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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 4
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
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Zweites Capitel.

Über die Art der Entwicklung des Menschen aus einer niederen Form

Variabilität des Körpers und Geistes beim Menschen. – Vererbung. – Ursachen der Variabilität. – Die Gesetze der Abänderung sind dieselben beim Menschen wie bei den niederen Thieren. – Directe Wirkung der Lebensbedingungen. – Wirkungen des vermehrten Gebrauchs und des Nichtgebrauchs von Theilen. – Entwicklungshemmungen. – Rückschlag. – Correlative Abänderung. – Verhältnis der Zunahme. – Hindernisse der Zunahme. – Natürliche Zuchtwahl. – Der Mensch das herrschendste Thier auf der Erde. – Bedeutung seines Körperbaues. – Ursachen, welche zu seiner aufrechten Stellung führten; von dieser abhängende Änderungen des Baues. – Größenabnahme der Eckzähne. – Größenzunahme und veränderte Gestalt des Schädels – Nacktheit. – Fehlen eines Schwanzes. – Vertheidigungsloser Zustand des Menschen.

Offenbar unterliegt der Mensch gegenwärtig einer bedeutenden Variabilität. Nicht zwei Individuen einer und derselben Rasse sind völlig gleich. Wir mögen Millionen Gesichter unter einander vergleichen, jedes wird vom andern verschieden sein. Ein gleich großer Betrag von Verschiedenheit besteht in den Proportionen und Dimensionen der verschiedenen Theile seines Körpers. Die Länge der Beine ist einer der variabelsten Punkte.Investigations in Military and Anthropological Statistics of American Soldiers by B. A. Gould, 1869, p. 256. Wenn auch in einigen Theilen der Erde ein langer Schädel, in anderen Theilen ein kurzer Schädel vorherrscht, so besteht doch eine große Verschiedenheit der Form selbst innerhalb der Grenzen einer und derselben Rasse, wie bei den Ureinwohnern von Amerika und Süd-Australien – und die letzteren bilden »wahrscheinlich dem Blute, den Gewohnheiten und der Sprache nach eine so homogene Rasse, wie irgend eine existierende« – und selbst bei den Einwohnern eines so beschränkten Gebiets wie der Sandwich-Inseln.In Bezug auf die Schädelform der Eingeborenen von Nord-Amerika s. Dr. Aitken Meigs in: Proceed. Acad. Natur. Sc. Philadelphia. May, 1868. Über die Australier s. Huxley in Lyell, Alter des Menschengeschlechts. 1863, p. 51. Über die Sandwich-Insulaner: Prof. J. Wyman, Observations on Crania. Boston, 1868, p. 18. Ein ausgezeichneter Zahnarzt versicherte mich, daß die Zähne fast ebenso viele Verschiedenheiten darbieten wie die Gesichtszüge. Die Hauptarterien haben so häufig einen abnormen Verlauf, daß man es zu chirurgischen Zwecken für nützlich erkannt hat, aus 1040 Leichen zu berechnen, wie oft jede Verlaufsart vorkommt.Anatomy of the Arteries von R. Quain. Vorrede, Vol. I, 1844. Die Muskeln sind ausserordentlich variabel; so fand Professor Turner,Transact. Roy. Soc. Edinburgh. Vol. XXIV, p. 175, 189. daß die des Fußes nicht in zwei unter 50 Leichen einander genau gleich sind, und bei einigen waren die Abweichungen beträchtlich. Professor Turner fügt noch hinzu, daß die Fähigkeit, die passenden Bewegungen auszuführen, in Übereinstimmung mit den verschiedenen Abweichungen modificiert sein muß. Mr. J. Wood hat das Vorkommen von 295 Muskel-Varietäten an sechsunddreißig Leichen mitgetheiltProceed. Roy. Soc. 1867, p. 544, auch 1868, p. 483, 524; ebenso ein früherer Aufsatz 1866, p. 229. und bei einer andern Reihe von derselben Zahl nicht weniger als 558 Varietäten, die an beiden Seiten des Körpers vorkommenden für eine gerechnet. Bei der letzten Reihe fehlen nicht an einem einzigen Körper unter den sechsunddreißig »Abweichungen von den gültigen Beschreibungen des Muskelsystems, welche die anatomischen Handbücher geben, vollständig.« Eine einzige Leiche bot die außerordentliche Zahl von fünfundzwanzig verschiedenen Abnormitäten dar. Derselbe Muskel variiert zuweilen auf vielerlei Weise; so beschreibt Professor MacalisterProceed. Roy. Irish Academy. Vol. X. 1868, p. 141. nicht weniger als zwanzig verschiedene Abweichungen an dem Palmaris accessorius.

Der alte berühmte Anatom WolffActa Acad. Petropolit. 1878. Ps. II, p. 217. hebt hervor, daß die inneren Eingeweide variabler sind als die äußeren Theile: »Nulla particula est, quae non aliter et aliter in aliis se habeat hominibus.« Er hat selbst eine Abhandlung über die Auswahl typischer Exemplare der Eingeweide zu deren Darstellung geschrieben. Eine Erörterung über das ideal Schöne der Leber, Lungen, Nieren u. s. w., wie man das Ideal des göttlich schönen menschlichen Antlitzes erörtert, klingt für unsere Ohren wohl fremdartig.

Die Variabilität oder Verschiedenartigkeit der geistigen Fähigkeiten bei Menschen einer und derselben Rasse, der noch größeren Verschiedenheiten zwischen Menschen verschiedener Rassen gar nicht zu gedenken, ist so notorisch, daß es nicht nöthig ist, hier noch ein Wort darüber zu sagen. Dasselbe gilt für die niederen Thiere. Alle die Leute, welche Menagerien geleitet haben, geben diese Thatsache zu, und wir sehen dieselbe auch deutlich bei unseren Hunden und anderen domesticierten Thieren. Besonders Brehm legt auf die Thatsache Nachdruck, daß jeder individuelle Affe unter denen, welche er in Afrika in Gefangenschaft hielt, seine eignen ihm eigenthümlichen Anlagen und Launen gehabt habe; er erwähnt vorzugsweise einen Pavian wegen seiner hohen Intelligenz; und die Wärter im zoologischen Garten zeigten mir ein zu der Abtheilung der Affen der neuen Welt gehöriges Individuum, welches gleichfalls wegen seiner Intelligenz merkwürdig war. Auch Rengger betont die Verschiedenheit der einzelnen geistigen Eigenschaften bei Affen derselben Species, die er in Paraguay hielt, und fügt hinzu, daß diese Verschiedenheit zum Theil angeboren, zum Theil das Resultat der Art und Weise sei, in welcher die Thiere behandelt oder erzogen wären.Brehm, Thierleben, 2. Aufl. Bd. I, p. 119, 162. Rengger, Säugethiere von Paraguay, p. 57.

Ich habe an einem andern OrteVariiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. 2. Aufl. Bd. II, Cap. 12. das Thema der Vererbung so ausführlich erörtert, daß ich hier kaum irgend etwas hinzuzufügen nöthig habe. Eine große Anzahl von Thatsachen sind in Bezug auf die Überlieferung sowohl der äußerst unbedeutenden, als der bedeutungsvollsten Charaktere gesammelt worden, und zwar eine viel größere Anzahl in Bezug auf den Menschen als in Bezug auf irgend eines der niederen Thiere; doch sind in Bezug auf die letzteren die Thatsachen immer noch reichlich genug. Was z. B. die Überlieferung geistiger Eigenschaften betrifft, so ist dieselbe bei unsern Hunden, Pferden und anderen domesticierten Thieren offenbar. Außer den speciellen Neigungen und Gewohnheiten werden ein allgemein intelligentes Wesen, Muth, schlechtes und gutes Temperament u. s. w. sicher überliefert. In Bezug auf den Menschen sehen wir ähnliche Thatsachen fast in jeder Familie; und wir wissen jetzt durch die ausgezeichneten Arbeiten Mr. Galton's,Hereditary Genius, an Inquiry into its Laws and Consequences. 1869. daß das Genie, welches eine wunderbar complicierte Combination höherer Fähigkeiten umfaßt, zur Erblichkeit neigt; andererseits ist es nur zu gewiß, daß Verrücktheit und beschränkte geistige Kräfte gleichfalls durch ganze Familien gehen.

Was die Ursachen der Variabilität betrifft, so sind wir in allen Fällen in großer Unwissenheit; wir sehen nur, daß dieselbe beim Menschen wie bei den niederen Thieren in irgend einer Beziehung zu den Lebensbedingungen stehen, welchen eine jede Species mehrere Generationen hinter einander ausgesetzt gewesen ist. Domesticierte Thiere variieren mehr als Thiere im Naturzustande; und dies ist offenbar Folge der verschiedenartigen und wechselnden Lebensbedingungen, denen sie ausgesetzt gewesen sind. Die verschiedenen Menschenrassen gleichen in dieser Hinsicht domesticierten Thieren, und dasselbe gilt von den Individuen einer und derselben Rasse, sobald sie einen sehr großen Bezirk, wie z. B. Amerika bewohnen. Den Einfluß verschiedenartiger Bedingungen sehen wir an den civilisierten Nationen; denn deren Glieder gehören verschiedenen Rangclassen an und haben verschiedene Beschäftigungen, wodurch sie eine größere Verschiedenartigkeit von Eigenthümlichkeiten darbieten als die Glieder barbarischer Nationen. Andererseits ist aber die Gleichförmigkeit unter den Wilden bedeutend übertrieben worden, und in manchen Fällen kann man kaum sagen, daß sie überhaupt existiere.Mr. Bates bemerkt (The Naturalist on the Amazons. 1863. Vol. II, p. 159) in Bezug auf die Indianer eines und desselben südamerikanischen Stammes: »nicht zwei von ihnen waren in der Form des Kopfes einander überhaupt ähnlich; der eine hatte ein ovales Gesicht mit schönen Zügen, ein anderer war völlig mongolisch in der Breite und dem Vorspringen der Backen, der Öffnung der Nasenlöcher und der Schiefheit der Augen.« Nichtsdestoweniger ist es ein Irrthum, selbst wenn wir nur auf die Lebensbedingungen sehen, denen er unterworfen gewesen ist, vom Menschen so zu sprechen, als sei er »weit mehr domesticiert«Blumenbach, Treatises on Anthropology, engl. Übers. 1865, p. 205. als irgend ein anderes Thier. Einige wilde Rassen, z. B. die Australier, sind keinen mannigfaltigeren Bedingungen ausgesetzt als viele Species, welche sehr weite Verbreitungsbezirke haben. In einer andern und noch bedeutungsvolleren Beziehung weicht der Mensch sehr weit von jedem im strengen Sinn domesticierten Thier ab; die Nachzucht ist nämlich bei ihm weder durch methodische noch durch unbewußte Zuchtwahl controliert worden. Keine Rasse oder größere Zahl von Menschen ist von anderen Menschen so vollständig unterworfen worden, daß gewisse Individuen, weil sie in irgendwelcher Weise ihren Herren von größerem Nutzen gewesen wären, erhalten und so unbewußt zur Nachzucht ausgewählt worden wären. Auch sind sicherlich nicht gewisse männliche und weibliche Individuen absichtlich ausgewählt und mit einander verbunden worden mit Ausnahme des bekannten Falles der preußischen Grenadiere, und in diesem Falle folgte, wie man von vornherein erwarten konnte, der Mensch dem Gesetze methodischer Zuchtwahl; denn es wird ausdrücklich angeführt, daß in den Dörfern, welche die Grenadiere mit ihren großen Weibern bewohnten, viele ebenso große Menschen aufgezogen worden sind. Auch in Sparta wurde eine Art Zuchtwahl ausgeübt; denn es war vorgeschrieben, daß alle Kinder bald nach der Geburt untersucht wurden; die wohlgebildeten und kräftigen wurden erhalten, die andern dem Tode überlassen.Mitford, History of Greece, Vol. I, p. 282. Aus einer Stelle in Xenophon's Memorabilien 2. Buch, 4. (auf welche mich Mr. J. N. Hoare aufmerksam gemacht hat) scheint hervorzugehen, daß es ein bei den Griechen geltender Grundsatz war, daß die Männer die Frauen mit einem Hinblick auf die Gesundheit und Kraft ihrer Kinder wählen sollten. Der griechische Dichter Theognis, welcher 550 v. Chr. lebte, erkannte deutlich, wie bedeutungsvoll die Zuchtwahl, wenn sie sorgfältig angewandt würde, für die Veredelung der Menschheit sein würde. Er sah auch, daß Reichthum häufig die gehörige Wirksamkeit der geschlechtlichen Zuchtwahl störte. Er schreibt so:

Widder zur Zucht und Esel erspäh'n wir, Kyrnos, und edle
    Ross', und ein Jeglicher will solche von wack'rem Geschlecht
Aufzieh'n; aber zu freien die schuftige Tochter des Schuftes,
    Kümmert den Edlen nicht, bringt sie nur Schätze zu ihm.
Auch nicht weigert ein Weib sich, des Schufts Eh'gattin zu werden,
    Ist er nur reich; weit vor zieht sie der Tugend das Geld.
Schätze nur achtet man hoch. Mit dem Schufte versippt sich der Edle
    Und mit dem Edlen der Schuft: Habe vermischt das Geschlecht.
(Darum wund're dich nicht, Polypaedes, wenn in's Gemeine
    Sinket der Bürger Geschlecht, Edles mit Schuft'gem sich mengt.)
Ob er nun selbst wohl weiß, daß ein Schurke von Vater sie zeugte,
    Führt er sie gleichwohl heim, weil der Besitz ihn verlockt:
Er, der erlaucht, die Verrufne, dieweil die gewaltige Noth ihn
    Antreibt, welche des Manns Sinn, sich zu schicken, gewöhnt.

(Die Elegien des Theognis. Übers. von W. Binder. Stuttgart 1859. p. 15.)
Betrachten wir alle Menschenrassen als eine einzige Art bildend, so ist ihre Verbreitung ganz enorm; aber schon einzelne verschiedene Rassen, wie die Amerikaner und Polynesier, haben sehr weite Verbreitungsbezirke. Es ist ein bekanntes Gesetz, daß weitverbreitete Species viel variabler sind als Species mit beschränkter Verbreitung; und man kann weit zutreffender die Variabilität des Menschen mit der weitverbreiteter Species als mit der domesticierter Thiere vergleichen.

Die Variabilität erscheint nicht bloß beim Menschen und den niederen Thieren durch die nämlichen allgemeinen Ursachen veranlaßt worden zu sein, sondern in beiden Fällen werden auch dieselben Körpertheile in einer streng analogen Weise afficiert. Dies ist mit so ausführlichen Details von Godron und Quatrefages erwiesen worden, daß ich hier nur auf deren Werke zu verweisen habe.Godron, De l'espèce. 1859. Tom. II. Buch 3. Quatrefages, Unité de l'espèce humaine. 1861; auch die Vorlesungen über Anthropologie, mitgetheilt in der Revue des Cours Scientifiques, 1866-68. Monstrositäten, welche allmählich in unbedeutende Varietäten übergehen, sind gleichfalls beim Menschen und den niederen Thieren einander so ähnlich, daß für beide eine und dieselbe Classification und dieselben Bezeichnungen gebraucht werden können, wie man aus Isidore Geoffroy St. Hilaire's großem Werk sehen kann.Histoire génér. et partic. des Anomalies de l'Organisation. Tom. I. 1832. In meinem Buche über das Variieren domesticierter Thiere habe ich den Versuch gemacht, in einer skizzenartigen Weise die Gesetze des Variierens unter die folgenden Punkte zu ordnen: Die directe und bestimmte Wirkung veränderter Bedingungen, wie sich dieselben bei allen oder fast allen Individuen einer und derselben Species zeigt, welche unter denselben Umständen in einer und derselben Art und Weise abändern; – die Wirkungen lange fortgesetzten Gebrauchs oder Nichtgebrauchs von Theilen; – die Verwachsung homologer Theile; – die Variabilität in Mehrzahl vorhandener Theile; – Compensation des Wachsthums, doch habe ich von diesem Gesetz beim Menschen kein entscheidendes Beispiel gefunden; – die Wirkungen des mechanischen Drucks eines Theils auf einen andern, wie der Druck des Beckens auf den Schädel des Kindes im Mutterleibe; – Entwicklungshemmungen, welche zur Verkleinerung oder Unterdrückung von Theilen führen; – das Wiedererscheinen lange verlorener Eigentümlichkeiten durch Rückschlag; – und endlich correlative Abänderung. Alle diese sogenannten Gesetze gelten in gleicher Weise für den Menschen, wie für die niederen Thiere, und die meisten derselben sogar für Pflanzen. Es wäre hier überflüssig, sie alle zu erörtern;Ich habe diese Gesetze ausführlich in dem Buche »Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication«. 2. Aufl., Bd. II, Cap. 22 und 23 erörtert. J. P. Durand hat vor nicht langer Zeit (1868) eine werthvolle Abhandlung veröffentlicht: De l'Influence des Milieux etc. Er legt, was die Pflanzen betrifft, auf die Beschaffenheit des Bodens großes Gewicht. mehrere sind aber für uns von solcher Bedeutung, daß sie mit ziemlicher Ausführlichkeit behandelt werden müssen.

 
Die directe und bestimmte Wirkung veränderter Bedingungen. – Dies ist ein äußerst verwickelter Gegenstand. Es läßt sich nicht leugnen, daß veränderte Bedingungen irgendwelchen Einfluß und gelegentlich sogar eine beträchtliche Wirkung auf Organismen aller Arten äußern; auch scheint es auf den ersten Blick wahrscheinlich, daß, wenn man hinreichend Zeit gestattete, ein solches Resultat unabänderlich eintreten würde. Doch ist mir's nicht gelungen, deutliche Beweise zu Gunsten dieser Folgerung zu erhalten; es lassen sich auch auf der andern Seite gültige Gründe für das Gegentheil anführen, mindestens soweit die zahllosen Bildungs-Eigenthümlichkeiten in Betracht kommen, welche speciellen Zwecken angepaßt sind. Es kann indessen kein Zweifel sein, daß veränderte Bedingungen fluctuierende Variabilität in fast endloser Ausdehnung veranlassen, wodurch die ganze Organisation in gewissem Grade plastisch gemacht wird.

In den Vereinigten Staaten wurden über eine Million Soldaten, welche während des letzten Krieges dienten, gemessen und die Staaten, in denen sie geboren und erzogen waren, notiert.Investigations in Military and Anthropological Statistics by B. A. Gould 1869, p. 93, 107, 126, 131, 134. Aus dieser staunenswerthen Zahl von Beobachtungen ergiebt sich als bewiesen, daß locale Einflüsse irgendwelcher Art direct auf die Größe wirken; und wir lernen ferner, »daß der Staat, in dem das körperliche Wachsthum zum großen Theil stattgehabt hat, und der Staat der Geburt, welcher die Abstammung ergiebt, einen ausgesprochenen Einfluß auf die Größe auszuüben scheinen«. So ist z. B. als feststehend ermittelt worden, daß »ein Aufenthalt in den westlichen Staaten während der Jahre des Wachsthums eine Zunahme der Größe hervorzubringen neigt«. Andrerseits ist es sicher, daß bei Matrosen die Lebensweise das Wachsthum hemmt, wie sich »aus der bedeutenden Verschiedenheit der Größe von Soldaten und Matrosen im Alter von 17 und 18 Jahren ergiebt«. Mr. B. A. Gould versuchte die Natur dieser Einflüsse festzustellen, welche hiernach auf die Größe einwirken; er gelangte indeß nur zu negativen Resultaten, nämlich daß sie weder im Klima noch in der Bodenerhebung des Landes, noch selbst »in irgendwelchem controlierbarem Grade« in der Reichlichkeit oder dem Mangel der Lebensannehmlichkeiten liegen. Diese letzte Schlußfolgerung steht im directen Gegensatz zu der, zu welcher Villermé nach der Statistik der Körpergröße der in verschiedenen Theilen Frankreichs Conscribierten gelangte. Wenn wir die Verschiedenheit in der Körpergröße zwischen den polynesischen Häuptlingen und den niedrigen Volksstämmen derselben Inselgruppen, oder zwischen den Einwohnern der fruchtbaren vulkanischen und der niedrigen unfruchtbaren Koralleninseln desselben Oceans,In Bezug auf Polynesier siehe Prichard, Physical History of Mankind. Vol. V. 1847, p. 145, 283; auch Godron, De l'espèce, Tom. II., p. 289. Es besteht auch eine merkwürdige Verschiedenheit in der äußeren Erscheinung zwischen den nahe verwandten Hindus des oberen Ganges und Bengalens, s. Elphinstone, History of India. Vol. I, p. 234. oder ferner zwischen den Feuerländern der östlichen und westlichen Küsten ihres Heimatlandes, wo die Subsistenzmittel sehr verschieden sind, mit einander vergleichen, so ist es kaum möglich, den Schluß zu umgehen, daß bessere Nahrung und größerer Comfort die Körpergröße beeinflussen. Die voranstehenden Angaben zeigen aber, wie schwierig es ist, zu irgend einem präcisen Resultate zu gelangen. Dr. Beddoe hat vor Kurzem nachgewiesen, daß bei den Einwohnern Großbritanniens der Aufenthalt in Städten und gewisse Beschäftigungen einen die Körpergröße beeinträchtigenden Einfluß haben; und er schließt ferner, daß das Resultat in einer gewissen Ausdehnung vererbt wird, wie es auch in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Weiter glaubt auch Dr. Beddoe, daß, wo nur immer »eine Rasse das Maximum ihrer physischen Entwicklung erlangt, sie auch an Energie und moralischer Kraft sich am höchsten erhebt«.Memoirs Anthropolog. Soc. Vol. III. 1867–1869, p. 561, 565, 567.

Ob äußere Bedingungen irgend eine andre directe Wirkung auf den Menschen äußern, ist nicht bekannt. Es hätte sich erwarten lassen, daß Verschiedenheiten des Klima einen ausgesprochenen Einfluß haben würden, da bei einer niederen Temperatur die Lungen und Nieren zu größerer Thätigkeit und bei einer höheren Temperatur die Leber und die Haut zu einer solchen herangezogen werden.Dr. Brakenridge, Theory of Diathesis, in: Medical Times, June 19., und July 17., 1869. Man meinte früher, daß die Hautfarbe und die Beschaffenheit des Haares durch Licht oder Wärme bestimmt würden; und obgleich sich kaum leugnen läßt, daß eine gewisse Wirkung hierdurch ausgeübt wird, so stimmen fast alle Beobachter jetzt darin überein, daß die Wirkung nur sehr gering gewesen ist, selbst nach viele Generationen dauernder Einwirkung. Doch wird dieser Gegenstand besser noch dann erörtert werden, wenn wir von den verschiedenen Rassen des Menschen reden. In Bezug auf unsere domesticierten Thiere haben wir Gründe zu der Annahme, daß Kälte und Feuchtigkeit direct das Wachsthum der Haare afficieren; für den Menschen ist mir aber kein entscheidender Beweis hierfür begegnet.

 
Wirkung des vermehrten Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Theilen. – Es ist allgemein bekannt, daß der Gebrauch die Muskeln des Individuums kräftigt und daß völliger Nichtgebrauch oder die Zerstörung des betreffenden Nerven sie schwächt. Wird das Auge zerstört, so wird der Sehnerv häufig atrophisch; wenn eine Arterie unterbunden wird, so nehmen die seitlichen Blutgefäße nicht bloß an Durchmesser, sondern auch an Dicke und Kraft ihrer Wandungen zu. Hört in Folge von Krankheit die eine Niere auf zu wirken, so nimmt die andere an Größe zu und verrichtet doppelte Arbeit. Knochen nehmen nicht bloß an Dicke, sondern auch an Länge zu, wenn sie größere Gewichte zu tragen haben.Ich habe Gewährsmänner für diese verschiedenen Angaben angeführt in meinem »Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication«. 2. Aufl. Bd. II, p. 340, 341. Dr. Jäger, Über das Längenwachsthum der Knochen in der Jenaischen Zeitschrift. Bd. V, Heft 1.] Verschiedene gewohnheitsgemäß ausgeübte Beschäftigungen bringen veränderte Verhältnisse zwischen verschiedenen Theilen des Körpers hervor. So wurde durch die Commission der Vereinigten Staaten mit Bestimmtheit festgestellt,Investigations etc. von B. A. Gould, 1869, p. 288. daß die Beine der im letzten Kriege verwendeten Matrosen um 0,217 Zoll länger waren, als die der Soldaten, trotzdem daß die Matrosen im Mittel kleiner waren; dagegen waren ihre Arme um 1,09 Zoll kürzer und daher außer Verhältnis kürzer in Bezug auf ihre geringere Körperhöhe. Diese Kürze der Arme ist offenbar Folge ihres stärkeren Gebrauchs und ist ein ganz unerwartetes Resultat; doch benutzen Matrosen ihre Arme hauptsächlich zum Ziehen und nicht zum Tragen von Lasten. Der Umfang des Nackens und die Höhe des Spanns sind bei Matrosen größer, während der Umfang der Brust, der Taille und der Hüften geringer ist als bei Soldaten.

Ob die verschiedenen hier angeführten Modificationen erblich werden würden, wenn dieselbe Lebensweise während vieler Generationen befolgt würde, ist unbekannt, aber wahrscheinlich. RenggerSäugethiere von Paraguay. 1830, p. 4. schreibt die dünnen Beine und die dicken Arme der Payaguas-Indianer dem Umstande zu, daß sie Generationen hindurch fast ihr ganzes Leben in Canoes zugebracht haben, wobei ihre unteren Gliedmaßen bewegungslos waren. Andere Schriftsteller sind in Bezug auf andere analoge Fälle zu einem ähnlichen Schlusse gelangt. Nach Cranz,History of Groenland. 1767, Vol. I, p. 230. welcher lange Zeit unter den Eskimos lebte, »glauben die Eingeborenen, daß der Scharfsinn und das Geschick zum Robbenfangen (ihre höchste Kunst und Tugend) erblich sind, und jedenfalls ist etwas Wahres hieran; denn der Sohn eines berühmten Robbenfängers wird sich auszeichnen, auch wenn er seinen Vater in der Kindheit schon verloren hat«. Doch ist es in diesem Falle die geistige Anlage, welche ebenso wie die körperliche Bildung offenbar vererbt wird. Es wird angeführt, daß die Hände englischer Arbeiter schon bei der Geburt größer sind als die der besitzenden Classen.Intermarriage, by Alex. Walker. 1838, p. 377. Nach der Correlation, welche wenigstens in manchen FällenVariiren der Thiere und Pflanzen. 2. Aufl. Bd. I, p. 193. zwischen der Entwicklung der Gliedmaßen und der Kiefer besteht, ist es möglich, daß bei den Classen, welche nicht viel mit ihren Händen und Füßen arbeiten, die Kiefer schon aus diesem Grunde an Größe abnehmen. Daß sie allgemein bei veredelten und civilisierten Menschen kleiner sind als bei harte Arbeit verrichtenden oder Wilden, ist sicher. Doch wird, wie Mr. Herbert SpencerDie Principien der Biologie (übers. von Vetter). 1. Bd., p. 497. bemerkt hat, bei Wilden der bedeutendere Gebrauch der Kiefer zum Kauen grober, ungekochter Nahrung in einer directen Weise auf die Kaumuskeln, und auf die Knochen, an welchen diese befestigt sind, einwirken. Bei Kindern ist schon lange vor der Geburt die Haut an den Fußsohlen dicker als an irgend einem andern Theile des Körpers;Paget, Lectures on Surgical Pathology. Vol. I. 1853, p. 209. und es läßt sich kaum zweifeln, daß dies eine Folge der vererbten Wirkungen des eine lange Reihe von Generationen hindurch stattgefundenen Drucks ist.

Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß Uhrmacher und Kupferstecher sehr leicht kurzsichtig werden, während Leute, die viel im Freien leben, und besonders Wilde meist weitsichtig sind.Es ist eine eigenthümliche und unerwartete Thatsache, daß Seeleute den Festlandsbewohnern in Bezug auf die mittlere Größe der deutlichen Sehweite nachstehen. Dr. B. A. Gould hat nachgewiesen, daß dies der Fall ist (Sanitary Memoirs of the War of the Rebellion, 1869, p. 530); er erklärt es dadurch, daß bei Seeleuten die gewöhnliche Entfernung des Sehens »auf die Länge des Schiffes und die Höhe der Masten beschränkt ist«. Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit neigen sicher zur Vererbung.Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. 2. Aufl. Bd. II, S. 9. Die Inferiorität der Europäer in Bezug auf das Gesicht und die anderen Sinne im Vergleich mit Wilden ist ohne Zweifel die gehäufte und vererbte Wirkung eines viele Generationen hindurch verminderten Gebrauchs; denn Rengger führt an,Säugethiere von Paraguay, p. 8, 10. Ich habe reichlich Gelegenheit gehabt, das außerordentliche Sehvermögen der Feuerländer zu beobachten, s. auch Lawrence (Lectures on Physiology etc. 1822, p. 404) über denselben Gegenstand. Mr. Giraud-Teulon hat neuerdings (Revue des Cours scientifiques, 1870, p. 625) eine große und werthvolle Zahl von Beweisen gesammelt, welche zeigen, daß die Ursache der Kurzsichtigkeit »c'est le travail assidu, de près« daß er wiederholt Europäer beobachtet hat, welche unter wilden Indianern aufgezogen waren und ihr ganzes Leben dort verbracht hatten, und welche nichtsdestoweniger es ihnen an Schärfe ihrer Sinne nicht gleichthun konnten. Derselbe Naturforscher macht die Bemerkung, daß die zur Aufnahme der verschiedenen Sinnesorgane am Schädel vorhandenen Höhlen bei den amerikanischen Ureinwohnern größer sind als bei Europäern; und dies weist ohne Zweifel auf eine entsprechende Verschiedenheit in den Dimensionen der Organe selbst hin. Auch Blumenbach hat über die bedeutende Größe der Nasenhöhlen in den Schädeln amerikanischer Eingeborener Bemerkungen gemacht und bringt diese Thatsache mit ihrem merkwürdig scharfen Geruchsinn in Beziehung. Die Mongolen der weiten Ebenen von Nord-Asien haben Pallas zufolge wunderbar vollkommene Sinne; und Prichard glaubt, daß die große Breite ihrer Schädel, von einem Backenknochen zum andern, Folge ihrer höchst entwickelten Sinnesorgane sei.Prichard, Physic. Hist. of Mankind (nach der Autorität von Blumenbach). Vol. I. 1851, p. 311; die Angabe von Pallas ebenda. Vol. IV. 1844, p. 407.

Die Quechua-Indianer bewohnen die Hochplateaux von Peru; und Alcide d'Orbigny führt an,Citiert v. Prichard, Researches into the phys. hist. of Mankind. Vol. V, p. 463. daß sie in Folge des Umstands, daß sie beständig eine sehr verdünnte Luft einathmen, Brustkasten und Lungen von außerordentlichen Durchmessern erlangt haben. Auch sind die Lungenzellen größer und zahlreicher als bei Europäern. Diese Beobachtungen sind in Zweifel gezogen worden; aber Mr. D. Forbes hat sorgfältig viele Aymaras, von einer verwandten Rasse, gemessen, welche in der Höhe von zehn- und fünfzehntausend Fuß leben; er theilt mir mit,Mr. Forbes' werthvolle Arbeit ist jetzt publiciert in: Journal of the Ethnological Soc. of London. New Ser. Vol. II. 1870, p. 193. daß sie von den Menschen aller andern Rassen, welche er gesehen habe, auffällig in dem Umfang und der Länge ihrer Körper abweichen. In seiner Tabelle von Maßen wird die Größe jedes Menschen zu tausend genommen und die andern Maßangaben auf diese Zahl bezogen. Es zeigt sich hier, daß die ausgestreckten Arme der Aymaras kürzer als die der Europäer und viel kürzer als die der Neger sind. Die Beine sind gleichfalls kürzer und sie bieten die merkwürdige Eigenthümlichkeit dar, daß bei jedem durchgemessenen Aymara der Oberschenkel factisch kürzer als das Schienbein ist. Im Mittel verhält sich die Länge des Oberschenkels zu der des Schienbeins wie 211:252, während, bei zwei zu derselben Zeit gemessenen Europäern die Oberschenkel zu den Schienbeinen sich wie 244:230 und bei drei Negern wie 258:241 verhielten. Auch der Oberarm ist im Verhältnis zum Unterarm kürzer. Diese Verkürzung des Theils der Gliedmaßen, welche dem Körper am nächsten ist, scheint mir, wie Mr. Forbes vermuthungsweise andeutet, ein Fall von Compensation im Verhältnis zu der bedeutend vergrößerten Länge des Rumpfs zu sein. Die Aymaras bieten noch einige andre eigenthümliche Punkte in ihrem Körperbau dar, so z. B. das sehr geringe Vorspringen ihrer Fersen.

Diese Menschen sind so vollständig an ihren kalten und hohen Aufenthaltsort akklimatisiert, daß sie sowohl früher, als sie von den Spaniern in die niedrigeren, östlichen Ebenen hinabgeführt, als auch später, wo sie durch die hohen Lohnsätze versucht wurden, die Goldwäschereien aufzusuchen, eine schreckenerregende Sterblichkeitsziffer darboten. Nichtdestoweniger fand Mr. Forbes ein paar rein im Blut erhaltene Familien, welche zwei Generationen hindurch leben geblieben waren, und machte die Beobachtung, daß sie noch immer ihre charakteristischen Eigenthümlichkeiten vererbten. Aber selbst ohne Messung fiel es auf, daß diese Eigenthümlichkeiten sich alle vermindert hatten, und nach der Messung zeigte sich, daß ihre Körper nicht in dem Maße verlängert waren, wie die der Menschen auf dem Hochplateau, während ihre Oberschenkel sich etwas verlängert hatten, ebenso wie ihre Schienbeine, wenn auch in geringerem Grade. Die Maßangaben selbst kann man in Mr. Forbes' Abhandlung nachsehen. Nach diesen werthvollen Beobachtungen läßt sich, wie ich meine, nicht daran zweifeln, daß ein viele Generationen lange dauernder Aufenthalt in einer sehr hoch gelegenen Gegend sowohl direct als indirect erbliche Modifikationen in den Körperproportionen herbeizuführen neigt.Dr. Wilckens (Landwirthschaftliches Wochenblatt, No. 10, 1869) hat vor Kurzem eine interessante Abhandlung veröffentlicht, worin er zeigt, wie domesticierte Thiere, welche in bergigen Gegenden leben, einen modificierten Körperbau haben.

Mag auch der Mensch während der späteren Zeiten seiner Existenz in Folge des vermehrten oder verminderten Gebrauchs von Theilen nicht sehr modificiert worden sein, so zeigen doch die hier gegebenen Thatsachen, daß er die Eigenschaft, hierdurch beeinflußt zu werden, nicht verloren hat, und wir wissen positiv, daß dasselbe Gesetz für die Thiere Gültigkeit hat. In Folge hiervon können wir schließen, daß, als zu einer sehr frühen Epoche die Urerzeuger des Menschen sich in einem Übergangszustand befanden und sich aus Vierfüßern zu Zweifüßern umwandelten, die natürliche Zuchtwahl wahrscheinlich in hohem Maße durch die vererbten Wirkungen des vermehrten oder verminderten Gebrauchs der verschiedenen Theile des Körpers unterstützt worden sein mag.

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