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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 36
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
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Ordnung: Hemiptera (Wanzen). – Mr. J. W. Douglas, welcher besonders den britischen Arten seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, ist so freundlich gewesen, mir eine Schilderung ihrer geschlechtlichen Verschiedenheiten zu geben. Die Männchen einiger Species sind mit Flügeln versehen, während die Weibchen flügellos sind. Die Geschlechter weichen auch von einander in der Form des Körpers, der Flügelscheiden, der Antennen und der Tarsen ab. Da aber die Bedeutung dieser Verschiedenheiten vollständig unbekannt ist, so mögen sie hier übergangen werden. Die Weibchen sind allgemein größer und kräftiger als die Männchen. Bei britischen und soweit Mr. Douglas es weiß auch bei exotischen Species weichen die Geschlechter gewöhnlich nicht sehr in der Farbe ab; aber in ungefähr sechs britischen Arten ist das Männchen beträchtlich dunkler als das Weibchen, und in ungefähr vier andern Arten ist das Weibchen dunkler als das Männchen. Beide Geschlechter einiger Arten sind sehr schön gefärbt; und da diese Insecten einen äußerst ekelhaften Geruch von sich geben, so dürften ihre auffallenden Farben als ein Zeichen für insectenfressende Thiere dienen, daß sie ungenießbar sind. In einigen wenigen Fällen scheinen die Farben direct als Schutzmittel zu dienen. So theilt mir Prof. Hoffmann mit, daß er eine kleine rosa und grüne Art kaum von den Knospen an den Lindenstämmen, welche dies Insect aufsucht, hätte unterscheiden können.

Einige Arten der Reduviden bringen ein schrillendes Geräusch hervor und von Pirates stridulus wird angegeben,Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. II, p. 473. daß dies durch die Bewegung des Halses innerhalb der Höhle des Prothorax hervorgebracht werde. Westring zufolge bringt auch Reduvius personatus ein Geräusch hervor. Ich habe aber keinen Grund zu vermuthen, daß dies ein sexueller Charakter sei, ausgenommen, daß bei nicht socialen Insecten ein lautproducierendes Organ von keinem Nutzen sein kann, wenn es nicht geschlechtliche Rufe hervorbringt.

 
Ordnung: Homoptera (Zirpen). – Jeder, der in einem tropischen Wald umhergewandert ist, wird über den Klang erstaunt gewesen sein, den die männlichen Cicaden hervorbringen. Die Weibchen sind stumm, wie schon der griechische Dichter Xenarchus sagt: »Glücklich leben die Cicaden, da sie alle stimmlose Weiber haben.« Der von ihnen hervorgebrachte Laut konnte deutlich an Bord des Beagle gehört werden, als dieses Schiff eine viertel englische Meile von der Küste von Brasilien entfernt vor Anker lag, und Capitain Hancock sagt, daß der Laut in der Entfernung von einer englischen Meile gehört werden könne. Früher hielten sich die Griechen, wie es die Chinesen heutigen Tages thun, diese Insecten in Käfigen wegen ihres Gesanges, so daß derselbe für die Ohren mancher Menschen angenehm sein muß.Diese Einzelheiten sind entnommen aus Westwood's Modern Classification of Insects. Vol. II. 1840, p. 422. s. auch über die Fulgoriden Kirby and Spence, Introduction etc. Vol. II, p. 401. Die Cicadiden singen gewöhnlich während des Tages, während die Fulgoriden Nachtsänger zu sein scheinen. Nach LandoisZeitschrift für wissenschaftliche Zoologie. Bd. XVII. 1867, p. 152-158. wird der Laut durch die Schwingungen der Ränder der Luftöffnungen hervorgebracht, welche durch einen aus den Tracheen ausgestoßenen Luftstrom in Bewegung gesetzt werden; doch wird diese Ansicht neuerdings bestritten. Dr. Powell scheint bewiesen zu haben,Transact. New Zealand Institut. Vol. V. 1873, p. 286. daß er durch die Schwingungen einer durch einen speciellen Muskel in Bewegung gesetzten Membran hervorgebracht wird. Beim lebenden Insect kann man während des Stridulierens diese Membran schwingen sehen, und beim todten Insect wird der richtige Ton gehört, wenn der etwas eingetrocknete und hart gewordene Muskel mit einer Stecknadelspitze angezogen wird. Beim Weibchen ist der ganze complicierte Stimmapparat zwar vorhanden, aber viel weniger als bei dem Männchen entwickelt und wird niemals zum Hervorbringen von Lauten benutzt.

In Bezug auf den Zweck dieser Musik sagt Dr. Hartmann,Für diesen Auszug aus einem »Journal of the Doings of Cicada septemdecim« von Dr. Hartmann bin ich Mr. Walsh verbunden. wo er von der Cicada septemdecim der Vereinigten Staaten spricht: »Das Trommeln ist jetzt (6. und 7. Juni 1851) in allen Richtungen zu hören. Ich glaube, daß dies die hochzeitliche Aufforderung seitens der Männchen ist. In dichtem Kastaniengebüsch ungefähr von Kopfhöhe stehend, wo Hunderte von Männchen um mich herum waren, beobachtete ich, daß die Weibchen sich um die trommelnden Männchen versammelten«. Er fügt dann hinzu: »In diesem Jahre (August 1868) brachte ein Zwergbirnbaum in meinem Garten ungefähr fünfzig Larven von Cicada pruinosa hervor, und ich beobachtete mehrere Male, daß die Weibchen sich in der Nähe eines Männchens niederließen, während es seine schallenden Töne ausstieß.« Fritz Müller schreibt mir aus Süd-Brasilien, daß er oft einem musikalischen Streite zwischen zwei oder drei Männchen einer Cicade zugehört habe, welche eine besonders laute Stimme hatten und in einer beträchtlichen Entfernung von einander saßen. Sobald das erste seinen Gesang beendigt hatte, begann unmittelbar darauf ein zweites, dann ein anderes. Da hiernach so viele Rivalität zwischen den Männchen existiert, so ist es wahrscheinlich, daß die Weibchen sie nicht bloß an den von ihnen ausgestoßenen Lauten erkennen, sondern daß sie, wie weibliche Vögel, von dem Männchen mit der anziehendsten Stimme angelockt oder angeregt werden.

Von ornamentalen Verschiedenheiten zwischen den beiden Geschlechtern bei den Homoptern habe ich keinen gut markierten Fall gefunden. Mr. Douglas theilt mir mit, daß es drei britische Arten giebt, bei denen das Männchen schwarz oder mit schwarzen Binden gezeichnet ist, während die Weibchen blaß gefärbt oder düsterfarbig sind.

 
Ordnung: Orthoptera (Grillen und Heuschrecken). – Die Männchen der drei durch ihre Springfüße ausgezeichneten Familien dieser Ordnung sind merkwürdig wegen ihrer musikalischen Fähigkeit, nämlich die der Achetiden oder Grillen, der Locustiden und der Acridiiden oder Heuschrecken. Die von einigen Locustiden hervorgebrachten Geräusche sind so laut, daß sie während der Nacht in einer Entfernung von einer englischen Meile gehört werden,L. Guilding in: Transact. Linnean Soc. Vol. XV, p. 154. und die von gewissen Species hervorgebrachten Laute sind selbst für das menschliche Ohr nicht unmusikalisch, so daß sie die Indianer am Amazonenstrom in Käfigen von geflochtenen Weiden halten. Alle Beobachter stimmen darin überein, daß die Geräusche dazu dienen, die stummen Weibchen zu rufen oder anzuregen. In Bezug auf die Wanderheuschrecke Rußlands hat KörteIch führe dies nach der Gewähr von Köppen, Über die Heuschrecken in Süd-Rußland, 1866, p. 32, an; ich habe mich vergebens bemüht, mir Körte's Buch zu verschaffen. einen interessanten Fall von der Wahl eines Männchens Seitens des Weibchens gegeben. Während sich die Männchen dieser Art (Pachytylus migratorius) mit dem Weibchen paaren, bringen sie aus Ärger oder Eifersucht ein Geräusch hervor, sobald sich ein anderes Männchen nähert. Wird das Heimchen oder die Hausgrille während der Nacht überrascht, so gebraucht es seine Stimme, um seine Genossen zu warnen.Gilbert White, Natur. History of Selborne. Vol. II. 1825, p. 226. Das Katy-did (Platyphyllum concavum, eine Form der Locustiden) in Nord-Amerika steigt nach der BeschreibungHarris, Insects of New England. 1842, p. 128. auf die oberen Zweige eines Baumes und beginnt am Abend »ein lärmendes Geschwätz, während rivalisierende Laute von den benachbarten Bäumen ausgehen, so daß die Gebüsche von dem Rufe des Katy-did-she-did die ganze liebe lange Nacht hindurch erschallen«. Mr. Bates sagt, indem er von der europäischen Feldgrille (einer der Achetiden) spricht: »Man hat beobachtet, wie sich das Männchen am Abend vor den Eingang zu seiner Höhle stellt und seine Stimme erhebt, bis sich ein Weibchen nähert; hierauf folgt den lauteren Tönen ein leises Geräusch, während der erfolgreiche Musiker mit seinen Antennen den neugewonnenen Genossen liebkost.«The Naturalist on the Amazons. Vol. I. 1863, p. 252. Mr. Bates giebt eine sehr interessante Erörterung über die Abstufungen in der Entwicklung der Stimmorgane der drei Familien; s. auch Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. II, p. 445 und 453. Dr. Scudder war im Stande, eines dieser Insecten dazu zu bringen, ihm zu antworten, dadurch, daß er mit einer Feder auf einer Feile rieb.Proceed. Boston Soc. of Natur. History. Vol. XI. April 1868. In beiden Geschlechtern ist von von Siebold ein merkwürdiger Gehörapparat entdeckt worden, welcher in den Vorderschienen seinen Sitz hat.Lehrbuch der vergleichenden Anatomie. Bd. I. 1848, p. 583.

Fig. 11. Gryllus campestris (nach Landois).

Die Figur rechts stellt die untere Seite eines Stücks der Schrillader dar, bedeutend vergrößert und die Zähne (st) zeigend.

Die Figur links ist die obere Fläche der Flügeldecke mit den vorspringenden glatten Adern (r), gegen welche die Zähne (st) gerieben werden.

In den drei Familien werden die Geräusche auf verschiedene Weise hervorgebracht. Bei den Männchen der Achetiden besitzen beide Flügeldecken dasselbe Gebilde, und dies besteht bei der Feldgrille (Gryllus campestris, Fig. 11), wie es Landois beschrieben hatZeitschrift für wissenschaftliche Zoologie. Bd. XVII. 1867, p. 117. aus 131 bis 138 scharfen Querleisten oder Zähnen (st) auf der unteren Seite einer der Adern der Flügeldecken. Diese gezahnte Ader (Schrillader Landois) wird mit großer Schnelligkeit quer über eine vorspringende glatte harte Ader (r) auf der oberen Fläche des entgegengesetzten Flügels gerieben. Zuerst wird ein Flügel über den andern gerieben und dann wird die Bewegung umgekehrt. Beide Flügel werden zu derselben Zeit etwas in die Höhe gehoben, um die Resonanz zu verstärken. In einigen Species sind die Flügeldecken an ihrer Basis mit einer glimmerartigen Platte versehen.Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. I, p. 440. Ich habe hier untenstehend eine Zeichnung (Fig. 12) der Zähne von der unteren Seite der Aderung einer anderen Species von Gryllus, nämlich von G. domesticus, gegeben. Was die Bildung dieser Zähne betrifft, so hat Dr. Graber gezeigt,Über den Tonapparat der Locustiden, ein Beitrag zum Darwinismus, in Zeitschr. f. wissensch. Zoologie. Bd. XXII. 1872, p. 100. daß sie mit Hülfe der Zuchtwahl sich aus den äußerst kleinen Schuppen und Haaren entwickelt haben, mit denen die Flügel und der Körper bedeckt sind; ich kam in Bezug auf diejenigen der Coleoptern zu demselben Schlusse. Dr. Graber zeigt aber ferner, daß ihre Entwicklung zum Theil eine directe Folge des aus der Reibung eines Flügels auf dem andern entstehenden Reizes ist.

Fig. 12. Zähne der Aderung von Gryllus domesticus (nach Landois)

Bei den Locustiden weichen die Flügeldecken der beiden einander gegenüberstehenden Seiten in ihrer Bildung ab (Fig. 13) und können nicht, wie es in der letzten Familie der Fall war, indifferent auch in umgekehrter Weise benutzt werden. Der linke Flügel, welcher als ein Violinbogen wirkt, liegt über dem rechten Flügel, welcher als Violine selbst dient. Einer der Nerven (a) an der unteren Fläche des ersteren ist fein gesägt und wird quer über die vorspringenden Nerven an der oberen Fläche des entgegengesetzten oder rechten Flügels hingezogen. Bei unserer englischen Phasgonura viridissima schien es mir, als ob die gesägte Ader gegen die abgerundete hintere Ecke des entgegengesetzten Flügels gerieben würde, deren Rand verdickt, braun gefärbt und sehr scharf ist. Am rechten Flügel, aber nicht am linken, findet sich eine kleine Platte, so durchscheinend wie ein Glimmerplättchen und von Adern umgeben, welche der Spiegel genannt wird. In Ephippiger vitium, einem Mitgliede derselben Familie, finden wir eine merkwürdige untergeordnete Modification; die Flügeldecken sind hier bedeutend an Größe reduciert, aber, »der hintere Theil des Prothorax ist in eine Art Gewölbe über die Flügeldecken erhoben, welches wahrscheinlich die Wirkung den Laut zu verstärken hat.«Landois, Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie. Bd. XVII. 1867, p. 121, 122.

Fig. 13. Chlorocoelus Tanana (nach Bates). a b Abschnitte der beiderseitigen Flügeldecken.

Wir sehen hiernach, daß der tonerzeugende Apparat bei den Locustiden, welche, wie ich glaube, die kräftigsten Sänger in der Ordnung enthalten, mehr differenziert und specialisiert ist als bei den Achetiden, bei denen die beiden Flügeldecken dieselbe Structur und dieselbe Function haben.Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. I, p. 453.. Indessen hat Landois bei einer Form der Locustiden, nämlich bei Decticus, eine kurze und schmale Reihe kleiner Zähne, fast bloßer Rudimente, auf der unteren Fläche der rechten Flügeldecke entdeckt, welche unter der andern liegt und niemals als Bogen benutzt wird. Ich habe dieselbe rudimentäre Bildung an der unteren Fläche der rechten Flügeldecke bei Phasgonura viridissima beobachtet. Wir können daher mit Sicherheit schließen, daß die Locustiden von einer Form abstammen, bei welcher, wie bei den jetzt lebenden Achetiden, beide Flügeldecken an der unteren Fläche gezahnte Adern besaßen und beide ganz indifferent als Bogen benutzt werden konnten, daß aber bei den Locustiden die beiden Flügeldecken allmählich differenziert und vervollkommnet wurden, und zwar nach dem Principe der Arbeitstheilung so, daß der eine ausschließlich als Bogen, der andere nur als Violine wirkte. Dr. Graber ist derselben Ansicht; er hat gezeigt, daß sich rudimentäre Zähne gewöhnlich an der unteren Fläche des rechten Flügels finden. Durch welche Stufen der einfachere Apparat bei den Achetiden entstand, wissen wir nicht; es ist aber wahrscheinlich, daß die basalen Theile der Flügeldecken einander früher überdeckten, so wie sie es jetzt noch thun, und daß die Reibung der Adern einen kratzenden Ton hervorbrachte, wie es jetzt noch, wie ich sehe, der Fall mit den Flügeldecken der Weibchen ist.Mr. Walsh theilt mir auch mit, wie er bemerkt habe, daß das Weibchen (von Platyphyllum concarum), »wenn es gefangen wird, ein schwaches kratzendes Geräusch durch das Reiben der beiden Flügeldecken aufeinander hervorbringe«. Ein in dieser Weise gelegentlich und zufällig von den Männchen hervorgebrachter kratzender Laut kann, wenn er auch noch so wenig dazu diente, den Weibchen als liebender Zuruf zu erscheinen, doch leicht durch geschlechtliche Zuchtwahl intensiver gemacht worden sein dadurch, daß passende Abänderungen in der Rauhigkeit der Flügeladern beständig erhalten blieben.

Fig. 14. Hinterbein von Stenobothrus pratorum.
r die Schrill-Leiste; die untere Figur zeigt die die Leiste bildenden Zähne, bedeutend vergrößert (nach Landois).

In der dritten und letzten Familie, nämlich der der Acridiiden, wird das schrillende Geräusch in einer sehr verschiedenen Weise hervorgebracht und ist nach Dr. Scudder nicht so grell als in den vorhergehenden Familien. Die innere Oberfläche des Oberschenkels (Fig. 14  r) ist mit einer Längsreihe sehr kleiner eleganter, lancettförmiger, elastischer Zähne versehen, 85 bis 93 an Zahl,Landois, Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie. Bd. XVII. 1867, p. 113. und diese werden quer über die scharfen vorspringenden Adern der Flügeldecken herabgezogen, welche hierdurch zum Schwingen und zur Resonanz gebracht werden. HarrisInsects of New England. 1842, p. 133. sagt, daß, wenn eines der Männchen zu spielen beginnt, es zuerst »die Tibien der Hinterbeine unter die Schenkel heraufzieht, wo sie in eine zu ihrer Aufnahme bestimmte Furche eingefügt werden, und dann zieht es das Bein scharf auf und nieder. Es spielt seine beiden Geigen nicht gleichzeitig auf einmal, sondern zuerst die eine, dann die der anderen Seite«. Bei vielen Arten ist die Basis des Hinterleibs zu einer großen Blase ausgehöhlt, von welcher man annimmt, daß sie als Resonanzboden dient. Bei Pneumora (Fig. 15), einem südafrikanischen Genus, welches zu derselben Familie gehört, begegnen wir einer neuen und merkwürdigen Modification. Bei dem Männchen springt eine kleine, mit Einschnitten versehene Leiste schräg von jeder Seite des Abdomen vor, gegen welche die Hinterschenkel gerieben werden.Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. I, p. 462. Da das Männchen mit Flügeln versehen, das Weibchen flügellos ist, so ist es merkwürdig, daß die Oberschenkel nicht in der gewöhnlichen Art und Weise gegen die Flügeldecken gerieben werden; dies dürfte aber vielleicht durch die ungewöhnlich geringe Größe der Hinterbeine erklärt werden. Ich bin nicht im Stande gewesen, die innere Fläche der Oberschenkel zu untersuchen, welche der Analogie nach zu schließen fein gesägt sein dürfte. Die Species von Pneumora sind eingehender zum Zwecke der Stridulation modificiert worden als irgend ein anderes orthopteres Insect. Denn bei den Männchen ist der ganze Körper in ein musikalisches Instrument umgewandelt worden, er ist durch Luft zu einer großen durchsichtigen Blase ausgedehnt, um die Resonanz zu verstärken. Mr. Trimen theilt mir mit, daß am Cap der guten Hoffnung diese Insecten während der Nacht ein wunderbares Geräusch hervorbringen.

Fig. 15. Pneumora (nach Exemplaren im British Museum).
Obere Figur Männchen, untere Figur Weibchen.

In diesen drei Familien entbehren die Weibchen beinahe immer eines wirksamen tonerzeugenden Apparats. Doch giebt es einige wenige Ausnahmen von dieser Regel; Dr. Graber hat gezeigt, daß beide Geschlechter von Ephippiger (Locustiden) damit versehen sind, wennschon die Organe beim Männchen und Weibchen bis zu einem gewissen Grade verschieden sind. Wir können daher nicht annehmen, daß sie vom Männchen auf das Weibchen übertragen worden sind, was mit den secundären Sexualcharakteren vieler andern Thiere der Fall gewesen zu sein scheint. Sie müssen sich in beiden Geschlechtern unabhängig entwickelt haben, welche sich ohne Zweifel während der Zeit der Liebe einander gegenseitig rufen. Bei den meisten andern Locustiden (aber nach Landois' Angabe nicht bei Decticus) haben die Weibchen Rudimente der den Männchen eigenthümlichen Stridulationsorgane, von denen sie wahrscheinlich auf die Weibchen übertragen worden sind. Landois hat auch derartige Rudimente an der untern Fläche der Flügeldecken der weiblichen Achetiden und an den Schenkeln der weiblichen Acridiiden gefunden. Auch bei den Homoptern besitzen die Weibchen den eigenthümlichen Stimmapparat in einem functionsunfähigen Zustande; und wir werden noch später in anderen Abtheilungen des Thierreichs vielen Beispielen begegnen, wo Gebilde, welche dem Männchen eigentümlich sind, in einem rudimentären Zustande beim Weibchen vorkommen.

Landois hat noch eine andere interessante Thatsache beobachtet, nämlich daß bei den Weibchen der Acridiiden die für das Lautgeben bestimmten Zähne an den Oberschenkeln durch das ganze Leben in demselben Zustande bleiben, in welchem sie zuerst während des Larvenzustands in beiden Geschlechtern erscheinen. Bei den Männchen werden sie dagegen vollständig entwickelt und erreichen ihre vollkommene Bildung mit der letzten Häutung, wenn das Insect geschlechtsreif und zur Fortpflanzung bereit ist.

Aus den jetzt gegebenen Thatsachen sehen wir, daß die Mittel, durch welche die Männchen der Orthoptern ihre Laute producieren, äußerst verschiedenartig und durchaus von denen, welche bei den Homoptern angewendet werden, abweichend sind.Landois hat neuerdings bei gewissen Orthoptern rudimentäre Bildungen gefunden, welche den lauterzeugenden Organen bei den Homoptern sehr ähnlich sind; dies ist eine überraschende Thatsache. s. Zeitschr. f. wissensch. Zool. Bd. XXII. Heft 3. 1871, p. 348. Aber durch das ganze Thierreich hindurch sehen wir häufig, daß derselbe Zweck durch die verschiedenartigsten Mittel erreicht wird. Dies scheint eine Folge davon zu sein, daß die ganze Organisation im Laufe der Zeiten mannichfache Veränderungen erlitten hat und daß, da ein Theil nach dem andern variiert hat, aus verschiedenen Abänderungen zu einem und dem nämlichen allgemeinen Zwecke Vortheil gezogen worden ist. Die Verschiedenheit der Mittel zur Hervorbringung einer Stimme in den drei Familien der Orthoptern und bei den Homoptern läßt die große Bedeutung dieser Gebilde für die Männchen zu dem Zwecke des Herbeirufens oder Anlockens der Weibchen recht hervortreten. Wir dürfen von der Größe der Modificationen nicht überrascht sein, welche die Orthoptern in dieser Beziehung erlitten haben, da wir jetzt in Folge von Dr. Scudder's merkwürdiger EntdeckungTransact. Entomol. Soc. 3. Series. Vol. II. Journal of Proceedings, p. 117. wissen, daß die Zeit hierzu mehr als hinreichend gegeben war. Dieser Naturforscher hat neuerdings in der Devonischen Formation von Neu-Braunschweig ein fossiles Insect gefunden, welches mit »dem bekannten Paukenfell oder dem Stridulationsapparat der männlichen Locustiden« versehen war. Obgleich dieses Insect in den meisten Beziehungen mit den Neuroptern verwandt war, so scheint es doch, wie es so oft mit sehr alten Formen der Fall ist, die beiden Ordnungen der Neuroptern und Orthoptern noch näher, als sie sich jetzt schon stehen, mit einander zu verbinden.

Ich habe jetzt nur noch wenig über die Orthoptern zu sagen. Einige von ihren Species sind sehr kampfsüchtig. Wenn zwei männliche Feldgrillen (Gryllus campestris) mit einander gefangen gehalten werden, so kämpfen sie so lange mit einander, bis eine getödtet ist, und die Species von Mantis manövrieren der Beschreibung nach mit ihren schwertförmigen Vorderbeinen wie Husaren mit ihren Säbeln. Die Chinesen halten diese lnsecten in kleinen aus Bambus geflochtenen Käfigen und bringen sie wie Kampfhähne mit einander zusammen.Westwood, Modern Classification of Insects. Vol. I, p. 427, wegen der Grillen p. 445. Was die Färbung betrifft, so sind einige ausländische Heuschrecken wunderschön verziert. Die Hinterflügel sind mit Roth, Blau und Schwarz gezeichnet. Da aber in der ganzen Ordnung die beiden Geschlechter selten bedeutend in der Färbung von einander verschieden sind, so ist es nicht wahrscheinlich, daß sie diese glänzenden Tinten der geschlechtlichen Zuchtwahl verdanken. Auffallende Färbungen können für diese Insecten auch als Schutzmittel von Nutzen sein dadurch, daß sie ihren Feinden anzeigen, daß sie ungenießbar sind. So ist beobachtet worden,Ch. Horne in Proceed. Entomolog. Soc. 3. May, 1869, p. XII. daß eine indische hell gefärbte Heuschrecke ohne Ausnahme verschmäht wurde, wenn man sie Vögeln und Eidechsen darbot. Es sind indessen auch einige Fälle von geschlechtlicher Verschiedenheit in der Färbung aus dieser Ordnung bekannt. Das Männchen einer amerikanischen GrilleDer Oecanthus nivalis. Harris, Insects of New England. 1842, p. 124. Die beiden Geschlechter des europäischen Oe. pellucidus weichen, wie ich von Victor Carus höre, in nahezu derselben Art von einander ab. wird beschrieben als weiß wie Elfenbein, während das Weibchen von einer beinahe weißen Farbe bis zu einer grünlich gelben oder schwärzlichen variiert. Mr. Walsh theilt mir mit, daß das erwachsene Männchen von Spectrum femoratum (eine Form der Phasmiden) »von einer glänzenden bräunlich-gelben Farbe, das erwachsene Weibchen dagegen von einem trüben opaken bräunlichen Aschgrau ist, während die Jungen beider Geschlechter grün sind«. Endlich will ich noch erwähnen, daß das Männchen einer merkwürdigen Art von GrillenPlatyblemmus: Westwood, Modern Classification. Vol. I, p. 447. mit »einem langen häutigen Anhange versehen ist, welcher wie ein Schleier über das Gesicht herabfällt« was aber sein Gebrauch sein mag, ist nicht bekannt.

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