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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 57
Quellenangabe
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
modified20160412
projectidb2a2001d
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Zusammenfassung der vier Capitel über Vögel. – Die meisten männlichen Vögel sind während der Paarungszeit in hohem Grade kampfsüchtig und einige besitzen speciell zum Kampfe mit ihren Nebenbuhlern angepaßte Waffen. Aber die kampfsüchtigen und die bestbewaffneten Männchen hängen in Bezug auf den Erfolg selten oder niemals allein von dem Vermögen, ihre Nebenbuhler zu vertreiben oder zu tödten, ab, sondern haben außerdem noch specielle Mittel zur Bezauberung des Weibchens. Bei einigen ist es die Fähigkeit zu singen oder fremdartige Rufe auszustoßen oder Instrumentalmusik hervorzubringen; und in Folge dessen weichen die Männchen von den Weibchen in ihren Stimmorganen oder in der Bildung gewisser Federn ab. Aus den merkwürdig verschiedenartigen Mitteln zur Hervorbringung verschiedenartiger Laute gewinnen wir eine hohe Meinung von der Bedeutung dieses Mittels der Brautwerbung. Viele Vögel versuchen die Weibchen durch Liebestänze oder Geberden, die auf dem Boden oder in der Luft und zuweilen auf dazu hergerichteten Plätzen ausgeführt werden, zu bezaubern. Aber Ornamente vielerlei Art, die glänzendsten Farbentöne, Kämme und Fleischlappen, wunderschöne Schmuckfedern, verlängerte Federn, Federstütze u. s. f. sind bei Weitem die häufigsten Mittel. In einigen Fällen scheint bloße Neuheit als Zauber gewirkt zu haben. Die Zierathen der Männchen müssen für sie von höchster Bedeutung gewesen sein, denn sie sind in nicht wenigen Fällen auf Kosten einer vergrößerten Gefahr vor Feinden und selbst mit etwas Verlust an Kraft in den Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern erlangt worden. Die Männchen sehr vieler Species erhalten ihr ornamentales Kleid nicht eher als bis sie zur Reife gelangen, oder sie nehmen es nur während der Paarungszeit an, oder es werden die Farbentöne zu dieser Zeit lebhafter. Gewisse ornamentale Anhänge werden während des Actes der Bewerbung selbst vergrößert, schwellen an und werden hell gefärbt. Die Männchen entfalten ihre Reize mit ausgesuchter Sorgfalt und zu ihrer besten Wirkung; und dies geschieht in der Gegenwart der Weibchen. Die Brautwerbung ist zuweilen eine sich in die Länge ziehende Angelegenheit, und viele Männchen und Weibchen versammeln sich an einem bestimmten Platze. Anzunehmen, daß die Weibchen die Schönheit der Männchen nicht würdigen, hieße der Meinung sein, daß ihre glänzenden Decorationen, alle ihre Pracht und Entfaltung nutzlos seien; und dies ist nicht glaublich. Vögel haben feines Unterscheidungsvermögen, und in einigen wenigen Fällen läßt sich zeigen, daß sie einen Geschmack für das Schöne haben. Überdies weiß man, daß die Weibchen gelegentlich eine ausgesprochene Vorliebe oder Antipathie für gewisse individuelle Männchen zeigen.

Wird zugegeben, daß die Weibchen die schöneren Männchen vorziehen oder unbewußt von ihnen angeregt werden, dann werden die Männchen langsam aber sicher durch geschlechtliche Zuchtwahl immer mehr und mehr anziehend werden. Daß es dieses Geschlecht ist, welches hauptsächlich modificiert worden ist, können wir aus der Thatsache schließen, daß beinahe in jeder Gattung, in welcher die Geschlechter verschieden sind, die Männchen viel mehr von einander verschieden sind als die Weibchen. Dies zeigt sich sehr gut bei gewissen nahe verwandten repräsentativen Arten, bei welchen die Weibchen kaum unterschieden werden können, während die Männchen völlig verschieden sind. Vögel bieten im Naturzustande individuelle Verschiedenheiten dar, welche völlig ausreichen würden, geschlechtliche Zuchtwahl einwirken zu lassen. Wir haben aber gesehen, daß sie gelegentlich noch stärker ausgesprochene Abänderungen darbieten, welche so häufig wiederkehren, daß sie sofort fixiert werden dürften, wenn sie dazu dienten, das Weibchen anzulocken. Die Gesetze der Abänderung werden die Natur der anfänglich auftretenden Veränderungen bestimmt und in großem Maße das endliche Resultat beeinflußt haben. Die Abstufungen, welche sich zwischen den Männchen verwandter Species beobachten lassen, deuten die Natur der Schritte an, welche durchlaufen worden sind; sie erklären auch in der interessantesten Art und Weise, wie gewisse Charaktere entstanden sind, z. B. die zahnförmig eingeschnittenen Augenflecke auf den Schwanzfedern des Pfauhahns und die wunderbar schattierten Kugel- und Sockel-Augenflecke auf den Schwanzfedern des Argusfasans. Es ist offenbar, daß die glänzenden Farben, Federstütze, Schmuckfedern u. s. w. vieler männlicher Vögel nicht als Schutzmittel erlangt worden sein können; sie bringen geradezu zuweilen Gefahr herbei. Daß sie nicht eine Folge der directen und bestimmten Wirkung der Lebensbedingungen sind, darüber können wir uns versichert halten, weil die Weibchen denselben Bedingungen ausgesetzt und doch häufig von den Männchen im äußersten Grade verschieden sind. Obschon es wahrscheinlich ist, daß veränderte Bedingungen, welche während einer längeren Zeit gewirkt haben, irgend eine bestimmte Wirkung auf beide Geschlechter oder zuweilen nur auf ein Geschlecht hervorgebracht haben, so wird doch das bedeutungsvollere Resultat eine verstärkte Neigung zur Variabilität oder zum Auftreten stärker ausgeprägter individueller Verschiedenheiten gewesen sein; und derartige Verschiedenheiten werden für die Wirkung der geschlechtlichen Zuchtwahl ein ausgezeichnetes Wirkungsgebiet dargeboten haben.

Die Gesetze der Vererbung scheinen, ohne Rücksicht auf Zuchtwahl, bestimmt zu haben, ob Charaktere, die von den Männchen zum Zwecke des Schmuckes, zum Zwecke des Hervorbringens verschiedener Laute und des Kämpfens mit einander erlangt worden sind, auf die Männchen allein oder auf beide Geschlechter und zwar entweder permanent oder nur periodisch während gewisser Jahreszeiten überliefert worden sind. Warum verschiedene Charaktere zuweilen in der einen Weise und zuweilen in der andern überliefert worden sind, ist in den meisten Fällen unbekannt; aber es scheint häufig die Periode der Variabilität die bestimmende Ursache gewesen zu sein. Wenn die zwei Geschlechter alle Charaktere gemeinsam geerbt haben, so sind sie nothwendiger Weise einander ähnlich. Da aber die aufeinanderfolgenden Abänderungen verschieden überliefert werden können, so kann man jede mögliche Abstufung finden, und zwar selbst innerhalb eines und desselben Genus, von der größten Ähnlichkeit bis zu der schärfsten Unähnlichkeit zwischen den Geschlechtern. Bei vielen nahe verwandten und nahezu denselben Lebensgewohnheiten folgenden Species sind die Männchen hauptsächlich durch die Wirkung geschlechtlicher Zuchtwahl von einander verschieden geworden, während die Weibchen hauptsächlich dadurch verschieden geworden sind, daß sie in einem größeren oder geringeren Grade an den auf diese Weise von den Männchen erlangten Charakteren theilgenommen haben. Überdies werden die Resultate der bestimmten Einwirkung der Lebensbedingungen bei den Weibchen nicht, wie es bei den Männchen der Fall ist, durch die in Folge geschlechtlicher Zuchtwahl eintretende Häufung scharf ausgesprochener Färbungen und anderer Zierathen verhüllt worden sein. Die Individuen beider Geschlechter, auf welche Weise sie auch beeinflußt sein mögen, werden auf jeder der aufeinanderfolgenden Perioden durch die reichliche Kreuzung vieler Individuen nahezu gleichförmig gehalten worden sein.

Bei denjenigen Species, bei welchen die Geschlechter in der Farbe verschieden sind, ist es möglich oder wahrscheinlich, daß zuerst eine Neigung bestand, die aufeinanderfolgenden Abänderungen auf beide Geschlechter gleichmäßig zu überliefern, daß aber, wenn dies eintrat, die Weibchen nur durch die Gefahr, welcher sie während der Zeit der Bebrütung ausgesetzt worden waren, verhindert wurden, die hellen Färbungen der Männchen anzunehmen. Wir haben aber keine Beweise dafür, daß es möglich ist, mittelst der natürlichen Zuchtwahl eine Form der Überlieferung in eine andere umzuwandeln. Andererseits würde nicht die mindeste Schwierigkeit vorhanden sein, ein Weibchen düster gefärbt zu machen und dem Männchen noch immer seine helle Färbung zu erhalten, nämlich durch die Auswahl nacheinander auftretender Abänderungen, welche von Anfang an in ihrer Überlieferung auf ein und dasselbe Geschlecht beschränkt waren. Ob die Weibchen vieler Species factisch in dieser Weise modificiert worden sind, muß gegenwärtig noch zweifelhaft bleiben. Wenn durch das Gesetz der gleichmäßigen Überlieferung der Charaktere auf beide Geschlechter die Weibchen ebenso auffallend gefärbt worden sind wie die Männchen, so sind, wie es scheint, auch oft ihre Instincte modificiert worden und sie sind dazu veranlaßt worden, kuppelförmige oder verborgene Nester zu bauen.

In einer kleinen und merkwürdigen Classe sind die Charaktere und Gewohnheiten beider Geschlechter völlig vertauscht worden; denn die Weibchen sind hier größer, stärker, lauter und heller gefärbt als ihre Männchen. Sie sind auch so streitsüchtig geworden, daß sie oft, wie die Männchen anderer kampfsüchtiger Species um den Besitz der Weibchen, so um den Besitz der Männchen mit einander kämpfen. Wenn sie, wie es wahrscheinlich erscheint, beständig ihre weiblichen Nebenbuhler wegtreiben und ihre hellen Farben oder andere Reize entfalten und damit die Männchen anzuziehen versuchen, so können wir verstehen, wie es gekommen ist, daß sie allmählich mittelst der geschlechtlichen Zuchtwahl und der geschlechtlich beschränkten Vererbung schöner als die Männchen geworden sind, während die letzteren nicht modificiert oder nur unbedeutend modificiert wurden.

Sobald das Gesetz der Vererbung zu entsprechenden Lebensaltern, aber nicht das der geschlechtlich beschränkten Überlieferung in Kraft tritt, dann werden, wenn die Eltern spät im Leben variieren, – und wir wissen, daß dies beständig bei unseren Hühnern und gelegentlich bei anderen Vögeln auftritt, – die Jungen nicht afficiert werden, während die Erwachsenen beider Geschlechter modificiert werden. Treten diese beiden Gesetze der Vererbung in Kraft und variiert das eine oder das andere Geschlecht spät im Leben, so wird nur dieses Geschlecht allein modificiert werden, während das andere Geschlecht und die Jungen unbeeinflußt bleiben. Treten Abänderungen in der hellen Färbung oder in anderen auffallenden Charakteren zeitig im Leben auf, wie es ohne Zweifel häufig sich ereignet, so werden diese von geschlechtlicher Zuchtwahl nicht früher beeinflußt werden, als bis die Periode der Reproduction herankommt. In Folge dessen werden sie, wenn sie für die Jungen gefahrvoll sind, durch natürliche Zuchtwahl beseitigt werden. Wir können hierdurch verstehen, woher es kommt, daß spät im Leben auftretende Abänderungen so häufig zur Verzierung der Männchen bewahrt worden sind, während die Weibchen und die Jungen fast unverändert gelassen worden sind und sich daher einander gleichen. Bei Species, welche ein besonderes Sommer- und Wintergefieder haben und deren Männchen entweder den Weibchen während beider Jahreszeiten oder allein während des Sommers ähnlich oder von ihnen verschieden sind, sind die Abstufungen und Arten der Ähnlichkeit zwischen den Jungen und Alten außerordentlich compliciert; und diese Complexität hängt allem Anscheine nach davon ab, daß Charaktere, welche zuerst von den Männchen erlangt worden sind, in verschiedener Weise und in verschiedenen Graden, sowie durch Geschlecht, Alter und Jahreszeit beschränkt, vererbt wurden.

Da die Jungen so vieler Species nur wenig in der Farbe und in anderen Zierathen abgeändert worden sind, so sind wir in den Stand gesetzt, uns ein Urtheil in Bezug auf das Gefieder ihrer früheren Urerzeuger zu bilden, und wir können schließen, daß die Schönheit unserer jetzt existierenden Species, wenn wir die ganze Classe betrachten, seit der Zeit, von welcher uns das unreife Jugendgefieder einen indirecten Bericht giebt, bedeutend zugenommen hat. Viele Vögel, besonders solche, welche auf dem Boden leben, sind ohne Zweifel zum Zwecke des Schutzes dunkel gefärbt worden. In einigen Fällen ist die obere exponierte Fläche des Gefieders in beiden Geschlechtern auf dieselbe Weise gefärbt worden, während die untere Fläche allein bei den Männchen durch geschlechtliche Zuchtwahl verschiedenartig verziert worden ist. Endlich können wir nach den in diesen vier Capiteln mitgetheilten Thatsachen schließen, daß Waffen zum Kampfe, Organe zum Hervorbringen von Lauten, Zierathen vielerlei Art, helle und auffallende Färbungen allgemein von den Männchen durch Abänderung und geschlechtliche Zuchtwahl erlangt und auf verschiedenen Wegen je nach den verschiedenen Gesetzen der Vererbung überliefert worden sind, während die Weibchen und die Jungen vergleichsweise nur wenig abgeändert worden sind.Ich bin Mr. Sclater sehr verbunden, daß er die Freundlichkeit gehabt hat, diese vier Capitel über Vögel sowie die beiden folgenden über Säugethiere durchzusehen. Auf diese Weise bin ich davor bewahrt worden, Fehler in den Namen der Arten zu machen und irgendwelche Thatsachen anzuführen, von denen dieser ausgezeichnete Forscher weiß, daß sie falsch sind. Er ist indessen natürlicher Weise für die Richtigkeit der von mir nach verschiedenen Autoritäten angeführten Angaben durchaus nicht verantwortlich.

 


 

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