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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 59
Quellenangabe
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
modified20160412
projectidb2a2001d
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Über die Wahl beim Paaren, wie sie sich bei beiden Geschlechtern der Säugethiere zeigt. – Ehe ich im nächsten Capitel die Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern in der Stimme, in dem Geruche, den sie von sich geben, und der Verzierung beschreibe, wird es zweckmäßig sein, hier noch zu betrachten, ob die Geschlechter bei ihren Verbindungen irgend eine Wahl ausüben. Zieht das Weibchen irgend ein besonderes Männchen, ehe oder nachdem die Männchen mit einander um die Oberherrschaft gekämpft haben, vor, oder wählt sich das Männchen, wenn es nicht polygam lebt, irgend ein besonderes Weibchen aus? Der allgemeine Eindruck unter den Züchtern scheint der zu sein, daß das Männchen jedes Weibchen annimmt, und dies ist wegen der Begierde des Männchens in den meisten Fällen wahrscheinlich richtig. Ob dagegen der allgemeinen Regel nach das Weibchen ganz indifferent jedes Männchen annimmt, ist viel zweifelhafter. Im vierzehnten Capitel, über die Vögel, wurde eine ziemliche Menge directer und indirecter Belege dafür beigebracht, zu zeigen, daß das Weibchen sich seinen Genossen wählt; und es würde eine befremdende Anomalie sein, wenn weibliche Säugethiere, welche in der Stufenreihe der Organisation noch höher stehen und höhere geistige Kräfte haben, nicht allgemein, oder mindestens häufig, eine gewisse Wahl ausüben sollten. Das Weibchen kann in den meisten Fällen entfliehen, wenn es von einem Männchen umworben wird, welches ihm nicht gefällt oder welches dasselbe nicht reizt; und wenn es, wie es so beständig vorkommt, von mehreren Männchen verfolgt wird, so wird es häufig die Gelegenheit haben, während jene mit einander kämpfen, mit irgend einem Männchen sich zu entfernen oder sich mindestens zeitweise zu paaren. Dieser letztere Umstand ist in Schottland häufig bei weiblichen Hirschen beobachtet worden, wie mir Sir Phillipp Egerton und Andere mitgetheilt haben.Mr. Boner sagt in seiner ausgezeichneten Beschreibung der Lebensweise des Edelhirsches in Deutschland (Forest Creatures, 1861, p. 81): »während der Hirsch seine Rechte gegen den einen Eindringling vertheidigt, bricht ein anderer in das Heiligthum seines Harems ein und führt Trophäe nach Trophäe fort«. Genau dasselbe kommt bei Robben vor, s. Mr. J. A. Allen, Bullet. Museum Compar. Zoology of Cambridge, Mass., United States. Vol. II. No. 1, p. 100.

Es ist kaum möglich, viel darüber zu wissen, ob weibliche Säugethiere im Naturzustande irgend welche Wahl bei ihren ehelichen Verbindungen ausüben. Die folgenden sehr merkwürdigen Einzelheiten über die Werbungen einer der Ohrenrobben, Callorhinus ursinus, werden hier nach der Autorität des Capt. Bryant mitgetheilt,Mr. J. A. Allen in: Bullet. Museum Compar. Zoology of Cambridge, Mass. Vol. II. No. 1, p. 99. welcher reichliche Gelegenheit zur Beobachtung hatte. Er sagt: »viele von den Weibchen scheinen bei ihrer Ankunft auf der Insel, wo sie sich paaren, den Wunsch zu haben, zu irgend einem besonderen Männchen zurückzukehren; sie klimmen häufig auf vorliegende Felsen, um die ganze Versammlung zu übersehen, rufen laut und horchen, ob sie nicht eine ihnen bekannte Stimme hören. Dann wechseln sie den Platz und wiederholen dasselbe . . . . . . Sobald ein Weibchen das Ufer erreicht, begiebt sich das nächste Männchen hinab zu ihm und stößt während der Zeit einen Laut aus, wie das Glucken einer Henne zu ihrem Küchlein. Es macht ihm Diener und neckt es, bis es zwischen dasselbe und das Wasser gelangt, so daß es nicht mehr entfliehen kann. Dann ändert sich sein Benehmen und mit einem barschen Brummen treibt es dasselbe nach einer Stelle in seinem Harem hin. Dies wird fortgesetzt, bis die untere Reihe des Harems nahezu voll ist. Dann suchen die höher hinauf befindlichen Männchen die Zeit aus, wenn ihre glücklicheren Nachbarn sich von der Wache entfernt haben, um sich ihre Weiber zu stehlen. Dies thun sie so, daß sie dieselben in ihre Mäuler nehmen, über die Köpfe der anderen Weibchen hinwegheben und sorgfältig in ihrem eigenen Harem niederlegen, ebenso wie Katzen ihre Kätzchen tragen. Die Männchen noch weiter hinauf befolgen dieselbe Methode, bis der ganze Raum eingenommen ist. Häufig erfolgt ein Kampf zwischen zwei Männchen um den Besitz eines und des nämlichen Weibchens und beide ergreifen dasselbe zusammen und zerren es entzwei oder verletzen es mit ihren Zähnen schauerlich. Ist der Raum ganz erfüllt, dann geht das alte Männchen wohlgefällig umher, überblickt seine Familie, schilt diejenigen aus, welche die anderen drängen oder stören und treibt wüthend alle Eindringlinge fort. Dieses Überwachen hält es beständig in lebhafter Thätigkeit«.

Da so wenig über die Werbungen der Thiere im Naturzustande bekannt ist, habe ich zu ermitteln versucht, in wieweit unsere domesticierten Säugethiere eine Wahl bei ihrer Verbindung treffen. Hunde bieten die beste Gelegenheit zur Beobachtung dar, da sie sorgfältig beobachtet und gut verstanden werden. Viele Züchter haben ihre Meinung über diesen Punkt sehr entschieden ausgedrückt. So bemerkt Mr. Mayhew: »die Weibchen sind im Stande, durch Zeichen ihre Zuneigung kund zu geben, und zarte Aufmerksamkeit haben eben so viel Gewalt über sie, wie man es in anderen Fällen erfahren hat, wo noch höhere Thiere in Betracht kommen. Hündinnen sind nicht immer klug in ihren Liebschaften, sondern sind geneigt, sich an Köter sehr niedrigen Grades wegzuwerfen. Werden sie mit einem Gefährten gemeinen Ansehens aufgezogen, dann entsteht häufig zwischen dem Paare eine Hingebung, welche keine Zeit später wieder beseitigen kann. Die Leidenschaft, denn das ist es wirklich, erhält eine mehr als romantische Dauerhaftigkeit«. Mr. Mayhew, welcher seine Aufmerksamkeit hauptsächlich den kleineren Rassen zuwendete, ist überzeugt, daß die Weibchen von Männchen bedeutender Größe sehr stark angezogen werden.Dogs: their Management, by E. Mayhew, M. R. C. V. S., 2. edit. 1864, p. 187-192. Der bekannte Veterinärarzt Blaine führt an,citiert von Alex. Walker, On Intermarriage, 1838, p. 276. s. auch p. 244. daß sein eigener weiblicher Mops einem Jagdhund so attachiert wurde, und ein weiblicher Jagdhund einem Köter, daß sie in beiden Fällen nicht mit einem Hunde ihrer eigenen Rasse sich paaren wollten, bis mehrere Wochen verstrichen waren. Mir sind zwei ähnliche und zuverlässige Berichte in Bezug auf einen weiblichen Wasserhund und einen Jagdhund gegeben worden, welche beide in Pinscher verliebt wurden.

Mr. Cupples theilt mir mit, daß er persönlich für die Genauigkeit des folgenden noch merkwürdigeren Falles haften kann, in welchem ein werthvoller und wunderbar intelligenter Pinscher einen Wasserhund liebte, welcher einem Nachbar gehörte, und zwar in einem solchen Grade, daß er oft von ihm weggezogen werden mußte. Nachdem sie dauernd getrennt waren, wollte der Pinscher, obwohl sich wiederholt Milch in seinen Zitzen zeigte, doch nie die Werbung irgend eines anderen Hundes annehmen und trug zum Bedauern seines Besitzers niemals Junge. Mr. Cupples führt auch an, daß ein weiblicher Hirschhund, der sich jetzt (1868) unter seiner Meute findet, dreimal Junge producierte, und bei jeder Gelegenheit zeigte er eine ausgesprochene Vorliebe für einen der größten und schönsten, aber nicht den gierigsten unter vier Hirschhunden, welche, sämmtlich in der Blüthe des Lebens, mit ihm lebten. Mr. Cupples hat beobachtet, daß das Weibchen allgemein einen Hund begünstigt, mit dem es in Gesellschaft gelebt hat und welchen es kennt; seine Scheuheit und Furchtsamkeit läßt es anfangs gegen fremde Hunde eingenommen sein. Das Männchen scheint im Gegentheile eher fremden Weibchen geneigt zu sein. Es scheint selten zu sein, daß das Männchen irgend ein besonderes Weibchen zurückweist; doch theilt mir Mr. Wright von Yeldersleyhouse, ein großer Hundezüchter, mit, daß er einige Beispiele hiervon kennen gelernt hat; er führt den Fall eines seiner eigenen Hirschhunde an, welcher von einer besonderen weiblichen Dogge keine Notiz nehmen wollte, so daß ein anderer Hirschhund herzugeholt werden mußte. Es würde überflüssig sein, wie ich es wohl könnte, noch andere Fälle anzuführen, und ich will nur hinzufügen, daß Mr. Barr, welcher viele Bluthunde gezüchtet hat, angiebt, daß in beinahe jedem einzelnen Falle besondere Individuen der beiden Geschlechter eine ausgesprochene Vorliebe für einander zeigten. Nachdem endlich Mr. Cupples noch ein weiteres Jahr diesem Gegenstande seine Aufmerksamkeit zugewendet hat, hat er an mich geschrieben: »Ich habe die volle Bestätigung meiner früheren Angaben erhalten, daß Hunde beim Paaren entschiedene Vorliebe für einander entwickeln, wobei sie häufig durch Größe, helle Farbe und individuelle Charaktere ebenso wie durch den Grad ihrer früheren Vertraulichkeit beeinflußt werden.«

In Bezug auf Pferde theilt mir Mr. Blenkiron, der größte Züchter von Rennpferden in der ganzen Welt, mit, daß Hengste in ihrer Wahl so häufig launisch sind, dabei die eine Stute zurückweisen und ohne nachweisbare Ursache eine andere annehmen, daß beständig die verschiedensten Kunstgriffe angewendet werden müssen. So wollte z. B. der berühmte Monarque niemals mit Bewußtsein die Stute Gladiateur eines Blickes würdigen, und es mußte ihm ein Streich gespielt werden. Wir können zum Theil den Grund sehen, warum werthvolle Rennpferdhengste, welche in solcher Nachfrage stehen, in ihrer Wahl so eigen sind. Mr. Blenkiron hat niemals einen Fall erlebt, wo eine Stute einen Hengst zurückgewiesen hätte; doch ist dies in Mr. Wright's Stalle vorgekommen, so daß die Stute hier betrogen werden mußte. Prosper Lucas citiertTraité de l'Héréd. Natur. Tom. II. 1850, p. 296. verschiedene Angaben von französischen Autoritäten und bemerkt: »On voit des étalons, qui s'éprennent d'une jument et négligent toutes les autres«. Nach der Autorität von Baëlen führt er ähnliche Thatsachen in Bezug auf Bullen an; Mr. Reeks versichert mir, daß ein berühmter, seinem Vater gehörender Shorthorn-Bulle »sich beständig weigerte, sich mit einer schwarzen Kuh zu paaren«. Bei der Beschreibung des domesticierten Renthiers von Lappland sagt Hoffberg: »Feminae majores et fortiores mares prae ceteris admittunt, ad eos confugiunt, a junioribus agitatae, qui hos in fugam conjiciunt«.Amoenitates academicae. Vol. IV. 1788, p. 160. Ein Geistlicher, welcher viele Schweine gezüchtet hat, versichert mir, daß Sauen häufig den einen Eber zurückweisen und unmittelbar darauf einen andern annehmen.

Nach diesen Thatsachen kann kein Zweifel sein, daß bei den meisten unserer domesticierten Säugethiere starke individuelle Antipathien und Vorlieben häufig gezeigt werden, und zwar sehr viel häufiger vom Weibchen als vom Männchen. Da dies der Fall ist, so ist es unwahrscheinlich, daß die Verbindungen von Säugethieren im Naturzustande dem bloßen Zufalle überlassen sein sollten. Es ist viel wahrscheinlicher, daß die Weibchen von besonderen Männchen, welche gewisse Charaktere in einem höheren Grade besitzen als andere Männchen, angelockt oder gereizt werden; was dies aber für Charaktere sind, können wir selten oder niemals mit Sicherheit nachweisen.

 


 

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