträchtlich, in derselben Weise wie bei den anthropomorphen Affen, aber in einem geringeren Grade, über die andern Zähne vorspringt. In diesen Fällen bleiben zwischen den Zähnen der einen Kinnlade offene Stellen zur Aufnahme der Eckzähne des entgegengesetzten Kiefers. Ein Zwischenraum dieser Art an einem Kaffernschädel, den Wagner abbildete, ist überraschend groß.C. Vogt, Vorlesungen über den Menschen. 1863. Bd. I, p. 189, 190. Bedenkt man, wie wenig alte Schädel im Vergleich mit neueren untersucht worden sind, so ist es eine interessante Thatsache, daß in mindestens drei Fällen die Eckzähne bedeutend vorspringen, und in dem Kiefer von Naulette sind sie, wie man sagt, enorm.C. Carter Blake, On a jaw from La Naulette. Anthropolog. Review, 1867, p. 295. Schaaffhausen, ibid. 1868, p. 426.

Nur die Männchen der anthropomorphen Affen haben völlig entwickelte Eckzähne; aber beim weiblichen Gorilla und in einem geringeren Grade beim weiblichen Orang springen diese Zähne beträchtlich über die andern vor; die Thatsache also, daß, wie man mir versichert hat, Frauen zuweilen beträchtlich vorspringende Eckzähne besitzen, bietet keinen ernstlichen Einwand gegen die Annahme dar, daß ihre gelegentlich bedeutende Entwicklung beim Menschen ein Fall von Rückschlag auf die Form des affenähnlichen Urerzeugers sei. Wer die Ansicht verlacht, daß die Form seiner eigenen Eckzähne und deren gelegentliche bedeutende Entwicklung bei andern Menschen Folge des Umstands ist, daß unsere frühen Urerzeuger mit diesen furchtbaren Waffen versehen gewesen sind, wird doch wahrscheinlich im Acte des Verhöhnens seine Abstammung offenbaren. Denn obschon er nicht mehr diese Zähne als Waffen zu gebraucht geneigt ist und nicht einmal die Kraft dazu hat, so wird er doch unbewußter Weise seine Fletschmuskeln (wie sie Sir C. BellThe Anatomy of Expression. 1844, p. 110, 131. nennt) zusammenziehen und dadurch jene Zähne ebenso zur Action bereit exponieren wie ein Hund, der zum Kampfe gerüstet ist.

Gelegentlich entwickeln sich viele Muskeln beim Menschen, welche andern Vierhändern oder andern Säugethieren eigen sind. Professor VlacovichCitiert von Prof. Canestrini in dem Annuario etc. 1867. p. 90. untersuchte vierzig männliche Leichen und fand bei neunzehn unter ihnen einen Muskel, den er den ischiopubicus nennt; bei drei andern war ein Band vorhanden, welches diesen Muskel ersetzte, und bei den übrigen achtzehn fand sich keine Spur davon. Unter dreißig weiblichen Leichen war dieser Muskel auf beiden Seiten nur bei zweien entwickelt, aber bei drei andern fand sich das rudimentäre Band. Es scheint daher dieser Muskel beim männlichen Geschlecht viel häufiger zu sein als beim weiblichen, und aus dem Princip, nach welchem der Mensch von einer niederen Form abstammt, läßt sich diese Thatsache wohl verstehen. Denn bei mehreren niederen Thieren ist der Muskel nachgewiesen worden und dient bei allen diesen ausschließlich nur den Männchen beim Reproductionsgeschäft.

Mr. J. Wood hat in einer Reihe werthvoller AufsätzeDiese Aufsätze verdienen sämmtlich von allen denen sorgfältig studiert zu werden, welche kennen zu lernen wünschen, wie häufig unsere Muskeln variieren und wie sie bei diesen Abweichungen denen der Quadrumanen ähnlich werden. Die folgenden Citate beziehen sich auf die wenigen oben im Texte mitgetheilten Punkte: Proceed. Royal Soc. Vol. XIV. 1865, p. 379–384. Vol. XV. 1866, p. 241, 242. Vol. XV. 1867, p. 544. Vol. XVI. 1868, p. 524. Ich will hier noch hinzufügen, daß Murie und St. George Mivart in ihrer Arbeit über die Lemuriden gezeigt haben, wie außerordentlich variabel einige Muskeln bei diesen Thieren, den niedersten Formen der Primaten, sind (Transact. Zoolog. Soc. Vol. VII. 1869, p. 96). Auch gradweise Abänderungen an den Muskeln, welche zu Bildungseigenthümlichkeiten führen, die noch niedriger stehenden Thieren eigen sind, finden sich zahlreich bei den Lemuriden. eine ungeheure Anzahl von Muskelvarietäten beim Menschen ausführlich beschrieben, welche normalen Bildungen bei niederen Thieren gleichen. Betrachtet man nur die Muskeln, welche denen gleichen, die bei unsern nächsten Verwandten, den Vierhändern, regelmäßig vorhanden sind, so sind diese schon zu zahlreich, um hier auch nur angeführt zu werden. Bei einem einzigen männlichen Leichnam, welcher eine kräftige körperliche Entwicklung und einen wohlgebildeten Schädel besaß, wurden nicht weniger als sieben Muskelabweichungen beobachtet, welche sämmtlich deutlich Muskeln repräsentieren, welche verschiedenen Arten von Affen eigen sind. So hatte dieser Mensch z. B. auf beiden Seiten des Halses einen echten und kräftigen Levator claviculae, so wie er sich bei allen Arten von Affen findet und von welchem man sagt, daß er bei ungefähr einer unter sechzig menschlichen Leichen vorkommt.Prof. Macalister, in: Proceed. Roy. Irish Academy. Vol. X. 1868, p. 124. Ferner hatte dieser Mensch »einen speciellen Abductor des Metatarsalknochens der fünften Zehe, einen solchen wie er nach den Demonstrationen von Professor Huxley und Mr. Flower gleichförmig bei den höheren und niederen Affen existiert«. Ich will nur noch zwei weitere Fälle anführen. Der Acromio-basilaris findet sich bei allen, in der Thierreihe unter dem Menschen stehenden Säugethieren und scheint zu dem Gang auf allen Vieren in Beziehung zu stehen;Champneys, in: Journal of Anatomy and Physiology. Nov. 1871, p. 178. beim Menschen erscheint er an einer von ungefähr sechzig Leichen. Von den Muskeln der unteren Gliedmaßen fand Mr. BradleyJournal of Anatomy and Physiology. May, 1872, p. 421. einen Abductor ossis metatarsi quinti an beiden Füßen beim Menschen; bis dahin war kein Fall von seinem Vorkommen beim Menschen berichtet worden; er findet sich aber stets bei den anthropomorphen Affen. Die Hände und Arme des Menschen sind außerordentlich charakteristische Bildungen, doch sind ihre Muskeln äußerst geneigt zu variieren, so daß sie dann den entsprechenden Muskeln bei niederen Thieren gleichen.Macalister (ebend. p. 121) hat seine Beobachtungen in Tabellen gebracht und findet, daß Muskelvarietäten am allerhäufigsten am Vorderarm sind, dann kommt das Gesicht, dann der Fuß u. s. w. Derartige Ähnlichkeiten sind entweder vollständig und vollkommen oder unvollkommen, im letzteren Fall aber offenbar von einer Übergangsbeschaffenheit. Gewisse Abweichungen sind häufiger beim Mann, andere häufiger bei der Frau, ohne daß wir im Stande wären, irgend einen Grund hierfür anzuführen. Nach der Beschreibung zahlreicher Abänderungen macht Mr. Wood die folgende bezeichnende Bemerkung: »bemerkenswerthe Abweichungen von dem gewöhnlichen Typus der Muskelbildungen bewegen sich in bestimmten Richtungen, welche für Andeutungen irgend eines unbekannten Factors gehalten werden müssen, der für eine umfassende Kenntnis der allgemeinen und wissenschaftlichen Anatomie von hoher Bedeutung ist«.Dr. Haugthon theilt einen merkwürdigen Fall von Abweichung am menschlichen Flexor pollicis longus mit (Proceed. Roy. Irish Academy, June 27., 1864, und fügt hinzu: »Dieses merkwürdige Beispiel zeigt, daß der Mensch zuweilen diejenige Anordnung der Sehnen des Daumens und der übrigen Finger besitzen kann, welche für den Macacus charakteristisch ist; ob man aber einen solchen Fall so beurtheilen solle, daß hier ein Macacus aufwärts in die menschliche Form, oder daß ein Mensch abwärts in die Macacus-Form übergehe, oder ob man darin ein angeborenes Naturspiel sehen darf, vermag ich nicht zu entscheiden«. Es gewährt wohl Genugthuung, von einem so tüchtigen Anatomen und einem so erbitterten Gegner des Evolutionismus auch nur die Möglichkeit erwähnen zu hören, daß einer der beiden ersten Annahmen zugestimmt werde. Auch Prof. Macalister hat (Proceed. Roy. Irish Academy, Vol. X. 1864, p. 138) Abweichungen am Flexor pollicis longus beschrieben, welche wegen ihrer Beziehungen zu den Muskeln der Quadrumanen merkwürdig sind.

Daß dieser unbekannte Factor Rückschlag auf einen früheren Zustand der Existenz ist, kann als im höchsten Grade wahrscheinlich angenommen werden.Seit der ersten Auflage dieses Buchs hat Mr. Wood in den Philos. Transact. 1870, p. 83 eine andere Abhandlung erscheinen lassen über die Muskelvarietäten am Halse, an der Schulter und der Brust des Menschen. Er weist hier nach, wie äußerst variabel diese Muskeln sind und wie oft und wie bedeutend die Abweichungen den normalen Muskeln der niedern Thiere ähneln. Er faßt es in der folgenden Weise zusammen: »Es wird für meinen Zweck genügen, wenn es mir gelungen ist, die wichtigsten Formen nachzuweisen, welche, sobald sie am menschlichen Körper als Varietäten auftreten, in einer hinreichend charakteristischen Weise das darbieten, was man in diesem Zweige der wissenschaftlichen Anatomie als Beweise und Beispiele für das Darwinsche Princip des Rückschlags oder das Gesetz der Vererbung betrachten kann.« Es ist völlig unglaublich, daß ein Mensch nur in Folge eines bloßen Zufalls abnormer Weise in nicht weniger als sieben seiner Muskeln gewissen Affen gleichen sollte, wenn nicht ein genetischer Zusammenhang zwischen ihnen bestände. Stammt auf der andern Seite der Mensch von irgend einer affenähnlichen Form ab, so läßt sich kein triftiger Grund beibringen, warum gewisse Muskeln nach einem Verlauf von vielen tausend Generationen nicht plötzlich in derselben Weise wiedererscheinen sollten, wie bei Pferden, Eseln und Maulthieren dunkelfarbige Streifen auf den Beinen und Schultern nach einem Verlauf von Hunderten oder wahrscheinlich Tausenden von Generationen plötzlich wieder erscheinen.

Diese verschiedenen Fälle von Rückschlag sind denen von rudimentären Organen, wie sie im ersten Capitel mitgetheilt wurden, so nahe verwandt, daß viele von ihnen mit gleichem Recht in jedem der beiden Capitel hätten untergebracht werden können. So kann man sagen, daß ein menschlicher Uterus, welcher Hörner besitzt, in einem rudimentären Zustande das Organ repräsentiert, wie es gewisse Säugethiere im normalen Zustande besitzen. Manche Theile, welche beim Menschen rudimentär sind, wie das Schwanzbein bei beiden Geschlechtern und die Brustdrüsen beim männlichen Geschlecht, sind immer vorhanden, während andere, wie das supracondyloide Loch, nur gelegentlich erscheinen und daher in die Kategorie der Rückschlagsfälle hätten aufgenommen werden können. Diese verschiedenen auf Rückschlag ebenso wie auf Verkümmerung im strengen Sinne zu beziehenden Bildungen decken die Abstammung des Menschen von irgend einer niederen Form in einer nicht mißzuverstehenden Weise auf.

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