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Die Abstammung des Menschen

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen - Kapitel 31
Quellenangabe
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typereport
authorCharles Darwin
titleDie Abstammung des Menschen
publisherfourier
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037039
firstpub1871
translatorJ. Viktor Carus
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090210
modified20160412
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Vögel. – In Bezug auf das Huhn habe ich nur einen einzigen Bericht erhalten, nämlich von 1001 Hühnchen eines hochgezüchteten Stammes von Cochinchina-Hühnern, welche Mr. Stretch im Verlaufe von acht Jahren erzogen hat: 487 ergaben sich als Männchen und 514 als Weibchen, das ist also ein Verhältnis von 94,7 zu 100. Was die domesticierten Tauben betrifft, so sind hier gute Belege dafür vorhanden, daß entweder die Männchen im Excess erzeugt werden, oder daß sie länger leben; denn diese Vögel paaren sich ausnahmslos treu, und einzelne Männchen sind, wie mir Mr. Tegetmeier mittheilt, immer billiger zu kaufen als Weibchen. Gewöhnlich ist von den beiden aus den zwei in demselben Gelege sich findenden Eiern erzogenen Vögeln das eine ein Männchen, das andere ein Weibchen; aber Mr. Harrison Weir, welcher ein so bedeutender Züchter gewesen ist, sagt, daß er oft in demselben Neste zwei Tauber, selten dagegen zwei Tauben erzogen habe; außerdem ist das Weibchen allgemein von beiden das schwächere Thier und geht leichter zu Grunde.

Was die Vögel im Naturzustande betrifft, so sind Mr. Gould und AndereBrehm kommt zu demselben Schlusse (Illustr. Thierleben. 2. Aufl. Bd. IV. 2. Abth., Vögel, 1. Bd. p. 20). überzeugt, daß die Männchen allgemein zahlreicher sind; während doch, da die jungen Männchen vieler Arten den Weibchen ähnlich sind, natürlich die letzteren als die am zahlreichsten vertretenen scheinen sollten. Mr. Baker von Leadenhall hatte große Mengen von Fasanen aus von wilden Vögeln gelegten Eiern erzogen und theilt Mr. Jenner Weir mit, daß meistens vier oder fünf Hähne auf je eine Henne produciert werden. Ein erfahrener Beobachter bemerkt,Nach der Autorität von L. Lloyd, Game Birds of Sweden. 1867, p. 12, 132. daß in Scandinavien die Bruten des Auer- und Birkhuhns mehr Männchen als Weibchen enthalten, und daß von dem »Dal-ripa« (einer Art Schneehuhn [Laaopus subalpina Nilss.]) mehr Männchen als Weibchen die »Leks« oder Balzplätze besuchen; den letzteren Umstand erklären indessen einige Beobachter dadurch, daß eine größere Zahl von Hennen von kleinen Raubthieren getödtet wird. Aus verschiedenen von White in SelborneNatural History of Selborne. Letter XXIX. Ausg. von 1825. Vol. I, p. 139. mitgetheilten Thatsachen scheint klar hervorzugehen, daß von den Rebhühnern die Männchen im südlichen England in beträchtlicher Überzahl vorhanden sein müssen; und mir ist versichert worden, daß dies auch in Schottland der Fall sei. Mr. Weir erkundigte sich bei den Händlern, welche zu gewissen Zeiten des Jahres große Mengen von Kampfläufern (Machetes pugnax) erhalten, und erhielt die Auskunft, daß bei dieser Art die Männchen bei weitem die zahlreicheren sind. Derselbe Naturforscher hat sich auch für mich bei den Vogelstellern erkundigt, welche jedes Jahr eine erstaunliche Menge verschiedener kleiner Vögel für den Londoner Markt lebendig fangen, und erhielt von einem alten und glaubwürdigen Manne ohne Zögern die Antwort, daß beim Buchfinken die Männchen an Zahl weit überwiegen; und zwar glaubte er ein so hohes Verhältnis wie 2 zu 1 oder mindestens wie 5 zu 3 annehmen zu müssen.Mr. Jenner Weir erhielt ähnliche Auskunft, als er während des folgenden Jahres Erkundigungen anstellte. Um eine Idee von der Zahl der Buchfinken zu geben, will ich noch anführen, daß im Jahre 1869 zwei Sachverständige eine Wette machten; der eine fing an einem Tage 62, der andere 40 männliche Buchfinken. Die größte Zahl, welche ein Mann an einem einzigen Tage fing, war 70. Auch bei Amseln waren, wie derselbe Mann behauptete, die Männchen die zahlreichsten, mochten sie nun in Schlingen oder Nachts in Netzen gefangen werden. Allem Anscheine nach kann man sich auf diese Angaben verlassen, da derselbe Mann angab, bei der Lerche, dem Leinfinken (Linaria montana) und dem Stieglitz seien die Geschlechter in ziemlich gleicher Anzahl vorhanden. Auf der andern Seite ist es sicher, daß beim gemeinen Hänflinge die Weibchen bedeutend überwiegen, aber während verschiedener Jahre in ungleicher Weise; der genannte Beobachter fand in manchen Jahren das Verhältnis der Weibchen zu den Männchen wie vier zu eins. Man muß indessen nicht außer Acht lassen, daß die Hauptjahreszeit zum Fangen der Vögel nicht vor dem September anfängt, so daß bei einigen Species zum Theil schon die Wanderung begonnen haben kann; und die Schwärme bestehen um diese Zeit oft nur aus Weibchen. Mr. Salvin richtete seine Aufmerksamkeit besonders auf die Geschlechter der Colibris in Central-Amerika und ist überzeugt, daß bei den meisten Species die Männchen überwiegen; so erlangte er in einem Jahre 204 Exemplare, welche zu zehn Species gehörten, und darunter waren 166 Männchen und nur 38 Weibchen. Bei zwei anderen Arten waren die Weibchen in der Mehrzahl; die Verhältnisse variieren aber augenscheinlich entweder während verschiedener Jahreszeiten oder an verschiedenen Localitäten; denn bei einer Gelegenheit verhielten sich die Männchen von Campylopterus hemileucurus zu den Weibchen wie fünf zu zwei und bei einer anderen Gelegenheit gerade im umgekehrten Verhältnis.The Ibis. Vol. II, p. 260, citiert in Gould's Trochilidae, 1861, p. 52. In Bezug auf die vorstehenden Verhältniszahlen bin ich Herrn Salvin für eine tabellarische Übersicht seiner Resultate verbunden. Da es zu dem letzteren Punkte in Beziehung steht, will ich hinzufügen, daß Mr. Powys fand, daß sich in Corfu und Epirus die Geschlechter des Buchfinken getrennt hielten, und zwar waren »die Weibchen bei weitem die zahlreichsten«, während Mr. Tristram in Palästina fand, daß »die männlichen Schwärme dem Anscheine nach die weiblichen bedeutend an Zahl übertrafen«.Ibis, 1860, p. 137; 1867, p. 369. So sagt ferner Mr. G. TaylorIbis, 1862, p. 137. in Bezug auf Quiscalus major, daß in Florida »sehr wenig Weibchen im Verhältnis zu den Männchen« vorkämen, während in Honduras das umgekehrte Verhältnis herrschte und die Species den Charakter einer polygamen darböte.

 
Fische. – Bei Fischen können die Zahlenverhältnisse der beiden Geschlechter nur dadurch ermittelt werden, daß sie im erwachsenen oder fast erwachsenen Zustande gefangen werden; und auch dann noch sind viele Umstände vorhanden, welche das Erreichen irgend einer richtigen Folgerung erschweren.Leuckart citiert Bloch (Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. IV. 1853, p. 775), daß bei Fischen zweimal so viel Männchen als Weibchen vorkommen. Unfruchtbare (»gelte«) Weibchen können leicht für Männchen genommen werden, wie Dr. Günther in Bezug auf die Forelle gegen mich bemerkt bat. Man glaubt, daß bei einigen Species die Männchen sehr bald sterben, nachdem sie die Eier befruchtet haben. Bei vielen Species sind die Männchen von viel geringerer Größe als die Weibchen, so daß eine große Zahl von Männchen aus demselben Netze entschlüpfen können, mit welchem die Weibchen gefangen werden. Mr. Carbonnier,Citiert in »The Farmer«, March 18. 1869, p. 369. welcher der Naturgeschichte des Hechtes (Esox lucius) eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, giebt an, daß viele Männchen in Folge ihrer geringeren Größe von den größeren Weibchen verschlungen werden; auch ist er der Ansicht, daß die Männchen fast aller Fische aus derselben Ursache größerer Gefahr ausgesetzt sind als die Weibchen. Nichtsdestoweniger scheinen in den wenigen Fällen, in welchen die proportionalen Zahlen der Geschlechter wirklich beobachtet worden sind, die Männchen in bedeutender Überzahl vorhanden zu sein. So giebt Mr. R. Buist, der Oberaufseher der in Stormontfield eingerichteten Versuche, an, daß im Jahre 1865 unter 70 wegen der Beschaffung von Eiern an's Land gezogenen Lachsen über 60 Männchen waren. Auch im Jahre 1867 lenkt er die Aufmerksamkeit »auf das ungeheure Mißverhältnis der Männchen zu den Weibchen. Wir hatten im Anfange mindestens 10 Männchen auf ein Weibchen.« Später wurden Weibchen in genügender Anzahl zur Erlangung von Eiern gefangen. Er fügt hinzu: »wegen der verhältnismäßig so großen Anzahl von Männchen kämpfen und zerren sie sich beständig auf den Laichplätzen herum«.The Stormontfield Piscicultural Experiments, p. 23. »The Field«, 29. Juni, 1867. Ohne Zweifel läßt sich dies Mißverhältnis wenigstens zum Theil, ob ganz ist sehr zweifelhaft, dadurch erklären, daß die Männchen vor den Weibchen in den Flüssen stromaufwärts wandern. In Bezug auf die Forelle bemerkt Mr. Fr. Buckland: »es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die Männchen an Zahl sehr bedeutend die Weibchen übertreffen. Es findet sich ausnahmslos, daß, wenn die Fische zuerst in die Netze fahren, sich zum wenigsten sieben oder acht Männchen auf ein Weibchen gefangen haben. Ich kann dies nicht vollständig erklären; entweder die Männchen sind zahlreicher als die Weibchen oder die letztern suchen sich eher durch Verbergen als durch Flucht zu retten«. Er fügt dann hinzu, daß man durch sorgfältiges Absuchen der Ufer hinreichend Weibchen zur Gewinnung der Eier erlangen könne.Land and Water. 1868, p. 41. Mr. H. Lee theilt mir mit, daß unter 212 zu diesem Zwecke in Lord Portsmouth's Parke gefangenen Forellen 150 Männchen und 62 Weibchen sich fanden.

Auch bei den Cypriniden scheinen die Männchen in der Mehrzahl vorhanden zu sein; aber mehrere Glieder dieser Familie, nämlich der Karpfen, die Schleihe, der Brachsen und die Elritze, folgen dem Anscheine nach dem im Thierreiche seltenen Gebrauche der Polyandrie: denn beim Laichen begleiten stets zwei Männchen das Weibchen, eines auf jeder Seite, und beim Brachsen sogar drei oder vier. Diese Thatsache ist so wohl bekannt, daß es allgemein empfohlen wird, beim Besetzen eines Teiches zwei männliche Schleihen auf ein Weibchen oder wenigstens drei Männchen auf zwei Weibchen zu nehmen. In Bezug auf die Elritze führt ein ausgezeichneter Beobachter an, daß auf den Laichplätzen die Männchen zehnmal so zahlreich sind wie die Weibchen; sobald ein Weibchen unter die Männchen kommt, »drücken sich sofort zwei Männchen, auf jeder Seite eines, an dasselbe heran, und wenn sie sich eine Zeit lang in dieser Situation befunden haben, werden sie von zwei andern Männchen abgelöst«.Yarrell, History of British Fishes. Vol. I. 1836, p. 307 ; über Cyprinus carpio p. 331; über Tinca vulgaris p. 331; über Abramis brama p. 336. In Bezug auf die Elritze (Leuciscus phoxinus) s. Loudon's Mag. of Natur. Hist. Vol. V. 1832, p. 682.

 
Insecten. – Aus dieser großen Classe bieten nur die Lepidopteren die Mittel dar, über die proportionalen Zahlen der Geschlechter zu einem Urtheile zu gelangen: denn diese sind von vielen guten Beobachtern mit besonderer Sorgfalt gesammelt und vom Ei oder vom Raupenzustand an in großer Zahl erzogen worden. Ich hatte gehofft, daß mancher Züchter von Seidenwürmern vielleicht eine sorgfältige Liste geführt haben würde; aber nachdem ich nach Frankreich und Italien geschrieben und verschiedene Abhandlungen eingesehen habe, kann ich nur sagen, daß ich nirgends finde, daß dies jemals geschehen ist. Die allgemeine Meinung scheint dahin zu gehen, daß die Geschlechter in ziemlich gleicher Zahl auftreten; wie ich aber von Prof. Canestrini höre, sind in Italien viele Züchter überzeugt, daß die Weibchen in der Mehrzahl erzeugt werden. Indessen theilt mir derselbe Forscher mit, daß von den beiden jährlichen Zuchten des Ailanthus-Seidenwurms (Bombyx cynthia) die Männchen in der ersten bedeutend überwiegen, während in der zweiten die Geschlechter ziemlich in gleicher Anzahl oder vielleicht die Weibchen eher in Mehrzahl auftreten.

Was die Schmetterlinge im Naturzustande betrifft, so sind mehrere Beobachter sehr von dem, allem Anscheine nach sehr enormen Übergewicht der Männchen frappiert worden.Leuckart citiert Meinecke (Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. IV. 1853, p. 775) in Bezug auf die Angabe, daß bei Schmetterlingen die Männchen drei- bis viermal zahlreicher sind als die Weibchen. So sagt Mr. Bates,The Naturalist on the Amazons. Vol. II. 1863, p. 228, 347. wo er von den ungefähr einhundert Arten spricht, welche das Gebiet des oberen Amazonenstromes bewohnen, daß die Männchen viel zahlreicher sind als die Weibchen, sogar selbst his zum Verhältnis von hundert zu einem. In Nord-Amerika schätzt Edwards, welcher bedeutende Erfahrung hatte, bei der Gattung Papilio die Männchen zu den Weibchen wie vier zu eins; und Mr. Walsh, welcher mir diese Angabe mittheilte, sagt mir, daß es bei P. turnus sicher der Fall sei. In Süd-Afrika fand Mr. Trimen bei neunzehn Species die Männchen in der Mehrzahl,Vier von diesen Fällen hat Mr. Trimen mitgetheilt in seinem Rhopalocera Africae Australis und bei einer derselben, welche auf offenen Stellen schwärmt, schätzt er das Verhältnis der Männchen zu den Weibchen wie fünfzig zu eins. Von einer anderen Art, bei welcher die Männchen an gewissen Localitäten zahlreich waren, sammelte er während sieben Jahren nur fünf Weibchen. Auf der Insel Bourbon sind nach der Angabe des Mr. Maillard die Männchen von einer Species Papilio zwanzigmal so zahlreich wie die Weibchen.Citiert von Trimen in: Transact. Entomol. Soc. Vol. V, part IV. 1866. Mr. Trimen theilt mir mit, daß es nach dem, was er selbst gesehen oder von Andern gehört hat, selten vorkommt, daß die Weibchen irgend eines Schmetterlings an Zahl die Männchen übertreffen; doch ist dies vielleicht bei drei südafrikanischen Arten der Fall. Mr. WallaceTransact. Linnean Soc. Vol. XXV, p. 37. giebt an, daß von der Ornithoptera croesus im Malayischen Archipel die Weibchen häufiger sind und leichter gefangen werden als die Männchen; dies ist aber ein seltener Schmetterling. Ich will hier hinzufügen, daß Guenée in Bezug auf Hyperythra, ein Genus der Spanner, sagt, in Sammlungen aus Indien würden vier bis fünf Weibchen auf ein Männchen geschätzt.

Als diese Frage nach den proportionalen Zahlen der Geschlechter der Insecten vor die Entomologische Gesellschaft gebracht wurde,Proceed. Entomol. Soc. Febr. 17., 1868. wurde allgemein zugegeben, daß die Männchen der meisten Lepidopteren im erwachsenen oder Imagozustand in größerer Zahl gefangen würden als die Weibchen; aber mehrere Beobachter schrieben diese Thatsache dem Umstande zu, daß die Lebensweise der Weibchen mehr zurückhaltender sei und das Männchen zeitiger den Cocon verlasse. Daß das letztere bei den meisten Schmetterlingen, ebenso wie auch bei anderen Insecten der Fall ist, ist allerdings wohl bekannt. Hierdurch gehen, wie Mr. Personnat bemerkt, die Männchen des domesticierten Bombyx Yamamai im Anfange der Saison und die Weibchen am Ende der Saison verloren, weil sie nicht gepaart werden können.Citiert von Wallace in: Proceed. Entomol. Soc. 3. Ser. Vol. V. 1867, p. 487. Ich kann mich indessen doch nicht überzeugen, daß diese Ursachen genügen sollten, den bedeutenden Überschuß von Männchen bei den oben erwähnten Schmetterlingen, welche in ihrem Vaterlande so außerordentlich gemein sind, zu erklären. Mr. Stainton, welcher viele Jahre hindurch den kleineren Motten eine so eingehende Aufmerksamkeit gewidmet hat, theilt mir Folgendes mit: als er sie im Imagozustande gesammelt habe, sei er der Meinung gewesen, daß die Männchen zehnmal so zahlreich wären wie die Weibchen; seitdem er sie aber im großem Maßstabe aus der Raupe erzöge, sei er überzeugt, daß die Weibchen am zahlreichsten seien. Mehrere Entomologen stimmen dieser Ansicht bei. Doch sind Mr. Doubleday und einige Andere der entgegengesetzten Meinung und sind überzeugt, daß sie aus dem Ei oder aus dem Raupenzustande eine größere Anzahl von Männchen als Weibchen aufgezogen haben.

Außer der beweglicheren Lebensweise der Männchen, ihrem zeitigeren Verlassen der Cocons und dem Vorzug, den sie in manchen Fällen offenen Plätzen geben, können noch andere Ursachen für die scheinbare oder wirkliche Verschiedenheit in den proportionalen Zahlen der beiden Geschlechter bei den Lepidopteren angeführt werden, und zwar sowohl wenn sie im Imagozustande gefangen, als auch wenn sie aus dem Ei oder dem Raupenzustande aufgezogen werden. Viele Züchter in Italien sind, wie ich von Prof. Canestrini höre, der Meinung, daß die weibliche Raupe des Seidenschmetterlings mehr von der neuerdings aufgetretenen Krankheit leidet als die männliche; und Dr. Staudinger theilt mir mit, daß beim Aufziehen von Schmetterlingen mehr Weibchen im Cocon sterben als Männchen. Bei vielen Species ist die weibliche Raupe größer als die männliche; ein Sammler wird aber natürlich die schönsten Exemplare auswählen und daher unbeabsichtigter Weise eine größere Zahl von Weibchen sammeln. Drei Sammler haben mir erzählt, daß sie dies allerdings in der Gewohnheit hätten; Dr. Wallace ist indessen überzeugt, daß die meisten Sammler alle Exemplare von den selteneren Arten nehmen, welche sie finden können, da diese allein der Mühe des Aufziehens werth sind. Haben Vögel eine größere Zahl von Raupen um sich herum, so werden sie wahrscheinlich die größeren verschlingen; auch theilt mir Prof. Canestrini mit, daß in Italien einige Züchter, allerdings aber auf unzureichende Beweise gestützt, der Ansicht sind, daß in der ersten Zucht des Ailanthus-Seidenspinners die Wespen eine größere Zahl weiblicher als männlicher Raupen zerstören. Dr. Wallace bemerkt ferner, daß die weiblichen Raupen, weil sie größer als die männlichen sind, mehr Zeit zu ihrer Entwicklung brauchen und mehr Nahrung und Feuchtigkeit zu sich nehmen; sie werden dadurch während einer längeren Zeit der Gefahr, von Ichneumoniden, Vögeln u. s. w. zerstört zu werden, ausgesetzt sein und in Zeiten des Mangels in größerer Zahl umkommen. Es scheint daher ganz gut möglich, daß im Naturzustande weniger weibliche Lepidoptern den Reifezustand erreichen, als männliche; und für unseren speciellen Zweck haben wir es mit den Zahlen im Reifezustand zu thun, wenn die Geschlechter bereit sind, ihre Art fortzupflanzen.

Die Art und Weise, in welcher die Männchen gewisser Schmetterlinge sich in außerordentlichen Massen um ein einziges Weibchen ansammeln, weist dem Anscheine nach auf einen bedeutenden Überschuß an Männchen hin; doch kann diese Thatsache wohl vielleicht auch dadurch erklärt werden, daß die Männchen zeitiger ihre Puppenhülle durchbrechen. Mr. Stainton theilt mir mit, man könne oft sehen, wie zwölf bis zwanzig Männchen sich um ein einziges Weibchen von Elachista rufocinerea versammeln. Es ist bekannt, daß, wenn man eine jungfräuliche Lasiocampa quercus oder Saturnia carpini in einem Behältnisse an die Luft setzt, sich in großer Anzahl Männchen um sie her versammeln, und ist sie in einem Zimmer eingeschlossen, so kommen die Männchen selbst (in England) durch den Kamin zu ihr. Mr. Doubleday glaubt sich erinnern zu können, daß er an fünfzig bis hundert Männchen von jeder der beiden oben erwähnten Species im Verlaufe eines einzigen Tages von einem gefangen gehaltenen Weibchen herbeigelockt gesehen habe. Mr. Trimen stellte auf der Insel Wight eine Schachtel frei hin, in welcher ein Weibchen der Lasiocampa am vergangenen Tage eingeschlossen worden war, und sehr bald versuchten fünf Männchen sich Eingang zu verschaffen. Mr. Verreaux steckte in Australien das Weibchen einer kleinen Bombyx-Art in einer Schachtel in seine Tasche und wurde dann von einer Menge Männchen begleitet, so daß ungefähr 200 mit ihm zusammen in das Haus kamen.Blanchard, Métamorphoses, Mœurs des Insectes. 1868, p. 225-226.

Mr. Doubleday hat meine Aufmerksamkeit auf Dr. Staudinger's Lepidoptern-ListeLepidoptern-Doublettenliste. Berlin, Nr. X, 1866. gelenkt, welche die Preise der Männchen und Weibchen von 300 Species oder gut markierten Varietäten von Schmetterlingen (Rhopalocera) aufführt. Die Preise der sehr gemeinen Arten sind natürlich für beide Geschlechter dieselben; aber bei 114 der selteneren Arten sind sie verschieden; dabei sind in allen Fällen mit Ausnahme eines einzigen die Männchen die billigeren. Im Mittel von den Preisen der 113 Species verhält sich der Preis der Männchen zu dem der Weibchen wie 100 zu 149; und dem Anscheine nach weist dies darauf hin, daß die Männchen im umgekehrten Verhältnis aber in denselben Zahlen den Weibchen überlegen sind. Ungefähr 2000 Species oder Varietäten von Dämmerungs- und Nachtfaltern (Heterocera) sind catalogisiert, wobei diejenigen mit flügellosen Weibchen wegen der Verschiedenheit in der Lebensweise der beiden Geschlechter hier weggelassen werden; von diesen 2000 Species haben 141 einen nach dem Geschlechte verschiedenen Preis, darunter sind die Männchen von 130 billiger, dagegen die Männchen von nur 11 Species theuerer als die Weibchen. Im Mittel verhält sich der Preis der Männchen der 130 Arten zu dem der Weibchen wie 100 zu 143. In Bezug auf die Tagschmetterlinge in dieser mit Preisen versehenen Liste ist Mr. Doubleday (und kein Mensch in England hat größere Erfahrungen gesammelt) der Ansicht, daß sich in der Lebensweise dieser Arten nichts findet, was die Verschiedenheit in den Preisen der beiden Geschlechter erklären könne, und daß die einzige Erklärung nur in dem Überwiegen der Männchen der Zahl nach liegen könne. Ich bin aber verpflichtet hinzuzufügen, daß Dr. Staudinger, wie er mir mittheilt, selbst anderer Meinung ist. Er meint, daß die weniger lebhaften Gewohnheiten der Weibchen und das frühere Verlassen der Puppenhüllen seitens der Männchen es erkläre, warum seine Sammler eine größere Anzahl von Männchen als von Weibchen erhalten, was denn natürlich auch den niedrigeren Preis der ersteren erkläre. In Bezug auf die aus Raupen erzogenen Exemplare glaubt, wie vorhin schon angeführt, Dr. Staudinger, daß eine größere Zahl von Weibchen während der Gefangenschaft im Cocon sterben, als von Männchen. Er fügt noch hinzu, daß bei gewissen Arten das eine Geschlecht während gewisser Jahre das andere überwiege.

Von directen Beobachtungen über die Geschlechter von Lepidoptern, welche entweder aus dem Ei oder aus der Raupe erzogen wurden, habe ich nur die wenigen folgenden Zahlenangaben erhalten:

  Männchen. Weibchen.
Rev. J. HellinsDieser Beobachter ist so freundlich gewesen, mir einige Resultate aus früheren Jahren zu schicken, nach welchen die Weibchen das Übergewicht zu haben scheinen; es waren aber so viele der Zahlenangaben bloße Schätzungen, daß ich es für unmöglich fand, sie tabellarisch zu ordnen. in Exeter erzog während des Jahres 1868 Imagos von 73 Species, welche enthielten 153 137
Mr. Albert Jones in Eltham erzog im Jahr 1868 Imagos von 9 Species, welche enthielten 159 126
Im Jahre 1869 erzog derselbe Imagos von 4 Species, davon waren 114 112
Mr. Buckler in Emsworth, Hants, erzog im Jahre 1869 Imagos von 74 Species, davon waren 180 169
Dr. Wallace in Colchester erzog in einer Brut von Bombyx cynthia 52 48
Dr. Wallace erzog 1869 aus Cocons von Bombyx Pernyi, welche aus China geschickt worden waren 224 123
Dr. Wallace erzog in den Jahren 1868 und 1869 aus zwei Sätzen von Cocons der Bombyx Yamamai 52 46
  _____ _____
Total 934 761

In diesen acht Partien von Cocons und Eiern wurden daher Männchen im Überschuß erzeugt. Nimmt man sie alle zusammen, so ist das Verhältnis der Männchen zu dem der Weibchen wie 122,7 zu 100. Die Zahlen sind aber kaum groß genug, um für zuverlässig gelten zu können.

Nach den von verschiedenen Quellen herrührenden oben mitgetheilten Belegen, welche sämmtlich nach einer und derselben Richtung hinweisen, gelange ich im Ganzen zu der Folgerung, daß bei den meisten Species der Lepidoptern die Männchen im Imagozustande allgemein die Weibchen der Zahl nach übertreffen, welches auch ihr Verhältnis bei dem ersten Verlassen der Eihülle gewesen sein mag.

In Bezug auf die anderen Insectenordnungen bin ich nur im Stande gewesen, sehr wenig zuverlässige Informationen zusammenzubringen. Beim Hirschkäfer (Lucanus cervus) »scheinen die Männchen viel zahlreicher zu sein als die Weibchen« als aber, wie Cornelius es im Laufe des Jahres 1867 beobachtete, eine ungewöhnliche Anzahl dieser Käfer in dem einen Theile von Deutschland auftraten, schienen die Weibchen die Männchen im Verhältnis von sechs zu eins zu übertreffen. Bei einem der Elateriden sollen, wie man sagt, die Männchen viel zahlreicher als die Weibchen sein, und »oft findet man zwei oder drei Männchen in Verbindung mit einem Weibchen,Günther's Record of Zoological Literature, 1867, p. 260. Über die Überzahl der weiblichen Lucanus ebenda p. 250. Über die Männchen des Lucanus in England s. Westwood, Modern Classific. of Insects. Vol. I, p. 187. Über Siagonium ebenda p. 172. »so daß hier Polyandrie zu herrschen scheint«. Von Siagonium (Staphyliniden), bei welchem die Männchen mit Hörnern versehen sind, »sind die Weibchen bei weitem zahlreicher als das andere Geschlecht«. In der entomologischen Gesellschaft führte Mr. Janson an, daß die Weibchen des Rinden fressenden Tomicus villosus so häufig sind, daß sie zu einer Plage werden, während die Männchen so selten sind, daß man sie kaum kennt.

Es ist kaum der Mühe werth, etwas über die Verhältniszahlen der Geschlechter bei gewissen Arten und selbst Gruppen von Insecten zu sagen; denn die Männchen sind unbekannt oder sehr selten und die Weibchen parthenogenetisch, d. h. fruchtbar ohne Begattung; Beispiele hierfür bieten mehrere Formen der Cynipiden dar.Walsh, in: The American Entomologist. Vol. I. 1869, p. 103. F. Smith, in: Record of Zoological Literature. 1867, p. 328. Bei allen gallenbildenden Cynipiden, welche Mr. Walsh bekannt sind, sind die Weibchen vier- oder fünfmal so zahlreich wie die Männchen; dasselbe ist auch, wie er mir mittheilt, bei den gallenbildenden Cecidomyidae (Zweiflügler) der Fall. Von einigen gemeinen Species der Blattwespen (Tenthredinae) hat Mr. F. Smith Hunderte von Exemplaren aus Larven aller Größen erzogen, hat aber niemals ein einziges Männchen erhalten. Auf der anderen Seite sagt Curtis,Farm-Insects, p. 45-46. daß sich bei mehreren von ihm aufgezogenen Arten (Athalia) die Männchen zu den Weibchen wie sechs zu eins verhielten, während bei den geschlechtsreifen, in den Feldern gefangenen Insecten der nämlichen Species genau das umgekehrte Verhältnis beobachtet wurde. Aus der Familie der Bienen sammelte Hermann MüllerAnwendung der Darwin'schen Lehre auf Bienen, in: Verhandl. d. nat. Vereins d. preuß. Rheinl. 29. Jahrg. 1872. eine große Zahl von Exemplaren vieler Arten, erzog andere aus den Cocons und zählte die Geschlechter. Er fand, daß bei einigen Species die Männchen an Zahl bedeutend die Weibchen übertrafen; bei andern trat das Umgekehrte ein, und bei noch andern waren die beiden Geschlechter nahezu gleich. Da aber in den meisten Fällen die Männchen die Puppenhülle vor den Weibchen verlassen, so sind sie beim Beginn der Paarungszeit practisch im Überschuß. Müller beobachtete auch, daß die relative Zahl der beiden Geschlechter bei einigen Arten bedeutend in verschiedenen Örtlichkeiten differiere. Wie mir aber H. Müller selbst mitgetheilt hat, müssen diese Bemerkungen mit Vorsicht aufgenommen werden, da das eine Geschlecht der Beobachtung leichter entgehen könnte als das andere. So hat sein Bruder Fritz Müller beobachtet, daß in Brasilien die beiden Geschlechter einer und derselben Species von Bienen verschiedene Blumenarten besuchen. In Bezug auf Orthoptern weiß ich kaum irgend etwas über die relative Anzahl der Geschlechter; indessen sagt Körte,Die Strich-, Zug- und Wanderheuschrecke. 1828, p. 20. daß unter 500 Heuschrecken, die er untersuchte, sich die Männchen zu den Weibchen wie fünf zu sechs verhielten. In Bezug auf die Neuroptern führt Mr. Walsh an, daß bei vielen, aber durchaus nicht bei allen Arten der Odonaten-Gruppe ein bedeutender Überschuß an Männchen existiert; auch bei der Gattung Hetaerina sind die Männchen mindestens viermal so zahlreich wie die Weibchen. Bei gewissen Arten der Gattung Gomphus sind die Männchen in gleicher Anzahl mit den Weibchen vorhanden, während in zwei andern Species die Weibchen zwei- oder dreimal so zahlreich sind wie die Männchen. Von einigen europäischen Species von Psocus können Tausende von Weibchen ohne ein einziges Männchen gesammelt werden, während bei andern Arten der nämlichen Gattung beide Geschlechter häufig sind.Observations on North American Neuroptera by H.  Hagen and R. D. Walsh, in: Proceed. Entomol. Soc. Philadelphia, Oct. 1863, p. 168, 223, 239. In England hat Mr. Mac Lachlan Hunderte der weiblichen Apatania muliebris gesammelt, aber das Männchen niemals gesehen; und von Boreus hyemalis sind hier nur vier oder fünf Männchen gesehen worden.Proceed. Entomol. Soc. London, Febr. 17., 1868. Bei den meisten dieser Arten (ausgenommen die Tenthredinen) ist kein Grund zur Vermuthung vorhanden, daß die Weibchen parthenogenetisch fortpflanzen; und da sehen wir denn, wie unwissend wir über die Ursache der offenbaren Verschiedenheit der proportionalen Zahlen der beiden Geschlechter sind.

Was die anderen Classen der Arthropoden betrifft, so bin ich noch weniger im Stande gewesen, mir Information zu verschaffen. In Bezug auf Spinnen schreibt mir Mr. Blackwall, welcher dieser Classe viele Jahre hindurch sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet hat, daß die Männchen ihrer herumschweifenderen Lebensweise wegen häufiger gesehen werden und daher zahlreicher zu sein scheinen. Bei einigen wenigen Species ist dies factisch der Fall; er erwähnt aber mehrere Arten aus sechs Gattungen, bei denen die Weibchen viel zahlreicher zu sein scheinen als die Männchen.Eine andere bedeutende Autorität in Bezug auf diese Classe, Prof. Thorell in Upsala (On European Spiders, 1869-70. Part. I, p. 205) äußert sich so, als wenn weibliche Spinnen im Allgemeinen häufiger wären als die männlichen. Die im Vergleiche mit der der Weibchen geringe Größe der Männchen, welche zuweilen bis zu einem extremen Grade getrieben ist, und ihr äußerst verschiedenes Aussehen kann wohl in einigen Fällen ihre Seltenheit in den Sammlungen erklären.s. über diesen Gegenstand Mr. O. Pickard-Cambridge citiert in Quarterly Journal of Science. 1868, p. 429.

Einige der niederen Crustaceen sind im Stande ihre Art geschlechtlos fortzupflanzen, und dies wird wohl die äußerste Seltenheit der Männchen erklären. So untersuchte von SieboldBeiträge zur Parthenogenesis, p. 174. sorgfältig nicht weniger als 13 000 Exemplare von Apus von einundzwanzig Fundorten, und unter diesen fand er nur 319 Männchen. Bei einigen anderen Formen (so bei Tanais und Cypris) ist Grund zur Annahme vorhanden, wie mir Fritz Müller mittheilt, daß das Männchen viel kurzlebiger ist als das Weibchen, welcher Umstand, vorausgesetzt, daß die beiden Geschlechter anfangs in gleicher Zahl vorhanden sind, die Seltenheit der Männchen erklären würde. Auf der anderen Seite hat der nämliche Forscher an den Küsten von Brasilien ausnahmslos bei weitem mehr Männchen als Weibchen von den Diastyliden und Cypridinen gefangen: so waren unter 63 Exemplaren einer Species der letzten Gattung, die er an einem Tage gefangen hatte, 57 Männchen; er vermuthet aber, daß dieses Überwiegen vielleicht Folge irgend einer unbekannten Verschiedenheit in der Lebensweise der beiden Geschlechter sein mag. Bei einer der höheren brasilianischen Krabben, nämlich einem Gelasimus, fand Fritz Müller die Männchen viel zahlreicher als die Weibchen. Nach der reichen Erfahrung des Mr. Spence Bate scheint bei sechs gemeinen britischen Krabben, deren Namen er mir mitgetheilt hat, das Umgekehrte der Fall zu sein.

 


 

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