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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 55
Quellenangabe
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
modified20160412
projectidb2a2001d
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3. Classe. Wenn das erwachsene Männchen dem erwachsenen Weibchen ähnlich ist, so haben die Jungen beiderlei Geschlechts ein ihnen besonders zukommendes eigenthümliches Gefieder. – In dieser Classe gleichen beide Geschlechter einander, wenn sie erwachsen sind, und sind von den Jungen verschieden. Dies kommt bei vielen Vögeln vieler Arten vor. Das männliche Rothkehlchen kann kaum vom Weibchen unterschieden werden, die Jungen aber sind mit ihrem trüb-olivenfarbenen und braunen Gefieder sehr verschieden von ihnen. Die Männchen und Weibchen des prachtvollen scharlachrothen Ibis sind gleich, während die Jungen braun gefärbt sind; und obgleich die Scharlachfarbe beiden Geschlechtern gemeinsam zukommt, so ist sie doch allem Anscheine nach ein sexueller Charakter; denn bei Vögeln in der Gefangenschaft entwickelt sie sich nicht gut, in derselben Weise wie die glänzende Färbung bei männlichen Vögeln häufig nicht eintritt, wenn sie gefangen gehalten werden. Bei vielen Arten von Reihern sind die Jungen bedeutend von den Erwachsenen verschieden, und obschon ihr Sommergefieder beiden Geschlechtern gemeinsam ist, so hat es doch entschieden einen hochzeitlichen Charakter. Junge Schwäne sind schiefergrau, während die reifen Vögel rein weiß sind; es würde aber überflüssig sein, noch weitere Beispiele hier hinzuzufügen. Diese Verschiedenheiten zwischen den Jungen und den Alten hängen wie in den letzten zwei Classen allem Anscheine nach davon ab, daß die Jungen einen früheren oder alten Zustand des Gefieders beibehalten haben, während die Alten beiderlei Geschlechts ein neues Gefieder erhalten haben. Wenn die Erwachsenen hell gefärbt sind, so können wir aus den soeben in Bezug auf den scharlachenen Ibis und viele Reiher gemachten Bemerkungen und aus der Analogie mit den Species der ersten Classe schließen, daß derartige Farben von den nahezu geschlechtsreifen Männchen durch geschlechtliche Zuchtwahl erlangt worden sind, daß aber verschieden von dem, was in den beiden ersten Classen vorkommt, die Überlieferung zwar wohl auf dasselbe Alter, aber nicht auf dasselbe Geschlecht beschränkt worden ist. In Folge dessen gleichen beide Geschlechter einander, wenn sie erwachsen sind, und weichen von den Jungen ab.

 
4. Classe. Wenn das erwachsene Männchen dem erwachsenen Weibchen ähnlich ist, so sind die Jungen beiderlei Geschlechts in ihrem ersten Federkleide den Erwachsenen ähnlich. – In dieser Classe gleichen die Jungen und die Erwachsenen beider Geschlechter einander, mögen sie nun glänzend oder düster gefärbt sein. Derartige Fälle sind meiner Meinung nach häufiger als die der letzten Classe. Wir haben in England Beispiele hiervon beim Eisvogel, bei einigen Spechten, bei dem Eichelhäher, der Elster, Krähe und vielen kleinen trübe gefärbten Vögeln, wie dem Graukehlchen oder dem Zaunkönig. Die Ähnlichkeit im Gefieder zwischen den Jungen und Alten ist aber niemals vollständig, sie stuft sich allmählich bis zur Unähnlichkeit ab. So sind die Jungen von einigen Gliedern der Familie der Eisvögel nicht bloß weniger lebhaft gefärbt als die Erwachsenen, sondern viele von den Federn der untern Körperfläche sind mit Braun gerändertJerdon, Birds of India. Vol. I, p. 222, 228. Gould, Handbook to the Birds of Australia. Vol. I, p. 124, 130. – wahrscheinlich eine Spur eines früheren Zustandes des Gefieders. Die Jungen mancher Vögel sind häufig in derselben Gruppe von Vögeln, selbst innerhalb einer und der nämlichen Gattung, wie z. B. in einer australischen Gattung von Papageien (Platycercus), den Eltern beiderlei Geschlechts sehr ähnlich, während die Jungen anderer Species innerhalb derselben Gruppen von den Erzeugern, welche einander gleich sind, beträchtlich verschieden sind.Gould, Handbook to the Birds of Australia. Vol. II, p. 37, 46, 56. Beide Geschlechter und die Jungen des gemeinen Eichelhähers sind einander sehr ähnlich; aber beim canadischen Häher (Perisorius canadensis) sind die Jungen von ihren Eltern so verschieden, daß sie früher als verschiedene Species beschrieben wurden.Audubon, Ornithological Biography. Vol. II, p. 55.

Ehe ich weiter gehe, will ich bemerken, daß die in dieser und den zwei nächsten Classen zusammengebrachten Thatsachen so complexer Natur und die Schlußfolgerungen so zweifelhaft sind, daß Jeder, welcher nicht ein specielles Interesse an dem Gegenstande nimmt, sie lieber überschlagen mag.

Die glänzenden oder auffallenden Färbungen, welche viele Vögel in der vorliegenden Classe charakterisieren, können ihnen selten oder niemals als Schutzmittel von Nutzen sein, so daß sie wahrscheinlich von den Männchen durch geschlechtliche Zuchtwahl erlangt und dann auf die Weibchen und die Jungen übertragen worden sind. Es ist indessen möglich, daß die Männchen die anziehenden Weibchen gewählt haben; und wenn diese ihre Charaktere auf ihre Nachkommen beiderlei Geschlechts überlieferten, so wird dasselbe Resultat eintreten, wie durch die Wahl der anziehenderen Männchen seitens der Weibchen. Es sind aber einige Belege dafür vorhanden, daß diese Alternative nur selten, wenn überhaupt jemals, in irgend einer dieser Gruppen von Vögeln, bei welchen die Geschlechter allgemein gleich sind, eingetreten ist; denn selbst wenn einige von den nacheinander auftretenden Abänderungen in ihrer Überlieferung auf beide Geschlechter fehlgeschlagen wären, so würden doch immer die Weibchen in einem geringen Grade die Männchen an Schönheit übertroffen haben. Genau das Umgekehrte kommt im Naturzustande vor; denn in beinahe jeder großen Gruppe, in welcher die Geschlechter allgemein einander ähnlich sind, sind die Männchen einiger weniger Arten in einem unbedeutenden Grade heller gefärbt als die Weibchen. Es ist ferner möglich, daß die Weibchen die schöneren Männchen gewählt haben könnten, während auch umgekehrt diese Männchen die schöneren Weibchen wählten; es ist aber zweifelhaft, einmal ob dieser doppelte Vorgang einer Auswahl leicht vorkommen dürfte, und zwar wegen der größeren Begierde des einen Geschlechts als des andern, und dann ob derselbe wirksamer sein würde, als Auswahl seitens des einen Geschlechts allein. Es ist daher die wahrscheinliche Ansicht die, daß in der vorliegenden Classe, soweit ornamentale Charaktere in Betracht kommen, die geschlechtliche Zuchtwahl in Übereinstimmung mit der allgemein durch das ganze Thierreich hindurch geltenden Regel gewirkt hat, nämlich auf die Männchen, und daß diese ihre allmählich erlangten Farben entweder gleichmäßig oder beinahe gleichmäßig ihren Nachkommen beiderlei Geschlechts überliefert haben.

Ein anderer Punkt ist zweifelhafter; ob nämlich die nacheinander auftretenden Abänderungen bei den Männchen zuerst erschienen. nachdem sie nahezu geschlechtsreif geworden waren, oder während der Jugend. In beiden Fällen muß geschlechtliche Zuchtwahl auf das Männchen gewirkt haben, als es mit Nebenbuhlern um den Besitz, des Weibchens zu concurrieren hatte; und in beiden Fällen sind die so erlangten Charaktere auf beide Geschlechter und auf alle Altersstufen überliefert worden. Wenn aber diese Charaktere von den Männchen erlangt wurden, als sie erwachsen waren, so könnten sie anfangs allein den Erwachsenen wieder vererbt und in einer späteren Periode auf die Jungen übertragen worden sein. Denn es ist bekannt, daß, wenn das Gesetz der Vererbung zu entsprechenden Lebensaltern fehlschlägt, die Nachkommen häufig Charaktere in einem früheren Alter erben als in dem, in welchem sie zuerst bei ihren Eltern erschienen waren.Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. 2. Aufl. Bd. II, p. 91. Dem Anscheine nach Fälle dieser Art sind bei Vögeln im Naturzustande beobachtet worden. So hat beispielsweise Mr. Blyth Exemplare von Lanius rufus und von Colymbus glacialis gesehen, welche, während sie noch jung waren, in einer völlig abnormen Weise das erwachsene Gefieder ihrer Eltern angenommen hatten.Bulletin de la Société Vaudoise des Scienc. Natur. Vol. X. 1869, p. 132. Die Jungen des polnischen Schwans, Cygnus immutabilis von Yarrell, sind immer weiß; man glaubt aber, wie mir Mr. Sclater mittheilt, daß diese Species nichts Anderes ist als eine Varietät des domesticierten Schwans (Cygnus olor). Ferner werfen die Jungen des gemeinen Schwans (Cygnus olor) ihre dunklen Federn nicht eher ab und werden nicht früher weiß, als bis sie achtzehn Monate oder zwei Jahre alt sind; Dr. Forel hat aber einen Fall beschrieben, wo drei kräftige junge Vögel unter einer Brut von vier rein weiß geboren wurden. Diese jungen Vögel waren keine Albinos, wie sich durch die Farbe ihrer Schnäbel und Beine zeigte, welche nahezu den entsprechenden Theilen der Erwachsenen glichen.Bulletin de la Société Vaudoise des Scienc. Natur. Vol. X. 1869, p. 132. Die Jungen des polnischen Schwans, Cygnus immutabilis von Yarrell, sind immer weiß man glaubt aber, wie mir Mr. Sclater mittheilt, daß diese Species nichts Anderes ist als eine Varietät des domesticierten Schwans (Cygnus olor).

Es dürfte sich verlohnen, die oben angeführte dreifache Art und Weise, auf welche in der vorliegenden Classe die beiden Geschlechter und die Jungen dazu gekommen sein könnten, einander zu gleichen, durch den merkwürdigen Fall der Gattung Passer zu erläutern.Ich bin Mr. Blyth für Mittheilungen in Bezug auf diese Gattung verbunden. Der Sperling von Palästina gehört zu der Untergattung Petronia. Bei dem Haussperling (P. domesticus) weicht das Männchen bedeutend vom Weibchen und von den Jungen ab. Junge und Weibchen sind einander ähnlich und in einem hohen Grade auch beiden Geschlechtern und den Jungen des Sperlings von Palästina (P. brachydactylus), ebenso wie auch einigen verwandten Species. Wir können daher annehmen, daß das Weibchen und die Jungen des Haussperlings uns annäherungsweise das Gefieder des Urerzeugers der Gattung darbieten. Beim Baumsperling (P. montanus) nun sind beide Geschlechter und die Jungen dem Männchen des Haussperlings sehr ähnlich, so daß diese sämmtlich in einer und derselben Art und Weise modificiert worden sind und sämmtlich von der typischen Färbung ihres frühen Urerzeugers abweichen. Dies kann dadurch bewirkt worden sein, daß ein männlicher Vorfahre des Baumsperlings variierte, und zwar erstens als er nahezu geschlechtsreif oder zweitens während er ganz jung war, in welchen beiden Fällen er sein modificiertes Gefieder auf die Weibchen und die Jungen überlieferte; oder drittens, er kann variiert haben, als er erwachsen war, und kann sein Gefieder auf beide erwachsene Geschlechter und, in Folge des Fehlschlagens des Gesetzes der Vererbung zu entsprechenden Lebensaltern, in irgend einer späteren Periode auf die Jungen vererbt haben.

Es läßt sich unmöglich entscheiden, welche von diesen drei Vorgangsweisen durch die ganze vorliegende Classe von Fällen hindurch vorgeherrscht hat. Die Ansicht, daß die Männchen variierten, als sie jung waren, und ihre Abänderungen auf ihre Nachkommen beiderlei Geschlechts überlieferten, ist die wahrscheinlichste. Ich will hier hinzufügen, daß ich, allerdings mit wenig Erfolg, durch das Consultieren verschiedener Werke versucht habe zu entscheiden, in wie weit bei Vögeln die Periode der Abänderung im Allgemeinen die Überlieferung von Charakteren auf ein Geschlecht oder auf beide bestimmt hat. Die oft angezogenen zwei Regeln (– nämlich, daß spät im Leben auftretende Abänderungen auf ein und das nämliche Geschlecht überliefert werden, während diejenigen, welche zeitig im Leben auftreten, beiden Geschlechtern überliefert werden –) bewährten sich dem Anscheine nach in der ersten,Es bedürfen z. B. die Männchen von Tanagra aestiva und Fringilla cyanea drei Jahre, das Männchen von Fringilla ciris vier Jahre, um ihr schönes Gefieder zu vervollständigen, s. Audubon, Ornitholog. Biography. Vol. I, p. 233, 280, 378. Die Harlekin-Ente braucht drei Jahre (ebenda Vol. III, p. 614). Das Männchen vom Goldfasan kann, wie ich von Mr. Jenner Weir höre, vom Weibchen unterschieden werden, wenn es ungefähr drei Monate alt ist, es erreicht aber seinen vollen Glanz nicht eher als bis Ende des September des folgenden Jahres. zweiten und vierten Classe von Fällen; sie schlagen aber in der dritten, häufig in der fünftenSo brauchen der Ibis tantalus und Grus americanus vier Jahre, der Flamingo mehrere Jahre und die Ardea Ludoviciana zwei Jahre, ihr vollkommenes Gefieder zu erhalten, s. Audubon, Ornitholog. Biography. Vol. I, p. 221; Vol. III, p. 133, 139, 213. und in der sechsten kleinen Classe fehl. Indessen gelten sie doch, soweit ich es zu beurtheilen vermag, bei einer beträchtlichen Majorität von Vogelarten; auch dürfen wir die auffallende allgemeine Folgerung des Dr. W. Marshall über die Schädelhöcker der Vögel nicht vergessen. Mögen nun die beiden Regeln Geltung haben oder nicht, aus den im achten Capitel mitgetheilten Thatsachen können wir schließen, daß die Periode der Abänderung ein bedeutsames Element bei der Bestimmung der Form der Überlieferung gewesen ist.

In Bezug auf die Vögel ist es schwierig zu entscheiden, nach welchem Maßstabe wir beurtheilen sollen, ob die Periode der Abänderung eine frühzeitige oder späte ist, ob nach dem Alter in Bezug auf die Lebensdauer oder in Bezug auf das Reproductionsvermögen oder in Bezug auf die Zahl der Mauserungen, welche die Species durchläuft. Das Mausern der Vögel ist zuweilen selbst innerhalb einer und der nämlichen Familie ohne irgend eine nachweisbare Ursache bedeutend verschieden. Einige Vögel mausern so zeitig, daß beinahe alle Körperfedern abgestoßen werden, ehe die ersten Schwungfedern völlig herangewachsen sind; und wir können nicht annehmen, daß dies der ursprüngliche Zustand der Dinge war. Wenn die Periode der Mauserung beschleunigt worden ist, so wird das Alter, in welchem die Farben des erwachsenen Gefieders zuerst entwickelt wurden, uns leicht fälschlich als ein früheres erscheinen, als es wirklich war. Dies kann durch den Gebrauch erläutert werden, welchem manche Vogelzüchter folgen, von der Brust von Nestling-Gimpeln und vom Kopf oder Hals junger Goldfasanen einige wenige Federn auszureißen, um das Geschlecht der Vögel zu bestimmen; denn bei den Männchen werden diese Federn unmittelbar durch gefärbte ersetzt.Mr. Blyth in: Charlesworth's Magaz. of Natur. Hist. Vol. I. 1837, p. 380. Mr. Bartlett hat mir die Mittheilung in Bezug auf die Goldfasanen gemacht. Die wirkliche Lebensdauer ist nur bei wenig Vögeln bekannt, so daß wir kaum nach derselben als einem feststehenden Maßstabe urtheilen können. Und was die Periode betrifft, in welcher das Reproductionsvermögen erlangt wird, so ist es eine merkwürdige Thatsache, daß verschiedene Vögel gelegentlich brüten, so lange sie noch ihr unreifes Gefieder haben.In Audubon's Ornitholog. Biography habe ich die folgenden Fälle gefunden. Der amerikanische »Redstart« (Muscicapa ruticilla, Vol. I, p. 203). Der Ibis tantalus braucht vier Jahre, um zu vollständiger Reife zu gelangen, brütet aber zuweilen im zweiten Jahre (Vol. III, p. 133). Der Grus americanus braucht dieselbe Zeit, brütet aber, ehe er sein volles Gefieder erhält (Vol. III, p. 211). Die Erwachsenen der Ardea caerulea sind blau und die Jungen weiß, und weiße, gefleckte und reife blaue Vögel kann man sämmtlich durcheinander brüten sehen (Vol. IV, p. 58); Mr. Blyth theilt mir indessen mit, daß gewisse Reiher dem Anscheine nach dimorph sind, denn man kann weiße und gefärbte Individuen des nämlichen Alters beobachten. Die Harlekin-Ente (Anas histrionica L.) braucht drei Jahre, um ihr volles Gefieder zu erlangen; doch brüten viele Vögel im zweiten Jahre (Vol. III, p. 614). Der weißköpfige Adler (Falco leucocephalus, Vol. III, p. 210) brütet, wie man gleichfalls erfahren hat, in seinem unreifen Zustande. Einige Species von Oriolus brüten gleichfalls (nach den Angaben von Mr. Blyth und Mr. Swinhoe in: Ibis, July, 1863, p. 68), ehe sie ihr volles Gefieder erlangen.

Diese letztere Thatsache, daß Vögel in ihrem unreifen oder Jugendgefieder brüten, scheint der Annahme entgegenzustehen, daß die geschlechtliche Zuchtwahl, wie ich allerdings glaube, daß es der Fall ist, eine bedeutungsvolle Rolle bei der Verleihung ornamentaler Farben, Schmuckfedern u. s. w. an die Männchen, und mittelst der gleichartigen Überlieferung auch an die Weibchen vieler Species, gespielt hat. Der Einwurf würde ein triftiger sein, wenn die jüngeren und weniger geschmückten Männchen ebenso erfolgreich im Gewinnen von Weibchen und in der Fortpflanzung ihrer Art wären, wie die älteren und schöneren Männchen. Wir haben aber keinen Grund anzunehmen, daß dies der Fall ist. Audubon spricht von dem Brüten der unreifen Männchen von Ibis tantalus als einem seltenen Ereignis wie es auch Mr. Swinhoe in Bezug auf die unreifen Männchen von Oriolus thut.s. die vorhergehende Anmerkung. Wenn die Jungen irgend einer Species in ihrem unreifen Gefieder erfolgreicher im Gewinnen von Genossen wären als die Erwachsenen, so würde wahrscheinlich das erwachsene Gefieder bald verloren werden, da ja dann diejenigen Männchen das Übergewicht erlangen würden, welche ihr unreifes Jugendkleid am längsten beibehielten; hierdurch würde am Ende der Charakter der Species modificiert werden.Andere, zu völlig verschiedenen Classen gehörende Thiere sind entweder gewöhnlich oder nur gelegentlich im Stande, sich fortzupflanzen, bevor sie ihre erwachsenen Charaktere vollständig erlangt haben. Dies ist der Fall mit den jungen Männchen des Lachsen. Man hat die Erfahrung gemacht, daß mehrere Amphibien sich fortpflanzen, während sie ihren Larvenbau behalten. Fritz Müller hat gezeigt (»Für Darwin«, p. 54), daß die Männchen mehrerer amphipoden Crustaceen geschlechtsreif werden, solange sie noch jung sind; und ich halte dies für einen Fall von vorzeitiger Fortpflanzung, weil sie noch nicht ihre völlig entwickelten Klammerorgane erhalten haben. Alle derartige Thatsachen sind in hohem Grade interessant, da sie sich auf ein Mittel beziehen, durch welches die Species bedeutende Modificationen des Charakters erleiden können. Wenn auf der andern Seite die Jungen es niemals erreichten, ein Weibchen zu erlangen, so würde die Gewohnheit frühzeitiger Reproduction vielleicht früher oder später vollständig eliminiert werden, da es überflüssig ist und eine Kraftverschwendung mit sich bringt.

Das Gefieder gewisser Vögel nimmt beständig während vieler Jahre, noch nachdem sie vollständig reif geworden sind, an Schönheit zu; dies ist mit dem Behange des Pfauhahns, mit einigen Arten von Paradiesvögeln und mit der Federkrone und den Schmuckfedern gewisser Reiher der Fall, z. B. bei der Ardea LudovicianaJerdon, Birds of India, Vol. III, p. 507, über den Pfauhahn. Dr. Marshall glaubt, daß die älteren und prächtigeren Männchen der Paradiesvögel einen Vortheil vor den jüngeren Männchen haben; s. Archives Néerlandaises. Tom. VI. 1871. – Über Ardea s. Audubon, Ornitholog. Biography. Vol. III, p. 139.; es ist aber zweifelhaft, ob die beständige Weiterentwicklung derartiger Federn das Resultat der Auswahl nacheinander auftretender wohlthätiger Abänderungen (obschon dies in Bezug auf die Paradiesvögel die wahrscheinlichste Ansicht ist) oder bloß beständigen Wachsthums ist. Die meisten Fische nehmen beständig an Größe zu, so lange sie bei guter Gesundheit sind und reichliche Nahrung haben; und ein in gewisser Weise ähnliches Gesetz kann für die Schmuckfedern der Vögel gelten.

 
5. Classe. Wenn die Erwachsenen beiderlei Geschlechts ein verschiedenes Winter- und Sommergefieder haben, mag nun das Männchen vom Weibchen verschieden sein oder nicht, so sind die Jungen den Erwachsenen beiderlei Geschlechts in dem Winterkleide, oder, jedoch viel seltener, in dem Sommerkleide, oder allein den Weibchen ähnlich; oder die Jungen können einen intermediären Charakter tragen; oder ferner sie können von den Erwachsenen in ihren beiden Jahreszeitgefiedern verschieden, sein. – Die Fälle in dieser Classe sind in eigenthümlicher Weise compliciert; auch ist dies nicht zu verwundern, da sie von Vererbung abhängen, welche in höherem oder geringerem Grade in dreierlei verschiedener Weise beschränkt ist, nämlich durch das Geschlecht, das Alter und die Jahreszeit. In einigen Fällen durchlaufen die Individuen einer und der nämlichen Species mindestens fünf verschiedene Zustände des Gefieders. Bei den Species, in welchen das Männchen allein während der Sommerszeit oder, was der seltenere Fall ist, während beider JahreszeitenWegen erläuternder Fälle s. Macgillivray, History of British Birds, Vol. IV; über Tringa u. s. w. p. 229, 271; über den Machetes p. 172; über Charadrius hiaticula p. 118; über Charadrius pluvialis p. 94. vom Weibchen verschieden ist, gleichen die Jungen allgemein den Weibchen, so bei dem sogenannten Stieglitz von Nord-Amerika und dem Anscheine nach bei den prachtvollen Maluri von Australien.Wegen des Stieglitz (Golddistelfink) von Nord-Amerika, Fringüla tristis L., s. Audubon, Ornitholog. Biography, Vol. I, p. 172; wegen der Maluri: Gould's Handbook to the Birds of Australia. Vol. I, p. 318. Bei den Species, deren Geschlechter sowohl während des Sommers als auch während des Winters einander gleichen, können die Jungen den Erwachsenen ähnlich sein, und zwar erstens in deren Winterkleide, zweitens, doch tritt dies viel seltener ein, in ihrem Sommerkleide; drittens können sie zwischen diesen beiden Zuständen mitten inne stehen; und viertens können sie bedeutend von den Erwachsenen zu allen Jahreszeiten abweichen. Ein Beispiel des ersten dieser vier Fälle sehen wir an einem der Silberreiher von Indien (Buphus coromandus), bei welchem die Jungen und die Erwachsenen beider Geschlechter während des Winters weiß sind, die Erwachsenen aber während des Sommers goldröthlich werden. Bei dem Klaffschnabel (Anastomus oscitans) von Indien haben wir einen ähnlichen Fall, nur sind hier die Farben umgekehrt; denn die Jungen und die Erwachsenen beiderlei Geschlechts sind während des Winters grau und schwarz und die Erwachsenen werden während des Sommers weiß.Ich bin Mr. Blyth für Mittheilungen in Bezug auf Buphus dankbar verbunden ; s. auch Jebdon, Birds of India. Vol. III, p. 749. Über den Anastomus s. Blyth in: Ibis, 1867, p. 173. Ein Beispiel des zweiten Falls bietet der Tord-Alk (Alca Torda L.) dar; die Jungen sind in einem frühen Zustande des Gefieders wie die Erwachsenen während des Sommers gefärbt; und die Jungen des weißgekrönten Sperlings von Nord-Amerika (Fringilla leucophrys) haben, sobald sie flügge geworden sind, elegante weiße Streifen auf ihren Köpfen, welche von den Jungen und den Alten während des Winters verloren werden.Über die Alca s. Macgillivray, History of British Birds. Vol. V, p. 347. Über die Fringilla leucophrys s. Audubon, Ornitholog. Biography, Vol. II, p. 89. Ich werde nachher noch darauf Bezug zu nehmen haben, daß die Jungen gewisser Reiher und Silberreiher weiß sind. In Bezug auf den dritten Fall, daß nämlich die Jungen einen intermediären Charakter zwischen dem Sommer- und Wintergefieder der Erwachsenen darbieten, betont Yarrell,History of British Birds. Vol. I. 1839, p. 159. daß dies bei vielen Watvögeln vorkommt. Was endlich den Fall betrifft, daß die Jungen bedeutend von beiden Geschlechtern in ihrem erwachsenen Sommer- und Wintergefieder abweichen, so kommt dies bei einigen Reihern und Silberreihern von Nord-Amerika und Indien vor, bei denen nur die Jungen weiß sind.

Ich will über diese complicierten Fälle nur einige wenige Bemerkungen machen. Wenn die Jungen den Weibchen in ihrem Sommerkleide oder den Erwachsenen beiderlei Geschlechts in ihrem Winterkleide gleichen, so sind die Fälle von den in der 1. und 3. Classe verzeichneten nur darin verschieden, daß die ursprünglich von den Männchen während der Paarungszeit erlangten Charaktere in ihrer Überlieferung auf die entsprechende Jahreszeit beschränkt worden sind. Wenn die Erwachsenen ein verschiedenes Sommer- und Wintergefieder haben und die Jungen von beiden abweichen, so ist der Fall schwieriger zu verstehen. Wir können als wahrscheinlich annehmen, daß die Jungen einen alten Zustand des Gefieders beibehalten haben; wir können auch das Hochzeitsgefieder oder Sommerkleid der Erwachsenen durch geschlechtliche Zuchtwahl erklären; wie haben wir aber ihr verschiedenes Wintergefieder zu erklären? Wenn wir annehmen könnten, daß dies Gefieder in allen Fällen als Schutzmittel dient, so würde dessen Erlangung eine einfache Sache sein: es scheint aber für diese Annahme kein rechter Grund vorzuliegen. Es könnte vermuthet werden, daß die so sehr verschiedenen Lebensbedingungen während des Winters und des Sommers in einer directen Art und Weise auf das Gefieder eingewirkt haben; dies kann wohl ein gewisses Resultat ergeben haben, ich habe aber kein rechtes Vertrauen, daß eine so bedeutende Verschiedenheit, wie wir sie zuweilen zwischen den beiderlei Gefiedern auftreten sehen, hierdurch verursacht worden sei. Eine wahrscheinlichere Erklärung ist, daß eine alte, zum Theil durch die Übertragung einiger Charaktere vom Sommergefieder modificierte Form des Gefieders von den Erwachsenen während des Winters beibehalten worden ist. Endlich hängen allem Anscheine nach sämmtliche Fälle in der vorliegenden Classe davon ab, daß Charaktere, welche von den erwachsenen Männchen erlangt worden sind, in verschiedener Weise je nach Alter, Jahreszeit und Geschlecht in ihrer Überlieferung beschränkt worden sind, es würde sich aber nicht verlohnen, zu versuchen, den complicierten Beziehungen weiter zu folgen.

 
6. Classe. Die Jungen weichen in ihrem ersten Gefieder je nach ihrem Geschlechte von einander ab, wobei die jungen Männchen mehr oder weniger nahe den erwachsenen Männchen und die jungen Weibchen mehr oder weniger nahe den erwachsenen Weibchen ähnlich sind. – Obschon die zu dieser Classe gehörenden Fälle in verschiedenen Gruppen vorkommen, so sind sie doch nicht zahlreich; indeß scheint es das Natürlichste zu sein, daß die Jungen den Erwachsenen des gleichen Geschlechts anfangs in einem gewissen Grade ähnlich seien und ihnen allmählich immer mehr und mehr gleich werden. Das erwachsene Männchen des Plattmönchs (Sylvia atricapilla) hat einen schwarzen Kopf, der des Weibchens ist röthlich-braun; und wie mir Mr. Blyth mittheilt, kann man die Jungen beiderlei Geschlechts an diesem Merkmale unterscheiden, selbst wenn sie noch Nestlinge sind. In der Familie der Drosseln ist eine ganz ungewöhnliche Anzahl ähnlicher Fälle beobachtet worden; so kann die männliche Amsel (Turdus merula) schon im Neste vom Weibchen unterschieden werden. Die beiden Geschlechter der Spottdrossel (Turdus polyglottus L.) weichen sehr wenig von einander ab; doch können die Männchen schon in einem sehr frühen Alter von den Weibchen dadurch unterschieden werden, daß sie mehr reines Weiß zeigen.Audubon, Ornitholog. Biography. Vol. I, p. 113. Die Männchen einer Walddrossel und einer Steindrossel (nämlich Orocetes erythrogastra und Petrocincla cyanea) haben sehr viel schönes Blau in ihrem Gefieder, während die Weibchen braun sind; und die Männchen beider Species haben als Nestlinge ihre Hauptschwung- und Schwanzfedern mit Blau gerändert, während diejenigen der Weibchen mit Braun eingefaßt sind.Mr. C. A. Wright in: Ibis. Vol. VI. 1864, p. 65. Jerdon, Birds of India. Vol. I, p. 515. s. auch über die Amsel: Blyth in Charlesworth's Magaz. of Natur. Hist. Vol. I. 1837, p. 113. Bei der jungen Amsel nehmen die Schwungfedern ihren erwachsenen Charakter später als andere Federn an und werden nach ihnen schwarz; andererseits werden die Schwungfedern bei den beiden eben genannten Species vor den andern blau. Die wahrscheinlichste Ansicht in Beziehung auf die Fälle der vorliegenden Classe ist die, daß die Männchen, verschieden von dem, was in der 1. Classe eintritt, ihre Farben in einem früheren Alter ihren männlichen Nachkommen überliefert haben, als in dem, in welchem sie selbst sie zuerst erlangten; denn wenn die Männchen variiert hätten, so lange sie noch ganz jung waren, so würden sie wahrscheinlich ihre Charaktere ihren Nachkommen beiderlei Geschlechts überliefert haben.Es mögen außerdem noch die folgenden Fälle hier erwähnt werden: die jungen Männchen der Tanagra rubra können von den jungen Weibchen unterschieden werden (Audubon, Ornitholog. Biography, Vol. IV, p. 392); dasselbe gilt für die Nestlinge einer blauen Spechtmeise von Indien (Dendrophila frontalis, Jerdon, Birds of India, Vol. I, p. 389). Mr. Blyth theilt mir mit, daß die Geschlechter des Schwarzkehlchens, Saxicola rubicola, in einem sehr frühen Alter unterschieden werden können. Mr. Salvin führt den Fall von einem Colibri, ebenso den oben erwähnten von Eustephanus an (Proceed. Zool. Soc. 1870, p. 206).

Bei Aïthurus polytmus (einem der Colibris) ist das Männchen glänzend schwarz und grün gefärbt und zwei von den Schwanzfedern sind ungeheuer verlängert; das Weibchen hat einen gewöhnlichen Schwanz und nicht auffallende Farben; anstatt daß nun in Übereinstimmung mit der gewöhnlichen Regel die jungen Männchen dem erwachsenen Weibchen ähnlich sind, beginnen sie schon von Anfang an die ihrem Geschlechte eigenthümlichen Farben anzunehmen, wie auch ihre Schwanzfedern bald verlängert werden. Ich verdanke diese Mittheilung Mr. Gould, welcher mir auch den folgenden noch auffallenderen und noch nicht veröffentlichten Fall mitgetheilt hat. Zwei zu der Gattung Eustephanus gehörige, beide wundervoll gefärbte Colibris bewohnen die kleine Insel Juan Fernandez und sind immer als specifisch verschieden aufgeführt worden. Es ist aber vor Kurzem ermittelt worden, daß der eine, welcher eine reiche nußbraune Farbe und einen goldrothen Kopf hat, das Männchen ist, während der andere, welcher elegant mit Grün und Weiß gefleckt ist und einen metallisch grünen Kopf hat, das Weibchen ist. Nun sind die Jungen von Anfang an in einem gewissen Grade dem Erwachsenen des entsprechenden Geschlechts ähnlich und die Ähnlichkeit wird allmählich immer mehr und mehr vollständig.

Betrachtet man diesen letzten Fall und nimmt man wie vorhin das Gefieder der Jungen als Ausgangspunkt, so dürfte es scheinen, als wären beide Geschlechter ganz unabhängig von einander schön gemacht worden, und als hätte nicht das eine Geschlecht theilweise seine Schönheit auf das andere übertragen. Das Männchen hat allem Anscheine nach seine glänzenden Farben durch geschlechtliche Zuchtwahl, in derselben Weise wie beispielsweise der Pfauhahn oder der Fasan in unserer ersten Classe von Fällen, und das Weibchen in derselben Weise wie Rhynchaea oder Turnix in unserer zweiten Classe von Fällen erhalten. Aber darin liegt noch eine große Schwierigkeit: zu verstehen, wie dies zu ein und derselben Zeit bei beiden Geschlechtern einer und der nämlichen Species bewirkt werden konnte. Mr. Salvin giebt an, wie wir im achten Capitel gesehen haben, daß bei gewissen Colibris die Männchen den Weibchen bedeutend an Zahl überlegen sind, während bei andern Arten, welche dasselbe Land bewohnen, die Weibchen bedeutend den Männchen überlegen sind. Wenn wir daher annehmen könnten, daß während irgend einer früheren lange dauernden Periode die Männchen der Species von Juan Fernandez die Weibchen bedeutend an Zahl übertroffen hätten, daß aber während einer anderen gleichfalls langen Zeit die Weibchen bedeutend den Männchen überlegen gewesen wären, so könnten wir einsehen, wie zu einer Zeit die Männchen und zu einer andern Zeit die Weibchen durch Auswahl der glänzender gefärbten Individuen des andern Geschlechts schön geworden sein könnten, wobei beide Geschlechter ihre Charaktere ihren Nachkommen zu einer im Ganzen etwas früheren Periode als gewöhnlich überlieferten. Ob dies die richtige Erklärung ist, will ich nicht zu behaupten wagen; der Fall ist aber zu merkwürdig, um ganz mit Stillschweigen übergangen zu werden.

 

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